Die Geigen jauchzen, das Cello schluchzt, die Flöte tönt silbern leis,

dazwischen klingen die lustigen Akkorde der Zither und Klarinette,

das sentimentale Klagen der Ziehharmonika und das jubelnde Rufen des

Waldhorns. Wie behutsam und doch so sicher leuchten die Farben dieses

Bildes! Das warme kräftige Blau triumphiert, das sanfte abgestufte Grau

der Steine, das tiefe Samtdunkel der Kleidung, das ruhende Grün des

Efeus; alle Farben stimmen glücklich zueinander. Die Lichtwirkung ist

meisterhaft. Auch das Helldunkel des Hintergrundes hat Carl Spitzweg

so treffend gemalt, daß der Bräutigam, obgleich im Schatten des Hauses,

doch scharf umrissen vor uns steht. Wir sehen seine Gestalt, die lässig

über der Brust verschlungenen Arme, selbst die kühn aufstrebende Feder

des Baretts ist deutlich sichtbar. Er scheint zu lauschen, und doch

fühlen wir, daß sein Blick die Braut sucht, die von Licht umflossen an

der Balkonbrüstung lehnt.

Ihr werdet die fröhliche Kunst Carl Spitzwegs noch näher kennenlernen,

wenn ihr erst weiter ins Leben hineinschreitet. Sicher begegnet euch

hier und da wieder einmal eines seiner lieblichen Bilder in ihrer

klaren Wahrheit. Es sind deren ja so viele; denn das Leben dieses

Malers war lang und reich an Schaffen. Und wer das Leben so geliebt hat

wie Carl Spitzweg, dem mußte der Tod sachte und gütig den Pinsel aus

den Händen nehmen, ehe sie ganz müde wurden.

Alles war gut, behaglich und schön im Leben dieses heiteren Künstlers.

Er wurde am 5. Februar 1808 geboren. Im Hause seines Vaters verlebte

er eine stille, aber frohe Jugend in der alten, berühmten Kunststadt

München. Sein Vater war Kaufmann und wollte seine Kinder fürs

praktische Leben erziehen. So sollte Carl Apotheker werden. Er wurde

Lehrling und dann Provisor, wenngleich ihm treibende Wandersehnsucht im

Blute lag. Seinen Freunden war er ein guter Kamerad, hatte für harmlose

Freuden ein warmes, empfindsames Herz und hätte wohl bis an sein Ende

das Leben eines zufriedenen Bürgers geführt, wenn nicht eines Tages

sein Talent entdeckt worden wäre. Auf Anraten des Landschaftsmalers

Christian Heinrich Hansonn gab er seinen Beruf auf und sattelte um. Nun

durfte er reisen, konnte die vielfältigen Reize fremder Länder sehen,

und seine feine intime Kunst blühte auf.

Carl Spitzweg hatte bereits das achtundzwanzigste Lebensjahr erreicht,

als er sich der Malerei zuwandte. Schon als Lehrling in der ~Dr.~

Pettenkoferschen Apotheke zeigte er kluge Beobachtungsgabe und reges

Interesse für seine Umwelt. Er studierte die Menschen, mit denen er

in Berührung kam, achtete auf ihre Gebärden, ihr Mienenspiel und

ihr Lächeln. Und selbst komische Schwächen und irgendwie törichte

Angewohnheiten bei ihnen erfaßte er schnell. Diese Gabe ist ihm dann

in seinem neuen Beruf von hohem Nutzen gewesen. Wo immer er durch

etwas gefesselt wurde, er hielt es gleich im Bilde fest; wie oft

mußte ein Zigarrenkistendeckel oder sonst etwas zu diesen Skizzen

herhalten. So lebt in seinen Bildern vornehmlich das kleinbürgerliche

Treiben der guten, alten Zeit. Mit feinem Humor hat Carl Spitzweg

die kleinbürgerlichen Gestalten und ihre Eigenheiten in unzähligen

Abarten verewigt: die dicken, gutmütigen Bürger, die behäbige,

gestrenge Hausfrau, heitere Jugend in hellen, steifgestärkten Kleidern,

selbstbewußte und darum drollig wirkende Soldaten und den Postkutscher

mit seinem schönen Horn.

Wie sein großer Freund, Moritz v. Schwind, liebte auch Carl Spitzweg

die deutsche Märchenwelt. So wuchsen unter seinen frohen Händen

Nymphen, Eremiten, Waldbrüder und allerlei lustige Fabelwesen. Und er

baute um diese Märchenfiguren tiefe, schweigende Wälder, durch deren

Dämmergrün muntere Wasser plätscherten.

Obgleich unseren Künstler die Pracht und Schönheit ferner Länder

entzückte und bewegte, so war er für seine Heimat doch von kindlicher

Liebe erfüllt. Alle seine Landschaftsbilder sind in stillem Jubel

geschaffen; er zeigt uns sein bayrisches Mutterland: goldene Felder

in reifer Fruchtbarkeit, von Sonnenglanz überflammt, von Bergen

umschlossen. Der Erfolg blieb nicht aus. Schon vordem war Carl Spitzweg

kein Unbekannter mehr; denn er hatte bereits oft für die „Fliegenden

Blätter“ kleine Bildchen voll feiner Schelmerei gezeichnet.

Aber Spitzweg blieb auch in den Tagen äußerer Anerkennung der

bescheidene Mensch, der in seiner Güte nicht zu wissen schien, wie

reiche Gaben aus seinen Händen flossen. Wohl hatte auch er zu kämpfen

gegen Neid und Mißgunst, aber er stritt nicht! Er zog sich still

zurück. Nach seinen Wander- und Reisejahren kehrte er nach München

heim, und dann gingen alljährlich aus seinem Atelier, das sich in einem

hohen Hause am Heumarkt befand, viele seiner Bilder in die Welt hinaus.

Hier verbrachte er die letzten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens,

umgeben von seinen geliebten Bergen, hier konnte er in stillen Stunden

träumen, ohne daß seine beschauliche Einsamkeit gestört wurde. Nur die

Kinderherzen wandten sich ihm in schwärmerischer Liebe zu. Schmunzelnd

ließ er die Taschen seines langschößigen Rockes auf Näschereien und

Spielzeug untersuchen. Der Jubel der kleinen Besucher machte sein Herz

froh. Er ging mit der Jugend, mit ihren neuen, wilden Freiheitsplänen,

ihrer ungebrochenen Kraft und ihren reinen Idealen. Obgleich seine

Gestalt durch die Last der Jahre mehr und mehr gebeugt, seine Haut welk

wurde, blieb er innerlich jung, weil er von Sehnsucht nach Schönheit

durchglüht war und diese Schönheit, die in der bescheidensten Blüte und

dem kleinsten Grashalm zu ihm sprach, mit liebendem Blick zu umfassen

suchte. Dort oben in seinem Künstlerheim, das viel Urväterhausrat

barg, lebte er sorglos und glücklich. Hier war der stille Hafen, der

ihm Frieden gab. Wohl drang noch manch lockender Ruf aus der bunten,

lebenslustigen Welt in seine Einsamkeit. Seine Wandersehnsucht war

gestillt, denn seine Augen hatten auf der langen Lebensfahrt viel

leuchtende Schönheit schauen dürfen. Die Erinnerung daran schuf ihm

keine Bitterkeit. Dankbar gedachte er früherer, froher Zeiten; nun war

er wunschlos geworden! Carl Spitzweg hatte ein kluges Lächeln voll

stillen Humors, eines Humors, der nie wehe tat. Nur seine guten Augen,

hinter dicken Brillengläsern versteckt, konnten fremde Besucher zornig

anblitzen, wenn sie ihn unerwartet überraschten. Er blieb am liebsten

allein. Seine Lebensregel war einfach und klar:

„Wenn’s dirs vergönnt je, dann richt’ es so ein,

Daß dir ein Spaziergang das Leben soll sein!

Stets schaue und sammle, knapp nippe vom Wein,

Mach’ unterwegs auch Bekanntschaften fein,

Des Abends kehr’ selig bei dir wieder ein

Und schlaf in den Himmel, den offnen, hinein!“

Die wenigen Freunde, mit denen er öfter zusammentraf -- unter ihnen

vor allem die Maler Moritz v. Schwind und Schleich --, liebten ihn

um seines goldnen Humors und seiner reichen Güte willen. Am 23.

September 1885 vollendete sich dieses Leben voll Harmonie. Für die

Kunst bedeutete sein Tod einen herben Verlust. Und wenn ihr einmal das

Porträt dieses freundlichen Künstlers sehen solltet, dann grüßt ihn im

Geiste voll Dankbarkeit und Liebe. Er hat’s verdient! Seine goldklare

Kunst wird gerade für euch, die Jugend, immerdar ein Brunnen bleiben,

aus dem ihr schöpfen dürft, um eure Seelen zu erquicken.

_Fränze Eleonore Röcken._

Angelus

Von Jean François Millet

Geboren 24. Oktober 1814 in Gruchy bei Cherbourg, gestorben 20.

Januar 1875 in Barbizon (Departement Seine-et-Marne). -- Musée du

Louvre in Paris

Bild 26

Am Eingang des Waldes von Fontainebleau unweit Paris liegen Felsblöcke

zu einem Naturdenkmal getürmt. Beim Herantreten sieht man, daß dies

wahrhaft ein Denkmal ist; denn einer der Blöcke trägt auf einer

Bronzeplatte die Köpfe zweier Freunde. Und einer dieser Männer ist der

Maler _Jean François Millet_. Mit gutem Recht hat man ihm hier auf

dem Lande ein Naturdenkmal gesetzt; aus der Natur, ihrem Leben, ihren

Menschen sog dieser Maler seine Kräfte. Hier, im Dörflein Barbizon,

lebte er, nachdem er ein Meister geworden war. Da konnte man ihn

herumstreifen sehen auf der weiten Ebene von Chailly, die immer wieder

auf seinen Bildern auftaucht. Da ging und stand er mit dem Gang und

Gehabe eines Bauern, mit Knotenstock und Holzschuhen, die Fischermütze

oder den breitkrempigen Strohhut auf dem Patriarchenhaupt mit dem

wallenden Bart.

„Ich bin Bauer, Bauer“, hat er einmal voll Stolz geschrieben.

Eines Bauern Sohn war Jean François Millet. Aber dieser Vater war

zugleich Kantor des Dorfes am Meer, er machte Holzschnitzereien

und hatte gelehrte und geistliche Männer zu Verwandten. Und eine

feinsinnige Großmutter nährte des Knaben Phantasie und Seele mit

Sagen und Legenden. So hatte man Verständnis für die Lateinstudien

des grüblerischen, klugen Buben und für seine Freude am Zeichnen. Wie

sollte Jean da nicht wachsen? Und als ein Maler -- sein späterer Lehrer

-- in Cherbourg, wegen der Zeichnungen des Burschen um Rat gefragt,

dem Vater antwortete: „Sie sollen verdammt sein, daß sie ihn so lange

zu Haus behielten; Ihr Junge hat das Zeug zu einem großen Maler“, da

machte der Bauer kein mürrisches Gesicht, sondern ließ ohne Schelten

seinen Buben den Weg gehen, der ihm vom Schicksal bestimmt war.

Jahre später kommt unser junger Bauer eines Abends, mit einem

Stipendium versehen, in Paris an, und der Gestank, der Wirrwarr der

Großstadt überwältigen ihn so, daß er schluchzend zur Nacht seines

Dörfleins gedenkt, das hinter den Klippen nistet, der Gäßchen zwischen

den Hecken und -- der Großmutter.

Aber Paris war Paris: der Mittelpunkt des Lebens und Lernens. In den

Museen waren die Bilder der großen Meister, die der Kunstschüler mit

lernhungriger Seele immer wieder in sich aufnahm.

Nicht leicht hatte es der Bub. Im Atelier seines Lehrers zuckten die

modischen Kameraden die Achseln über den „Waldmenschen“ mit seiner

Naturliebe und Naturkraft. Sie malten im Stil der Romantik und falschen

Sentimentalität, von der der junge Millet nichts wissen wollte.

Hier zeigte sich, wie verschieden Kunst aufgefaßt werden kann. Gerade

in Frankreich haben die Anschauungen große Wechsel erlebt. Immer wieder

ringt hier in der bildenden, malenden Kunst das _Romanentum_, das

wirkungsvollen Aufbau, schöne Staffage, schwungvolle Linien, bunteste

Farbe bevorzugt, gegen das _germanische Kunstwollen_, das echtes

Gefühl, Einfachheit, Natürlichkeit, notwendige Verkörperung seelischen

Ausdrucks erstrebt. Die einen wollen _form_vollendete Kunst, die

anderen _inhaltlich_ vollendete Kunst.

Hier das eigene Ich zu finden und zu behaupten, war nicht leicht. In

Paris und Cherbourg, in den Jahren des Hungerns, wo er um des Geldes

willen schließlich Modebildchen und Firmenschilder malte, schien ihm

das Emporklimmen oft fast unmöglich. Und erst 1848 war er in seiner

Entwicklung so weit, daß er den ganz urwüchsigen Ton fand, in seinem

ersten ländlichen Bild, dem „_Kornschwinger_“. Doch schon im folgenden

Jahr, als er -- durch die Cholera von Paris vertrieben -- nach dem Dorf

Barbizon zu den Bauern übersiedelte, wird er der echte Millet, der

Maler der Bilder, um derentwillen wir ihn lieben, der das gewaltige

Epos von der Erde und den Menschen der Scholle in seinen Gestaltungen

und in seiner Farbensprache immer wieder aussingt wie ein Prophet.

Da wohnte er in dem Dorfhäuschen, das von Efeu und Rosen fast zugedeckt

und von einem bunt verwilderten Garten umgeben war. Da malte er in

seiner Scheune -- seinem Atelier -- jene Menschen, die völlig in der

Natur aufgehen, oder draußen jene Natur, die völlig diesen Bauern

zugehörig ist. Da saßen abends an dem rohen Tisch seine Gattin, die

zahlreichen Kinder um die Suppenschüssel, und er dazwischen, der große,

starke Mann mit dem Stiernacken, den buschigen Brauen, den tiefblauen

Augen, allzeit gastfrei in aller Einfachheit.

Was ihn damals menschlich und künstlerisch bewegte, hat er in feine

Worte gefaßt, die uns einen Schlüssel zu seinem inneren Leben und Malen

geben: „Wenn Sie sähen, wie schön der Wald ist! Ich laufe manchmal

am Ende des Tages und nach meiner Tagesarbeit hin und komme jedesmal

zermalmt wieder. Das hat eine Ruhe, eine schreckliche Größe, so daß

ich mich manchmal dabei überrasche, daß ich wirklich Furcht habe. Ich

weiß nicht, was diese Bettler von Bäumen einander sagen, aber sie sagen

sich etwas, was wir nur nicht verstehen, weil wir eine andere Sprache

sprechen.“ „Wenn ich einen Wald zu malen hätte, so möchte ich...

daß man... dächte... an sein Grün, an sein Dunkel, das das Herz des

Menschen zugleich weitet und zusammenschnürt.“

„Ich will Ihnen gestehen, auf die Gefahr hin, wieder für einen

Sozialisten zu gelten, daß es die _menschliche Seite_ ist, die mich am

meisten in der Kunst bewegt. Niemals erscheint mir die lustige Seite,

ich weiß nicht, wo sie ist, ich habe sie niemals gesehen... Da sehen

Sie aus einem kleinen Pfad eine arme Gestalt mit einem Reisigbündel

hervortreten. Die... Art... wie dieser Mensch Ihnen erscheint, führt

Sie sofort auf das traurige menschliche Los, die Müdigkeit... Auf den

bestellten Feldern... erblicken Sie grabende, hackende Gestalten. Von

Zeit zu Zeit sehen Sie, wie sie sich das Kreuz wieder zurechtrücken...

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ist das

die fröhliche ausgelassene Arbeit, an die manche Leute uns glauben

machen möchten? Und _doch befindet sich gerade da für mich die wahre

Menschlichkeit, die große Poesie_.“

Hier in jenen Worten haben wir den ganzen Millet, den Kämpfer gegen die

verlogene, seelenlose Schönmalerei damaliger Mode, den Aufrufer für

eine Gestaltung echter Empfindung voll Ernst und Natürlichkeit.

In jener naturfremden Kunstepoche hatte unser Maler einen schweren

Stand, namentlich mit seinen realistischeren, der Wirklichkeit

abgelauschten Bauernbildern, die uns heute die liebsten sind. Wie

prächtig stehen sie vor uns, diese Milletschen Gestalten, etwa „Der

Schäfer“, der sich auf seinen Stab stützt, neben seinem Hunde, „Der

Mann mit der Hacke“, „Der ausruhende Winzer“. Man sehe sich --

etwa in der Knackfuß-Monographie, die Gensel schrieb -- einmal die

feinen Zeichnungen und Skizzen an. Da ist ein „Reisigsammler“ mit

dem schweren Bündel auf dem Rücken, mit ein paar Strichen prächtig

treffend hingeworfen. Der belastete Körper schreitet so gebückt,

daß der gebundene Reisighaufen und die Neigung des Rumpfes und der

Unterschenkel eine lebendige Bewegungs- und Linieneinheit bilden.

Oder man vergleiche die Zeichnung der „Ährenleserinnen“ mit dem

Ölgemälde gleichen Namens. Dieses hat zwar den Vorzug der Farbe, aber

unübertrefflich ist die Zeichnung im Aufbau und Umriß. Die häusergroßen

Erntehaufen und der Wagen im Hintergrund, ihn ganz füllend, und im

gleichen Bewegungsrhythmus die Leute, die die Garben vom Wagen zum

Haufen heben. Vorn -- groß gehalten -- die drei ährenlesenden Weiber.

Wieder entzücken uns der Zusammenklang der Linien -- überall die

geballte Rundung --, die glänzende Kompositionsgabe dieses Künstlers.

Und nicht vergessen sei die kleine Skizze vom sitzenden „Hirtenmädchen“

mit dem Kopftuch. Das ist nichts als eine Gestalt ohne Hintergrund.

Aber ihr verträumtes Sichgehenlassen schlägt uns entgegen aus den

nackten Füßen, auf denen die Hände liegen, dem vorgebeugten Rücken, und

den lässigen Zügen. Es ist wahr: aus den Skizzen spricht Millet oft am

unmittelbarsten zu uns.

Wie oft mag der Alte von _Barbizon_ auf der Ebene herumgestreift

sein, diese arbeitenden oder ruhenden Gestalten auf den Feldern tief

sich einprägend. Dutzende von Skizzen macht er, bis ihm endlich

die einfachste Fassung so lebendig vor der Seele steht, daß er zum

Pinsel greifen _muß_. Wie einen Mythos der Arbeit hat er das Leben

der Landleute erlebt und in seiner Kunst verlebendigt. Religiös, im

freiesten Sinn, hat er diese Bilder empfunden und gezeichnet und gemalt.

So müssen wir auch sein berühmtes Bild „_Das Abendgebet_“ oder

„_Angelus_“ verstehen: Im Vordergrund das betende Bauernehepaar,

groß in die Mitte des Bildes gestellt, mit dem Körper hinausragend

über die weite Ebene, über die Erde, -- hineinragend in die Klarheit

des Himmels. Und diese goldige Klarheit des Abendlichtes durchflutet

das ganze Bild, hängt in der Luft, fängt sich an den Schollen, der

hügellosen Weite, den Kleidern der Betenden. Dies Leuchten strömt

von dem roten Kopftuch der Frau, dies Schimmern schwillt aus der

weißgoldenen Schürze des Weibes. Das Land, die Gestalten, alles ist

hineingebettet in diesen Zauber des Lichtes und -- der Andacht. In

solche Ebene, in solche Abendstimmung gehören nur diese Menschen, diese

Bauern, diese betenden Bauern. Nach so hartem Arbeitstag ist es wie ein

Wunder, solchen Abend zu erleben. Aus ihrer Müdigkeit versinken sie in

Andacht. Keine verzückte, zum Himmel emporgeworfene Andacht ist es,

sondern eine schlichte, zu sich selbst gewandte Bauernfrömmigkeit.

Der Mann mit der linkischen Haltung der Beine, wie wir sie am

schwerfälligen bäuerlichen Menschen oft sehen, hat die Arme gegen

den Leib herangerafft, den Kopf nur ein wenig zwischen die Schultern

vorgesenkt. Herbe ist sein Dastehen; mehr ein Besinnen auf sich selbst

als ein Hinweggenommensein vom Gebet. Die Mütze ist herabgerückt

zwischen die Hände, noch klafft ihm das Hemd von der schweißtreibenden

Arbeit. Ja, dies Beten ist ihm zugleich ein Ausruhen, aber ein

wohliges; denn sein Ohr füllen geruhsam die Klänge der Abendglocke,

die weit über die Ebene hergetragen werden, deren stillende Kräfte

zusammenstimmen mit dem Fluten des abendlichen Lichtes. Die kantige

Linie dieses bäuerlichen Leibes -- eckig von oben nach unten geführt

und sich im Schaft der Gabel wiederholend -- kreuzt die Linien der

Äcker, des Horizontes, die quer nach den Seiten entströmen.

Weicher sind die Umrisse des Weibes, hingegebener. Tiefer ist

dieser Kopf gebeugt, inniger die Faltung der Hände, die besinnliche

Einkehr. Bunter ist die Kleidung, runder die Linien des Leibes, die

sich wiederholen im gerundeten Kartoffelkorb zu ihren Füßen, im

Karren mit den gestapelten Säcken. Und ihr ist auch die malerisch

aufgebaute Andeutung des Hintergrundes beigesellt: jene ferne Kirche,

von der eben das verträumte Läuten durch die goldgesiebte Dämmerung

über die Ackerbreiten herschwimmt: „Gegrüßest seist du, Maria!“ Wie

eine Verkündigung ist dies Tönen, ja dies ganze Bild ist wie eine

Verkündigung, daß nach Tagesnöten ein Abend voll Schimmer und Stille

die Welt segnet, daß nach dieser an die Scholle gebundenen Mühsal,

die den Leib hinabdrückt zur Erde, die Töne der Glocke Sinne und Herz

hinausführen über die Schollenschwere in eine Welt geweiteter Ruhe, da

die Seele eingedenk wird, daß sie Flügel hat.

_Gertrud Fauth._

Die Tafelrunde

Von Adolf Menzel

Geboren 8. Dezember 1815 in Breslau, gestorben 1905 in Berlin. --

Nationalgalerie in Berlin

Bild 27

Im Jahre 1830 siedelt mit seinem Vater, einem Steindrucker, ein

fünfzehnjähriger Lithograph von seiner Geburtsstadt Breslau nach Berlin

über, Adolf Menzel. Wie in Breslau, so muß er auch in Berlin seinem

Vater im Geschäfte helfen, später sogar ganz die Sorge für die Familie

auf sich nehmen. Und doch reift er unter diesem Drucke der Arbeit ums

tägliche Brot zum Künstler heran, zum tüchtigsten unter den deutschen

Sachlichkeitsmalern des 19. Jahrhunderts. Die Kunstakademie in Berlin

kann er nur kurze Zeit besuchen; er muß sich selbst im Zeichnen und

Malen ausbilden. Aber voll zäher Tatkraft verfolgt er seinen Weg und

entwickelt eine schier unglaubliche Wirksamkeit als Zeichner und Maler,

als Maler der Vergangenheit und als Maler der Gegenwart.

Seine handwerkliche Tätigkeit als Lithograph hatte ihn von selbst zum

Zeichnen hingeführt. Meisterhaft benutzt er die lithographische Technik

zur Wiedergabe fein durchgeistigter, streng sachlich durchgeführter

Vorwürfe.

Dann aber hat sich ihm ein anderes Gebiet der Schwarzweißkunst

erschlossen, der Holzschnitt. Er erhält gegen Ende der dreißiger

Jahre den Auftrag, Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen mit

Holzschnitten zu schmücken. Nun entfaltet er in den Jahren 1839 bis

1842 eine Wirksamkeit, die ihn auf diesem Gebiete zum größten Meister

unserer Zeit stempelt. -- Es ist nicht leicht, aus dem Holzschnitte

alle Ausdrucksmöglichkeiten herauszuholen, insbesondere dann nicht,

wenn sich der Holzschnitt wie hier dem gedruckten Texte anschließen

soll. Denn der Holzschnitt setzt sich nur aus schwarzen Punkten, Linien

und Flächen zusammen, und diese Schwärzen muß der für den Holzschnitt

arbeitende Künstler mit den dazwischen erscheinenden weißen Flächen des

Papieres, den sogenannten Weißen, so vereinen, daß eine vollständig

künstlerische Wirkung herauskommt. Das ist eben die Schwarzweißkunst,

und das ist das Schwierige in der Schwarzweißkunst. Menzel hat diese

Aufgabe glänzend gelöst. Die verblüffende geschichtliche Treue seiner

Holzschnitte hat aber Menzel nur dadurch erreicht, daß er mit dem

größten Eifer die geschichtlichen Quellen jener Zeit durchforscht hat,

die wir Rokoko nennen.

Die Früchte dieser Menzelschen Quellenforschung sind der Allgemeinheit

neben den Holzschnitten vornehmlich bekannt geworden durch seine

Geschichtsbilder aus der friderizianischen Zeit. Sie sind in den

fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden, in jener Zeit,

in der sich die Historienmalerei des höchsten Ansehens erfreut hat.

Das war so gekommen. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts

entfaltet sich in Deutschland die romantische Malerei, die sich

sehnsuchtsvoll aus der Gegenwart in die Vergangenheit flüchtet,

dieser die darzustellenden Vorwürfe entnimmt und sie mit einem

merkbaren Einschlage von Gefühlsseligkeit malerisch darstellt.

Neben diese Romantiker mit ihrem stimmungsreichen Wirken treten

die Sachlichkeitsmaler, wie sie namentlich in Berlin durch Franz

Krüger, Erdmann Hummel, Eduard Gärtner, Karl Steffeck, Eduard

Meyerheim, Albrecht Adam, und nicht zuletzt durch Adolf Menzel

selbst vertreten sind. Peinliche Genauigkeit in der Wiedergabe des

Dargestellten, Ablehnung jeglichen Gefühlsüberschwanges, klare, ruhige

Gegenständlichkeit, das sind ihre Tugenden.

In Frankreich hatte sich inzwischen die Geschichtsmalerei

herausgebildet, die bedeutungsvolle geschichtliche Begebenheiten in

Bildern größten Umfanges darstellte. Diese Geschichtsmalerei gelangte

1842 in zwei großen Gemälden der Belgier Gallait und de Bièfve, die

Abdankung Karls V. und der Kompromiß des niederländischen Adels, nach

Deutschland und riß hier bedeutende Künstler mit sich, allen voran

Karl von Piloty, Karl Friedrich Lessing, Eduard Bendemann, Wilhelm

von Kaulbach. Für die Erfolge dieser großen Galeriebilder war nicht

nur das darin niedergelegte künstlerische Können maßgebend, sondern

ebenso der geschichtliche Vorgang selbst. Ihn brachte der Künstler zur

Darstellung, wie er ihn sich dachte. Dadurch kam in den Aufbau dieser

großen Geschichtsbilder immer etwas Bühnenhaftes, Unwirkliches hinein,

an dem diese Geschichtsmalerei schließlich zugrunde ging.

Aber in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stand sie noch

in höchstem Ansehen. Also wandte sich ihr auch unser Menzel zu. Es lag

nahe, daß er die ihm vertraute Zeit Friedrichs des Großen wählte. Aber

das ist das Große in dem Künstler Menzel, daß er in der Hauptsache

zu seinen Friedrichsbildern nicht bedeutungsvolle weltgeschichtliche

Ereignisse als Anlaß nimmt, sondern sich immer bemüht, in diesen nur

die Persönlichkeit des Königs zu schildern und alles das, was sich

damals als wirklich Vorhandenes um den König herum befunden hat. Er

gibt also weit mehr nur den Zustand jener Zeit wieder und das mit

der ihm eigenen peinlichen Sachlichkeit. So entstehen die berühmten

Friedrichsbilder, die Tafelrunde in Sanssouci 1850, das Flötenkonzert

1852, der König auf Reisen 1854, die Huldigung in Breslau 1855, der

Überfall bei Hochkirch 1856, die Begegnung mit Kaiser Joseph 1857, die

Überraschung in Lissa und die Ansprache Friedrichs des Großen an seine

Generale vor der Schlacht bei Leuthen, beide 1858 begonnen und nicht

vollendet.

Gemälde und ihre Meister · 第 16 / 25 段