Wäldern Frankreichs erzählen, da schaut mir ein zwölfjähriges Mädel
fürwitzig über die Schulter. „Ach, das ist ja ein wunderschönes Bild!
Und Corot heißt der Maler? Aber nein, das ist ja ein Franzose! Von
den Franzosen will ich nichts wissen. Weißt du denn nicht...?“ --
„Jawohl, mein Kind, ich weiß, wir leben in schlimmen Zeiten. Aber
wenn das Bild hier vom Frühlingsmorgen ebenso herrlich ist wie der
Frühling selber, warum sollen wir das schönste aller Frühlingsbilder,
bloß weil es von einem Franzosen gemalt ist, verächtlich in den
Winkel stellen?“ -- „Aber unsere Lehrerin sagte uns doch, daß die
Franzosen gar nichts von uns wissen wollen.“ -- „Ich sage dir, gerade
die Franzosen können ohne unsere Musik zum Beispiel gar nicht leben.
Als wir kürzlich den 150. Geburtstag von Beethoven feierten, feierten
ihn die gebildeten Franzosen andächtig mit. Und als sie gar wieder in
ihrer großen Oper ein Musikdrama von Richard Wagner, „Die Walküre“,
hören durften, waren sie förmlich begeistert. An diesem Abend waren
sie unsere Feinde nicht. Ähnlich geht es uns mit den schönen alten
Wald- und Weiherbildern der Franzosen, die in ihrer Art ebenso herrlich
sind wie die Musik der Deutschen. Aber mit dem „guten Vater Corot“,
wie er hieß in Paris, in den Dörfern und Wäldern ringsum, möchte ich
dich doch recht nahe bekannt machen, intim befreundet, wie er selber
in seiner Sprache sagte. Nun ist ja Vater Corot schon an die fünfzig
Jahre tot. Aber wärest du ihm einmal begegnet auf stillen Waldwegen
und hättest ihm gesagt, daß du seinen Frühlingsmorgen wunderschön
findest, dann würde dich der kleine silberlockige Herr aus seinen
kindlich-schönen Blauaugen gerührt angeschaut haben. Er würde dir die
gottgesegnete Malerhand auf den Scheitel legen und halb wie im Traum
zu dir sprechen: „Alle meine schönen Bilder, worin ich Gottesdienst
im Walde und am spiegelnden Wasser gefeiert, habe ich nicht bloß für
Franzosen gemalt, sondern gerade für dich, mein Kind, und für die
feinen und zarten Seelen aller Völker und Länder, die selber von
Frühlingssonne durchleuchtet sind, so wie ich.“ Dann führte Vater Corot
dich an der Hand zu seinem Landhäuschen an den Teichen und zeigte
dir seine vielen Bilder an den Wänden und in großen Stapeln auf dem
Fußboden, daß man kaum einen Weg zwischen den dichtgestellten Reihen
findet. Es machte ihm immer Freude, jungen Menschen seine Bilder zu
zeigen, die lichtklaren und funkelnden aus Italien und die andern
mit einem lustigen Menschengewimmel, mit alten Griechen, Heiligen,
mit Rittern, Kavalieren, Damen, Soldaten aus alten Zeiten, was man
so Geschichtsbilder nennt, obgleich ja die schöne Malerei darauf
kostbarer ist, als die Taten aus der Geschichte, von denen man doch
nichts Genaues wissen kann. Aber die schönsten sind gewiß die Bilder
aus seiner „silbernen Zeit“, als er nämlich in den Wäldern die Nebel
und Lichter noch viel zarter als Silberfiligran, rein wie Feenmärchen
zu malen verstand. So wie wir’s sehen auf unserm berühmten Bilde des
Frühlingsmorgens, das sozusagen die Krone seiner Schöpfungen ist.
Und dann nach einer geschlagenen Stunde der Bilderschau, was denkst
du wohl, was Vater Corot schließlich getan hätte? Er hätte dir eine
von seinen schönsten silberhauchzarten Landschaften mit einem schönen
Gruß an deine deutsche Mutter zum Andenken mitgegeben, ein Bild, das
heute nach unserm Gelde mehr als eine Million wert ist. Ja, so war
Vater Corot. Heute allerdings sind die Künstler nicht mehr wie die
reinen Kinder. Mach’ nicht so ein ungläubiges Gesicht, Mädel! Camille
Corot war wirklich so geartet. Noch ganz andere Dinge hat mir Albert
Hertel, unser herrlicher deutscher Landschaftsmaler, der nicht nur mit
dem zarten Corot, sondern auch mit dem strengen Gustave Courbet als
Maler und Mensch befreundet war, aus alten französischen Ruhmestagen
der Kunst erzählt. Als Corot noch in dem Malerdörfchen Barbizon am
großen Märchenwalde saß, kam eines Tages ein feiner Herr und wollte
ihm ein Bild abkaufen. Der gute Corot zitterte vor Aufregung, und so
schlecht es ihm und seinem heute hochberühmten Genossen damals ging,
er wagte keinen Preis zu nennen, aus Furcht, er möchte zuviel fordern.
Da gab ihm der feine Herr 300 Francs. Corot war erschüttert über das
Geld wie über die freundlichen Worte des klugen Kunstkenners, und in
seines Herzens Freude drängte er dem Fremden noch ein zweites Bild
als Gratiszugabe förmlich auf. Und wie kam’s? Nachdem seine feine
Kunst jahrzehntelang mißachtet war, erlebte es Corot noch, daß jenes
Zugabebildchen mit 20000 Francs bezahlt wurde, Albert Hertel erlebte
noch die Preissteigerung auf 230000 Francs, lange vor dem Kriege, und
du, mein Kind, wirst es für mehr als eine halbe Million in Gold in eine
neue Hand gehen sehen. Und was die Hauptsache ist, die Bilder Corots
sind auch wirklich so viel und noch mehr wert. Und warum? Das ist
schwer zu sagen, oder du verstündest es noch nicht. Man könnte sagen,
ein Bild wie unser Frühlingsmorgen ist eines so ungeheuren Preises
wert, weil die Gnade Gottes darauf ruht, weil es unsterblich ist und
noch in späteren Jahrhunderten jedes Auge und Herz entzücken wird, wie
uns heute nach 400 Jahren die wunderschönen Muttergottesbilder von
Raffael und nach 700 Jahren die zarten Lieder unseres Herrn Walter
von der Vogelweide ebenso zu Herzen gehen wie den Zeitgenossen der
unsterblichen Meister. Und das merke dir, Kind, in der Kunst von
Gottes Gnaden (du ahnst wohl, was ich damit meine) fragt man nicht
erst, ob der Maler oder Dichter ein Deutscher, Italiener oder Franzose
gewesen ist. Sie waren Weltbürger, weil ihre Werke in der ganzen Welt
heimatlich eingebürgert sind und von allen Menschen verstanden werden.
Drum gräme dich nicht weiter um die bösen und sterblichen Franzosen,
die doch nur Spreu vor dem Winde sind; aber die unsterblichen und guten
Franzosen wünschen deine Freundschaft und Liebe, und da schlage mit
deiner deutschen Hand getrost in ihre Wunderhand ein!“
Leise nahm das deutsche Mädel das Bildchen des Frühlingsmorgens vom
Schreibtisch mit sich fort, um es mit Reißpinnen an die Wand ihres
Stübchens festzuheften. Später wird sie’s in ein Rähmchen tun. Das
Bildchen ist für sie zum Erlebnis geworden, das merke ich schon.
Nun wollte ich aber eingehend berichten, wann Corot geboren, gestorben,
und was er alles nach und nach gemalt hat. Siehe, da steckt das
blonde Mädel schon wieder den Kopf durch die Türspalte, diesmal
jedoch mit glühenden Wangen und bittenden Blauaugen. Ob ich ihr nicht
mehr erzählen wolle über den Camille, den guten Vater Corot, und ob
er noch mehr deutsche Freunde gehabt habe? Natürlich, mein Kind,
jeder Deutsche war sein Freund, der artig an seine bescheidene Tür
klopfte. Sehr vielen jungen deutschen Künstlern hat Corot geholfen
auf dem schweren Wege der Kunst, und nicht Corot bloß. Die Franzosen
fühlten sich geehrt, wenn man sie um Rat ansprach. Sie sind ja sehr
unruhige Nachbarn und Plagegeister, aber es hat doch auch schöne Zeiten
gegeben, in denen deutsche und französische Maler ein Herz und eine
Seele gewesen sind. Den Maler Ludwig Knaus, der so fein und sauber,
gemütvoll und witzig das Bauern- und Bürgerleben geschildert, hat der
Kaiser der Franzosen, der bei Sedan den Thron verlor, auf der Pariser
Weltausstellung wie einen Fürsten gefeiert. Und unsern Adolf Menzel
haben die Franzosen förmlich wie Füchslein den Löwen angestaunt. Und je
deutschtümlicher einer war, um so mehr haben ihn die Pariser geehrt.
Das magst du dir auch merken. Über vier Jahrzehnte gingen die jungen
deutschen Künstler, nachdem sie in München, Berlin und Düsseldorf
ihre Sache gelernt hatten, nach Paris, um sich hier sozusagen den
letzten Schliff zu holen bei diesen geschickten, gewitzten und
handwerkstüchtigen Parisern. Ein Fest war es, wenn sie in den großen
Wald pilgerten, wo Corot malte und mit ihm große Künstler wie Rousseau,
Millet, Courbet, Dupré, Diaz, Daubigny. Corot hat erst spät seinen
Weg gefunden in das Paradies oder Feenreich, wo er die leuchtenden
Wunder der Gottesschöpfung entdeckte. Im großen Walde von Fontainebleau
glaubte er das verlorene Paradies wiedererschlossen zu haben, und wir
glauben’s ihm gern. Er war am 29. Juli 1796 in Paris geboren. Aber sein
geschäftsstrenger Vater hielt nicht viel von der Kunst und versagte
dem Sohn die Mittel zu dem heilig ernsten Streben. Schließlich hat es
Camille doch durchgesetzt, doch schon war er 26 Jahre alt. Und dann
verlor er noch manches Jahr bei den Schulfuchsern und Modemalern,
die gar nicht nach seinem Herzen waren. Nicht was in Büchern stand,
wollte er malen, sondern was er in der Einsamkeit selber schaute,
nicht eine aufgeputzte und frisierte Natur, sondern den Wunderglanz
des Morgens und Abends und die Sonnenherrlichkeit des Mittags ohne
menschliche Zutaten. So ganz fein und geheim wollte er die in der
Sonne tanzenden Blätter, den silbersüß wallenden Frühnebel belauschen,
und das nannte er, wie seine Freunde, die intime Landschaft, und sie
alle zusammen bildeten die sogenannte „Schule von Fontainebleau“,
um ihrer Kunst einen schönen Namen zu geben. Ich sage dir, es ist
da, zwei Bahnstunden südlich von Paris, ein herrlicher Wald, auf
Meilenweite mit Buchenhochwald, mit Hügeln, Schluchten, Sümpfen,
Weihern, einsamen Heiden, seitwärts von der uralten Burg des blauen
Brunnens, des gewaltigen und prächtigen Schlosses Fontainebleau, das
vor vier Jahrhunderten erbaut und später vergrößert wurde, worin sehr
viele heitere und böse Dinge sich begaben, was aber den guten Corot
nicht weiter anfocht. Er saß weitab, am Waldrand im Dörfchen Barbizon,
und jeden Morgen zog er in den grünen Walddom, auf die Höhen, schaute
in die Schluchten und träumte und malte an murmelnden Quellen. Nun
höre, wie er selber von seiner Malerarbeit und Waldandacht erzählt, und
zwar in einem Briefe an seinen Freund, den Maler Dupré! „Am frühsten
Morgen steht man auf, um drei Uhr, vor der Sonne. Man setzt sich an
den Fuß eines Baumes, man schaut sich um und wartet. Zuerst sieht man
nicht viel. Die Natur gleicht einem grauen Leintuche, worauf sich kaum
die Umrisse einiger Massen abzeichnen. Alles duftet, alles bebt im
erfrischenden Luftzug des kommenden Tages. Bing! Die Sonne wird hell.
Sie hat noch nicht die Schleier zerrissen, wohinter sich die Wiese,
das Tal, die Hügel des Horizonts verbergen. Die nächtlichen Dünste
schweben noch wie Silberflocken über dem matten grünen Grase. Bing!
bing! Im Gebüsch zwitschern unsichtbare Vögel. Ein erster Sonnenstrahl
-- ein zweiter Sonnenstrahl! Die kleinen Blümchen scheinen freudig
aufzuwachen. Ein jedes von ihnen hat seinen glitzernden Tautropfen.
Die zarten Blätter zittern in der Morgenluft. Es scheint, als ob
die Blumen ihr Morgengebet sprächen. Die Liebesgötter schweben auf
Schmetterlingsflügeln über die Wiesen und lassen das hohe Gras in
sanften Wellen schwingen. Man sieht nichts. -- Alles ist da. Die
ganze Landschaft liegt hinter dem durchsichtigen Nebelschleier, der
steigt und steigt, aufgesogen von der Sonne, und der schließlich
alles enthüllt, die Silberzunge des Baches, die Wiesen, die Bäume,
die Hütten, die fliehende Ferne. Endlich unterscheidet man alles, was
man anfänglich vermutete...“ So geht’s noch viele Seiten weiter in
dem Briefe. Nun sage, mein Kind, ist das nicht wundervoll? Da hast
du mit einem Wort die intime Kunst, wie sie noch niemand intimer
belauscht und gemalt hat, als Camille Corot. Aber das Bild des
Frühlingsmorgens hat der Meister nicht in Fontainebleau, sondern in
seinem späteren Wohnsitz Ville d’Avray gemalt. Dort, wo er auch bis zu
seinem Tode am 22. Februar 1875 gewohnt, gearbeitet und seinen langsam
aufsteigenden Ruhm genossen hat. Es ist auch ein schöner Fleck Erde
am Rande des herrlichen Parks des berühmten Schlosses St. Cloud und
unfern der großartigen Porzellanfabrik von Sèvres, auf dem Wege nach
Versailles. Vor seinem Häuschen hatte Corot die drei Weiher im Zuge
eines alten Mühlbaches. Diese Teiche mit ihrem sanften Spiegelglanz
und den leisnebelnden Silberschleiern hat Vater Corot unsterblich
gemacht, denn man schaut sie immer wieder auf den feinen, zarten,
traumseligen Meisterwerken. Hat Friedrich der Große in der Galerie von
Sanssouci den ersten Höhepunkt französischer Kunst mit den köstlichen
Watteaus, Lancrets, Paters erfaßt, die volle Höhe erstieg diese Kunst
an den Teichen von Ville d’Avray, nach deutschem Gefühl. Nun schaue
einmal auf dem Bildchen diesen unendlich glückseligen Zauberhauch
des Frühlingsmorgens auf dem perlschimmernden Spiegel des Teiches,
dessen Ufer weichnebelndes Traumglück atmen! Die alte Erle greift mit
hundert Armen dem göttlichen Licht entgegen, die Blätter zerflimmern,
verhauchen im Morgenglanz, ganz so wie die arme Menschenseele in
pfingstlicher Feierstunde vor dem Herrgott, der die schöne Welt
erschaffen und immer wieder, immer schöner verjüngt, in Andacht sich
demütigt und ewige Seligkeit vorempfindet. Corot war eine fromme, eine
glückselig-fromme Seele. Halte das Bildchen in Ehren, mein Kind, und
halte heilig fest an der Kunst der großen Meister, und du wirst ein
guter und glücklicher Mensch werden!
_Maximilian Rapsilber._
Die Hochzeitsreise
Von Moritz v. Schwind
Geboren 21. Januar 1804 in Wien, gestorben 8. Februar 1871 in
München. -- Schackgalerie in München
Buntbild V
Wenn ich den Namen Schwind höre, dann fällt mir immer ein liebes altes
Bilderbuch ein, das in unserer Kinderstube einen Ehrenplatz hatte. Sein
äußeres Gewand war freilich nicht sehr schön, das Buch war schmal und
hoch, hatte einen wirr und bunt bedruckten Pappdeckel und nannte sich
mit großen krausen Buchstaben: „Münchener Bilderbogen.“ Aber innen
-- ja, da war es voll schwarzer und farbenfröhlicher Herrlichkeiten,
an denen der gute Geschichten- und Märchenonkel Schwind reichlich
mitgeschaffen hatte. Auf alle die vielen Bilder kann ich mich nicht
mehr besinnen, bloß ein paar von ihnen stehen mir noch deutlich im
Gedächtnis: das Bildermärchen vom „Gestiefelten Kater“, dessen anmutige
und schalkhafte Einzelheiten wir nicht müde wurden, mit leuchtenden,
deutenden und lachenden Augen zu betrachten; und dann „Die Geschichte
vom Herrn Winter“, in der uns besonders ein Bildchen ans Kinderherz
gewachsen war, das, auf dem der alte brummige Wintersmann, dick bereift
und behaglich eingemummelt in Mantel und Kapuze, ein Tannenbäumchen im
Arm, durch die schmalen, stillen Gassen des Städtchens stopft, hinter
deren kleinen Fenstern die hellen Weihnachtslichter blitzen -- wohin
mochte der Alte gehen?
Ja, Meister Schwind ist immer ein Märchen- und Geschichtenerzähler
gewesen! Das hing wohl mit seiner Herkunft zusammen, stammte er
doch aus dem heitern, beweglichen Österreich, in dem man das warme
Beisammensitzen mit Freunden und Gevattern in der Stube und in Gottes
sonniger Natur mit all den guten Dingen der Gemeinsamkeit, wie Essen,
Trinken, Musizieren, Plaudern und Geschichtenerzählen so recht von
Herzen lieb hat. So steckte schon durch Blutserbe viel Behagen und
Lebenslust in ihm, eine frische, frohe Sinnenfreude, die allem
daseinsfremden Grübeln und blassen Deuteln abhold war und am farbigen,
mit Herz und Sinn spürbaren Abglanz des Lebens ihr Genügen fand. Dazu
aber kam noch ein besonderer Zug im Wesen unsres Malerdichters: sein
leidenschaftlicher Hang zur Natur und ihrem Frieden, der so stark war,
daß er schon als junger Mensch wirklich ernsthaft einmal daran gedacht
hatte, als Einsiedler -- natürlich mit einigen guten Freunden! -- in
der Stille des Waldes zu leben. Zum Glück ist daraus nichts geworden,
das lachende Leben hat seinen Lieblingssohn festgehalten, aber der Hang
zur Einsiedelei kam immer wieder einmal über ihn, so daß er ab und zu
ein paar köstliche Bildergeschichten von einsamen Heiligen, Klausnern
und Waldbrüdern erzählen mußte. Das alles machte ihn so recht zum
Fabulieren fähig und bereit: er sah mit hellen, männlich tapfern, alle
Erdenschönheit suchenden und bestaunenden Augen in die Welt, hauste
fröhlich und behaglich mit den Seinen und den Freunden, schlug sich
wacker mit den Feinden und lebte doch dabei tief innen in sich und ließ
die Eindrücke und Erlebnisse sich in seiner Seele weiterspinnen, bis
er sie, von ihnen gedrängt, wieder aus sich herauslassen mußte... und
dann quollen all die bunten, krausen Geschichten, Märlein, Einfälle,
die immer mit einem goldnen Fädchen des Humors mit dem wirklichen
Leben seiner Umwelt zusammenhingen, aus seinen Händen aufs Papier
oder auf die Leinwand. Ja, auch das müßt ihr wissen, wenn ihr seine
Bilderpoesien betrachtet: es steckte ihm auch die richtige verschmitzte
österreichische Necklust im Blute, die im Grunde _Liebe_ ist, und die
auch den sinnig-ernsten Gedanken seiner Lebensanschauung unversehens
ein Schellenmützchen aufsetzte und sie und sein ganzes Leben und Tun
mit dem hellen Zauberton des Humors umklingt.
Da haben wir den ganzen Meister Schwind gleich auf unserm wunderschönen
Bild „Die Hochzeitsreise“! Guckt es euch genau an, wir werden es gleich
herausfinden! Kann man sich überhaupt satt daran sehen? Ich habe es
nun schon an die hundertmal betrachtet, und immer wieder umspinnt mich
die lichte, behagliche Lebenslust, der reine Friede seiner Bildseele.
Und das Ganze, ja, ist wieder eine lächelnde Dichtergeschichte,
welcher die liebevoll zusammengestimmte Farbe und die sauber und
bedächtig schnörkelnden Linien recht eigentlich ein Rahmen sind,
wie die zierhafte Goldfassung einem Edelstein. Seht, über dem alten
giebeligen süddeutschen Städtchen steht ein blauer Sommermorgen, und
vor dem Gasthaus zum Goldnen Stern wartet die prächtige, mit rotem
Plüsch gepolsterte gelbe „Postchaise“; der stattliche Herr mit der
Reisetasche hat wohl eben dem dicken Herrn Wirt die Rechnung für
den Aufenthalt bezahlt und ihm seine Anerkennung für die sorgliche
Unterkunft ausgesprochen, dann noch ein Wörtlein über das Wetter
mit ihm geschwatzt und danach die guten Reisewünsche des Gastwirts
entgegengenommen -- denn damals, in den vierziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts, hatte man noch viel Zeit, da gab es noch wenig Hast und
kaum schon Eisenbahnen, da konnte man noch viele gute und umständliche
Worte machen! Aber nun wurde es doch endlich Zeit mit der Abfahrt, denn
die junge schöne Frau sitzt schon ein wenig ungeduldig und sehnsüchtig
in dem offnen Chaischen, dafür bekommt sie nun auch noch ein paar
artige Komplimente von dem Sternwirt und der Sternwirtin zu hören. Der
Postschwager, von dem man bloß den hohen Tressenhut sieht, strängt
umständlich das Handpferd wieder an, dem Gasthausspitz, der das sieht,
fährt ein kleines Reisefieber in die Glieder, denn er will den Wagen
bis vors Tor begleiten, und der würdige Kaufmann mit der sommerlichen
Schirmmütze in dem Lädchen gegenüber steht schon lange in seiner
Ladentür auf der Lauer, um der Abfahrt zuzuschauen und dann mit dem
Sternwirt noch eine kleine wohlwollende Nachschwatz zu halten; auch die
Mädchen am Brunnen stehen gaffend, wartend und schwatzend und lassen
die Eimer überlaufen -- o man weiß Bescheid, das waren vornehme Fremde,
Herr und Frau v. Schwind aus der Hauptstadt, ein berühmter Kunstmaler,
und seine junge Frau war eine Majorstochter, die Herrschaften waren
auf der Hochzeitsreise, ei, ei, da lacht das Glück aus allen Winkeln,
und da ist man galant und zärtlich und schmückt selbst den Postwagen
mit frischen Blumen... der junge Ehemann hat gestern abend noch drüben
in dem Kaufmannslädchen eine Tüte Honigzucker und ein Fläschchen
Rosenwasser und für sich selbst ein Büchschen feinster Pomade gekauft
-- das weiß die ganze Stadt!... Und das, ihr könnt es glauben, stimmt
alles aufs Haar! Meister Schwind hat sich selbst und seine geliebte
junge Frau auf der Hochzeitsreise gemalt; und seht einmal ganz
scharf hin --: der behäbige Wirt in der roten Sammetweste, der so
ehrerbietig das grüne Käppchen schwingt, trägt die Züge von Schwinds
liebem Jugendgenossen Lachner, des weitbekannten Kapellmeisters und
Komponisten, der in Wien neben dem jungen Dichter Grillparzer, dem
Musiker Franz Schubert und andern zu seinem Freundeskreis gehörte. Da
haben wir den Schalk, der mit den Augen zwinkert und mit den Lippen
schmunzelt, der lachend seine gute Freundesliebe und sein ganzes
großes, helles Jungehemannsglück in das Bild hineingemalt hat. An
solchem Spaß konnte er selbst seine herzlichste Freude haben, und
solche launigen Anspielungen findet ihr auf vielen seiner Bilder, sie
hingen immer irgendwie mit der ihm vertrauten Wirklichkeit und dem
warmen Leben zusammen...
Und nun hört, was Meister Schwind selber einmal über seine Kunst
zu einem guten Freunde, der auch ein Malersmann war, gesagt hat,
als sie miteinander im Walde spazierengingen. „Sixt, schau, ist das
nit herrlich! Wann einer an ein schön’s Bäumle sein Lieb und Freud
hat, so zeichnet er all sein Lieb und Freud mit, und’s schaut ganz
anders aus, als wenn’s ein Esel schön abschmiert.“ In dem frisch
herausgesprudelten, fröhlich-weisen Satz steckt der ganze Schwind!
Immer hat er „sein Lieb und Freud“ mitgemalt, die galten ihm mehr als
alles bloß Handwerkliche oder Technische, wie es in der Künstlersprache
heißt, und sie geben allen seinen Schöpfungen die zu Herzen dringende
Augenlust. Aber ihr dürft deshalb nicht glauben, daß Meister Schwind
seine Werke und Werklein in leichter oder gar leichtfertiger Arbeit
geschaffen habe; man kann es in seinen lebendigen, in jedem Wort
unverstellten Briefen nachlesen, wie ernst und schwer er mit Stoff
und Form gerungen, gewiß in unverdrossener Lust, aber auch oft bis
zur bittern Ermüdung, eh’ ihm selbst alles gelungen schien, daß es
nun wie eitel Spiel und Lust wirkte. Hinter jeder Meisterkunst, auch
hinter der anmutigsten, heitersten, steht ernste, tapfre und mühselige
Arbeit, tagtäglicher Kampf und eine unablässige Aufopferung des ganzen
Mannes durch lange Wochen und Monate -- vergeßt das nicht im freudigen
Schauen, denkt immer einmal mit Ehrfurcht daran, um so größer und
staunenswerter wird dann die Meisterschaft auf euch wirken, und etwas
von dem Hauch ihrer sittlichen Kraft wird euch in die Seele wehen. --
Ihr wißt es nun schon, Schwind ist in allen Werken ein Dichtermaler
oder -zeichner gewesen. Oft gab ihm das eigene Erleben, Erinnern
und Träumen, bot ihm die nächste vertraute Umwelt die Anregung und
den Stoff zu holden Bilderfabeleien, an deren Ausgestaltung und
Ausschmückung er sich nicht genugtun konnte. Aber noch eine andre
Schatzkammer stand seinem Künstlersinn offen, angefüllt bis zur Decke
mit edelstem, lieblichem Geistesgut, dessen reiner Glanz die Augen
größer und den Geist heimatselig und andächtig machte, die Schatzkammer
unsrer deutschen Märchen und Sagen. Auch hier trat Meister Schwind
ein, um zu suchen und zu finden, tat es immer wieder, mit fast noch
willigeren Händen als in den gabenreichen Kreis der nahen Erlebniswelt,
ehrfürchtigen Sinnes und beglückten Herzens; hier fand er ja alles,
was seinem Wesen teuer war, in andrer Form schon fein gebildet,
so daß er nur zuzugreifen und es in sein eignes Schaffensreich zu
ziehen brauchte, um es darin mit Lust und Freud’ auf seine besondre
Art umzuschmelzen, und neu zu schaffen, sich und den Menschen zum
Wohlgefallen... Vom Gestiefelten Kater habe ich euch schon erzählt,
aber da gibt es noch viel, viel mehr und fast noch Schöneres! Habt
ihr vielleicht dies und das schon gesehen? Da hat er das liebe brave
Aschenbrödel noch einmal zum Staunen schön in Farbe gedichtet, und
das Märchen von den Sieben Raben und die Geschichte von der Schönen
Melusine und mehr und mehr, lauter Gestalten und Begebenheiten, bei
deren Namen das Herz aufhorcht und freudig klopft wie beim Klang von
Mutterworten oder Weihnachtsglocken; da hat er in der herrlichsten
deutschen Burg, der Wartburg im Thüringerwald, das wunderreiche Leben
der heiligen Elisabeth an die Wand gemalt, die trotz Strafe und Verbot
ihres Gemahls der Barmherzigkeit diente, und in deren Schoß das Brot
zu Rosen ward, als der Zorn des Gatten sie treffen wollte... Ihr müßt
das alles und noch viel andres, was er geschaffen hat, selbst einmal
anschauen, jetzt oder später, wie sich euch die Gelegenheit bietet,
und wie ihr sie euch nehmt, und ihr werdet den Meister Schwind, der
so erdenfroh und lebensselig und ein ganzer Poet war, mit jedem Bild
und Blatt lieber gewinnen und in jedem ein Labsal fürs Leben gefunden
haben, zu dem ihr euch in guten und schlimmen Stunden immer willig und
dankbar zurückfinden werdet.
_Gertrud Triepel._
Das Ständchen
Von Carl Spitzweg
Geboren 5. Februar 1808 in München, gestorben 23. September 1885
ebendort. -- Schackgalerie in München
Bild 25
Nun, liebe Jugend, horche auf und siehe! Jemand tritt in eure Mitte,
seine Augen grüßen euch voll Güte, Schalk und Humor: _Carl Spitzweg_!
Aus der Fülle der Bilder, die dieser Künstler geschaffen hat, greife
ich eins heraus, um es euch zu zeigen, nämlich das „Ständchen“. Lacht
ihr wohl? Ja, ihr lacht! Schaut nur mit recht hellen Augen auf dieses
köstliche Bild. Die große Kunst Carl Spitzwegs, kleine Dinge getreu und
unendlich liebevoll wiederzugeben, kommt hier zu ihrem vollen Recht,
und deshalb ist er auch wohl treffend der „Maler des Idylls“ genannt
worden.
Seid ihr wohl einmal in einer schimmernden Mondnacht ans Fenster
getreten und habt hinausgeblickt? Habt ihr da gesehen, wie das
Mondlicht auf den simplen Steinfließen glitzert und gleißt? Habt ihr
die Zärtlichkeit des glasklaren Nachthimmels beobachtet, der sich hoch
über die Erde spannt, wie eine sternbesäte Kuppel über einen großen
Dom? Das alles seht ihr hier auf unserm Bilde. Im Hintergrunde ragen
Tore und Türme einer alten südspanischen Stadt, einer Stadt, in deren
Winkeln und blaudämmernden Höfen reine Romantik blüht. Vor uns steht
das stolze Patrizierhaus, vom Mondschein umflossen. Die Nacht träumt...
Bis dann ganz plötzlich die nächtliche Stille durch Musik zerrissen
wird...
Die schöne Frau, die da auf dem Balkone steht und vorsichtig
hinunterspäht, hatte in ihrem Schlafgemach das Kerzenlicht noch
brennen. Ihre Gedanken waren in Glück versponnen; denn sie ist Braut.
Sie hatte die Musikanten nicht kommen hören und war nun bei den Klängen
der Musik aufgeschreckt. Das aus dem Zimmer dringende Licht legt um
ihre Gestalt einen goldigen Schein; seltsam flimmern die bleichen
Strahlen des Mondlichts in ihrem Haar. Ob sie wohl den Bräutigam
erkennt, der vornehm lässig am Sockel der hohen Steintreppe lehnt und
sinnend dem Spiele der Freunde lauscht?!...
Hier ist Carl Spitzweg wieder einmal der kluge, humorvolle
Lebenskünstler, der schalkhaft all die Personen vor uns hinstellt,
wie auf der Bühne. Sie stehen gespreizt, etwa wie Schauspieler, ihre
Bewegungen haben etwas Geziertes. Sie wollen der Braut des Freundes
ihre beste Kunst zeigen und spielen begeistert. Diese acht jungen
Männer sind die echten Vertreter der guten, alten Zeit, jener Zeit, da
die Menschen noch nicht das rasende, nervenzerrüttende Tempo der Eil-
und ~D~-Züge, Autos und Flugzeuge kannten, als vielmehr die dicken,
schweren Gäule die behaglich gemütliche Postkutschen zogen.