Nun könnte wohl jemand denken, eine so feine Dame spielt wohl einmal

zum Zeitvertreib mit ihrem Baby, aber so treu wie eine gute bürgerliche

Mutter sorgt sie doch nicht für die Kinder; sie hat Angestellte, eine

Amme, und später eine Kindergärtnerin; dann wird eine Erzieherin

gehalten oder ein Hauslehrer; und die vielen gesellschaftlichen

Verpflichtungen lassen ihr keine Zeit; oft sieht sie wohl die Kinder

tagelang nicht. Nun, englische Sitte ist das ganz und gar nicht, und

in unserem Falle war es gewiß nicht so. Georgiana hat ihre Kinder

selbst genährt, um der vornehmen Gesellschaft ein gutes Beispiel zu

geben, und das fand tatsächlich Nachahmung: es wurde die Regel. Und

überhaupt haben es die Kinder in England immer gut gehabt, wenigstens

die der höheren Stände: sie regieren eigentlich das Haus, um sie dreht

sich alles, sie gelten als der höchste Schatz der Familie. Sie wachsen

auf dem Lande oder im Eigenheim der grünen Vorstadt auf und spielen

den lieben Tag lang in den herrlichen Parks und Gärten, die zu solchen

Landsitzen und Villen gehören. Ihnen wird das luftigste Sonnenzimmer

eingeräumt, das, weiß in weiß gehalten, den fröhlichsten Eindruck

macht; ihre Frische und Gesundheit ist die Hauptsorge der Eltern. Auf

Lernen kommt es nicht so sehr an. Sport und Spiel, sich zurechtfinden

im Leben, Benehmen und Charakter ist die Losung. Dem Adel machen das

die besseren bürgerlichen Kreise nach, so weit es in ihren Kräften

steht. Freilich dazu gehört Wohlstand. Aber England ist reich. Und

mag auch heute das Kinderelend in den großen Städten und zumal in den

schmutzigen Seitenstraßen Londons erschreckend sein, so hat doch seit

Jahrhunderten jeder Engländer, der es sich leisten konnte, der Pflege

der Kinder die größte Sorgfalt gewidmet.

Gerade unser Maler, _Sir Joshua Reynolds_, ist ein sprechender Zeuge

dafür. Wie lacht und strahlt uns Englands vornehme Jugend aus Dutzenden

seiner Bilder entgegen, wie gewichtig präsentieren sich die kleinen

Lords und Ladies, wie lebendig, reizend und unschuldsvoll spielt das

junge Volk mit der Mutter oder mit den treuen Freunden, den Hunden,

die auch zur Familie gehören, wie andachtsvoll beten die Kleinen ihr

Nachtgebet, wie gesittet benehmen sie sich! Aus so glücklicher Jugend

erwächst dann jener selbstsichere Menschenschlag, der stolz und klar,

etwas verwöhnt, aber gesund an Körper und Geist, mit geschultem Takt in

allen Lagen stets das Richtige trifft; jene starken, sehnigen Jünglinge

und Männer, die immer noch etwas vom Jungen an sich tragen, praktisch

durch und durch, auf Leben, Welt, Natur mit gesundem Menschenverstand

gerichtet, Herrenmenschen voll Haltung und Energie, die wissen, was

sie wollen, und leisten, was zu leisten ist, die sich zu benehmen

verstehen, aber auch recht rücksichtslos sein können und alles in

allem das Ideal des Gentleman darstellen -- und jene schlanken,

hoch aufgeschossenen Mädchen und Frauen mit den ovalgeschnittenen,

gleichförmigen Gesichtern, voll Elastizität, Grazie, Anmut und edelster

Haltung, die erblüht sind wie Lilien auf dem Felde und eine eigene

englische Art von Schönheit haben, die man mit Entzücken anschaut.

Solche Menschen auf der Höhe des Daseins, Mann und Weib, Jung und Alt,

hat uns Reynolds, der größte Porträtmaler des 18. Jahrhunderts, zu

Hunderten in voller Leibhaftigkeit vor Augen gezaubert.

Zu ihnen gehört auch die Herzogin Georgiana. Sie war eine gute Mutter,

und die kleine Hampelliese, die auch Georgiana heißt und später auch

eine vornehme Frau und glückliche Mutter, eine Gräfin Carlisle,

geworden ist, hat zeitlebens an ihr mit Ehrfurcht und Liebe gehangen.

Aber die Herzogin verband damit die Vorzüge der großen Weltdame. Sie

war -- trotz der Königin -- die erste Frau der englischen Gesellschaft.

Sie gab den Ton, sie gab die Mode an. Alle Welt ahmte ihr nach, nicht

nur, als sie ihren Kindern die Brust reichte: auch als sie die steifen

Reifröcke der Rokokozeit ablegte, als sie die großen Federhüte erfand,

die auf so manchen Bildern der Zeit das Lockenhaupt der vornehmen

Damen wie ein Heiligenschein umgeben. Sie war reich, schön, von hohem

Rang; ihre bestrickende Anmut, ihr Zartgefühl, ihr Geist, ihre lustige

Schlagfertigkeit zog alle in ihren Bann, die ihr nahe kamen. Ihre

Empfänge, die Feste, die sie gab, waren weltberühmt und versammelten

das hoffähige und gebildete England in ihren Räumen. Sie hatte Sinn

und Interesse für alles, was geistige Werte schafft, und versuchte

sich auch selbst mit Glück in der Poesie: ihr Gedicht: Der Übergang

über den St. Gotthard gehört zu den schönsten Reisebeschreibungen in

gebundener Form, und auch in französischer Sprache machte sie gute

Verse. Sie sammelte Gemälde, Stiche, Handzeichnungen und Altertümer

und pflog Verkehr mit Philosophen, Malern und Dichtern; keinen

Augenblick schwankte sie, den großen Menschendarsteller und Entdecker

Shakespeares, Garrick, in ihr Haus zu ziehen und ebenso den jungen

Sheridan mit seiner liebreizenden Gattin, die ihre Laufbahn als

Sängerin Händelscher Oratorien aufgegeben hatte, um dem unbekannten

Literaten ihre Hand zu reichen -- und solche Förderung des Talentes

war damals eine Tat, da Schauspieler und Sänger noch keineswegs

in allgemeiner Achtung standen, sondern mit besseren Trinkgeldern

abgefunden zu werden pflegten. Sie gründete auch den ersten Frauenklub,

der prachtvolle Bälle gab, zu denen auch die Herren der Schöpfung

eingeladen wurden und bei Spiel und Tanz angeregten Umgang pflegen

konnten. Bei keiner großen Veranstaltung des öffentlichen Lebens

fehlte sie. So hat sie dem Aufstieg der ersten Luftballons -- welch

ein Ereignis für das damalige London! -- mit Würde beigewohnt und dem

wackeren Blanchard das haltende Tau zerschnitten. Auch politisch war

sie interessiert. Sie stand mit ihrem Gemahl auf seiten der Opposition,

der Whigs, die eine reine Parlamentsherrschaft anstrebten, und bekannt

ist die Anekdote, wie sie für den ihr befreundeten Staatsmann Fox bei

seiner Wahl in Westminster temperamentvoll eintrat: sie begab sich mit

einer ebenso schönen Freundin, Lady Crewe (die Reynolds auch gemalt

hat), in das verräucherte Wahllokal, um Stimmen für ihn zu werben

und soll einem dicken Fleischer, der sonst unter keinen Umständen zu

erkaufen war, sogar einen Kuß zugestanden haben. Sie wirkte allerdings

bezaubernd auf die Männerwelt. Einen braven Farmer hörte man bei einem

Pferderennen sagen, als er sie sah: „Wäre ich der Allmächtige, sie

müßte die Himmelskönigin sein!“ Man verglich sie wohl mit der Königin

Marie Antoinette, und gewiß ist, daß sie an Schönheit, Liebreiz und

Geist mit ihr wetteifern durfte, und daß das Leben am Hofe Georgs III.

an den Stil ihres Daseins nicht heranreichte. Man verehrte sie wie

eine Göttin, und sie besaß etwas von ewiger Jugend und Anmut. Als sie

im 49. Lebensjahre starb, galt sie noch immer als die lieblichste Frau

Englands.

Joshua Reynolds hat diese seltene Menschenblüte dreimal gemalt, schon

als sechsjähriges Mädchen mit ihrer Mutter, der Gräfin Spencer, dann

als junge Frau und wiederum auf unserem Bilde als glückliche Mutter, in

ihrem 27. Lebensjahre, wohl zur Feier der zehnjährigen Hochzeit, denn

schon mit 17 Jahren hatte sie dem blühenden Gatten sich verbunden. Auch

der andere große Maler der Zeit, Gainsborough, hat ihre prachtvolle

Erscheinung in einem majestätischen Bilde festgehalten; auch hier wirkt

sie wie ein Wesen höherer Art, geadelt durch alle Reize einer schönen,

starken und freien Persönlichkeit. Doch Reynolds hat ihr tiefer ins

Herz geblickt: er sah, daß das echt Weibliche, das Mütterliche, ihrer

Anmut erst die höchste Weihe gab.

Und darin eben liegt die Kunst Reynolds’ überhaupt: er war ein großer

Psychologe. Er durchschaute die Menschen, fühlte mit sicherem Instinkt

den Kern ihres Wesens heraus und verstand es, die Seele selbst

zu malen. Wohl selten haben Verstandesschärfe und künstlerisches

Empfinden einen so engen Bund geschlossen, wie bei ihm. Sein ganzes

Dasein war auf Beobachtung gestellt, nichts entging seinem scharfen

Auge; aber er blieb nicht in den Einzelheiten stecken: sein Geist

ergänzte treffsicher, und seine Hand zauberte Leben. Klug, ehrgeizig,

talentvoll, wollte er, der Sohn eines armen Geistlichen und

Schulmeisters, die Prophezeiung wahrmachen, daß seinem England ein

Raffael entstehen werde. So schulte er mit nie versagendem Fleiße und

bohrendem Verstande sein Auge an den alten Meistern und an der Natur

selbst und versäumte keine Gelegenheit, den Erscheinungen des Lebens

auf den Grund zu gehen. Er war als Maler zugleich ein Rechner, ein

Philosoph und ein Dichter, d. h. er beobachtete Menschen und Dinge

mit denkender Zergliederung und nachschaffender Phantasie. Er hatte

ein erstaunliches Gedächtnis und griff aus dem riesigen Schatz seiner

malerischen Erinnerungen leicht das heraus, was er gerade brauchte.

Er nahm von den alten großen Meistern, was ihm im Einzelfall gut

deuchte: Gruppierung, Stellung, Farbenton; sein Streben war, die

Licht- und Schattenwirkung Rembrandts mit der glühenden Farbenpracht

der Venezianer, zumal Tizians, und dann des großen Vlamen Rubens zu

vereinigen; dabei war er aber keineswegs sklavischer Nachahmer.

Vielmehr waren ihm die Regeln der Alten und ihre Malweise allmählich so

in Fleisch und Blut übergegangen, daß er vieles unbewußt erneuerte, und

er versenkte sich so tief in die Eigenart seines Modells, daß es ihm

gelang, aus den erborgten Elementen ein einheitliches Ganzes, ja etwas

wirklich Neues von größter Überzeugungskraft zu schaffen.

Alle seine Werke sind bis ins einzelste auf die Wirkung berechnet, und

doch stört diese nüchterne Verstandesarbeit den Beobachter kaum, denn

sie ist ganz mit Geist durchtränkt: sein Formgefühl ist von der größten

Feinheit und Sicherheit, und er erfaßt stets den ganzen Menschen.

Und mehr noch: aus jedem Bilde leuchtet zugleich eine Idee heraus,

die rein darzustellen ihm gelingt. Von dem platt Wirklichen, von den

Unvollkommenheiten der Natur sieht er ab, um die tiefere Wahrheit

herauszuholen. Ruhe und Einfachheit herrschen in seinen Bildern, auch

in bezug auf die Farbengebung. Fern liegt ihm alles prickelnde oder

erkünstelte Spiel mit kleinen Lichtern oder ein aufdringliches Hasten

nach Farbengegensätzen; alles ist auf einen großen Ton gestimmt. Und

sofort springt die Hauptfigur, die Haupthandlung hervor. Das Zufällige

tritt zurück, das Charakteristische wird herausgehoben und im Sinne

einer ihm vorschwebenden Idee vervollkommnet, erhöht, geadelt,

zum allgemeinen Typus eines Standes, einer Lebensstimmung, einer

Gemütsverfassung oder Geistesrichtung erweitert. Dadurch erst kommt die

überzeugende Lebenswahrheit seiner Porträts zustande. Die Eigenart des

einzelnen ist scharf wiedergegeben. Wie blicken uns diese Personen aus

seinen Bildern an: die einen kalt, überlegen, energisch, willensstark,

die andern heiter, strahlend oder gütig; wieder andere selbstbewußt,

ja blasiert, oder auch nachdenklich oder wiederum stürmisch; die

Männer im Gefühl ihrer Würde und Stellung, die Frauen im Bewußtsein

ihrer Reize, stolz, abweisend, oder auch elegisch, unbewußt lieblich

und von süßer Zartheit, und die Kinder wiederum frisch und fröhlich,

lustig-herrenhaft, oder auch rührend engelgleich, andächtig und eine

große Zukunft ahnen lassend -- immer doch fühlen wir: sie stellen bei

aller Sonderheit eine ganze Gruppe, eine Klasse dar. Sie huldigen dem

leichten Daseinsgenuß jener überfeinerten Gesellschaft, oder leben

in ernster Pflichterfüllung den idealen Pflichten eines bestimmten

Berufes; hier ist ein englischer Lord in seiner Hoheit, hier eine

vornehme Dame der ersten Kreise, oder wiederum eine glückliche Mutter,

hier ein tiefsinniger Gelehrter, ein glänzender Redner, ein genialer

Schauspieler, ein Dichter voll Tiefe und Gehalt, ein wackerer Haudegen

oder ein Schwerhöriger. Wir sehen, wes Geistes Kind der Dargestellte

ist, aus Gesicht, aus Haltung und Händen und empfinden ihn zugleich als

Vertreter eines fest umrissenen Kulturkreis es, als ein Mitglied einer

größeren Gemeinschaft. So wird jedes Porträt eine Seelenoffenbarung

von höchstem Stimmungsgehalt und überzeugender Allgemeingültigkeit.

Wir bewundern immer von neuem die durchdringende Menschenkenntnis des

Malers und sehen in ihm neben den Dichtern seiner Zeit den größten

Schilderer des Adels und des guten Bürgertums im England des 18.

Jahrhunderts.

Sein Drang zum Typischen und Allgemeinen geht wohl manchmal weiter, als

wir heute gutheißen. So wird die schöne Schauspielerin Sarah Siddons

als tragische Muse dargestellt und schwebt nun auf einem Sessel in

den Wolken, oder die reizende Lady Bunbury opfert als Priesterin der

Schönheit den Grazien und wäre uns doch lieber ohne diese Verkleidung.

Doch was will diese Unterstreichung des Ideengehalts oder auch des

Anekdotisch-Genrehaften bedeuten gegen die hinreißende Kraft der

Menschenschilderung, die diesem großen Seelenkünder eigen ist. Seine

Bilder sind gewiß gesteigert im Ausdruck, aber sie heben auch den Geist

über die unmittelbare Gegenwart hinaus, sie wärmen das Herz und reißen

fort; seine Kunst wendet sich an den Funken der Gottheit in unserem

Innern und hat etwas Befreiendes.

Mit vollem Bewußtsein hat Reynolds in diesem Sinne gemalt. Er hat

tief und lange über die Grundlagen seiner Kunst nachgedacht und

die Ergebnisse seines Nachdenkens und seiner Erfahrung in einer

Reihe von Schriften und Reden der Öffentlichkeit unterbreitet. Als

Begründer und erster, langjähriger Präsident der Akademie der Künste

erfüllte er den Nachwuchs mit seinen Gedanken. Es gab vor ihm keine

feste Überlieferung für die Maler in England. Gemalt hatten zwar

große Meister, wie Holbein, van Dyck und Rubens, aber die Stürme der

Revolution und die Kunstfeindschaft der siegreichen, allein auf die

Herrschaft religiös-politischer Ideen gerichteten Puritaner hatten

eine eigene englische Entwickelung der Kunst unterbunden. Erst

Reynolds hat aus Italien, wohin ihn ein glücklicher Stern führte,

die Anregungen mitgebracht, die über die brave, aber trockene Art

seines Lehrers Hudson und die derb-satirische Karikaturenzeichnung

des Sittenschilderers Hogarth hinaus zu einer an den klassischen

Stil mahnenden, aber das innerste Leben Englands auf eigene Art

wiedergebenden Kunst führten. In ähnlichen Bahnen bewegten sich

dann seine großen Mitstreiter Gainsborough, Romney und Ramsay, und

gemeinsam schufen sie nun eine bodenständige englische Malerei.

Reynolds wurde der Führer, weil er eine Persönlichkeit großen Stiles

war.

Aus ärmlichen Verhältnissen arbeitete er sich durch bewundernswerten

Fleiß und reife Intelligenz empor. Einige seiner Bilder machten

Aufsehen: er fand Eingang in die beste Gesellschaft und nahm sofort

riesige Preise. Er forderte 25, dann 35, schließlich 70 bis 100

Pfund für ein Porträt je nach der Größe, d. h. nach heutiger Währung

7500-30000 Mark; sein Jahreseinkommen stieg bald auf 6000 Pfund

(= 1880000 Mark); denn er malte im Jahre wohl 150 Bilder und mehr;

über 2000 Porträts von ihm sind erhalten, und 92 Kupferstecher haben

Stiche nach seinen Bildern gemacht. Seine Lebenshaltung richtete er

entsprechend ein. Er wohnte in einem Palast, den er mit feinstem

Geschmack ausstattete, legte sich eine Galerie alter Meister und

eigener Werke an, hielt sich Equipage und Dienerschaft und gab

glänzende Gastmähler, bei denen das vornehme und geistige London sich

zu gemütlichem Stelldichein traf. Er fühlte sich durchaus jedem Lord

gleichwertig und wurde als voll anerkannt, auch tatsächlich bei der

Gründung der Akademie in den Adelsstand erhoben. Neben der hoffähigen

Gesellschaft suchte er aber auch den Umgang von Staatsmännern,

Gelehrten, Dichtern und bedeutenden Menschen jeder Art; es gibt kaum

einen berühmten Namen, dem wir nicht in seinem Kreise begegnen.

Zu seiner Tafelrunde gehörten die Politiker Fox und Burke, der

Schauspieler Garrick, der Balladensammler Percy, die Malerin Angelika

Kauffmann, die Dichter Sterne und Sheridan; seine vertrautesten

Freunde aber waren der Verfasser des Landpredigers von Wakefield,

Oliver Goldsmith, der ihm sein Verlassenes Dorf gewidmet hat, und

der Gottsched Englands, der kluge Literat Dr. Johnson. Wie sprühte

da der Geist, wie fuhren die Witze hin und her, wie ernst wurden die

politischen, philosophischen und künstlerischen Fragen des Tages

verhandelt! Und wenn die Stimmung einmal unter den heißgewordenen

Geistern erregter wurde, so beschwichtigte der Hausherr durch seine

Gelassenheit und Ruhe den Sturm und fand einen Ausgleich im Streite.

Denn er stand immer über den Parteien und studierte mit Behagen

Charaktere und Gesichtsausdruck, Mienenspiel und Haltung auch bei

solchen Gelegenheiten; er trieb stets praktische Seelenkunde und

machte auch die Freunde seiner Kunst dienstbar. Er war ein rechter

Lebenskünstler, auch im Verkehr mit den vornehmen Frauen, die sich in

sein Atelier drängten. Er wurde wohl mit einem Frauenarzt verglichen:

so vorsichtig, taktvoll und feinfühlig nahm er auf die Eigenart seiner

weiblichen Kundschaft Rücksicht. Der hinreißende Zauber seines Wesens,

sein bescheidenes, ritterliches, aber festes Auftreten, die angenehme

Unterhaltung, die er beim Malen bot, der Scharfblick, mit dem er das

Einzigartige einer Erscheinung zu erfassen und die passendste Form

der Darstellung zu finden verstand, und der Adel, den er allen seinen

Schöpfungen aufdrückte, öffneten ihm die Herzen und ließen ihn alle

Mitbewerber schlagen. Und so verstand er, der alte Junggeselle, es

auch, den Rattenfänger zu spielen und die Kinder an sich zu fesseln.

Er schloß mit ihnen Freundschaft, erzählte ihnen Märchen und artige

Geschichten, wenn sie unruhig wurden, und wußte so recht als der liebe

Onkel mit ihnen umzugehen. Nie zeigte er eine Verstimmung; es lohnte

sich ihm nicht, sich zu ärgern; selbst seine zunehmende Taubheit,

die Folge einer schweren Erkältung im Vatikan, trug er mit Würde,

Geduld und Humor. Harmonisch und abgeklärt, praktisch, weltklug und

gewandt, ein Mann von Geschmack und Kultur, mehr Verstandes- als

Gemütsmensch, ein wenig zurückhaltend und sich nie ganz hingebend,

aber doch gütig und wohlwollend, von offener Hand für seine Freunde

und Verwandten, allem Edlen zugetan, auf der Höhe der Bildung seiner

Zeit -- so war sein Wesen. So steht er vor uns als ein würdiger

Vertreter des geistigen Englands jener Tage: ein echter Gentleman. Und

daraus erklären sich auch seine beispiellosen Erfolge: er verstand die

vornehmen Leute, die sich bei ihm malen ließen, er schaute in ihre

tiefste Seele. War er doch ihresgleichen.

Gainsborough mag uns heute als Künstler wahrer und moderner erscheinen,

er mag auch der Tiefere und Genialere gewesen sein, der mehr unbewußt

aus dem heißen Drange der Natur heraus schuf und, frei von akademischen

Theorien und alten Vorbildern, ein Meister der reinen Farbenwirkung

wurde: Reynolds bleibt der getreueste Offenbarer der englischen Seele,

der Begründer der englischen Malerei und der Fürst der Maler seiner

Zeit. Als ein Fürst ist er auch bestattet worden; in der Paulskirche,

dem Pantheon Englands, wo auch van Dyck begraben liegt, fand er seine

Ruhestätte. Drei Herzöge, zwei Marquis, drei Earls und zwei Lords

hielten das Bahrtuch, als der imposante Leichenwagen sich durch die

beflaggten Straßen Londons bewegte, gefolgt von etwa hundert Kutschen

und einer unübersehbaren Menschenmenge. Man wußte, daß man einen der

Besten zu Grabe trug. Noch heute ist England mit Recht stolz auf diesen

seinen großen Sohn.

_Arnold Reimann._

Napoleon auf dem St. Bernhard

Von Jacques Louis David

Geboren 31. August 1748 in Paris, gestorben 29. Dezember 1825 in

Brüssel. -- Museum in Versailles; drei Wiederholungen, eine davon

im Berliner Schloß

Bild 22

_Karl_: Ach, sieh mal! Da ist ja Napoleon: das berühmte Bild von David!

_Otto_: Das kann er doch nicht sein. Es fehlt ja jede Ähnlichkeit.

_Karl_: Ist denn Ähnlichkeit die Hauptsache bei einem Porträt? Es kommt

doch vielmehr auf das Charakteristische an; der Künstler soll seine

besondere Auffassung zur Geltung bringen und sich so in die fremde

Persönlichkeit versenken, daß er ihr Wesen im Innersten erfaßt; er soll

sie von den Schlacken des zufälligen Aussehens befreien und nur das

Dauernde, das Geistige, das wahre Sein zum Ausdruck bringen. Sonst wäre

ja auch die Photographie das beste Porträt.

_Otto_: Schade, daß man damals noch nicht photographieren konnte; sonst

wüßte man wenigstens, wie Napoleon ausgesehen hat.

_Karl_: Nun, er selbst hat auf Ähnlichkeit keinen Wert gelegt und

deshalb zu diesem Bilde auch nicht gesessen; das war ihm viel zu

langweilig, und er hatte keine Zeit dazu. Als ihm David einwandte, das

Bild würde dann nicht ähnlich werden, gab er zur Antwort: „Ähnlich?

Besteht denn die Ähnlichkeit in der Genauigkeit, mit der man die

Gesichtszüge oder etwa eine kleine Erbse an der Nase auf die Leinwand

bringt? Den Charakter, das Wesen der Persönlichkeit, das, was ihr Leben

gibt, muß man malen!“ -- Das eine schließt das andere nicht aus, meinte

der Maler, worauf Napoleon fortfuhr: „Sicherlich hat Alexander dem

Apelles nicht gesessen. Niemand fragt danach, ob die Porträts großer

Männer ähnlich sind. Wenn nur ihr Geist in ihnen lebt!“ -- Da gab sich

David gefangen: „Sie lehren mich die Kunst zu malen; im Ernst, ich habe

die Malkunst noch nicht aus diesem Gesichtspunkt betrachtet. Nein,

Sie sollen nicht sitzen; ich will Sie doch malen, ich werde es schon

machen!“

_Otto_: Da hat der Maler dem Kaiser aber eine schöne Schmeichelei

gesagt!

_Karl_: Aber Napoleon hat recht. Und daß du ihn Kaiser nennst, beweist,

daß David ein gutes Bild gemalt hat. Denn es war im Jahre 1800, nach

der siegreichen Schlacht bei Marengo; Napoleon war noch lange nicht

Kaiser, sondern nur Erster Konsul; aber eben das unbedingt Sieghafte,

das Herrschergewaltige, das Kaiserliche wollte der Künstler darstellen:

Keine Macht der Erde hat dieser Mann zu fürchten. Was er will, wird er

durchsetzen. Ihn schreckt nicht Schnee noch Eis, nicht die unwirtliche

Höhe des Bergriesen St. Bernhard, nicht der tobende Sturm, der ihm fast

den Mantel von der Schulter reißt; er wird die Alpen überwinden, wie

einst Hannibal, wie Karl der Große, dessen Reich er wieder aufrichten

will. Er wird seine Truppen von Sieg zu Sieg führen, er wird Frankreich

zur ersten Macht der Welt erhöhen. Er regiert ja schon jetzt den Staat,

so sicher und selbstverständlich, wie er das edle Roß zügelt, auf

dem er reitet. Dieses Roß, stolz, stark, sich aufbäumend vor Feuer

und innerem Leben, sturmgepeitscht und auf den vereisten Stufen des

himmelanstrebenden Weges ein wenig ratlos, gehorcht doch so willig dem

leisesten Schenkeldruck des fest im Sattel sitzenden Herrn; der Reiter

braucht nicht einmal den Zügel, so fest er ihn auch in der Hand hält;

sein Wille überträgt sich von selbst. Dieses Roß stellt Frankreich

dar, das glorreiche Frankreich der Revolution, das der werdende

Imperator auf die Höhe des Ruhmes und der Macht führt. Seine Hand weist

aufwärts mit befehlender Gebärde: „Dorthin müssen wir, koste es, was

es wolle. Dort, jenseits der Berge, liegt das Heil: Italien müssen wir

beherrschen und das Mittelmeer, dann werden wir auch mit den Engländern

fertig werden, dem Erbfeind seit Jahrhunderten! Dann werden wir die

Herren Europas werden, werden Schätze heimführen, wieder reich und

mächtig sein und ein Kolonialreich bekommen, größer und herrlicher, als

es uns die Briten im Siebenjährigen Kriege gestohlen haben. Dann wird

sich’s zeigen, daß die Revolution Kräfte entbunden hat, wie sie unter

der jammervollen Politik der Könige und der Adelsherrschaft niemand

unserem Volke zugetraut hat! Ich aber will euer Führer sein, euer

Held und Kaiser; denn Männer machen die Geschichte, und nur der große

Einzelne bringt die Welt vorwärts!“

_Otto_: Ja, so spricht wohl ein Theaterheld, und ich kann mir nicht

helfen, das ganze Bild hat etwas vom Theater an sich. Pferd und Reiter

sind zu elegant für die Umgebung. In Schnee und Eis, im unwegsamen

Gebirge, nach anstrengenden Märschen sieht man anders aus. Und mir

kommt das bergan springende Pferd beinahe komisch vor. Wo will es denn

hin auf dem Stufenweg, der so steil ist, daß die Soldaten ihn nicht

benutzen können? Und die Haltung des Reiters ist zirkusmäßig. Er gibt

eine Vorstellung. Auch finde ich das Gesicht leer und ausdruckslos;

dazu ist der rechte Arm falsch angewachsen, er sitzt ja viel zu hoch;

und die Beine sind zu lang. Napoleon war viel kleiner, und auch dicker.

Gemälde und ihre Meister · 第 13 / 25 段