Kleine Iris, du trägst deinen zarten Blumennamen mit Recht! Gleich

einer Blume, die ihren Blütenkelch aus den starren Blättern erhebt und

sich leise im Winde schaukelt, wächst dein feiner Leib aus dem schweren

Faltenwerke des Rockes empor und neigt sich dein Lockenköpfchen, als

wäre die Musik ein Hauch, der es bewegt.

Nein! du bist keine Ballkönigin, kein Kind dieser Welt, sondern ein

Wesen aus einem Traumreiche. Unbeschreiblich zart und anmutig wie

dein Körper ist dein Lächeln und der Elfenbeinschmelz deiner Haut;

wie ein Schmetterling über der Blüte zittert das zierlich gefältelte

Häubchen auf deinem blonden Haar. Und wie die Harmonie des Dreiklangs

eine liebliche Melodie begleitet, so rauscht die Farbe deines rot,

grün und silberhell gestreiften Kleides zu den schwingenden Linien des

Umrisses deiner Gestalt. Von welcher Art war wohl der Künstler, der

dich erträumte? Muß er nicht ein Glückskind gewesen sein, dem Kummer

und Sorgen zeit seines Lebens fernblieben?

Jean Antoine Watteau, den die Franzosen so gern den französischsten der

Maler nennen, stammte nicht aus Frankreich, sondern aus der flämischen,

heute belgischen Stadt Valenciennes, die allerdings kurz vor seiner

Geburt (1684) unter die Herrschaft des raubsüchtigen französischen

Königs Ludwig XIV. gekommen war. Schon früh muß sich seine Begabung

gezeigt haben, denn sein Vater, ein biederer Dachdeckermeister,

schickte ihn als Kind bereits in die Lehre zu einem der angesehensten

Maler der Stadt. Aber, wie erzählt wird, ging der Knabe bald seine

eigenen Wege; das fröhliche Leben und Treiben auf dem großen

Marktplatze fesselte ihn mehr als die strengen Schulregeln; dort

trieben Gaukler, Seiltänzer und allerlei Abenteurer ihr Spiel, die er

mit flinkem Stifte nach der Natur zeichnen konnte. Nach dem Tode seines

Lehrers verließ der achtzehnjährige Jüngling plötzlich die Heimat und

zog nach Paris, der Stadt seiner Sehnsucht. Aber seine Träume von Glück

und Ruhm sollten sich nicht so bald erfüllen.

Vollständig mittellos, stand er allein in der großen Stadt und

mußte sich bei einem kleinen Bilderhändler mit untergeordneten

Malarbeiten seinen Teller Suppe verdienen, bis durch Vermittlung einer

seiner Landsleute, Claude Gillot, ein bekannter und vielseitiger

Dekorationsmaler auf ihn aufmerksam wurde und sich seiner annahm.

Bei ihm konnte der junge Anton seine Begabung endlich entfalten;

hier lernte er Fächer, Wandschirme und Zimmervertäfelungen mit jenem

geistreichen, liebenswürdigen Rankenwerke bemalen, womit er seine

Zeitgenossen entzückte, hier konnte er seiner Phantasie freien Lauf

lassen und dem neuen heiteren Stile, dem zierlichen „Rokoko“, den Weg

bereiten.

Die lange, über ein halbes Jahrhundert währende Regierung Ludwigs XIV.,

des „Sonnenkönigs“, wie ihn die Franzosen mit Stolz nannten, neigte

sich ihrem Ende zu. Großzügig, aber tyrannisch hatte dieser Fürst nicht

allein die Politik seiner Zeit, sondern auch die Kunst, ja selbst die

Natur seinem Willen unterworfen: alles mußte der Verherrlichung seiner

Person, seiner unersättlichen Ruhmsucht dienen. Wie seine Minister und

Generäle das Staats- und Heereswesen neu organisierten, so mußten auch

die Dichter, Baumeister und bildenden Künstler der „Großen Kunst“ neue

Regeln und Gesetze schaffen.

Schwer und prunkvoll wie die Paläste, waren die Möbel, welche die

mächtigen Säle füllten; die Maler und Bildhauer mußten in dekorativen

Riesenwerken die Taten des Königs verherrlichen und jede selbständige

Äußerung ihres Talentes unter dem Zwange der steifen Mode unterdrücken.

Selbst die Gartenkunst wurde ihrer Freiheit und Leichtigkeit beraubt;

die Hecken und Bäume wurden beschnitten, daß sie wie Mauern und

Türme wirkten, die Wege in gerade, feierliche Bahnen gezwungen. Ein

kalter, schwerer Glanz lag wie Meltau über dem natürlichen Leben und

drohte, es zu ersticken. Doch die unsichtbaren, sich immer erneuernden

Lebensquellen und Kräfte lassen sich auf die Dauer nicht vergewaltigen;

plötzlich brechen sie hervor und befruchten den dürrgewordenen Boden,

so daß er neue, niegesehene Blumen sprießen läßt.

Als der junge Watteau im Jahre 1702 nach Paris kam, begannen sich diese

Kräfte schon allenthalben zu regen. Die Willenskraft des alternden

Königs fing an nachzulassen; man war des steifen höfischen Zwanges

überdrüssig geworden, und die Adligen zogen sich mehr und mehr vom Hofe

zurück, um sich freier und ungebundener bewegen zu können.

Sie ließen sich kleinere, leichtere Schlösser und Hotels bauen, die

zwar im Äußeren noch die Formen des strengen starren Stils zur Schau

trugen, dafür aber im Inneren leichter und wohnlicher wurden; und die

Bedürfnisse der vornehmen Welt begegneten der Sehnsucht der jüngeren

Künstler nach größerer Natürlichkeit und Ungezwungenheit. So entstanden

auch jene dekorativen Malereien als Schmuck von Wand- und Türfüllungen,

in denen es Watteau bald seinem Lehrmeister Gillot zuvortat.

Aber seine Lehrzeit war noch nicht beendet. Einige Jahre später finden

wir ihn bei Claude Audran, dem Haupte einer berühmten Malerfamilie,

dem Kastellan des Luxembourg-Palastes, in dessen Diensten er den

Pinsel noch freier und sicherer führen lernte. Doch wichtiger als die

ermüdenden und ihn auf die Dauer langweilenden Aufgaben der dekorativen

Malerei war es ihm hier, sein Auge mit neuen, ungeahnten Eindrücken

sättigen zu können. Wie er als Knabe die Gaukler und Abenteurer

konterfeit hatte, so durfte er hier in den schattigen Wandelgängen

des breiten Parkes, den die Hand des modischen Gärtners zum Glücke

unberührt gelassen hatte, das Stelldichein der vornehmen Damen und

Herren von Paris beobachten und in den hohen Räumen des Schlosses die

farbenprächtigen Bilder der venezianischen Meister und seines großen

Landsmannes Rubens bewundern und studieren. Hier erwachte in ihm die

Sehnsucht nach Italien, nach der klaren Luft und den starken Farben des

Südens. Er wurde Schüler der Akademie, um im Wettbewerbe über seine

Studiengenossen siegen und den Rompreis, die freie Fahrt nach Italien,

erringen zu können. Allein seine Hoffnung erfüllte sich nicht; er mußte

sich mit dem zweiten Preise begnügen.

Unmutig wandte er Paris den Rücken und begab sich nach seiner Heimat

zurück. Doch was sollte er in der kleinen bürgerlichen Provinzstadt,

wo niemand ihn verstehen konnte? Paris, das undankbare Paris hatte es

ihm doch angetan! Zum zweiten Male versuchte er sein Glück bei der

Akademie, und jetzt gelang es ihm über alles Erwarten. In stummer

Bewunderung blieb der greise Kanzler der Akademie vor den eingesandten

Bildern Watteaus stehen, und einstimmig wurde dieser für würdig

befunden, als Mitglied aufgenommen zu werden; ja es wurde ihm sogar

überlassen, selbst den Vorwurf seines Aufnahmebildes zu wählen.

Aber merkwürdig, sein Ehrgeiz schien erloschen. Fünf Jahre ließ er die

Akademie warten, ließ sich mahnen und drängen, bis er dann endlich 1717

in unbegreiflich kurzer Zeit das Bild auf die Leinwand zauberte, das

ihm die Würde eines Hofmalers brachte. „Meister der galanten Feste“

wurde er fortan genannt. Er schien nicht stolz auf diesen offiziellen

Titel; schon längst war er ein gemachter Mann. Die berühmtesten

Kunstsammler seiner Zeit: Crozat, Julienne, der junge Graf de Caylus,

bewarben sich um seine Freundschaft und öffneten ihm ihre reichen

Häuser, wo er nach Herzenslust seine geliebten Meister, Rubens und die

Venezianer, studieren konnte.

Ludwig XIV. hatte seine strengen Augen geschlossen, und die

langunterdrückte Lebenslust brach sich nun unter der Regentschaft des

Herzogs von Orleans, der für den unmündigen Kronprinzen die Herrschaft

führte, ungehemmt Bahn. Die Straßen wogten von fröhlichen Menschen,

Lustbarkeiten und rauschende Feste erfüllten die Paläste und Gärten

der vornehmen Welt: Leben, das Watteaus schönheitsdurstiges Auge nun

nicht mehr zu suchen brauchte; auf Schritt und Tritt bot es sich seinem

Pinsel dar. Aber wie verwandelte es sich unter seiner Hand! Wir finden

sie alle wieder auf Watteaus Bildern, alle, die scherzten und feierten

und das Dasein in vollen Zügen bis zur Neige genossen: die galanten

Kavaliere, die zarten Mädchen und Damen, die sich so anmutig zu bewegen

wußten, die Liebespaare, die Lautenspieler und Tanzenden, und dazu den

Schwarm des Komödiantenvolkes: Harlekin, Pierrot, Mezzetin, und wie

sie alle heißen. Aber wie auf seinem Preisbilde, der „Einschiffung

zur Liebesinsel Cythere“, die Pilger und Pilgerinnen von kleinen

rosigen Engeln geleitet in das Traumreich ziehen, daher sie eigentlich

stammen, so sind fast alle Gestalten des Malers traumhafte Sinnbilder

der Wirklichkeit, aus einem Zwischenreiche von Musik und Malerei, nicht

ganz wirklich und nicht ganz erlöst.

Watteau war nur eine kurze Lebensfrist bemessen; eine unheilbare

Krankheit, die Schwindsucht, zehrte an ihm. Fieberhaft und rastlos

mußte er arbeiten, um seine Träume mit der Wirklichkeit in Einklang

zu bringen. Fast alle Bilder, die von seiner Hand erhalten sind,

stammen aus seinem letzten Jahrzehnte. 1721 starb er, noch nicht

siebenunddreißig Jahre alt, von seinen Freunden herzlich betrauert,

denen er es oft wahrhaft schwer gemacht hatte; denn er war keineswegs

heiter und glücklich, wie man auf den ersten Blick nach seinen Bildern

vermuten könnte. Von unansehnlichem Äußeren, klein und schwächlich,

hegte er Mißtrauen gegen sich und andere und stand abseits vom Leben,

das ihn doch immer wieder rief.

Kleine Iris, du blickst mich plötzlich fragend und traurig an, doch

-- schon lächelst du wieder und erzählst schwebend von dem Glück, das

immer gesucht und nie gefunden wird!

_Hans Rupé._

Der Markusplatz in Venedig

Von Antonio Canale genannt Canaletto

Geboren 18. Oktober 1697 in Venedig, gestorben ebendort 20. April

1768. -- Fürstl. Liechtensteinsche Galerie in Wien

Bild 20

Fast ein halbes Jahrtausend hindurch erfreute sich die Stadt Venedig

des Ruhms, die erste Handelsseestadt Europas zu sein. Ihre natürliche

geographische Lage bestimmte sie von vornherein zur Vermittlerin

zwischen Orient und Okzident. Das verstanden die Kaufherren der Stadt

sehr geschickt auszunützen. Eine eigene mächtige Handelsflotte brachte

Waren von Konstantinopel, Kleinasien und dem unteren Ägypten --

besonders Gewürze, Gewebe und Farbstoffe -- nach Venedig, von wo aus

sie durch die Po-Ebene nach Italien, über die beiden hauptsächlichsten

Alpenstraßen nach Frankreich und vor allen Dingen über Augsburg auch

nach Deutschland gingen. Kriege, die von gemieteten Söldnerscharen

geführt wurden, unterbrachen diese Handelsbeziehungen immer nur

zeitweilig, besonders der Jahrhundertelang mit wechselndem Erfolg

geführte Kampf gegen die einzige andere italienische Seestadt, die

die Venezianer als mächtige Nebenbuhlerin betrachteten: gegen Genua.

Mehrfache Seekriege wurden gegen die Türken geführt, die allerdings

vom Beginn des 17. Jahrhunderts ab den venezianischen Besitz am

Adriatischen Meer immer mehr und mehr einengten.

In dieser, im wesentlichen durch Handel und gelegentliche kriegerische

Unternehmungen geschaffenen Atmosphäre einer Inselsiedlung bildete

sich eine ganz besondere und eigenartige Kultur heraus. Einige

vornehme Familien, die sich immer wieder untereinander vermischten

und verschwägerten, hielten Jahrhunderte hindurch die gesamte

politische Macht des Staates in Händen und bildeten bei aller

scheinbaren Freiheit des Volkes ein politisches System aus, das diese

Macht einer geschlossenen kleinen Gruppe bewahrte. Herrschte aber

auf politischem Gebiet eine strenge Ordnung, so war zum Ausgleich

dafür in den Dingen des täglichen Lebens dem Volke weite Freiheit

gelassen. Nirgends verstand man so, Feste zu feiern und jeden Anlaß

zur Erhöhung des Lebensgefühls auszunützen, wie in Venedig. Da Handel

und Wandel blühten, bereicherte sich nicht nur das beherrschende

Patriziat der Großkaufmannsfamilien, sondern es kam auch Geld unter

das Volk, und es gab genug Gelegenheiten, daß das Geld ins Rollen kam.

Wohlleben, Luxus und Verschwendung, die das venezianische Leben seit

dem 16. Jahrhundert kennzeichneten, dürfen wir uns aber nicht nur

allzu materiell vorstellen. Den derben Bauernkirmessen und holzigen

Späßen niederländischer Volksfeste stand hier eine künstlerische

Festkultur und ein Verständnis für die Schönheit selbst des kleinsten

Gebrauchsgegenstandes gegenüber, das bis in die tiefsten Schichten des

Volkes gedrungen war und zum natürlichen Sinn des Venezianers geworden

zu sein schien.

Nicht wie im Florenz der Frührenaissance war die Kunst im wesentlichen

dazu bestimmt, das Ansehen einer Herrscherfamilie zu erhöhen -- soweit

sie nicht ebenso wie in Rom dem Glanz der Kirche dienen sollte --,

sondern hier, in Venedig, kann man, mehr als im übrigen Italien der

gleichen Zeit, mit Recht von einer Volkskunst sprechen. Nicht etwa

in dem Sinne, daß, wie in gewissen bäuerlichen Kulturen fast jeder

Handwerker imstande gewesen wäre, Dinge von künstlerischer Prägung

hervorzurufen, aber doch so, daß für die Architektur der Stadt, für die

Ausmalung der Kirchen und Privatpaläste, für die Kostüme des Karnevals,

für Serenaden, Opern und andere öffentliche Musikaufführungen beinahe

jedermann offenes Auge und Ohr hatte.

Die jahrhundertelange Tradition bewirkte, daß im 18. Jahrhundert, jener

Zeit, in der man zum erstenmal begann, zu seinem _Vergnügen_ zu reisen

-- neben Rom, -- Venedig das hauptsächliche Ziel jener bevorzugten

Schicht des europäischen Adels und wohlhabenden Bürgertums wurde,

die ein Jahrzehnt des Lebens darauf verwandte, sich durch Reisen in

der angenehmsten Form weiterzubilden. Die venezianische Malerschule,

die einen Bellini, Giorgione, Tizian, Tintoretto und Paolo Veronese

hervorgebracht hatte, war weltberühmt. So wurde in vielen der Wunsch

erweckt, jene Atmosphäre in Wirklichkeit kennenzulernen, in der die

Farbe so merkwürdig leuchtend klar, so perlmutterartig schillernd sich

dem Auge darbietet, wie man es auf den Gemälden der Hauptmeister zu

bewundern gelernt hatte.

So wurde Venedig neben Paris und Rom die erste europäische Stadt, die

mit den Fremden als einem wesentlichen Bestandteil ihres sozialen

Lebens zu rechnen hatte, und hieraus ergab sich wieder eine ganz

bewußte Förderung der künstlerischen Momente. Man zog zur Gestaltung

der Karnevalsfeste, der Opernaufführungen, der historischen,

alljährlich wiederkehrenden symbolischen Vermählung des Dogen mit dem

Meere, wobei dieser auf einem prächtig geschmückten Staatsschiff auf

die Adria hinausfuhr, und zu anderen außergewöhnlichen Gelegenheiten

die bedeutendsten europäischen Künstler hinzu. So ließ man sich für

eine Reihe von vorübergehenden Festtagen die provisorisch errichteten

Baulichkeiten von großen Malern in Freskomalerei ausstatten.

Andererseits bewirkte die Rücksichtnahme auf Fremde, und mehr noch

als diese der bewußte Stolz des Stadtbürgers auf die ruhmreiche

Vergangenheit seiner Vaterstadt, eine liebevolle Behandlung und

aufmerksame Pflege der Architekturen aus der großen Zeit Venedigs und

der erhaltenen Gemälde in den Palästen des Adels und in der Kirche.

So fiel die künstlerisch bedeutungsvollste Zeit Venedigs keineswegs

mit dem Höhepunkt seiner politischen Macht oder mit den Lebzeiten der

bedeutendsten Künstler zusammen, sondern das _achtzehnte Jahrhundert_

gab als glücklicher und verständnisvoller Erbe den umfassendsten

Überblick über alle Höchstleistungen venezianischer Kunst aus den

verschiedenen vorausgegangenen Jahrhunderten.

So sehen wir auch in dem Bilde Canalettos, das den Markusplatz in

Venedig, den hauptsächlichsten Schauplatz alles öffentlichen Lebens

dieser Inselstadt, darstellt, inmitten der Pracht-Architekturen

zahlreiche Gruppen von Menschen, die sich nicht irgendeiner

bürgerlichen Beschäftigung hingeben, sondern ersichtlich als Fremde und

Betrachtende ihrer Umgebung gegenüberstehen. Ist es doch auch einer

der schönsten Plätze der Welt, auf dem sie sich befinden! Links -- vom

Beschauer aus -- die alten Prokurazien, ein Verwaltungsgebäude der

Stadt, rechts die neuen, im Hintergrund der phantastische Märchenbau

der Markuskirche und daneben das berühmte Wahrzeichen Venedigs, der

Markusturm. All diese Baulichkeiten sind zu verschiedenen Zeiten

entstanden und schließen sich doch zu einem Bilde von höchster

Einheitlichkeit und unübertrefflicher, heiterer Würde zusammen.

Die Baugeschichte all dieser einzelnen Gebäude zu geben, hieße, die

Geschichte Venedigs wiederholen.

Die Markuskirche, in der die Gebeine des heiligen Markus, des

Stadtheiligen, ruhen, kann in ihrer Bedeutung für die Baukunst nicht

leicht überschätzt werden. Der heute noch stehende Bau wurde Ende des

11. Jahrhunderts begonnen und altrömische und andere Baubestandteile

mit großer künstlerischer Freiheit verwendet. Innen und außen ist

der Bau von starker Farbigkeit, eingehüllt in ein goldschimmerndes

Kleid von Mosaiken, die in byzantinischer Zeit beginnen, und deren

letzte nach Entwürfen Tizians und Tintorettos, ja selbst nach solchen

Tiepolos und anderer venezianischer Künstler des 18. Jahrhunderts

hergestellt wurden. Die fünf mächtigen Portale der Halle in ihrer

bunten Modellierung werden von den grün patinierten, orientalisch

wirkenden Kuppeln überragt, und neben dieser spielerischen Pracht

wirkt die ernste Monumentalität des Glockenturmes wie ein gewaltiges

und eindrucksvolles Ausrufungszeichen. Ist dieser Hintergrund zwar an

und für sich etwas unruhig, so schließt er aber doch das Blickfeld

harmonisch ab.

So fein nun auch bei den seitlichen Palästen die architektonischen

Einzelheiten, namentlich die des rechten Baues, sein mögen mit ihren

schönen Säulenordnungen und den dazwischen gestellten, wundervolles

Gleichmaß atmenden Bogenöffnungen -- eine echte harmonisch ausgewogene

Bildung der Hochrenaissance --, nicht diese Schönheit der einzelnen

Form ist das Entscheidende! Viel mehr dies: daß durch die stete

Wiederholung desselben einfachen Motivs, durch die Zuführung der

Seitenstraßen auf den Platz unter den Bogengängen ohne Durchbrechung

der Platzwandung, wir gleichsam gezwungen werden, den ganzen Platz als

einen einheitlichen Raum, eine Art prächtigen Festsaales, zu empfinden.

Diese Empfindung diktiert uns wie den Menschen zu Canalettos Zeit

die Art der Bewegung, mildert die Hast unseres Ganges und zwingt uns

gleichsam, selbst lebendige und bewegliche Teile dieser prächtigen

Fest-Architektur zu werden.

Ein typisches Kind seiner Zeit war auch der Maler selbst, Antonio

Canale, gen. Canaletto, der 1697 in Venedig geboren wurde. Obwohl

diese Stadt mit ihren architektonischen und landschaftlichen Reizen

das wesentliche Stoffgebiet seiner Kunst blieb, schuf er auch

Architekturbilder aus anderen Städten, die er gelegentlich seiner

Kunstreisen kennenlernte. Diese Kunstreisen beschränkten sich

keineswegs auf Italien, wo ihn außerhalb Venedigs hauptsächlich Rom

zu klargegliederten Städtebildern anregte, sondern führten ihn über

Deutschland und Frankreich bis nach England, wo er selbst Ansichten von

London, einer Stadt, die sich in der Atmosphäre von seiner Vaterstadt

so stark unterschied, wiedergab. Doch kehrte er immer wieder nach

Venedig zurück, wo er im Jahre 1768 starb. Er darf nicht mit seinem

Schüler und Neffen, Bernardo Belotto, der ebenfalls den Beinamen

_Canaletto_ führte, verwechselt werden. Die Werke dieses Schülers

sind, verglichen mit denen seines Meisters und Oheims, nüchterner,

spröder und entbehren ganz jener flüssigen, schimmernden Licht- und

Luftstimmung, die die Bilder des eigentlichen Canaletto so besonders

reizvoll macht.

_Paul Zucker._

Die Herzogin von Devonshire mit ihrem Töchterchen

Von Sir Joshua Reynolds

Geboren 16. Juli 1723 in Plympton bei Plymouth, gestorben 23.

Februar 1792 in London. -- Im Besitz des Herzogs von Devonshire zu

Chatsworth

Bild 21

Seligstes Mutterglück! Das ist der erste, das ist der bleibende

Eindruck, den dieses köstliche, frische Bild auf den Beschauer

macht. Es ist ein herrlicher Frühlingstag; die Sonne scheint so

warm und wohlig. Da sitzt eine junge, schöne, vornehme Frau, das

feingeschnittene Gesicht von reichem Lockenschmuck umrahmt, in

eleganter Toilette auf der Veranda ihres Schlosses; unser Blick

schweift einen Moment über die Brüstung hinaus an der großen Steinvase

vorbei weit hinein in den wohlgepflegten Park mit seinen breiten,

grünen Rasenflächen und einzelstehenden Baumgruppen. Ja, diese Umgebung

paßt zu der aristokratischen Erscheinung, und auch der schwere,

aufgeraffte Vorhang, der vor dem garstigen Zuge schützt, und das

bequeme Sofa, das aber nicht zu nachlässiger Haltung verführt. Gewiß,

es muß eine Dame aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft sein; alles

atmet Gediegenheit, Vornehmheit, Reichtum. Und wirklich! Es ist eine

Herzogin, Georgiana von Devonshire, die Gemahlin eines der größten

Würdenträger von England, des Großschatzmeisters von Irland. Aber

was kümmert uns das? Wir achten des Putzes nicht, nicht der stolzen

Umgebung: wir sehen nur, wie eine Mutter in hingebender Liebe und

träumerischer Zärtlichkeit mit ihrem süßen Baby spielt, es tanzen

läßt auf ihrem Schoß. Sie hält das hampelnde, strampelnde Mädchen

fest mit dem linken Arm, daß es nicht falle bei seinem Übermut; in

schnellem Takte wippen die Knie: hoppe, hoppe, Reiter!, und mit der

hochschwingenden Rechten lehrt sie es, auch seine vollen, dicken

Ärmchen ganz, ganz hoch zu heben und mit ihr zu jauchzen: eia, eia!

Hört man nicht ordentlich das vergnügte Kreischen des kleinen, gesunden

Geschöpfes? Sieht man nicht die aufwärtssprudelnde Bewegung der Arme?

Und trommelt es nicht mit seinen niedlichen, in keine Schuhe gezwängten

Füßen so tapfer und keck, so voll Zutrauen und strahlender Lebenslust

auf den Schoß der Mutter? Hängt nicht hier Auge an Auge in seliger

Freude? Ja, sonnig ist das Dasein für sie beide, und das heitere Spiel

von Mutter und Kind beglückt auch den Beschauer und führt ihn in die

paradiesischen Zeiten der frühesten Jugend zurück. So hat auch mit uns

allen einst die Mutter gespielt, uns geherzt und geküßt, auch wenn wir

keine Herzogskinder waren. Die Mutterliebe ist gleich groß und rührend,

gleich edel und selbstlos bei hoch und niedrig, und eben sie wollte der

Maler preisen, für sie ein immerwährendes, ein typisches Beispiel geben.

Gemälde und ihre Meister · 第 12 / 25 段