Ja, seht euch dies Bild nur recht genau an -- so werdet ihr den

Maler und seine ganze Zeit und seine eigentümliche Existenz am Hofe

dieses spanischen Königs Philipp IV. ziemlich gut verstehen. Und

was ist nun das Merkwürdigste an der Erscheinung dieses Bildes?

Nichts anderes, so seltsam es klingen mag, als dieses: daß es ein

malerisches Meisterwerk ist! Fühlt ihr, wie sehr das diesen ganzen

Hof des sonst herzlich unbedeutenden Philipp IV. ehrt? Es hat weit

wichtigere, weltgeschichtlich ungleich bedeutsamere Höfe gegeben,

zumal in neuerer Zeit und kaum in sehr großer Ferne, an denen weit

schlechtere Bilder gemalt wurden, ja von denen die Meisterwerke als

unliebsame, gesinnungsverdächtige Erscheinungen mitunter geradezu

systematisch ferngehalten wurden. Im Spanien Philipps IV., im

siebzehnten Jahrhundert, aber hatte man bei Hofe einen festen und

unerschütterbaren, einen hochgebildeten Geschmack. Auch wenn man

scheinbar leere Zeremonienbilder bestellte, verlangte man untadelige,

künstlerisch abgewogene und durchgebildete und keineswegs sklavisch der

Wirklichkeit nachkopierte Meisterwerke. Der beste Maler des Landes, das

selbstherrlichste Genie war grade gut genug, um an einem solchen Hofe

der bestallte Porträtist des Königs und seiner Familie zu sein. Man

fürchtete sich nicht vor ihm und zitterte nicht vor seinen gemalten

Indiskretionen. Man versteckte auch nicht sein Menschliches vor ihm,

sondern gab es ihm gutwillig preis. Der Maler war ja ein Freund. Er

war Hofkavalier und Hofbeamter. Man wußte, er würde gegen die Etikette

nirgends verstoßen. Aber damals ahnte man vielleicht und ließ es milden

Lächelns geschehen, daß der Maler mehr gab als die Etikette; daß er

durch die ganze starre, steife und verlogene Schicht von Konvention den

wirklichen und eigentlichen Menschen aufspürte und für die Jahrhunderte

dokumentarisch festhielt.

_Franz Servaes._

Die Nachtwache

Von Rembrandt van Rijn

Geboren 15. Juli 1606 in Leiden, gestorben 4. Oktober 1669 in

Amsterdam. -- Rijks-Museum in Amsterdam.

Buntbild IV

Eine lebhaft bewegte Gruppe von Männern zieht uns aus dem Bilde in

kriegerischer Haltung entgegen. Wir sehen nicht recht, woher sie

kommen; der Hintergrund wird durch ein Tor oder die Wand eines großen

Rathauses gebildet. Entscheidend fallen zunächst die Figuren der beiden

Vordersten, des Hauptmanns Frans Banning Cocq und seines in hellgelben

Brokat gekleideten Leutnants auf, die miteinander in ein lebhaftes

Gespräch verflochten zu sein scheinen. Der größere, der Hauptmann,

rechts gehend, legt offenbar gerade seinem Unterführer irgendeine

militärische Frage dar und unterstreicht seine Worte mit einer Bewegung

seiner vorgestreckten linken Hand. Ihm gegenüber, einen halben

Schritt zurückbleibend, der kleine Leutnant, fast erdrückt von der

massiven Statur des anderen. Doch behauptet er sich durch die größere

Farbenfreudigkeit der Kleidung, auf der sich fast alles Licht des

Vordergrundes gesammelt zu haben scheint. Die anderen Mitglieder des

Schützenkorps, scheinbar in ganz loser Haltung, mit ihren Hellebarden

und Musketen -- Trommler und Fahnenträger --, einer, der die Muskete

lädt, geben eine Unzahl der verschiedenartigsten Bewegungsmotive. Wir

werden, so scheint es in der Absicht des Malers zu liegen, uns zunächst

über die Anzahl der dargestellten Personen durchaus nicht klar. Durch

die Überschneidungen der Figuren, Köpfe, Gliedmaßen und Waffen,

durch die unregelmäßige Führung des Lichtes, die starke Helligkeiten

unmittelbar neben dunklen Partien auftauchen läßt, erhalten wir

zuerst den Eindruck großer Fülle und eines bewegten Aufmarsches. Erst

allmählich lernt das Auge zu gliedern, und erst langsam sondern sich

aus dem dämmrigen Halbdunkel des Bildes, das auch die Veranlassung zur

Namensgebung: „Die Nachtwache“ war, die einzelnen Figuren heraus.

Die in der linken Hand getragene Hellebarde des Leutnants bildet in

ihrer starken Verkürzung den Übergang nach hinten. Hinter den beiden

Führern erblicken wir zunächst zwei Schützen -- den einen von ihnen

in schleichender, gebückter Haltung, irgendwie mit seiner Muskete

beschäftigt. Dann wird der Zug der Männer kurz unterbrochen, und eine

seitliche Gruppe tritt von rechts her hinzu, beherrscht durch die

Figur eines Unterführers, der den hinter ihm Stehenden mit der rechten

Hand etwas zu befehlen scheint. Weiter nach vorn zu ein Trommler, der,

vom Bildrand fast überschnitten, seine Trommel rührt und den bewegten

Rhythmus des ganzen Aufmarsches diktiert. Hinter dieser Gruppe zieht

sich der Trupp bis in die dämmernde Tiefe hinein, wobei die einzelnen

weniger hervortreten, als Wämser, Hüte, ragende Lanzenschäfte und, hier

und da aufblitzend, eine Hand oder ein Teil eines Kopfes. Unmittelbar

vor der den Hintergrund bildenden Wand knickt sich gleichsam der Zug,

denn alle Folgenden ziehen von links nach rechts, um an dieser Stelle

erst die Drehung vorzunehmen und sich der Bewegung anzuschließen,

die nach vorn zu aus dem Bilde herausführt. Unter den Schützen, die

den breiten Streifen des Hintergrundes in ihrer Bewegung von links

nach rechts ausfüllen, fallen uns vor allen Dingen der Fahnenträger

und eine offenbar von starkem Selbstbewußtsein erfüllte imposante

Männererscheinung mit holländischem Spitzenkragen und dem typischen

hohen Hut der damaligen Zeit auf. Hinter dem Fahnenträger wird der

gleichmäßige Zug der Vorwärtsschreitenden wieder von einer anderen

Bewegung unterbrochen. Von links hinten nach rechts vorn geht eine

diagonale Bewegung durch das Bild: eine Gruppe von Bewaffneten

schreitet nach vorn zu, deren Spitze von einem gerade die Muskete

ladenden Schützen gebildet wird. Die lichte Figur eines kleinen

Mädchens oder einer Zwergin mit einem Hahn im Gürtel, die an Helligkeit

fast dem Leutnant im Vordergrund entspricht, trennt diese Gruppe von

den übrigen.

Wie wir sehen, ist das Bild keineswegs leicht überschaubar. Wir

bedürfen einer langen Arbeit, um uns in dasselbe hineinzufinden,

die einzelnen Gruppen und Persönlichkeiten voneinander zu trennen

und uns über den Ausbau des Ganzen, die bildmäßige Komposition klar

zu werden. Ein Versuch, der zweifellos nicht völlig gelingen kann.

Schon die Figur der Zwergin, die durch die Lichtansammlung so stark

betont wird, ist für uns aus dem Zusammenhang des Ganzen nicht

erklärlich. Wir wissen ja nicht einmal, ob eine Art Parademarsch oder

ein wirklicher kriegerischer Aufbruch bei Alarm dargestellt werden

soll. Erfahren wir nun gar, daß es sich hier um einen Porträtauftrag

handelt, um die Aufgabe, eine Gruppe von Amsterdamer Bürgern, die in

einer Schützengilde zusammengeschlossen waren, wiederzugeben und für

die späteren Generationen festzuhalten, dann begreift man erst das

eigentliche Problem des Bildes.

An und für sich handelt es sich um ein Gruppenbild, wie wir deren

unzählige in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts kennen. Aber die

wiedergegebenen Personen sind nicht wie auf den Gruppenbildnissen

anderer Maler der gleichen Zeit nach irgendeiner langweiligen Regel

nebeneinander aufgereiht. An die Stelle einer derartigen Rangordnung

tritt _dramatisches Geschehen_. Rembrandt nimmt sich die Freiheit,

anstatt der üblichen Aufreihung eine lebhaft bewegte Situation zu

geben, deren Schilderung ihm wesentlicher erscheint als die getreue

Wiedergabe der zu Porträtierenden. So könnte das Bild eher als

„Kriegerischer Marsch“ oder „Aufbruch zum Schützenfest“, denn als

Gruppenbildnis aufgefaßt werden. Wir können auch heute noch verstehen,

daß die Schützengilde sich weigerte, dem Maler das Bild abzunehmen, da

die Auftraggebenden, die alle ihren Anteil am Künstlerhonorar bezahlt

hatten, sich nicht durchweg naturgetreu genug wiedergegeben fanden.

Und doch ist es für uns eins der größten Meisterwerke aller Zeiten!

Denn uns interessiert nicht mehr, wie dieser oder jener Amsterdamer

Bürger ausgesehen hat, sondern daß hier in einer ganz neuartigen Weise

Bewegung und dramatisches Leben in einer Menschenmasse wiedergegeben

werden. Rembrandt gestaltet, gliedert und betont nämlich allein durch

das Licht und seine Abstufungen zum Helldunkel, durch die dunkel

glühende Farbe und ihre verschiedenen Tonwerte. Und so macht er sich

gleichsam unabhängig von dem, was er darzustellen hat. Noch ehe wir uns

darüber klar werden, worum es sich eigentlich handelt, sind wir von dem

geheimnisvollen Zauber der Lichtführung und des Zusammenwirkens der

Farbe gefangengenommen und empfinden die ganze zuckende Bewegtheit des

Vorganges. Und trotzdem jeder einzelne der großen dramatischen Idee

des Bildes untergeordnet ist, erfahren wir genug von ihm, um uns ein

Bild seiner ganzen Persönlichkeit machen zu können.

Interessant ist der Vergleich dieses Gruppenporträts mit jenen anderen,

fast ebenso bekannten, die Rembrandt gemalt hat: mit der zehn Jahre

früher entstandenen „Anatomie“ und mit einem seiner letzten großen

Aufträge, dem Gruppenbildnis der „Staalmeesters“, d. h. der Vorsteher

der Tuchmachergilde. In seiner Jugendarbeit spielt das Licht noch

nicht dieselbe entscheidende Rolle wie in der „Nachtwache“. Aber auch

dort gelingt es ihm bereits, aus der an und für sich gleichgültigen

Aufgabe einen dramatischen Vorgang zu gestalten und die einzelnen

Teilnehmer des Anatomiekursus überaus lebendig in ihrer individuellen

Verschiedenheit zu charakterisieren.

Dieser größte aller nordischen Maler wurde am 15. Juli 1606 in Leiden

als Sohn eines ehrsamen Müllers geboren. Seine Eltern legten ihm, als

er den Beruf eines Malers ergreifen wollte, keine Schwierigkeiten in

den Weg, denn dieser Beruf war damals in Holland durchaus geachtet.

Bevor er zu seinem ersten Meister Swanenburg, der aber von geringem

entscheidenden Einfluß auf seine spätere künstlerische Entwicklung

geworden ist, in die Lehre kam, besuchte er das Gymnasium seiner

Vaterstadt. Er ging schon mit siebzehn Jahren von Leiden weg und kam

nun nach Amsterdam zu Pieter Lastman, aber auch die Art dieses an und

für sich nicht so bedeutenden Malers spricht sich in seinen Werken

nicht aus. 1623 kehrte er, nachdem er sozusagen „ausgelernt“ hatte,

wieder nach Leiden zurück und eröffnete eine eigene Werkstatt, in der

er selbst auch schon Schüler annahm. Schließlich wurde ihm aber die

Heimatstadt zu eng, und er ging 1631 wieder nach Amsterdam zurück,

jener Stadt, in der er nun sein Leben verbrachte. Er kam in die Kreise

des wohlhabenden Bürgertums und hatte vor allen Dingen durch seine

Porträts derartige Erfolge, daß er geradezu zum Modemaler des in Fragen

der bildenden Kunst sehr verwöhnten Amsterdamer Publikums wurde. 1643

heiratete er Saskia van Uilenburgh, mit der er beinahe zehn Jahre lang

eine überaus glückliche Ehe führte. Wir kennen ihre Erscheinung genau,

denn sie kehrt immer als Modell auf seinen Bildern wieder, die er in

den glücklichsten zehn Jahren seines Lebens schuf. Seine Erfolge als

Maler ermöglichten es ihm, einen glänzenden Haushalt zu führen, sich

Sammlungen von Kunstgegenständen, Waffen und orientalischen Teppichen

anzulegen, kurz, ganz als vornehmer Herr seiner Zeit zu leben.

Anfangs der vierziger Jahre des Jahrhunderts beginnt das Schicksal,

sich gegen ihn zu wenden. Zugleich mit dem Tode seiner Saskia kommt er

in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die ihren letzten Grund in seiner

künstlerischen Entwicklung finden. Er bleibt nicht mehr der glänzende

Modemaler, der er war, sondern beginnt allmählich, in einer ganz

anderen Art seine Erlebnisse malerisch festzuhalten, einer Art, der

das Publikum verständnislos gegenüberstand, und so werden die Aufträge

immer seltener.

Seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten wachsen derart, daß ihn

1656 seine Gläubiger für bankerott erklären; sein Haus und seine

kostbaren Sammlungen wurden versteigert. In dieser Atmosphäre völliger

Verlassenheit entstehen jene Wunderwerke der Malerei, die ihn zu

der einzigartigen Erscheinung prägen, als die er bald seit einem

Vierteljahrtausend in der europäischen Kunstgeschichte fortlebt.

Nicht seine nachtwandlerische Sicherheit, aus der Vielfältigkeit der

Erscheinungen die wesenhaften Einzelheiten herauszusehen und besonders

betont darzustellen, -- nicht jene letzte Naturwahrheit in der

Wiedergabe von Licht- und Luftstimmung ist es, sondern ein Drittes, das

jenseits einer reinen künstlerischen Bewertung liegt: die Besonderheit

seines Menschentums. Und so gibt er auch sein Tiefstes und Letztes

dort, wo er Menschen darstellt: in seinen Selbstporträts, in seinen

Bildnissen und Bildnisgruppen. Selbst seine Landschaften scheinen

mehr Verkörperungen menschlicher Gemütsstimmungen als Wiedergaben der

Natur zu sein. Eine Grenze zwischen Mensch und Künstler vorzunehmen

und richtend oder wertend der einen oder anderen Seite seines Wesens

gegenüberzutreten, bewiese ein Versagen gegenüber dem Letzten seiner

Sendung: der Tragik seiner Persönlichkeit.

_Paul Zucker._

Die unbefleckte Empfängnis

Von Murillo

Getauft 1. Januar 1618 in Sevilla, gestorben 3. April 1682

ebendort. -- Musée du Louvre in Paris

Bild 18

Wenn auf die Kunst und Malerei irgendeines Landes, so muß auf die

Spaniens in ganz besonderer Weise angewendet werden, was Goethe im

„Westöstlichen Diwan“ von der Dichtung und dem Dichter sagt:

Wer den Dichter will verstehen,

Muß in Dichters Lande gehen.

Die Malerei keines Landes war, besonders in der Zeit ihrer Blüte, also

im 17. Jahrhundert, so mit dem Volksleben verwachsen wie die spanische.

Künstler und Volk waren eine lebendige Einheit. Durch gemeinsamen

Glauben genährt, durchdrang ein hochgesteigertes Lebensgefühl die

ganze Nation vom König bis zum Bettler. Dichter, ebenso wie bildende

Künstler, brauchten nur einen Ton aus der Welt des Religiösen oder

des Nationalen -- und beides war meist geschichtlich eng verknüpft --

anzuschlagen, um des Widerhalles durch alle Schichten der Bevölkerung

sicher zu sein. Was das für den Schaffenden bedeutet, davon hat

unsere Gegenwart kaum noch eine Vorstellung. Etwas diesem Zustande

Ähnliches kennt man nur noch in Kreisen, die eine gemeinsame religiöse

Überlieferung sich bewahrt haben, wie denn überhaupt in der Religion

(~religare~ = binden, verknüpfen) die stärksten Bindekräfte liegen. Die

spanische „Mönchskultur“ war nicht eine Kultur für sich. Sie drückte

nur in gesteigertem Maße aus, wie das Volk selber bei aller Lebenslust

das Leben bewertete. Der Mönch spielte eine stellvertretende Rolle für

alle diejenigen, denen das Leben die Kraft versagt hatte, dem höchsten

Ideal, dem freiwilligen Verzicht auf viele irdische Freuden aus Liebe

zum Ewigen, sich zu weihen. Er hatte gar nichts Finsteres für dieses

Volk; es lag vielmehr in dieser Teilung der Aufgaben ein trostreiches

soziales Moment: das Gefühl der gemeinschaftlichen Verantwortung.

Die religiöse spanische Malerei eine „Mönchskunst“ nennen, kann

daher nur, wer von diesem Verhältnis keine Ahnung hat. Sie war recht

eigentlich nationale Kunst; und wie im alten Griechenland das Bildnis

der Athene die Tempel, die öffentlichen Plätze schmückte, so im

katholischen Spanien das Bildnis der Madonna. Daß das ritterlichste

Volk der Welt der Himmelskönigin, der Mutter der schönen Liebe, der

Jungfrau der Jungfrauen eine ganz besondere Verehrung widmete, wäre

auch ohne die hohen religiösen Vorstellungen, die es damit verband,

begreiflich, obwohl der Kult seinen tiefsten Sinn erst aus der

Heilslehre der christlichen Offenbarung schöpft. Das alles muß man sich

klarmachen, um in das Wesen gerade einer Darstellung einzudringen,

die vielleicht ein spanisches Seelenerlebnis von besonderer Stärke

versinnbildet. Warum gerade Spanien dieses Erlebnis stärker hatte

als andere christliche Völker, ist schwer zu sagen. Das Glück der

Freiheit von erblicher Schuld, von einer Belastung aus dem Blute

wird ja wohl dort am seligsten empfunden, wo der Druck am stärksten

ist. Indem das spanische Volk mit besonderer Bewunderung, Liebe, ja

Inbrunst zu derjenigen aufblickte, die das allgemeine christliche

Bewußtsein längst, ehe die Tatsache als Lehre „definiert“ war, rein

und unbefleckt von aller Erbschuld und nicht unterworfen dem Gesetze

des Fleisches glaubte, scheint mir indirekt dargetan, daß ihm das

Bewußtsein und Gefühl unser aller Verstrickung in die Sünde Adams, die

das Gesetz ursprünglichen Lebens verkehrte, lebendiger gewesen ist

als anderen Völkern. Sich dieses Bild der von der Erbschuld und ihren

Folgen, der bösen Lust und dem verderbten Willen, freien menschlichen

Natur zu gestalten, hat die spanische Kunst unablässig gerungen, bis

ihr das Höchste in einigen Schöpfungen Murillos gelang. Das hier

dargebotene Bild der ~Madonna immaculata~, der unbefleckt Empfangenen,

gehört zu den wenigen restlos geglückten Darstellungen des Ideals.

Zweiunddreißigmal den gleichen Vorwurf gestaltend, hat der Meister

nicht geruht, bis er das letzte ausgesprochen hatte, dessen er fähig

war. Aber auch hierbei mußte er den Grenzen menschlichen Könnens seinen

Tribut zahlen: das Ideal war zu groß, als daß er es ohne Zerlegung in

einzelne Erscheinungsweisen hätte verbildlichen können. Aber wie oft

er auch die Darstellung neu versuchte, immer ist es die von Urbeginn

Schuldlose, im Mutterschoße schon rein Empfangene, was er unserm

geistigen Sinn durch den Augenschein faßbar zu machen die Kühnheit

hatte. Versuchen wir an dem Werke, das uns vorliegt, zu verstehen, in

welch unmittelbarer Weise er dieses hohe Ziel anstrebte.

Auch der früheren Kunst war der Vorwurf der „~Conceptio immaculata~“

(der „unbefleckten Empfängnis“) nicht fremd. Aber weit entfernt, um

ein Ideal menschlich bildhafter Verkörperung zu ringen, hat sie sich

die Aufgabe leicht gemacht, indem sie durch Attribute der Reinheit

ausdrückte, was ihr in der Gestalt selber auszusprechen versagt war.

Ganz anders Murillo. Er wollte die verkörperte Schuldlosigkeit, die

Jungfrau ohne Makel der Schuld Adams, die Eva des neuen Bundes vor

dem Sündenfalle, also ein Bild gnadenvoll erhöhter Menschheit zur

Erscheinung bringen. Er ging dabei vom Leben, von der Wirklichkeit

aus. Er schuf sich keinen Typus im Stile griechischer Idealisierung --

derlei war dem barocken Kunstempfinden seiner Zeit fremd --, er suchte,

wo und wie sich Reinheit und Unschuld im Umkreis seiner andalusischen

Mitwelt am rührendsten aussprach. Jugend und religiöse Innigkeit,

wie wir sie auch heute noch bei gewissen sakramentalen Feiern in

katholischen Kirchen in berückender Vereinigung oft beobachten können,

mochten seinen Blick längst gefesselt haben. Und so hielt er sich ans

Leben und wählte die unberührte Jugend in religiöser Hingegebenheit

an das Göttliche als Symbol der unbefleckt geborenen Eva des „Neuen

Bundes“. Was Schiller hundert Jahre später die „schöne Seele“ nannte,

es ist in noch höherem Sinne hier gewollt. So „sentimentalisch“ --

auch wieder im Sinne Schillers -- die bewegte Haltung des Körpers, die

Gebärdensprache der Hände, die Züge des Antlitzes sind, die Gestalt

selbst ist die eines herrlichen Weibes im ganzen Reichtum schöner

Menschlichkeit. Sie steht auf Wolken, die Mondessichel, das Sinnbild

ewigen Wechsels, unter den Füßen, in einem goldenen Lichtglanz. Um

sie weben und schweben Kinderengel -- gleichsam die Elementargeister

des Himmels -- wie eine Aura der Reinheit und ewigen Jugend. Das

Ganze drückt Ruhe in der Bewegung aus. Ein leiser Zug nach oben ist

angedeutet, nicht bloß in der schreitenden Haltung des unsichtbaren

Spielbeins, sondern auch in der leichten Diagonale, die über die Köpfe

der unteren Engelgruppe hinweg von rechts nach links aufsteigt. Gerade

die Bewegung, die innerhalb der durch tiefes Dunkel sich erstreckenden

Lichtbahn -- abermals eine Diagonale, diesmal von links nach rechts

durch den ganzen Raum hindurch -- herrscht, macht die Ruhe der ganz

in Anschauung der Gottheit Versunkenen nur um so fühlbarer. über dem

Weiß des Kleides liegt das Azurblau des Mantels -- beides Farben der

Unschuld. So ist kein sinnberaubter Punkt im Ganzen. Und alles hat

Bezug zum Mittelpunkt, der seinerseits auf ein Höheres, Höchstes

deutet. Das Werk ist in seiner Art vollendet. Diese Art selber ist

die barocke, von der man sagt, daß sie unserem Lebensgefühl wieder

nahekomme.

Das Bild ist um das Jahr 1678 entstanden, stellt also wenn nicht den

_letzten_, so doch den letzten _großen_ Versuch der Gestaltung dieses

Vorwurfs dar. Bartolomé Esteban Murillo stand im 61. Lebensjahre. Vier

Jahre später ist er an den Folgen eines Sturzes von dem Gerüst in einer

Kirche, auf dem er malte, gestorben. Sein Leben hat sich ohne besondere

Wechselfälle meist in seiner Vaterstadt Sevilla abgespielt, wo er,

früh verwaist, als Kind einer alteingesessenen Sevillaner Familie

zur Welt kam. Zeitig zu einem Maler von mittlerer Bedeutung in die

Lehre geschickt, fand er sich selbst erst, nachdem er von einem etwa

dreijährigen Aufenthalt in Madrid zurückgekehrt war, wo er, von seinem

Landsmann Velasquez gefördert, die großen Schöpfungen der Malkunst

des 16. und 17. Jahrhunderts in sich aufgenommen hatte. Nicht bloß

die hervorragenden Meister der spanischen Schulen, Ribera, Zurbaran,

Velasquez, auch die großen Italiener, Tizian und Correggio vor allem,

dann aber auch die Niederländer Rubens und van Dyck haben auf ihn

eingewirkt. Aber er ist ein Eigener geblieben; den Charakter seiner

andalusischen Heimat hat er wie kein anderer Maler ausgeprägt, und man

nennt ihn mit Recht den „sevillanischsten der Sevillaner Maler“. Schon

zu Lebzeiten galt er als _der_ Maler seiner Vaterstadt, doch blieb

sein Wirken örtlich beschränkt, und so konnte es kommen, daß sein Ruhm

für einige Zeit verblaßte. Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte hat

die Schätzung seiner Kunst verschiedene Phasen durchlaufen. Als der

französische Marschall Soult mit anderen geraubten Bildern auch die

hier besprochene und nach ihm benannte „~Conceptio immaculata~“ von

Sevilla nach Paris brachte, wo sie noch ist, da ging eine Flutwelle

der Bewunderung Murillos durch die ganze Kunstwelt. Sie schlug in das

Gegenteil um, als die Zeit des künstlerischen Naturalismus hereinbrach,

und sie ist wieder im Steigen, seitdem wir aus der Stillosigkeit

unserer Gegenwart heraus das Zeitalter des Barock als ein aus dem Geist

der Gotik geborenes Zeitalter von neuem bewundern. Und doch ist Murillo

nicht nur der Maler der Madonnen und verzückten Heiligen, sondern auch

der Sevillaner Betteljungen und Zigeuner und nicht zuletzt der Kinder.

Daß er, der Realist, nicht auch zugleich naturalistischer Derbheit

gehuldigt hat, hat ihm den Ruf der Schönmalerei und der Süßlichkeit

eingetragen. Kunstgeschichtlich ist sein Schicksal das Schicksal

Raffael Santis, und es ist kein Zufall, daß in der Entwicklung der

spanischen Malerei der Sevillaner die gleiche Stellung einnimmt wie der

Urbinate.

_Karl Muth._

Der Tanz

Von Jean Antoine Watteau

Geboren 10. Oktober 1684 in Valenciennes, gestorben 18. Juli 1721

in Paris. -- Neues Palais in Potsdam

Bild 19

Am Waldesrande vor dichtem Gebüsch haben sich drei Kinder gelagert.

Ein etwa zehnjähriger Knabe in zierlichem Schäferanzuge spielt die

Schalmei, zu deren Tönen sich die ältere Schwester oder Freundin in

feierlich gemessenem Tanze bewegt. Die beiden anderen Kinder, ein

Mädchen und ein zweiter Knabe, den Hirtenstab in der Hand, sehen

in stummer Bewunderung der Kunst der kleinen Dame zu, die in der

Tat diese Bezeichnung verdient, denn sie weiß ihr schweres, kostbar

besticktes Gewand mit einer Würde und Anmut zu tragen, als stünde sie

im kerzenerleuchteten Ballsaale und nicht auf dem weichen Wiesengrunde

unter dem hellen Abendhimmel. Ein Windhauch führt die Glockentöne des

Abendgeläutes von der Dorfkirche herüber; bald wird der Schäfer in

der Ferne seine Tiere in den Stall treiben. Nichts stört den Frieden

der Natur, leise bewegen sich die Zweige der Bäume und begleiten mit

sanftem Rauschen die Melodie des kleinen Bläsers, zu dessen Füßen ein

Hund, der muntere Spielgefährte der Kinder, wohlig zusammengekauert

schläft.

„Der Tanz“ oder „Die tanzende Iris“ heißt dieses Bild des französischen

Hofmalers Jean Antoine Watteau. Friedrich II., der große König, erwarb

es für seine Privatgalerie in Potsdam, wo es noch heute im Neuen Palais

hängt.

Gemälde und ihre Meister · 第 11 / 25 段