Wahrlich, es muß ein großer Künstler sein, der stürmische Leidenschaft,

wildeste Bewegung, innerstes Leben von Mensch und Tier so packend

darstellen konnte! Wie genau muß er den menschlichen und tierischen

Körper, wie eingehend rasende Pferde studiert haben! Gab es doch

1616, als das Bild entstand, noch keine Photographie und keinen

Film: mit scharfem Blick mußte der Maler alles selbst erfassen, mit

hingebender Gewissenhaftigkeit jeden Zug der Natur ablauschen; aus

unzähligen Einzelbeobachtungen mußte sich seiner Phantasie das Bild

jeder besonderen Lage formen. So hat er denn auch in den Schaubuden

mit Liebe die Löwen beobachtet, ja einmal eins der gewaltigen Tiere in

seine Werkstatt bringen lassen und, welch gefährliches Wagstück! den

Tierbändiger vermocht, es am Maule solange zu kitzeln, bis es gähnte

und den offenen Rachen zeigte. Und das war kein gutmütiges Tier, denn

es hat bald darauf seinen Bändiger in Stücke gerissen. Und neben der

treuen Naturbeobachtung welche Kunst des malerischen Aufbaues! Denn das

Größte an dem Bilde ist wohl, daß er alle Einzelfiguren so geschlossen

um die sich verzweifelt wehrenden Löwen herumzugruppieren wußte,

daß er es verstand, alle Bewegung, so verschieden sie ist, auf den

einen entscheidenden Augenblick der höchsten Gefahr und der sicheren

Überwindung zusammenzufassen, also daß wir bei aller scheinbaren

Verwirrung die Handlung sofort als eine einheitliche begreifen.

Ein einziger Moment ist dargestellt in stärkster Lebendigkeit und

überzeugender Naturtreue; es stockt uns der Atem, so unmittelbar

erleben wir, was wir hier schauen.

Peter Paul Rubens heißt der unnachahmliche Maler dieses Bildes. Er ist

der größte Meister flämischer Kunst. In den spanischen Niederlanden,

in der Hafenstadt Antwerpen hat er gelebt. Über 2000 Gemälde sind aus

seiner Werkstatt hervorgegangen; bei vielen von ihnen haben seine

Schüler geholfen, so daß er nur den Entwurf machte und die letzte Hand

anlegte. Ein Dreiundzwanzigjähriger, reiste er im Jahre 1600 nach

Italien, wo er acht Jahre blieb und die großen alten Meister studierte;

mit 33 Jahren war er selbst weltberühmt. Seine Vielseitigkeit, seine

Formensicherheit und der leuchtende Zauber seiner Farbe ist ganz

erstaunlich. Es gibt keine erhabene oder menschlich schöne Szene

in der Bibel, die er nicht gemalt hätte; ebenso hat er die alten

Göttersagen ausgeschöpft, historische Ereignisse dargestellt, herrliche

Landschaften neben Tier- und Jagdstücken und eine große Anzahl

hervorragender Bildnisse geschaffen, die zeigen, wie tief er in der

Menschen Seele zu lesen verstand. Auch sich selbst, seine erste Frau,

Isabella Brant, seine zweite, Helene Fourment, und seine Kinder hat er

immer von neuem gemalt und so Zeugnis abgelegt für das innige Glück,

das er im Kreise seiner Familie fand. Doch er war auch ein eleganter

Weltmann und hat seinem Vaterlande und befreundeten Fürsten mehrfach

als Gesandter gute Dienste geleistet. Er hatte viele Schüler, von denen

der bedeutendste der große Bildnismaler van Dyck geworden ist; und

neben der Malkunst pflegte er in seiner Schule auch den Kupferstich:

hier wurden die meisten seiner Bilder wunderbar nachgestochen. Er

beschloß sein reiches Leben im Jahre 1640. Alle großen Museen sind

seiner Werke voll. Sein Ruhm wird ewig dauern.

_Arnold Reimann._

Hille Bobbe

Von Frans Hals

Geboren um 1580 in Antwerpen, gestorben 24. August 1666 in Haarlem.

-- Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin

Bild 16

Habt ihr mal etwas von Haarlem gehört, der reichen holländischen

Handelsstadt? Diese Stadt blühte nach den nationalen Freiheitskämpfen

des 16. Jahrhunderts zu ungeahnter Größe auf. Ihr müßt euch mit mir

in jene Tage zurückversetzen. Wir machen einen Gang durch Haarlem,

sehen die schönen Patrizierhäuser mit schlanken Giebeln und reicher

Ornamentik. Alles prunkt in echtem Material. Die Wetterfahnen,

Gildenzeichen und Schilder sind kunstvoll geschmiedet; in den Gärten

prangen bunte Tulpen und farbenglühende Hyazinthen. Im blanken

Sonnenlicht leuchten die grünen Fensterläden an den sauberen Häusern

festlich und froh. Im Hafen liegen zahlreiche Schiffe zur Ausfahrt

bereit. Die Kaufherren schreiten mit gewichtigen Mienen durch Berge von

Warenballen aus fernen Ländern. Neuer Reichtum spricht aus den satt

lächelnden Gesichtern der Männer. Der Kampf ist beendet; aus Not und

Tod sprießt wieder Segen auf Hollands Boden.

Das Haarlem jener Tage, die kraftvolle, fruchtbare Stadt, darf sich

rühmen, daß aus einem ihrer Patriziergeschlechter ein Maler wie Frans

Hals hervorgegangen ist. Dieser Künstler war ein echtes Kind seiner

Zeit; im glühenden Blute fiebernde Kraft, die sich im engen Körper

nicht zu fesseln wußte und mit elementarer Naturgewalt hervorbrach.

Hier seht ihr eins seiner Bilder: „Hille Bobbe.“ Wendet euch nicht

ab, lacht nicht spöttisch! Beides wäre unrecht. Ihr seht eine alte,

robuste Frau mit einem Zinnkruge an einem Tische sitzen. Ihr werdet

sagen: Wer ist das? Das ist ja nur eine alte, häßliche Frau, weiter

nichts! Ja, dann müßt ihr sehen lernen, und dieses Frauenbildnis wird

euch viel mehr sagen. Wie oft habe ich im Kaiser-Friedrich-Museum vor

diesem Bilde gesessen, und es ist mir lieb und vertraut geworden. Und

wenn es ganz still um mich her war, dann hat mir dieser lachende Mund

erzählt von jener reichen Stadt der Gilden und Schätzen, der Ratsherren

und Patrizier, der stolzen, harten Frauen, der Pracht und dem Glanze

des Mittelalters, den engen Kaufmannskontoren unten am Hafen mit

ihrem Welthandel, wo täglich Schiffe heimkamen mit kostbarer Ladung

und wieder hinausfuhren nach Rotterdam, Haag, London und den fernen

Kolonien. Ich habe dann gewußt, daß Hille Bobbe eine Matrosenschänke

besaß, daß sie den großen Maler Frans Hals gut gekannt hat, der oft

in ihre verräucherte Schänke kam, wo die alten Zinnkannen bis in die

tiefe Nacht so fröhlich kreisten und der Wein in hohen Römern köstlich

gleißte. Und da habe ich gern gelauscht auf all das, was mir Hille

Bobbe zu erzählen hatte:

Der Maler Frans Hals sei etwa im Jahre 1580 in Antwerpen geboren, wohin

seine Eltern geflüchtet waren, als Haarlem von Kriegsnöten bedrängt

wurde. Aber bald kam Frans Hals nach der Stadt seiner Vorfahren.

Zwei Jahrhunderte hindurch hatte die Familie in gutbürgerlicher

Behaglichkeit in Haarlem gelebt. Der Vater des Malers, Meister

Pieter Claszoon Hals, saß als Schöffe im Rate der Stadt. Obgleich in

Antwerpen, der Stätte hoher Kultur geboren, war Frans Hals doch ein

echter Holländer, kraft- und saftvoll, blühend, voll derben Schalks

und Humors. In der Werkstätte des Karel van Mander übte sich der

junge Frans im Handwerklichen seiner Kunst. Noch ganz im Geiste der

Renaissancemeister erzogen, befreite er sich bald von jedem Zwange,

jedem fremden Einfluß und ging mutig neue Wege. Das war nicht

leicht. Die Holländer liebten ihre Altmeister, mit deren Kunst sie

wohlvertraut waren, und hatten für das Neue wenig Verständnis. Und

Frans Hals, dieses junge, ungestüme Talent, war ihnen zunächst fremd,

fast feindlich. Wer war er, daß er so frei und sorglos lachend neue

Wege ging? Er stand als neuer Mann in einer neuen Zeit, und was ihm

alt und überlebt erschien, warf er von sich in der rücksichtslosen

Art der Kraftnatur. Wir wissen heute, welch ungeheuren Umschwung

die Porträtkunst des Frans Hals für Holland bedeutet. 1616 erhielt

der Meister den ersten großen Auftrag, die Offiziere der Haarlemer

Bürgermiliz zu malen. Dieses Werk gehört neben vielen anderen berühmten

Werken noch heute zu seinen kostbarsten Glanzstücken. Unbekümmert um

Neid, Ruhm, Verständnis, Liebe und Mißgunst ging Frans Hals die neuen

Wege, die ihm sein Genius wies. Nicht immer waren diese Wege von Sonne

beleuchtet. Aber in dem Künstler lebte eine so herrliche, starke

Lebensbejahung, ein so kraftvoller Glaube an sich und seine Kunst, daß

er spielend alles Schwere überwand.

Lebenslust, Schalk, Frohsinn, derbe, fast rohe Kraft und erquickendes

Lachen in allen Abstufungen wurden das Eigentum seiner Kunst. Das

Lachen auf seinen Bildern ist so ungekünstelt, so sorglos, so

überzeugend, es steckt an. Wir schauen hin und lachen zwanglos mit.

Frans Hals wurde neben Rembrandt der größte und gefeiertste

Porträtmaler seiner Zeit. Er warf mit wenigen, breiten, aber unendlich

sicheren Strichen das Charakteristische seiner Modelle auf die

Leinwand, und die Gestalten lebten. Auf seinen Bildern triumphierte

das blanke Tageslicht, er liebte die Schatten der Dämmerung nicht.

Seine feine Formen- und Farbenempfindung schützten ihn vor zu greller

Realistik. Alles in seiner Kunst war ein Hymnus an die gesunde Natur,

gleichviel wie er sie sah. Ich nenne euch hier nur einige seiner besten

Werke: „Singender Knabe“ und „Bildnis eines jungen Mannes“, beide im

Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, „Lustiger Flötenspieler“ in der

Gemälde-Sammlung zu Schwerin, „Der Schalksnarr“ und „Selbstbildnis

des Künstlers mit seiner zweiten Frau Lysbeth Reyniers“, beide im

Reichsmuseum zu Amsterdam.

Frans Hals prahlte nie in Farben, selbst in seiner Hauptepoche liebte

er eine kühle Tonskala: Grau, Blau und Gelb, in einen sanften bleichen

Goldton übergehend. Und dennoch leben und blühen seine Gestalten in

üppiger Pracht, selbst die kleinste Geste der Hände ist von warmer

Natürlichkeit beseelt. Wohl oft noch erschraken seine Zeitgenossen vor

der urwüchsigen Kraft in seinen Bildern, aber sie ließen sich gern von

ihm malen. Der junge Reichtum jener Tage liebte es, mit hochmütigen

Gesichtern einherzuschreiten. Die Männer kleideten ihre oft derben

Gestalten in überreich verzierte Gewänder, die Frauen behingen sich mit

schwerem Brokat, Samt und Seide, Gold, Juwelen, Brabanter und Brüsseler

Spitzen und kostbaren Federn. Selbst diese hochmütigen, selbstbewußten

Männer und unnahbaren, oft unschönen Frauen auf des Meisters Bildern

lachen alle oder lächeln wenigstens.

Unser großer Künstler ist fast neunzig Jahre alt geworden. Er war

zweimal vermählt; seine zweite Frau, Lysbeth Reyniers, überlebte ihn.

Er hatte zehn Kinder: drei Töchter, sieben Söhne, die wie er selbst

Musik und Gesang geliebt haben. Fünf seiner Söhne hatten das Talent

des Vaters geerbt. Wenngleich sie Anerkennung und Ruhm fanden, so hat

doch keiner annähernd die Kunst des Vaters erreicht. Frans Hals starb

im Jahre 1666. Sein Leben, voll Schatten und Sonne, voll Freude und

Wein, voll Musik und Gesang war bereits müde geworden, ehe der Tod

kam. Er starb arm. Durch seine sorglosen Hände war das schimmernde

Gold zu rasch geglitten, seine sangesfrohe Kehle hatte den goldnen und

blutroten Wein zu sehr geliebt; da war für müde Tage nichts geblieben.

Haarlem ließ seinen großen Bürger auf eigene Kosten bestatten. Das

Begräbnis kostete vier Gulden. Frans Hals ruht im Chor der Hauptkirche

zu Haarlem.

Das alles hat mir teils Hille Bobbe erzählt, teils stammt es aus alten

Kunstchroniken. Nur über sich selbst schwieg Hille Bobbes lachender

Mund.

Seht sie euch an, wie sie da breit und klobig vor euch sitzt. Die

Farben sind spärlich: ein sanftes Violett der Jacke, ein kräftigeres

Weiß der Flügelhaube und flatternden Krause und die wärmeren

Fleischtöne des verwitterten Gesichts, das ist alles. Wohl schimmert

die Zinnkanne im klaren Silberglanz, wohl huschen über die Gestalt

noch einige frohe Lichter, dennoch, die Farbenpracht ist nicht

reich. Aber welches Leben atmet diese Gestalt! Welche Fülle von

ungebrochener, gestählter Kraft blitzt aus diesem Gesicht! Wir wissen

nichts Bestimmtes von Hille Bobbe. Wer mag sie gewesen sein? War auch

sie nicht einmal jung wie ihr? Saß sie wohl immer im verräucherten

Schanklokal und füllte die Kannen und schlanken Römer? War sie eine

alte Zauberin, die in der Geisterstunde auf einem Besen durch die Lüfte

ritt? Kannte sie die dunkle Kunst des Wahrsagens? War sie eine böse

Hexe aus alten Märchen? War sie den Matrosen und Fischern wie eine

Mutter und betreute jeden, der in ihre Schänke kam? Wurde sie geliebt

und verehrt? Sah sie den derben Zechern gutmütig zu, wenn sie beim

Würfelspiel das blanke Geld verloren? Wir wissen es nicht!

Frans Hals hat diese Frau verewigt wie all das, was sein Künstlerauge

fesselte. Er sah nie Häßlichkeit, nur die Natur. Und was gesunde Natur

war, das umfaßte er mit der Kraft seiner begnadeten Kunst. So malte

er Hille Bobbe, als sie die Kanne heben wollte, um einem Kumpane

zuzutrinken. Daß sie just so herzlich lacht, ist wohl ihr Dank gewesen

für Frans Hals.

In diesen Schanklokalen der holländischen Hafenstädte herrschte meist

ein freies, ungebundenes Leben. Hier konnte die bunt zusammengewürfelte

Gesellschaft -- reisende Kaufleute, Händler, Soldaten, Schifferknechte,

Bürger mit ihren Frauen, Söhnen und Töchtern -- dem Frohsinn und der

Ausgelassenheit die Zügel schießen lassen. Hier wurde getanzt und

gespielt, gescherzt und gezecht, geraucht und musiziert, und hier,

unter dem allzeit fröhlichen Völkchen, hatte der Künstler Gelegenheit,

Studien zu machen und Modelle zu finden. Aus dieser Sphäre stammt denn

auch Hille Bobbe.

Und wenn ihr Hille Bobbes Bild im Kaiser-Friedrich-Museum grüßt, dann

fragt ihr sie wohl mal, wer sie war. Vielleicht liebt sie die Jugend

und verrät es euch. Vielleicht! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß

Hille Bobbe auf meine Fragen immer schwieg, klug schwieg, wie die Eule,

die geheimnisvoll auf ihrer linken Schulter hockt.

_Fränze Eleonore Röcken._

Maria Theresia

Von Velasquez

Getauft 6. Juni 1599 in Sevilla, gestorben 7. August 1660 in

Madrid. -- Kunsthistorische Sammlungen in Wien

Bild 17

Die meisten Maler, von denen die Geschichte erzählt, sind arme Teufel

gewesen und haben sich ihr Leben lang sauer durchgeschlagen. Sie waren

wenig geehrt und verkehrten mehr mit dem niederen Volk als mit den

Vornehmen. Rembrandt zog sogar in die Amsterdamer Judenstadt, was nach

der damaligen Auffassung einer Ausstoßung gleichkam. Andere aber, wie

Raffael, Tizian, Rubens waren große Kavaliere und brachten es wohl auch

zu ansehnlichem Reichtum. Kaum irgendein anderer Künstler aber war

zeitlebens ein so vornehmer Herr und vollendeter Hofmann wie Spaniens

bedeutendster Maler Don Diego de Silva Velasquez, der Urheber des

Bildes der kleinen spanischen Prinzessin Maria Theresia, das wir hier

miteinander betrachten wollen.

Velasquez lebte vom Jahre 1599 bis zum Jahre 1660. Er gehört also

dem Spanien des 17. Jahrhunderts an, das damals seine eigentliche

politische Blütezeit schon hinter sich hatte und vor dem mächtig

emporstrebenden Frankreich mehr und mehr zurücktrat. Doch war es

immer noch eine große Nation und spielte in der Welt eine Rolle. Das

Leben am Madrider Hofe Philipps IV., der als jüngerer Herr und König

dem Velasquez ähnlich gegenüberstand wie der Weimarer Herzog Karl

August unserem Goethe, dieses Leben war immer noch reich an Glanz,

doch ebenso auch an steifem und formelhaftem Zeremoniell. Der König

war persönlich ein liebenswürdiger und einfacher Mensch und dankbar

erfreut, in seinem Hofmaler einen Kavalier zu besitzen, dem gegenüber

er sich auf Jagden und Ausritten, denen beide leidenschaftlich ergeben

waren, frei gehen lassen durfte. Umgab ihn doch sonst, wo immer er

offiziell sich zu zeigen hatte, ein starrer Pomp voll tyrannischer

Abgemessenheit und Unfreiheit. Jeder Schritt, jede Bewegung war

vorgeschrieben, jedes kleinste Wort hatte europäische Bedeutung, der

ganze Mensch war aufgezehrt von der ihm aufgetragenen und einstudierten

offiziellen Rolle, an die er gebunden war.

Nichts ist einem Künstler von Natur aus fremder als eine solche

Welt. Doch auch in dieser zweiten Welt fand Velasquez sich wundersam

zurecht. Er beherrschte ihre Formen in so tadelloser Weise, daß er

es schließlich gar bis zum Hofmarschall brachte, der bei Reisen,

Hoffesten und Turnieren das ganze Arrangement zu treffen hatte und

dafür verantwortlich war. Dies alles beschäftigte den Künstler sehr,

und es ist fast ein Wunder, daß seine Malerei dabei nicht verkümmerte.

Doch Velasquez war eines jener gottgesegneten Genies, die selbst das

scheinbar Unvereinbare aufs natürlichste miteinander zu verschmelzen

wissen. So sehr er in seiner äußeren Berufsstellung vollendeter Hofmann

war und allen Gesetzen des strengsten Prunkes und Zeremoniells sich

fügte, so frei und schöpferisch handhabte er als Maler seinen Pinsel

und war als Künstler ein Gott, der alles, was er rings um sich sah und

erlebte, mit feurigen Sinnen in sich einsog und mit unverminderter

Selbstherrlichkeit gleichsam zum zweiten Male erschuf.

So besitzen wir in Velasquez’ höfischen Repräsentationsbildern nicht

nur ausgezeichnete Kunstwerke, sondern zugleich die bezeichnendsten,

getreuesten und wahrhaftigsten Zeugnisse für das uns sonst völlig

rätselhafte Wesen der Menschen auf und um den spanischen Thron. Im

Madrider Prado, der größten und herrlichsten Galerie Spaniens, doch

auch im Wiener Staatsmuseum befinden sich ganze Reihen von Bildnissen,

die Velasquez nach seinem königlichen Herrn, dessen Gemahlin und

Kindern, dem allmächtigen Minister Grafen von Olivarez und anderen

Granden, und nicht zuletzt auch nach den Hofnarren und Hofzwergen

gemalt hat. Wenn er Philipp IV. im einfachen Brustbild oder als

schlichten Jäger oder auch einen der Infanten mit Büchse und Jagdhund

abkonterfeite, so wirken diese Bildnisse durchaus menschlich-einfach

und gewinnend. Man möchte sagen, diese Bilder hat der Freund gemalt,

der diese Menschen ganz intim kannte, der in ihren Gesichtszügen las

und der nichts zu verbergen brauchte, weil er Zug für Zug verstand und

mit ebenso feiner Nachsichtigkeit als Aufrichtigkeit deutet. Anders

war es, wenn dem Bilde ein gewisser politischer Repräsentationswert

zugesprochen werden sollte. Dann sieht man sowohl den König wie auch

den fünfjährigen kleinen Infanten Don Balthasar Carlos mit strenger

Miene hoch zu Roß und, den Marschallstab in der Hand, sprengen sie

in stürmischem Galopp heroisch einher. Auch die jungen Prinzessinnen

mußten gelegentlich als solche wohldressierte Hofpuppen gemalt werden.

Eines der berühmtesten Bilder z. B. heißt „~Las Meninas~“, d. h. die

Hofdamen, und zeigt die etwa vier- oder fünfjährige Infantin Margarete,

wie sie von den nur wenig älteren Damen ihres Hofstaates umcourt

und umknickst wird. Doch wurde dies nicht etwa scherzhaft und mit

versteckter Ironie gemalt, sondern mit vollem heiligem Ernst. Ja, der

Maler hat sich selber auf dem Bilde angebracht, wie er mit Pinsel und

Palette vor einer hohen Staffelei steht und die Szene beobachtet. Ganz

im Hintergrunde aber öffnet sich eine Tür, in deren hellem Rahmen der

König erscheint, der kommt, um nach dem Rechten zu schauen.

Jetzt werdet ihr wohl auch das Bild verstehen, das in diesem Buche

wiedergegeben ist und das eine andere Infantin, die Donna Maria

Theresia, darstellt. Diese ist im Jahre 1638 geboren, und da sie auf

dem Bilde etwa 6 oder 8 Jahre alt sein mag, so kann man sich dessen

Entstehungszeit danach berechnen; sie fällt in die sogenannte zweite

Periode des Malers, die von zwei längeren Reisen nach Italien 1630

und 1649 begrenzt wird, sonst aber ganz in Spanien verläuft. Man darf

getrost sagen, daß Velasquez damals auf seiner künstlerischen Höhe

stand, und daß das Bild der jungen Prinzessin zu seinen besonderen

Meisterwerken zählt. Dennoch werdet ihr euch in das Bild wohl erst mit

einiger Mühe und gutem Willen hineinsehen müssen. Denn die furchtbar

feine Prinzessin in ihrem schrecklich breiten und so ganz unkindlichen

Reifrock wirkt gar zu fremdartig und, blickte sie nicht so steif und

feierlich drein, so möchte man beinahe sagen, daß sie possierlich

erscheint. Trotzdem wird niemand lachen wollen, der dieses Bild

betrachtet. Der Maler hat etwas hineingelegt, daß man es durchaus

ernsthaft nehmen muß, und fast möchte man, bei näherem Betrachten,

ein wenig traurig darüber werden. Man fühlt beinahe etwas wie Mitleid

mit der so zwangvoll eingeschnürten kleinen Prinzessin. Sie ist doch

auch ein Kind und möchte gewiß viel lieber spielen und lachen, als so

puppenhaft dastehen und vor lauter Vornehmheit sich gar nicht rühren.

Aber ich glaube, das sind Empfindungen, wie nur _wir_ heute sie hegen.

Wir können uns in die kleine Prinzessin, wie sie hier gemalt ist, nur

schwer hineindenken. Wenigstens widerstrebt es uns. Kreuzunglücklich

würden wir uns fühlen, wenn wir uns an ihre Stelle denken. Aber wetten,

daß die Prinzessin selber sich gar nicht so fühlte? Die kam sich gewiß

ungemein hoheitsvoll vor. Sie war wunderbar frisiert und hatte ihr

allerstaatsmäßigstes Seidenkleid an. Das war silbern und rosa und

mit blinkenden Edelsteinen besetzt. Auf dem Bilde sieht man das ganz

genau, denn das Kleid ist mit äußerster malerischer Liebe gemalt. Aber

natürlich keineswegs nach der Art eines heutigen Photographen, der mit

stumpfsinniger Genauigkeit alle Nebendinge notiert und oft wichtiger

nimmt als die Hauptsache, sondern in freiem, sinnlichem, künstlerischem

Zuge, mit echter Freude an der Schönheit der farbigen Scheine und mit

sehr viel Geschmack an deren malerischer Wiedergabe. Der Prinzessin

Maria Theresia wird es sicherlich sehr viel Freude gemacht haben,

daß ihr Kleid so glänzend gemalt wurde: denn das Kleid war ihr

zweifellos die Hauptsache und beinahe wertvoller als ihre eigene werte

Persönlichkeit. Das heißt, sie nahm natürlich sich selber wichtig

genug. Da sie aber in Wirklichkeit doch noch nichts Rechtes war, so

gewann das Kleid, das schöne, weitabstehende Reifrock- und Staatskleid,

natürlich eine höhere Bedeutung. In ihm drückt sich gleichsam

handgreiflich aus -- doch wehe der Hand, die etwa wirklich hätte

hingreifen wollen! --, nun, kurz und gut, an dem Kleide erkannte die

Prinzessin und erkennen auch wir, daß das kleine Mädchen auf dem Bilde

kein gewöhnliches kleines Mädchen, sondern wirklich und wahrhaftig eine

gemalte Prinzessin ist.

So steht sie nun also da, beinahe wie eine Teepuppe, die wir zum Wärmen

über eine Kanne stülpen, nur viel selbstbewußter und mit weit mehr

Grandezza. Das Kleid ist so breit und so steif, daß die Prinzessin

ihre beiden ausgestreckten Ärmchen wie auf ein Ruhepolster darauflegen

kann. Das tut sie auch und hält in der einen Hand eine rote Rose, in

der anderen ein weißes, lang herunterfallendes Spitzentaschentuch. Auch

sind ihre beiden Ärmel mit wundervollen, breitausgeschlagenen Spitzen

besetzt, und auf der Brust trägt sie einen mit Edelsteinen geschmückten

seidenen Schleifentuff, abermals in der Mitte weißer Spitzen, die

als Kragenrüsche um den Halsausschnitt laufen. Darauf aber sitzt auf

gradgehaltenem Hälschen das ernste und würdevolle und doch so artige

milde Kindergesicht, mit den weichen, bleichen Wänglein, dem niedlichen

Knospenmund, dem reizenden Stumpfnäschen und den großen verwunderten

Augen. Ja, dieses Gesicht ist, ob auch im Ausdruck prinzessinnenhaft

zurechtgemacht, doch in allem Wesentlichen wirklich kindlich. Es ist

ein kleines Menschengesichtlein, beinahe wider Willen und sicherlich

ohne klares Bewußtsein. Aber der Maler, der denn doch ein wenig tiefer

blickte, hat es erspäht und hat die kleine verborgene Seele darin

gefühlt und es verstanden, sie mit dem Pinsel festzuhalten. Und dafür

danken wir ihm heute ganz besonders, wiewohl es damals beinahe eine

Respektlosigkeit und vorwitzige Keckheit war, so das Seelchen gleichsam

zwischen die Fingerspitzen zu nehmen -- und derlei hätte sich außer dem

Don Diego Velasquez de Silva, dem künftigen Hofmarschall, wohl kaum ein

anderer gestatten dürfen. Er tat’s ja auch nur ganz leise und heimlich,

beinahe verschämt, und trug um so mehr Sorgfalt, die drumherumgerahmte

blonde Lockenfrisur recht pompös herauszustaffieren und in weitem

Halbbogen abstehen zu lassen, gleich als wolle sie den Reifrock des

Kleides unter ihr im kleineren kopieren. Auch ist noch ein prächtig und

schwer geraffter roter Damastvorhang da, bestimmt, die Feierlichkeit

der ganzen Situation zu erhöhen, zugleich freilich auch, um ein

farbiges malerisches Gegengewicht zu schaffen und dem Hintergrund mehr

Bedeutung zu geben.

Gemälde und ihre Meister · 第 10 / 25 段