unentbehrlich. So bietet der Rock des knienden Mädchens nicht nur
kräftige Begleitlinien zu der großen Tischtuchfalte, sondern mit seinem
warmen Gelb auch einen notwendigen Fleck. Dieser ganze Winkel würde
wegfallen, wenn hier nicht die helle Farbe der Architektur und der
zerrissenen Wölkchen aufgenommen würde. Das milde Weiß des Tischtuchs,
unten durch blaue Reflexe verdunkelt, ist oben aber sehr angebracht, um
Jesu Gestalt zu heben. Es wäre sonst zu einsam und darum grell, „fiele
heraus“, wie die Maler in ihrer Sprache zu sagen pflegen. Endlich
wird durch die Kleine gesorgt, daß der junge Mann mit der kunstvollen
Frisur und dem leuchtenden patrizischen Rot, den wir als den Bräutigam
erkannt haben, auch recht in die Erscheinung tritt. (Dieses Rot
schmückt übrigens auch den Heiland.)
Daß das Gemälde koloristisch wertvoll ist, braucht bei einem
Venezianer, wie Veronese, nicht erst gesagt zu werden. Der zarte Dunst
des Meeres, der die Inselchen wie im Goldduft schwimmen und keine
Härten aufkommen läßt, hat ein Malergeschlecht erzogen von einer
Feinfühligkeit, wie sie nur noch die Holländer besitzen, und von
Glut und Schmelz der Farben, wie sie nirgends wieder erscheinen. Das
wunderbare Orange in der Kleidung des Speisemeisters wird von seiner
Umgebung wohlig und lieblich, wie musikalisch, umspielt und umwogt.
Seine hohe Gestalt, die zur Vermeidung starrer Symmetrie die Mitte
des Bildes nur ungefähr bezeichnet, und die Architekturen an den
Seiten verleihen dem Ganzen für das Auge Würde und Tiefe. So ganz
von der Seite gegeben, muß er ja mit seiner rechten Schulter in den
Raum hineindringen, dahinter kommt der sitzende, nachdenkliche Greis,
hinter ihm der trinkende Jüngling; die korinthische Säulenreihe leitet
noch weiter. Was in dem Bau rechts durch den Rundbogen hindurch
an menschenbelebten tiefen und hohen Räumen zu sehen ist, dient
ferner noch der Vorstellung von Tiefe, die auch durch die mancherlei
Verkürzungen bei den sich in mannigfacher Haltung bewegenden Figuren
ständig erweckt wird.
Gemessen an den strengen Senkrechten und Wagerechten der Bauten, die
sich Veronese übrigens von einem Bruder oder von einem Freunde malen
ließ, und des Postaments, auf dem ein Glas steht, wirkt der natürliche
weiche Wohllaut der übrigen Linien um so angenehmer. Was sich aber
auf den ersten Blick wie gänzliche Ungezwungenheit ausnimmt, zeigt
bei näherem Zusehen doch überlegten Aufbau. So führt eine scharfe
Schräge vorbei an dem stehenden Trinkenden und der Frau, die sich stark
umdreht, auf jene bedeutsame Leere des Tisches vor Jesus. Verfolgt man
die Faltenkurven im Kleid der kleinen Knienden, so entdeckt man ihre
Fortsetzungen im Rock der Frau, wo sie in einer Spirale enden. Eine
Parallele zu jener Schrägen, über die Kopf und Hand des Speisemeisters
herausragen, wird durch den Alten geboten, der sich einschenken läßt.
Das sind kleine Hilfen für das Auge, das alles bewältigen soll. Im
wirklichen Gemälde findet man sie noch besser heraus als in einer
kleinen, farblosen Wiedergabe.
Haben wir so das Bild nach vielen Gesichtspunkten eingehend betrachtet,
so haben wir seine Gestalten mehr und mehr liebgewonnen. Es ist
uns dabei aber auch klar geworden, daß einige der Dargestellten
Zeitgenossen Veroneses sind. Mit zwei anderen Bildern von seiner Hand
hing dieses Gemälde im Palast der Familie Cuccina. Als Mitglieder
dieses Hauses erscheinen der Mann im orangefarbenen Gewand, der neben
ihm stehende, die ältere und die junge Frau. In Venedig durfte man
keine Denkmäler haben. Auf solche Weise setzten sich reiche Familien
ihre Denkmäler. Die Ruhmsucht der Renaissance-Menschen kam schon auf
ihre Rechnung. Und ein wenig Frömmigkeit war auch mit im Spiele; nach
deutschen Begriffen allerdings keine sehr tiefe und eindringliche.
_E. Benezé._
Laokoon
Von Domenico Theotocopuli, genannt El Greco
Geboren um 1548, wahrscheinlich auf Kreta, gestorben 1614 in
Toledo. -- Privatbesitz.
Bild 14
„Greco“ so sagen wir Deutsche gern kurzweg, seitdem die Kunstforschung
der jüngsten Zeit diesen merkwürdigen Renaissance-Maler aus langer
Vergangenheit wieder zu Ehren gebracht hat. -- „~Il Greco~“, so
nannten ihn die Zeitgenossen in Italien, „~El Griego~“ in Spanien,
weil er (um 1548) auf Kreta geboren und von dort aus erst nach den
westlichen Ländern gekommen war. Heute gilt uns „der Grieche“ mit dem
italienischen Namen als einer der größten Meister der spanischen Kunst
um die Wende des 16. Jahrhunderts. Zugleich aber als eines der größten
Genies der Malerei aller Völker. Als junger Bursche kam Domenico
Theotocopuli nach Venedig, wo er ganz in den Bann der heiteren,
farbenklingenden Kunst geriet, die dort herrschte. Es scheint, daß
Tizian, damals schon in hohem Alter, noch sein Lehrer gewesen, daß die
beiden jüngeren Führer der venezianischen Malerei der Hochrenaissance:
Paolo Veronese und Tintoretto, seine Arbeitsgenossen waren. Greco
lernte in solcher Schule die freie, leichte Pinselführung, das
leuchtende Kolorit und die harmonische Komposition der Figurengruppen
anwenden, die für die großen Venezianer bezeichnend sind. Er zog
dann weiter durch Italien, kam nach Parma, nach Rom, und bewegte
sich mit außerordentlichem Geschick in den Bahnen der Malerei, die
dort gepflegt wurde. Aber sein Ruhm würde nicht so helleuchtend in
unsere Gegenwart herüberstrahlen, wenn er in Italien geblieben und
sich lediglich weiterhin in der Art seiner Frühzeit bewegt hätte. Da
führte ihn ein Auftrag oder die Wanderlust, die damals den Mitgliedern
der Malerzunft im Blute lag, nach Spanien. Das war die entscheidende
Wendung, die sein ferneres Leben und sein ganzes Schaffen bestimmen
sollte.
In Spanien fand Greco eine ganz andere Kunst vor als in Italien. Hier
blühte nicht das ungebundene, in Freude und Schönheit schwelgende
Leben, das der Kreter in den stolzen Städten, an den prunkfreudigen
Fürstenhöfen der Apenninenhalbinsel kennengelernt hatte, und das
in der italienischen Kunst sein Echo fand. Ein Land von strengeren
Lebensformen nahm ihn auf, wo die Macht der Kirche unerschüttert war
und starrer Glaubenseifer die Gemüter der Menschen in Bann schlug.
Die eigentümliche, geheimnisvolle Volksart nahm ihn gefangen, und wie
es immer ist: der Fremde versenkte sich mit besonderer Hingabe in das
Wesen der Welt, in die er sich versetzt sah. Von dem Augenblick an,
da Greco, im Jahre 1575, in der spanischen Stadt Toledo auftauchte
und seine ersten Bilder für die dortige Kathedrale schuf -- eine
Himmelfahrt Mariä und eine Abreißung von Christi Rock vor der
Kreuzigung --, macht sich eine ganz neue Malart bei ihm geltend. Es
entstanden Bilder, die bewiesen, welchen Eindruck die düstere Dämmerung
der spanischen Kirchen, die verschlossene, ernste Art der Menschen
des Landes, die verzückte Schwärmerei der Mönche in den zahlreichen
Klöstern, die finstere Strenge des ganzen öffentlichen Lebens auf
ihn gemacht hatten. Es ist, als wenn die mystischen Schauer und der
Wunderglaube der spanischen Religionsübung, die sonderbare Grausamkeit
des Volkscharakters, die mit dem religiösen Fanatismus rätselhaft Hand
in Hand ging, in seinen Darstellungen aus der Heiligengeschichte,
vom Leben und Sterben frommer Märtyrer Gestalt angenommen hätten.
In der „Casa del Greco“ in Toledo -- dem Museumshause, in dem heute
die Hauptwerke des Meisters vereinigt sind, soweit sie sich nicht
an festen Plätzen in Kirchen befinden -- erkennt man deutlich den
tiefgreifenden Wandel seiner ganzen Auffassung. Nun ist nicht mehr, wie
in der italienischen Zeit, sein Streben auf eine Schilderung gerichtet,
die der Wirklichkeit entspricht. Alles kommt jetzt für ihn darauf
an, den inneren Ausdruck der Begebenheiten und der Stimmung, die sie
in ihm hervorriefen, sichtbar zu gestalten. Zu diesem Zweck wagte er
es ohne Ängstlichkeit, die Gestalten seiner Personen phantastisch zu
verändern, sie oft unnatürlich in die Länge zu ziehen, ihre Bewegungen
zu übertreiben, ihre Gruppen sonderbar durcheinanderzuflechten -- eben
um das Unwirkliche dieser mit leidenschaftlicher Einbildungskraft
geschauten Szenen zu betonen, das überirdische der Vorgänge dem
Beschauer einzuprägen. Dies vor allem ist der Grund, weshalb Greco von
allen spanischen Meistern den jungen Künstlern unserer Gegenwart ein
besonderes Interesse abnötigt. Denn auch die moderne Kunst unserer
Zeit sucht nicht so sehr die Spiegelung der Wirklichkeit ringsum
als vielmehr das Deutlichmachen der Empfindungen und Erregungen,
die in der Seele des Künstlers leben. Ein zweites Mittel, solche
Wirkungen zu erreichen, ward für Greco das eigentümliche Helldunkel,
das er nun anwandte. Aus einem Gewoge dunkler Töne heben sich, von
gleißenden, geheimnisvollen Lichtern gestreift, die Körper seiner
Personen heraus -- als hätte er sie durch betäubende Weihrauchnebel
hindurch gesehen. Etwas Geisterhaftes, fast Gespenstisches ist oft
in Grecos Bildern, die dann im Kampf der Dunkelheiten und fahlen
Helligkeiten ungewöhnliche Farbenzusammenstellungen von scharfem Gelb,
gedämpftem Grün und blutigem Rot auftauchen lassen. Seine Altarbilder
sind wie Visionen des Himmels und der Hölle. Seine Schilderungen der
Leidensgeschichte Christi bohren sich wie in aufschreiendem Schmerz
in die Gräßlichkeiten, denen der Heiland sich unterwerfen muß. Seine
Bildnisse von Priestern und Mönchen und spanischen Granden sind ganz
erfüllt von der Herbheit, Unerbittlichkeit und Grausamkeit dieser
Vertreter des Landes und des Zeitalters der Inquisition. Besonders
bezeichnend für Grecos Manier, in der er völlig allein steht, ist sein
Bild des „Traumes Philipps II.“, das wie ein Spuk vor unseren Augen
aufsteigt -- wir denken daran, wie Schiller im „Don Carlos“ die Luft am
Hofe dieses finstern Königs geschildert hat.
Das Gemälde Grecos, das an dieser Stelle erscheint, gehört zu den
wenigen, die nicht der Biblischen Geschichte und der christlichen
Legende gewidmet sind. Unwillkürlich denken wir, wenn wir den Titel
„_Laokoon_“ lesen, an die berühmte antike Gruppe, die heute im Vatikan
steht, und die den Anknüpfungspunkt zu Lessings kunstphilosophischem
Werk gebildet hat. Aber indem wir daran denken, erkennen wir den
grundlegenden Unterschied der Darstellung hier und dort. Der
spätgriechische Bildhauer hatte die Schilderung des trojanischen
Priesters und seiner beiden Söhne, die den Umschlingungen und Bissen
der von den Göttern gesandten Schlangen erliegen, so gehalten, daß
trotz der Furchtbarkeit des wiedergegebenen Vorgangs das Ganze sich
in harmonischem Aufbau vor uns ordnete. Er berechnete genau die
Linien, die sich von rechts und links über die Körper der Söhne zu dem
Haupt des Vaters hinziehen, das die Spitze eines sorgsam gebildeten
Dreiecks zeigt. Die strengen Gesetze solcher harmonischen Kompositionen
erkannten auch die Meister der italienischen Renaissance an. Greco aber
hat sie bewußt durchbrochen. Er stellte alle Regeln der Anordnung auf
den Kopf, die er einst in Venedig gelernt hatte. Von einem Dreieck,
einer „Pyramide“, wie man in Italien gern sagte, ist nichts mehr zu
finden. Das Gleichgewicht wird anders gesucht: durch die stehenden
Figuren rechts und links und die liegenden, hingestürzten in der Mitte,
über denen nun noch Raum bleibt, im Hintergrunde die Stadt Troja wie
eine Traumerscheinung emporsteigen zu lassen.
Die Hauptfigur, die vor allem die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt,
ist Laokoon selbst, im Kampfe mit dem Ungetüm, das ihn bedroht, zu
Boden gesunken. Schon ist sein Widerstand entkräftet. Die linke Hand
packt den gewundenen Leib der Schlange nur noch mit schwachen Fingern,
die Rechte sucht wohl den Kopf des Tieres mit letzter Anstrengung
fernzuhalten, aber die entsetzten, brechenden Augen scheinen schon
zu sagen, daß der Gequälte hoffnungslos dem aufgerissenen Maul
entgegenblickt, das sich zu tödlichem Bisse seinem Haupte nähert. Der
Körper des Laokoon ist meisterlich durchgebildet, in der Stellung der
Glieder, in den Verkürzungen, in der Zeichnung der Muskeln der Natur
unmittelbar nachgeahmt -- die Erinnerung an Statuen des klassischen
Altertums scheint hier beim Maler mitgesprochen zu haben. Aber ganz
in Grecos sonst geläufiger Art ist links der eine Sohn gehalten, der
noch aufrecht stehend mit der Schlange kämpft und das mit schrecklicher
elastischer Kraft ihn bedrohende Tier abzuwehren sucht. Hier ist
die Figur über das Wirkliche hinaus gedehnt, der Körper überschlank
emporgereckt, um den Ausdruck des verzweifelten, schon als vergeblich
erkannten Kampfes zu steigern. Der zweite Sohn ist bereits dem Biß
der Ungetüme erlegen. Zusammengekrampft, in einer Stellung, die die
Wildheit des Kampfes mit der Schlange noch nachklingen läßt, ist er
dicht beim Vater niedergestürzt. Und wie das emporgezogene rechte Knie
des Laokoon zu dem stehenden Sohne, so leiten die aufwärts ragenden,
eng zusammengepreßten Knie dieses zweiten Sohnes zu den stehenden
Figuren rechts hinüber, die wiederum ein Gegengewicht zu der aufrechten
Gestalt links bilden. So ist die Komposition in eigenartiger Weise
ausgeglichen. Am Himmel des Hintergrundes aber steigen in zackigen,
drohenden Umrissen finstere Wolken auf, die die Helligkeit der
Tagesstunde verdunkeln wollen. Das schreckliche Schicksal der drei
Männer im Vordergrunde, die qualvoll durcheinander taumeln, da sie
der erbarmungslose Urteilsspruch der Götter getroffen hat, scheint in
diesem grollenden Himmelsgewoge wieder anzuklingen.
Kein anderer Maler hätte in den Jahrhunderten der Renaissance der
antiken Sage eine so merkwürdige und eigenwillige Gestaltung gegeben.
Der große Nachfolger Grecos, den wir als den Hauptmeister der
spanischen Schule verehren: Diego Velasquez, ging ganz andere Wege.
Sein Ziel war, mit unbestechlich treuem Auge Natur und Wirklichkeit des
Lebens abzuspiegeln. Greco allein versuchte in seinen Bildern nicht nur
darzustellen, was sein Auge sah, sondern zugleich auch das, was seine
Seele bewegte, seinen Geist erschütterte. Diese Durchgeistigung seiner
Vorwürfe ist es, die Grecos Werke dem Kunstgefühl der heutigen Zeit so
nahe bringt. Sie muß sich auch in seiner Persönlichkeit ausgesprochen
haben. Denn wir hören, daß seine Werkstatt und sein Haus in Toledo,
wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1614 blieb, den Mittelpunkt des
geistigen Lebens der Stadt gebildet hat. Die Zeitgenossen bewunderten
die ergreifende Kraft und Eindringlichkeit seiner künstlerischen
Sprache, die erstaunliche Fruchtbarkeit seiner unermüdlichen
Schöpferkraft -- als er starb, fanden sich noch über hundert Gemälde
in seinem Nachlaß --, seine reiche Bildung und den Zauber seines
menschlichen Wesens. Grecos Tod, in ganz Spanien als ein nationaler
Verlust betrauert, fand ihn auf dem Gipfel seines Ruhmes. Es erscheint
kaum verständlich, daß sein Stern in den folgenden Jahrhunderten fast
gänzlich verblassen konnte, so daß es erst der Gegenwart vorbehalten
blieb, das Verständnis für seine Größe wieder ganz neu zu erwecken.
_Max Osborn._
Löwenjagd
Von Peter Paul Rubens
Geboren 28. Juni 1577 in Siegen in Westfalen, gestorben 30. Mai
1640 in Antwerpen. -- Alte Pinakothek in München
Bild 15
Eine Löwenjagd! Welchem Jungen schlägt da nicht das Herz höher! Gefahr?
Wer fürchtet sich denn? Wer möchte nicht dabei sein, wenn der stolze
Waffenmeister Alexanders des Großen die berbischen Scheichs zu dem
nervenpeitschenden Wagnis aufruft? Vor zehn Tagen kam der Beherrscher
der Welt zur Oase Siwah nach langem Wüstenmarsch, um das Orakel des
Jupiter Ammon zu hören und sich zu des Gottes Sohn erklären zu lassen.
Jetzt sind die Festlichkeiten vorbei, und den tollen, kühnen Gefährten
reizt es, auf feurigem Araberhengst das seltene Spiel zu wagen, das
nur eben die Libysche Wüste dem reisigen Griechen bieten kann. Schon
seit Wochen hat ein grimmiges Löwenpaar die Oase beunruhigt, sich immer
wieder neue Opfer aus den Rudeln der Antilopen und Kamele, Schafe und
Ziegen geholt, heut endlich soll die Stunde der Rache schlagen! Man
kennt die Fährte... frisch auf zur fröhlichen Jagd!
So traben denn die sieben Reiter auf edelstem Araberblut hinaus in die
sandige Wüste zur frühen Morgenstunde. Drei vornehme Berber sind dem
Rufe des Griechen gefolgt, und drei seiner Getreuen. Er hat sich die
Hitze nicht so groß und die Sache doch wohl leichter gedacht; sonst
hätte er seinen schweifgeschmückten Stahlhelm und das enge Panzerhemd
im Tempelpalast gelassen und auch andere Waffen mitgenommen als nur das
sieggewohnte Schwert, das er sooft im männermordenden Nahkampf gegen
die Perser in Ehren geführt hat. Und sind nicht auch seine Mazedonier
leichtsinnig, daß sie ausziehen, nur mit Schild und Schwert bewaffnet,
wie zum Kampf Mann gegen Mann? Aber Griechen haben Mut. Sie haben ja
die ganze Welt überwunden! Lanzen, wie sie die Berber führen, und gar
ihr Bogen und Pfeil können ja auch den rechten Augenblick verpassen,
wenn der Löwe sich in wildem Ungestüm auf Roß und Reiter stürzt! Auf
sein Schwert aber verläßt sich der Krieger, das hält er mit eisernem
Griff: Mann und Schwert sind eins!
Doch siehe, da hinten, im niedrigen Gestrüpp, da glänzen ja schon die
gelben Felle der königlichen Tiere, da liegen sie, majestätisch und
wild, den Kopf hochgestreckt, gierig spähend nach Beute! Sie haben die
Reiter bemerkt, sie ahnen, daß es ihnen gilt: sie springen auf, und
zornig schlagen die langgestreckten Schweife den Boden, ein wütendes,
langgezogenes Gebrüll erschallt. Bestürzt scheuen die Pferde; die
Nüstern blähen sich; ein Todesgrauen durchschauert sie; aber die
eisernen Schenkel der Reiter drücken sie vorwärts: heran an den Feind!
Aus dem Trab wird ein wilder Galopp. Der Führer winkt: man teilt
sich in zwei Gruppen: von beiden Seiten will man den Gegner fassen.
Die Löwen stutzen, dann wenden sie sich zur Flucht. Aber schon haben
die linken Reiter, die drei Griechen, ihnen den Weg abgeschnitten.
Da werfen sie sich mit wildem Geheul auf diese drei. Die Pferde,
in wahnsinniger Angst, werfen die Reiter ab und suchen das Weite.
Ohnmächtig liegt der eine am Boden, er hat einen schweren Fall getan.
Oder ist er gar tot? Wer will es wissen? Die Rechte umklammert noch
krampfhaft das Schwert. Auf den zweiten hat sich die Löwin gestürzt,
sie hat ihn niedergerissen und krallt ihm die Pranken in Rippen und
Oberschenkel. Er hat aber Besinnung genug, mit dem Schwert zuzustoßen,
aber o weh, er verfehlt den geöffneten Rachen und trifft nur die
Schulter. Aber schon eilt der dritte zu Hilfe, mit der Linken den
Schild vorstreckend, mit der Rechten zu sicherem Stoße weit ausholend:
ganz Eifer und Anspannung: um die Löwin ist’s jetzt geschehen! Der Löwe
aber hat keine Zeit, den Ohnmächtigen zu zerfleischen, denn schon, in
rasendem Sturmlauf, werfen sich auf ihn, hoch zu Roß, die vier anderen.
Allen voran der heißblütige Berber im weißen Gewand auf dem Schimmel.
Aber er hat Unglück, die Lanze verfehlt das Ziel, und schon hat ihn der
Löwe in gewaltigem Sprunge mit der rechten Pranke vom Pferd gerissen;
die Zähne des Rachens bohren sich in den herabstürzenden Körper, und
auch das Pferd, durch die furchtbare Last halb niedergedrückt, bäumt
sich in wildem Schmerze auf: die linke Pranke reißt ihm den Brustkorb
auf. Armer Berber! Der nächste Augenblick bricht dir vielleicht das
Genick: du schwebst zwischen Himmel und Erde: nur gerade dein linker
Fuß ist noch auf dem Rücken deines Schimmels, und das verzweifelte
Tier wird sich sogleich losgerissen haben! Aber schon senken sich die
Lanzen von rechts und von hinten in den Nacken des Ungetüms. Die beiden
anderen Scheichs, der eine links im roten Gewand, der andere rechts im
dunkelbraunen Mantel, haben die stürmenden Pferde blitzschnell pariert,
daß die Hinterläufe hoch in die Luft fliegen, sie wissen ihre Lanzen zu
schwingen und mit nerviger Faust stoßen sie nach: der kurze Jagdspeer
sitzt schon tief hinter dem Schulterblatt und auch die lange Lanze, von
beider Arme Gewalt geführt, hat gut gepackt! Der Löwe wird sein Opfer
lassen müssen, und er wird sich auf die neuen Gegner nicht mehr stürzen
können: schon schwingt der behelmte Grieche wie ein zweiter St. Georg
sein scharfes Schwert zum letzten Hieb: kein Zweifel, er wird ihm den
Kopf zerspalten. In kaum einer Minute hat sich alles abgespielt. Jetzt
gibt es ein Königspaar weniger auf der Welt.
Diese aufregende Szene hat ein großer Meister dargestellt, mit
wunderbarer Kraft des Ausdrucks. Welch stürmische Bewegung ist doch
in dem Bilde! Wie grauenhaft grimmig, wie königlich, wie katzenhaft
kämpfen die Löwen um ihr Leben! Wie durchzuckt hingebender Kampfeseifer
und wildester Jagdtaumel die stechenden und hauenden Männer! Und
selbst die Pferde sind von der Wut des Kampfes angesteckt, zugleich
freilich fast besinnungslos vor Angst und Grauen! Die Augen quellen
heraus, die Mähnen sträuben sich, weißer Schaum steht vor dem Maule,
weit geöffnet sind die Nüstern! Wie stemmt sich der Rappe rechts auf
die Erde! Blickt er nicht fast wie ein Teufel hinüber dahin, wo das
Schreckliche Ereignis wird? Wie stürmisch schlägt der Grauschimmel
links mit den Hinterhufen aus: bricht nicht der gewaltige Hufschlag
dem Löwen beinahe das Kreuz? Beide Pferde sind just in derselben Lage:
im plötzlichen Halt fällt das ganze Gewicht ihrer selbst und des
Reiters auf die straff gestreckten Vorderbeine, und der Schwung des
Rennens entlädt sich fast im überschlagen: hoch ragt der Hinterleib
in die Luft. Bald wird freilich der Grauschimmel das Weite suchen.
Und auch die beiden anderen Pferde sind in wildester Bewegung. Von
des Griechen Hand herumgerissen, springt der Braune in der Mitte mit
schnaubendem Atem und halb wahnsinnig vor Entsetzen, aber doch dem
Reiter gehorchend, beinahe auf den Löwen herauf, und wir hören fast
den durchdringenden Schmerzensschrei des hoch in die Luft steigenden
Schimmels, der mit Verzweiflung versucht, sich den Krallen des Untiers
zu entwinden. Wie dehnt und reckt und streckt sich das wundervolle
Tier, um dem Verhängnis zu entgehen! Es wächst ordentlich in den Himmel
hinauf vor Schmerz, Wut und Erregung, und im nächsten Augenblick wird
es davonrasen, seines Peinigers ledig. Was sind das alles für feurige,
rassige Tiere, und was müssen das für vortreffliche Reiter sein, die
in solchen Augenblicken Herr der Pferde bleiben, ja noch dazu mit
überlegener Sicherheit die Waffen zu führen wissen! So verwachsen
ist Mann und Roß nur bei den braunen Söhnen der Wüste oder einem
kriegserprobten Reiterführer!
Nur der Ohnmächtige liegt in bleierner Ruhe am Boden, recht im
Gegensatz zu der rings tobenden Leidenschaft, die dadurch nur um so
gewaltiger wirkt. Wir fühlen, es geht ums Leben; um so straffer spannt
sich jede Muskel, um so grimmiger haut, sticht, stößt man zu, beißt,
kratzt, schäumt man gegeneinander: in wildem Wirbel wälzen sich Löwen,
Rosse und Reiter, ein fast unentwirrbarer Knäuel! Und selbst die Natur
scheint am Kampfe teilzunehmen: Gewitterwolken ballen sich zusammen,
türmen sich auf und drohen, sich zu entladen; sie werden aber vom
Sturme gejagt, wie die Löwen von den Jägern.