Des alten Bruegel fröhlich derbes Bild eines Dorfplatzes am Kirmesfest

braucht keinerlei Erklärung seines Inhaltes. Alles, was wir erblicken,

spricht sich unmittelbar in seiner vollen Lebendigkeit selbst aus.

Sehen wir von einigen Besonderheiten der Bauerntracht und der Form

des Dudelsacks ab, so ist das beinah alles noch heute mögliche

Wirklichkeit. Wir werden mit unwiderstehlicher Gewalt in die laute,

tolle Ausgelassenheit des Anblicks hineingerissen. Bruegel hat das

Bauernleben seiner Zeit in seiner ganzen Wahrheit erfaßt. Selbst

als Bauer geboren, ist er noch als berühmter Antwerpener Maler, wie

der Geschichtschreiber der holländischen Kunst, Karel van Mander,

erzählt, gern aufs Land zu den Bauern hinausgegangen zu Kirmessen

und Hochzeiten. Wir haben hier also die mit größter Meisterschaft

und lebendiger Anschaulichkeit widergespiegelte Wirklichkeit seiner

Erlebnisse.

Ist von dieser Seite aus zu dem Bilde nichts weiter zu sagen, wird

jeder Betrachter von dem Kraftüberschwang und der Formengewalt dieses

Stückes Leben gepackt, so ist für geschichtliche Betrachtung dieser

Wirklichkeitsatem des Werkes eine ganz hohe und für die Entwicklung

der Kunst entscheidende Bedeutsamkeit. Denn Bruegel hat als erster

die Möglichkeit einer solchen wirklichkeitsnahen Malerei überhaupt

erwiesen, hat eine solche unmittelbare Darstellung des Lebens geradezu

erst geschaffen. Er steht mit dieser Tat an einem wichtigen Wendepunkt

der Kunstentwicklung Sein Schaffen ist die Überleitung von der noch

religiös gestimmten, kirchlich bedingten Malerei der Frühzeit seines

Jahrhunderts zu der ganz weltlichen Malerei, die nach seinem Tode in

Belgien und Holland heranblüht und in der herrlichen Malerei des 17.

Jahrhunderts ausreift, der Kunst von Rubens und Brouwer, Ter Borch und

Rembrandt. Für alle diese Künstler ist Bruegel in irgendeinem Stück

Vorgänger und Vorbereiter. Er hat die Anschauung von Wirklichkeit, die

für sie die Grundlage ihrer herrlichen malerischen Formen sein wird,

durch seine Arbeit geschaffen. Das ist seine geschichtliche Tat und

Größe.

Den Begriff einer solchen Darstellung der Wirklichkeit hat die ganze

große Kunstzeit des Mittelalters, an dessen Ausgang Bruegel steht,

überhaupt nicht gehabt. Hier gestaltet Malerei das Natürliche gar

nicht, sondern immer nur Geistiges, die heiligen Gestalten des

Glaubens, die Vorgänge der heiligen Legende. Malerei ist Darstellung

der religiösen Welt als Wandbild der Kirche, als farbiges Glasfenster.

Im 15. Jahrhundert wird dann das Altarbild der Hauptort der Malerei.

Hier zuerst ist der Hintergrund der heiligen Figuren ausgestaltet, das

Gemach, die Landschaft, worin sie sind. Aber immer ist der Vordergrund

und die Hauptsache die fromme Gestalt; die Landschaft wird nur als

Ausblick danebengestellt, oder wie ein bunter Teppich dahintergehängt.

Wohl wird mit Büschen und Bergen, Wegen und Flüssen die Erde malerisch

wahrgenommen. Aber diese Erde ist nur Schauplatz der religiösen

Vorgänge, die auch dieser Zeit noch die eigentliche Wirklichkeit,

nämlich der seelisch wichtigste Weltinhalt, waren. Niemals hätte damals

jemand auf den Gedanken kommen können, tanzende Bauern auf einer

Kirmes zu malen, das wäre einfach sinnlos gewesen. Diesem gottbewußten

Jahrhundert war die Erde nur als Schöpfung Gottes darstellbar. Malte

man sie, so mußte es deutlich sein, daß alle Dinge aus Gott kommen.

Darum ist alle diese Landschaft, auch wenn sie sehr genau, sehr reich

dargestellt wird, doch Darstellung des menschlichen Gottgefühls, nicht

ein Dasein für sich. Ein überirdischer Glanz liegt über Bergen und

Meeren, ein Gottglanz, und das Licht strahlt von den leuchtend bunten

Farben der heiligen Männer und Frauen im Bildvordergrunde aus.

Diese gotthafte Weltauffassung verwandelt sich im 16. Jahrhundert. Die

Reformation Martin Luthers und die neu aufkommende Naturwissenschaft

der Renaissance sind die großen Zeichen dieser Wandlung. Beides

gehört zusammen. Das Mittelalter hatte die Natur nicht als volle

Wirklichkeit angesehen, als geschlossenen Zusammenhang der Naturkräfte

und Naturgesetze, hatte Wunder geglaubt und für Naturbeobachtung

keinen Sinn gehabt. Die Natur als solche erschien der rein geistigen

Hoheit der Gottheit gleichsam unwürdig. Der Gottesgedanke der

Reformation und der Renaissance ist anders. Nun wird die Natur in

ihrer gewaltigen großartigen, schöpferischen Gesetzlichkeit gerade

ein Zeugnis für den Geist der Gottheit. Gott ist nun hehrer Schöpfer

der Welt, der nicht nur den Menschen und seine Seele, sondern auch

die Wunder des All erschuf, die man jetzt zum erstenmal erschaute.

Der Gedanke von Gott wird gewissermaßen größer, weiter, dehnt sich

vom Menschen, der bis dahin allein Gottgeschöpf gewesen war, auf die

ganze Erde und die Himmelswelt aus. Alles wird nun Zeugnis Gottes. In

diesem Gefühl gehören die Reformatoren und die großen Forscher der

Zeit zusammen, wenn auch in der Zeit jener Geisteswende selbst diese

Zusammengehörigkeit der neuen Gedanken nicht leicht erkannt wurde.

Als Kopernikus begriffen hatte, daß nicht die Erde die Mitte der Welt

sei, sondern sich um die Sonne drehte, als Kepler später die Bahn der

Gestirne und der Erde genau bestimmte, da war für diese großen Denker

ihr neues gewaltiges Weltbild nicht Zweifel und Einwand gegen Gott

und Frömmigkeit, sondern gerade Erweis der unbegreiflichen Tiefe der

Gottheit. Auch für die Ärzte oder Pflanzenforscher jener Tage war es

Frömmigkeit, wenn sie die Gesetze zu ahnen begannen, nach denen Gott

die Natur leitet. In zwei Geistern der Zeit wird das neue Weltgefühl

besonders deutlich, in der Heilkunst und Naturbetrachtung des großen

Arztes Paracelsus von Hohenheim und in der Philosophie des Giordano

Bruno. Bruno ist dann der Blutzeuge der neuen Anschauung geworden.

Seine auf die Lehren des Kopernikus und des Galilei begründete Denkart

ward von der Kirche für Ketzerei erklärt, und der tiefe Denker starb

auf dem Scheiterhaufen. Gott ist für Bruno der unendliche Geist, der

die unermeßlichen Welten, welche die neue Astronomie gezeigt hatte,

umfaßt, da er sie aus sich schuf. Erde, Planeten und die ungeheure Flur

der Gestirne durchschwingen die unbegreifliche Tiefe der göttlichen

Räume. Der Mensch ahnt in Andacht die allgewaltige Erhabenheit Gottes,

wenn er alle diese Körperwelten, ihre Bahnen und Kreise denkt mitsamt

der Körperwelten, ihre Bahnen und Kreise denkt mit der Glut ihrer Feuer

und der Fülle des Lebens, das sie dahintragen.

Dies ist das neue Weltbild, und dieses Weltbild ist die neue

Wirklichkeit der Zeit. Und gegen dieses Weltbild, diese Wirklichkeit

müssen wir die Malerei stellen, wenn wir begreifen wollen, was es

bedeutet, wenn jetzt die Malerei die Wirklichkeit der Erde, wie

das Auge sie sieht, in Farben nachzubilden unternimmt, wenn Pieter

Bruegel als Künstler, als genialer Zeichner und Maler den natürlichen

Anblick der Erde nachgestaltet. Malerei ist damit Ausdruck des neuen

Weltgedankens der Reformation und der Renaissance, und Bruegel bedeutet

für die Kunst, was Paracelsus und Bruno für die Welterkenntnis sind.

Natürlich darf man nicht denken, er als Maler habe sich mit der neuen

Philosophie, mit den neuen Naturlehren beschäftigt. Von dem allen hat

er als Mensch wohl nichts gewußt. Er war ein Mann des Handwerks als

Kupferstecher und Maler, in seinem Handwerk freilich genial. Da aber

das geistige Leben als Ganzes in allen seinen Trieben und Bewegungen

durchgehenden großen Gesetzen folgt, die seine Wandlungen bestimmen, so

lebt die neue Andacht vor dem Wirklichen, die des Paracelsus und später

des Kepler Denkarbeit durchwaltet, auch in der Malerei Pieter Bruegels

d. Ä.

Bruegel findet den malerischen Ausdruck dieses neuen Weltgefühls auf

dem Wege, daß er die malerische Vollendung, Kraft und Einheit des

kirchlichen Bildes auf das weltliche Bild überträgt. In Einzelzügen

hatte die Malerei vor ihm Formen für Darstellung des Irdischen schon

längst gefunden. Es gab schon Landschaften ohne Heiligenfiguren. So

bei Joachim Patinir. Aber die wirkten noch so, als habe der Künstler

nur den Hintergrund eines kirchlichen Bildes gemalt, die Figuren

vorn weggelassen. Es gab schon Darstellungen aus dem Alltagsleben.

Der letzte große Maler der älteren Art, Quentin Massys, hatte

Geldwechsler, Gruppen von Advokaten und Bauern gemalt. Deren Wirkung

aber war so, als ob nur der Vordergrund eines religiösen Bildes allein

da wäre, mit Gestalten aus dem Volk statt der Apostel und Heiligen.

Es ist Bruegels malerische und geistige Größe, seine Genialität, daß

er die irdischen Dinge, wie sie in ihrem natürlichen Zusammenhang

als Erdoberfläche von Gott zeugen, in diesem ihrem gesetzmäßigen

Zusammenhang, in ihrer einheitlichen Natur darzustellen vermochte.

Seine Landschaften -- die schönsten sind in Wien, wo sie Kaiser Rudolf

II. sammelte, der für den großen niederländischen Maler ein tiefes

Gefühl hatte, -- sind in wunderbarer Vollendung Darstellungen der

Natur und ihrer Stimmungen. Nie ist der Winter so packend wahrhaft,

so schneeduftig und hauchfrostig gemalt worden, wie in Bruegels

Jahreszeitenbildern. Er ist der erste, der das Meer gemalt hat, auf

einem Bild in Wien, ganz groß, als Flächenspiel der Wellen, die tiefe

Schattenmulden machen und jähe Tennen des Lichtes aufwerfen, indes

Segel, Möwen und Wolken das fern vergehende Gewoge der gischtenden

Gefilde bewegt und reich machen. Es sind bis heute die schwingenden

Wasserfelder der See nicht wieder so wahr und mächtig dargestellt

worden wie hier.

Das Mittel und Geheimnis der malerischen Kraft Bruegels sind diese

breiten, klaren, lichthaft gefüllten Flächen der Farbe; sie geben

allem, was sie darstellen, Einfachheit, Wucht, Größe. Zugleich sind sie

so treffend gesetzt, so fein durchgebildet, daß sie alle entscheidenden

Angaben über die körperliche Form und das Stoffliche der Erscheinungen

in sich bannen. Nur wenige Maler aller Zeiten besitzen solche Macht der

einfachen farbigen Fläche.

Gerade dieser eigentümlich wirksamen Flächenanschauung verdankt der

Künstler seine Stellung im Übergang von der religiösen zur weltlichen

Malerei. Für die Hintergründe in religiösen Bildern hatten beste seiner

Vorgänger schon solche knapp andeutenden, wuchtig zusammenfassenden,

bunt-lichten Farbflächen gefunden. Vor allem der tiefsinnige Hieronymus

Bosch, der berühmt ist mit seinen Teufeleien auf Bildern des Jüngsten

Gerichts, war ein Meister solcher hellen, aus dem geheimnisvollen

Dunkel der Bildtiefe herausleuchtenden Gestaltenflächen. Um der

religiösen Phantasiewelt möglichst starken Wirklichkeitsschein zu

geben, wandte Bosch hier lebendigste, beobachtungsschärfste malerische

Darstellungsform an. Bruegel hat diese Malweise dem religiösen Bild

entnommen und sie auf das Ganze des Erdanblicks angewandt. Dies ist der

Quell seiner malerischen Form. Es ist noch die Andacht, die geistige

Bedeutsamkeit des religiösen Bildes in diesen Malformeln. Sie geben den

wirklichen Dingen, denen sie nun dienen, die geistige Lichtheit, die

Sinnfülle, die sie den Veranschaulichungen der Glaubenswelt gegeben

hatten.

Einen ganz neuen Darstellungsinhalt ermöglichen nun diese schwingenden

Flächen: sie geben den Anblick von Bewegung. Sie schaukeln und wehen

als Flächen der Meereswogen, sie zücken und sprühen als kleine Figuren

arbeitender Bauern auf gelbem Erntefeld in Bruegels Jahreszeitenbild

des Sommers. Mit dieser Eigenschaft sind Bruegels malerische Formeln

noch einmal und in besonderem Sinne Ausdruck des neuen Weltgefühls.

Dieses neue Weltbild des Kopernikus und des Galilei war Bewegung,

Schwung der Erde und der Gestirne, harmonische Bewegung, kreisender

Tanz der Weltkörper. Gotik war Ruhe, Stillstand der Erde, ihre Ruhe

in Gott gewesen. Demgemäß war auch das Bild der Kirchen Stille, Stand

der heiligen Gestalten vor dem Gebet und der Andacht. Bruegels Bild

aber wird Bewegung. Er hat auf einem Bilde in Wien alle Kinderspiele

zusammen gruppiert, die es damals in Holland gab. Das ist lustigste,

vielfältigste Bewegung der gedrungenen, derb anmutigen kleinen

Gestalten. Er hat den fliehenden Hirten gemalt, der wegläuft, als der

Wolf die Herde überfällt, und das ganze Bild ist gleichsam schwingender

Lauf. Er malt die Parabel von dem Blinden, wie alle von einem Blinden

geführt in den Abgrund stürzen. Der Zug und Niedersturz dieser armen

Alten ist ein tieferschütternder Anblick. Diese Bewegungsgestaltung

gipfelt in der Bauernkirmes. Es ist mit hinreißender Kraft dargestellt,

wie die schweren Körper im Raume schwingen, den Platz überjagen,

sich heben, sich werfen, in großem Ring kreisen und drehen. Die

Gestaltenflächen sind wie festliche Fahnen, die breit wogen und

schlagen. Sehen wir das Bild so an, als große Darstellung von Bewegung

und begreifen, daß diese Bewegung der stärkste Ausdruck des neuen

Wirklichkeitsgefühles ist, so sehen wir das Bild erst im geistigen

Sinne richtig. Wir erkennen seine Form nun als Ausdruck, als Gleichnis

des Weltgefühls seiner Zeit. Die neue Vorstellung vom Sein, daß es

ein Spiel von Kräften, ein Gefüge aus Schwung und Gegenschwung,

Wirkung und Gegenwirkung, daß es Tanz der Gestirne und große Harmonie

unendlicher Bewegungsvorgänge ist, sie lebt im schwingenden Rhythmus

dieser Farben und Gestalten. Pieter Bruegel war vom Schicksal berufen,

dies Weltgefühl der Neuzeit in seiner frühen, ganz schlichten

Kraft, in seiner ersten großen staunenden Freudigkeit, in seiner

klaren, frischen Unbefangenheit zu Malerei zu machen. Das ist seine

geschichtliche Größe, seine Tat, seine künstlerische Gewalt.

Das äußere Leben Bruegels verlief einfach und ruhig. Karel van Mander,

der alte Geschichtschreiber der holländischen Malerei, hat alle

Nachrichten über ihn gesammelt. Er wurde um 1525 in dem Dorfe Breugel

bei Breda im Lande Brabant geboren. In Antwerpen hat er die Malerei

gelernt und wurde 1551 in die Malergilde aufgenommen. Bekannt wurde

er zuerst durch seine Tätigkeit als Kupferstecher. 1553 machte er

eine Reise nach Italien und Frankreich, die ihm reiche Anschauung der

Erdwelt gab. Die genialen Landschaftszeichnungen, die er heimbrachte,

sind in der zarten Führung des Striches und dem geistreichen Aufbau

der Massen die unmittelbare Vorform des Zeichenstils, der in den

Radierungen des Herkules Seeghers und Rembrandts lebt. 1569 ist er in

Brüssel gestorben, als geistreicher und tiefsinniger Künstler schon von

den Zeitgenossen geschätzt.

_Wilhelm Niemeyer._

Die Hochzeit zu Kana

Von Paolo Veronese

Geboren 1528 in Verona, gestorben 19. April 1588 in Venedig. --

Gemäldegalerie in Dresden

Bild 13

Sie sitzen schon längere Zeit beim Mahle und scheinen bereits beim

Nachtisch, beim süßen Gebäck angekommen zu sein. Einer großen

Verlegenheit aber ist durch einen Gast, den großen Wundertäter Jesus

von Nazareth, soeben abgeholfen worden. Der Wein war ausgegangen,

und Mutter Maria hatte ihren Sohn besorgt darauf hingewiesen mit den

Worten: „Sie haben nicht Wein.“ Sofort hatte er nichts tun mögen. Aber

die Diener, von Maria geheißen, jeden Befehl des Meisters zu erfüllen,

haben bald danach seiner Anordnung gemäß die sechs vorhandenen

steinernen Krüge mit Wasser zu füllen. Und was sie daraus schöpfen und

dem Speisemeister bringen, ist besserer Wein, als man ihn bisher beim

Mahle genossen.

Unser Bild zeigt nun, wie der in der Mitte im Vordergrund stehende,

auffallend vornehm wirkende Speisemeister sein Glas, das mit dem

herrlichen Getränk gefüllt ist, in der Richtung nach dem Bräutigam

hebt. Wie uns die Bibel (Joh. 2, 1) erzählt, macht er dem jungen Herrn

einen Vorwurf, weil er den guten Wein bis zu dieser späten Stunde

zurückgehalten habe, um ihn jetzt zu reichen, wo die Gäste ihn gar

nicht mehr zu würdigen wissen. Die beiden, die Hochzeit halten, sitzen

links und kehren uns den Rücken zu. Ihnen gegenüber aber hat der

Geistliche seinen Platz, in diesem Kreise Jesus von Nazareth. Auf sein

bleiches, bartumrahmtes, in leichtem Heiligenglanz schimmerndes Gesicht

weist die ausgestreckte Hand des Küfers. Maria sitzt in mütterlichem

Stolz zur Rechten Jesu; in dem Antlitz des jungen Ehemanns aber -- wir

haben uns jetzt mehr in das Bild hineingesehen -- malt sich namenloses

Staunen. Wie gebannt schaut er nach dem großen Wundermann. Die Männer,

die ihn umgeben -- wahrscheinlich seine Jünger -- beschäftigen sich in

tiefer Erregung mit dem, was sich eben zugetragen hat.

Die anderen hingegen machen sich nicht viel Gedanken. Sie feiern die

Feste, wie sie fallen. Die stattliche Dame, die sich nach dem Küfer

wendet und durch deren Bewegung uns die Hauptperson sichtbarer wird,

ist, wie alle anderen, offenbar nicht sonderlich von dem Vorgang

ergriffen. Sie alle lassen es sich schmecken. Und wie es ihnen

schmeckt, diesen alten und jungen Leuten aus Kana! Ja, aber sind denn

das alles wirklich Männer und Frauen aus jener kleinen galiläischen

Stadt?

Sie trinken mit Kennerschaft und Genuß. Es lohnt sich, diesen Leuten

einen guten Tropfen zu bieten. Der größte Sachverständige unter ihnen,

der Speisemeister, betrachtet das edle Naß geradezu mit Ehrfurcht.

Das kannten so die Freunde Christi nicht. Und wenn wir uns die ganze

Tafelrunde näher ansehen, den Speisemeister in kostbarem Gewande,

den in seiner Nähe stehenden andächtig schlürfenden jungen Mann, den

grauköpfigen Herrn rechts am Tischende, der sich behaglich zu dem ihm

einschenkenden Diener hinneigt, kurz, die ganze Tafelrunde: sie setzt

sich aus verwöhnten Menschen zusammen, nicht aus dem Palästina Christi,

sondern aus einer uns viel näherstehenden Zeit und einer Stadt, in der

man es für das Höchste hielt, der Schönheit und üppigen Lebensfreude zu

huldigen.

Venezianer sind es, Mitbürger des Malers, der zwar aus dem alten Verona

an der Etsch stammte und deshalb auch Il Veronese genannt wird. Er hieß

eigentlich Paolo Caliari, machte aber die märchenreiche Lagunenstadt zu

seiner eigentlichen Heimat. In den Zauber Venedigs hat der Künstler die

liebenswürdige Geschichte des alten Evangelisten getaucht und damit in

den Zauber jener Epoche, die eine Wiedergeburt des Menschen mit sich

bringen wollte, die italienische Renaissance.

In den vorausgegangenen Jahrhunderten des Mittelalters hatte es zwar

auch nicht an Frohmut und Festen gefehlt. Aber fast hatte man sich

beides als Sünde angerechnet. Und der entsetzlichen Höllenpein, von

deren Qualen man schaudernd täglich Neues hörte, verfiel man für

immer oder aber dem Fegefeuer für lange, wenn man sich mit dieser

Welt allzusehr einließ. Am sichersten schon war es, ihr zu entsagen,

sein Kleid mit der unscheinbaren Tracht des Mönchs oder der Nonne

zu vertauschen und sich in die Abgeschiedenheit eines Klosters zu

flüchten, wo man mit Fasten, selbstauferlegten Martern und Qualen,

endlosen Gebeten und Gesängen strengen Ordensgelübden oblag und sich

damit die Aussicht auf den Himmel und die ewige Seligkeit verdienen

konnte.

Zu Veroneses Zeit, der 1528 geboren ist, als Luther fünfundvierzigjährig

war, dachte man schon lange anders. Da gab es der Klosterbrüder und

-schwestern lange nicht mehr so viele, und man genoß die Freuden der

Welt in vollen Zügen. Vor allem in Venedig!

Zu dem unerhörten Reichtum und Luxus kam ein ausgeprägter Sinn für

Vornehmheit und edlen Anstand. Was unser Gemälde davon zeigt, ist nicht

etwa nur auf Rechnung des Künstlers zu setzen, der veredelte Gestalten

gezeigt hätte. Allerdings war den Italienern überhaupt eine feine Art

eigen des Stehens, Gehens, Sitzens und Sichbewegens. Den Venezianer

zeichnete aber noch eine besondere Würde der Haltung aus, die wohl nur

noch der Römer mit ihm gemeinsam hatte. Es lag in seiner Art oft etwas

wohltuend Getragenes und Gehaltenes. Die sichere Ruhe des Auftretens

war ihm natürlich. Wie schön trinkt auf dem Bild der stehende junge

Mann seinen Wein, wie würdig in seinem Sinnen wirkt der sitzende

Alte vor ihm, wie anmutig-gefällig ist nahe dabei der Diener beim

Einschenken aus dem Kruge! Und wie lieblich neigt auch die Braut ihr

schön frisiertes Köpfchen.

Die Republik von San Marko konnte als eine hohe Schule der heiteren

Geselligkeit gelten. Gab es doch sogar eine Gesellschaft lebensfroher

Jünglinge, die sich eigens zu dem Zwecke gebildet hatte, glanzvolle

Feste zustande zu bringen, um Frohsinn und Lebensfreude zu steigern.

Am fröhlichsten ging es natürlich bei den Künstlern einer solchen Stadt

zu, am glanz- und zugleich geistvollsten im Palast Tizians, des Königs

der Maler. Dort ließ sich auch gute Musik und boshafter Witz noch

öfter hören als bei den reichen Patriziern. Infolgedessen waren jene

Gottbegnadeten auch ständige Gäste in den vornehmsten Häusern, und dort

sahen sie ihre eigenen Werke von den Wänden herabschauen. Das auf der

Leinwand Dargestellte war dann oft wie ein gesteigertes Spiegelbild des

Treibens in den Sälen der Paläste und Villen und wie eine Aufforderung,

es sich auch weiterhin, womöglich in noch größerer Schönheit, Pracht

und Üppigkeit wohl sein zu lassen.

Veronese hat aber gemalt nicht nur für Privathäuser der Stadt oder

des Festlandes drüben, wohin die Republik ihren Machtbereich mehr

und mehr ausdehnte, als man zur See und an ferneren Küsten vor den

Türken zurückwich. Er hat vielmehr auch Staats- und Klosteraufträge

ausgeführt. War ihm doch der große Tizian, der sonst auf fremden Ruhm

so Eifersüchtige, gewogen, so daß er ihn empfahl. Auch im Dogenpalast

verkündigen Gemälde seinen Ruhm. Schöne Damen, wie Venedig sie in

Fülle bot, jene goldblondhaarigen, vollen, milden Frauen stellen hier

Venezia, die Schutzgöttin der Stadt, und alle möglichen Tugenden dar.

Tiefe Geistigkeit und Charakteristik darf man bei ihnen nicht suchen.

Um dergleichen zu entwickeln, hatten die Schönen, die Modell saßen, ein

zu geruhiges Leben in ihren Gemächern und auf ihren Balkonen, von denen

sie den Blick auf die Lagunen genossen.

Das ist wohl überhaupt die Kehrseite von all der Herrlichkeit. Der

festliche Rausch täuscht uns nicht über eine geistige Leere hinweg.

Da gibt es vom selben Meister noch eine „Hochzeit zu Kana“. Sie war

für den Speisesaal eines Klosters bestimmt und hängt im Louvre. Auf

ihr ist alles noch viel prächtiger als auf der unsrigen. Der lange

Tisch entsendet an beiden Seiten Flügel nach vorn, so daß Hufeisenform

entsteht. Oberhalb ist noch eine Tribüne mit sehr vielen Menschen.

Im ganzen zählt man 150 Köpfe. Rechts und links prangen herrliche

Bauwerke, im Hintergrunde vor dem lichten Himmel ein hoher luftiger

Turm. Überall auf den Balkonen und Söllern Menschen in jubelnder

Seligkeit! Musiker im Vordergrund werden durch keinen Geringeren als

Tizian, unsern Meister und ähnliche Größen dargestellt. Andere Personen

auf dem Gemälde sind in Wahrheit Fürstlichkeiten von damals. Dazu

Diener in Menge, Mohren, Kinder, Hunde, Schüsseln, Krüge und Pokale!

Aber überkommt uns nicht auch hier, und hier erst recht das Gefühl der

Leere, trotz aller Fülle?

Da wird uns auf unserem kleineren und intimeren Bilde doch noch wohler.

Zwar wird auch hier dem Heiland nicht die gebührende Ehre zuteil. Es

ist, als wenn das mit dem Morgenland in so viel Berührung gekommene

Venedig den geheimnisvollen überirdischen Hauch der Ferne nicht in dem

Maße verspürt hätte, wie die übrige Christenheit und sich deshalb mit

den Personen der Heilsgeschichte auf einen zu kameradschaftlichen Fuß

gestellt hätte. Aber dem Wesentlichen in dem Vorgang kehrt sich unser

Augenmerk doch rascher zu, schon weil sich das ablenkende Beiwerk

nicht so breitmacht. Zwar treiben sich auch hier Kinder, Hund und

Katze herum, aber ganz versteckt. Deshalb hätte ihm nicht, wie es zehn

Jahre später (1573) geschah, die Inquisition die Mahnung erteilt, die

Würde des Vorgangs besser zu wahren. Hier begegnet uns nichts, das so

ärgerlich wäre wie Zwerge, Papageien, hinkende deutsche Landsknechte

und ein Mann, der sich mit blutender Nase über ein Geländer beugt.

Gemälde und ihre Meister · 第 8 / 25 段