Auch dieses Meisterwerk hat seine Geschichte: Correggio malte „Die

heilige Nacht“ als Altarbild für die Kapelle der Kirche S. Prospero zu

Reggio-Emilia. Der Vertrag zwischen dem Besteller und dem Künstler

wurde am 13. Oktober 1522 geschlossen. Das Gemälde ist aber erst acht

Jahre später vollendet und 1530 am Bestimmungsort aufgestellt worden.

Nicht lange sollte es der Kirche zum Schmuck gereichen; denn schon im

Mai 1540 wurde es vom Herzog Francesco I. für die Galerie in Modena

geraubt. Im Jahre 1755 ist es dann vom Kurfürsten Friedrich August II.

von Sachsen für seine Kunstsammlung erworben worden. Seitdem hängt das

kostbare Werk in der Dresdner Gemäldegalerie. Es ist auf Pappelholz

gemalt und noch ziemlich gut erhalten. Nur die Schatten sind an

einigen Stellen dumpfer geworden, und die stark belichteten Stellen

haben etwas von ihrer Leuchtkraft eingebüßt. Doch wird die gewaltige

Wirkung auf den Beschauer dadurch nicht im geringsten beeinträchtigt.

In der Dresdner Galerie finden sich neben wohlgelungenen Kopien noch

drei Originale aus der Zeit der höchsten Entwicklung des Meisters: die

Madonna des heiligen Franziskus, die Madonna des heiligen Sebastian und

die Madonna des heiligen Georg. Eins der schönsten und wirkungsvollsten

aber ist wohl „Die heilige Nacht“, die alte und junge Herzen mit ihrem

unvergänglichen Zauber beglückt und neben ihrem hohen poetischen Wert

für alle Zeiten ein dauerndes Zeugnis der erhabenen Kunst des großen

Meisters bleiben wird.

Das Lebenswerk Correggios ist in alle Welt zerstreut. In

Deutschland werden außer in Dresden nur in Frankfurt a. M., im

Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, ferner in Wien Originalwerke von des

Meisters Hand aufbewahrt.

_Paul Gerhard Zeidler._

Landschaft

Von Albrecht Altdorfer

Geboren um 1480 bei Landshut, gestorben 13. Februar 1538 in

Regensburg. -- Alte Pinakothek in München

Bild 10

Die alten deutschen Maler saßen als ehrbare Zunftmeister in den

Städten und hielten wie die Meister aller anderen Zünfte offene

Werkstatt, in der gearbeitet wurde, was die Kundschaft verlangte,

vom Ladenschild an bis zum Altarbild mit heiligen Geschichten. Uns,

die wir den freischweifenden und schaffenden Künstler kennen, klingt

das wunderlich. Aber wir sehen, daß diese Verbindung von Alltagswerk

und gehobener Schöpfung Kunst und Künstlern ganz wohl gediehen ist,

jahrhundertelang. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts kamen Künstler

auf, die diesen Betrieb wohl als Fessel empfanden. So frei sie in den

religiösen Bildern waren, so viel von dem, was sie empfanden, sie

in sie hineingeben konnten, bei manchem war das Erlebnis des Auges,

des Herzens, der Traumkraft doch allzu reich und stark, als daß er

in diesen immer gebundenen Werken sich ganz hätte ausdrücken können.

Das war etwa der Fall Dürers, der sich deshalb in Holzschnitt und

Kupferstich Mittel freier, von keinem Besteller abhängiger Kunst

schuf. Ein Bild ohne festen Auftrag zu malen, war ein Wagnis, das er,

wenn überhaupt, gewiß ganz selten unternahm. Das Bild als ganz freier

Ausdruck eigenen Wollens, ohne Rücksicht auf Tradition, auf die der

Besteller eines Altarbildes doch immer halten mußte, ohne Rücksicht

auf repräsentative Wirkung, ganz als private Angelegenheit eines

Künstlers und eines Liebhabers -- dieses Bild war der Vorbehalt des

Regensburgers Albrecht Altdorfer.

Vielleicht deshalb, weil er gar kein gelernter Maler im Sinne der

Zunft war. Er war Stadtbaumeister von Regensburg. Ob er überhaupt das

Recht hatte, eine große Altartafel zu malen? Er hatte es nicht gelernt

und konnte es nicht, wie man aus den Figuren seiner größeren Bilder

schließen kann. Er kam von der Miniaturmalerei her, die vielleicht die

eigentliche Malerei des Nordens ist, wie das Wandbild die eigentliche

Malerei Italiens. Der ungeheure Schatz, den die nordeuropäischen

Völker, und besonders die Deutschen, in diesen Miniaturen besitzen,

liegt noch versteckt und wird erst langsam an den Tag gebracht. Wie

schon einmal Jan van Eyck, genau hundert Jahre vor Altdorfer geboren,

so brachte nun dieser die Miniaturmalerei von dem Buchblatt auf die

Tafel. In diesen kleinen Bildchen hatten die Maler viel mehr und

viel Feineres aus Natur und Menschenleben geben können, als in den

Altarbildern erlaubt und am Platze war. Ihre Kunst war in vieler

Hinsicht geschmeidiger. Ganz besonders im Ausdruck von Licht und Luft,

aus deren Weben die Landschaft ihre Stimmung erhält.

Alle deutschen Maler haben die Landschaft geliebt und ihre Stimmungen

empfunden. Aber da der Zweck ihrer Bilder die Figur zur Hauptsache

macht, so bleibt ihnen für ihre Schilderung nur der Hintergrund. Die

Handlung steht vor der Landschaft, nicht in ihr. Bei Altdorfer nun

kehrt sich dieses Verhältnis um. Es ist die Landschaft, die seine Tafel

füllt und ihre farbige Erscheinung bestimmt. Alles andere, Bauten und

Gestalten, fügt sich ein. Das ist ohne Zweifel eine Folge seines ganz

persönlichen Verhältnisses zur Welt. Und es ist wie ein Bekenntnis,

daß er zum ersten Male ein Bild malt, dessen Gegenstand nur eine

Landschaft ist. Unser Bild -- deshalb geschichtlich ebenso wichtig wie

schön und voll in der Empfindung.

Keiner von den alten Meistern ist uns so nahe wie dieser, weil er

aus seiner Zeit heraustritt. Die Bürger saßen damals in ummauerten

Städten, und der Erholungsplatz war der Garten vor dem Tor. Reisend

kamen sie wohl durch Feld und Wald, und so auch die Künstler. Aber das

Wandern um des Wanderns willen, das zwecklose Streifen in der Natur

haben sie nicht gekannt. Altdorfer dagegen -- das bezeugt das Ganze

seines Werkes, aber auch schon jedes einzelne Bild -- Altdorfer war ein

Wanderer, wie wir sehnsüchtige Stadtmenschen das Wort seit der Zeit des

jungen Goethe verstehen. Und seine große Liebe, diese ganz deutsche

Liebe, war der Wald.

Der Wald ist Wirklichkeit und Geheimnis: Wirklichkeit, in der hundert

feinste Einzelheiten das Auge ansprechen, und Geheimnis, das die

ganze Seele bewegt. Die beiden Züge, deren Verbindung das Besondere

des deutschen Wesens ausmacht, Andacht zum Kleinen und Sehnsucht nach

überweltlichem, machen die Menschen dieser Art für ihn empfänglich.

Was für ein Buch wäre zu machen, wenn man sammelte, was das Volk,

seine Dichter und seine Künstler vom Walde gesagt, gefabelt und

geschildert haben! Man würde ihn sehen bis zum winzigen Moos, man würde

ihn rauschen hören, man würde staunen über das seltsame Gelichter

von Zwergen und Elfen und auch fremden Satyrn und Nymphen, das ihn

durchtollt und am Ende in wohligem Schauer erbeben, wenn gehet leise

nach seiner Weise der liebe Herrgott durch den Wald.

Der erste aller Maler, die den Wald so erkannt haben, war Altdorfer. Er

mag ihn schon als Knabe erlebt und seine Träume von antiken Fabelwesen,

von christlichen Heiligen, von ritterlichen Schlachten in dieses selbst

entdeckte Land hineinverlegt haben. Der Wald ist sein eigentlicher

Gegenstand. Ohne edle Buchen mit ihrem zarten Laub, ohne bärtige Tannen

sieht er selten ein Bild. Er stellt sie hinein, wie andere Meister nahe

Menschen, Eltern, Geschwister und Freunde.

Und noch etwas liebt und kennt er, was keine Beobachtung, kein in

realistischen Zeiten so hoch gepriesenes Studium erschließt, die

Wolken. Sind nicht auch sie Wirklichkeit und Geheimnis zugleich? Auch

sie muß man erfühlen, ihr Locken und ihr Drohen, ihr schweres Ruhen und

ihr luftiges Wallen.

Diese erste Landschaft ist nicht das Werk eines Malers, der ein Motiv

gesucht hat und dann daraus ein Bild gemacht. Dann würde es uns nicht

so in sie hineinziehen. Nein, wir sind Mitlebende eines Erlebnisses.

Der Beschauer ist selbst der Wanderer, der eben aus dem Dunkel des

Waldes, aus dem Grün ins Grün heraustritt und nun zwischen zwei

mächtigen Bäumen, die seinen Rand bewachen, in den hellen Sommertag

hineinblickt. Eine Burg auf waldigem Hügel, Berge und See, und darüber

blauer Himmel mit lockerem silberweißem Gewölk. Es ist so eine Stelle,

bei der man plötzlich aufjauchzt.

Aber Altdorfer erschöpft sich nicht in der Andacht zur Natur. In seiner

Zeit drang die Kunst Italiens über die Alpen und wirkte gerade durch

ihr Anderssein mächtig auf die Künstler der gotischen Welt. Man darf

da nicht von Nachahmung sprechen. Die kam später und hat dann der

großartigen, ganz von einem eigenen Weltgefühl erfüllten Kunst des

Nordens, die auch heute noch von den Völkern, deren Stolz, sie sein

sollte, der fremden gegenüber gering geachtet wird, das Ende gebracht.

Schlösser, wie sie der Baumeister Altdorfer in seine Bilder malte oder

auch nur ähnliche hat es in Italien nicht gegeben. Sie sind echte und

rechte Werke eines deutschen Phantasten, der aus gotischen Türmen und

italienischen Hallen und Terrassen ein Neues schafft. Kein Fürst,

geschweige denn ein Regensburger Bürger, wollte oder konnte damals

dergleichen ausführen lassen. Es sind Verhältnisse und prunkhafte

Häufungen, wie sie erst Jahrhunderte später die großen Monarchen

verwirklichen ließen. So mußte sich eine starke baukünstlerische

Begabung in gemalten Architekturen ausgeben.

Ein Bild, in dem der ganze Künstler Altdorfer sich offenbart, ist

die „Ruhe auf der Flucht“ im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum. Das

heilige Paar hat an einem Brunnen haltgemacht, einem Brunnen, der in

demselben Sinne italienisch ist wie die Schlösser des Malers, reich

an Figur. Er steht am Ufer eines Sees, vor einem Weiler, aus dem Turm

und Ruine einer alten Burg ragen. Man sieht weit über das Ufer hin,

bis zu den Bergen, die sich wie der Spiegel des Wassers im Duft der

Ferne auflösen. Das Kind auf Mariens Schoß beugt sich über den Rand des

Beckens und spielt mit der Linken im Wasser. Und um es herum spielen

Engel. Da ist alles: fromme Sage und deutsches Märchen, romantische

Sehnsucht und Heimatliebe, und alles in das helle und lebendige Licht

getaucht, das nicht aus Bildern stammt, sondern von dem ein Wanderer

und Freilichtmensch seine Augen vollgesogen hat.

_Fritz Stahl._

Kaufmann Georg Gisze

Von Hans Holbein d. J.

Geboren 1497 in Augsburg, gestorben zwischen 7. Oktober und 29.

November 1543 in London. -- Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin

Bild 11

Die Natur wiederholt sich nicht gerne: eine unmittelbare und

gleichmäßige Vererbung der Geisteskraft gehört zu den größten

Seltenheiten der menschlichen Geschichte. Weit häufiger kommt es vor,

daß eine überragende Begabung, wie bei Goethe und seinen Nachkommen,

schon in der ersten Geschlechtsfolge ins Unfruchtbare entartet oder

sich, wie bei Bismarck und seinen Söhnen Herbert und Wilhelm, die

sich gleich ihm der Staatskunst widmeten, ins Beamtenmäßige wandelt.

Aber auch für die entgegengesetzte Entwicklung gibt es tröstliche

Beispiele. Wie Karl der Große an Bedeutung seinen Vater Pipin überragt,

so steigt erst recht Friedrich II. von Preußen über seinen keineswegs

unbedeutenden Vater Friedrich Wilhelm I. empor. Dieser Vorgang begegnet

uns auch in der Kunst: Mozart und Beethoven, die beide die Musik von

ihren Vätern ererbt haben, lassen diese in ihrem Fluge zur Höhe noch

viel weiter unter sich als _Hans Holbein der Jüngere_ seinen

gleichnamigen Vater.

Denn schon das malerische Können und Schaffen dieses älteren Holbein

war recht bedeutend. Mit leidenschaftlichem Drang suchte er nach einer

neuen Schönheit und in ernstem Naturstudium zugleich nach Wahrheit

und Treue. Noch im vorgerückten Alter erfreute er sich einer so

lebendigen Entwicklungsfähigkeit, daß er freudig der herandrängenden

neuen Formenwelt der italienischen Renaissance die Arme öffnete, wenn

er selbst den Fuß auch nicht mehr in das gelobte Land setzen durfte.

Seine Stärke lag im Bildnis, in einer persönlichen Auffassung des

Menschen, dessen äußere Erscheinung er in wenig Strichen schlagend

wiederzugeben verstand. Den scharfen Blick für das Eigentümliche

und die sichere Fähigkeit, es mit zwingender Selbstverständlichkeit

auszudrücken, hat er seinem Sohne Hans vererbt, während dieser das

richtige perspektivische Zeichnen und die Beherrschung der Farbe in der

väterlichen Werkstatt nur mangelhaft erlernen konnte.

Obgleich der Vater einer begüterten Augsburger Familie angehörte und in

seiner Kunst durchaus tüchtig war, geriet er in Vermögenszerrüttung,

noch ehe seine Söhne Ambrosius und Hans völlig erwachsen waren. So

verließen beide schon um 1514 -- Hans (geb. 1497) war kaum siebzehn

Jahre alt -- die Vaterstadt Augsburg, um sich draußen fortzubilden

und ihren Verdienst zu suchen. Sie gingen nach Basel, denn in dieser

Universitätsstadt blühte damals der deutsche Buchdruck und damit

die Kunst des Zeichnens. Hans fand denn auch als Meisterschüler

Hans Herbsters aus Straßburg bald gute Verbindungen mit Verlegern

und Gelehrten, die ihn mit Holzschnittzeichnungen für ihre Bücher

beauftragten, und mit derselben Leichtigkeit und Anmut wie für die

Buchkunst arbeitete er für das Kunsthandwerk. Er lieferte bald

feierlich ernste, bald launig lustige Vorlagen für Glasmalereien,

malte Aushängeschilder, bedeckte einen Tisch oder ganze Häuserfassaden

mit bunten Schildereien, zeichnete Damentrachten für Schneider,

illustrierte Stücke aus der Bibel und die volkstümliche Schrift

„Lob der Narrheit“ des gelehrten Humanisten Erasmus von Rotterdam,

den er später oft porträtiert hat, und wagte sich, ein noch nicht

zwanzigjähriger „Malergeselle“, an seine ersten Bildnisse. 1519,

nachdem er sich in Oberitalien umgesehen hatte, wurde er selbständiger

Meister. Eine Menge von künstlerischen Arbeiten erstanden in den nun

folgenden Jahren unter seiner fleißigen, immer leichter und flotter

werdenden Hand: biblische und moderne Holzschnittfolgen, symbolische

Wandmalereien aus der Geschichte, Altargemälde, Passionsbilder,

Madonnen -- darunter als bedeutendste die „Madonna des Bürgermeisters

Meyer“ (Original im Darmstädter Schloß) -- und Totentänze, die uns

in dramatischer Bewegung und oft von Humor gemildert zeigen, wie

sich alle Stände und Lebensalter der Macht des Todes beugen müssen.

Allmählich aber versiegten die Aufträge: ein bilderfeindlicher Geist,

unter dem, wie Erasmus sagte, „die Künste froren“, griff in der Baseler

Bürgerschaft um sich, die ohnedies durch die politischen und religiösen

Kämpfe der Reformation von der Kunst abgezogen wurde.

So folgte Holbein 1526 dem Rate seines Gönners Erasmus, der überall

Beziehungen und Verbindungen hatte, und floh aus der Enge und

Ärmlichkeit der heimischen Verhältnisse in die geistig freie Luft

Englands. Dort durfte er sich besonders als Bildnismaler lohnende

Arbeit versprechen, denn so viele Kunstfreunde England damals auch

schon hatte, einheimische Maler von Bedeutung fehlten dort, und auch

unter den Angesiedelten waren wenige, die ein gutes Bildnis malen

konnten. Nur zwei Jahre ist Holbein zunächst in England geblieben,

aber erstaunlich viel hat er während dieser Zeit geschaffen, und seine

Kunst hat ebenso erstaunliche innere Fortschritte gemacht. Hinfort

durfte er als der größte Bildnismaler gelten, den das 16. Jahrhundert

diesseits der Alpen hervorgebracht hat. Keiner übertraf seinen Pinsel

an weltmännischer Eleganz und malerischer Geschmeidigkeit, keiner

wußte wie er Natürlichkeit der Auffassung, Kraft und Vollkommenheit

der Zeichnung mit lebhaftem Farbensinn und kristallklarer Form zu

vereinigen. Als er 1528 nach Basel zurückkehrte und dort ein Haus

erwarb, fand er die Heimat verändert. Dem Zuge zum Volkstümlichen, der

die humanistische Gelehrsamkeit verdrängte, hätte er sich mit seiner

weltmännischen Gewandtheit leicht angepaßt; als er aber den Bildersturm

losbrechen sah, fühlte er sich und seine Kunst bedroht und kehrte

(1532) nach England zurück. Nun erst entfaltet er, zunächst in enger

Verbindung mit den dort ansässigen hanseatischen Kaufleuten, die von

alters her im Stahlhof an der Themse ihre Kontore und Wohnungen hatten,

dann als Hofmaler König Heinrichs VIII. seine volle Bildniskunst,

ebenso groß als getreuer Schilderer der menschlichen Charaktere wie als

glänzender Beherrscher der Farbe. Aus dem Maler der deutschen Kaufleute

wurde er nun der Porträtist der Gelehrten und der hohen Geistlichkeit,

des Adels und der königlichen Familie -- ein großer Herr, der „in Seide

und Samt gekleidet“ einherging und, wenn er einmal wieder daheim war,

die Bewunderung seiner Baseler Landsleute erregte. Mehr als hundert

Bildnisse, alle ohne Gehilfen gemalt, haben sich von ihm erhalten.

Er ist, überall begehrt und gefeiert, viel gereist, auch in geheimen

Staatsaufträgen, hat aber in London seinen dauernden Wohnsitz behalten,

bis er, ein Sechsundvierzigjähriger, im Spätherbst 1548 ein Opfer der

Pest wurde, die damals in der Stadt wütete. Mit ihm ging der letzte

große Meister der altdeutschen Malerei dahin. Eine neue Zeit kam

herauf.

Deutsche waren es, in deren Dienste Holbein drüben in England zuerst

seine Kunst stellte. Aus ihrem Kreise stammt auch das Bildnis des

_Georg Gisze_ (1497 bis 1562), eines aus Danzig herübergekommenen

Kaufmanns, wohl das erste Werk, das Holbein während seines zweiten

Londoner Aufenthalts malte, jedenfalls das schönste und vollendetste

seiner Stahlhofbildnisse.

Mitten in seiner Schreibstube zeigt uns der Künstler diesen ihm

gleichaltrigen blonden Kaufmann. Außerordentlich reich ist das

Beiwerk, mit dem der Dargestellte umgeben. Auf dem mit einem kostbaren

persischen Teppich bedeckten Tisch liegen oder stehen außer allerlei

Schreibgeräten eine Schere, ein Ring, ein Petschaft, ein Falzbein,

eine Gelddose und an die Wand gelehnt eine geschlossene Mappe mit

Papieren. Über all diesen krausen Kleinkram steigen schlank und stolz

aus zierlichem venezianischem Glase die drei rötlichen Nelken empor.

Die Nelke war die Lieblingsblume der Porträtisten, weil sie als Zeichen

glücklicher Liebe galt. Sie soll tragen, heißt es in einem alten Liede,

„wer sich ein Lieb auserwählt, das ihm lustlich und herziglich ist, und

wann sie beide ein Gemüte haben“.

Doch damit nicht genug der Ausstattung. Auch der Hintergrund des

Bildes ist reich bedacht. Um die Wände laufen zwei Reihen Leisten,

hinter die feingeschriebene Adressen, Verschlußstreifen mit Siegeln

und aufbewahrte Briefe geklemmt sind; an den Borten rechts und links

hangen eine Goldwage, eine Uhr mit Petschaft, eine reichziselierte

Metallkapsel mit Bindfaden, Siegelringe und andre Kontorgerätschaften;

oben auf den Brettern liegen Bücher, eine Schachtel, eine Kassette

und sonst noch dies und das. Alle diese reichen und behaglichen

Dinge -- mit Ausnahme des dem Auge zu nahe gerückten weißen Blattes

an der Hinterwand, das man sich aber als eine Art Katalogzettel

vorstellen muß[F] -- sind wahr und echt bis ins kleinste, aber doch

so unaufdringlich gemacht, daß sie den Blick nicht unnütz ablenken

von dem Manne, der diesen Raum mit seiner Arbeit erfüllt. Seine

Erscheinung für das Auge zu betonen, bietet der Maler die kostbarsten

und erlesensten Farben auf. Über den lachsfarbenen Seidenrock ist eine

dunkle Schaube (ein weites, faltiges, mantelartiges Gewand, das erst im

15. Jahrhundert aufkam) gelegt, vorne auf der Brust läßt ein Ausschnitt

das feingefältelte Hemd sehen, das mit einem schmalen Streifen auch die

Ärmel säumt und leise anklingt mit dem gerade nur angedeuteten weißen

Rand des „Fazenetleins“, des Taschentuches, von dem ein Zipfel auf der

linken Brust zwischen schwarzer Schaube und rotem Rock hervorlugt.

Das Bild ist auf dem Titel farbig wiedergegeben. So vermag das Auge

die malerische Schönheit des Originals nachzuempfinden, das im

Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin aufbewahrt wird und (auf kernigem

Eichenholz gemalt) unter der Zeit kaum gelitten hat. Wie zart da der

rote Rock zu der gelbgrünen Wandtäfelung steht, und wiederum, wie das

leicht rosa angehauchte Hellbraun des Gesichts lebhaft absticht gegen

das leise ins Violette hinüberspielende Schwarz der Schaube und der

Mütze, die auf dem modisch gestutzten kastanienbraunen Haar liegt!

Der Weltmann Holbein wußte, welche Bedeutung die Dinge der Umgebung für

einen lebensfrohen Menschen haben, und sein reger Farbensinn und seine

leichte Hand erlaubten ihm, sie aufs liebevollste durchzuarbeiten.

Aber mit sicherem Geschmack und feinem Takt verstand er sie so

abzustimmen, daß sie helfen, den Menschen zu charakterisieren, ihn,

der ihm die Hauptsache blieb. Zwar ist nichts von dem seelischen

Ringen und der Schicksalsfülle in diesem Gesicht, wie sie Dürer seinen

Menschen mitgibt, darum aber spricht das äußere und innere Leben des

vierunddreißigjährigen Mannes aus diesem Bilde nicht minder beredt. Es

ist eben ein Kaufmann, ein Mann des werktätigen Lebens, den wir vor uns

haben. Eine kühle Ruhe, eine vornehme Zurückhaltung, eine selbstbewußte

Unabhängigkeit lesen wir aus der Haltung und den Zügen. Das Auge

scheint zu sagen: „Erst wägen, dann wagen“; um Mund und Kinn prägt

sich ein fester Wille aus, der den Wert des Schweigens entdeckt hat;

um die weichgezeichneten Augenbrauen schwebt eine leise Schwermut, der

Enttäuschung und Schmerz nicht mehr unbekannt sind. Und nun versteht

man, daß dieser Mann sich den Wahlspruch erkoren hat, der hinter der

Goldwage an der Wand geschrieben steht: ~Nulla sine merore voluptas~

(Keine Lust ohne Leid). Nein, es ist kein oberflächlicher, kleinlicher

Krämergeist, erfüllt von niederer Habsucht und Besitzgier, der uns hier

begegnet, sondern ein redlicher, kluger, zielbewußter Sinn, der die

Mittel und Zwecke wohl abzuschätzen weiß, der keine Luftschlösser baut,

aber auch die steilen Wege zum Erfolge nicht scheut. Mit einem Wort:

der Inbegriff des aufgeweckten, regsamen, tüchtigen und weltkundigen

hanseatischen Kaufmanns, der über die Meere fuhr und, wohin er kam,

nicht bloß seine Waren, sondern auch Geist und Gesittung verbreitete.

In dem Augenblick freilich, da der Künstler ihn erfaßt hat, sind

seine Gedanken wohl mehr bei seinen Privatangelegenheiten. Jedenfalls

kommt der Brief, den er im Begriff ist zu öffnen, aus der Heimat,

ist doch die Aufschrift deutlich zu lesen: „Dem ersamen Jergen Gisze

to lunden (London) in engelant Mynem broder to handen.“ Gilt der

sinnend verweilende Seitenblick der dunklen Augen der Erinnerung an

diesen Bruder in der deutschen Heimat? Oder wird Georg Gisze in dem

Augenblick, da er sich von seinen Geschäften persönlichen Dingen

zuwenden will, durch einen Besuch gestört, der eine Frage an ihn

richtet? In seinem Blick liegt halbe Aufmerksamkeit und halbe Abwehr,

als wolle er sagen: „Warum gerade jetzt?“ Doch sind Erziehung und

Selbstbeherrschung zu stark in diesem Manne, als daß er unhöflich

werden könnte, selbst in dieser Minute, die seinem Herzen und Gemüte

gehören sollte.

Das Bild, so deutsch es uns mit seiner schlichten Vornehmheit,

seiner kühlen Sachlichkeit und seinen klaren, bestimmten Farben

erscheint, ist dank seiner Formvollendung und seiner abgeklärten

Harmonie früh zur Weltberühmtheit gelangt. Denn nicht nur die

künstlerische Persönlichkeit des Malers, dieses einzigen wahrhaften

Renaissancemeisters unter den altdeutschen Künstlern, spricht sich

darin vollendet aus, es lebt hier auch in einem ausdrucksvollen

Vertreter eine ganze Zeitspanne und ein ganzer Stand, der Stand jenes

„königlichen Kaufmanns“, der das alte Deutschland zum Neid der Welt

groß gemacht hat und allein imstande sein wird, es aus seinem tiefen

Fall wieder emporzuheben zu Macht und Größe.

_Friedrich Düsel._

[F] Die Inschrift auf dem weißen Zettel lautet, aus dem

Lateinischen ins Deutsche übersetzt:

Distichon auf das Bild des Georg Gisze:

Was du hier siehst, dies Bild, zeigt Georgs Züge und Aussehn.

So ist lebendig sein Aug’, so sind die Wangen geformt.

Bauernkirmes

Von Pieter Bruegel dem Älteren, genannt Bauernbruegel

Geboren um 1525 in Breda, gestorben 1569 in Brüssel. --

Kunsthistorische Sammlungen in Wien

Bild 12

Gemälde und ihre Meister · 第 7 / 25 段