All diese venezianische Freude an Pracht und Schönheit, an Form und

Farbe ist getaucht in den hellen Sonnenglanz, der den größten Teil des

Jahres über der Stadt liegt und den das Meer mit seinen vielen, die

Stadt durchziehenden Armen und Kanälen tausendfach widerstrahlt. Daher

rührt es, daß in den Werken der Maler Venedigs immer eine berückende

Farbenpracht und eine glänzende Farbengebung vorwalten, gleichsam als

sei alles mit den leuchtenden Strahlen von Sonne und Meer getränkt.

Das zeigt sich schon im 15. Jahrhundert in den Schöpfungen eines

Jacopo Bellini und tritt noch schärfer hervor in den Werken seiner

Söhne Gentile und Giovanni Bellini. Besondere Förderung erfährt dieses

Bestreben dadurch, daß die beiden Brüder zwischen 1473 und 1475

die Technik der Ölfarbe erlernen und seitdem anwenden. Diese durch

Antonella da Messina 1473 in Venedig eingeführte Öltechnik ist von der

größten Bedeutung, denn sie allein gestattet die Wiedergabe der Farbe

in ihrer vollen Tiefe, die Wiedergabe des Lichtes in seinem vollen

Glanze. Bis dahin konnten sich die Maler nur mattwirkender Farben

bedienen, indem sie entweder mit Kalkfarbe ~al fresco~, d. h. auf den

frischen Bewurf der Wand malten, oder aber Tafelbilder auf Holz, Kupfer

oder Leinwand in Leimfarben oder Eifarben (Tempera) herstellten. In dem

einen wie dem anderen Falle erscheinen nach dem Auftrocknen die Farben

stumpf und flach. Jetzt ermöglicht die Ölmalerei die Anwendung von

Farben, die denen der Wirklichkeit gleich sind an Kraft und saftiger

Schönheit, die dabei jede Abwandlung vom zartesten Hauche bis zur

sattesten Tiefe gestatten und die, nachdem sie aufgetrocknet sind,

durch einen Überzug von Firnis (Lack) eine unveränderliche Leuchtkraft

gewinnen. Darum haben so viele von den Meisterwerken jener Tage ihre

volle Wirkung bis heute bewahrt.

In dieses Venedig hinein und gleich zu den Bellinis in die Lehre kommt

im Jahre 1487 unser Tizian. Er war 1477 als Sprößling einer angesehenen

Familie zu Pieve di Cadore im Friaul geboren, also inmitten einer

großartigen, majestätisch-monumentalen Alpenwelt aufgewachsen. Wenn

auch damals und noch mehr in späteren Jahren die Handelsmacht Venedigs

sich allmählich verringerte, weil der Welthandel infolge der Entdeckung

Amerikas und des Seeweges nach Ostindien mit der Zeit andere Bahnen

einschlug, so verschob sich das alles doch nur Schritt für Schritt,

so daß Venedig seine Vormachtstellung im Mittelmeer noch Jahrhunderte

behielt und damit seinen Reichtum und seinen Glanz, seine Pracht und

seinen Ruhm.

Knapp zehn Jahre hat Tizian gebraucht, um zu einer selbständigen

Wirksamkeit als Maler zu gelangen. Aber wie jeder heranwachsende

Künstler unterliegt auch er in der ersten Zeit seines Schaffens fremden

Einflüssen. Die Auffassung und Malweise seiner Lehrer hält er längere

Zeit fest, dann nähert er sich mehr der weichen Art des Giorgione, mit

dem zusammen er bis 1508 an der Ausmalung des deutschen Fondaco, des

deutschen Kaufmannshofes in Venedig, tätig ist. Aber auch Leonardo da

Vinci bleibt nicht ohne Wirkung auf ihn. Schließlich verläßt er Venedig

und malt 1511 bis 1512 in Padua Fresken.

Aber Venedig hat es ihm doch angetan. Er mag es gefühlt haben, daß

er, der hochgemute, scharfblickende, kühn und fest vorwärtsstrebende

Sohn der Alpen, nur in dem stolzen, reichen, von allen Schätzen der

Welt erfüllten Venedig sein Ziel erreichen könne, ein großer Maler

zu werden. Und er wird es dort. Mit seiner Rückkehr nach Venedig

1512 beginnt der zweite Abschnitt seine Lebens voll künstlerischer

Selbständigkeit und reicher Wirksamkeit. Schon 1516 wird er zum

Ratsmaler von Venedig ernannt. Er knüpft Verbindungen mit den

Fürstenhöfen von Ferrara und Mantua an, arbeitet zeitweilig auch dort.

So sind die zwanzig Jahre von 1512 bis 1532, also sein Mannesalter

vom fünfunddreißigsten bis fünfundfünfzigsten Jahre, ausgefüllt von

unermüdlichem, niemals erlahmendem Schaffen, das ihn auf die Höhe

seiner Kunst führt.

Das Jahr 1532 bringt eine entscheidende Wendung im Leben Tizians. Er

malt Kaiser Karl V. und tritt zu ihm in enge Beziehungen. Damit wird er

ganz von selbst zum gesuchtesten Maler seiner Zeit, dem seine großen

Einkünfte gestatten, ein fürstliches Haus zu führen, dem aber auch

seine ausgebreiteten persönlichen Verbindungen gestatten, die Größten

und Besten seiner Zeit als Gäste bei sich zu sehen: die fürstlichen

Staatshäupter, die Träger der höchsten kirchlichen Würden, die Großen

an Geist und die Großen an Geld. Selbst wie ein Fürst anzusehen,

hochgewachsen und von breiten Schultern, mit Adlernase und großen,

kühnen Augen, vornehm und gelassen in Haltung und Bewegung, empfängt

der 1533 Geadelte seine fürstlichen Gäste. Als ihn 1576 die Pest

hinwegrafft, hat der Neunundneunzigjährige noch keine Abnahme seiner

Arbeitskraft verspürt.

Groß ist die Zahl der Werke, die Tizian geschaffen. Nur die wichtigsten

können genannt werden. In den Jahren seiner Entfaltung vor 1512

entstehen drei seiner berühmten Jugendwerke, der heilige Markus, der

Zinsgroschen und das unter dem Namen der himmlischen und der irdischen

Liebe bekannte Bild. In sein Mannesalter fällt die Assunta, d. h. die

Himmelfahrt Mariä, weiter die Madonna der Familie Pesaro, die Ermordung

des Petrus Martyr, die Madonna in der Glorie, die drei Bacchanale,

die Flora, die Venus von Urbino. Aus der Zeit seines Alters, zwischen

1532 und 1576, stammen seine reifsten Werke, die Bildnisse Karls V.,

des Herzogs und der Herzogin von Urbino, des Papstes Paul III., seine

Selbstbildnisse und das schöne Bild seiner Tochter Lavinia mit der

Fruchtschale in den hocherhobenen Händen. Daneben der Tempelgang der

Maria, die Dornenkrönung Christi, Danae im Goldregen.

Wie kaum ein anderer seiner Zeit hat Tizian es verstanden, die Farbe

zur höchsten Wirkung zu bringen. Die Farben im Bild zusammenzustimmen,

sie zu voller Harmonie und höchstem Schmelze zu entwickeln, das ist das

koloristische Ziel, das ihm vorschwebt und das er erreicht. Daneben

aber der hohe künstlerische, geistige und sittliche Gehalt seiner

Werke. Denn was er malt, ist erfüllt von Schönheit und Kraft, von

erhobener Ruhe, Würde und Majestät, stolzer Sicherheit und tiefstem

innerlichen Leben.

So verlockend es ist, einem Künstler auf die Höhe seiner Laufbahn zu

folgen, so reizt es doch noch mehr, aus einem seiner Jugendwerke das

herauszulesen, was er als reifer Meister bekundet hat. Deshalb ist hier

der Zinsgroschen ausgewählt, jenes Jugendwerk, das in der Dresdner

Galerie hängt. Das Ölgemälde ist um 1508 entstanden, also zu einer

Zeit, als Tizian etwa 31 Jahre gezählt hat.

Es handelt sich um die bekannte Begebenheit aus der Biblischen

Geschichte. Die Pharisäer wollen dem Heiland aus seinen Reden einen

Fallstrick drehen und entsenden einige ihrer Jünger, ihm verfängliche

Fragen vorzulegen. So fragen sie ihn, ob es recht sei, dem Kaiser Zins

zu zahlen, d. h. ihm Steuern zu entrichten. Sie hatten natürlich dabei

die Absicht, den Erlöser zu einer unbedachten Antwort zu verleiten,

zu einer Äußerung etwa des Inhalts, daß der Kaiser nicht berechtigt

sei, Steuern zu erheben. Dann hätten sie natürlich diese Äußerung der

Obrigkeit hinterbracht und Jesus Christus als Aufwiegler gebrandmarkt.

Aber Jesus Christus, der die Fragenden durchschaut, spricht zu ihnen:

Weiset mir die Zinsmünze, und als sie ihm einen Groschen reichen,

fragt er sie: Wes ist das Bild und die Umschrift? Als sie ihm darauf

antworten: Des Kaisers, spricht Jesus die Worte zu ihnen: Gebet dem

Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Es ist unverkennbar, daß Tizian dieses Bild unter dem Einflusse von

Leonardo da Vinci geschaffen hat. Aber nur unter seinem mittelbaren

Einflusse insofern, als Aufbau und Durchführung an das Vorbild

Leonardos erinnern. Im übrigen aber ist das Werk eine vollkommen

selbständige Schöpfung Tizians. Und mit welcher Meisterschaft hat er

den Vorgang bewältigt! Zunächst schon erfüllt er in der Komposition, im

Entwurfe das erste Erfordernis aller Kunst, sich auf das Notwendige zu

beschränken, indem er weiter nichts darstellt als Christus und einen

seiner Versucher, nämlich den fragenden. Und auch diese beiden gibt

er nur als Halbfiguren wieder. Dadurch erzielt Tizian eine wertvolle

Zusammendrängung seines Werkes, er führt den Vorgang zurück auf das

Wesentliche, auf die an sich höchst einfache Handlung. Da aber setzt er

mit allen Mitteln der Kunst die beiden Personen zueinander in Gegensatz

und vereinigt sie doch wieder zu einer künstlerischen Einheit, den

fragenden Pharisäer und den antwortenden Christus. Scharf sind beide

gegeneinander gekennzeichnet. Christus, das Antlitz voll Milde und

Sanftmut, durchgeistigt und voll ruhigen Ernstes, die Lippen als ob sie

sprächen und doch um Mund und Augen herum so etwas wie ein gelassenes

Lächeln innerer Überlegenheit über die Plumpheit, mit der der andere

seine Schlinge stellt. Die Hand Christi, die auf den Zinsgroschen

weist, ist ebenso durchgeistigt wie das Gesicht. Es ist die Hand eines

tief und viel Denkenden, eines Mannes, der über die letzten Rätsel der

Menschheit gegrübelt hat und erfüllt ist von Mitleid und Erbarmen. Ganz

anders der Fragende. Braun von Hautfarbe, hager, ein Mann des Gierens

und Erraffens, ein selbstsüchtig Hastender, der zeitlebens an nichts

anderes gedacht hat als an das Erringen des Leiblichen, ein Mann voll

Tücke und Schliche. Das Nachdenken über sich selbst und sein Beginnen,

oder gar über Gott und Menschen hat er nie geübt oder doch schon

längst verlernt. Das von Leidenschaften durchfurchte braune Gesicht

des Fragenden steht in schlagendem Gegensatze zu dem feinen hellen,

von unendlicher Güte durchleuchteten Antlitze Christi, und die grobe,

braune, derbknochige, von dicken Adern durchzogene Hand des Pharisäers

bildet ein vollständiges Widerspiel zu der feinen, schlanken Hand

Christi. Dazu die Haltung der beiden. Der Fragende, der sich plötzlich

wie eine falsche Katze an Christus herangedrängt hat und ihm nun listig

und schmeichlerisch anhängt; Christus, der sich im Weiterschreiten

nicht aufhalten läßt, sondern sich nur halb zu dem Fragenden umwendet

und so ihm seine Antwort gibt.

Bemerkenswert weiterhin, mit welcher Meisterschaft die Farben der

Gewänder gegeneinander abgestimmt sind. Christus mit dem hellrötlichen

Untergewand und dem blaugrünen Mantel dazu, der Pharisäer in dem

grünlichen Gelb seines Gewandes. So beherrscht der Farbendreiklang

Hellrot, Blaugrün und Grünlichgelb das ganze Bild; und zu diesem

Dreiklang gesellen sich harmonisch das Braun in der Hautfarbe des

einen, der helle Ton in der Haut des anderen, die braunen Haare des

einen, die braunschwarzen des anderen. Also auch hier wieder eine große

Meisterschaft des Urhebers.

Vor allem aber tritt uns schon in diesem Jugendwerke Tizians alles das

entgegen, was sein späteres Schaffen kennzeichnet, die monumentale

Größe des Vorwurfes, die Wucht und Eindringlichkeit der Darstellung,

die vornehme Ruhe und der tiefgeistige Gehalt des Vortrags, der

klare, nur auf das Notwendige beschränkte Aufbau, die meisterhafte

Beherrschung der Farbe, die unvergängliche Schönheit der Leistung. Man

versteht es, daß solch ein Maler zu einem Fürsten unter den Künstlern

heranreifen mußte.

_Georg Lehnert._

Die heilige Nacht

Von Antonio Allegri da Correggio

Geboren um 1494 zu Correggio, gestorben 5. März 1534 ebendort.

Gemäldegalerie in Dresden

Buntbild III

An Stelle der überlieferten Anschauungen des Mittelalters trat

im Italien des 15. Jahrhunderts die Renaissance und erweckte das

klassische Altertum zu neuem Leben. Sie öffnete den schönen Künsten

und Wissenschaften die lange verschlossenen Pforten hoher Erkenntnis.

Wie schon ihr Name sagt, führte sie eine förmliche _Wiedergeburt_

der Geister herbei und brachte Umwälzungen auf allen Gebieten. Die

treibende Kraft war die Kunst, die in den Herzen der Menschen neues

Leben entfachte. Gleichwie die Sonne mit sieghaften Strahlen die

winterliche Nacht durchbricht und die Erde mit Glanz und Schönheit

erfüllt, so wirkte das Zeitalter der Renaissance in Italien. In

jeder Brust erwachte übermächtig die Sehnsucht nach Freude; alle

Geister waren von leidenschaftlicher Liebe zu Kunst und Wissenschaft

durchglüht: düsteres Grübeln und finsterer Aberglaube schwanden dahin;

verheißungsvoll leuchtete das Morgenrot einer neuen Zeit. Begeisterung,

Jubel, Lust und übersprudelnde Lebensfreude warfen die überlieferten

Anschauungen in einem glücklichen Augenblick über den Haufen. Nicht nur

die Edlen und Großen, Reichen und Mächtigen pilgerten freudeberauscht

zu diesem Lebensquell, nein, das Dasein aller Volksschichten wurde

durch einen Hauch der Erneuerung und Erhöhung verjüngt. Päpste und

Fürsten wetteiferten miteinander im Dienste der hohen Muse. Herrliche

Kirchen und Paläste entstanden, mit wunderbaren Gemälden und Skulpturen

geschmückt; daneben wurden der Forschung und Wissenschaft langentbehrte

Heimstätten errichtet.

Die reinste Blüte erreichte die Renaissance in den unsterblichen

Werken eines Leonardo, Michelangelo und Raffael. Rom, Florenz,

Venedig, Mailand, Bologna und andere Städte sind beredte Zeugen der

hohen Blüte jener Tage. Aber auch in kleinere Plätze wie Ferrara,

Mantua, Perugino, Parma, Rimini und viele andere warf die Fackel der

Erkenntnis ihren lodernden Schein. Unter ihnen gebührt der zwischen

Parma, Reggio, Modena, Carpi, Bologna, Ferrara und Mantua gelegenen

Stadt Correggio ein Ehrenplatz. In ihren Mauern erblickte unser Meister

Antonio Allegri da Correggio, der Schöpfer des wunderbaren Gemäldes

„Die heilige Nacht“, das wir miteinander betrachten wollen, das Licht

der Welt. Eigentlich heißt er nur Antonio Allegri, wurde jedoch, wie

es damals Brauch war, nach seiner Geburtsstadt „da Correggio“ genannt.

Unter diesem Namen ist er nach seinem Tode in der ganzen Welt bekannt

und hochberühmt geworden. Von seinem Leben wissen wir verhältnismäßig

wenig Zuverlässiges. Die Überlieferungen sind in vielen wichtigen

Punkten lückenhaft geblieben, so sehr sich die Forschung auch bemüht,

die Schleier zu lüften und Klarheit zu schaffen. Wahrheit und Dichtung

stehen hart beieinander; denn viele Zeugnisse verblaßten, und manche

Zugänge zu tieferer Erkenntnis wurden im Laufe der Jahrhunderte

verschüttet. Überzeugender aber als alle beglaubigten Schriftstücke

spricht zu uns die erhabene Kunst unsres Meisters, in der er sich

selbst ein Denkmal gesetzt hat, dauerhafter als Erz!

Der Vater unsres Malers hieß Pellegrino und bewohnte mit seiner

Frau, einer geborenen Bernardina Piazzoli, ein bescheidenes Häuschen

in Correggio. Er soll ein fleißiger und vorbildlicher Hausvater

gewesen sein. Ganz unbemittelt waren die Eltern wahrscheinlich nicht;

denn Antonios Mutter hatte dem Gatten eine Mitgift von hundert

correggianischen Lire in die Ehe eingebracht. Den Geburtstag Antonios

kennen wir nicht; auch über die Ereignisse der frühesten Jugendjahre

schweigen sich die Quellen aus. Mit ziemlicher Sicherheit dürfen

wir aber annehmen, daß der Knabe schon frühzeitig mit Künstlern

in Berührung kam. In seiner Vaterstadt lebten, wenn oft auch nur

vorübergehend, viele Maler, Bildhauer und Architekten. Daneben war

das edle Kunstgewerbe durch angesehene Teppichweber und Goldschmiede

würdig vertreten, und Antonios Oheim, Lorenzo, des Vaters Bruder,

war selbst ein Maler. In seiner Werkstatt hat der Knabe vermutlich

die ersten Eindrücke gewonnen und die erste, wenn auch ganz

oberflächliche Berührung mit der Kunst gehabt. Vielleicht hat sich

seine kindliche Phantasie, ganz unbewußt, in knabenhaftem Spiel der

hohen Muse genähert. Zweifellos hat er in des Oheims Werkstatt das

rein Handwerksmäßige, was damals von großer Wichtigkeit war, erlernt.

Später, als er zum Jüngling heranreifte, haben sich frühzeitig

gewonnene, vielseitige Eindrücke und Erlebnisse in seiner Seele geklärt

und geläutert. Ganz unverkennbar bleibt ein nachhaltiger Einfluß aus

dem Studium der Werke der Meister Andrea Mantegna in Mantua und Lorenzo

Costa, der nach Mantegnas Tode von Ferrara nach Mantua übersiedelte.

Hier hatte unser jugendlicher Maler, der wohl oft in Mantua war -- er

flüchtete 1511 dorthin, als seine Vaterstadt von der Pest heimgesucht

wurde, und blieb hier zwei Jahre -- in den Schlössern des Fürsten

Francesco Gonzaga reichlich Gelegenheit, die Werke der großen

Zeitgenossen zu bewundern und zu studieren. Aber auch bei Bianchi

Ferrari, einem Meister der sogenannten „emilianischen“ Malerschule

in Modena, soll Correggio manches gelernt haben. Mit knapp zwanzig

Jahren entfaltete sich sein Genius. In dem Hochaltarbild für die dem

heiligen Franziskus geweihte Kirche seiner Heimatstadt zeigte er der

Mitwelt, daß er zum Künstler geboren war, daß er die früh gewonnenen

Eindrücke seelisch verarbeitet und mit neuen, eigenen Ideen belebt

hatte. Wenngleich er sich von der überlieferten Kunstauffassung noch

nicht völlig freimachen konnte und vielfach an die Sonderwünsche seiner

Auftraggeber gebunden war, so tritt uns in dem ganzen Aufbau dieses

Werkes neben Eigentümlichem und Persönlichem eine gewaltige Kraft und

Tiefe entgegen. Das beweisen allein schon die geistigen Beziehungen,

die der Künstler in den Blicken der beiden Hauptfiguren dieses Gemäldes

zum Ausdruck gebracht hat.

Nun folgte ein reichgesegnetes unermüdliches Schaffen der sogenannten

ersten Kunstepoche Correggios, die etwa mit dem Jahre 1519 ihren

Abschluß findet. Als willkommener Vorwurf tritt neben anderen das

Kult- und Andachtsbild in den Vordergrund. Die Madonna mit dem Kinde

in zahllosen Gruppierungen, Christus, die Geschichte des Leidenswegs,

Heilige, Apostel, Propheten, Schutzpatrone und dergleichen gelangen

in immer neuen Fassungen nach eigenen persönlichsten Auffassungen zur

Darstellung. Daß Correggio nicht arm gewesen sein kann, geht wohl

schon daraus hervor, daß er mit den teuersten Farben auf dem feinsten

Material malte, auf Kanevas, Holz und Kupferplatten. Daneben trieb

er eingehende anatomische Studien und war stets beflissen, auch in

technischer Beziehung das Höchste zu leisten.

Nicht wie andere Könige im Reiche der Kunst fand unser Correggio den

Weg zu Fürsten und höchsten kirchlichen Würdenträgern. Selten nur

hat ihm die Sonne der Gunst geschienen. Er lebte meist still und

zurückgezogen und war im Verkehr mit großen Herren wenig gewandt. Dazu

trat ein tiefes Heimatgefühl, das ihn mit der Scholle der Väter innig

verband. Nie eigentlich hat ihn der Wandertrieb ergriffen, und selbst

Rom, die Ewige Stadt, hat er wahrscheinlich niemals betreten. Alle

Stimmungen gewannen in seiner Phantasie Gestalt und Leben, ehe sie im

Atelier oder an den Stätten, für die sie bestimmt waren, in farbiger

Herrlichkeit geboren wurden. Wohl lebt viel Freude in seinen Werken,

Freude, die seinem innersten Wesen entstammt, und doch ist er bis zu

seinem Tode vermutlich ein Weltflüchtiger, ein eigentlich Einsamer

geblieben.

Welche Fülle künstlerischen Schauens und Könnens vereinigt sich in dem

Namen Correggio! Seine Werke sind die Zeugen eines unablässig suchenden

Geistes nach hoher künstlerischer Auswirkung, nach eigenwilliger

Beherrschung der Materie. Fast alle seine Schöpfungen überraschen durch

die Liebe, mit der sie auch in den Einzelheiten gemalt sind, durch

die glänzenden Lichteffekte, durch die oft eigentümliche Gruppierung

der dargestellten Figuren und die wechselseitigen Beziehungen, die

zwischen ihnen geschaffen sind, durch die Wärme und Weichheit der

Farbentöne, durch die Behandlung der Landschaft und zarte Führung der

Linien. Seine Hand war begnadet, Geist und Herz standen im Dienste

höherer Erleuchtung. Von ihm stammen Werke, die neben den Schöpfungen

Michelangelos und Raffaels würdig bestehen können. Die höchste Reife

künstlerischen Könnens offenbarte Correggio in den Kuppelmalereien des

Domes zu Parma. Hier hat seine Meisterhand ungeheure Schwierigkeiten

spielend besiegt, und damit erreichte er im Jahre 1526 den Höhepunkt

seines Schaffens, das ihn für alle Zeiten in die Reihen der größten

Meister stellt. Auch von ihm gilt Goethes Wort: Es kann die Spur von

seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn. Sein Leben war reich

und groß. In einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne sind Werke von

unschätzbarem Werte entstanden. Am 5. März 1534 ist der berühmte

Meister, kaum vierzig Jahre alt, in seiner Heimatstadt gestorben.

Und nun wollen wir unsere Herzen höher stimmen und das herrliche

Gemälde „Die heilige Nacht“ genauer miteinander betrachten. Alles,

was unser Auge auf diesem Bilde erblickt, atmet die überwältigende

Weihe der großen Stunde, die der Welt den Erlöser schenkte. Süß und

verheißungsvoll klingen die Weihnachtsglocken. Sanft und mild senkt

sich der Gnadengruß der himmlischen Heerscharen in unsere Seele. Wir

hören ihr: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den

Menschen ein Wohlgefallen!“ Der jahrhundertealte Zauber der „stillen,

heiligen Nacht“ erfüllt unser Herz, und unsere Lippen sprechen den Vers

des vertrauten, lieblichen Weihnachtsliedes „Ihr Kinderlein kommet, o

kommet doch all“:

„Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh,

Maria und Joseph betrachten es froh;

Die redlichen Hirten knien betend davor,

Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“

Ganz wie es uns das Evangelium (Lukas 2, 1 bis 20) erzählt, das ihr

ja alle kennt, zeigt uns Correggio das himmlische Kind auf einem

Strohbündel in der aus rohem Holz gezimmerten bescheidenen Krippe.

Maria, die gottbegnadete Jungfrau, hält das strahlende Körperchen

des Heilands in zärtlicher Liebe umfangen und schaut in seligem

Mutterglück zu ihm herab. Sie trägt ein Unterkleid von mattblauer

Farbe, ein rotes Übergewand und einen blauen Mantel. Die beiden bilden

die Hauptgruppe des Gemäldes, die in strahlendes Licht getaucht, den

Beschauer vor allem gefangennimmt. Zur Linken sehen wir drei Gestalten:

der Mittelgruppe am nächsten, an einer Säule, eine junge Hirtin,

die in einem Körbchen zwei ganz junge, noch flaumbedeckte Gänse zum

Geschenk darbringt. Mit der erhobenen Linken schützt sie die Augen vor

dem Strahlenglanze, der den Stall durchflutet. Neben ihr steht ein

jugendlicher Hirt, der sich zu einem älteren mit fragender Gebärde

hinwendet. Der alte Hirt ist in ein braunes Gewand gehüllt und hat die

Rechte erhoben, während seine Linke einen Stab hält. Dicht bei ihm, den

Kopf weit vorgestreckt, steht sein Begleiter, der treue Wächterhund.

Die Bewegungen der drei Gestalten verraten fragendes Staunen, das

durch die geschickte Licht- und Schattenverteilung besonders glücklich

zum Ausdruck kommt. Hoch in den Lüften schweben fünf Engel, die von

dem Licht, das von dem Kindlein ausstrahlt, ätherisch beleuchtet

werden. Die Engel sind in äußerst lebhafter, vielverschlungener

Bewegung; drei von ihnen wenden ihr Antlitz dem Christkind zu, die

beiden andern schauen zu den Hirten hin. Ganz ungewöhnlich sind die

Überschneidungen und Verkürzungen bei der Gruppe der Engel. Hinter

der Hauptgruppe entdecken wir dann noch die Gestalt Josephs, der sich

bemüht, ein Eselein von der Krippe fernzuhalten. Der Erdboden ist mit

großen Steinen bedeckt, zwischen denen hohe Gräser hervorsprießen. Der

hügelige Horizont, der das Gemälde kulissenartig abschließt, liegt in

nächtlichem Dunkel. In zarten Streifen bricht die Morgendämmerung an,

die symbolisch den Sieg des Lichts im Kampfe mit heidnischer Finsternis

zum Ausdruck bringen soll. Die Lichtwirkungen sind allenthalben

meisterhaft; außerordentlich gelungen aber ist die Verteilung von Licht

und Schatten. Schon die Zeitgenossen sprachen von den Farben auf diesem

Gemälde mit den Ausdrücken höchsten Entzückens.

Nur an der Hand seiner herrlichen Werke und durch vergleichende

Betrachtung mit zeitgenössischen Kunstschöpfungen können wir ein

klares Bild vom Schaffen und Leben unseres Meisters gewinnen, da

die historische Überlieferung fast ganz versagt. Den zahlreichen,

willig weitergegebenen Legenden dürfen wir keinen Glauben schenken.

Selbst Vasari gedenkt des Meisters in seiner Biographie nur mit

wenigen, dürren Worten. Eins aber wissen wir: Correggios Leben war

von emsigster, grüblerischer, sehnsuchtsvoller Arbeit ausgefüllt.

Beharrlich hat er eigene Wege gesucht, mit dem Kunstideal und seiner

Erhöhung gerungen und zu allen Zeiten fremde Einflüsse gemieden. Immer

wollte er seine Phantasie selbstschöpferisch betätigen und kämpfte mit

den Stoffen, bis er sie bezwungen und in freier Verarbeitung zu eigenem

Leben erweckte. In den Beleuchtungsproblemen und ihrer Lösung sah er

die letzte künstlerische Vollendung, die Krone aller künstlerischen

Ausdrucksmittel. In seinem Leben und in seiner begnadeten Kunst war er

ein Lichtsucher, und deshalb sind fast alle seine Werke in blendendes,

sieghaftes Licht getaucht, dessen Träger auf dem von uns betrachteten

Gemälde der himmlische Knabe in der Krippe ist.

Gemälde und ihre Meister · 第 6 / 25 段