über sein Leben gebreitet. Es ist seltsam, daß ein Künstler wie er,
den schon sein eigenes Zeitalter zu den bedeutendsten Erscheinungen
rechnete, der eine ausgeprägte Persönlichkeit war und als solche die
größte Wirkung ausstrahlte, so wenig Zeugnisse seines Lebensganges
hinterließ. Wie allen Götterlieblingen, wie Raffael, wie Mozart,
war auch ihm nur eine kurze Zeitspanne für sein ganzes reiches
Wirken vergönnt -- Giorgione ist nur 34 Jahre alt geworden. Geboren
war er bei Castelfranco in Oberitalien, nahe dem heiteren Treviso,
wahrscheinlich im Jahre 1477. Die anmutige, von den fernen Alpen
begrenzte Landschaft, in der er aufwuchs, gab dem sinnigen Wesen des
jungen Giorgio gewiß die schönste Anregung und legte den Grund für
jene bewundernswerte Einfühlung in die Natur, die in seinen Bildern
zutage tritt. Seine Phantasie erhielt dann reiche Nahrung durch einen
der berühmtesten Alchimisten seiner Zeit, den Grafen Bernhard von
der Mark, der die ganze Welt durchstreift hatte, um den „Stein der
Weisen“ zu finden (was ihm angeblich als Greis auch gelungen ist),
und der damals in Treviso hauste. Der _Künstler_ Giorgione aber
erwachte erst, als er nach Venedig kam, der Stadt seiner Träume, die
auch die Stadt seiner Erfüllung werden sollte. Venedig als Stadt und
Staat stand auf der glänzendsten Höhe seiner Weltmacht; es bot das
feinste gesellschaftliche Leben, die unerhörteste Pracht an Festen
und Genüssen aller Art; seine farbenbunte Heiterkeit, seine Schönheit
und sein Reichtum übersonnten ein Geschlecht von lauter daseinsfrohen
Gegenwartsmenschen, und dazu kam noch eine unvergleichliche Natur- und
Kunstfülle. Alles war in lebendigster, freudigster Bewegung.
Giovanni Bellini, dessen Ruhm als Madonnenmaler weit und breit
erscholl, hatte die neue Technik der Ölmalerei zur glänzendsten
Entwicklung gebracht. Seine Schule genoß das reichste Ansehen und
gewann immer größeren Einfluß, denn er hatte die venezianische
Malkunst aus ihrer früheren Steifheit und Konvention erlöst, sie zur
Wahrheit und Freiheit geführt, mit dem Odem des Lebens erfüllt und
ihr ein Kolorit geschenkt, das voll Wärme und Leuchtkraft war. Aus
seiner Schule sollten denn auch die größten venezianischen Meister
hervorgehen -- als Giorgione[E] dort eintrat, waren schon Tizian, Palma
Vecchio, Sebastiano del Piombo neben vielen anderen in der Werkstatt
des berühmten Meisters tätig. Aber der jüngste Schüler erwies sich
bald als der stärkste an Persönlichkeit und Eigenart, so daß sich alle
ihm beugten. Hatte Bellini Wärme, Anmut, Natürlichkeit gelehrt, so
brachte Giorgione das Wesentlichste, das die Mitstrebenden auf seine
Bahn zog: die Beseelung. Das persönliche Wesen Giorgiones muß etwas
Herzgewinnendes, Bezwingendes gehabt haben; schon früh wurde seine
Schönheit und Liebenswürdigkeit, seine feine Bildung, seine große
musikalische Begabung und sein Liebesglück gerühmt. Wie der Mensch
war, war auch sein Werk -- darum setzte sich auch sein Einfluß auf die
künstlerisch schaffenden Zeitgenossen -- vor allem auf Tizian -- und
das ganze ihm folgende Jahrhundert so mühelos und selbstverständlich
durch. Gab ihm Bellini auch das technische Fundament, so ist Giorgione
doch im Gedanklichen, in der Empfindung, im Gefühl der richtunggebende
Führer, dessen Schöpfungen eine mächtige, bezaubernde Wirkung innewohnt
und die ihn zum eigentlichen Befreier der Kunst machen. „Denn an Stelle
der Überlieferung“ -- so schreibt Max v. Boehn in seinem vortrefflichen
Giorgione-Buch -- „setzte er die eigene Persönlichkeit, er sprengte
die Fesseln, welche die Kunst so eng an die Kirche banden, er überwand
die alten Götzen, und der neuen Form, die er schuf, gab er neuen
Inhalt: eine schöne Menschlichkeit. Weit fort von den prunkenden Festen
prächtiger Farben, welche die anderen der Natur nachschrieben, weit
fort aus der lauten Welt lärmender Genüsse, welche allen gemein ist,
führt er die Seele in ein Reich, das er geschaffen, das ihm allein
gehört, das Ziel der Sehnsucht, das Wunderland der Harmonie, die Heimat
ewiger Schönheit, dauernden Glücks.“
Die weiteren Lebensumstände Giorgiones sind völlig in Dunkel gehüllt.
Als er auf der Höhe seines Schaffens angelangt war, mußte er der Welt
des Scheines Valet sagen.
Ein tragisches Geschick hat es gefügt, daß von den Werken Giorgiones
nur wenige erhalten sind. Eine Reihe von Fresken, mit denen er das
„Kaufhaus der Deutschen“ in Venedig geschmückt hatte, ist schon früh
zerstört worden; um die Echtheit mancher seiner Staffeleibilder wird
noch heute viel gestritten, andere wieder werden Zeitgenossen oder
Nachfolgern zugeschrieben, die im „Giorgione-Stil“ gemalt haben
(und derer waren nicht wenige!). Aber an der geringen Zahl verbürgt
echter Schöpfungen Giorgiones, die auf uns gekommen sind, können wir
mit Bewunderung die hohe Kunst des Meisters erkennen und studieren.
Es sind im ganzen fünf Gemälde, die den seelischen Reichtum, die
herrliche Schöpferkraft Giorgiones offenbaren. Allen voran muß sein
tief ergreifendes Halbfigurenbild „_Das Konzert_“ gestellt werden (im
Palazzo Pitti zu Florenz). Es zeigt drei musizierende Männer, zwei
Mönche und einen ritterlichen Jüngling von fast mädchenhafter Zartheit.
Dieses Werk charakterisiert den Künstler in seinem reinsten Wesen:
es ist selbst ein Stück innere Musik, voll verhaltener Wehmut, wie
ein leises Adagio verschwebend. Aus den fragenden Augen der beiden
Mönche spricht ein unnennbares Geheimnis, das man nur zu ahnen vermag;
es ist, als wäre mit den Tönen der Musik eine andere Welt zu ihnen
herabgestiegen, in deren Zauber sie gebannt sind, während draußen
das laute Leben verrinnt, vor dem sie sich in die Stille gerettet
haben. Das durchgeistigte Gesicht der mittleren Gestalt scheint ein
schweres inneres Erleben widerzuspiegeln, das nun überwunden ist...
Die Versonnenheit des Jünglings, die in einem tiefen Gegensatz zu den
beiden gereiften Männern steht, deutet auf ein träumerisches Ahnen,
daß dieses Leben zu kurz für die Pläne der Jugend ist, daß alles in
Vergessen endet. Und da steigt unsichtbar die Erscheinung des Künstlers
selbst mit empor: es ist, als habe er in diesem Bilde die Ahnung
seines eigenen frühen Todes ausgesprochen. Das Werk wurde lange Zeit
Tizian zugeschrieben.
Wie Giorgione die Landschaft in den unmittelbarsten Zusammenhang mit
seinen Menschen bringt, das zeigen seine anderen erhaltenen Gemälde,
besonders ein Bild, das einen Ritter und eine Mutter mit ihrem
säugenden Kinde in einer heroischen Gewitterszenerie dargestellt,
gewöhnlich „Die Familie des Giorgione“ genannt (Venedig, Galerie
Giovanelli). Ferner eins seiner schönsten Werke, eine thronende
Madonna mit Heiligen (ein Altarbild in Giorgiones Heimatsstadt), mit
einer herrlichen, weitgestreckten Landschaft im Hintergrunde. Alle
Großartigkeit der Auffassung, alle Pracht des Kolorits, die Giorgione
eigen war, leuchtet auch aus den „Drei Philosophen“ (in der Wiener
Galerie), die in eine glänzende Abendlandschaft gestellt sind, und
den schönsten Frauenkörper, den die Renaissancemalerei geschaffen,
bewundern wir in der „Schlummernden Venus“ (Dresdner Galerie).
Auch hier die reichste Naturumrahmung, bei der man an die Worte
Hofmannsthals denkt, die er über Tizian sagt: „Er hat den regungslosen
Wald belebt.“ --
Giorgiones Lebenswerk, von einem göttlichen Glanze erfüllt, trägt das
Zeichen der Unsterblichkeit an sich. Er hat ein Zeitalter der höchsten
Schönheit heraufgerufen, und wie seine strahlende Kunst auf seine
Zeitgenossen, auf seine Freunde und Schüler, ja selbst auf seinen
Lehrer Bellini eine so mächtige Wirkung übte, daß sie nur „giorgionesk“
malten; daß ihn die Besten neben Raffael stellten -- so wird die
hinreißende Kraft seiner Kunst und seiner Persönlichkeit auch noch
viele Menschenalter überdauern.
_Felix Lorenz._
[D] Sprich: dschordschóne.
[E] Vasari berichtet, daß er „Giorgio“ getauft, aber wegen seiner
Schönheit und Größe „Giorgione“ (der große Georg) genannt
worden sei.
Die Sixtinische Madonna
Von Raffael Santi
Geboren 7. April 1483 in Urbino, gestorben 6. April 1520 in Rom. --
Gemäldegalerie in Dresden
Buntbild I
Maria, aller Gnaden Born,
Du reine Rose sonder Dorn,
Du sonnenklare Krone!
Walter von der Vogelweide
Seit vielen Jahrhunderten sind alle Mittel der Kunst in üppigster
Weise verschwendet worden, um in Kultbildern die Herrlichkeit und
Süße, die Hoheit und Gnade der himmlischen Jungfrau zu besingen.
Wie Weihrauchduft an heiliger Stätte steigen stündlich in allen
Zonen und Zungen der Welt ambrosianische Lobgesänge zu Ehren ihres
unvergänglichen Namens zum Himmel. Zahllose Bilder aus Marmor und
Holz künden den Ruhm und Reichtum ihres Lebens und erzählen von der
Gnadensendung, zu der sie erkoren ward. Aber kein Kunstmittel hat
durch die Jahrhunderte mit solcher Innigkeit und Liebe diesen schier
unerschöpflichen Vorwurf gewählt wie gerade die Malerei. Mit ihren
zarten und sanften Tönen war es ihr beschieden, das seelische Bild
der „Gebenedeieten unter den Weibern“ am reinsten und vollendetsten
zu veranschaulichen. Unter den berühmten Künstlern, denen dieser
große Wurf in höchster Meisterschaft gelungen ist, steht Raffael wohl
unbestritten mit an erster Stelle. In zahlreichen Kunstwerken hat er
das Urbild der Jungfrau mit seinem Pinsel verewigt. Am herrlichsten
und eindringlichsten aber hat er uns die Madonna mit dem Kindlein in
dem Altarbilde nahegebracht, das er für die Mönche der Klosterkirche
zu Piacenza (am Po in Oberitalien) malte, die dem heiligen Sixtus
geweiht war. Das ist die „Sixtinische Madonna“ oder die „Madonna di
San Sisto“. Nicht für alle Zeiten sollte das glorreiche Gemälde an der
Stelle bleiben, an die es der Meister selbst nach der Vollendung aus
Rom gebracht hatte. Im Jahre 1754 verkauften die Benediktinermönche zu
Piacenza das wunderbare Gemälde um eine für damalige Zeiten namhafte
Geldsumme an den kunstbegeisterten Kurfürsten Friedrich August II. von
Sachsen, den Sohn Augusts des Starken. In der Dresdner Gemäldegalerie
hängt das berühmte Altarbild in einem kleinen kapellenähnlichen, von
den großen Sälen abgesonderten Raum seit nun bald zweihundert Jahren.
Noch immer leuchtet es in altem Glanze, noch immer trägt es jahraus,
jahrein in das Leben Von Tausenden und Abertausenden, die anbetend vor
ihm stehen, Glanz und Schönheit, Freude und Trost, Licht und Hoffnung,
Zuversicht und Kraft... Allen ist die Madonna das erhabene Sinnbild der
allgütigen Helferin, der Trösterin der Betrübten und Trauernden, der
Mutter der Mütter:
Sie ist der Frauen Krone,
Sie ist der Mägde Kranz,
Sie ist der Engel Lohne,
Sie ist der Himmel Glanz.
Aus dem Gedicht: „Ich han mir userkoren“, 15. Jahrhdt.
Innerlich ergriffen schauen wir hin zu dem Bilde Marias, die uns den
Erlöser geboren hat, zur Mutter des Herrn, des Königs der Könige.
Maria, die Reine, die gnadenreiche Jungfrau, vom Strahlenglanze
himmlischen Lichts umflossen, grüßt milde und hoheitsvoll zu uns herab
mit dem Auge unvergänglicher, erbarmender Liebe. Ströme des Segens
fließen aus ihrem verklärten Antlitz hin zu dem Pilger, der ihr naht,
und keiner geht mit leeren Händen von dannen.
Einfach und schlicht ist das Kleid der Himmelskönigin. Aus dem blauen
Mantel leuchtet das rote Untergewand und von ihrem Haupte herab fließt
ein goldfarbiger Schleier. Ihre Züge verraten, daß sie von ihrer
erhabenen Sendung durchglüht ist; sie weiß: in ihren Händen trägt
sie das köstlichste Gefäß, das Heil der Welt, den Erlöser. Aus ihren
Augen leuchtet Milde und Ernst, Glück und Schmerz, Hoheit und Würde.
Ihr Haupt strahlt im Glanze eigener Schönheit. Das dunkelblonde Haar
ist glatt gescheitelt und verdeckt fast völlig das linke Ohr. Mit
überirdischer Leichtigkeit schwebt Maria auf den Wolken heran: sie
tritt gewissermaßen aus dem Rahmen des Bildes heraus und drängt zu
dem Beschauer hin. Der Heiland schmiegt sich in ihren linken Arm, von
dem rechten sorgsam gestützt. Das rechte Beinchen des Kindes ist über
dem linken, herabhängenden, rechtwinklig gekreuzt. Das linke Händchen
faßt nach dem rechten Unterschenkel, die rechte Schulter wird von der
Mutter Arm sanft hochgezogen. Die ganze Haltung der beiden Gestalten
hat nichts Gekünsteltes, Schweres, sie mutet in allen Bewegungen
und Stellungen durchaus natürlich und zwanglos an. Überall zeigen
die Linien den edlen Schwung, den nur die Hand des großen Meisters
führt. Gleich dem Auge der Mutter geht der Blick des Heilands in ferne
Weiten und strebt hinaus in das All, als erfasse er suchend die ganze
Menschheit, der seine Sendung gilt. Unendliche Süße und Zartheit,
zugleich aber auch die herbe Ahnung kommenden bitteren Leids, zu dem
der göttliche Knabe nach ewigem Ratschluß erkoren ward, leuchten aus
den Augen der beiden Lichtgestalten.
Der von links unten zur Gottesmutter emporblickende heilige Sixtus,
nach dem das Madonnenbild benannt ist, wird von der Pracht und dem
Prunk seines Ornats fast bedrückt. Zum Zeichen der Demut und Inbrunst
im Dienste der heiligen Jungfrau deutet er mit der Linken auf seine
Brust; mit der Rechten weist er nach der dreizackigen Tiara, der
päpstlichen Krone, die rechts in der Nähe der Schwelle steht, von
der das Gemälde nach unten hin abgeschlossen wird. Als Gegenstück zu
Sixtus sehen wir rechts die heilige Barbara. Ihre Haltung verrät tiefe
innere Freude, selbstvergessene Hingabe, seliges Glück. Sie erscheint
als Fürsprecherin der Gläubigen, die sich der heiligen Jungfrau mit
ganzer Seele weihen und des Segens harren, der aus ihren Gnadenhänden
fließt. Ich habe oft den Eindruck gehabt, als ob das Auge der heiligen
Barbara von der Größe ihrer Mission und dem unerhörten Glanze geblendet
sei, der wie der Offenbarung Licht von Maria und dem Kinde ausstrahlt.
Sixtus und Barbara sind gleichsam die Herolde, die den in den Tiefen
harrenden Gläubigen das Nahen der Himmelskönigin und des Heilands
künden. Ganz im Vordergrunde, der irdischen Welt am nächsten, sehen
wir die in seliges Schauen versunkenen, von harmloser Freude erfüllten
beiden beflügelten Englein. --
Nun sollt ihr auch etwas aus dem Leben des hochberühmten Meisters
erfahren, der uns mit dieser herrlichen, einzigartigen Gabe beschenkt
hat.
Raffael Santi wurde am 7. April (auch der 28. März, ein Karfreitag,
wird vielfach als Geburtstag angegeben) im Jahre 1483 in Urbino, der
Hauptstadt des kleinen Herzogtums Montefeltro, geboren. Das Städtchen
Urbino liegt auf einem östlichen Vorberge des römischen Apennin,
zwischen dem Metauro und Foglio. Raffaels Mutter, Magia, die Tochter
des Bottista Ciarla, war gleichfalls aus Urbino gebürtig. Sie starb,
als der Knabe kaum acht Jahre zählte. Sein Vater, Giovanni Santi, hatte
sich in mancherlei Tätigkeiten versucht, ehe er sich der Kunst zuwandte
und als Maler sinnigfrommer Heiligenbilder im Stile der damaligen Zeit,
für sich und die Seinen den Unterhalt erwarb. Er selbst hat den jungen
Raffael in die Anfangsgründe der Malerei eingeführt. Es sollte ihm aber
nicht vergönnt sein, den Ruhm des hochbegnadeten Sohnes zu erleben;
denn auch er starb schon 1494, als Raffael im zwölften Lebensjahre
stand. Beim Meister Perugino, der die sogenannte umbrische Malerschule
leitete, fand der kunstbegeisterte Knabe die weitere Ausbildung.
Er wurde von der sanften, milden Art seines Lehrers innerlich tief
berührt. Seine ersten, selbständigen Schöpfungen beweisen, daß er
ganz in Peruginos Bahnen wandelte. Da Raffael eine ausgezeichnete
Vorbildung und ganz hervorragende Begabung mitbrachte, machte er rasch
große Fortschritte. Es folgten die Jahre künstlerischen Aufschwungs
in Florenz mit dem Florentiner Fra Bartolommeo. Zugleich ist der
Einfluß der großen florentinischen Meister Masaccio, Donatello und
Leonardo da Vinci auf seine Entwicklung ganz unverkennbar. Die Zeit
des gewaltigsten und fruchtbarsten Schaffens stand ihm noch bevor.
In Rom, der Ewigen Stadt, sollte sich unter dem Schutz kirchlicher
Würdenträger seine Kunst zu der überwältigenden Höhe steigern, die
ihn bis auf unsere Tage in die Reihen der glänzendsten Künstler aller
Zeiten stellt. In Rom, wo er seit dem Jahre 1508 lebte, entfalteten
sich Geist und Kunst zu so überragender Reife und unerreichter
Meisterschaft, zu solcher Fülle schöpferischen Schauens und Erlebens,
die seinen Genius in hellstem Lichte zeigt. Seiner Hände Werk war
sichtlich gesegnet; gleich seiner Kunst war sein Leben harmonisch und
klangreich wie köstliche Musik, die jauchzende Jugend zu seligem Tanze
ruft. Seine Stirn ist von unvergänglichem Lorbeer umkränzt; er ist ein
Priester im Reiche der Schönheit, ein König im Reiche der Kunst! Fast
will es scheinen, als hätte er den frühen Tod vorausgeahnt; denn die
wenigen Jahre, die ihm bis zu seinem Scheiden von dieser Erde blieben,
waren von beispielloser Fruchtbarkeit. Die erhabenen Schöpfungen,
die in dieser kurzen Zeitspanne entstanden, könnten ein langes,
reichgesegnetes Künstlerleben füllen.
Ein glänzendes Charakterbild des Menschen und Künstlers Raffael
zeichnet uns einer der Zeitgenossen:
„Raffael ist sehr reich und steht beim Papste in Gunst; er ist von
der höchsten Herzensgüte und doch mit bewunderungswürdigen Gaben
ausgestattet. Unter den Malern ist er vielleicht der erste, in Theorie
und Praxis gleich ausgezeichnet. Als Architekt so unermüdlich und
erfinderisch, daß ihm zu ersinnen und auszuführen gelingt, woran die
größten Geister verzweifelten. Er ist der oberste Baumeister von
Sankt Peter. Doch davon will ich nicht sprechen, sondern von dem
bewunderungswürdigen Werke, das er jetzt unternahm, das der Nachwelt
unglaublich erscheinen wird; er hat das alte Rom in seiner alten
Gestalt, seinem alten Umfange und seiner Schönheit zum großen Teil
wiederhergestellt, um es unseren Blicken zu zeigen. Auf den Höhen und
in den tiefsten Stellen der Stadt hat er nach den alten Fundamenten
gesucht, die Zeugnisse der Alten hinzugenommen und den Papst und die
Römer in solches Staunen versetzt, daß alle ihn wie ein vom Himmel
kommendes göttliches Wesen ansehen, herabgesandt, um die Ewige Stadt
in ihre alte Majestät zurückzuversetzen. Keine Spur von Hochmut aber
ist dadurch in ihn hineingekommen, sondern er verdoppelt nur seine
Freundlichkeit den Menschen gegenüber; wer immer ihm etwas Förderndes
zu sagen hat, dem steht er gern Rede: Niemand leidet so willig, daß
seine Behauptungen in Zweifel gezogen werden; sein höchster Lebensgenuß
scheint zu sein, zu lehren und sich belehren zu lassen.“
Raffaels Wesensart könnte nicht trefflicher gezeichnet werden. Seine
vielgerühmte Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit an Menschen
und Dinge ist vielleicht darauf zurückzuführen, daß er zeitig auf
sich selbst gestellt war. Da lernte er frühe den Wert hilfreicher
Freundlichkeit schätzen. Alle, mit denen er in Berührung kam, waren
von dem Zauber seiner Persönlichkeit gefangen; alle Pforten öffneten
sich ihm. Seine Gesichtszüge trugen, wie uns erzählt wird, etwas Edles,
Durchgeistigtes. Auch der äußere Mensch war ein Abbild des inneren. Von
hohem Wuchs, meist in prächtige Gewänder gehüllt, hatte er -- ein Fürst
im Reiche der Kunst -- auch äußerlich fürstliche Allüren. Mit heißem
Herzen suchte er Schönheit und Freude. Seine Sehnsucht fand Erfüllung
in seinen unvergleichlichen Farbensymphonien, mit denen der begnadete
Jüngling die Welt beglückt hat. So können wir es wohl verstehen, daß er
zahlreiche Schüler um sich scharte, die ihm begeistert huldigten, denn
nur wenige haben die künstlerischen Darstellungs- und Ausdrucksmittel
in solcher Meisterschaft beherrscht wie er.
Vielleicht kennen manche von euch außer der Sixtinischen Madonna noch
andere der zahlreichen Madonnenbilder von Raffaels Meisterhand. Ich
nenne hier nur die bekanntesten: die „Madonna della Sedia“ und die
„Madonna del Granduco“, beide im Pitti-Palast zu Florenz, die „Madonna
mit dem Fisch“ im Prado-Museum zu Madrid, die „Madonna Colonna“ im
Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, die „Madonna im Grünen“ in der
Gemäldegalerie zu Wien und die „Belle Jardinière“, genannt „Die
schöne Gärtnerin“, im Louvre-Museum zu Paris. Zahllos sind die von
Raffael stammenden Zeichnungen und Skizzen. Die großen Wandgemälde
und berühmten Fresken, die er für den Vatikan malte, wie seine
unsterblichen Taten als Baumeister der Peterskirche in Rom seien hier
nur kurz erwähnt. --
In der Blüte der Jahre und Fülle der Kraft, am 6. April 1520 wurde
der erst siebenunddreißigjährige Meister von tückischer Krankheit
dahingerafft. Wie groß und göttlich ist das Lebenswerk, das er uns
hinterließ. Durch seine Hände ist uns Offenbarung geworden; ihn
hatte die hohe Muse sich erkoren, um uns durch ihn zu ihren Wundern
hinzuführen. Und eins der größten Wunderwerke spricht in beredter
Sprache zu uns, wenn wir die Sixtinische Madonna in der Dresdner
Galerie betrachten. Für alle Zeiten unerschöpflich bleibt die Quelle
der Kraft und Schönheit, die diesem Meisterwerke entströmt. Darum, wann
immer euch euer Weg in die Kunststadt Dresden führen sollte, versäumt
nicht, die herrliche Gabe des großen Meisters mit eigenen Augen
anzuschauen. Ihr werdet nie mit leerem Herzen von dannen gehn.
_Paul Gerhard Zeidler._
Der Zinsgroschen
Von Tizian
Geboren um 1477 in Pieve di Cadore (Friaul), gestorben 27. August
1576 in Venedig. -- Gemäldegalerie in Dresden
Buntbild II
Glänzend entfaltet sich im 16. Jahrhundert die Malerei Italiens. Mit
Recht spricht man von den drei Großmeistern dieser Zeit, Leonardo
da Vinci, Michelangelo und Raffael Santi. Aber neben sie tritt fast
ebenbürtig Tizian Vecellio, der größte unter den Malern Venedigs.
Venedig hat von jeher einen besonderen Platz in der Malerei Italiens
behauptet. Das hängt mit seiner Lage und der Tätigkeit seiner Bewohner
zusammen. Im Mittelalter geht der gesamte Verkehr des Abendlandes mit
dem Morgenlande über Oberitalien, über die drei Städte Venedig, Florenz
und Genua. Unter diesen ist Venedig die bedeutendste; sie beherrscht
den größten Teil des Levantehandels, d. h. den Austausch der Güter
zwischen Europa und den Mittelmeerküsten Nordafrikas, Syriens und
Kleinasiens bis zum Bosporus und dem Schwarzen Meere.
So kommt es, daß sich damals in Venedig die Schätze des Morgen- und
des Abendlandes begegnen. Nach Venedig gelangen die Seidengewebe
Chinas, die Teppiche Persiens, die Gewürze und Edelsteine Indiens, das
Gold und Silber Südasiens, das Elfenbein Afrikas. Aus dem Norden aber
strömen in Venedig zusammen alle die Einfuhrgüter, die abendländischer
Gewerbefleiß erzeugt, Eisen und Stahl, Kupfer und Messing, Gefäße und
Geräte aus Metall und Holz, Waffen aller Art, Leinwand, Tuch und
Leder, rheinische Goldarbeiten, Nürnberger Spielwaren, Augsburger
Kunstwerke.
All die Farbenpracht und Farbenfreude, die dem Morgenlande eigen sind,
sie entfalten sich ganz von selbst in Venedig. Unterstützt wird diese
Freude an Pracht und Farbe durch die gewaltigen, schier unermeßlichen
Vermögen, die durch den Handel in Venedig aufgehäuft werden. Vor allen
Dingen aber behauptet Venedig damals eine Machtstellung sondergleichen,
dank der großzügigen, wenn auch rücksichtslosen Handelspolitik, die die
Lagunenstadt im gesamten Gebiete des Mittelmeeres entwickelt. Nicht
ohne Grund lautete damals ein Merkwort:
Straßburger Geschütz, Nürnberger Witz,
Venediger Macht, Augsburger Pracht,
Ulmer Geld, bezwingen die ganze Welt.