Paradiesdarstellung in ihrem Landschaftseindruck durchaus deutsch,
sehr verschieden z. B. von den prunkvollen Paradiesbildern der
gleichzeitigen Italiener Tintoretto und Bordone. Es zeigt sich auch
hier, daß Cranach seine Bedeutung in der Landschaft hat, zumal da, wo
sie an den deutschen Wald, seinen Märchenzauber und sein Tierleben
anklingt. Und diese uns so heimatlich anmutende Traulichkeit und
Herzlichkeit hat wohl auch in erster Linie dem im Wiener Museum
aufbewahrten Gemälde seine Beliebtheit und Berühmtheit verschafft.
_Friedrich Düsel._
Die Erschaffung des Lichts
Von Michelangelo Buonarroti
Geboren 6. März 1475 in Castel Caprese bei Arezzo, gestorben 18.
Februar 1564 in Rom. -- Sixtinische Kapelle in Rom
Bild 8
„Ich lebte dahin unter Arbeiten und Anstrengungen, die mich außer mir
brachten; ich wollte die Natur in all ihren labyrinthischen Windungen
auf einmal ergreifen, und ich erkletterte ihre Gipfel, indem ich mich
mit den Händen, mit den Fingern, mit den Füßen, mit den Knien, mit
dem ganzen Körper an das anklammerte, was sie mir an Stützpunkten
darboten. Ich bin Bildhauer, Maler, Dichter, Baumeister, Ingenieur,
Anatom gewesen; ich habe Kolosse in Stein ausgehauen und Figurinen in
Elfenbein ziseliert; ich habe die Wälle von Florenz und Rom entworfen,
Bastionen errichtet, Fronten defiliert, Glacis ausgemessen, und nicht
fern von dem Gebäude, dessen Wand ich mit der Offenbarung des Jüngsten
Gerichts gezeichnet habe, ist es mir gelungen, die ungeheure Kuppel
des Fürsten der Apostel bis in die höchsten Höhen der Atmosphäre
emporzuführen. Kurz, wenn ich nicht alles vollendet, was ich gewollt,
so ist es doch gewiß, daß ich einiges wenige vollbracht habe. Die
Päpste, die Könige, der Kaiser, die Fürsten haben mich geehrt. Die
Künstler haben mich zu ihrem Ersten ausgerufen... Ich bedaure es
nicht, gelebt zu haben. Wir lassen große Dinge hinter uns und große
Beispiele... Die Erde ist reicher als sie war, ehe denn wir kamen...
Was verschwindet, wird nicht ganz und gar verschwinden!“
Dieses stolze Selbstbekenntnis legt Graf Gobineau in seinem
meisterlichen Werke „Die Renaissance“ dem neunundachtzigjährigen
Michelangelo Buonarroti in den Mund, und er läßt ihn gleichzeitig die
große Überzeugung aussprechen, daß die vollkommensten der Künstler
ebenso große Bekehrer der Menschheit zum Guten sind als die Philosophen
und Heiligen. Ein andermal, noch in seiner Florentiner Jugendperiode,
sagt Michelangelo: „Ich werde tun, was meines Schöpfers heilige Güte zu
tun in meine Macht gelegt hat.“
Nicht schärfer und gleichzeitig plastischer kann jemals das
Elementarwesen des Mannes gekennzeichnet werden, dessen ungeheure
Genieentfaltung alles menschliche Maß zu übersteigen scheint, als es in
diesen wahrheitsstarken, von einem Dichter nachgefühlten Bekenntnissen
geschieht. Wird in dem ersten die ganze Universalität des Schaffens
umschrieben, welche Michelangelo neben zwei verwandte allumfassende
Geister, neben Leonardo da Vinci und Goethe stellt, so reflektieren
die beiden anderen Aussprüche seine innerste Überzeugung von der
fortwirkenden Bedeutsamkeit seiner künstlerischen Sendung und seine
inbrünstige Verehrung des Ewigen und Göttlichen, als dessen Diener er
sich fühlt.
Überblicken wir Michelangelos gesamtes Werk, so sehen wir uns
einer geradezu himmelstürmenden Monumentalität gegenüber, die alle
einengenden Schranken niederreißt und nur nach ihren selbstgegebenen
Gesetzen arbeitet. Weder die Antike noch die Kunst seiner Zeit kann zu
einem Vergleich mit ihm herangezogen werden; es bleibt nur der Maßstab
an seiner eigenen „Gewaltigkeit“ (~terrabilità~, wie seine Zeitgenossen
es nannten) für ihn übrig. In allen drei Künsten, der Architektur, der
Skulptur und der Malerei, leistete er das Äußerste und Höchste für
die Menschheit. Sein ewig angespannter, den tiefsten Rätseln auf den
Grund gehender Geist schreckte vor keinem Wagnis zurück, und er ruhte
nicht, bis er seine aus tausend qualvollen Zweifeln geborenen Probleme
bezwungen hatte.
Michelangelo ist der wahre Übermensch, Schöpfer schlechthin. Er ist in
rastlosem Schaffen und Neugestalten In jedem seiner Werke überwindet er
sich selbst. Wenn für den heiteren Raffael die Kunst Leben und Freude
war, so bedeutete sie für Michelangelo, den finsteren Grübler, Leben
und Kampf. Er rang mit jeder seiner künstlerischen Visionen, aber die
Unerbittlichkeit gegen sein eigenes Genie, das er zum Äußersten zwang,
trug immer den Sieg davon.
Durch Michelangelos ganzes Schaffen zieht sich unaufhaltsam ein
einziges Streben: er sucht immer näher zu Gott zu kommen. Gott ist
sein eigentlicher Auftraggeber; die Menschen, ob Päpste oder Fürsten,
sind nur Mittler. In ihm lebte jene wahrhaft heilige Künstlerreligion,
die allen großen Führern der Menschheit gemeinsam ist. Sie hatte auch
bei Michelangelo nichts zu tun mit der äußerlichen Kirchenfrömmigkeit;
wie diese zu seiner Zeit geübt wurde, mußte sie schon durch die
weltliche Machtgier der Kirchenfürsten, durch das schändliche Treiben
der niederen Klerisei seinen reinen, nur auf Veredelung gerichteten
Sinn abstoßen. Nein -- er lebte nur in einem „Drüben“, das er selbst
in seinem Innern erschaut hatte; in keinem Diesseits Er stand hoch
über der kleinen Welt, die er bitter haßte und verachtete, die ein
Chaos wahnwitziger Widersprüche bildete. Neben all dem purpurnen
Glanz, dem unerhörten Luxus der Renaissanceblüte sah er während seines
ganzen langen Erdenlebens die Schrecken der Hölle auf dies Italien
losgelassen. Die Fürsten, die Päpste, die Städterepubliken, die
Parteien, die fremden Eindringlinge -- Spanier, Franzosen, Deutsche,
Schweizer --, alles bekriegte sich unaufhörlich untereinander, die
fürchterlichsten Verbrechen geschahen fast täglich, und alle Laster
wuchsen ungehindert empor. Savonarola hatte seinen kühnen Versuch einer
sittlichen Erneuerung mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen büßen müssen.
Zwar die zahllosen Gelehrten, Dichter und Künstler, welche diese Zeit
hervorbrachte, allen voran der lebensfreudige Raffael, schritten, von
ihrer eigenen Sonne bestrahlt, mitten durch all dies Unheil hindurch,
mit einem Lächeln auf den Lippen und ihr Werk im Herzen, denn sie
lebten der Hoffnung, diese Welt durch ihre Taten verjüngen und das Übel
ausrotten zu können. Aber Michelangelo sah tiefer, ihm war keine Freude
vergönnt; er kannte nur ein Ziel: sich mit heiligem Ernst der Arbeit
hinzugeben, die ihn verzehrte, Tag und Nacht mit einem fanatischen
Ingrimm unermüdlich tätig zu sein, um der Gottheit immer näher zu
kommen... Indem er alle Dinge der sichtbaren Welt in seiner gewaltigen
Persönlichkeit zusammenfaßte, strahlte er sie als Schöpfungen seiner
unsichtbaren Welt wieder aus. Seine Kunst ist Übertragung im höchsten
Sinne.
Sein Menschentum erscheint ihr angepaßt: er war von einer
anachoretischen Bedürfnislosigkeit; inmitten des lautesten
gesellschaftlichen Lebens, das ihn umbrandete und das ihn suchte,
trieb es ihn nur nach Einsamkeit. Eine weltscheue Empfindlichkeit
trat oft an ihm hervor, die bis zur verletzenden Abweisung ging, aber
seine Weltverachtung hinderte ihn nicht, einer der mildtätigsten und
opferbereitesten Menschen zu sein.
So unvergleichlich vielfältig Michelangelos künstlerisches Schaffen
ist, so außerordentlich bewegt zeigt sich sein äußerer Lebensgang. Als
Sprößling einer armen Florentiner Familie wurde er am 6. März 1475
zu Caprese geboren; schon in seinem dreizehnten Jahre kam er in die
Malschule des damals berühmtesten Meisters von Florenz, Ghirlandajo;
gleichzeitig studierte er aber auch die antiken Skulpturen in den
Gärten der Medici. Lorenzo der Prächtige, der größte Fürst seiner
Zeit, der das bildhauerische Talent des Jünglings erkannte, zog ihn
in sein Haus und ließ ihn weiter ausbilden. Seine Jugendarbeiten in
Marmor, besonders ein Kentaurenkampf, verraten schon ein bedeutendes
Werden. In dieser Zeit traf ihn ein körperliches Mißgeschick, das
sein Gesicht für immer verunstaltete: ein Mitschüler zerschlug ihm im
Streit das Nasenbein. Ein anderer Vorfall, der nie aufgeklärt wurde,
zwang ihn als Freund des Mediceischen Hauses (mit dem er zeitlebens
in Verbindung blieb) zu einer Flucht nach Bologna, wo er einige neue
Marmorwerke schuf. Im Jahre 1496 ist der Einundzwanzigjährige in Rom,
dort weilt er vier Jahre und vollendet hier das Hauptwerk seiner
ersten Periode, die wundersame Pietà in der Peterskirche, mit der er
ein schwieriges Problem: die Madonna mit dem Leichnam Christi auf
dem Schoße, in ergreifender Weise löst. Nach Florenz zurückgekehrt,
schafft er im Auftrag der Stadt aus einem verhauenen Marmorblock ein
zweites Meisterwerk, die gigantische Figur des David; der verhaltene
Groll des zum Kampfe bereiten Helden ist zu großartigem Ausdruck
gelangt. Der David bildet die Grundlage seines Bildhauerruhmes -- nun
sollten aber auch bedeutende malerische Aufgaben an ihn herantreten.
Im Wettstreit mit Leonardo ging er, von der florentinischen Regierung
beauftragt, an den Entwurf eines großen Wandgemäldes für den
Rathaussaal, das die früheren Kriege gegen Pisa darstellen sollte;
das Werk gedieh aber nicht über die Kartonzeichnung hinaus, denn
wiederum trieb Michelangelos Stern ihn nach Rom. Papst Julius II.,
der mächtigste Förderer der Künste, ein Mann, dessen rastloser Geist
dem Michelangelos verwandt war, der sich und anderen niemals genug
tun konnte, rief ihn herbei, damit er schon bei Lebzeiten ein in den
gewaltigsten Maßen geplantes Grabdenkmal für ihn, den Papst, in der
Peterskirche in Angriff nähme. Nicht weniger als vierzig Statuen
sollten dabei Aufstellung finden. Das Riesenmonument wurde aber auf des
Papstes eigene Veranlassung (denn es drängten ihn immer neue Projekte)
bald wieder unterbrochen; Julius II. ließ den Künstler zunächst eine
Bronzestatue für Bologna ausführen -- dann aber übertrug er ihm
eine Aufgabe, an die Michelangelo zunächst mit innerem Widerstreben
heranging, die ihn aber zu einem herrlichen Gipfelpunkt seines Ruhmes
emporführen sollte. Das war _die Ausschmückung der Decke der
Sixtinischen Kapelle im Vatikan_.
Mit diesem Werk gelang dem dreiunddreißigjährigen, zur vollen Reife
entwickelten Künstler in vierjähriger, äußerst mühevoller Arbeit
(1508 bis 1512) eine beispiellose, in der Kunst aller Zeiten einzig
dastehende Leistung, die ohne Vorbild war und bis heute keine
gleichwertige Nachfolge gefunden hat. Die Wände der Kapelle waren schon
ein Vierteljahrhundert früher durch Künstler der umbrisch-toskanischen
Schule: Botticelli, Ghirlandajo, Perugino, Pinturicchio mit Fresken,
das Leben Mosis und Christi darstellend, geschmückt worden -- nun
sollte an der Decke die alttestamentarische Vorgeschichte zu ihnen
malerisch dargestellt werden. Michelangelos Geist entwarf unter
Nichtachtung der großen technischen Schwierigkeiten eine großartige
architektonisch-malerische Idee, die beide Künste in eine verschmolz.
Er ersann für die völlig ungegliederte Decke ein mächtiges bauliches
Scheingerüst aus Rahmen, Pilastern, Gesimsen, das von den Wänden
emporsteigt und in der Mitte der Decke neun ungleiche Felder
umschließt. In diesem Scheinbau, dessen Stützen nackte Männergestalten,
in Marmor- und Bronzeton gemalt, bilden, schuf er nun jene zunächst
verwirrende Fülle von Figuren und Legenden, „welche zwischen dem Anfang
aller Dinge und der Erfüllung des Heils die Vermittlung bilden“.
Um sich von der ungeheuren Mühe, welche die Lösung dieser Aufgabe
kostete, einen Begriff zu machen, muß man sich vorstellen, daß der
Meister vier lange Jahre hindurch hier in einem Gewirr von Leitern,
Treppen, Gerüsten, Balken, Kalk und Farben einsam und allein arbeitete
-- ohne einen Genossen, denn die Gesellen hatten ihn gleich am Anfang
im Stich gelassen --, immer auf dem Rücken oder auf der Seite liegend
und den Pinsel führend, während ihm die Farbe auf Brust und Antlitz
tropfte... Welche Schwierigkeit, in dieser Lage das richtige Verhältnis
zu seinen Gestalten zu finden, die sich in den verschiedenartigsten
Dimensionen zu bewegen hatten!
Die neun Mittelfelder stellen die Geschichten der Genesis dar: die
Schöpfungswelt und die ersten Menschen erscheinen in grandiosen
Kompositionen. Die drei ersten Bilder: Die Trennung des Lichts von der
Finsternis, die Erschaffung des Lichts und Gottvater über den Wassern,
offenbaren gleich die höchste künstlerische Vollkommenheit; mit Recht
ist gesagt worden, daß Michelangelo hier die Gestalt Gottvaters für
alle Zeiten festgelegt und in der Versinnlichung der schöpferischen
Allmacht durch eine scheinbar unbegrenzte, unendlich stürmische
Bewegung das Muster gegeben hat, an das sich fortan alle Künstler
halten mußten. Das zweite Bild von den dreien: _Die Erschaffung des
Lichts_, das hier wiedergegeben ist, darf als das vollendetste gelten:
in gewaltiger Majestät braust der Schöpfer aus der ewigen Unendlichkeit
hervor, mit einer bezwingenden Gebärde und den mächtig ausgestreckten
Armen Sonne und Mond dem Nichts entreißend. Auf demselben Freskogemälde
erscheint Gottvater noch einmal, in einer technisch meisterlich
bezwungenen Verkürzung von rückwärts gesehen, wie er der Erde den Segen
des neugeschaffenen Lichtes spendet.
Die drei mittleren Bilder: die Erschaffung Adams, die Erschaffung
Evas, der Sündenfall, stehen hinter den ersten kaum zurück; besonders
die Gestalt des erwachenden Adam, auf den Gott durch die Berührung
des Fingers den Lebensodem überspringen läßt, löst in ihrer rührenden
Einfalt und menschlichen Schöne einen ergreifenden Eindruck aus. Die
drei letzten Bilder erzählen die Geschichte Noahs und der Sintflut.
Den unteren Teil des Deckengewölbes füllen die scharf charakterisierten
Gestalten der Propheten und Sibyllen aus, zwischen den Pfeilern
sitzend. Das sind Gestalten, wie sie nur Michelangelo schaffen konnte,
erschütternde Offenbarungen der höchsten geistigen Leidenschaft, vor
allem der gramvoll in sich gekehrte Jeremias und die über ihre eigene
Weissagung entsetzte Delphische Sibylle. -- Zahlreiche Nebenfiguren
schmücken noch die Lünetten und Ecken des erhabenen Meisterwerkes,
das Michelangelo unter so viel Qualen und nur von der rücksichtslosen
Energie des Papstes getrieben vollendete. Julius II. hatte die
Genugtuung, noch kurz vor seinem Tode am 31. Oktober 1512 die
Enthüllung der Decke zu sehen. Noch heute, nach vierhundert Jahren,
strahlt sie in demselben unvergleichlichen Glanze, in dem sie die
Mitwelt sah.
Im Jahre 1515 begab sich Michelangelo wieder nach Florenz. Der neue
Papst, Leo X., ein Mediceer, der die Kunst als einen äußeren Luxus
pflegte, hatte ihn mit einem Grab- und Ehrendenkmal der Medici im
größten Stile beauftragt. Der Entwurf kam nur unvollständig zur
Ausführung, da Florenz, das die Medici vertrieben hatte, von den
kaiserlichen und päpstlichen Heeren angegriffen wurde. In diesem Krieg
leitete Michelangelo die Befestigungs- und Verteidigungsarbeiten. Ein
paar Jahre später, 1534, als wieder ein neuer Papst, Clemens VII.,
die Tiara aufsetzte, ließ er das Mediceergrabmal so wie es war und
wie es sich heute in San Lorenzo zu Florenz den Blicken darbietet.
Die sitzenden Figuren der beiden Herzöge sind Werke erster Qualität,
während die berühmten Symbolisierungen von Tag und Nacht, Abend
und Morgen, auf den Sarkophagdeckeln gelagert, im rein Dekorativen
steckenbleiben.
Fortan schuf der Meister in Rom. Seit Raffaels Tode galt er
unumstritten als der erste Künstler Italiens; alle Kreise des Volkes
brachten ihm unbegrenzte Verehrung dar. In Rom widmete er sich zunächst
ganz der Architektur: die Umgestaltung des Kapitols, die Verwandlung
eines Teils der Diokletiansthermen in die mächtige Kirche S. Maria
degli Angeli erfolgte nach seinem Entwurf. Endlich konnte er auch
wieder an sein Schmerzenskind denken, das Grabdenkmal für Julius
II.; es kam vierzig Jahre nach seinem Beginn, stark verkleinert, zum
Abschlusse und wurde in S. Pietro in vincoli aufgestellt. Seinen
Mittelpunkt bildet das großartigste Bildhauerwerk der ganzen
nachantiken Plastik: der zornentflammte Moses. Eine Arbeit von sieben
Jahren widmete Michelangelo noch einem seiner letzten malerischen
Hauptwerke, dem „Jüngsten Gericht“, in dem der Tag des Zorns mit
furchtbarer Eindringlichkeit heraufbeschworen wird.
Die letzten Jahrzehnte seines Lebens gehörten der Sorge für
den Neubau des Domes von St. Peter; seine ganze Alterskraft
widmete er dieser kolossalen Aufgabe, die er mit seiner höchsten
architektonischen Leistung krönte: dem Entwurf der Riesenkuppel, die
heute in majestätischer Herrlichkeit über der Ewigen Stadt schwebt,
Michelangelos, des Großen, erhabenstes Denkmal.
In Einsamkeit, doch von der Liebe des Volkes getragen und der
Freundschaft einer edlen Frau behütet, starb der unvergeßliche
Meister am 18. Februar 1564 in der sicheren Gewißheit, daß sein Geist
unsterblich sei. Sein irdisches Teil wurde in der ruhmreichen Kirche
Santa Croce in Florenz beigesetzt, wo die erlauchtesten Männer Italiens
ruhen. An demselben Tage, da er starb, wurde der Verkünder einer neuen
Weltanschauung geboren: Galilei. Auch er schläft heute an der Seite
Michelangelos. Zwei Sternenmenschen.
_Felix Lorenz._
Das Konzert
Von Giorgione
Geboren um 1477, wahrscheinlich zu Vedelago bei Castelfranco,
gestorben 1511 in Venedig. -- Pitti-Galerie in Florenz
Bild 9
Die Wiedergeburt alles Schönen und Großen der alten Griechen- und
Römerwelt -- das ist es, was wir heute unter dem Begriff „Renaissance“
(italienisch „~Rinascimento~“) verstehen, mit dem die höchste Blütezeit
der italienischen Kunst, im 15. und 16. Jahrhundert, bezeichnet wird.
Die hohe kulturelle Bedeutung dieser Epoche für ganz Europa liegt
darin, daß mit ihr nach der antiken und mittelalterlichen Welt die
eigentliche Neuzeit beginnt, die Zeit einer neuen freien Bildung und
Denkweise (Humanismus), einer Dichtung größten Stils, deren Herolde
in Dante und Petrarca schon ein Jahrhundert früher erschienen waren,
und einer nach vollkommener Harmonie strebenden neuen Kunst. Dieses
Kunstideal war durch die Wiederentdeckung unzähliger altrömischer
Meisterwerke der Architektur und Plastik zu herrlichem Leben
erweckt worden; die lebendige Kraft und Schönheit, die Vollendung
der Verhältnisse, die über das Alltägliche weit hinaustragende
Idealisierung des Ausdrucks bei Göttern und Menschen -- wie sie die
antiken Ausgrabungen zeigten -- wies den italienischen Künstlern der
Vor- und Frührenaissance die Richtung. Aber dies war nur der Antrieb,
nicht etwa das dauernde Vorbild zur Nachahmung. Das Wesentlichste und
Wirkungsreichste der italienischen Renaissance prägte sich vielmehr
länger als zwei Jahrhunderte lang in einer völligen Selbständigkeit,
einem mächtigen Streben nach unmittelbarer, individueller Auffassung
des Geschauten, im Erfassen der reinsten Naturwahrheit aus. Ein
begeisterter Vorläufer Leonardos, Alberti, stellte den Künstlern die
Natur als die große Lehrmeisterin hin. In ihr allein liegen Wahrheit
und Schönheit und damit jene vollkommene Harmonie beschlossen, welche
der Künstler in sich selbst ausbilden und in seinem Werke ausdrücken
soll.
So erweiterte die Renaissance das antike Kunstideal in einem völlig
modernen Sinne; sie stellte sich auf den wirklichen Boden der
Gegenwart und wußte diese Wirklichkeit doch -- in Farbe, Form und
Ideengehalt -- aufs wunderbarste zu harmonisieren. „Alles verjüngt
sich. Eine majestätische Ordnung tritt ins Leben.“ Eine Schöpferkraft
ohnegleichen offenbart sich nun, immer weiter vorwärtsschreitend,
aufbauend, vollendend, in einer fast unübersehbaren Reihe gewaltiger
Persönlichkeiten, die Schönheit und Größe, Anmut und Kraft, Würde und
Harmonie in unzähligen Meisterwerken über die staunende Erde verbreiten.
Neben Florenz und Rom war es _Venedig_, wo die Malerei von der
Wende des 16. Jahrhunderts bis zu dessen Ausgang eine Hochblüte
einziger Art erreichte. Die zauberische Stadt im Meere, mit ihrem dem
Orient zugewandten, farbenrauschenden Leben, ihren prächtigen Palästen
und Kirchen, ihren wundersamen Wolken-, Wasser- und Luftstimmungen
mußte ja jeden malerischen Sinn erwecken und anziehen. Alles schwimmt
und leuchtet hier in Farben -- und deshalb ist es gerade die
venezianische Malerei, welche den Triumph der Farbe bis zum Höchsten
gesteigert hat. Statt der mattdumpfen Freskomalereien brachten die
Künstler hier, schon mit Rücksicht auf das feuchte Seeklima, zuerst
die Ölfarbe (welche die Brüder van Eyck in Flandern erfunden hatten)
zur Anwendung und Geltung, und bald sollte ~la bella Venezia~
im herrlichsten Glanz erstrahlen -- wie keine Stadt Italiens. Die
Bildersäle Venedigs, die Akademie, die Kirchen füllten sich mit einem
Farbenreichtum ohnegleichen. Die Stadt der Lagunen „wurde der letzte
große Schauplatz der Renaissancekunst“. Die Meister aber, welche hier
ihre Kostbarkeiten verstreuten, waren: Giovanni Bellini, Giorgione,
Palma Vecchio und Tizian.
_Giorgione_[D], mit seinem vollen Namen Giorgio Barbarelli, war es, von
dem die venezianische Malerei ihre eigentliche geistig-künstlerische
Eigenart empfangen hat. Er ist derjenige Künstler, der ihr zuerst die
herrliche Form, den unübertrefflichen Schmelz der Farbe, vor allem aber
die _Seele_ gegeben, und darum wird die bezaubernde Erscheinung dieses
tief poetischen Künstlers immer von höchster Bedeutung bleiben. Die
Würdigung, die ihm schon die Zeitgenossen neidlos und in reichem Maße
zuteil werden ließen, kann niemals geringer werden.
Man hat ihn mit Recht den _Dichter_ unter den Malern genannt. Seine
Kunst verrät eine Persönlichkeit, in deren Grundwesen sich eine
von wundersamen Bildern und Gesichten erfüllte Phantasie mit einem
lyrisch-träumerischen Hingegebensein an _Natur_ und _Menschensein_
verbindet. Denn beides hat er als erster unter seinen Zeitgenossen in
eines verschmolzen. Der Mensch geht in der ihn umgebenden Landschaft
völlig auf; die Stimmung beider fließt ineinander, so daß der tiefste
Gemütseindruck erzeugt wird. Eine eigene Welt tut sich in dieses
Dichter-Malers Bildern auf, die von leiser, melancholischer Musik
durchklungen scheint. Die meisten seiner Gemälde sind von einem
mystischen Hauch umweht, von einer tiefen Nachdenklichkeit erfüllt, und
es ist, als schwebe überall das Menschenrätsel, das ewige, heran...
Schon Vasari, der Maler-Biograph, kennzeichnet Giorgiones künstlerische
Natur als geheimnisvoll und schwer verständlich. Doch gilt dies, wie
neuere Kritiker mit Recht betonen, nur von den Gegenständen seiner
Schilderung. Die Stimmung und die Empfindungsweise, aus welcher seine
in tiefe Farbenglut getauchten Gemälde hervorgehen, liegen offen zutage.