Der Meister hat die Kunst seiner Zeit im ursprünglichen Sinne dieses

abgebrauchten Wortes „erfahren“, wie es damals Sitte war. Er ist in

Nürnberg gewesen und in Basel und ist in Italien gewandert. Aber

alle Einflüsse und alles Gelernte sind verhältnismäßig gleichgültig.

Das Wesentliche ist sein persönliches Eigentum, und die Werke dieses

größten Oberfranken haben so wenig Ähnlichkeit mit irgendwelchen

anderen wie die Werke des niederfränkischen Rembrandt. Wie dieser

ein Einziger und Einsamer, der nur auf sich steht und nur aus sich

schöpft, hat er mit leidenschaftlichem Ungestüm seine Umwelt in sich

hineingerissen als Rohstoff, aus dem er seine Träume gestaltete. Ganz

erfüllt von seiner Sache, zum unmittelbarsten und stärksten Ausdruck

entschlossen, gibt er Gestalten und Dingen all ihr Wesentliches, das er

in sich trägt, das Ganze ihrer Wucht oder ihrer Zartheit, und schafft

weniger Form, als daß er, ein empfindliches Medium, die Sache in die

Form fließen läßt, die ihr zur wirksamsten Darstellung wird. Diesen

mächtigen Drang und Strom schöpferischer Arbeit darf ihm nie die

Rücksicht auf das Einzelne, auf die Richtigkeit, auf eine vorgefaßte

Idee von Form schwächen.

In der „Kreuzigung“ ist das ganz unmittelbar zu spüren. Nicht einmal

der Maßstab der Gestalten ist derselbe. Keine Linie sucht runde

Schönheit. Von dem Standpunkt südlicher Kunst, auf den sich damals

Dürer und andere Nordländer stellten, kann man seinem Werk viele Mängel

nachsagen. Es ist eben in seinem innersten Wesen etwas ganz anderes,

Entgegengesetztes, und gerade dadurch von gleichem Recht. Das gotische

Wesen hat in ihm seinen höchsten und letzten Ausdruck gefunden. Gotik

ist die Kunst, in der das Wesen der nordeuropäischen, germanischen

Menschengruppe sichtbar geworden ist. Grünewald zeigt, was sie werden

konnte, als der fremde Einfluß ihre eingeborene Kraft zerstörte.

_Fritz Stahl._

Selbstbildnis

Von Albrecht Dürer

Geboren 21. Mai 1471 in Nürnberg, gestorben 6. April 1528 ebendort.

-- Alte Pinakothek in München

Bild 6

Ein goldenes Zeitalter der Kunst, wie es den Italienern während des

15. Jahrhunderts erblühte, war auch Deutschland mit dem Heraufziehen

jener ewig denkwürdigen Epoche beschieden, die so einfach klar und

gewaltig zugleich als „Reformation“ bezeichnet wird. „Die Geister

regen sich in Deutschland; es ist eine Lust zu leben!“ rief der

begeisterte Ulrich von Hutten. Die Wissenschaften drängten, von der

verstaubten Scholastik des Mittelalters befreit, unter Führung der

nordischen Humanisten (ihnen voran schritt Erasmus von Rotterdam)

mächtig zum Licht, und die deutsche Kunst wuchs, nachdem ihr die

große Entwicklung der niederländischen Malerei voraufgegangen war, in

äußerst charaktervollen Einzelerscheinungen einer Weltgeltung entgegen.

Zunächst sind es Malerei und Skulptur, welche Meisterleistungen

ersten Ranges hervorbringen. Zwar bietet die deutsche Kunst des

Reformationszeitalters nicht die grandiose Fülle des italienischen

Cinquecento[C] dar, sie strebt auch nicht einer Idealisierung alles

Realen wie dieses nach, sondern betont dafür die Wahrhaftigkeit --

aber sie offenbart sich in höchst markanten Persönlichkeiten, deren

Schöpfungen einzigartig sind und unser Gemüt so stark wie das ihrer

Zeitgenossen ergreifen. Das sind vor allem die fünf Hauptmeister:

Albrecht Dürer, Matthias Grünewald, Hans Holbein d. J., Lukas Cranach

und Peter Vischer, der Erzgießer.

Albrecht Dürer ist zweifellos die stärkste und umfassendste

Künstlernatur unter ihnen. Er ist eines jener wahrhaft ursprünglichen

Genies, wie sie nur in Ausnahmezeiten geboren werden. Fest, treu und

stark, deutsch bis ins Mark, steht er in männlicher Schöne und Kraft

neben den beiden anderen großen Volksdeutschen der Reformationszeit:

neben Martin Luther und Hans Sachs. Diese drei, die so wundersam

übereinstimmten -- da sie mit verschiedenen Mitteln ein und derselben

Idee dienten, nämlich: der Wahrheit des Herzens zum Siege zu verhelfen

-- diese drei kann man sich immer nur zusammen denken: sie sind

nicht voneinander zu trennen. Mit Luther hatte Dürer die Tiefe des

seelischen Empfindens, die Hingabe an den Gegenstand, die mächtige

Leidenschaftlichkeit und inbrünstige Vertiefung gemeinsam, zugleich

auch die hohe sittliche Geistesbildung; mit Hans Sachs verband ihn die

gleiche lautere Gesinnung und Herzenseinfalt, die Grundehrlichkeit

des Wesens und die strengste Wahrheitsliebe. So gesellte sich seiner

körperlichen Schönheit -- wie sie aus seinem hier veröffentlichten

Selbstbildnis leuchtet -- auch die höchste seelische; aus allen seinen

reichen Kunstschöpfungen bricht diese seelische Schönheit wie ein

Gottesstrahl hervor. Das ist es, was Dürers Persönlichkeit so groß

und unverlierbar für uns macht: daß er als Künstler wie als Mensch

_derselbe_ war, ein glühender Wahrheitsucher.

Der Adel seiner Gesinnung, der sein ganzes Schaffen durchdringt, ward

schon von den besten seiner Zeitgenossen gerühmt, so von Melanchthon

und Pirkheimer. Dürer hatte nichts von der Anmut und dem Glanz der

großen italienischen Meister; er ist im ganzen wie im einzelnen

durchaus der Bekenner und Verkünder rein _deutschen_ Geistes. Als

solcher offenbart er in allem, was er geschaffen, Kraft und Herbe,

Wahrheit und Gedankentiefe. Man darf aber, wie Heinrich Bergner sehr

treffend sagt, nicht denken, daß Dürer nicht ebenso „schön“ habe

zeichnen können wie Raffael; wenn er es nicht tat, wenn er überhaupt

den Weg der äußeren formalen Schönheit nicht ging, so lag das tief

in seinem Wesen, seiner deutschen Gesinnung begründet. Zu dieser

gehört auch die namentlich in seinen Holzschnitten und Kupferstichen

hervortretende Neigung zum Grüblerischen und Phantastischen. Er selber

erzählt, wie ihn oftmals im Traume seine unaufhörlich arbeitende

Phantasie Dinge von solcher Herrlichkeit sehen ließ, wie er sie nie

mit seinen Augen erblickte; der Abglanz dieser innerlich geschauten

Herrlichkeit liegt über den meisten seiner Werke. Das Idealische aber

wird bei ihm allein zum Ausdruck gebracht durch die strenge Realistik

seiner Darstellung. Er hält sich in seinen Gestalten und ihrer

Umgebung, vor allem in den dekorativen Hintergründen, in Landschaft

und Architektur allein an die Wirklichkeit; nur was er gesehen und

erlebt hat, gibt er wieder. Melanchthon gegenüber äußerte er einmal,

daß ihm erst in der Einfachheit der Natur die Idee der wahren Schönheit

gekommen sei, und in seinen Schriften über das Wesen der Kunst bekennt

er: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus

kann reißen, der hat sie.“ Ein beispiellos vielseitiges technisches

Können, das rein „Handwerkliche“ bildet die massive Grundlage seines

Schaffens, damit meisterte er die Natur; mit liebevollster Treue

und unerschöpflicher Geduld -- „fleißiges Kleiblen“ nannte er’s --

besorgte er die Ausarbeitung des Details. Wie stark und vorbildlich

müßte diese edle deutsche Handwerkskunst auf viele der heutigen

„Richtungskünstler“ wirken, wenn sie eben eine solche tüchtige

Grundlage besäßen oder auch nur anstrebten, aber sie machen aus der Not

ihrer völligen Naturunkenntnis eine betrügerische Tugend. Trotzdem darf

mit Sicherheit prophezeit werden, daß gerade dieses reiche Besitztum

Dürers noch einmal für eine kommende Generation seinen hohen Wert

erweisen wird!

Die wesentliche Bedeutung der Dürerschen Kunst ist nach alledem

darin zu suchen, daß sie tief von innen angeschaute Ideen durch eine

unbestechliche Naturtreue und Wahrhaftigkeit lebendig macht. Sie

fesselt den Geist durch ihre mächtig daherbrausende Unmittelbarkeit und

das Gemüt durch den Ernst und die Größe der Auffassung.

Wie bei jeder überragenden Persönlichkeit sind auch bei Dürer Lebensweg

und Schaffen untrennbar miteinander verbunden. Unser großer deutscher

Meister _lebte_ die Kunst. Darum soll beides auch hier im Zusammenhang

betrachtet werden.

Albrecht Dürer wurde am 21. Mai 1471 als Sohn eines aus Ungarn

eingewanderten Goldschmieds in Nürnberg geboren. Es war die Zeit, da

Bürgertum und Handwerk in der schönsten Blüte standen. Freilich wurde

auch die Malerei damals von vielen nur als Handwerksgeschäft betrieben,

so auch von Michel Wohlgemuth, zu dem Dürers Vater den fünfzehnjährigen

Albrecht in die „Lehre“ gab. Sein ursprüngliches Talent vermochte

hier nur aus rein Technischem etwas Gewinn zu ziehen; das Wesentliche

konnte er nur aus sich selber entwickeln. Auf einer vierjährigen

Wanderschaft, die ihn nach dem Elsaß und der Schweiz, wahrscheinlich

auch nach Venedig führte, legte er sicherlich den rechten Grund zu dem,

was er später leisten sollte. Leben und Kunst traten während dieser

schönen langen Wanderzeit erst mit der rechten Greifbarkeit an ihn

heran. Die herb-realistische Menschenkunst Mantegnas, die er in Venedig

kennenlernte, hat wahrscheinlich einen großen, für seine Entwicklung

bestimmenden Eindruck auf ihn gemacht. Daneben war es der Kupferstecher

Jacopo de Barbari, von dem er Kenntnisse in den „körperlichen

Verhältnissen“ einheimste und der ihn auch in die Antike einführte.

Im Jahre 1494, als er in die Heimat zurückgekehrt war, heiratete er

Agnes Frey, die sich als eine äußerst praktische Frau erwies, denn

sie sorgte dafür, daß ihres Mannes Kunst wirklich zur „Kunst für das

deutsche Haus“ wurde, indem sie mit seinen Kupferstichen auf die Messen

zog, auf denen sie äußerst stark begehrt wurden. Während Wohlgemuth

in Nürnberg die Malerei gewerbsmäßig rüstig weiterbetrieb, suchte

der junge, von Begeisterung für die hohe Mission der Kunst erfüllte

Dürer von seiner neubegründeten Werkstatt aus auf eine künstlerische

tiefschürfende Weise in das Herz des deutschen Volkes zu dringen, und

dies sollte ihm nach Überwindung mancher Schwierigkeiten auch gelingen.

Die Schwarzweiß-Kunst: der Kupferstich und der Holzschnitt waren es,

denen er sich zunächst zuwandte und die er dann während seines ganzen,

vom Segen rastloser Arbeit überglänzten Lebens bis zur höchsten Höhe

der Vollendung führte. Namentlich im Holzschnitt, der noch ganz in den

Anfängen steckte, leistete er Unvergleichliches, bis heute nicht wieder

Erreichtes. Dürers Verdienst, daß er mit diesen Blättern Wahrheit

und Schönheit in jedes Bürgerhaus trug, ist nicht hoch genug zu

schätzen. Als ein wahrer Priester arbeitete er hier im Heiligtum seiner

Kunst; seine von aller kirchlichen Dogmatik losgelöste Frömmigkeit

fand in diesen edlen Schöpfungen den ergreifendsten Ausdruck. Die

tiefe Religiosität, die Wärme des Lebens, die natürliche Wucht des

Ausdrucks, welche sie erfüllte, mußten jedes Gemüt bezwingen, und so

wurde Dürer der berufenste und stärkste Mitarbeiter am gewaltigen Werke

der Reformation. Gleich seine erste Schöpfung, eine Holzschnittreihe

von fünfzehn Blättern, die 1498 erschienene „Heimliche Offenbarung

Johannis“ mit dem besonders großartigen, weltberühmt gewordenen

Blatt „Die apokalyptischen Reiter“ (Pest, Krieg, Hunger und Tod)

begründete seinen Ruf -- niemals war etwas Ähnliches gesehen worden!

Hier schon konnte man die kolossale Bewältigung der menschlichen

Gestalt, den dramatischen Aufbau in der Komposition, die meisterliche

Herausarbeitung der Licht- und Schattengegensätze bewundern. Auf der

gleichen Höhe stehen auch die Kupferstiche dieser frühen Zeit; hier

nahm er zunächst antike Motive, wie in den Stichen „Herkules“ und

„Das große Glück“. Dann folgten herrliche Blätter, die wie Gemälde

wirken: „Adam und Eva“, „Der verlorene Sohn“, „Der hl. Eustachius“ in

grandioser Bergumrahmung. Der Natur widmet er fortan immer größere

Liebe; Dürer ist es, der die Landschaft damit überhaupt erst für die

deutsche Kunst erobert.

Aber auch die _Gemälde_ der Frühzeit verraten den ganzen Meister, so

unser „_Selbstbildnis_“ (1500 gemalt; Alte Pinakothek, München). Welch

feierlicher Ernst leuchtet aus dem wundersam beseelten Christuskopf!

Wie dringen die großen Augen in die Welt hinein, wie redet die

Hand, die so viel Edles schuf! Zahlreiche andere Bildnisse, wie das

seines Freundes, des Nürnberger Ratsherrn Pirkheimer, ferner mehrere

Stilleben, die von der schärfsten Naturbeobachtung zeugen, und die

religiösen Gemälde, von denen eine „Beweinung Christi“ (München) und

„Christus am Kreuz“ (Dresden) die bedeutendsten sind, zeigen die

rastlos fortschreitende Entwicklung des Meisters. Eine zweite Reise

nach Venedig (1505) gibt ihm wieder viel neue Anregung. „O wie wird

mich daheim nach der Sonne frieren, hie bin ich ein Herr, daheim

ein Schmarotzer“, schreibt er von dort aus an Pirkheimer. Aber er

brachte doch die Sonne in seinem Herzen wieder mit; sie leuchtete in

seinem köstlichen „Allerheiligenbilde“ (Wien) auf, das italienischen

Einfluß verrät, und vor allem in den drei hauptsächlichsten seiner

Holzschnittwerke: dem „Marienleben“, der „Großen“ und der „Kleinen

Passion“. „Das Marienleben“ spricht mit der Traulichkeit echten

deutschen Familienlebens, in das es hineingebettet ist, heute am

stärksten zu unseren Herzen. Diese Werke trugen Dürers Ruhm in alle

Welt, besonders auch eine „Kupferstichpassion“ voll ungeheurer

tragischer Wucht. Hier zeigen sich Gewand und Körperbildung so „knorrig

und knitterig, als ob Dürer sein Deutschtum vor Verwelschung habe

retten wollen“. Die letzte Höhe der Vollendung bezeichnen drei große

Einzelblätter in Kupfer: „Ritter, Tod und Teufel“, „Melancholie“ und

„Hieronymus im Gehäuse“, das letztere ein Preis- und Prachtstück voll

altdeutscher Gemütstiefe.

Zwei schöne Freuden waren dem Künstler noch beschieden: seine

langjährige Arbeit für den Kaiser Maximilian (den „letzten Ritter“),

dessen Gebetbuch er mit den wundersamsten Randzeichnungen versah, und

eine Reise nach den Niederlanden (1520), wo man ihn als den größten

Künstler des Nordens feierte. In den Gemälden seiner Spätzeit gab er

noch den ganzen Reichtum seines Innern her, der unversiegbar schien,

so in den Meisterbildnissen des Kaisers Maximilian, des Erasmus, des

Hieronymus Holzschuher; in Altarwerken und Madonnenbildern; zuletzt in

den „vier Evangelisten“ (München), seinem ergreifendsten religiösen

Bekenntnis in der Kunst.

Als Albrecht Dürer am 6. April 1528 in seiner Vaterstadt starb,

betrauerte ihn sein ganzes Volk. Aber die Saat, die er gesät, war

herrlich aufgegangen. In ewiger Jugend steht er heute als Mensch und

Künstler vor uns. Sein leuchtendes Auge scheint uns durch alle Irrungen

und Wirrungen der Zeit zu begleiten und die Unvergänglichkeit des

deutschen Geistes zu verbürgen. Seine Kunst ist mächtig, stark und

sieghaft wie das Lutherlied „Ein’ feste Burg ist unser Gott“... Und wir

denken an Wagners Worte aus den „Meistersingern von Nürnberg“:

Ehrt eure deutschen Meister,

So bannt ihr gute Geister!

_Felix Lorenz._

[C] Sprich: tschinkwetschénto, womit man kunstgeschichtlich das 16.

Jahrhundert bezeichnet.

Das Paradies

Von Lukas Cranach

Geboren 4. Oktober 1472 in Kronach (Franken), gestorben 16. Oktober

1553 in Weimar. -- Kunsthistorische Sammlungen in Wien

Bild 7

Was Hans Sachs, der Nürnberger Schuhmacher, für die Dichtung der

deutschen Reformationszeit, das war _Lukas Cranach der Ältere_ als ihr

Maler. Nicht nur, daß er die hauptsächlichsten Persönlichkeiten des

jungen deutschen Protestantismus, Luther selbst voran, in Bildnissen

festgehalten hat, auch die bürgerliche Lebensstimmung jener Tage

spiegelt sich in seinen Bildern so getreu wie bei keinem andern seiner

malenden Zeitgenossen. Andre Maler seiner Zeit, wie Holbein, wurden in

der Fremde zu Weltmännern und nahmen sich die Werke der italienischen

Renaissance, des in Kunst und Wissenschaft wiedergeborenen klassischen

Altertums, zu Vorbildern; Cranach blieb im Banne deutschen Wesens und

entfernte sich auch dann nicht aus seinem Bereich, wenn er sich in

Träumerei verlor und seine schalkhafte Phantasie spielen ließ. Auch

er hat vielfach Stoffe und Gestalten des Altertums gemalt, aber unter

seinen Händen verwandelten sie sich in deutsche, und wenn er in Italien

gewesen wäre und die ganze blühende Lebensfülle der wiedererwachten

Weltfreude in sich aufgenommen hätte, aus seinem Schaffen würde das,

was man Renaissance nennt, doch als deutsches Gebilde auferstanden

sein. Wie fast alle seine Bildnisse, selbst die hoher fürstlicher

Herren und geistlicher Führer, einen geraden, ehrlichen, aber zugleich

etwas nüchternen kleinbürgerlichen Zug haben, so schlüpfen auch seine

Darstellungen aus der Bibel und der Sagenwelt gern in das heimisch

deutsche Bürger- und Bauernkleid, worin er seine Zeitgenossen wandeln

sah. Doch auch für das Zarte, Sinnige und Innige, das im deutschen

Wesen liegt, blieben seine treuen Augen offen. Es wird uns heute noch

warm und wohlig bei seinen waldduftigen, naiv-märchenhaften oder

schalkhaft-humoristischen Schilderungen, und manchmal erscheint er uns

geradezu als eine um drei Jahrhunderte vorweggenommene Vereinigung von

Ludwig Richter, Schwind und Thoma.

Er ist im Oktober 1472, nur ein Jahr später als Dürer in Nürnberg, in

dem kleinen oberfränkischen, damals bischöflich-bambergischen Städtchen

Kronach geboren worden und nannte sich früh nach seinem Geburtsort,

während er nach seinem Vater, einem ehrsamen Maler, eigentlich Müller

(oder Sonder) hätte heißen müssen. In der väterlichen Werkstatt

hat er wohl auch gelernt; um 1500 scheint er sich in Österreich

(Wien) aufgehalten zu haben, vielleicht auch in Bayern. Näheres aus

seiner Jugend- und Lernzeit ist nicht bekannt. Doch deutet manches

darauf hin, daß er durch die fränkische Malerschule gegangen ist und

dort Anregungen von dem phantastischen Matthias Grünewald und dem

romantischen Albrecht Altdorfer empfangen hat. Davon zeugt noch sein

1504 entstandenes bezaubernd frisches und lebendiges Jugendbild „Die

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ (im Kaiser-Friedrich-Museum zu

Berlin), ein Meisterwerk der Naturanschauung und der Farbengebung,

das er nie mehr übertroffen hat. Damals noch hätte sich seine

Kunst wohl ebensogut nach Süden wie nach Norden wenden können,

denn auf der Scheide zwischen Mittel- und Süddeutschland war er ja

daheim. Aber etwas in seiner Art und inneren Anlage muß ihn nach

dem strengeren und ruhigeren Norden gezogen haben. 1505 finden wir

den Dreiunddreißigjährigen als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten

anfangs in Torgau, bald aber in Wittenberg ansässig, wo er sich noch

in demselben Jahre mit Barbara Brengbier aus Gotha verheiratete.

Dort, in der Stadt der Reformation, hat er dann -- eine kurze Reise

nach den Niederlanden (1508) abgerechnet -- 45 Jahre lang unter drei

sächsischen Fürsten, Friedrich dem Weisen, Johann dem Beständigen

und Johann Friedrich dem Großmütigen, ein Freund Luthers und treuer

Anhänger der neuen protestantischen Lehre, Apothekenbesitzer und

Buchdrucker, Mitglied des städtischen Rates und Bürgermeister, eine

außerordentlich reiche Tätigkeit entfaltet, die alle Zweige der Malerei

und Holzschnittkunst umfaßte und eine solche Ausdehnung annahm, daß er

zahlreiche Gehilfen heranziehen mußte. Seinem Künstlertum hat dieser

handwerksmäßige Betrieb nicht immer zum Ruhme gereicht, da er alle

Werke, gleichviel, ob er größeren oder kleineren Anteil daran hatte,

mit seinem Malerzeichen (geflügelte Schlange mit Ring im Maul) versah;

sein Ansehen bei den Zeitgenossen aber wuchs beständig, und sein

Einfluß verbreitete sich durch ganz Mittel- und Norddeutschland. Noch

in seinen letzten Lebensjahren bewies sich an ihm die Gunst seines

Fürsten dadurch, daß er 1550 zu dem gefangenen Kurfürsten Johann

Friedrich nach Augsburg beschieden wurde und zwei Jahre später mit ihm

nach Weimar ging. Dort ist der Einundachtzigjährige am 16. Oktober 1553

gestorben und in der Hofkirche begraben worden.

Kaum bei einem zweiten Maler scheiden sich die Werke der Frühzeit so

deutlich von den späteren wie bei Lukas Cranach. In seinen Jugendtagen,

darf man mutmaßen, ist er durch den Thüringer- und Frankenwald

geschweift und hat sich von dort den Waldduft, die Ritter- und

Burgenromantik in seine Bilder geholt. In Wittenberg, einem Städtchen

ohne landschaftlichen Reiz und künstlerische Überlieferung, bekehrte

er sich zum behaglichen Bürgertum, verfiel zeitweilig sogar ins

Hausbackene und mußte nebenher doch, um seinem Hofmalertitel Ehre zu

machen, pompöse Staatsbilder malen, die seine natürliche Freude am

Kleinen und Traulichen hinter einer wohlgefälligen Glätte verbergen.

Dabei ist er oft ins Schablonenhafte verfallen. Den menschlichen

Körperbau hat er nur oberflächlich studiert, und mit der Kunst der

malerischen Farbe hat er sich nie recht befreundet: vieles bei ihm

erscheint wie hinterher oberflächlich angemalt, anstatt von vornherein

malerisch gesehen und geschaffen. Dennoch ist es falsch und ungerecht,

die vielgestaltige, in sich beruhigte und geklärte Schöpferfülle

seiner späteren Jahre mit den freilich persönlicher und dichterischer

gefühlten, kraftstrotzenden Werken des Dreißigjährigen verächtlich

machen zu wollen. Wir sind es dem Künstler schuldig, ihm auf den Wegen

seiner Entwicklung zu folgen und ihn in seiner Ganzheit zu begreifen,

auch wenn er, wie manche Flüsse, seinen Lauf zurücklenkt zu Strecken,

die schon überwunden schienen. Und Cranach ist in der Tat mit manchem

seiner Alterswerke zu der Gebundenheit der mittelalterlichen Formen

zurückgekehrt, über die seine Zeit, und eine Weile er selbst mit ihr,

so entschieden hinausstrebte.

Zu diesen Werken aus Cranachs späterer Zeit gehört auch „_Das

Paradies_“, eine Schöpfung des Jahres 1530.

Ein Jahr vorher hatte der Meister, wahrscheinlich auf Luthers Anregung,

„Sündenfall und Erlösung“ dargestellt, eine Doppeltafel, die sich bei

zierlicher Formgebung in recht frostigen und alltäglichen Allegorien

bewegt und deshalb zur Erklärung des Dargestellten ausführliche Sprüche

zu Hilfe rufen muß. Auch sonst knüpft er dort an die mittelalterliche

Erzählungsform an. Statt die Dinge, wie es der Grundsatz der neuen

Kunst verlangte, in Raum und Zeit zu einer Einheit zu gestalten,

stellt er eine Reihe räumlich und zeitlich getrennter Vorgänge in

fortlaufender Landschaft nebeneinander dar: über dem Sündenfall im

Paradies das Jüngste Gericht in den Wolken, über dem gekreuzigten

Christus den aus dem Grabe auferstehenden.

An dieser auffallenden, aber sicherlich gewollten und überlegten

altertümlichen Bildanordnung nimmt nun auch „Das Paradies“ teil. Da

finden wir in sechs Vorgängen die Geschichte des ersten Menschenpaares

erzählt. Ganz rechts formt der Schöpfer aus dem Erdenkloß den Adam

und bläst ihm den lebendigen Odem ein; unter den Bäumen in der Mitte

nimmt er eine Rippe aus des schlafenden Mannes Leib und baut seine

Gefährtin, die Eva, daraus; im Vordergrunde tritt der Herrgott, wie

ein lieber freundlicher Großpapa mit langzapfigem weißem Barte, vor

die vereinigten Menschen, die „sich ihrer Nacktheit nicht schämen“,

wie es in der Bibel heißt, und ermahnt sie zum Gehorsam gegen seine

Gebote; oben in halber Höhe unter dem weitverzweigten, dichtbelaubten

und reichbefruchteten Apfelbaum, dem verbotenen Baum der Erkenntnis,

vollziehen sich die Verführung durch die Schlange und der Sündenfall.

Auf der linken Hälfte des Bildes suchen sich Mann und Weib vor dem

Angesicht Gottes, das von oben aus dem leuchtenden Kranz einer Wolke

auf sie herniederschaut, unter die Bäume im Garten zu verstecken; links

daneben werden sie von dem Cherub mit dem Schwerte ausgetrieben. Zart

und fein sind zwischen die Bäume des Gartens Eden („lustig anzusehen

und gut zu essen“, sagt die Bibel) viele Sträucher und unzählige

Blümchen gesetzt, und mit behaglichem Humor sind alle Arten von

Tieren dargestellt: Rebhühner, Fasanen und Pfauen, Störche, Kraniche

und Schwäne, Pferde, Hunde, Häschen, Rehe, Hirsche, das fabelhafte

Einhorn (Pferd mit gewundenem Horn auf der Stirn) und ein Bärenpaar,

auf fernem Felsen sogar eine Gemse. Das erinnert uns daran, daß sich

Cranach in seinen jüngeren Jahren zu Wittenberg in Tierstücken und

Stilleben hervorgetan hat, auf Bildern und Stichen, die heute leider

fast alle verschollen sind, und daß er später mit großem Eifer und

Sachverständnis die Jagden seiner fürstlichen Gönner geschildert

hat, bei denen er selten fehlen durfte. So lebendig auch alle diese

Einzelheiten hingestellt sind, sie wirkten vielleicht zerstreuend,

wenn nicht das Ganze erfüllt wäre von einer herzerquickenden, heiteren

Naturunschuld, die durch die Szene der Austreibung nicht zerstört

werden kann.

Gemälde und ihre Meister · 第 3 / 25 段