Besonders seine Frauengestalten tragen einen ganz eigenen,

schwermütigen Charakter. Um ihre Gesichter in ihrem herben, sinnigen

Ernst schwebt etwas so Eindrucksvolles und Typisches, was sich in

ähnlicher Eigentümlichkeit bei keinem anderen Künstler wiederfindet.

Der seelische Glanz seiner Figuren prägt sich so unvergeßlich ein,

daß man oft vergleichsweise von „botticellesken Gestalten“ spricht.

Sie haben etwas von dem Symbol der Keuschheit, obgleich ein zarter

Reiz reiner Sinnlichkeit zu dem Beschauer hinweht; das Haupt ist

von wallenden Locken umrahmt, die Züge sind edel und durchgeistigt,

der schwellende Mund und die fragenden Augen verraten etwas von

ungestillter Sehnsucht und leisem Schmerz, der sich in jener verklärten

Güte löst, die ihren Blicken entstrahlt.

Vasari, der uns das Leben der berühmten italienischen Meister des 15.

und 16. Jahrhunderts geschildert hat, erzählt uns auch einiges aus

Botticellis Werdegang. Alessandro, mit dem Kosenamen Sandro genannt,

war der Sohn des Mariano Filipepi, eines Florentiner Bürgers. Der Vater

ließ dem Knaben nach den Begriffen der damaligen Zeit eine sorgfältige

Erziehung angedeihen, aber unser Sandro war, wie uns berichtet wird,

kein Musterschüler und fand wenig Freude am Lernen. Weder im Schreiben

und Lesen, noch im Rechnen brachte er es vorwärts. Da kam der Vater,

der um Sandros Zukunft besorgt war, auf den Gedanken, den Jungen zu

Botticello, einem Meister der Goldschmiedekunst, der in hohem Ansehen

stand, in die Lehre zu schicken. Hier zeigte Sandro wider Erwarten

viel Geschick und Eifer, Fleiß und Fertigkeit im Zeichnen und bat

den Vater, der die Neigung des Sohnes inzwischen erkannt hatte, ihn

Maler werden zu lassen. Nach seinem Lehrmeister Botticello hat er

sich später Botticelli genannt. Er wurde von einem Karmelitermönch,

dem berühmten Meister Fra Filippo del Carmine in die Geheimnisse

der Malkunst eingeführt, und bald sollte es sich herausstellen, daß

Sandro auf dem rechten Wege war. Rasch entfaltete sich sein Talent

und brachte ihn rüstig vorwärts. Sein langes Leben war reich an

künstlerischem Schaffen und zeitweilig auch an äußeren Erfolgen,

wenngleich Botticelli nie eigentlich auf der Menschheit Höhen wandelte.

In seinen letzten Lebensjahren war er ganz einsam geworden und widmete

sich fast ausschließlich der Vollendung der Zeichnungen zu Dantes

erhabener Dichtung „~Divina Commedia~“ (Göttliche Komödie). Von

Botticellis Hand stammen 96 Blätter; davon sind allein 88 im Besitz

des Kupferstichkabinetts zu Berlin. Er hat den gewaltigen Stoff mit

den reichen Mitteln seiner Kunst und ganzer Seele zu erfassen und zu

durchdringen gesucht. Nur ein eingehendes Studium, das höchste innere

Sammlung voraussetzte, konnte die Phantasie des alternden Künstlers zu

dieser hervorragenden Leistung beflügeln.

Botticelli starb am 17. Mai 1510 im Alter von 64 Jahren, hilflos und

fast verarmt, von seinen Zeitgenossen bei Lebzeiten beinahe völlig

vergessen. Seine irdische Hülle ruht in der Kirche Ognissanti zu

Florenz. Erst dem 19. Jahrhundert war es vorbehalten, Botticellis

Schaffen in ein helles Licht zu stellen und seine künstlerische

Bedeutung richtig zu erkennen und zu würdigen.

_Paul Gerhard Zeidler._

Das heilige Abendmahl

Von Leonardo da Vinci

Geboren 1452 in Vinci bei Florenz, gestorben 2. Mai 1519 auf

Château Cloux bei Amboise. -- Refektorium des Klosters Sa. Maria

delle Grazie in Mailand

Bild 4

Das weltberühmte Hauptwerk des Leonardo da Vinci ist uns nicht

so überliefert, wie unsere Abbildung vermuten lassen könnte. Das

wunderbare Bild, bei dem Leonardo das Wagnis unternahm, mit Ölfarben

unmittelbar auf die Mauer zu malen, um besonders starke farbige

Wirkungen zu erzielen (während man sonst bei solchen Arbeiten andere,

praktisch besser brauchbare Malmittel, vor allem Temperafarben,

verwendet) -- es ist heute nur eine Ruine. Klagend, doch hilflos stehen

die Kunstfreunde seit Jahrzehnten vor dem verfallenden Gemälde, dessen

Farbschichten man nach und nach zerbröckeln und von der Wand sinken

sah, ohne den fortschreitenden Zerstörungsprozeß wirksam aufhalten

zu können. Um einen Begriff von der ursprünglichen Gestalt und

Herrlichkeit des Werkes zu erlangen, das wir mit Trauer allmählicher

Vernichtung preisgegeben sehen, muß man die glücklicherweise in großer

Zahl vorhandenen Kopien von Leonardos Schülern und Nachfolgern,

sowie die Studienzeichnungen, die der Meister selbst vor der Arbeit

und hernach Jüngere nach dem vollendeten Gemälde gemacht haben,

hinzunehmen. Mit Unterstützung solcher Hilfsmittel haben hervorragende

Meister des Kupferstichs große Blätter geschaffen, die uns nun in der

Tat eine treue Vorstellung von dem Mailänder Original vermitteln,

wenn sie auch freilich die Schönheit seiner farbigen Harmonien, die

unwiederbringlich verloren bleiben, nicht ersetzen konnten. Ihnen

dankt es die Gegenwart, wird es die Zukunft danken, daß wenigstens ein

Abglanz von der ewigen Pracht dieser Schöpfung erhalten blieb.

Es war das Refektorium, der Speisesaal des Klosters, in dem Leonardo

sein Bild, auf eine der Schmalwände des langgestreckten Raumes,

malte. Darum wählte er dies Thema: wenn die Mönche sich an ihren

Tischen zum bescheidenen Mahle versammelten, sollte ihr Blick auf

diese Darstellung des heiligen Abendmahls fallen. Das Gemälde wurde

am oberen Teile der Wand angebracht[B], damit auch alle, die sich im

Saal befanden, die biblische Handlung sehen konnten. Leonardo hat

dabei die Architektur des Raumes, seine Wände und seine flache Decke

auf dem Gemälde weitergeführt, so daß der Saal größer zu werden schien

und vor den Augen der frommen Brüder die Vision aufstieg, als sitze

Christus selbst und die Apostel mit ihnen zu Tische. Der Künstler

wählte den Augenblick, da Jesus die inhaltschweren Worte zu seinen

Jüngern spricht, daß einer unter ihnen sei, der ihn verraten werde.

Die Erregung und Bestürzung der Getreuen ist der eigentliche Vorwurf

der Schilderung. Mit einer großartigen Kunst der Komposition hat

Leonardo die dreizehn Männer, die er auf der einen Seite der langen

Tafel vereinigte, angeordnet. Er löste sie in Gruppen auf: in der

Mitte, genau in der Achse des breiten Rechtecks, vor dem mittleren

der drei Fenster des Hintergrundes, durch die der Blick in eine freie

lombardische Landschaft schweift, Christus selbst -- rechts und links

von ihm zweimal gesonderte Gruppen von je drei Gestalten. In immer

neuen Haltungen und Bewegungen drücken die Jünger ihr Erstaunen, ihr

Entsetzen, ihre Trauer über die tragische Mitteilung aus, die ihnen

geworden, beteuern sie ihre Unschuld. Als rechte Italiener benutzen

sie dabei ihre Hände zu lebhaftem, vielsagendem Gebärdenspiel (auf

diese Sprache der Hände hat Leonardo immer gern Nachdruck gelegt).

Es ist, als wenn die einzelnen sagen wollten: Sieh, ich werde es

gewiß nicht sein; ich kann es nicht sein; blicke in meine Seele, die

dir in lauterer Treue ergeben ist. Die Gruppe rechts am Ende der

Tafel bespricht den Fall unter sich; damit die Verbindung mit den

anderen aber nicht unterbrochen wird, streckt die dritte Figur von

rechts ihre Hand weithin nach links über die Tafel. Man verfolgt mit

Staunen, wie der Künstler in immer neuen Erfindungen jedesmal die Drei

zusammengefügt hat. Dabei sind alle von _einem_ Geiste beseelt.

Nur Judas, der dritte links von Christus, an dem Geldbeutel kenntlich,

den er in der Hand hält, hebt sich aus der Menge heraus. Mit dem

starren Erschrecken des bösen Gewissens blickt er Jesus an, doch so,

daß kein anderer der Jünger es bemerkt. Mit feiner Absicht ist der

niedrigen Verräterei des Judas in derselben Drei-Gruppe die innige

Hingabe des jungen Johannes unmittelbar gegenübergestellt. Alles strebt

in leidenschaftlicher Erregung von rechts und links zum Hauptpunkt der

Komposition, der wunderbar schlichten und milden Figur Christi, der

die Hände einfach ausstreckt, um zu bestätigen, daß er die furchtbare

Wahrheit gesagt; der, umstrahlt von einem zarten Licht, das ihn von

der Seite und von den Rückfenstern trifft, sich unmerklich als der

Gesandte einer höheren Welt aus diesem Kreise sterblicher Menschen

heraushebt. Die ganze Wirkung ist auf solche Kontraste gestellt: die

Jünger in Bewegung, Christus in vollkommener Ruhe; die Jünger fast

alle im Profil, während das Antlitz des Heilands uns voll zugewandt

ist -- auch dadurch den Mittelpunkt der bewegten Masse betonend. Das

große Gesetz der klaren, sorgsam abgewogenen Anordnung, dem sich die

Malerei der italienischen Renaissance auf ihrer Höhe unterwirft, ist

hier an einem klassischen Beispiel durchgeführt: daß alles im Bilde auf

das Zentrum des Vierecks hindeutet. Dies ist hier der Kopf Christi. Zu

ihm führen nicht nur die Blicke und Bewegungen der Apostel, sondern

auch die Linien der Arme der Jesusgestalt selbst, deren Oberkörper

als ein gleichseitiges Dreieck erscheint, und die Balkenlinien der

perspektivisch verkürzten Decke. So wurde der gesteigerte seelische

Ausdruck des leidenschaftlichen Lebens, der die ganze Schar erfaßt hat,

durch die festen Gesetze einer strengen Komposition zu einer großen

Ruhe zusammengefaßt, welche die Erregung bändigt und das Erzählende der

Darstellung zu monumentaler Wirkung emporführt.

Leonardo hat das Abendmahl im Jahre 1498 vollendet. Es gehört der

letzten Phase der fast zwanzigjährigen Arbeitszeit an, die er in

Mailand im Dienste und unter der Förderung von Lodovico Sforza, dem

allmächtigen Herrn der Stadt, verbrachte. 1482 war er mit einem

Geschenk des Lorenzo de Medici von Florenz nach Mailand gesandt

worden. Denn dort, in Florenz, hatte Leonardo, der als der Sohn eines

Florentiner Juristen in dem kleinen Orte Vinci bei Empoli, unweit

Florenz und Pisa, im Jahre 1452 geboren war, seine Jugend verlebt. Als

der älteste der drei gewaltigen Meister der Renaissance steht er neben

Michelangelo und Raffael -- als die reichste, machtvollste Erscheinung

zugleich dieses ganzen unvergleichlichen Zeitalters. Vielleicht hat

die Natur niemals ein einzelnes Menschenkind so verschwenderisch mit

ihren Gaben bedacht wie diesen allumfassenden Geist, der nicht nur

Maler, Bildhauer und Architekt in einer Person war, sondern daneben

als Ingenieur, als Techniker, Naturforscher und Anatom Bedeutendes

leistete, als Vorahner der modernen Flugmaschine neue Wege beschritt.

Eine glänzende Persönlichkeit, von hoher Schönheit und unbezwinglicher

körperlicher Kraft, ein siegreicher Beherrscher der aristokratischen

Gesellschaft seiner Zeit, dem alt und jung zu Füßen lag, so schritt

er königlich durch sein Jahrhundert. Die ganze Fülle der Kunst und

der Wissenschaft seiner Epoche scheint sich in ihm wie in einem

Brennspiegel zu treffen. Wir verdanken ihm die Niederschrift der

tiefsten Gedanken über Sinn und Technik der Malerei, verdanken ihm die

der Zukunft um Jahrhunderte vorgreifende Idee der Begründung einer

Musterstadt nach ästhetisch-hygienischen Gesichtspunkten. Die Überfülle

der Pläne und Entwürfe freilich, die sich in Leonardos Kopfe drängten,

hat die Vollendung des einzelnen oft genug beeinträchtigt. Er liebte

es, Begonnenes unausgeführt zu lassen, von einem Werke zum anderen

überzuspringen, sich in kühnen Experimenten zu versuchen. Vieles von

seinen Werken ist überdies verschwunden, wie das Abendmahl zerfallen,

oder nur als Stückwerk erhalten. Von einem großartigen Reiterdenkmal,

das er in Mailand dem Francesco Sforza, dem Vater Lodovicos errichten

sollte, und das wenigstens bis zum Modell gedieh, besitzen wir nur die

gezeichneten Skizzen. Von der bewunderten Schlachtendarstellung des

florentinischen Sieges bei Anghiari, die untergegangen ist, kennen wir

nur die Nachzeichnungen eines späteren Künstlers, aus der wir die

Wucht und Größe erkennen, mit der hier das Gedränge auf Tod und Leben

streitender Massen dargestellt war.

Die Arbeit an diesem Karton der Schlacht von Anghiari, den Leonardo

im Wettstreit mit Michelangelo gezeichnet hat, fällt in seinen

zweiten Florentiner Aufenthalt (nach den Mailänder Jahren), als

dessen berühmtes Hauptwerk das Bildnis der Mona Lisa, heute in der

Gemäldegalerie des Louvre zu Paris, vor uns steht. Schon in Mailand

hatte Leonardo unter den Bildnissen, die ihm übertragen wurden, ein

Frauenporträt von höchster Schönheit gemalt; man glaubt darin die junge

Bianca Maria Sforza zu erkennen, die zweite Gemahlin Kaiser Maximilians

I. Aber weit darüber hinaus ging nun das Florentiner Porträt, das man

auch als die „Gioconda“ bezeichnet, weil die Dargestellte die Gemahlin

des Francesco del Giocondo war. Wie das Abendmahl alle früheren

Schilderungen der oft wiedergegebenen Szene übertraf, so steht dies

Meisterporträt über allen Bildnissen, die vorher gemalt worden waren.

So hatte noch niemand versucht und verstanden, mit dem Abbild der

äußeren Erscheinung einer Persönlichkeit zugleich ihr tiefstes Wesen,

das Geheimnis ihrer Natur zu erfassen. In dem nie ganz erklärten

Lächeln der Mona Lisa spiegelt sich das Rätsel des Frauentums -- und

wunderbar paßt dazu die traumhafte, romantische Landschaft mit ihren

Felsen und Tälern, Flüssen und Seen, aus der die Halbfigur aufwächst.

Über ganz Italien erstreckte sich Leonardos Tätigkeit. Mit den

künstlerischen Aufträgen wechseln technische. Wir sehen ihn als Meister

des Festungsbaus und des Geschützwesens, bei der Regulierung von

Flußläufen mitwirken, mit Plänen für den Mailänder Dombau beschäftigt.

Er taucht in Venedig auf, in Rom, wieder in Florenz, wieder in

Mailand, wo ihn nun die Nachfolger der Sforza, die Franzosen, mit hohen

Ehren empfingen. Frankreich ward dann für ihn die Zuflucht seiner

späten Jahre, als auch ihm Enttäuschungen nicht erspart geblieben

waren. Er folgt 1516 einem Rufe König Franz’ I., der dem Meister ein

Schloß in der Touraine, Cloux bei Amboise, zur Verfügung stellte. Dort

ist Leonardo am 2. Mai 1519 gestorben -- doch niemand hat bis heute

ergründen können, wo seine sterblichen Reste ruhen.

_Max Osborn._

[B] Später hat man dort eine Tür gebrochen, deren Oberteil

rücksichtslos in die Mitte der unteren Partie des Bildes

hineinschneidet.

Christus am Kreuz

Von Matthias Grünewald

Geboren um 1470, wahrscheinlich in Aschaffenburg, gestorben etwa

1529. -- Museum in Colmar im Elsaß

Bild 5

Schwarzes Dunkel. Aber nicht das tiefe der Nacht, das beruhigt; das

fahle der Sonnenfinsternis, das alle Kreatur seltsam bedrückt und

erregt.

Aus der Tiefe hinten weint ein bleiches Grün, schattenhaft und ungewiß

stehen die Hügel der Ferne. Vorn oben ragt das Kreuz in den finsteren

Himmel, gegen den sich der Körper Christi abhebt, verzerrt durch die

Krämpfe des Martertodes und in dieser Verzerrung erstarrt, in der Farbe

der beginnenden Verwesung, und in dem Leichengrün blutrot die Wunden

von Nagel und Dorn.

Auf der linken Seite kniet Magdalena, die Arme mit den vor Schmerz

und Inbrunst gerungenen Händen zu dem Gekreuzigten erhoben. Von dem

zurückgeworfenen Haupte fließt das gelöste Haar der Büßerin über das

rötliche Gewand. Hinter ihr ist Maria, weiß wie ihr weißer Mantel,

in die Arme des Jüngers Johannes zurückgesunken, die todbleichen

Hände verkrampft, erstarrt in letztem Schmerz, bewußtlos. Sein guter

Jünglingskopf neigt sich, aus dem roten Mantel heraus, liebevoll über

sie.

Rechts steht der Täufer Johannes, ein fester blonder Mann, in Fell

und rotem Mantel, ein weißes Buch im linken Arm, ein weißes Lamm zu

seinen Füßen. Seine Gegenwart hebt die Szene aus der Einmaligkeit des

Geschehens zu ewiger Bedeutung. Er steht neben, nicht in dem Vorgang,

ist nicht in dem Schmerz der Zeugen befangen. Er weist mit der Rechten

-- sein Zeigefinger, grell gegen das Dunkel stehend, scheint von dem

Auge, das er zuerst auf sich zieht, über alle Wirklichkeit hinaus zu

wachsen -- er weist mit einer Gebärde von unwiderstehlicher Wucht den

Beschauer auf das furchtbare Schauspiel: „So ist er für dich gestorben.

So sollst du ihn in der Erinnerung tragen.“ Und niemand kann dieses

Bild vergessen.

Das Bild der Predella, des Unterbaues, absichtlich matt gehalten,

zeigt die „Beweinung“. Eine öde graue Ebene. Auf dem schlichten roten

Sarkophag liegt der Leichnam Christi. Er füllt fast die ganze Fläche.

Um ihn, gegen die Wirklichkeit klein, knien die Nächsten. Magdalena,

mit blutig geweinten Augen, ringt die Hände in rasendem Schmerz und

schreit ihn, daß man es hört, ohne Scham in die Welt hinaus.

Das ist die erste Gestalt, in der man den Isenheimer Altar des

Matthias Grünewald sah. Am Karfreitag. Auf den Flügeln neben der

Kreuzigung standen dann die ruhigen Gestalten des hl. Antonius und des

Blutzeugen Sebastian. -- Er konnte sich in drei Gestalten wandeln.

-- Die zweite sah man an den Marienfesten. Auf dem linken Flügel die

„Verkündigung“. Eine gotische Kapelle, weiß im Licht, in den Schatten

von einem warmen Grau, in das sich das kühle Grün und das reine Rot

der Bemalung mit wundersamem Wohlklang einfügen. Nachmittagssonne

fällt durch die Fenster. Man sieht das goldene Licht flirren. Es hat

etwas Körperliches. Und wo es sich am stärksten ballt, wiegt sich in

ihm -- wirklich, unwirklich -- die weiße Taube. Vorn kniet vor ihrem

Betpult Maria, ihr gegenüber der Engel, der ihr den himmlischen Gruß

und die Botschaft bringt, beide tief erfüllt von dem Mystischen der

Stunde, von Freude und Leid, die sie bedeutet. In der Mitte: „Maria mit

dem Kind“. Aus der geheimnisvollen Verheißung ist köstliche Wahrheit

geworden, aus dem sanften Licht des Innenraums am Nachmittag strahlende

Helle eines Sonnentages im Freien. Dort schwebte die Stimmung zwischen

Himmel und Erde, hier haben sich Himmel und Erde vermählt. Die blonde

Maria, ganz hellfrische, lächelnde Mutter, sitzt im Garten bei

rotblühendem Rosenbusch unter der großen Linde und hält mit köstlicher

Sachlichkeit das Kind. Das Bett, die Badewanne mit dem weißen Tuch,

einfach bürgerlicher Hausrat, stehen daneben; nicht einmal das Töpfchen

ist vergessen. Über der blühenden Erde blaut ein herrlicher Sommertag.

Blau liegt es auf der Wiese, blau auf dem fernen Wald, blau auf den

schimmernden Schneebergen, die den Blick schließen. Unmittelbar an das

sehr irdische Gerät stößt ein traumhafter Tempel. In gotischen Formen,

gleißend von Gold, strebt er auf, ganz angefüllt von Engeln, in deren

Gewändern und Flügeln alle Farben des Regenbogens ihr buntes Spiel

treiben, und die eine ebenso fröhliche und launige Musik machen. Und

oben über den Gletscherspitzen öffnet sich der Himmel: Gott erscheint

in der Glorie, und in ihren Strahlen spielen Englein durcheinander wie

Stäubchen in der Sonnenbahn, die in ein dunkles Zimmer fällt. Rechts:

„Die Himmelfahrt“. Unten blauschwarze Nacht um das Grab, aus der die

Rüstungen der Wächter in metallischen Reflexen blitzen. Aus der Nacht

steigt, nein: rauscht, nein: braust Christus empor in das strahlende

Licht einer goldenen Morgensonne. Blendend füllt dieser Glanz das Auge,

daß es die Formen seiner Gestalt kaum unterscheiden kann, daß sich der

Körper vor unserem Blick entkörpert. Wie dem mystischen Vorgesang der

Verkündigung der freudige Hymnus der Geburt gefolgt ist, so folgt

diesem nun der jauchzende Dithyrambus der Himmelfahrt. Licht und Farben

singen diese Lieder. Der musikalische Begriff drängt sich geradezu auf.

Die Himmelfahrt ist aus demselben Gefühl entstanden und löst dasselbe

Gefühl aus wie das jubelnde „~Et resurrexit~“ in der Hohen Messe

von Bach.

Die dritte Gestalt des Altars, die wohl die gewöhnlich sichtbare war,

ist dem hl. Antonius geweiht. Die Mitte ist plastisch gebildet. Unter

einem Baldachin von phantastischster und zierlichster Schnitzerei,

in der die krauseste Gotik ein unbeschreibliches Etwas von Klarheit

und Anmut hat, thront der Heilige. Gestalt und Gewandung in ihrer

großen Einfachheit gehen über alles hinaus, was Bildschnitzer dieser

Zeit geschaffen haben. Man muß durchaus an einen Einfluß Grünewalds

denken. Das rechte Flügelbild stellt die „Versuchung“ dar. Abend.

Hinten am Himmel wacht noch ein letztes Licht, aber in der Schlucht

zwischen den dunklen Tannen, wo der Heilige im Gebet liegt, hat schon

die Nacht gesiegt. Und hier fallen ihn die Gesandten der Hölle an.

Diese Teufelsfratzen, die ein Schöpfer im Fieberwahn aus Gliedern

von Mensch und Tier, aus Totenschädeln und Gliedern und Krallen und

pestbeuligen Leibern zusammengeschmissen hat, haben den Greis gepackt

und niedergeworfen und zerren und stoßen und kratzen den Hinfälligen,

der in stillem Dulden verharrt. Mit dieser Nacht der Schrecken steht

die Nacht des Friedens auf dem anderen Flügelbild im Gegensatz. Dieser

„Besuch des Antonius bei dem Einsiedler Paulus“ ist ein köstliches und

rührendes Idyll. Die Landschaft ist wie ein Gedicht. „Abend wird es

wieder...“ Durch das stille Grün der Wiesen schlängelt sich dunkelblau

ein Bächlein; Rehe grasen; in der Ferne steigt schwarzer Wald den Berg

hinan; über ihm ragen die bizarren Massen des Gebirges. Vorn auf

Urwaldboden zwischen griesbärtigen Bäumen sitzen die beiden heiligen

Greise: Paulus der Einsiedler, uralt und wie die indischen Büßer fast

in die Natur eingewachsen, seine Haut wie Rinde, sein Haar wie das

Vlies eines Tieres; Antonius, dem Hundertjährigen gegenüber fast jung,

erregt von der Gnade, daß der Rabe, durch den der Himmel dem Einsiedler

seine Speise sendet, ein zweites Brot für ihn hat, die Narben der

Teufelswunden wie Ehrenmale in dem geröteten Antlitz tragend.

* *

*

Wir wissen nicht viel von dem Meister, der in diesem Altar das größte

Werk deutscher Malerei geschaffen hat. Ein Schiff mit seinen Bildern

ist in der Ostsee untergegangen. Unter den erhaltenen ist von erster

Wichtigkeit nur noch das Altarbild in der Münchener Pinakothek, eine

ganz ruhige Existenz von größter Erlesenheit der Farbe, voll stillen

Leuchtens.

Wir brauchten gar nichts von ihm zu wissen. Ein solches Werk sagt alles

über seinen Schöpfer aus: man erfährt seine Heimat, den Umfang seines

Fühlens, sein Temperament, seine Kunstmittel.

Der Maler kann nur in dieser Südwestecke Deutschlands gelebt haben, wo

ihm Taunus und Alpenlandschaft vertraut wurden. Überall spricht das

Erlebnis der Berge mit, die den Menschen der Ebene so geheimnisvoll

anziehen. Und seine Gestalten zeigen den alemannischen Schlag mit

seinen eigensinnigen Gesichtern und Gebärden, herb bis zur Verzerrung.

Hodlers Kunst ist aus der Anschauung desselben Menschentypus

entstanden. Sie nehmen das Leben schwer und die Dinge furchtbar ernst.

Grünewalds Gefühl ist grenzenlos. Auch die Beschreibung des Werkes kann

das schon mitteilen. Alle Stimmungen der Natur, alle Möglichkeiten

des Menschenwesens sind ihm vertraut. Er hat alles Licht durchgelebt

vom Erglühen des Morgens bis zum Sterben des Abends in die Nacht. Und

ebenso alle Tönungen des Gefühls: das Erbeben der Jungfrau, die zarte

Stille der Mutter, die schreiende und die verstummende Verzweiflung

des Weibes, den Duldermut des Blutzeugen, den Triumph des geistigen

Helden, die eherne Festigkeit des Propheten. Er kann Götter und Teufel

schaffen, wie Himmel, Welt und Hölle.

Gemälde und ihre Meister · 第 2 / 25 段