leise reden; überall waren die Türangeln geölt, überall lagen wieder
Läufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den
Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle
kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem
Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte
mehr, nur noch Zeichen.
Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter saß nicht mehr am
Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand
wachte da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. Auch der
Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und
die Küchenwache ein. Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch
Sissel. Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut,
bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken
die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich?
Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn;
aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr großes
Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus;
die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber
Josefine blieb an der Tür stehen; sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber
nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die
Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwärts --
und die Mutter sah ihren Jungen -- zum Erschrecken blaß, ohne jedes
Lebenszeichen. Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter
vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht
deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder.
Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in
ihren Glauben an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie
hörte. In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an,
und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er leichter atmete, ließ sie
den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des
Jungen hinströmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf
und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war
die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als
man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis
Josefines Augen von Tränen überflössen.
Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten
Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn
er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar,
sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den
Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel
ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn
geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehört
hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten,
scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt
konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten
miteinander, als ob es nimmer enden solle.
Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der
Sicherheit ihrer Nähe hin und schloß die Augen wieder, öffnete sie noch
ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann
schlief er ein.
Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen war heller Tag;
herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum
mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den
verborgensten Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und
stellte sich in die Öffnung.
Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar,
die hohe Stirn noch glänzend vom gestrigen Schweiß, um den Mund ein
Lächeln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte
sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im
Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich
hörte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"
* * * * *
Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem
heraus, was er gelernt hatte.
Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist.
Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere in seinem
Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über
seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle
haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun
Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser
Stätte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Höchste ist der
Glaube'."
"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines
Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder laß Dein Weib,
aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an
diesen äußersten Rand -- da lehrt Dich die Liebe, daß _das Leben das
Höchste_ ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes
Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch
oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort;
nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst
abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der
Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist
das Leben; unsere höchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden.
Dieser Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen andern
ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei
Weise abgelehnt -- am stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder
soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein,
das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals
wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswärme soll meinen
Willen lösen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und
nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Maßstab
der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das,
weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige
Offenbarung im Leben!"
12
Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte
leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite
wurde die Tür bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm
tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit Aase auf.
Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige
Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott;
wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz
einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn -- d. h. Aase
wäre da wohl die verlorene Tochter -- (komm nur näher! Na, so mach', was
Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide
beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur
er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sören sagte dann, sie wollten
jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste
Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen
Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott
und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."
Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem
aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drängte ihn, zu bekennen, daß
ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die
Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen
hätten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld
auf sich nahm. In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt
war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, hatte sie
mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht
war sie mißtrauisch und hart geworden.
Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame
Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionär werden
wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions-
und Entwicklungslehre auch ins Religiöse zu übertragen, das war eine
Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine
Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden
werden wie die Götzen und Wundertäter der Heiden. Und hatte er später in
theologischem Machtbegehr davon geträumt, Bischof zu werden -- nun wohl!
Hier war ein gefahrvolles Bistum -- aus leicht erklärlichen Gründen --
frei in Norwegen.
Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit
langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet
und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist
nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt
und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter
Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bändern.
"Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" -- "Nein, jetzt um Frau
Kallem." -- "Ist Doktor Kallem hier?" -- "Nein, er ist vor einer Weile
nach Hause gegangen."
Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstraße ein; er
konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen.
Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten ihn voll freudiger
Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte
einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich
der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er
vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten
eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner
Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll
Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu
Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst
aufgeräumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" -- "Es hat mir
gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen,
sagte er; die eine glaubt nur das, was sie weiß; die andere tut das
auch, aber das, was sie glaubt, läßt sich nicht beweisen -- wenigstens
für niemand, als sie selber." -- "Er hat recht." Tuft lachte und eilte
weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das
lag noch von seiner "rechtgläubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte
ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott
respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig
zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein
späterer Zusatz, von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn
diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien eine
Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar wäre. Und das vierte, das
sie enthält, hat damit sich selbst "verdammt". Nein -- das Leben ist
alles -- und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens,
d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die höchste
Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im
Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum
Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in
entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab.
Gott offenbart sich unserem Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er
eilig über den Hofraum.
Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause."
Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb
unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das
Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft,
etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.
Jetzt begriff er.
Der Preis, um den er hier Einlaß fand, war doch wohl höher, als er
gedacht hatte. Demütig ging er heim; Josefine gegenüber schwieg er von
der Sache.
Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege
vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte.
Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein,
daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein
persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf die Beschränktheit seiner
Lehre gehabt.
Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen,
zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte;
bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn
vorwärts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien
nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem
Dankbarkeitsverhältnis, das ihm lästig war, freizumachen; er schlug
gewaltig Lärm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei.
Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren
gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen möglichen theologischen
Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken;
denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf
Mißverständnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kräften und
Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte.
Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr
heruntergekommen, als sie wußte. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem
Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen
hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?
Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so
zurückgebracht, daß sie nur langsam zu Kräften kam. Auch sie war nämlich
in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen
konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem
Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf
der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.
Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem
Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren
Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst
keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen
beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld darin, daß sie unverträglich
gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war.
Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm von Ragni erzählte, wie
liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie
das Unmenschliche ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, daß sie
Kallems Liebe hatte übersehen können. Aber abgesehen von dieser
Unversöhnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig.
Die Enttäuschung war um so größer und hätte schwere Folgen gehabt, wenn
nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein
unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch
eine große Begebenheit erlöst werden. Und zu einer solchen wurde ihr
der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine -- hierfür müssen wir Amt und
Vermögen einsetzen!"
Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf,
stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was
sie auch verbrochen hätten -- es müsse Klarheit sein zwischen ihnen;
einer Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit
gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr Bedürfnis, mit ihm
zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unverträglichkeit bereuten
und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt hätten,
jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien.
Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.
Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, daß
gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der
Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet,
mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne
Unterschied des Glaubens (wie in der Erzählung vom barmherzigen
Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem
Maß gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes
Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor der Offenbarungsmacht
der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner
und harter Zeiten.
Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.
Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei
stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer
theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle
war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft
hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig
verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das
Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende,
daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der
Gerechtigkeit und der Liebe, -- und es machte Eindruck, als er mit
seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über
die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und
Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die
Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen
Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!
Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten,
ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur
eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern
allen über.
Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit
flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine
Antwort.
Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der
Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die
Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es
erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte
sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?
Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker
Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn
vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber
möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.
Sie öffnete.
Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah,
war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste
auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen,
einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.
Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das
kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:
"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn
ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war."
Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen;
sie wissen nicht, was sie tun."
Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis.
Josefine begann zu zittern, und wußte doch nicht warum.
Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in
roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem dies nicht
sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem
nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie
die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hieß -- als er von einem
Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie
betroffen hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?
Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! -- Wann war der Brief
geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im
Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger
großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren nie gelesen
hatte.
Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den Tisch legen.
Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders
und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine
Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer,
Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, -- in den reinsten,
rührendsten Ausdrücken.
Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann
waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, während der Tod
sie Zoll für Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr
geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie,
weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek
mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: daß er es überlebt
hatte.
Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das Mädchen, das sie
zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es
klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, während sie
sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! Sie mußte zu
ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!
Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr
Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:
"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und
Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht
habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte
ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben,
und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann ich Dir
bloß noch sagen, Du 'weißer Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit
mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual
war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst,
sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen,
wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das
Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß es so kurz war! Du mußt
Dir bloß vorstellen -- ich hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch
etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der
Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut --
bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast -- zu
Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und
alles, was Dir gehört -- ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer
empfunden; aber glücklich war ich doch."
"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende
geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht
gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."
"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und
Bewunderung für Dich in mir ist --Du würdest es nicht begreifen; so
selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir
kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen."
"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir
sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir
wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein
großes unendliches
ich danke Dir!"
Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie,
Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!
Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte
-- und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle,
zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens.
Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände:
"Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie
höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne.