Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein

gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke

über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, -- sie brauchte sie

nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie

alles zusammen -- Ole sollte es lesen. Jetzt mußte _er_ ihr helfen; es

galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer

ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie

nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni

vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte -- gerade dadurch war die

Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der

Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das

Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil,

-- sie hatte nicht falsch gelesen! -- nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr

selber galt es. _Sie_ verdiente den Tod!

Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem

betäubenden Schlag.... _Jetzt war es da_!

Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte,

-- etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde.

Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und

dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt!

Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das

Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein

frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen

gewonnen hatte.... _Jetzt_ traf es sie -- und traf sie tödlich.

Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte

den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun

lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder

brechen.

An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles

letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf

solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das

fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die

weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte -- das Mordinstrument!

Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen

Teil daran! Doch -- sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für

ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere

wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu

dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.

Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei

dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts

mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch -- ihr Leben hing von jetzt an

diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie

hastete weiter.

Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins

Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig

unschuldiges Menschenkind getötet -- hatte ihres Bruders Heim zerstört!

Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre

gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen.

Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen

haben -- ja -- -- denn sie hatte auch etwas zu sagen, -- -- er wußte ja

gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; -- er

kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.

Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen,

über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn --

über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren

Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann

sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks,

und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch

dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.

In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er

vor zwei Jahren gekommen war, stand er da -- die Ärmel aufgestreift, die

Manschetten abgelegt -- und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die

vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander

daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er

war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch

schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.

Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen

farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die

Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem

Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!"

rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....

... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet;

eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe

ich Dir, Josefine!" "Edvard -- so laß mich doch erklären ... --" Sie

wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er

aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.

"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die

Seiten, als wolle er Wache halten.

13

Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht

liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so häufig

abends machte er einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so

hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf

und ab; es war Sonnabend, und er überdachte seine Predigt für morgen.

Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und

las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.

Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in

ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter

ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei

einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief,

während er am Schreibtisch vorüberging; sein Name stand darauf -- von

Josefines Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser

sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene Papiere; und obendrauf

ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin

zu ihm gegangen -- es gilt mein Leben." Was war das?

Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er

lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit

Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu

gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war!

Und wenn er nicht auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so

hätte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern zum

Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. Und wenn der

Schwager antworten würde: Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin

genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das

Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen -- er, Tuft, würde antworten,

daß solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern

Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist,

urteilt überhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger.

Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden

müssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium

unterbindet alles Wachstum des Mannes.

Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum war es ihm auch so

unerträglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, daß er

ganz außer Atem in den Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe

kam. Die Haustür war verschlossen, -- es war doch kaum über zehn! Er

klingelte wieder und wieder, und bald hörte er im Korridor Schritte,

Männerschritte. Kallem war es, der öffnete.

"Ist Josefine nicht hier?" -- "Nein." -- "Ist sie nicht hier gewesen?"

-- "Doch, vor anderthalb Stunden." --"Und -- --?" -- "Ich habe ihr mein

Haus verboten." -- "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" -- "Nein." -- Da

streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!"

wandte ihm den Rücken und stürzte fort. Sein breiter Hut über den

breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten

Worte.

Es war schon über elf Uhr -- da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe

Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen.

Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden

vermochte, noch ehe er ihn näher sah, ein ganz anderer, ein verstörter,

verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein,

Edvard?" -- "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"

Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von

Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte

klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht.

Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft --

angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer

auf.

Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie

zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor,

seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster,

bester Herr Doktor!" -- Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester

wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr

fort: "Niemand kann ihn mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt."

--"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm

her, und da rennt er davon, immerzu, wer weiß, wie weit, in den Wald und

auf die Landstraße; heut ist's die dritte Nacht; und ich _kann_ nicht

mehr! Liebster, bester Herr Doktor -- ich hab' ja sonst niemand, zu dem

ich gehen könnte!" -- sie fing zu weinen an -- "und niemand kann ihn ja

bändigen, außer Ihnen!"

Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er

sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein,

es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist.

Kallem ging sofort mit.

Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind

begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg;

das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie

vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der

unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht

hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen -- vor seiner

eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte

Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit

sich nehmen! -- "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" -- Im

selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen

einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf

durch die Nacht -- man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und

faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen

an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer

vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte

sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen

Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein

Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich.

Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan

besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute

den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen

auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben

konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war."

Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flüchtete zu

Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" rief der und bückte sich nach einem

Stein. Da wich der Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei -- näher als

der erste -- ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein

Schauder überlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an

ihnen vorbei, in einem großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns

bei -- jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; dem

Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zähne laufen! Und

dabei hörten sie den Köter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie

vor sich habe, die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt

liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit

voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nähe

hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war über den

ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war

Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen des Hundes, daß der Gegner

sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor

einem Gehölz etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal

durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das

für ein großer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier?

Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit einem kleineren rang,

und auf beide ging der Hund los. Der Große schlug nach ihm, sie drehten

sich umeinander; und zugleich hielt der Große mit der Linken einen

andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut über den breiten

Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund

wollte auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem Fußtritt weg.

Wer weiß -- Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen

Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um

sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, zerrte und riß, um

loszukommen; jetzt warf er sich hintenüber und mit dem letzten heiseren

Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher

schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, als er Kallem aus dem

Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brüllte. Der

Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig

in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie Kallem nicht bemerkte,

bis der ihr einen Fußtritt versetzte, der sie ein paar Meter weit

wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen -- ein Arzt

versteht zu treffen -- und sie sahen und hörten nichts mehr von ihr;

vielleicht war sie tot.

Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor ließ ihn los. Er war

wirklich übel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her,

der Ärmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes

Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; aber er war so angst-

und wutentflammt, daß er überhaupt keinen Schmerz fühlte. Kallem packte

den armen Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich empor und

bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemütserregung noch

gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz

groß und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen

Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als

endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen

im Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. Kallem meinte,

Aune könne da liegen bleiben; Tau würde nicht fallen, da es windig sei.

Später würde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser

Verrücktheit werden.

Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und

wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwärts.

Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen war; aber kaum

standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht,

Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß ich nichts

mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! Daß Du sie hast von Dir stoßen

können, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es,

wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir stoßen können,

Edvard!"

"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt

hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!"

Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es

tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum

mehr Atem zu holen vermochte.

Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes Antlitz war

gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er

schritt aus, so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen

sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; -- und Kallem mit.

"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch

der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde

untergehen. Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, am Abend darnach

auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die

'Meerungeheuer' gezüngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der

Sündenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis aus uns

heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig haben! Und wir laufen davon

und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma

werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingeübte! Und

eben wie ich darüber nachdachte, stolperte ich über den verrückten Kerl;

er sprang auf -- die Angst war in ihm -- er glaubte, ich sei ein

Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt

und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem

Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen,

als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei

dieser Angst -- sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden

ist, lernt andere schrecken!" -- Die Worte fielen schwer, wie seine

Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er

stumm.

Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in

Lehren umsetzen hören. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach

die ganze Zeit. Kallem dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das

ehrlichste, wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei sie

von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl legte er die

Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er selbst sie sah, und bewies

deutlich -- wenn ihr Bruder sie _jetzt_ von sich stieße, so könne sie

nicht weiterleben.

Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" -- "Hör' mal, Ole!"

dazwischen -- aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager

mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete

Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewißheit ihn

übermannen würden, wenn er schwiege; und dann -- Edvard _sollte_ sie so

sehen, wie _er_ sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die

gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem müssen wir denen helfen,

die gegen _uns_ gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen!

Gottes Vergebung besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" -- Noch

als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung

fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie

vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt

wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so

rasch er konnte.

Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schließlich

hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, größer als er seinem

Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und

wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er

hatte nur geurteilt und verdammt.

Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem

sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich

nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte -- war

sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall

gegen Ragni damals ... natürlich steckte da noch mehr dahinter als

Dogmenblindheit, -- Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur

noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden Frauen

zusammenführen können; daran war kein Zweifel möglich. Aber hatte er

auch nur einen Finger deswegen gerührt?

Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng

zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die großen Augen der Schwester

von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not an,

jetzt _sah_ er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu,

wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwängt in

widernatürliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend,

ausgeschaut nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Und

als er endlich kam, stieß er sie beiseite. Stieß sie beiseite um einer

Frau willen, die seiner nicht würdig war -- so wie _sie_ die Sache

auffassen mußte.

Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas gewesen, hatte ihr

nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt!

Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst überkam ihn. Es trieb

ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im

Vorgefühl des Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er hatte ja

da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mußte sie wieder

schließen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder

zuzumachen, und blickte dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen

den Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines

Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den Knien. Sie sah ihn und

kroch in sich zusammen wie ein flügellahmer Vogel, der sich nicht vom

Fleck rühren kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und doch saß

sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie

sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu.

Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie und

brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm faßte und sie emporhob,

flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter

aber kam sie nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die

Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er war nicht böse! Er

würde sie doch vielleicht anhören! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und

ihre Tränen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister,

Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und

ihrem Blut, das älteste und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das

heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer

Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und Mutter, all das strömte

jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen.

Und dennoch -- als er mit ihr der Veranda zuschritt, zögerte sie; sie

wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er

zwang sie vorwärts, Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte

sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier

schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg

das Gesicht in den Händen; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen;

und er mit.

Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; aber er wußte,

nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.

Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm durch eine morgenwache

Stadt, wo die Menschen noch schliefen. Der edle Gang der beiden hohen

Geschwistergestalten hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort

darüber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, verpaßten aber den

Richtweg und kamen hinunter auf die Strandstraße. Bald bogen sie ab,

hinauf nach dem Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem

Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, den Kopf nach

dem Strand zurückwandte. Sofort hielt sie Edvard an. "Da ist er!"

flüsterte sie. Von dort her kam Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt

aber den Kopf so tief gesenkt, als vermöge er dessen Last nicht mehr zu

tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht nach ihr; nun

wollte er weiter suchen, in südlicher Richtung -- ebenso vergeblich,

aber ebenso schnell. Beide verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des

Bruders. Fest schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken

noch hatte sie ihm gesagt: hätte der Bruder sie aus seinem Garten

verjagt, dann --! Still! Sie wandten um und gingen Ole entgegen.

Hellhörig, wie er war, vernahm er sofort die Schritte -- er blickte auf,

erkannte sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte er nicht mehr,

auch nicht sprechen. Josefine aber machte sich los vom Arm des Bruders

und eilte zu ihm.

* * * * *

Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, Josefine am Arm, -- auf

der andern Seite Kallem. Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf

Gottes Wegen!"

"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte Kallem einzuwenden.

"Nein, nein, nein!" rief der Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da

sind Gottes Wege!"FOOTNOTES:

Anmerkungen:

[Anmerkung 1: Halbhohe, gefütterte Schuhe aus weichem Renntierleder.]

[Anmerkung 2: Eine Erika-Art.]

[Anmerkung 3: Eine Violenart.]

[Anmerkung 4: Von der Familie der Ranunkeln.]

[Anmerkung 5: Kreuzkraut.]

[Anmerkung 6: Linsenwicke.]

Auf Gottes Wegen · 第 24 / 25 段