Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum

andern, wenn sie ihn anrühren mußte, wäre genug gewesen. Aber die

Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt.

Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen

hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, daß sie sich

förmlich ängstigte vor ihrem Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst

später, und ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die

Knöchel. Das -- so hatte sie immer gehört -- war der Anfang vom Ende.

Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins

Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke saß. Er sah sie,

bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn,

Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die

Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hände

gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die

glänzenden und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen

Vater ansah, -- das schrie förmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg.

Auch sie hätte beten mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge

den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. Und damit schob

er sie weg vom Gebet.

Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes Urteil, daß die

Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung

entdeckt hatte, daß nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die

Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre,

erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude weinte. Die

Untersuchung des Urins bestätigte seine Diagnose.

In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit;

trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.

Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor

Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den

Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent

und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzählte,

gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Männer blickten Josefine an;

sie schloß die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein

Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umständen

ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe;

aber später wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine

wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen

die Tränen hervor.

Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas

Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Während

der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser

letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren

Dasein -- eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden

Schmerz hin -- weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen --

gewannen selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge --

"Sendboten Gottes".

Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn

der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl,

wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch

zugleich von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen solle.

Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade

darum _verlangte_ ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein

krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er

sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um

das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte

zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu

beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer höheren

Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu

hart.

Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete.

Wenn das Stärkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein

anderer; aber es kam so selten dazu.

Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmäßigen

Schlaf entbehren, Woche um Woche, -- den Appetit verlieren durch die

unaufhörliche Spannung -- das war fast genug, um selbst kerngesunde

Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber;

aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.

Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, mußte er ihr, gegen seinen

Willen, eines Tages mitteilen, daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof

des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des

Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar stärkste Weise. Zweifellos

war dieser Entschluß gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten

aber gegen sie beide gerichtet.

Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein

einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich

über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte

und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das ewige Rauchen!"

sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!"

antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er

bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" --"Nein", erwiderte

sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschämte sie.

Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen Botschaften

gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besaß die unschätzbare

Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern,

als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die

Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie

empfing, galt als Barometer.

Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem

und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und

stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher saß Sigrid;

Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das

ganze Gefolge.

Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und daß

Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege

keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe

vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und ihr so diesen

letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein könnte!

In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon

schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen

Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über

die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder

eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen.

Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit Dir

reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines

Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."

Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. "Was sagst Du da?"

flüsterte er.

"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit

weniger begnügt sie sich nicht." -- "Liebste Josefine, Du bist ja ganz

außer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang

aus dem Bett. -- "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten können, müssen

mir jetzt beistehen! Hörst Du, Ole!"

"Aber liebste ...!"

"Oder glaubst Du nicht, daß Ihr stärker seid als diese Frau? Glaubst Du

es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen --

ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, -- hörst

Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch

Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen es doch nicht ruhig mit

ansehen, daß sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen

Klageton aus. Er saß auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er

angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste,

so glaub' doch nur -- Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist

krank, Josefine!" -- Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig

anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte

die Lampe hin. "Ich wußte es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert,

Ole -- es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du weißt,

Josefine, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche

Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die Hände nach ihm

aus. Alles an ihr war lose und offen, die Ärmel glitten zurück --

unglaublich mager war sie geworden! Eine große Angst überfiel ihn. Ihr

wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt....

"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen!

Du könntest darüber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." --

"_Glaubst_ Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch!

Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" -- Die

schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du

betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" -- "Ja.

Natürlich! Selbstverständlich! Um was beten wir denn sonst?" -- "Wir

beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum

bete _ich_. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gestärkt -- und ich

bedarf dessen oft so sehr!" -- "Gottes Herz erweichen, so steht es

geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! Hörst

Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" -- Er war vor dem

Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein

Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber

jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten --

das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und während

er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wußte, war er so erregt,

daß er das, was er in Händen hielt, fallen lassen mußte, um sein Gesicht

zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die Höhe; wenn sie

in ihrem Schoß das kostbarste Porzellan gehalten und es hätte fallen

lassen, daß es in tausend Stücke zersprang -- sie hätte nicht anders

dastehen können -- starr, von Entsetzen gelähmt, die Hände ausgestreckt

über dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne

beraubt, als müsse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht;

denn als er sie anfaßte, erwachte sie, faßte sich sofort und sagte rasch

ohne Übergang: "Dann müssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann

nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem

wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung.

Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte

schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis

jetzt hatte er sich immer geschämt.

Ein paar Minuten später war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst

gefragt werden mußte.

Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht

gefroren, so daß Tuft aufpassen mußte -- dazu die Gedanken, die ihn

hetzten -- es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel,

von Schöpfung, Sündenfall und all dem andern -- was war es wert, wenn

der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig?

In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte,

ohne selber den Klang der Glocke zu hören; sie mußte abgestellt sein. Er

fing an, gegen die Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der

an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich

kam, etwas verdrossen, ein Mädchen; als sie jedoch sah, daß es der

Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige

Kent erschien, hieß ihn eintreten und hörte ihn an. Mit Freuden wolle er

zu Kallem gehen; hätte er nur gewußt, ob es tunlich sei, so hätte er es

schon längst getan.

Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; sie verstand ihn

nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er

um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, er wolle

nicht, und geriet völlig außer sich; der Pastor mußte sich wieder auf

den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid,

Kallem und er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war

der Pastor eben abgerufen worden, so daß niemand zu ihrem Empfange da

war. Kallem hatte seinen Fuß nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit

dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.

Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt

Josefinen: seit der Nacht war der Bruder ständig in ihren Gedanken

gewesen; als er nun aber mit Kent endlich über die dicken Läufer die

Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den

Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf

und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde trotzdem geöffnet; Kent ließ

Kallem zuerst eintreten.

Ein leiser Schrei tönte ihm entgegen. Fast hätte sie zu Boden fallen

lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod

selbst, der da eintrat, knöchern, schneidend scharf, -- nicht um zu

helfen, sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fühlte sie

sofort.

Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefühl, obwohl

auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er näher gekommen, blickte er

auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für ihn. Sie trat

auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrüßte sie

freundlich; dann ging er zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie

gewöhnlich -- wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war:

Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das

Aussehen des Jungen wurde plötzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn

aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte -- jetzt

drängte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" flüsterte er auf

französisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur näher, fühlte des

Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf

die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste und den letzten

Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der Ärzte; Josefine hörte

jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der andern Seite

des Bettes stand -- das Bett des Jungen war da, wo früher das des Vaters

gestanden hatte. -- Aber sie begriff die technischen Ausdrücke und darum

auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhört Entsetzliches war es;

das fühlte sie; ihre Hände krampften sich unter der Brust zusammen,

während ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent

ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, daß

man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusthöhle einführe? "Eine

Operation?" flüsterte sie und mußte sich stützen.

"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf

einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine

Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes und

beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch

nichts mehr --, sie fühlte bloß noch eins: nicht nachgeben! Sie hörte

den Jungen jammern und "Mutter" rufen -- angstvoll, immer wieder; aber

sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann

hörte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was

vorbei war, das sah sie nicht.

Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen.

Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drückte sie

immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt nicht

ansah.

Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie

zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation nötig, Frau Pastor!"

flüsterte er. "Wozu denn?" Sie wußte ja, es nützte doch nichts; sie

hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen

müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im kläglichsten Ton die

Mutter, sie möge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm

nieder und brach in Tränen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach,

wenn sie hätte antworten können: "damit Du gesund wirst und wieder

aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach

Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder

gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt und sah ihn

verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt

gewöhnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und

Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und

schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften muß

jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer müssen wir

auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen

gelegt und antwortete nicht; sie hörte ihn weggehen.

Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf

und war nicht wenig verwundert, dort die Großmutter und -- Sissel Aune

zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der äußerst

empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch

den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen

aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem

Sofa, verzweifelt, aufgelöst; sie stammelte zusammenhangslose Worte:

"Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte.

Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und übernahm die Aufsicht;

mit ihr rückten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt

Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die

Dienstmädchen kummervoll; die Großmutter in Tränen; und als das Bett des

Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der

Träger hörten, saßen die Eltern Hand in Hand und zitterten.

Wenn jetzt jemand gesagt hätte: "Es ist gut für die Eltern, wenn der

Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie

werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit hätte, ihnen so etwas zu

sagen! Tuft _mußte_ mit Josefine darüber sprechen, mußte ihr bekennen, was

seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drückte ihm stumm die

Hand.

Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und

beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der

Mutter in der seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg.

Es war ihr jetzt nur willkommen, daß jemand sie führte; infolge der

vielen Umänderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer

aufgeschlagen worden.

Am nächsten Tag saßen die Eltern von früh an bei dem Kleinen. Sobald sie

weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort

war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die Ärzte. Josefine

lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die Männer kommen hörte,

hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so daß man

das leiseste Stiefelknarren hörte. Sie ließ sich nicht trösten, ließ

sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand,

in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu

dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den Händen sterben. Der Pastor

hätte gern mit den Ärzten gesprochen; aber sie hängte sich an ihn: sie

wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fuß rührte,

so wußte sie gleich, wer es war; bewegten beide Ärzte sich zu gleicher

Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte sie sich und saß in

sich zusammengekauert da, die Hände vor den Ohren. In ein anderes Zimmer

wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und

Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte,

flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flüsterte

sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewußt,

daß es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde.

Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte

Umschläge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so

stark, daß sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde

sie still.

"Er schreit!" rief sie plötzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf.

Der Pastor beteuerte, er höre nichts; aber im selben Augenblick hörten

sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie

mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben

kam kein Laut mehr jetzt.

Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge

chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern gehört hatten, galt der

Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg;

er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er

ein. Die Großmutter saß in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern

Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie

saß da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand

hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald

der Junge eingeschläfert war, forderte Kallem sie jedoch höflich auf, zu

gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.

Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein

acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten

bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sägte ein

kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus der Wunde.

In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund

aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die

weißen Operationsmäntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres

Kindes wühlen, -- und stürzte kopfüber zu Boden.

"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen

gelaufen, der Pastor von außen, und zusammen trugen sie sie hinaus.

"Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und

schließen Sie die Tür zu!" -- "Und Sissel --?" -- "Muß draußen bleiben!"

Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer.

Eine Drainröhre wurde in die Brusthöhle eingeführt, diese wurde

ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre

mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmäßig

auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen

Instrumenten ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch

irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wußte, daß er

fertig war.

Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu

horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, öffnete und etwas unter

der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei

alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse

Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell

wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not.

Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die

Nordwand des Hauses eingemauert, war für gewöhnlich gänzlich

unzugänglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu

haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube;

alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte

es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her

aufzuräumen. Man hätte denken sollen, er müßte deswegen an ihr hängen;

aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Großmutter gar nicht

mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine

Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Großmutter, mit all

ihrer Hinterhältigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er

auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er

nicht verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, durfte sie

überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten!

Auch ihr Sohn vernachlässigte sie, seit Josefine wieder zugänglicher

war. Wäre nicht die Diakonissin gekommen -- die Operation wäre

vielleicht vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte.

Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, lauschte draußen,

hörte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel saß da

und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter.

"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es hörte; größer

schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Großmutter konnte nicht mehr; sie

ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch

immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes

Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu

Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf

Josefines Bett.

Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein.

Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah

seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat

näher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las

er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, -- im selben Sinne. Vor dem

leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er

zurück und ging.

Auf Gottes Wegen · 第 22 / 25 段