Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit,

daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich

nach ihr zu erkundigen. -- "Und Karl?" fragte sie. -- Ja, Karl sei auch

mitgekommen. -- Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten

gespielt wird, muß ich es hier hören!" -- "Ja, wenn die Tür offen ist;

aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch

ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts

im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" -- "Ich

sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an;

sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht

begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen

Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete

nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch

guten Tag sagen?" -- "Muß es sein?" --Kallem wäre es lieb gewesen, wenn

er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm

alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht -- hinter den andern -- an der

Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich

wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht

abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann

kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür

aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der

Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang

ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen

Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den

zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch

Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.

Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte

furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war?

Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur

Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.

Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt.

Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben;

auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe -- er könne nicht fort von

hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es

zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide.

Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis

Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen

Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie.

Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte

er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie

ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz

still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er

auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es

ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der

Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang

war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder

gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte

Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm

vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so

dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten,

er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar

ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam

auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um

sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.

Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er

über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar

nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein;

unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag

abseiten.

Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten

Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er

kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal

aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt

darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde

Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft -- mein Gott, gewiß soll das er

selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine

Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob _ich_

das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese

friedvolle, kleine Melodie herum -- ein paar Takte Melodie, darauf Takte

voll Jammer und Geschrei -- das erste Thema schmetterte und sprudelte

über das andere hinweg -- -- äußerst natürlich gemacht -- zu natürlich,

denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen,

um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune

an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein

Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein

solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei -- ja, können denn die

Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis

alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn -- und noch

einem -- und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder -- ein

Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.

Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und

klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf

wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor

soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und

Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als

der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem

war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins

Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.

Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da

kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken.

Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie

nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein

großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht

hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut

und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl

hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig -- ein ganz

klein wenig -- die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher

heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er -- er

wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der

rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die

Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch

hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf

und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen

auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt

und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er

wieder aufrecht, -- stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder

eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung,

ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen

erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende

Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.

Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung

ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch

wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall

eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz

frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch

die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein

Schreck gewesen.

Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen

angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er

war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn

mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins

Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus.

Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er

überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem

nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten;

seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar

kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben

entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande

war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach

komisch, furchtbar komisch vorgekommen! -- Aha! dachte Kallem. Da liegt

der Hase im Pfeffer!

Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr

Urteil.

Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen

zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm

hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe,

ihn im Gleichgewicht zu halten.

Eines Tages -- sie hatte eben nach Karl gefragt -- sagte er zu ihr:

"Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie

schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte.

Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen

konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu

zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es

nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu

Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder

froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach

und nach wurde er umgänglicher.

Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er

selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand,

und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch

andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern

konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war

voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie

fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins

einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres

Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr

künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war

gerade, was Kallem brauchte; er _brauchte_ die leuchtende Wärme des

Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er

zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten;

bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas

Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen,

stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem

weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie

einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach

Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen

Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner

Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand,

oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie

hinüberleitete.

Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber

aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen

Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere

Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge

sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der

Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt

fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach

Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein --

meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige

Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen

versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr

besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken,

und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser

Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten

Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so

etwas solle er bleiben lassen.

Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre

Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen

nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie

empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja

auch keine Worte. Die Stunde nahte.

Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid

stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er hörte,

daß sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff

nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch

zerriß ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr

Schmerzgestöhne dazwischen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er

_konnte_ nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mußte ihr

Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte sie rufen: "Frau Doktor!

Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür.

Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in

Ohnmacht.

Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß davor und weinte.

Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er

fragte: "Ist sie tot?" -- "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu Ende

ist."

Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe

sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand.

Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein

Zusammenzucken der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. Auf der andern

Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es

gab! Obgleich auf ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag --

es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer

Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel

schüttelte den Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit

ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes

erweisen -- sie versuchte -- man konnte nicht sagen zu lächeln -- dazu

war sie nicht mehr imstande -- aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu

geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich Kallem. Bald

darauf war sie tot.

Die andern gingen; Kallem blieb.

Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen;

Sigrid saß mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben,

leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was

sie geschrieben hatte -- es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand

darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im

Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; auch

der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelächelt,

wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von

Ibsen. Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit von oben

herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen den letzten Blättern eine

Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf

denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschließt, -- wie sie sich

erschießt und was darauf folgt -- herausgeschnitten! Herausgeschnitten!

Als habe es _so_ nicht kommen dürfen!

Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf sich aufs Sofa und

schluchzte wie ein mißhandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu

furchtsam. Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie muß erst

besser werden, bis solche Wesen mitleben können. Sie hatte versucht, aus

der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, -- nun war sie selber

herausgeschnitten worden.

11

Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des

kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar

nicht gut, so daß er das Zimmer hüten mußte.

Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl

zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrießlich und

hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mußte er wieder das

Haus hüten. Weil er an die frische Luft gewöhnt war, wurde er weinerlich

und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde

zuletzt streng. Der Junge jammerte -- er wolle zur Großmutter! Das

durfte er nicht. Als jedoch die Großmutter zu ihm herüberkam, war er

eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der

Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten Fächern

herauszunehmen und Häuser damit zu bauen.

Er wurde ins Bett gesteckt, heiß, aufgeregt; dabei klagte er über Stiche

auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er

Fieberanfälle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem großen

Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die Hölle schleppen.

Josefine doktorte mit Terpentinumschlägen an ihm herum; aber am Morgen,

als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.

Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da

konstatierte er, daß der Junge eine Brustfellentzündung auf der rechten

Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er

selber verordnete Diät und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte,

wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, solle man ihn rufen lassen.

In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er aß und

hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!

So gering auch die Gefahr gewesen war -- Tuft und Josefine hatten beide

das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf

ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allmählich einander wieder zu und

suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen --freilich nur über den

Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte

um Verzeihung.

Der Husten und der Schmerz in der Seite ließen nach; das Befinden des

Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht

kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die

Kräfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang

Spaß machten und ihn am nächsten schon langweilten. Die Märchen, die

Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erzählten, hörte er an, ohne

dazwischenzufragen; den Besuch der Großmutter beachtete er gar nicht.

Einmal war er plötzlich ganz heiß, dann fror er wieder. Am meisten

beunruhigte es Kent, daß gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing

an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich

nicht vom Bett und wollte von Ablösung nichts wissen; der Junge duldete

auch nicht, daß andere ihm nahe kamen.

Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen

hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon,

Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die

ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu schämen und zog sie

gleich wieder zurück.

Doktor Kent hatte ihnen erzählt, Frau Kallem sei schwer krank und

verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite hörten

sie später, es sei Schwindsucht; sie fragten -- jeder für sich -- Doktor

Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.

Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber zu Kent äußerte er,

es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er

jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen.

Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, daß sie sich

völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er dann und wann ein paar

Worte von ihr zu hören bekam.

Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und

nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn

plötzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde

seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war -- auf dem Sofa seines

Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die

Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen

großen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene

Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden

Buchstaben, -- und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht

kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es

möbliert war, und hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen,

die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß es genau so war,

wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck

auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein

Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah,

desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß

es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod

sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte,

sah, wie er die Hände zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt

bloß noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den

buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. In kaltem Schweiß

gebadet, wachte sie auf, so matt, daß sie kein Glied rühren konnte.

Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den

Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag

der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter.

Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine

Hände -- das waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, nicht mehr

lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, bloß um ihn wieder

zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da

war er! Aber ... Gott im Himmel! -- Wenn sie ihn hergeben mußte? Und in

diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit

ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal

Ragnis. In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die beiden so

unauflöslich ineinander, daß sie beide für sie eins wurden.

Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie

versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum

Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie;

sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf

der kranken Seite liegen zu können; sonst schmerzte es ihn so, daß er

laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam

ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine

einzige Antwort bestand in herzzerreißenden Bitten, sie möge ihn doch

ruhig liegen lassen. Sie wußte nicht mehr, was richtig war und was

falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die

Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerklärliche Einfälle,

durch die sie sich gänzlich überflüssig oder sogar lästig vorkommen

mußte. Ob das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen mußte,

daß sie im Grund _ganz_ überflüssig war?

Auf Gottes Wegen · 第 21 / 25 段