Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis

unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte

im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine

stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße

Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von

Sigrids Braten -- Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte

sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit

auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." --"So?" -- "Ja,

Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum

Essen." -- "Wie geht's denn Karl?" -- "Nicht gut. Da kommt ja Herr

Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf;

jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als

Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit

Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu

verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und

seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein

Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni

habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht

gut." -- "Was ist es denn?" --"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen,"

erwiderte Meek. -- "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" --

"Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der

Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann

konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf,

sie zu untersuchen.

Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich.

"Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine

Frau?" -- Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm

schreiben soll?" -- "Na ja, das auch. Es hat natürlich -- wie schon oft

-- eine kleine Reiberei gegeben?" -- "Ja", antwortete Meek und schwieg

dann wieder. --"Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein

Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden.

"Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön

von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine

gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in

Kallems Augen. -- "Gefährlich, sagen Sie?" -- "Ja. Ich muß ihn nach

Hause kommen lassen." -- Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr

fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." --"Aber, mein Gott,

was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" --

Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek

sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer

Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine

heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die

nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was?

Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur

Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte

untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde

immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" --

"Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" --"In

der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre

Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr

furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt

werd' ich --" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren

Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben _Sie_ ...?"

-- "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." -- "_War er_ --?" fragte Kallem

atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff

sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder

zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?"

-- "Wie Sie wünschen." -- Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß

sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans

Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die

Magerkeit, die Farbe --! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch.

Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl.

Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr

von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist

er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr

wurde kalt und heiß. -- "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht

mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es --! Sie erschrak aufs

heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht.

Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden;

und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.

Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte,

merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen

war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und

vermehrten seinen eigenen Schmerz -- ahnte sie es selbst? Oder war es

ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ?

Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite -- da ...

Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das

Schlimmste -- und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als

sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine

Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das

andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.

"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie

schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf

Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es.

"Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder

blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um

Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort.

-- "Ja." -- "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, -- fast als ob

Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt

Kallem an. -- "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" -- "Ja." --

"Ist das wahr?" rief Kallem. -- "Ja, heute", sagte sie hastig, mit

zitternder Stimme. -- "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" -- "Ja.

Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen

Worten brachen die Tränen hervor.

Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, --haben Sie dann Schmerzen

hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie

jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn

nie angesehen?" -- "Doch, gestern Abend." -- "Nun, und -- ?" Sie schwieg

und starrte zu Boden. -- "War Blut darin?" -- Sie nickte; die Tränen

liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.

Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni

ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das

sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie

hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas

einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder.

Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt

aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig

werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer

saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek

um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und

verschwand. Auch sie kam nicht wieder.

Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den

Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen,

und bat, die Herrschaften zu grüßen.

Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des

Arbeitszimmers, -- keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich.

Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise

meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen.

Keines antwortete; keines blickte auf.

Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach

Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und

mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als

müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts

sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. --

Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll

Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte

allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch

verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie

sich daran, schrieb, strich aus, -- nach langer Arbeit wurde das Ganze

nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu

erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz

erstaunt.

Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am

längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im

voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu

dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom

Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er

doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf

und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob

er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der

ersten Stunde ihrer Begegnung an -- all die kleinen Züge, die

unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso

wie ihre schweigende, poetische Liebe -- alles durchlebte er noch einmal

mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb,

gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht,

Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick -- alle sahen sie ihn an wie

Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all

seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben

auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen,

was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen

hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er

geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten

ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in

der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es

ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die

Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die

erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste

ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...

Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er

im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran,

seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte

wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm

verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte?

Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.

Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und

als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus -- wie

mager die geworden war! -- und richtete die großen Augen mit einem

matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen

hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht

einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr

Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen.

"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht

eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber

auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife -- einfach, weil

ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter,

irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht

mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich

keine Ruhe."

"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem

Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle

für Dich. Die sollst Du lesen, wenn --" sie unterbrach sich selbst.

"Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. --"Also jetzt

soll ich es nicht erfahren:" -- "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich

kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er

half ihr. --"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es

verheimlicht," -- ihre Augen füllten sich mit Tränen, -- "Du, mein ..."

Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen

mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der

Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen

oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun --?" fragte er;

"willst Du es mir nicht sagen?" -- "Doch! Das, was zu oberst liegt, von

Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." -- "Steht es

denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der

steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand

los.

Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir

kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.

Sein Entsetzen! Und seine Empörung, -- und seine Ohnmacht! Und davon

hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender

auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte

Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten

und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er

einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie

des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel

ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas

gestorben wäre.

Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie

er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war

dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen

müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe!

So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für

Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft!

Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt!

Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend,

als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif

und fest glaubte -- was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles

zu? -- hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die

nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten,

niemand erhob Einspruch, niemand kam!

Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so

uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur

mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt,

hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als

sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese

Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden

Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal;

Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die

Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen

anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten?

Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe

werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher!

Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte!

Und _seinen_ Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem

furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und

schrie laut auf.

Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen

gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen

bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen

Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben

... obgleich -- wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.

Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein

Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der

Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so

matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte.

Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das.

Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre

Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich

aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum

Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.

Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek

mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen,

schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß

jetzt alles."

Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam,

wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief;

und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen.

Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken

erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund

zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten.

Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht

kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie

eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu

ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie

Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten

an das, was sie nun beide wußten -- an die Ursache, weshalb sie jetzt so

dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.

Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein

Vorwand fand sich ja immer.

Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er

hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die

notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden

möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr

sitzen zu können.

Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun

lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten -- wie grausam

fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn

nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste

kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese

Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er

auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber

selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die

Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde -- Pastor Tufts Leibgarde.

Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen

getroffen. Und trotzdem -- ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so

liebevoll-grausam -- lauter makellose Mörder!

Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst

mir Rede stehen!" Alle -- und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige

Mitschuldige. Eine war da -- die stand abseiten -- Josefine. Josefine

hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber

glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie

eingenommen war, --ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern

bei ihrem häßlichen Glauben beharren -- oder schürte ihn noch gar. Wie

sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher

nicht der Urheber war --das wiederholte er sich wieder und wieder; sie

hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie

zu vornehm, -- aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen

Mord! Er war überzeugt -- so wenig sie selbst Christin war -- die

christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch

die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, -- sich beleidigt

gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, _ihren_ Glauben zu

verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so

sicher und so wohlmeinend tötete.

Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten

Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit";

und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei

Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei

ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt,

streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge,

rückte ihr die Kissen zurecht -- bis er gehen mußte; denn sonst wäre er

niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.

Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit

verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr

hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm

gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und

Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um

nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete,

desto mehr Menschen kamen -- alle still und voll Teilnahme. Sigrid

selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer

gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch -- z. B. wenn Frau Oberst

Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe

großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel

daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und

so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem

von schwerer Krankheit geheilt hatte -- dieselbe, die Kristen Larssen

hatte spuken sehen -- und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen

einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau

hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber

was tat's?

Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.

Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes

vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider

dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am

Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um,

ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und

hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt,

sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu

sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie

sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht

los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen

Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine

Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem

nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum

Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen,

blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube.

Dort blieb er lange -- allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu

Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um;

Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle.

Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht

zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der

andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint.

Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er

erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er

sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen;

umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war

immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er

überhaupt da sei.

Auf Gottes Wegen · 第 20 / 25 段