draußen, rings um die Gehöfte! Am fernsten von den Häusern Nadelwald;
bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte Laubholz
sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus
dem Dunkel leuchteten; noch näher Eberesche und Faulbaum, blutrot;
dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen. Hohe
Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben,
ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich
blaugrauem Rauch.
Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht
wußten, ob vorwärts oder rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin.
Wenn Kallem es erführe -- was dann? Und wenn er es nicht erführe?
Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland
durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte
Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. Aber dort -- weit hinter den
Häusern -- mißvergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht
beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu
viele solcher gab es hier zu Lande.
Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese
frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier
draußen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, daß
er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen
und die Kinder sehen!
Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden,
was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein
kurzer Brief an Karl Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle;
sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die
paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle
abreisen und von unterwegs telegraphieren.
Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe sie überhaupt weiter
nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr
auf. Als Kallem etwas später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf
und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm selber, sie _müsse_
die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, daß die
Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern
umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er;
"später wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, daß es gerade
heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte
er sie zur Bahn.
Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das
Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht
wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene
Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr
selber. Nur mit ihm! -- Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke
Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und
dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig beobachteten! Am
liebsten wäre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkältet
gewesen wäre. --Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher.
Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; die waren noch
gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr
Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte
sie, daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prächtigen
Menschen in und außerhalb der Schule machte ihr Freude; "hätten wir doch
etwas Ähnliches!" seufzte sie.
Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen
Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer
Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch
noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht
ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.
So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem
kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich,
unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu
kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr
Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein
frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und
ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett.
Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm
gekommen. -- Nein, sie habe auch keinen erhalten. -- Ob sie denn nicht
geschrieben habe? -- Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die
ihr nicht gefiele. -- Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den
beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie
ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.
Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte
nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien
vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor;
das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen
dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus --in die frische Luft. Aber sie
weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu
gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser
Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing
zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende
gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie
machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber
daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach
und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.
So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte,
glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte
es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht
zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie
gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher
Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie;
aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand
gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" -- "Ja." -- "Wo?" -- "Hier!"
--Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. -- "Hast Du Stiche da,
wenn Du hustest?" -- "Ja." -- Im selben Augenblick hatte sie einen
heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach,
klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen
untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem
Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten
in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht
nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. -- Das möge sie doch in
Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett
hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr
unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine
Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich -- nach
ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt
hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie
sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen
Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl;
nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust
hatte zu spielen.
Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie --
mit Kallem -- wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus
zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer
Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen
matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit
Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte
ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen,
wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren
sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger
gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier
öffnete. -- --
Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich --allein -- beides äußerst
ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach
in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen
ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie
mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt
spiele er Geige in seinem alten Haus. -- Ob denn niemand drin wohne? --
Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten
es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. -- Ach
was -- da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den
Schlüssel habe? --Der Neffe seiner Frau. -- "Wer ist das?" -- "Aune!"
--"Na, siehst Du wohl!" -- "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit
durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" -- Ein
Mädchen, die ein krankes Kind hatte -- Kallem kannte sie, er war ihr
Arzt --hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang
schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat
keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das
erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in
ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe
geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen
großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte
sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch
verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor,
gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die
Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"
"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten
Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir
Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer
Frau -- alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine
Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes?
-- "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir
gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf
die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, -- wenn Sie sie nicht
gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"
Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.
Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an;
bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich
auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er
allein gehaust mit seiner Mutter -- Frau und Sohn waren erst kürzlich
wiedergekommen -- und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen
an Strenge, -- in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft,
das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige
wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele
nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene
Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht
wiederholten.
Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon
längst gehabt hatte -- nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte
gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu
entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch
Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau
war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn
eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor -- zunächst wegen des
Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu
bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene
gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit:
wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau
sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in
der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.
Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor
Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man
wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene
gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein
abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wußte,
daß nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder,
wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte der kleine
Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt hätten
auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des
Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die Mutter ihm
kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der Ärzte aus der Stadt
wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der
umgehe.
Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr
Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" -- "Nun, daß _Du_ dem
Jungen das sagst; Du hast doch gehört, daß er sich gleich dahinter
verschanzte, _ich_ glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht
überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und
antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand
sie im Studierzimmer.
"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem
Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl,
daß sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem
Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es
nicht wahr ist?" -- "Nein. Aber Du könntest es mir überlassen, es zu
berichtigen!" -- "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?"
--"Was soll das heißen?" -- "Das soll heißen, daß Du dem Jungen
fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber unmöglich glauben
kannst." -- "Was für Dinge?" --Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam
es zu einer Abrechnung. -- "Ich habe in der letzten Zeit oft daran
gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal
geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, daß die Welt vor etwa
sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die
Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien
als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde
und Menschen können nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein.
Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." --
Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen,
die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr näherte,
schaute er sie mit einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein
schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in
welchem Geist hier verhandelt werden mußte, blieb er stehen und sagte
ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" -- "Nein", erwiderte
sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"
"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich die ewige Wahrheit,
daß Gott alles und alle geschaffen hat, und daß die Sünde ein Abfall von
ihm ist." --"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?"
-- "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." -- "Dann sage
ihnen, daß es nur Märchen sind." -- "Darauf kommt es nicht an." --
"Gewiß kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten nicht in
unwahren Bildern lernen, meine ich!" -- Er sah, wie leidenschaftlich sie
die Sache nahm, und warnte sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber
reden können. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt
wissen -- es geht um die Zukunft unseres Kindes --und um Deine und
meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm näher zu kommen,
vielleicht auch, um sich zu stützen.
Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so durchdrungen von
jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, -- kämpftest Du
nur um sie, so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das,
was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja auch nichts Sicheres;
wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich
zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit
gewesen ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott
sind wir glücklich -- im übrigen laß Kinder und Erwachsene die ersten
Vorgänge auffassen nach der Väter Weise -- bis auf weiteres." Die
ehrliche Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten
ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach plötzlich
etwas anderes hervor. "Weißt Du, daß -- ohne die grenzenlose
Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich
anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" -- "Ja," sagte er kalt, "wie
ich höre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben
für das Unglück Deines Lebens zu halten!" -- "Das hab' ich nie gesagt!"
fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger
fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus hab'
ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" --
"Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief.
-- "Gut! Wenn Du mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich
mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen Märchen zu erzählen,
die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen
können; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft,
Ole!"
Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte brauchte; sie hatten
lange und schwere Kämpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart
gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht
verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfällen
gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit
schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick,
hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte
schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in ihr etwas
zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz -- von solchem Zorn,
solchem Willen getragen --! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge;
und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm
kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche
Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" -- "Bei
Dir?" -- Sie wurde aschfahl. "Hast _Du_ ein größeres Anrecht an ihn als
ich? Bist _Du_ seine Mutter?" -- "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz
machen den Vater zum Eigentümer des Kindes."
Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür,
wie zwischen den Stäben eines Käfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging
hörbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch
furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, daß er zu so
etwas imstande sei. -- "Schämst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen
behalten?" -- "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst
unsern Jungen nicht verderben." -- "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel!
Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! Von Kindheit an hast Du Macht über
mich gewonnen -- _dadurch_! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch
Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne daß ich es merkte, weil Du gut
warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht -- ja,
das hast Du! -- denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn
und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist;
ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht
auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht --
solange noch ein Funken Leben in mir ist -- trotz Gesetz und Bibel!
Jetzt weißt Du's --und Du wirst es sehen!"
Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie
möge ihm einmal so gegenüberstehen, sie hätte es sich erspart, mit
solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen
Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege
geleitet -- das weiß ich längst. Ich hab' es getan durch den Glauben,
der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du
wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. -- "Nun, also dann weißt Du
es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weißt Du es!
Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber
auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei
Sünde, daß ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf
mir, daß ich nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, das
mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war
verpfuscht!" -- "Und was hätte denn aus Dir werden sollen, wie?" -- "Oh
-- wenn Du gleich das Tollste wissen willst -- Kunstreiterin!"
antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er
traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte
höhnisch. "Wahrlich -- ein großer Verlust für die Welt und für Dich, daß
Du das nicht geworden bist, Josefine!" -- "Das wußt' ich, daß Du so
denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen Zirkus zu
leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen
verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du -- das ist mehr, als die
meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für
Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was hab' ich erreicht? Daß ich nahe
daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist
aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch
Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" -- "Nein,
Josefine -- wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"--Wenn er sie
geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte nicht rasender sein können;
erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde -- sie wußte ja kaum, daß
man wagen konnte, es zu denken -- und dann, weil der Mann es aussprach,
der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem
Schuld daran trug, daß die Geschwister entzweit waren. "Allerdings -- _er_
hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu
verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich von Dir, so etwas zu sagen." --
"So? Glaubst Du, ich wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich
verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und dadurch die
Freudigkeit für meinen Beruf, und daß mir nun auch noch die Gefahr
droht, mein Kind zu verlieren?"
Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der
Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie
hätte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren
Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im
Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und währenddessen
gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte
klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er
vorhin gesagt hatte, war schändlich.
"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung.
Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst
Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit
den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst
sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch
ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen
noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen
sind," -- und jetzt wandte sie sich um -- "so ist es aus mit uns beiden,
Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir
wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie
und nimmer nach, Ole!" Sie ging.
* * * * *
Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum
Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager.