In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war

so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen

konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni

wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen

Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen

blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich

zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das

etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und

ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht

ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan,

das Tiefste fühlte, was er _je_ gefühlt hatte.

Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie

Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob

Kallem es nun erfahren hatte?

* * * * *

Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen

unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie

machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen

solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht

voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas

zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem

soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches

Verständnis für alles gehabt, was sie anging.

Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich

beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn

einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle

Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung

des Krankenhauses in aller Munde.

Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus,

ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade

weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den

sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er

nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne

daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.

Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts

dafür tun?

Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß

_er_ den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu

sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu

sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die

Angst vor der Untersuchung -- vor der Operation? Er sah sie selten, ohne

daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er

entbehrt das Kind. --

Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin -- von Karl

Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst

eingestehen mochten.

Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine

Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der

ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes,

Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?"

Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen

Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade

das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in

Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht

während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.

Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl

gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin,

schrieb -- humoristisch -- weil sie so am besten damit fertig wurde, und

erhielt Antwort -- erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze

Tagebücher.

An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse

zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen

langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom

Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem

Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen

weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte

der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das

nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.

Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie

mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese

nordländische Einförmigkeit -- das war Sören Kule! Seine blinden Augen

waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die

Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.

Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen!

Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt

hatte?

Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort

an -- und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um

sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an

seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.

Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt,

die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat

Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei

der Arbeit gewesen!

Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht

gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.

Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm

reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis

willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.

Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park

neben dem Krankenhaus!

Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe

sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine

Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus

stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein

kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur

hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein;

da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so

unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür

aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit

der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und

wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich -- der Herr Kallem?" sagte

sie singend. "Ja." -- "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen."

Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon

längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" --"Gestern." -- "Von

Kristiania?" -- "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und

das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür;

er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen,

die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der

Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und

machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander

gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin

guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes

Geheimnis. "Ist das _Dein_ Mann?" -- "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah

wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige

setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er

blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald

vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in

Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft.

Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen,

habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules

Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens"

im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt

nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei

uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau?

Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt,

wa--as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür,

der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm

vorbei zu Kule hinein.

Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den

Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur

daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und

kein Kinderspielzeug.

Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen

auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand

unbenutzt daneben.

Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine

Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten

an, daß die Wogen in ihm hoch gingen.

Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die

Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß

sie Nachbarn seien. -- Doch, das wisse er. -- "Das hätte ich nicht

gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was

er damit meine. Kule schwieg.

"-- Sie werden hier wohnen bleiben?"

"Ja."

Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er

fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin

zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich

nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.

Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die

Gnä--di--ge!"

Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber

diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also -- fortan war er ihr

Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen,

wie andere auch.

Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus

zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht -- in keiner Form. Er mußte

erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.

Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet,

als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht -- ja,

sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel,

und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.

Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war,

nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja

nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, _die_ konnte sie nicht ertragen,

die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen

Larssens Grab gesagt hatte.

Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie

hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich -- aber der gute Ruf! "Wenn

sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer

Pause fuhr sie fort: "Das ist -- die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie

es sonst so leicht tat.

"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.

Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es

einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt

hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich

glücklich macht? Nein, Edvard!" -- "Aber wenn Du unglücklich bist, kann

ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran

denkst Du?" -- "Ich glaube doch, daß Du's kannst." -- "Was?" -- "Ohne

mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen

aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie

ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" -- "Aber

Ragni!" -- "Ja, als Dein guter Kamerad -- der beste, den Du auf Erden

hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" --

Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des

Schweigens auf den Mund drücken.

10

Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen

hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in

dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen.

Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man

könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr

das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war

nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten

zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte

sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben.

Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort

schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb -- aus

ihrer Stimmung heraus -- Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat,

Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug -- sei _Todeskälte_.

Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen

seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine

empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei

sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie

den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom

stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand

entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.

Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte

und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung

mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal

in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie

es nicht; aber es aufschreiben --ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie

eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.

Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem

nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter

Spannung -- einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine

Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch

ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.

Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit

etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie.

Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise

mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und

Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte

sich -- nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil

ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges

Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für

oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen

an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen

durch den Glauben gestärkt hatte -- eine Tatsache, die niemand

bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.

Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide

waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der

Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.

Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ

anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt

bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den

Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle

und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern

abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke.

Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil,

und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte,

wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes

Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das

erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.

Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah,

welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der

Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen

Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern,

ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn.

Einem solchen Mann etwas sein zu können -- das war "Wärme" genug!

Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni

spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte

sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben

hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als

höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der

Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen,

und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer

Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da

sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr

Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut --

beileibe nicht -- aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.

Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die

Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen

mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr

Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen

Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster

einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es

wieder auf; wer weiß -- vielleicht kamen noch schöne Tage!

Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und

aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen

gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in

Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag;

und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte

daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl

hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte

deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war

gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von

Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so

nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer

setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das

Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht

interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den

letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "_Bitte

allein lesen_!"

Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit'

erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es

sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns

gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen

Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es -- kurz vor

unserer Trennung --erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich,

es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen

könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch _Sie_ haben es

erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.

Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um

Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem

nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich -- ich bin so

unglücklich -- ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! -- Aber

ihm wollen wir es ersparen!

Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan

immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe,

Liebste!

Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie

unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt

einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser

Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide

sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, -- Gott ist mein Zeuge!

-- lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer

sind Sie um mich -- vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner

Nächte!

Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es -- unter Tränen. Ich liebe

Sie -- ich liebe Sie -- ich liebe Sie!

Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere,

das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es

für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie

es lesen! Sie sind so gut -- Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich

vor Ihnen habe -- -- --"

Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer

gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber

beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte

den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. -- "Zu Bett?

Fehlt ihr etwas?" -- "Ich glaube, sie war nur müde."

Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er

einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!"

sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von

meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht,

bitte! Es ist so schön so!" -- Was für ein frischer, gesunder Duft von

ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er

antwortete: "Von Deiner Schwester?" -- "Ja, sie fühlt sich unglücklich

da oben." -- "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" -- "Ich wollte

Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" -- Sie weinte. -- "Aber

Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich

das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten

allein sein miteinander." --"Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber

wenn nun eins von uns krank wird?" -- "Dummes Zeug! Wir werden nicht

krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß

mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter

nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe

jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe.

Karl hat geschrieben?" -- "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch."

-- "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu

tun. Gutnacht, Kleines!" -- Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um

seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du

herrlicher Mensch!"

Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im

Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß.

Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein

Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches -- nie wieder

würde sie es los werden -- und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte,

die Kälte -- jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff

sie -- zu Eis erstarrend -- weshalb der "Walfisch" gekommen war und

sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus

wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.

"Gott, ach Gott -- wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn

getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern

durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da

lag sie -- im Dunkeln -- damit keiner sie sah --damit sie nachdenken

konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen.

Sollte sie ihn Kallem zeigen?

Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über

all ihren traurigen Erwägungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das

Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief

--unschuldig -- mit offenem Mund.

Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher,

auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstört, gleich ratlos. Es

hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb

wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter Nebel, so dicht, daß

er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich -- ein Land, das an

die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das

seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald -- wie das

äußerste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht

gehen, ohne daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom Weg aus

sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, daß man sie sah; vielleicht

nie wieder.

Auf Gottes Wegen · 第 18 / 25 段