bitterem Haß auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht
hatte, allmählich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer
Andersens Tod -- je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer trat
der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit.
Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugeständnisse, die er
_ihr_ gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. Schlimmer
konnt' es sich gar nicht treffen.
Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie
lebte in ständigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen
Fuß über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, außer
zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das
ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre
Freundinnen waren ihr ein Ärgernis, -- des Pastors ständiges Werben um
sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag
hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und gehört,
wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen
hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wievielerlei Sorten.
"Großmutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er
ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn
Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"
Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte --hinter den
christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, -- das
machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen,
wie es ihr paßte -- mochte er dasselbe tun.
Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er
um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit
demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß sie ihn
dazu verlockt hätte -- im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte
-- sie hatte immer rasch alles genug -- starke Strömungen gingen in ihr
-- dann erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, wie die
Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.
Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes
gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versäumt hatte.
Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!
Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, daß er mit seiner
Frau darüber hätte sprechen können --da war _sie_ stumm -- in ihrem
eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich
sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere --sich
rächen nannte sie's immer --, aber bald auch darüber, daß ihr Bruder ihr
eigenes unklares Verhältnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt
hatte, wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten
Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung in Glaubenssachen
verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig
abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und
Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte
es nicht länger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.
Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmäßig die
Großmutter, nach ihr die Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur
Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus,
wenn Gäste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schluß ein
Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit
waren diese Gebete lang und inbrünstig -- und Josefine blieb weg.
Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel -- die
öffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends
statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die
Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf -- zu Bett;
da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber
heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer
gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab,
und ließ die große Lampe brennen. Aber als er draußen an die Türklinke
faßte, sagte sie: "Du darfst nicht herein." -- "Doch!" -- "Nicht, solang
ich beim Auskleiden bin!" -- "Ich werde warten." --Er ging wieder
hinunter, und sie machte sich langsam fertig.
Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts,
durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem
Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine
Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hörte sie ihn jetzt
kommen -- zum zweitenmal -- mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett.
Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten
standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge schlief auf der
andern Seite, nach der Garderobe zu.
Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete einfach die Tür.
Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid, das schwarze Haar in einem
Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem
Sprung, sich aufzurichten.
Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm
ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. --
"Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche
Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. -- Und wir dürfen die
Abrechnung nicht länger hinausschieben!" -- Er sah sie an -- voll
Schmerz. Sie sah ihn an -- stumm. -- "Du weißt, was es ist. Ich lebe
hier, bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der Gemeinde
allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wächst sich der
Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem
wurde ich gewogen -- und zu leicht befunden!" -- Er barg sein Antlitz in
den Händen und saß lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste
Josefine!" Und er blickte auf. -- "Hilf mir! Ich muß alles anders machen
um mich her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" --"Wieso?" --
"Ach -- ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen
beide zugrund -- an unserem Eigenwillen!" -- "Alle die -- die Versuche,
die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem
Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du,
wie's Dir paßt! Und unser Haushalt -- nun ja, der ist einfach nicht
anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen ihn erfordert;
behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich
ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise -- bitte! Sag'
es nur!" -- "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem
Umzug im Haus oder einem veränderten Küchenzettel!" -- "Immer dieselben
allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" --
"Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfaßt!" -- Sie wurde blaß.
-- "Soviel ich weiß", sagte sie hart, "paßte es _mir_ nicht, so
fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" -- "Das
lässest Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich nicht, daß
die erste Krise von meiner allzu heißen fleischlichen Begierde und von
Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich
dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal von Grund aus zu
reformieren --" -- "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn.
"Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber
an, Ole!" -- Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht,
was Gott von uns will! Ich bleibe dabei -- es ist etwas Ungeistliches an
Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du
Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht
nach dem Unendlichen -- sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen,
Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! --
Du antwortest nicht? Möchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt --
zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide -- auch um Deinetwillen!"
Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle
Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. -- "Ich meine, wir
sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann
wird Gott uns weiterhelfen." -- "Leeres Geschwätz versteh' ich nicht!"
erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" -- "Wir sollen
im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." --"
Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine
Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe
auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von
besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen
sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der
Gesellschaft und verteilte die Arbeit). -- "Ja," antwortete ihr Mann
zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin
besteht es nicht -- selbst als große Dame zu leben und dann und wann
einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein --man muß mitten unter
ihnen und ganz für sie leben!" -- "Sollen wir das Haus verkaufen? In die
Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" -- "Wenn Gott uns dazu treibt --
ja! Aber es muß in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat
es keinen Wert." -- Sie antwortete mit keiner Silbe.
"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes
Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die
ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe
nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das
würde keinem nützen, und mir würde es schaden." -- "Sag' das nicht! Wenn
wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür
leben, andern Gutes zu tun?" --"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch
verletzt --einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den Armen zu
helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." -- "Wenn
Du an Jesus _glaubtest_, so würdest Du den Grund erfassen." -- "Ich habe
nie gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." -- "Ach, Josefine, das ist
kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen
schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der
jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte
sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. "Wie herrlich könnten wir
miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest -- bei den
Gaben, die Du hast -- und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie
zärtlich umfassen. -- "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.
Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder
zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem
Aufruhr. "Ich weiß nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter
diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. --"Gut! Tu, was Du
willst!"
Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der
Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte sich herum, als beunruhige ihn
etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen
Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es
war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die
Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch
der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging.
"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns
beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"
Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am
Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte
ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne
Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.
* * * * *
Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit
erfahren hatte, erschoß er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren
Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus
vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen
seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau
selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.
Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu
seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber
auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden,
keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie
gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und während der Zeit war er aus dem
Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte
er die Tat vollbracht.
Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und eine Ecke an der
nördlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Männer stramm, um ein
Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in
die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes
sahen. Zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, ohne
Glockenläuten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen
hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune
auf; er war betrunken und machte sich fortwährend bemerkbar; dabei war
er so dünn gekleidet, daß man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur
ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten;
aber vergebens. Von Sörens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die
Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen
mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von
oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände
staken in nordländischen Handschuhen, -- einem Paar von jenen
Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen -- und die Füße
in Pelzschlurren. Sören Pedersen war in die Breite gegangen; der
Überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein
Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten
Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem
bis an die Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf
ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt,
ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzählte, er habe ihr
geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus
abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn
hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei
Verwandten -- ein paar Meilen von hier --bleiben; später wollte sie dann
weiter nach ihrem Heimatort. Außer diesen vieren waren nur noch zwei
Männer da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein
Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne
Unterlaß Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war
verwachsen und triefäugig.
Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl
Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle
warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der
jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die
andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte
sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als
nichts geschah, sagte er:
"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht;
ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders
gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen
müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem
freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern
ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen;
das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies
gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem
ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von
ihm weiß.
Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn
wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte,
die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.
Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen.
Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders
alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und
damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt -- alle die
schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"
Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere
sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an
das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine
danken! Und -- und -- vergib uns unsre Schuld! Und -- und -- leb' wohl!"
Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am
Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du
betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen
Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer
nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das
Vaterunser.
Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als
wolle er in Stücke gehen.
Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen,
in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und
ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems
Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in
grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen
konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso
nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem
Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei,
der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni
aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut
weinen mögen.
9
Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder Mieter fand sich. Das
Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine
Freunde gewesen waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere Kundschaft auf
dem Land als in der Stadt gehabt, es wäre ihm schlecht ergangen. Ragni
merkte nicht, daß man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch
mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten
vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur
Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.
Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts
davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen,
wenn er sie zum Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog,
oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während sie, jeder auf
einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen
Kjaelke[8] fuhren oder, -- war Besuch da -- vierhändig spielten: immer
hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen war, oder
ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten
beobachtet, die nur möglich waren zwischen Menschen, die an noch größere
gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem
-- was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.
Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland
verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in
sinnlichen Dingen.
Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni Kule seinerzeit
"Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag
ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn
sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwärtigen Sören
aushalten!"
Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen
brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie
keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von
denen, über die es herging, etwas davon hörte?
Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das
eine läßt sich nur damit erklären, daß sie fast keinen Umgang hatten,
das andere damit, daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht
darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher
Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum
Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh
sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wußte, daß er
selbst den ganzen Tag auswärts war und die beiden den ganzen Tag in Haus
und Garten zusammen steckten.
Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger
Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mußte. Ragni
hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein
unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches
Wesen nahm mit der Körperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie
dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie
liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm
einmal schlimm ergehen; er führe viel zu große Segel.
Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er
sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in
den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um
sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt hatte, unter
Ragnis Augen zu denken und zu leben, -- im Kampf mit ihr, im Gehorsam
gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch
darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten
machen.
Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war,
dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in
Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der
Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand
nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung
für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber
-- offen gesagt -- hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen
es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft
ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht,
Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren;
allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei
und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die
Leute sich -- bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit -- allerhand
dächten. -- --
Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren
war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten
daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als
er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich
war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig,
daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch
Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung
miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem
letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos
geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so
war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt
sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht.
Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß
sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde,
wahrscheinlich in Versen -- er habe selbst seinerzeit mehrere
verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich
nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer
schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.
Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte,
nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von
ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist
schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an,
seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen
sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit
selbst.