zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe -- mit ihrem Punschgeruch
und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen
gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher
Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber -- er im
Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie
hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich
nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer,
blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der
zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit
einer Frau von mindestens vierzig Jahren, -- zweifellos seine eigene
Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige
Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das
Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das
unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den
rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts -- trat er auf den linken
Fuß, beugte er sich nach links -- immer ganz gewissenhaft im Takt, und
dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte
nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil -- sie amüsierte
sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt
hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann
vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit
frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz
verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen
Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und
zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein
Turm vorbei -- ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen,
schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu
rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm
einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen
übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie
Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen.
Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht
hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle,
wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson
selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu
tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.
Aber -- Donnerwetter -- da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen
aus einem Nebenzimmer -- ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und
eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste
Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe -- das üppige Haar,
in den gewohnten Knoten gebunden -- die wilden Augen -- ja, wild waren
sie! --und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte!
Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers!
Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte
sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob
alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald
linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen
Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten,
und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten
zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer
war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der
vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen
Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es
auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen -- und zwar
mit ihr -- und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem
glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an -- sah sie so an, daß er
wußte, sie _mußte_ dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als
ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still.
"Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder
an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing.
"Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem
gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" -- "Ich habe zu
danken -- für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber
ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine --" er zog seine
Handschuhe an -- "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem
Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte
er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre
dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich
inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein
Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie,
um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er
und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich
aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß
er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich
und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich
nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so
ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und
genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu
sahen sie einander an, immer gleichzeitig -- er sehr rot, sie sehr
bleich.
Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen
fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht
miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher
Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in
Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie
aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht -- sie waren glücklich.
Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht
voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten
zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der
Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten,
eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten
sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren
kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu
Pferde!
Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite
Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an
den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte;
und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder
das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters
dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre
Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit -- wie an jenem letzten
Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht
auf Erden.
Da hörte die Musik auf.
Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte
-- voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den
Kavallerieleutnant -- sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band,
er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.
Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände
tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.
Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er
mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich
lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken -- wenn
ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie
es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das
Christentum war es kaum -- was aber war es? Sie tat alles, was sie
wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als
die meisten.
Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond
nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt,
mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!
Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame
Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen --
Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum
mit den äußersten Zehenspitzen berührte; -- sie wirbelte mit den kleinen
Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem
schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit
nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" --
und damit schlief er ein.
Und am andern Tag -- er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und
war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen -- denn da pflegte Ragni
ihm vorzuspielen -- da öffnete sich die Tür und -- er traute seinen
eigenen Augen kaum -- ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte
Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig
und zärtlich -- und hob sie in die Höhe.
"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich
beisammensaßen -- "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann
-- ich hatte Sehnsucht." -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Und Du --
na, warte nur -- auf dem Ball bist Du gewesen!" -- "Du hast eine schiefe
Nase!" -- "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du -- Karl ist
gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" -- "Karl?" -- "Gegen
mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett -- man kann sich gar nicht
vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders
-- heftig -- furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." -- "O, das
kann ich mir ganz gut denken." -- "Und weißt auch Du, warum ich
abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja
immer um uns." --"Du lieber Gott -- hast Du _den_ nun _auch_ schon wieder
satt?" -- "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen
-- -- -- das wird --" -- "Langweilig?" -- "Na ja, meinetwegen langweilig;
aber es ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht'
ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" --
"Nun, und --?" -- "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin!
Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" -- "Aber
ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die -- --" -- "Nein, nein! Auch
keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.
"Aber liebste, süßeste Ragni --!" -- "Ach Gott, ich weiß ja, es ist
schrecklich egoistisch; aber ich _kann_ ganz einfach nicht! Ich bin für so
was nicht geschaffen!"
Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die
Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom
Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins
Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie
sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben
untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte;
sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der
Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten
von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und
Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden,
zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.
8
Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich
über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte
herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und
sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören
Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem
lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im
Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier
hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören
Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei.
Kristen Larssen? -- Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt
das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte
sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum
Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase
hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine
Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die
ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte
Sören die Nichte: "Aases Aase".
Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern
hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen
Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und
strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht
ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube.
Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch
hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den
Weihnachtstagen?" -- "Hm ... Sülze haben wir gehabt." -- "Haben Sie
schon früher solche Anfälle gehabt?" -- "O ja ... ab und zu." -- "Aber
nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. -- "Haben Sie
Schmerzen jetzt?" -- "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." -- "Unter der
Brust und im Magen?" --"Ja." -- "Und die Schmerzen kommen häufig
wieder?" -- "O ja." -- "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der
Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der
Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen
wußte schon lange davon. -- "Ist sie gewachsen?" -- "O ja." --"Jeden Tag
mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer.
Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen
der Frau folgten ihm -- ihre Stricknadeln gingen immer langsamer -- es
war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige
Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen -- er merkte es.
Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm -- forschend. Kallem hieß
sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen -- Tag und Nacht --
wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer,
und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein
Tun mit mißbilligenden Blicken; _sein_ Holz war es freilich nicht! Um Zeit
und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen.
Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah
er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was
ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der
von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das
erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so
behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache
dabei deutlich zum Vorschein kam.
Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch -- alles lag
wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten -- Gewehre,
Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge.
Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das
einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während
Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte
er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden
Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.
Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen
Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener
Magenkrebs.
Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender
Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das
Gesicht blieb ganz leer -- mit offenen Türen und Fenstern -- zurück.
"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn
besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte
sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar.
Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler
Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt
kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter
Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein
Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen
Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte,
-- nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte -- wurde
die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen
den Fingern seine Erfindung -- ein bißchen matt, nach einem
fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah
abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen
näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das
war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.
Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere
Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht,
ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme.
Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er
habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor
gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht
gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine
aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und
die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte
sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden -- und
entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er
nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das
verschiedentlich Ärgernis.
Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor
vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere
kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen
Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn
unablässig stächen -- und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so,
daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen
mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer
suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in
bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem
Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und
antwortete grob.
Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er
ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der
Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob
die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum
weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster
verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und
kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne
noch zwei bis drei Monate dauern --die Schmerzen würden sich immer
häufiger einstellen --wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich
heftig. Die Frau hörte es mit an.
Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße -- in
einiger Entfernung -- ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand.
Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine
Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster
hereingesehen?" -- "Ich --," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter
der Kapuze -- "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster
sieht!" --"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster
gesehen. Und Du weißt, wer es war?" -- "Ja. Aber ich bin gekommen, um
mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." --
"Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung
war.
"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich,
wenn Larssen in die Hölle komme?" -- "Ich glaube überhaupt an keine
Hölle!" -- "Und das hast Du ausgesprochen?" -- "Ich weiß nicht. Ich
glaube nicht." -- "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht
als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen
verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir
nur sagen." -- Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja,
natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso
verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch
bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also
sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" --"_Das_ verlangen sie doch auch gar
nicht von ihm!" --"So? Und was denn?" -- "Das weißt Du so gut wie ich,
Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen -- verhöhne nicht
ernste und wohlmeinende Menschen!" -- "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich
sage bloß -- sie können sich und ihm die Mühe sparen." -- "Ist er denn
so kalt?" -- "Kalt oder warm -- das kommt lediglich auf die Veranlassung
an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" -- "Aber der
Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß -- so ist es
bei ihm gewesen!" -- "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm
ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es
nicht!" -- "Ja, was ist es dann?" -- "Tausenderlei. Die, die ich meine,
denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der
Dreieinigkeit gesehen hat -- ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf
-- und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite
-- Vater und Mutter -- sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im
Anfang weiblichen Geschlechts --) konnte sie nicht mehr an die
Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt -- sie ist
recht warm!" -- "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm
mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie _unrein_!" -- Kallem fühlte im
Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah
böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder
der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur
die Kapuze; aber sie kam von Herzen.
Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie
sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", -- zischte sie! Und
sprühte vor Hohn und Wut. -- -- Und wandte sich voll Verachtung ab --
und ging.
Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Straße. Aber
er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten!
Das Wort "unrein" in Josefines Mund -- meinte Kallem -- sei auf die
Vergangenheit gemünzt. Und darum war er empört. Wieviel größer wäre erst
seine Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es eigentlich auf die
Gegenwart ging? Daß Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten,
hatte auch darin seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind
war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, daß Kallem wie
ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den größten Teil
der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und
Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit Sören Pedersen und
seiner Frau) -- so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl
Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in
seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen in das
Walddorf hinauf -- so viel war gar nicht einmal nötig, wo es sich um
eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon
einmal beim Ehebruch ertappt worden war.
Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu
warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen können, so hätte sie ihm das alles
gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie
mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.