Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet

dafür emporzusenden, daß der Fuß dem Kranken ein Pfand der göttlichen

Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden

habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt

müssen Sie noch beten, daß er mir auch später den Fuß nicht nimmt!" --

Wie er darauf komme? -- "Weil ich solche Schmerzen drin habe." -- Aber

eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört habe? "Ja, aber man muß

beten ohne Unterlaß!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der

hartnäckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr

Pastor möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es

mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in

ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß

bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht

noch einmal!" schloß er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes

Werk getan!" Der Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf der

Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden,

verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit können wir uns dem Gott der

Wahrheit nähern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also,

wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen ist, so kann ihn

Gott erretten?"

"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden.

Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. Er schrieb

ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er könne.

Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber

wieder, der Kranke müsse völlig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch

nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige

Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne keine Gemütsbewegung

vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen

zurück.

Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht

zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am

Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet

sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmächtig war im

Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs

bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er

wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der

Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwärmen; das Wetter

war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die

beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer kam. "Das wußt'

ich!" sagte er.

Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.

"Jawohl."

Die ändern gingen hinaus. Jetzt erzählte Andersen, daß er in seiner

Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fuß,

der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen

wollen? "Nein, nein!" -- Er sei nun aber einmal auf den Gedanken

gekommen, und fühle das Bedürfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. --

Weiter liege nichts Besonderes vor? -- Nein. -- Der Pastor bat ihn, sich

zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie

beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden

und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. -- "Nein, warten Sie noch

ein bißchen! Vergebung der Sünde habe ich nun; jetzt ist die Tafel

blank. Jetzt schreiben wir den Fuß darauf, damit man's im Himmel lesen

kann. Ich fühle mich so froh, so von Herzen froh!"

"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." --

"Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen

Kindern, daß mein Fuß wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er

streckte die erfrorenen Hände aus.

Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. "Das kann ich nicht!"

flüsterte er, völlig ohne Bewußtsein dessen, was er sagte.

Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hände tasteten umher; er wollte

sich damit in die Augen fahren, stieß jedoch auf den Verband. "Wir

können nicht in Gottes Ratschluß eindringen!" sagte der Pastor.

"Gesetzt, -- das, was wir wollen, wäre unmöglich?" War es ein Etwas in

des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen

mißtrauisch machte?

Ohne zu antworten riß er sich den Verband von den Augen, richtete sich

auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen

zurück. Er faßte nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und fing

an zu keuchen und zu röcheln; ein Blutstropfen war in die Lunge

gedrungen.

Der Pastor hatte das, was er in Händen hielt, weggestellt und eilte nach

der Tür, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu

Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war

Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen.

6

Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. Noch am selben Tag

mußte er aus dem Hause.

Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine

außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den

Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu,

packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den

Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein

gutes Dienstmädchen?" -- "Ja." -- "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht

nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden

Ihnen helfen."

Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ

es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut

machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte.

Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern

hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich.

Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat,

als sähe sie ihn nicht.

Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt

geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn

sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte

retten können?

Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und

seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer

Buchhandlung -- und zwar weit mehr, als ihr lieb war.

An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind.

--

Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich

nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut

angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von

angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung

wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen,

und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen.

Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur

Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste

sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten

nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte

Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie

sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus

und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke

stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne

ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine

in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst

erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht

stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen

Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme

-- das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu

nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.

Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung

kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit

einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach

Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und

zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten

-- im Mondschein -- über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald

zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und

Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war

unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit

seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem

vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte -- er mußte ihr ab und zu

einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt

hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre

Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er

gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke

kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte,

tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker

Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie

kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins

der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder

irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie

einen Kreisel -- immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige

Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze

Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen

Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber.

Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer

Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort

wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung -- alles war gleich fröhlich.

Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag

hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie

gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er

abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging,

hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch

hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie

nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen

mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so

fröhlich zu sehen.

Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine

Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war

von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und

lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!

Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, wo sie war;

besser konnte sie es ja nicht haben.

Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster

Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen

Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer

Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich um ihretwillen hatte Kent

telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn

nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag

vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel

waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr

schwach -- dazu noch andere schlimme Zeichen -- sollte er dem Herzen in

dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das

Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin -- rationell war es. Wo er ging

und stand, was er auch vornahm -- überall verfolgte ihn diese Frage. Die

fünf Kinder der Kranken waren bei Sören Pedersen und Aase untergebracht;

in solchen Fällen waren die Zwei unbezahlbar.

Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf

-- Aug' in Auge mit dem Tod.

Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein

kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von König Karl XV.

zu Pferd -- unter Glas und Rahmen --, ein paar mit Stecknadeln

befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing

herab. Die dalag, war dereinst eine schöne Frau gewesen, war sicher auch

jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie

da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshände auf

einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr saß, der war nicht

stark, wie sie -- ach nein -- der war ein rechter Schwächling! Ein gutes

Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als

vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der

Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da --

allein --, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen hätten, sondern

weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis

das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die

Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten

verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier vorbeizögen; nachts

lösten sich die Wachen ab. Er hörte das von der Frau, die gegen elf Uhr

wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun -- außer für den

Doktor, und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.

Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach

wurde der Puls kräftiger. Kallem faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie

den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein

paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine

Dosis; und wieder hob er sich. In größter Spannung saß er da und

beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die

Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz,

vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gestöhnt

und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute

war längst verklungen, die letzte Tür geschlossen -- die Nacht leer und

grau. Fünf Kinder -- das älteste zehn Jahre -- konnten in jeder Sekunde

ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort saß und bald nickte,

bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die

Hände faltete -- und von der Frau hinüberstierte zum Arzt -- auch der

verlor seine Versorgerin.

Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder

kräftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise

wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war

-- demnach, was die Leute sagten -- abgelaufen -- und noch immer

derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und

Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es

wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja -- jetzt war es

bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm an und kämpfte, um

nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein

Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf?

Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett

weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen

ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem

Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des

Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf -- wieder krampfte

alles in ihm sich zusammen -- gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu

Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei

Betten, preßte das Gesicht in die Kissen, -- und jetzt brach es los.

Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt

erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie

half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter

sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends

Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten

Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am

Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest.

Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher -- die beiden hatten

ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und

übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte

Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie

aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." -- "Das ist aber ein

Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases

hochländisches: "Ach nee -- ist's denn die Möglichkeit?" -- "Kommt

morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.

7

Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und

gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen

zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit

ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte,

mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging

er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große

Weihnachtsball!

Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft

ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und

Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der

Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball

aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit

dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der

Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die

bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von

dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt,

ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig

kaum zu kennen scheint.

Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel

Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und

Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren

zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut

war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich

überhaupt ähnlich.

Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die

von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht

Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen,

und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet:

Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade

genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer

an der Wahrheit stirbt" -- und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst

bedeutend fand.

Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch.

Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über

ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig --

namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte

war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.

Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine

Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob

Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein

öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin

war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten

miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er

sah sie vor sich -- hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend

vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr -- er

verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von

Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte

die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich

umzukleiden!

Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen

Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte

überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr

Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen

hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch

so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur

Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im

Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren

weg -- eingehüllt -- fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt

in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die

Kirche -- die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der

Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens -- mit ausgestreckten

Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am

Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße

Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar -- die

Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie

nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz

finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser

verwunschenen Welt.

Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der

Schnee, der fiel -- das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal

aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war.

Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen

Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige

Stadt war.

Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln -- Fuchs und

Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte,

die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und

faulenzten.

Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen

Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's -- da dudelte es

und stampfte. Und er steuerte drauf los.

War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches

-- mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah

er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren

nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als

er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm

noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und

dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und

Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne

sich zu "stärken".

Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr -- es

war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte -- entweder war er zu

spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar

glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten --

jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus --

begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn

mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere

solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur

hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte -- unstete

Augen -- ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer

drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie

lachten -- über nichts, schwatzten -- von nichts, stets auf dem Sprung,

daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik

schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in

gelbrotem Dunst.

Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen

Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an

der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob -- eine echt

norwegische Mischung.

Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser

waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine

Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im

Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art

neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania.

Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz

Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre

machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen

schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben,

sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren

im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette,

Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche

blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.

Auf Gottes Wegen · 第 15 / 25 段