Beine um die Stuhlbeine geschlungen --und mit schmalen, roten Fingern,
die voller Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht über sich
brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem,
was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der
ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie
ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und
regelmäßig blieb dann sein Rock oder sein Ärmel an der Türklinke hängen,
oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen -- oder er
verhedderte sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl um oder rannte
mit dem Mädchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder
hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren
schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das
Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm
standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf,
und antwortete "Ja" oder "Nein" -- als habe er glühende Kohlen im Mund.
Aber fressen tat er -- nach Ragnis Ausdruck -- wie ein Scheunendrescher.
Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an seinen Hosen
herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er
noch schlimmer als Kristen Larssen!
Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen
Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte,
damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf
bis zu Fuß neu kleiden mußte, -- alle seine Tuberkulosefreunde!
Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern daß
alle Türen offenstanden --! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht
mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, -- was hatte das für
einen Zweck? Wenn das, was _ihr_ die tiefste Qual bereitete, _seine_
höchste Freude war? Ein bißchen Eifersucht war auch dabei: er hatte
überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache
mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. Pastors waren schon
längst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch
gemacht -- im Garten -- und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem
gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der Straße und an den
Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat
viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors
gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet
hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich
keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies
Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr in gewisser Art
die Stadt verschloß. Und sie mochte ihn damit nicht quälen. Er hatte die
ganze Freiheit des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht,
was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen Jagd auf Tuberkulose
waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte,
weit wichtiger als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", -- leider
auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die _ihr_ ein
Lebensbedürfnis waren.
Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war ein langgestrecktes
Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal
ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden
Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach
Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu
einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache.
Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein
Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber.
Deshalb setzte sich Kallem täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit
einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte Karl spielen.
Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer
wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich
schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder
heimlich hinaus. Schließlich -- auf eindringliches Zureden Kallems --
faßte sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen
Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bißchen
vierhändig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu.
Verzweiflung erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen
Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch
beinah auch ihren umwarf -- und darüber kamen sie beide ins Lachen, und
das half über das Schlimmste hinweg.
Da saß sie nun -- frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um
Hals und Handgelenk Spitzen, die weißen langen Spielfinger neben seinen
schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein
Resedaparfüm entströmte ihrem Kleid -- ein Duft ihrem Haar ... Er
zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er sich selber vorkam! Und wie
sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald
ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewiß nicht recht
aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.
Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich -- er
wollte davonlaufen -- zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht
zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte
nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich es gegangen sei; schon nach
einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig
leisten könne -- das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner
ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen,
opferte seinen ganzen schönen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen
Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie
flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und
geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm
Englisch.
Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber
in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis.
Eben darum fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, ohne
zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß nicht! Zäh, -- pünktlich
auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen,
engärmeligen Rock, mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des
Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der Atem drang über den
ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr
drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch
auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten,
fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die
furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln
Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger
der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann räusperte er sich;
und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf
die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, -- immer mißtrauisch auf
irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis oder Logik bei ihr
lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.
Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort
durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen,
weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so
fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte;
und dann blickte er auf -- unwillig, mißtrauisch. Sie wiederholte ihre
Korrektur -- unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug
machen; immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung bitten. Also
sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gnädig, es hingehen
zu lassen -- auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wußte sie
es -- wußte, was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse Atemhauch sie
überfluten würde, Welle um Welle.
Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so sicher aufzutreten
vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war,
wieder machte, was für Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen
seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht hätten, überhaupt
stellen konnte -- das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr
fürchterlich -- von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar
wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem
silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie
zur Rache.
Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben in ihrem
täglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen. Sie freundeten
sich an. Beide gleich geschickt -- Ragni im Anordnen, das Mädchen im
Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen war klug und
wißbegierig. Eins freute sich am andern.
Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit dem Vierhändigspielen
sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal
versuchen?" -- "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er
entsetzt. -- "Ich habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, das Ihnen
sicher nicht zu schwer ist!" -- Und sie legte es aufs Klavier, während
er -- auf zwei Meter Abstand -- stehen blieb und herüberschielte, rot
und immer röter wurde und sich mit den Händen durchs Haar fuhr. "Kennen
Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken!
"Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer
Kallem öfters vorgespielt. Da stand es -- für vier Hände gesetzt; sie
wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.
"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die
langen Spielfinger -- dieselbe Büste -- dieselben seltsam traumvollen
Augen, die ihn manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber
war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person
zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren
geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen
konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn
auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und
sie versprach gnädigst, nach diesem Anfang noch häufiger mit ihm zu
spielen.
Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie
haben doch nichts zu tun?" -- "Nein." -- "Wollen wir einen kleinen
Spaziergang machen?" -- "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"
Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und Pelzmütze, sie wartete
schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.
"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie
allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die
Schneestürme auf den amerikanischen Prärien, und was für Folgen sie für
Menschen und Vieh hätten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach
röteten, wie ihre kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war
sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im
Entblättern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie
ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er
kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub werfen, sich
erschießen, ins Wasser springen können! Und das war keine erdichtete
Frauengestalt -- sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid
unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau,
für die alle seine Kameraden schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er
wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging
sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu
erzählen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den
heimischen Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten
Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes Bauerngut des
Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft
mit ihm hinaufgewandert über das Flußeis -- in die unendliche Einsamkeit
der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim Fallenstellen, auf
der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine
Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und
Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn
fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.
Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch
einmal spielten sie das vierhändige Stück, und viel besser. Sie wollten
es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem
Arbeitszimmer saß. Kallem -- das war für ihn das Höchste, was er kannte.
Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie
gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, -- bald
übermütig heiter, bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend,
demütig-unterwürfig - mit kurzen Anfällen von Fleiß und langem =Dolce
far niente=; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie
fing an, ihn wieder fast schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm
die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim
Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, daß Kallem ihm
vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das
nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an
Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Aufsätzen im
Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte -- für
sich oder mit ihr.
Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen begegnen. Sobald
der erste Schnee gefallen war, -- er kam schon Anfang November -- gingen
sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim -- jedes auf einer
Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie draußen auf dem Eis zu
den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich
allein: Karl sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst
hob der Doktor die langen Beine des andern in die Höhe und hielt sie
fest, während Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs
nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe,
vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni
lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber
wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch gelingen! Es gelang nämlich
nie -- -- er war "zu lappig"! Schließlich wurde es für ihn eine
Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich
darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein
Hang zum Träumen, zum "die Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte
sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen.
Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, daß
er zerknirscht war, daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er
sogar weinte, -- sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß sie ihn bei
Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das
nicht zur Sache gehörte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn
überhaupt nicht -- bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn
nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens
hatte Kallem keine Ahnung.
Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis
mußte er einschränken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor
Arentz, den jungen Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst
machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil
an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt
gewannen.
Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden
zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr
Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker als sein
Vater, sein Gesicht großzügiger -- mehr "bourbonisch"; aber es hatte
etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die
Einladung an und traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen
Kollegen, damit er abkommen könne. Aber als die Zeit herankam, wurde
Doktor Kent krank, und Ragni mußte, so ungern sie es auch tat, mit Karl
allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie
gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine kostbare
Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin sah sie aus, als
sie alles anhatte.
Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen geweint -- es
war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug
saß und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus;
Kallem mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war,
stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fröhlich dasaß.
"Hör' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du
bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den
Hals.
Dann fuhren sie davon.
Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß er einmal völlig
Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestört.
Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig.
Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser.
Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte,
sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein
Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten
lagen Stroh und Betten -- man mußte einen Kranken gebracht haben. Er
hörte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's --
der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben
vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, während das Handwerk brach
lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen
Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall
hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem
die untröstliche Frau, die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis
Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wäre,
habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen -- er sei nun mal so ein
"Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen
Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und
da liege er nun, und könne sich nicht rühren. Das sei nun sein
Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und
erst die Kinder!"
Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der
starke Mann mit dem großen braunen Bart, der über das Hemd wallte, war
nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider
geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die
Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war
vielleicht noch größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit
bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos;
die Handrücken noch einmal so groß wie sonst und mit Wasserblasen
bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der
Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück;
ein Knochensplitter ragte daraus hervor -- wie ein Finger. Dem gegenüber
war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.
Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein
dürfe nicht abgenommen werden. Das könne man erst am andern Morgen
entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder,
während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort halbdunkel
machen, ließ Borwasserumschläge über die Augen legen und beorderte eine
regelmäßige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des
Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht
bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Händen. Die Beinwunde wurde mit
Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die
Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine
Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte
er alle zwei Stunden Naphtha bekommen -- bei zu großen Schmerzen eine
Morphiumeinspritzung.
Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte,
über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptsächlich
im Schienbein, in der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst,
daß ihm der Fuß abgenommen würde.
Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder
Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwährend drehten sie
sich um den Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, den
Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da
war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der
Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken
untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber äußerst lichtscheu; man
wandte Atropin an, und die Umschläge wurden durch eine leichte Binde
ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor
kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mußte Andersens
rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen
werden. Aber das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Da
brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte,
zusammen, so daß Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor
ging mit.
Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem großen
halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen
sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht,
umwickelten Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er nur noch
Bewunderung -- so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er äußerte
den Wunsch, man möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich
ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er
noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine
Angehörigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte:
"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes wegen!" und lag
dann ganz still, während der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine
Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den
Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden,
damit man den Schaden gründlich untersuchen könne, und da die Schmerzen
noch immer unerträglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fuß
darf nicht abgenommen werden!"
Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere Ende des Wadenbeins bis
schräg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine
größere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, daß sie mit
einer großen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf
erstreckte, gefüllt war.
Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in einer Viertelstunde war
es geschehen.
Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in
dem Glauben zu lassen, daß das Bein ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor
jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme,
sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder seine Lage zu ändern; wenn
ein Blutspfropfen sich von der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende
sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis
an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und
Jute verbunden und mit der Außenseite an einen langen Klotz
festgebunden.
Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz
ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht
rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.
Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der
Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang,
wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege.
Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb;
eine reinere Seelenstärke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm
ablaufen," schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" -- "Gott lebt
noch!" flüsterte sie.
Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder
löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich
wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in
der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister,
und er wünschte, der Pastor möge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn
holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als
ob der Fuß noch nicht abgenommen sei.
Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als
seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört
hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"