Kopf. "Ja, natürlich, es ist Zeit, daß wir gehen!" sagte Tuft und stand
auf. "Ich verschwatze mich immer. -- Also, Ihr kommt mit, nicht?"
Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine
Frau, die ihm Blicke zuwarf -- graue -- und sehr weiche. "Danke! Aber
wir sind zu müde. Ein andermal!"
Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und
sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die
Kirche hinter ihnen. Alle Vorübergehenden grüßten ehrerbietig. Als sie
schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er
ein paarmal durchs Zimmer und schlug plötzlich einen Purzelbaum. "Du,
hol mir doch Sören Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er
draußen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid
berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen.
"Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf
schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!"
Das Mädchen rannte davon. "Laß nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob
sie wollen oder nicht!"
"Hören Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden
wieder im Wohnzimmer standen, sie natürlich hinter ihm -- "Hören Sie
mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe
Sie nicht davon abbringen können?" -- "Da sagt der Herr Pastor bloß, was
wahr ist." -- "Aber das ist eine böse Krankheit, Pedersen!" -- "O ja --
hinterher!" -- "Wollen Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" -- "I,
warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst -- es wird lange dauern."
-- "Zwei Minuten." -- "Zwei Minuten?" Er lächelte. Aber bevor er
ausgelächelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen,
die einen mächtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler
wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor ging ihm nach und hieß
ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase
wurde es fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor über
die Achsel zu ihr, und wie hingeweht saß sie auf einem Stuhl. Der Doktor
hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine
zwei Minuten, so war Sören Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem
diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu
öffnen; beide gehorchten sofort. "Nun hören Sie mich an, Pedersen: von
jetzt ab hören Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form
zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier --_einen_ -- _einen ganzen_
Monat lang! Hören Sie? Wenn der Monat vorbei ist -- es ist jetzt halb
sieben --so kommen Sie wieder hierher -- auf die Minute!"
"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher
singt Ihr beide." -- "Wir können nicht singen." -- "Einerlei? Ihr
singt!"
4
Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der
Westküste, wo er Seebäder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas später
nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt.
Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und
hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als
vor zwei Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, einstimmig
um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang
hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl
gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er
nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß sie verreise, verabschiedete
sich und bat, den Bruder zu grüßen.
Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur ein Vorwand war,
um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht
für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie
jedoch nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; denn er hatte
ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mußte
seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems Ankunft das
Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger
Militärarzt und augenblicklich bei den Übungen. Er hieß Arentz und
zeichnete sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden aus.
Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch
wieder -- er mußte sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu
nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern
leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straßen Kallem unerträglich
wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er
selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders einrichten.
Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spät abends
heimkommen. Vielleicht saß er einmal ein Weilchen bei ihr auf der
Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der
Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu seinen Büchern.
Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er
glaubte, die versäumte Zeit nachholen zu müssen und fortan saß er
beständig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich
siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre
eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.
Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte.
Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte
nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause
aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden,
oder -- wie es meist der Fall war -- am Fenster stand und hinausstarrte.
Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu
begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das
habe er von seinem Vater.
An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause,
ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie
eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht
immer darauf, was sie spielte.
Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres
Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das
Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und
gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den
Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine
Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im
Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie
beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir
jetzt hinein und segeln?" sagte sie.
Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen.
"Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam
zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer
wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen
hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander
vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des
einen zieht und die des andern schiebt nach."
Eines Abends auf der Veranda -- es regnete, aber sie selber saßen
trocken unter dem vorstehenden Dach -- sagte sie: "Solche Häuser müßten
einen Kopf haben." -- "Einen Kopf?" -- "Ja, zwischen den Flügeln, wie
jedes andere brave Huhn." -- "Ach, so meinst Du's!" -- "Ich habe immer
das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." -- "Sag'
mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der
Bibel heimisch geworden bist?" -- "Weil ich einen Vater hatte, der mir,
als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen,
Tiere und Menschen wurden zu _einer_ Familie. Das war so etwas für mich.
Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete,
Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen
und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht.
Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb
hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich
fürchtete."
Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung
schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"
* * * * *
Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, -- so bei der
Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem
schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun
gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang
August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat -- einem langschößigen,
braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu
kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder.
Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat
machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem
Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da
im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit
schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen
Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte
weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was
ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die
Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.
Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen
würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir
ganz recht!
Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder
sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische
Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am
besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch
gelernt.
Ob er denn ans Auswandern denke? -- Ja, könnte schon sein; "aber
hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab'
ich keine Lust." -- "Wie alt sind Sie?" -- "O, so reichlich an die
Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein,
Larssen, -- meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa
abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem
machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen
Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der
Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache
gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen
rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr
aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug
zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein
wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran
dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren
Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich
in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da
erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe
geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie
saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten
Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe
Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein,
feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht,
verkniffen -- ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine
sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich
offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß
auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er
sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an
einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon.
Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und
versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch
ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn
zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war
er so geworden?
Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf.
Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf
dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem
Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd;
sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und
mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie
müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die
Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen
Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in
einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber
jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr.
"Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den
Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und
sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf
ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen
voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu
tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente
als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch,
ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und
überall ein scharfer, übler Geruch.
Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er
bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging.
Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der
andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder
sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches
Hundegeheul. Kristen Larssen lachte -- ein Lachen, wie es nur aus den
tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem
weitaufgerissenen Maul -- die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen
Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch
ein Interesse für die beiden -- wer weiß? Ob er das Tag für Tag so
trieb?
* * * * *
Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in
höherem Grade kennen lernen.
In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten
Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden
waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald
wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten
Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese
Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau,
die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch
wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich
warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame
vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte
jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen
unangenehm ist," sagte sie -- -- "ich bin nämlich die Schwester von
Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie
schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau
ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man
einen Mann findet, wie Ihren!" -- -- und sie drückte Ragnis Arm. Sie war
sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine
Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und
ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das
alles so gut -- bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie
mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine
Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester -- Dr. Kent war
nicht verheiratet -- gingen ihnen entgegen -- auch die übrigen fast
alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang
das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen
macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem
und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie
schon irgendwo erblickt.
Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein bißchen
wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark
zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß
ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen
Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weißt doch -- der so
schön war?" -- "Ja, richtig! Dasselbe gewölbte Antlitz! Man könnte
glauben, sie gehörten zu den Bourbonen." -- Der Alte dankte für die
Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die
Augen waren nicht unbefangen -- eher forschend und resigniert. Kein
Eindruck von Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von
Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren Beamten ihn anredete,
kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue
Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer
inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen!
Darf ich vorstellen: Frau Kallem -- Fräulein Kraby." Ein bißchen
schüchtern begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von dem
jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr
musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den
ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander.
Selten -- ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals -- hatte Ragni
jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte.
Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so
liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes
Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie die Stadt für immer! Es gab
ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute
wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, daß
Ragni später, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat,
etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin
soviel von sich geben, als sie konnte.
"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß ich ein
vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus
"Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches
Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren
alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen
Gelegenheiten gern das große Wort führte, um Wiederholung bat. Sie
spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden
Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers
"Kinderspiel" -- der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit
derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann
eine Weise von Sinding -- im alten Stil -- jeder Ton ein Wort für sich;
dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß den
Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen
wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen -- --
reine Märchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der
Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete.
Der alte Meek kam voll altfränkischer Ehrerbietung; "Großvater ist so
musikalisch!" flüsterte Tilla.
Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie
länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni
schlossen sich an.
Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die
Übergänge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind;
immerhin nicht so mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig
gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim Doktorhaus angelangt
war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit
hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie,
wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen Musik zu hören, so
sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer
wurden angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische
Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz
beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der
hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen
zu hören -- natürlich bloß, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei
leider ein solcher Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht
einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben
nicht ändern könne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur _gute_ Musik
höre. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte,
ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der
Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer,
wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da
nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube
auch zu wissen, was es sei.
Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.
"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte er. Und mit
Fingern -- viel weniger steif, als man es ihm zugetraut hätte -- und
einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke
rühre -- vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel,
summte er:
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn goldner Strahlenglanz
Über Firnen hüpft im Tanz,
Tief in den Abgrund dringend,
Beschwingend
Den zum Lichte kletternden Stengel,
Daß er sich träumt als seligen Engel.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht,
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wohl ist es wirklich Morgen,
Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
Und Vöglein Tautropfen trinken
Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
Eine Krone
Von jungfrischem Grün versprechen,
Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
Sonne der Seele bringt,
Wenn in deinen Armen
Erwarmen
Alle die Menschen, groß und klein,
Dann gegen alle nur gut zu sein.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen,
Die gefährliche Kraft,
Die das Höchste schafft,
Ist sie's, die dir nah?
Ja.
Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals
über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für
ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner
Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die
andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der
"Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe
sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei
sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am
nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt
Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus
installiert war -- in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem
hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.
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