er sich mächtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn
gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf
die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle
ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte
schon gestern gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun mit
großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich
wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem
allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch
anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den köstlichen
Tag rühmte -- er vergaß die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst
gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so
leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen Brot machen, und ganz
besonders hier, wo Wärme und Kälte so schroff wechselten. Also --! Sie
setzte ihr kläglichstes Frätzchen auf -- sie versuchte, darüber
wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie
ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's später
noch oft. Sie küßte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie,
und sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein,
streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ...
Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die
Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug
beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das
klang so verängstigt, daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang
die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen
Gliedern zerschellte alle Logik.
Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, alle von der
Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür
stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen
aussetzten, hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von draußen
die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben
eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer
abstoßen sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte ein
Fest sein, zu dem die Leute strömten.
Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windstoß füllte sich
das Zimmer mit Wohlgeruch; es strömte förmlich von Bäumen und Wiesen
herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft
war trunken.
Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute
zur Kirche gehen. Aber fortwährend zogen daneben mit Menschen
vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war
schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide
verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem
eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. Über- und
nebeneinandervorbei flogen sie -- die Schatten auf dem Sand machten die
Schwingungen nach; die Vögel waren bald ganz unten, dann wieder höher;
wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten,
senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", sagte
sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!"
Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. Sören
Pedersen und seine Frau waren längst da und hatten längst gefrühstückt;
sie waren schon in voller Tätigkeit.
Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel
fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte
und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon
die Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und außerdem noch ein
ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig
Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen -- "ein ganz
absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer.
Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat
lächelnd, bescheiden, ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es
war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben
von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine
angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was er sagte.
Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter aßen, und machte einige
kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen
Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er
bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung
machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und
Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert
sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich in Doktor Kents
Mund. Als sein leichter Einspänner vorfuhr -- er hatte einen
Krankenbesuch auf dem Lande zu machen -- bat Kallem, er möge ihn
mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen
größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren
wollten, fiel Ragni ein, daß der Flügel leicht übergestimmt werden
mußte, und sie fragte Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen
könne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich -- Kristen Larssen. So kam
es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent
erzählte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden
aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in
Konflikt geraten -- Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es
geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der
Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz
allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte
stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch --kalt, wie Eisen im Winter,
und Sören Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn
das eigentlich für Leutchen seien? -- Ihre Antezedentien kenne er nicht;
_sie_ stamme aus hiesiger Gegend, _er_ von Fünen. Beide tüchtig in der
Arbeit; aber man habe bald gemerkt, daß sie tranken. Der Pastor hatte
dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie bei ihm
in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie hörten
nicht allein auf zu trinken, sondern Sören Pedersen wurde ein überaus
eifriger Temperenzler und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze
Bibel auswendig. Buchstäblich wahr -- ganz auswendig! Er erzählte selber
oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuhöre, und in
kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem
Kopfe vor, während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der Pastor
meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen höheren
Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin
nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an
allem irre.
So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade
damals hier in der Stadt niederließ. Kristen Larssen hatte von Sören
Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den
Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus;
"alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding
unmöglich."
"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der
Richter steht, daß der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den
Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"
Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, daß der Gott
der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. -- "In einem und
demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner
geschrieben: Du sollst nicht töten! -- und gleichzeitig auch, daß der
Herr unablässig gebot, zu töten. Also sind da Widersprüche."
Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel
auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhänge, und verlangte
nun in jeder religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich hatte
er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte;
es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die
anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den
Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen
erzählen darf" -- sagte Doktor Kent -- "aber Ihr Schwager hat Sören
Pedersen und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen -- zum Betsaal hinaus!
Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr
Schwager ist sehr stark; aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der
Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie
sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten
ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr
Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich gehöre
zur Schulkommission. Sören Pedersen und Frau Aase waren auch da und
allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der
Pastor. Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der
Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten
Mund." Wieder wurde Sören Pedersen hinausbefördert."
Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histörchen
fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen
von größeren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt -- eines
Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehöfte stattlich,
die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch
Wälder und Felder, über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am
wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von
den Prärien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all
diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein
wie gestern, der gleiche kräftige Duft von Wiese und Wald -- und dazu
eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!
Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich
über den Reichtum ringsumher. Von allen Fächern war ihr Botanik das
liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte,
und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen
Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent
meinte, sie müßten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein,
vielleicht von den Mönchen aus dem Kloster drunten.
Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald,
größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linnäa; da hielt
es sie nicht länger im Wagen; alle drei stiegen aus.
Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen lichtroten Blüten
zu öffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu
tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten!
Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen -- nein, sie war ja
im Frühling abgereist -- also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich
empor; und da entdeckte sie auch die =Pyrola uniflora=[2] -- einsam, mit
wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie
fragte, wie sie auf norwegisch heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht
den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und
erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter
von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch
entgegenströmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja
gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein
bißchen weiter zurück -- fort von den andern. Sie hörte sie plaudern; im
Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte
Vögel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch das
Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine
Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte
sie aus ihren vielen kleeartigen Blättchen hervor; -- ob sie wußte, daß
sie ihre Genossen verloren hatte?
"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die
Linnäen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; bloß deswegen war
der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den
Siebensternen[3], die große Familienzusammenkunft abhielten. Alle
warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß noch war hier geschritten in
diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie
von weit, weit hergekommen sei -- erzählte ohne Worte; die waren unter
ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen
einzudringen; kaum hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine
andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die
Linnäa sah, wußte sie -- jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier
war das Innerste. All das Große, Gefahrvolle draußen -- vom Meer an --
all das Mächtige und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die
Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein;
hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend
Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.
"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." --
"Ach! Sagt es mir!" -- "Gut sein!" -- "Ach ja, ich glaube, das ist auch
das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern
nicht -- --?" -- "Laß die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!"
Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie
verstand jetzt, was das Stärkste war. Die Sternblumen.
"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner
klaren Stimme. "Ja!" -- Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie
hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand
stand eine =Actaea=[4] -- die stand dort, damit sie ihr den Weg ins
Innere hätte weisen können, falls sie hier ausgestiegen wäre. Jetzt
wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter,
wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maiglöckchen; wo hatte sie nur
ihre Augen gehabt? Sie wußten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen
ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeigen. Sobald sie einander
sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme
sind". Einige wollten mit.
"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus.
Jetzt sah sie, wie weit zurück sie war. Die beiden Männer standen am
Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der Höhe. Die
schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmächtige Figur des Doktors
hoben sich scharf ab. Beide hatten alle Hände voll. Sie kam eilig heran
und hörte schon von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen
Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf
Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers über diese
prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte.
Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine =Pelygala amara=[5]; er
wußte, daß ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie
bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an,
ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was
ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blüte einer
Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen,
sogar ein Schmerkraut. -- "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie
nicht haben; es sei auch so "schmierig"! -- "Du bist doch in allem
Ästhetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu,
etwa wie der Duft ihrer Linnäen. "Ist Ihnen aufgefallen, daß wir ganz
allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erzählte, alle Leute
seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem
fünfzigjährigen Jubiläum, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war
er bei seinem Vater Vikar gewesen -- wie das damals so Sitte war -- und
hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit
seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! -- "Also ein rüstiger
Herr?" -- "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fuß. Er
war unser Zwischenhändler." -- "Zwischenhändler?" -- "Nun ja, jeder
Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und
Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und
durch die eine Gemeinde auch die andern." -- "Er ist also beliebt?" --
"Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." --
"Wie ist er denn auf der Kanzel?" -- "Na ja, er hat fünfzig Jahre lang
von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erzählt. Seinerzeit wurde viel
darüber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es
ihm verschiedene nach." -- "Was für Geschichten denn?" -- Also -- die
letzte, die Kent gehört hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in
Amerika, die dreißig Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte und trotz
ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotmäßigste Gefangene war. Da
sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt werden, dessen
Vorsteherin Quäkerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen;
sie setzte sich aus Leibeskräften zur Wehr, so daß man sie binden und
auf einem Stuhl forttragen mußte. Als sie mit ihr ankamen, stand die
Leiterin des Gefängnisses in der Tür und nahm das rasende Weib in
Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. -- "Aber wird das auch gehen?" --
"Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue
Oberin sich über sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenkuß, wie
eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und
sagte: "Kannst Du wirklich glauben, daß an mir noch was Gutes ist?" Und
von Stund an gehorchte sie ihr.
Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der
ein Stück oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein großer
schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber bloß ein
paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte
sie, lief zurück und legte sich wieder.
Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein
bißchen zur Seite. Die beiden Ärzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni
wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten
im Bett liegen; seine Frau saß neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme
dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tür sich hinter ihr
öffnete, ruhig fort.
Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die
Scheunentreppe.
Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen könnte, wie ein ruhender
Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer;
man muß lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es
schweigt; völlig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt
es von Leben. Und so überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof
--. Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund
liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt
stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben
der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel
hängen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie
du; und was sich etwa noch regt, erhöht nur den Frieden. Das Schwein,
das du ganz dort hinten wühlen siehst, ist nur mit sich selber
beschäftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur
sein eigenes Behagen; die Vögel, die kommen und dich grüßen, tragen dir
die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt.
Doch mitten in der Ruhe schoß in Ragni wieder die Angst auf, die sie
seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen
Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die
Kinder ihrer Schwester? -- Nein! Denn unter solchen Verhältnissen hätte
sie nicht einmal denen etwas sein können. Also, was denn? Was hatte sie
getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen?
Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebäuden herum, und da fand
sie zwei Arten =Orobus=[6], nicht weit voneinander -- erst draußen auf
der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebüsch; auf
den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie
zurückging, fand sie einen prächtigen Hahnenkamm und eine dritte Art
Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora!
Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab;
aber da ist wieder eine; die hält. Später hörte sie, daß in dieser
Gegend die spröde Blume auch "Männertreu" genannt wurde.
Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem,
tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam
Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber
sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe
Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!
* * * * *
Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen
Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in
Ordnung. Sören Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür herein;
er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der Herr Pastor und seine Frau
durch den Garten.
Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er
sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins
Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen.
Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu
entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom
Abendgottesdienst komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, ob
Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten?
Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr.
-- Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und
Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz
still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu
über.
Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück".
Während sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren
die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" -- "O-- --"
-- n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu:
"Ach ja, bitte!"
Ragni sah ihren Mann an -- wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe
ausschaut. "Ragni muß in Stimmung sein, um spielen zu können!" sagte er.
"Natürlich -- Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man
setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein
bißchen abseits; Ragni blieb stehen.
"Natürlich -- Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die
lange Reise -- -- und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von
Doktor Kent höre, seid Ihr bald fertig?" -- Ja. Sie hätten aber auch
eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen und seiner Frau.
Ragni fürchtete auf einmal, die beiden könnten noch im Eßzimmer sein und
lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie
nicht.
Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen väterlichen Ausdruck
angenommen. "Wir haben Sören Pedersen und seine Frau für Euch nehmen
müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte man
solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." -- "So?" - "Tüchtige
Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben
tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis
in der Gemeinde." -- "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei
und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie
etwas vom Flügel holen. Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen
Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den
beiden, was wir nur konnten -- sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet
Euch wundern, wenn Ihr wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen
sind. Aber alles vergebens -- ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will
nicht näher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner
Frau, die in ihrem enganschließenden Kleid dasaß, kraftvoll,
undurchdringlich, aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle.
Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes
eigentliches "Sehen". Kallem wäre am liebsten aufgesprungen und hätte
sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den
andern, ihm gerade gegenüber.
"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein Haus dicht neben das
Krankenhaus gebaut hat. Daß man fremde Menschen immer so dicht auf dem
Leibe haben muß!" -- "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und
nun ist der auch tot." -- "Ja, das hab' ich gehört. Wenn ich in der Lage
wäre, noch mehr Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen,
trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum
merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube
nicht, daß es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine
Weile war es still.
Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im
"Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit der amerikanischen
Verhältnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer,
der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er
einmal jemand anders ansah -- wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam --
so war das nur vorübergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau
zu.
Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, besonders seit
eine gewisse Behäbigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts
ausgefüllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen
strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes
Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man fühlte hinter der
Milde die Kraft!