Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand

Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art

Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot

seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem

Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem

ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen.

Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er

selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm

hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel -- eben noch der wildeste

Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein

heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht -- so

über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn

das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder

erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und

stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu

nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es

nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er

sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht -- meinte,

es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an -- und dies Lächeln war nicht zu

verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder

Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem:

"Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen

begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze

so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch

dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort --

ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er

schlang die Arme um des Freundes Hals.

Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen

hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau,

wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es

machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen

wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da

aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich

über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das

Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er

die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich

habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."

Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den

Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er

unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In

unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen.

Mein Vater war geisteskrank. In mir -- ja, Du kennst ja das Unbändige in

mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als

Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es

sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch

nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein

--beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber

hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." -- Er

legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und

wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend

sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" -- "Was Teufel

sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl

gehalten."

* * * * *

Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief

an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto

unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen

Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe

Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch

entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft

nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde?

Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle

Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis

selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß

sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer

Liebe -- ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen

würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er

seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das

Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und

ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten

-- er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei

sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu

glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort

nehmen und ihr helfen.

Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die

telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und

daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm

bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan --

sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen -- ins Werk zu setzen.

Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder

"Nein".

Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre

erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der

Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr

sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und

wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt,

weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen.

Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um

ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu

seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem

dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu

überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht

erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas

eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie

wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als

Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle

Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der

Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder

seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer

Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat

Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren

sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch

bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her.

Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung.

Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach

Amerika! Und von New-York allein nach Madison -- das war noch das

Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich,

mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber

beide die Kinder verlassen -- das konnten sie unter gar keinen

Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also

bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.

Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden,

ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise

gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet

werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie

noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst

ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das

machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen

können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis

aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte

sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht

glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen,

und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre

Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die

Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der

schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war.

Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen

Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht

den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte,

wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis

zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu

machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu

vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig

auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß

auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war

Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort.

Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis

Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen,

der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte

an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die

Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend

gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der

Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können.

Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm

ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig,

alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier

sei das Billet.

Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem

übrigen -- ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand

sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn

und verharrte so. Er küßte sie -- wie zum Willkommen --sie hielten sich

eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern

jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel,

und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen.

Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann

von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie

Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr

nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein

treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke,

wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten

-- seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe -- und

all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.

Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die

Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter

Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in

den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr

leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die

sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er

ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas

sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache

heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe

sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals

sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am

traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut

gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht

weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von

dem weißen Pascha geträumt -- wenn er doch nur kommen wolle! Daß er

kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den

"Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand

schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha;

aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen

konnte. -- Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen

Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da

hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei?

Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita

getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe

einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so

ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. -- Er fragte, ebenfalls

flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem

Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein

Schauder durchflog sie bei seiner Frage. -- Und trotzdem -- obgleich sie

verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha

warten können? -- Mehr als je. --Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe

ist? -- Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.

Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen

mögen, brach er dennoch ab.

Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte;

dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde

für sie sorgen. Sie standen beide auf.

Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg

seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das

Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten

sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen.

Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens

begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie

zusammen sehen.

Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den

folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was

er je durchgemacht hatte.

Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst

nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.

Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante

ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.

Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht

denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt

hatte, um dessentwillen es geschah.

Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie

streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur

die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen;

und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es

übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und

jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war

ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn

gehabt.

Wenn sie es jetzt bereute -- warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb

sich so hinterlistig benehmen?

Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf

zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein

Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern,

da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.

Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide

steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn

Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die

Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama"

auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu

Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.

Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den

Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere

Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine

andere: "Das ist Mama."

Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt;

infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei

seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn

gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging,

kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte

Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt

verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von

Muskeln, Sehnen und Adern ...

Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte

in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm

stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier

aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.

Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten;

Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht

einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole

ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle,

die der Sache näherstanden, erfahren mußten -- daß Edvard Kallem der

Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder

irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel,

Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit -- die Prophezeiung, daß ein

solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte,

ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen

Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?

Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause

zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er

Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und

Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der

Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine

geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in

der Bibliothek aus- und eingingen.

Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen,

während Ole Tuft in seiner etwas schwerfälligen Art über den Platz

schritt. Wahrlich --da ging einer, der sicher war in sich selbst; _sein_

Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.

Mannesalter

1

"-- -- Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der göttlichen Gnade.

Sie kann ihn nicht im Sünder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst

haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch

nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes

erhabener Wille kann ihn rechtfertigen."

Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, aus dem er flüsternd

auswendig lernte. Die Sonne schien hell durch die beiden Fenster, die

nach Südwesten lagen und weit offen standen; durch das hintere ergoß

sich milchweißer Glanz über den graugestrichenen Fußboden; das unruhige

Laub junger Espen zeichnete sich auf den Scheiben ab; die Espen mit

ihren zitternden Blättern standen draußen am Staket. Aus dem Garten

strömte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen herein; der Pastor

unterschied jede Mischung in den Luftströmungen; er hatte die Bäume und

Blumen selbst gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug

nur um ein Winziges stärker wurde, so sandten die sprossenden Birken und

die frischen Triebe der Tannen, die außerhalb seines Pfarrhofs standen,

eine scharfe Welle herein, die rücksichtslos die Strömung des Gartens

wegspülte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft

verschiedenartiger Gerüche vom offenen Feld nach. Es roch nach Wachstum.

Psst!

"-- -- Was kann Gott dazu bewegen, so gnädig zu sein gegen den armen

Sünder, der aus sich selbst nicht das Geringste vermag? Seine

unbegreifliche Liebe zum Sünder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann

ihn dazu bewegen."

Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein --da konnte er nicht

widerstehen -- er mußte den Dampfer sehen, wie er in großem Bogen von

der Brücke weg über die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei Hälften

teilte; der größere fiel der Insel draußen zu, der kleinere dem Strand

vor der Stadt. Der Pastor nahm sein Fernrohr vom Pult. Die Brücke unten

war voll bunter Sonnenschirme; dazwischen Männerhüte, meist in dunklen

Farben; hie und da leinene Hauben und Kopftücher, gewöhnlich mehrere

beieinander.

Jetzt hörte man von rechts Schritte im Sand; sie kamen aus dem Garten

seiner Mutter und lenkten auf den seinen zu -- Schritte eines

Erwachsenen, und auf jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte.

"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" --"Haha!" -- Die Gestalt

einer Frau tauchte auf, die den Eindruck von Kraft hervorrief. Ein

starker Hals und eine volle Brust, der ganze Wuchs ungewöhnlich schön;

das Gesicht dunkel, ziemlich groß, mit gebogener Nase; das Haar fast

schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit hochroten Blumen gemustertes

Musselinkleid mit einer Passe von hochroter Seide, um den Leib einen

seidenen Gürtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem schwarzen

Haar und den tiefen Augen bildete das einen bezaubernden Gegensatz; sie

pries den warmen Frühlingstag mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie

in das lächelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte sich der rote

Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An der Hand führte sie ihren

vierjährigen Knaben, ein hübsches Kerlchen mit blondem Haar und einem

Gesicht wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge ließ die Hand

der Mutter fahren, öffnete die Tür zwischen den beiden Gärten und sprang

vorbei, um die nächste Tür, auf den Weg hinaus, zu öffnen. Als die Frau

vorüberkam, flüsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du siehst ja reizend

aus!" Es klang bittersüß. Wie konnte eine Pastorsfrau sich so kleiden!

Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentür

und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" -- "Zum Schiff, und

zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre

Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im

Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen

Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen Aufstemmen aller

fünf Finger von der Fensterbank erhob.

"-- -- Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein

Heerführer einen Waffenstillstand gewährt oder ein König eine Amnestie

erläßt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag'

ich gleich -- Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! Also:)

Doch nicht, wie ein Heerführer Waffenstillstand gewährt oder ein König

einen Gnadenerlaß, ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das

widerspräche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings

eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie muß eine

rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die

Gottes eigene sind, muß _Genüge geschehen_."

Eigentlich ist das doch sehr juristisch.

Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den

zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt.

Dabei hörte er das laute Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der

Bucht unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, und die Folge

davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die

Sonne schien auf das weiße Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie

zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein

Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso

ungedämpft hörte man den Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer

nach der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, bis zu den

Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen

drüben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte

über die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene

ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom

Großen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander

geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich

unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen

bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren

und leider auch schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard auch

helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen,

in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrühren; außerdem war das

Bücken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen

dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein

Stückchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere

Schwächen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinüber auf

den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Höhe:

"-- -- Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, muß Genüge

geschehen. Könnte das durch den Sünder selbst geschehen, so wäre die

Rechtfertigung keine Gnade; folglich muß es durch den _Geist_ geschehen.

Auf Gottes Wegen · 第 9 / 25 段