hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin,
während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch
immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite.
Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen.
Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie,
legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen;
er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es
ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den
Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie
sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr
ab.
Er fühlte sofort -- jetzt ging sie von ihm. -- -- --
Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene
Dummheit und Ungebärdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die
Straßen und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am
nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen. Aber abends
erzählte sie ungefragt, die gnädige Frau sei nicht wohl gewesen; sie
habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries
mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. Sie hatte noch
obendrein die Unverschämtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem
mußte er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau
sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nächsten
Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hörte
er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu
Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den
gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die
Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege.
Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von Plänen gewesen.
Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser
Traum, ein fruchtloses Grübeln löste seine klaren Tage und seine
gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit
brennender Selbstquälerei. Er verachtete sich selbst, ließ sich zu
Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre
Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem
Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, das von Musik
Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er
begehrte. Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; er wollte
sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde verzehren. Er wollte
sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit
glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun.
Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht
einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens mehr aus.
Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem
Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Prozeß gemacht. Es
war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen -- --? Er schlug eine
Lache auf. Natürlich -- genau dasselbe war auch dem widerfahren!
Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt;
während der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen;
Rendalen und sie hatten vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach
der Abreise der Mutter fortgesetzt -- und immer auf seinem Flügel, das
wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demütigung.
Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem überhaupt nicht;
der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn
so unruhig machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges an
sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch
mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend
noch sagte er Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den Tag
darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung
bitten; selbstverständlich bezahle er das volle Quartal. Das Mädchen sah
ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich
daran, -- hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in ihrer bescheidenen
Art, ob er die Rechnung sogleich wünsche. Nein.
Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor
sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine
neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging
er aus und mietete -- und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann
überlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich
Rendalen gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den
andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestört
worden; es war ja auch wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause,
ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder
ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf
fiel; den hatte er auch nötig. Gegen sieben kam das Mädchen und heizte
ein, ohne daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das Prasseln
und sah die Helle und schloß daraus, daß es über sieben sein müsse.
Seine Gedanken waren sofort drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich,
wenn sie erführe, daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal spielen
hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; aber trotzdem konnte er
den Glauben, daß seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf
dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und
Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er
stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür
gehen und mehrere Stimmen -- ein paar Damenstimmen mit stark
nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene
Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tür
begleitet; er hörte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine
Männerstimme hörte er -- war das Ole Tuft? Nur die, nach der er
lauschte, hörte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tür wurde
zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts -- wirklich, es war
seine Stimme. Er mußte also eben gekommen sein, als die andern gingen.
Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter
ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. Wieder
klingelt es, wieder geht eine Tür auf und herausstürmen jubelnd die zwei
Kinder; sie wollen die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber
sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht;
sie werden eingefangen, und eine Tür wird hinter ihnen zugeschlagen;
gleichzeitig öffnet sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre
Überschuhe vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht
holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordländischen
Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich
an der Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen -- es seien ganz
"neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches "Adieu, adieu!" und als
Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni.
Täuschte er sich --oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen,
der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte
Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war
an der Tür, noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete,
standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er --? Er lauschte wie
auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; vielleicht stand sie draußen?
Sein Herz schlug Sturm, während die Hand leise, leise auf die Türklinke
drückte und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer
gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. Er tastete sich
nach der Entreetür, fühlte das Schloß, tastete sich weiter vor; aber es
war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich
ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb
hatte er sie dann nicht gehen, keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte
hier im Flur sein. -- Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwärts
mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig
durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder -- die
Kleider waren kalt und leer. Dann räusperte sich drinnen jemand -- das
war Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte Geplauder -- das
waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des
Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen.
Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare
Antworten, d. h. die Töne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie
konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen,
stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken,
so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte und sie öffnete. Dann
stand er im vollen Lichte da! -- -- --
Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwärts. Er
hatte Pantoffel an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte
nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des
Korridors; je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; er sah sie im
Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser auf dem Tisch bauen. Er
schämte sich. Was wollte er eigentlich? Aber während er sich das fragte,
ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel
zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den Vorsaalfenstern, von denen
er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang
gedämpftes, ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangswetter
benützte man beides, Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas zu
Boden; Kule räusperte sich wieder; die Zeit mußte ihm lang werden;
vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche
stand anscheinend die Tür offen, denn auf einmal waren die Kinder
draußen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen
antwortete schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit,
eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt
heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt hier, so stand sie in der
hintersten Ecke. Wie sie sich ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm
denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb.
Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter
hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Türen,
auch aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem
Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, daß er
sie dann sehen müsse.
War sie vielleicht zur Tante hineingegangen -- dicht neben seiner Tür?
Oder hatte sie ganz einfach die Tür zur Stube der Kinder oder zum Zimmer
Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im
selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und saß nun drinnen und
träumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wünschte, es
möchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an
der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, die in ihrer Küche
rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fühlte sich gleich
freier. Mit ausgestreckten Händen ging er zurück, diesmal schneller. Da
faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken
sprühten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich
kaum, und er faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm um ihren
Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fühlte es sich
an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er
zog sie leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre und
drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie wieder -- und nun
glitten sie langsam, Schritt für Schritt vorwärts -- sie ohne
Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen
Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den
Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher
Schimmer aus seiner eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür
behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun blieb sie stehen und
wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch,
sah das blasse Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob
--dann hinüber -- und die Tür hinter ihnen anlehnte. Drinnen ließ er sie
los, um so leise wie möglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er
sie verlassen hatte, mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht
gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an
sich zu drücken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen über. Sie
schluchzte so schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde,
und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos ließ sie sich nach dem
Sofa führen; sie weinte so verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht
verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe
zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die Gardinen zuziehen mußte; und
nun erst zündete er an.
Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern
verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich
lehnte.
Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und Theaterstücken
gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende
beiseite und ließ sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste
Sünder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen ihr
Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoßweise unter
ihrem heftigen Schluchzen. Er fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie
möge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er
damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie
gehörten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich
nicht aus!" Er nahm sie bei den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa,
lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte
ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann --
sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses
Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich
hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, daß er nicht
habe widerstehen können, als er sie draußen im Gang gehört habe. Sie
könne doch nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? Und sie
nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los,
legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein,
noch heftiger als zuvor. "Soll ich _nicht_ fort?" fragte er. Doch sie
hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig weinen; erst nach einer langen
Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du
willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich
an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und während er sie so
hielt, fühlte er --sie faßte es schöner und tiefer auf als er.
Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich darauf wurde sie
geöffnet. Das Mädchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken ließ er die
Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den
Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke
des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und
schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber
das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon längst
erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache
sehen, daß Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte
Freude darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es wieder
hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise wie er selber vorhin.
"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das
alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam
zurück und preßte sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich
unglücklich!" -- und das war eigentlich das einzige, was sie sagte,
solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel,
kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit
Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand
auf -- sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, sie zurückzuhalten,
sondern geleitete sie zur Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm
um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er löschte die
Lampe, und sie glitt hinaus.
Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich schloß, fiel ein
schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer
der Tante führte; dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand
davor -- in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie ein aufgerichteter
Walfisch. Natürlich -- die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters
schluchzen hören und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all
den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tür Wache, und im
selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre
Tür auf, so daß der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante
streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, mein Kind!"
Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an sich vorüber. Sie war nicht allein.
An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand
ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder
Mann mit mildem Antlitz -- Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen
aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni sank auf
einen Stuhl zwischen Sofa und Tür.
* * * * *
Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm
einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehört, wie sie bei
ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen.
Weiter kein Wort; doch -- ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!"
Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden
armen Wörtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, daß sich seine Augen mit
Tränen füllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas
geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er
hatte nichts gehört; es mußte sehr still zugegangen sein, oder sie waren
nicht im anstoßenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!
Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust,
grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut!
Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Richtig! Zu Ole
Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Angelegenheiten
mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn
eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes
Wege"? Durch Schlüssellöcher gucken und an den Türen horchen? Dieser
Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester genommen
hatte -- wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er
nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen?
Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tüchtig durchzubläuen,
ihn halbtot zu schlagen! Verdient hätte ers, weiß Gott! Er schlug
wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die
großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er
konnte sich wenden und drehen, wie er wollte -- sie waren da, die tiefen
Augen. Und dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten
Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. Aber damit war er in
die Nähe seiner früheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein.
Zu dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja
allein schon ein Glück, sich aussprechen zu können. Als er sich
Rendalens Haustür näherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht --
--? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem
kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den
Schwager nicht.
Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte er ihn gekannt, so
hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu
retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem
schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher
konnte er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem zu gehen --
das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier
mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, er wäre -- anstatt
zu Rendalen zu gehen -- Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt,
bis er kein Glied mehr hätte rühren können.
Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz
erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und
zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und
den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und
geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie
ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat,
aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß
sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich
eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die
schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und
nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis
sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den
Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht,
die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum
Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch
gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt
wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste
unter der Sonne -- Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.
"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz
von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts
an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen
bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du?
Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich
die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser
gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein
derartiger Hohn wirken ansteckend.
"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn
man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht
röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens
versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er
geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie
tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu
schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm
Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon
Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand
unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten
Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?"
rief er, so laut er konnte.