Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen andern muß aus Gottes

erlösender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie

juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung

allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung für das _ganze sündige

Menschengeschlecht_ gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche

Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne'

zustandebringen.

Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, daß diese Grundlage

für eine Weltsühne, diese Auslösung der Schuld des ganzen

Menschengeschlechts ein für allemal durch _Jesum Christum_ geschaffen

worden ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen kann."

Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends

mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie

schoß jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, daß

sie fast bis an die Insel stieß. Das große Kirchdorf drüben rechts auf

der Höhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber.

Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grün und

fruchtbar; stolze Besitztümer -- das sah man an der Entfernung zwischen

den einzelnen Gehöften. Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel

erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den

Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord verschwinden.

Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur

Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn

z. B. über die ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein

Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das Dröhnen des

Dampfers. -- --

Psst!

"-- -- Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder gerechtfertigt

werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, daß Christus dem

Gesetz Genüge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben

die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück von der

Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die Welt gewonnen hat. --

Nein -- das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."

Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gestützt,

als wolle er überhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter,

auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die

Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort

drüben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er

wußte, daß es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen

wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort draußen

hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen

Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein,

jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlägt er so oft

um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bäumen und

Feldern herein; bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins

Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte links unten an der

Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Güterzug rangierte.

Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen,

jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hämmerte es in dem neuen

Haus drunten an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier

heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu klingen pflegt. In

der Ferne immer noch gedämpfte Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das

Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu

verdanken, daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen

Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke parzelliert wurden,

so war es damit vorbei.

Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er

hätte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie

hatten, gehörte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens

steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine

Mutter wohnte.

Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein,

selbst wenn im Ehekontrakt steht, daß sie allein das Verfügungsrecht

über ihr Vermögen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben

freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch

meist der Schlüssel zu einer gewissen Macht -- namentlich für einen

Pastor. Viel Gutes läßt sich damit tun, was andere sich versagen müssen,

und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit

Behagen empfunden. Das paßte ihm.

Aber. -- Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist,

die über das Vermögen zu verfügen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist

Christo Untertan --."

Psst! -- Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die äußere Grundlage

für die Rechtfertigung war also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat;

die innere Bedingung ist, daß der Sünder das _glaubt_. Wie versöhnt auch

Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Sünder seine Gnade

schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, '_weil er an ihn als

seinen Erlöser glaubt_'."

Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er las. Denn die

Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht

Untertan in allen Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die Frau

das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine Saat der Ungleichheit.

So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die Beweise, die er

sich dafür zurechtlegte, daß er fern und nah nichts mehr sah und hörte,

-- es nur noch wie die Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er

trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die

beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen

sich über und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von

all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen

besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter drüben, hinter

dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag,

läutete eine anmutige Declytera mit langem Blütenstengel voll roter

Glöckchen zur Hochzeit -- zur Hochzeit -- ohne das geringste Verständnis

für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah sie darum auch. Ja, nicht

einmal Gärtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum

erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit

der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) -- nicht einmal die

Bienen hörte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten.

Eheliche Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe

über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! Über

das sanft abfallende Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei

Schattierungen von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, --glitten seine Augen

so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über

die Bucht, wie versuchsweise, -- ein paar vereinzelte Furchen; er war

mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte

Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser -- Wasser! Alles um ihn her ein Warten

-- und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme

Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem

Schrei hörte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine

erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still

und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der nächste ... es

mußte schon beim ersten sich vollständig erschöpft haben ... nein! da

gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war

dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer!

Der Pastor stand blaß -- alle Sinne gespannt -- da. Da erklangen von

rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Türchen

zwischen den beiden Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit

schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den Wangen

herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein

bißchen trockene Gesicht bildete.

"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das

nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! _Mein_ Bengel

macht kein solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!"

"Schlimm genug ist's -- einerlei, wer's ist!" antwortete sie.

"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich für den armen

Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war,

dankte er doch Gott, daß es nicht _sein_ Junge war. Das mußte man ihm

schon erlauben!

Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut

den Weg herauf. Die ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem

Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde

kam über die Straße herüber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein

hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille,

und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? -- Der Pastor trat

vom Fenster zurück, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte

sie in zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im

Gang. Es klopfte.

"Herein!"

Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb draußen stehen.

"Edvard!"

Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich

anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu,

streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn herein. "Willkommen!

Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor

Freude.

Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort des Schwagers Hände,

seine Augen glänzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht.

"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide

Hände auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht

begegnet?" --"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." --"Und Du

bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl

zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen

blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. --"Nicht nur

deswegen. Du wohnst hübsch hier."

"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch wohnen, wenn ich auch

unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen hätte." -- "Ich hatte

ja wohl keine Wahl." -- "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus

übernehmen wolltest, so mußtest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen;

die beiden gehören zusammen. Übrigens nicht zu teuer -- das sagen alle.

Und sehr bequem -- und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du

Dich aber auch lang genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig -- mehr als

lang -- so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben?

Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott -- ich hab' Dich ja nicht einmal

gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verändert!"

Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im

Ausdruck erschien als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter,

während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte

Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole -- Du hast Dich verändert!" --

"Wirklich? Das hätt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." --

"Doch -- Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." -- "Geistlich?

Haha! Du meinst, ich bin ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir

versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen;

ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; aber -- -- --

siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier

sind zu liebenswürdig zu mir." -- "Du solltest es machen wie ich." --

"Wie machst Du's denn?" -- "Ich lauf' auf den Händen!" -- "Hahaha! auf

den Händen? In meiner Stellung?" -- "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal

durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest -- _das_ wäre eine

Predigt!" -- "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Händen

laufen?" -- "Und ob!" -- Und im selben Augenblick lief er auch schon.

Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, der

Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das Hemd zwischen

Weste und Hosenbund, ein Stück von den Hosenträgern, die Hosen, die

Strümpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem

hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der

Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand

tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann

kurzsichtig die Bücherregale zu betrachten.

Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen war -- etwas,

worüber der Schwager sich ärgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das

ihn verstimmen konnte? Doch nein -- was hätte das wohl sein sollen! Bei

ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war -- gleich ehrlich und offen

fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die

Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing

ein Christus von Michelangelo -- ein Holzschnitt. Er sah flüchtig zu ihm

auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der

Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische

Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." -- "Die?

Du?" -- "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen können. Dort lag sie im

Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." -- "Nein! Das

ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts

als unhaltbare Juristerei." Verwundert über diese Antwort des Pastors

und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist

diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen Theologen allgemein?" --

"Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die

verschiedenen Ansichten über die Versöhnungslehre genau

auseinandersetzen zu können." -- "Aha! Na ja -- eine ganz gute Manier!"

-- Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fünften Male schon.

Sicher -- da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er

stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt

den roten Sonnenschirm seiner Frau über dem Musselinkleid auftauchen

sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend

unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwährend zu ihr

emporgewandt, während er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden

gingen drüben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging

eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm in die Höhe (wie

hübsch der war!) -- eine Dame, nicht so groß wie Josefine, aber

schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr

Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm von

fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin sein. Freilich, jetzt

erklärte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein

sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da

neben Josefine geht? Sie muß mit demselben Dampfer gekommen sein wie

Du?" -- "Ja." -- "Du kennst sie?" -- "Ja. Es ist meine Frau." -- "Deine

... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide Damen

heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und wandte sich um. Aber er sprach

ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam

auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." --"Seit sechs --?" Des

Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs höchste

verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er.

Wie lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs

Jahre her, daß ...

Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht

am Zaun, während Josefine und der Junge jetzt herüberkamen. "Du,

Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine

Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine

Antwort. "Weil der Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte

es. Alle drei sahen hinauf.

Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen;

der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe

stehen.

Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während Kallem auf sie

zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach

rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine

Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, Nicolai

Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach

dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame"

habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor

gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet

hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Großmutter, um es der zu

erzählen.

"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem,

während er die Hand seiner Frau faßte und dem Pastor in die Augen sah.

Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber,

die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.

Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen

Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel

geschrieben mit der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit

unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß nach der heiligen Schrift kein

anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim

Ehebruch betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; wenn

jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen scheiden lasse und sich

wieder verheirate, während sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die

erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen

hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben,

weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im

Gedächtnis stand, erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines

kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig

geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis mit einem andern

unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflüchtet sei

und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß

eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr

geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? Wer könnte eine solche Ehe

anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?"

Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte völlig mit ihm

überein; sie haßte die Frau, die ihren Bruder verführt hatte, im voraus.

Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.

Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar nicht bringen können! Und

dabei waren sie so sicher gewesen, daß der Bruder all solche

Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der

Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter sämtlichen

jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten

erwarteten.

Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke,

daß sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie

ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen

sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben für

Ehebruch erklärt hatte!

Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der

Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen Norwegens forschte, daß er

sogar Johnsons Dogmatik las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen.

Er hatte es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte

nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? Sein rechter Arm

umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt

mit ihrer Rechten hartnäckig den Sonnenschirm über sich, als könne der

sie schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mußte

heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das

ihres Mannes.

"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das

geschah. Er führte sie im Haus umher, während Josefine sich entfernte,

um für Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten

zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Straße ging, dann

in die dahinter liegende Eßstube, von dort in die Küche, die an der

Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf

derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an

das Studierzimmer stieß und eine Altane hatte, die mit der Treppe am

anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene

Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum fünf Minuten. Von Seiten

des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein

paar spöttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah,

daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem

kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern

berühmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der großen

Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot,

lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.

Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schluß,

glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hände des Schwagers und der

Schwägerin wie ein Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen

huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines Flügels. Der

Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem großen

Fenster stehen.

Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung

machen mußte. Der Pastor stand noch draußen und sah es. Diese Hast

steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefähr in

der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarrhof waren, bat sie

ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an.

Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene Gefühlsskala;

er war empört. Aber bald merkte er, daß sie wahrscheinlich gerade über

seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den

Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' ich mich nicht

richtig benommen?" -- "Du warst so böse -- hu, so böse, und nicht bloß

gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, -- ganz besonders

gegen mich! -- Nicht angesehen hast Du mich -- überhaupt nicht die

geringste Rücksicht darauf genommen, daß ich dabei war!" -- "Aber,

liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" -- "Dann laß

mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf

sich an seine Brust. -- "Aber, Kind, --hast Du denn nicht gesehen, wie

Josefine war?" --"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut

saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal töten!"

Und wieder flüchtete sie an seine Brust. -- "Na, na!" sagte er, "sie

soll Dir schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' ich Dich

wohl noch dürfen!" -- Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich

hätt' überhaupt nie geglaubt, daß Du so sein könntest! Es war so ... so

unvornehm, Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen und zupfte daran. --

"Nun hör' einmal", sagte er ruhig, -- "das, was der Kerl über uns

geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das

war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte

sie nichts. Nach einer Weile hörte er ein leises: "Ich passe nicht da

hinein!" Er beugte sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins

von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar

hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von

Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir müssen das mannhafter nehmen,

verstehst Du, Schatz?" -- "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich

wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich jetzt dabei bin; Du

kannst nicht so sein, als wenn Du allein wärst!" -- Nein, das merkte er

denn auch, und hatte ein recht böses Gewissen.

* * * * *

Auf Gottes Wegen · 第 10 / 25 段