Daß andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich
kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig.
Ihre Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und
nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er
wußte nun, daß sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie
reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; -- der
Mund stand ein bißchen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz
besonders "süß". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das
Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer über dem Blond.
Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Weiß. -- Man konnte den Blick
nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es
freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die
Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein
Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er
gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik über alles?" -- "Ja,"
erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor
sich nieder. Er überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie
nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mußte er sich selber
in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben?
Leider müsse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu
unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie
nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaßen unsichtbar.
Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte
augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen
zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lächelte ihm
gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte!
Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs
durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause
begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres Anrecht darauf als andere,
weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie überlegte
gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen
"Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, würde sie begleiten;
aber sie könnten ja beide mitkommen. -- "Natürlich!" sagte er munter;
heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" nehmen!
Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken
vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder sich seinen Platz und habe
jeder sein Geschäft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden
Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Füßen.
Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der
Treppe klang helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut
der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so früh nicht
fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der
auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr
den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen
wollte, wurde sie ängstlich, klammerte sich fest an ihn, während sie
mitrennen mußte, rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie
benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb stehen und fragte, ob
das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie könne fallen.
"Sie sind wohl überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" -- "Ja, das bin
ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im Grunde doch eine
rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stück weit, ohne zu sprechen; die
beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der
Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht anders können.
"Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. -- "Nein, aber das jüngere
von den Kindern ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die muß
morgen wieder früh heraus." Der nordländische Singsang ihrer Stimme
versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer
so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern
so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim
Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber ist es nicht wunderbar, daß das
Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nähe ist, und
schwermütig, wenn man daran denkt?" -- -- Ein paar Schlitten kamen rasch
von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, und sie zog ihn mit
sich bis an den äußersten Rand des Wegs, während es vorübersauste, drei
Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo.
Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, bis es sich verlor;
wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich
bemerkbar zu machen.
"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fällt", sagte sie.
Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch ging eine
Zeitlang zwischen dem "Nußkern" und den Herren hin und her, bis wieder
ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie
nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. Aber sobald die
Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen
sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil
der Wanderung zu Ende.
Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie -- mitten
unter den Schneesternen -- das Weißeste, Feinste, was er je gesehen
hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll
musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher
Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom
Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren
Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal
sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt
über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es
über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu
begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das
Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder
sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer
Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem
Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander
gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch;
aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts
weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen
der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die
andere beugte sich über die Kinder, -- zwei reizende kleine Mädchen,
angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er
lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken
angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im
Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer
Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern
herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und
Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ
sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit
Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch
das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern,
die ihr alle zu weit waren -- später hörte er, daß sie von ihrer
verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den
Kindern beschäftigte, wozu er -- als großer Kinderfreund -- ein
auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu
unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem
Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit
für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem
Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens
und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so
wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte,
beileibe keinen andern, und Kallem war -- obgleich er wußte, daß
allzuviel nicht gut war für das Kind -- natürlich völlig damit
einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette
geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau
stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine
noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die
Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß,
wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und
fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen
Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn
sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein.
Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie
waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf
den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine
Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit
ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine
Weile fest.
Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein
Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu
besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen,
Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen.
"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" -- mit ihrem leisen
nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich
hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen,
wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht
süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch
Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß
sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah -- vielleicht, weil es
heller Tag war --, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig
sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie
für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der
Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen
Ton.
Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße
Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und
sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er
las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja
doch alles nur der Mutter wegen!"
Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang
nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend
hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war,
um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie
zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern
den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es.
"Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an;
prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch,
wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die
Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der
Küche zu sich herein.
Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie
grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur,"
fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da
gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei.
Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten
Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles
sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz
so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder
ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie
voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem
Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die
kleine Juanita?"
Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte
und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern
waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie
weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen
Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den
Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie
nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben
ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als
die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte
sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe
fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren
fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf.
"Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür
öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen
vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten,
tränenvollen Augen an.
Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich
verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie
die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus
dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich
einsam.
Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er
selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf
seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die
Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat
seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er
selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau
hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah
Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib,
deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung
klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die
Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen
Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in
diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer
aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders
aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie
des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine
ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen
hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die
untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von
einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der
dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin,
studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses
schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen
zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze
kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des
Mannes auf der Stuhllehne -- der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter
Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und
herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame
mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das
war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die
junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen
schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu
einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre
gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich
schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie
frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der
ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.
Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den
Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben
hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen
Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame
bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll
Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das
Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden;
sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen;
vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu
ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen
Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung
mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im
Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern
gehöre, und daß sie befreit werden müsse!
Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.
Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch
ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und
verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner
Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor
mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er
sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht
täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen
hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe,
hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt
seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.
Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei
nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war
nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie
nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber
seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei
dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer
Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts,
was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.
Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder
wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand,
denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich
Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich
bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der
Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er
auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, -- worüber sie
sehr erfreut war -- nahm sie als selbstverständlich an, daß er im
Schlitten oder Wagen kommen werde.
Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie
endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus.
Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er --"eben geht
der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen,
die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor
der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber
tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und
zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm
lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie
versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen
verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren.
Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter
Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten
Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so
besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm,
starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es
schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt,
trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein
bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu
schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen.
Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen
Pausen.
Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee
oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald
ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht
wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel.
Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie
das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in
rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie
hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier
unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines
Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren
zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas
Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog
jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an
seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener
Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an:
sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel
eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn
ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die
Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie
gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und
ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine
schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als
gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich
ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und
ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr
das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen -- er antwortete
nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den
Übergang nicht einmal merkte.
Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe
Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht
geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der
Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen,
holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen
einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie
ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide
lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte
sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz
leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem
Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer.
"Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer
zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden.
Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser
gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie
glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er
ausglitt und fiel -- der eine über den andern. Er machte seinem
übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den
Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen
Augen da.
Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und
legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh
aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht
war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt
rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer
auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen
auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre
Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt,
nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude
nicht mehr zügeln, -- er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie
ein-, zwei-, dreimal. "O Du -- wie ich Dich liebe!" flüsterte er und
küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort
auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern
taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen
mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie
allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich
aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte
er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an
hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch
ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie
nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und
als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem
Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu
sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste,
kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie
in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst
brach es in voller Melodie hervor.