Behandlungsweise; im Beschreiben der Schuleinrichtung und des
Zusammenarbeitens mit der Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer
weithin bekannten Mädchenschule an der Westküste, und die wollte er
übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu setzen. Sein großes Ziel war die
Simultanschule --Knaben und Mädchen zusammen. Aber erst hieß es, den
Unterricht in allen Hauptfächern reformieren, und zwar so, daß die
Fächer leichter gemacht wurden, und nicht bloß zugänglich für die
Begabtesten. Und das wollte er an der Mädchenschule ausprobieren.
Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika
und vielen europäischen Ländern, einen Schatz, den er unablässig
vermehrte. Auch eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein
eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen,
der zu Weihnachten fertig geworden war und sich jetzt auf das praktische
Examen vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam bewohnten,
waren angefüllt mit Rendalens Sammlungen und Bibliothek.
Sein Äußeres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinüberspielendes Haar,
das starr in die Höhe stand, Sommersprossen, blinzelnde graue Augen
unter weißen, kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase
breit und leise aufwärts strebend, der Mund zusammengekniffen; kurze,
sommersprossige Hände, jeder Finger voll Energie; nicht groß, aber
vorzüglich gebaut; sein Gang, auf auswärts gerichteten Füßen, war
leicht, als gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er auch
kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den Turnseilen. Auch Edvard,
der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer
angespornt; denn Rendalen besaß, wie kein zweiter, die Fähigkeit, andere
für das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in
dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen; und gerade das konnte Kallem
zum Entzücken; dies setzte vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm
hatte, die Krone auf.
Sie hatten viele Berührungspunkte. Beide waren Spezialisten, beide
bedeutend in dem, was sie sich als Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem
Denken, voll reformatorischen Mutes, beide zum äußersten auf ihre Person
bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, --Rendalen legte sogar
übertriebenen Wert darauf. Beide hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel
der Gedanken, das schon errät, wenn erst die Hälfte gesagt ist. Beide
ergänzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen war musikalisch,
war ein Meister auf dem Klavier und sang recht gut. Kallem sang noch
besser, und Rendalen feuerte ihn immer mehr an.
So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab --
er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, über die
niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an
Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte Scheidewand da
war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls
diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.
Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis
einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die
Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war
geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so
spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand im
Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. Überhaupt war er es, der
bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange
Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte.
Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das
seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpaß. War er
aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die
ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen.
Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung,
und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander
getreulich alles zu -- jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar
waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher
von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aßen sie hinterher
zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte.
Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den
Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen
waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite
gelähmt war, und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast
noch ein Kind -- die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte.
Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der
Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen,
merkte er, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünsche. Aber auch, als
die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder
turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar
Übungen gleich wieder weg; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn
begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel!
dachte Edvard.
Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als gewöhnlich nach Hause
gekommen war -- in der Regel war er den ganzen Vormittag fort -- hörte
er draußen läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt erklang im
Vorzimmer. Er trat hastig ein, -- finster, wortkarg. Er habe ein
Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle.
Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, um sich irgendwelche
Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem
Grund, sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden wohl
schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und
Vangen? Oder wolle er nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch,
freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, auf den
er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; die Wirtin würde ihn gern
vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in
diesem Saal! -- "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" --
"Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide,
er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten später war alles
abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der
wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam,
saß Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in Schlafrock
und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen wohne jetzt in der
Sehestedsstraße, in Kallems früherer Wohnung; sie hätten getauscht.
Beide lachten.
"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch
das einzige, was er sagte.
Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und
hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit
dem Mädchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm
Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah
aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentümliches Lächeln,
ungefähr als wenn sie sagen wollte: "O -- ich durchschau' Euch alle
miteinander -- auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum
erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie dieses Lächeln. Ihre Augen waren
bis über die Hälfte verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden
Falte darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und zog beim
Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern in die Höhe, daß die
Oberlippe vorstand und eine Reihe Zähne zeigte, die sich um den Platz zu
streiten schienen; sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, was
sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den
Lidern schoß es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche
Stimme. Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie der Teufel
und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend und vorsichtig in
Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er
sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem -- ich werde in Herrn Rendalens
Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: "Oh!" -- als kenne sie alle
seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie,
so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten
von ihm; aber trotzdem -- zum besten gab sie nichts.
Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, schräg gegenüber
der Universität. Die Haustür ging auf die Straße, an der auch Kallems
Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor
wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer -- das andere,
sein Schlafzimmer, lag außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte
noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der
Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem großen
Schild, auf dem "Sören Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags
darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.
Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen Rollstuhl. Er war noch
jung, der Unglückliche, kaum über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt,
mit schweren Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf
Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen. Der
andere saß da, ohne sich zu rühren und antwortete langsam: "So, so! --
Ich bin nämlich blind. -- Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er
sagte es mit nordländischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das
plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge
waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; es war
augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf
der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit
war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von
Spanien an den Wänden brachten ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht
von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da
unten so freigebig ist.
"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertönte es endlich wieder. In die bewegliche
Seite des Körpers schien eine Art Leben zu kommen, während er den Kopf
nach einer Tür links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; niemand kam.
Die Stille färbte sich grau vor seiner Stimme, seinem gleichgültigen
Wesen, seiner schwerfälligen Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig -- da
lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe er Kinderstimmen
gehört? _Hier_ waren Kinder? "Ragni!" dröhnte es noch einmal, langsam.
Dann --leiser: "Sie wird in der Küche sein und das Essen richten!"
Wieder dieselbe graue Stille. Schellengeläut von der Straße her zerriß
sie einen Augenblick; dann zog sie sich um so lastender wieder zusammen.
Die Möbel waren -- für eine kleine norwegische Stube im Winter -- zu
schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen und verblichen. Die
Kupferstiche und Photographien hingen in großen Rahmen, die nicht dicht
schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben
hatten. Nur das Kinderspielzeug und der Flügel hoben sich von dem andern
ab; der Flügel schien ganz neu zu sein und stammte von der besten
Pariser Firma -- augenscheinlich ein Konzertflügel. "Die gnädige Frau
spielt so gut -- habe ich gehört?" -- "Ja." -- Kallem wußte, daß sie
sich von Kind auf für die Musik ausgebildet hatte, und -- um etwas zu
sagen --griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium in
Berlin studiert, nicht wahr?" -- "Ja!" --Im Zimmer rechts, das an das
Eckzimmer stieß, wurden Stühle gerückt. Kallem griff dies Thema auf. --
"Ich bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich höre?" -- "Ja." --
"Ein Verwandter von Ihnen?" --"Ja, eine Tante." -- Wieder wandte Sören
Kule den Kopf nach links und rief gleichgültig: "Ragni!" Niemand
antwortete, niemand kam. "Mir war, als hörte ich draußen jemand gehen",
sagte er, wie um sich zu entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem
stand auf und verabschiedete sich.
Einige Tage später gab er Rendalen eine humoristische Schilderung dieses
Besuchs. Rendalen lachte. Er selber sei nur selten dort gewesen; aber er
habe viel gehört von "Sören Kule". Er versicherte, seinetwegen möge den
Kerl der Teufel holen -- er habe nicht die geringste Lust, über ihn zu
sprechen. Und er setzte sich ans Klavier und spielte.
Wieder einige Tage später -- wem begegnete Kallem draußen im Korridor?
Wem anders, als seinem zukünftigen Schwager, Herrn Ole Tuft --
Kandidaten der Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein
Schlußexamen zu machen. Große Wiedersehensszene! Der eine hatte keine
Ahnung von Kallems Umzug, der andere keine, daß Ole Tuft im Hause
verkehre. Kallem lud ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und
erfuhr nun, daß Ole heute zum erstenmal hier war. Er verkehrte bei der
Tante der Wirtsleute, die gestern hier eingezogen war. Edvard Kallem
wußte jetzt gleich, zu welcher Art Menschen sie gehöre, und ließ das
Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den Sören Kule kenne.
Nein, nur durch die Tante. Die ganze Familie stamme aus Nordland. Wer
eigentlich dieser Sören Kule sei? Ein wohlhabender Fischhändler, der
blind und lahm geworden sei; er habe sein Geschäft verkaufen müssen und
dies Haus in Kristiania erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er.
Sie hätten Verwandte in der Stadt und seien erst im Oktober hergekommen.
-- Ob Ole Tuft wisse, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit
sei? -- Nein. -- Kallem erklärte, wie darüber eigentlich kein Zweifel
sein könne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf er's dann wagen, zu
heiraten! Und dazu zweimal!" --"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" --
"Ja! Seit etwa einem halben Jahr -- oder auch vielleicht einem Jahr.
--Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." -- "So stammen die Kinder
aus seiner ersten Ehe?" -- "Ja. Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk
doch -- achtzehn Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" -- "War er schon
so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" --"Nein, das glaub' ich
doch nicht. Kränklich, ja -- aber nicht so. Die wenigsten werden es ja
begreifen können." -- "Hast Du sie gesehen?" -- "Nein. Aber sie soll ein
'feines' kleines Geschöpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat
schon öffentlich gespielt." -- "In Nordland wahrscheinlich?" -- "Sie
sollen ungeheuer kritisch sein da oben." -- Er kam wieder auf die Ehe
zurück. "Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht --der Kinder
wegen." -- "Also Pfarrersleute?" -- hätte Kallem fast gesagt; aber er
besann sich beizeiten. "Wählerisch ist sie jedenfalls nicht -- bei
Gott!" --sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bißchen über
gleichgültige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwähnt. Eine Weile
später ging Ole zur Tante hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem
war diesen Vormittag zufällig daheim und hörte die Frau des Hauses
spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; dann aber ein Stück, so
meisterhaft vorgetragen, daß er einen Spalt seiner Tür öffnete, um
besser zu hören. Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt
konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand und dieser Lyrik,
solch einen verfaulten Fleischklumpen heiraten? Es war ein Rätsel. Er
ging damit zu Rendalen; aber Rendalen wußte gar nichts. Immerhin war er
just bei guter Laune und äußerte sich voller Begeisterung über ihr
Spiel; wenig Kühnheit war darin, aber ein Gesang, ein erotischer
Farbenreiz, die ihresgleichen suchten. Er spielte ein russisches Stück
-- wie sie --oder doch -- wie er hinzufügte -- so ungefähr; er spielte
es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. "Dumm sieht sie
aus!" schrie Rendalen. "Einfach dumm! Die Stirn könnte ihre Rettung
sein; aber da zerrt sie die Haare darüber. Auch die Augen könnten sie
retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen gesehen, das so
blödsinnig schüchtern gewesen wäre mit seinen Augen!" -- "_Hat_ sie denn
Augen?" -- "Herrgott! Und was für vieltönige! Die meisten singen glatt
unisono -- wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber manche -- ganz wenige --
singen strahlende Akkorde! Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fühlst
Du's. Aber für gewöhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder bohren
Löcher in die Ecken -- oder zünden das Feuer im Ofen an. Manchmal fahren
sie ein Stück an der Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg
findet." Er war ganz belustigt über seine eigenen Bilder und setzte sich
an's Klavier, um einen raschen Tanz zu spielen. -- "Ist das nun nicht
des Teufels, daß solch ein musikalisches Geschöpf -- ach was! Bloß
nicht sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, und Kallem
mußte mit.
Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem sie nicht gesehen, wie
sehr er sich auch bemühte hatte. Dann machte er einen Familienball mit,
-- der Sohn des Hauses war sein Studienfreund -- und bei einer
Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, was er wählen
wolle -- "Nußkern" -- oder "Heckenröschen"? Besonders geistvoll war es
ja nicht; aber Edvard wählte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine
Musikerstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; im übrigen war sie
schweigsam und unbedeutend. Ziemlich groß, abfallende Schultern, schöne
Arme, nicht voll, aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze
Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, als möchte sie so
rasch wie möglich von ihm loskommen; und wie er sie an ihren Platz
zurückführte, hatte sie ihn kaum angesehen. Er war höchst erstaunt, als
sie ihn bei der nächsten Tour holte. Vielleicht kannte sie nicht viele
Menschen, und ihre Bekannten waren gerade nicht frei. Sie sah sich scheu
um, kam dann mit kleinen, zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte
sich, ohne jedoch aufzublicken. Es schien fast, als fürchte sie sich,
und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr sein und setzte
sich neben sie. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, nur
mit "Ja" oder "Nein" oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so
gefeierten Kavalier doch zu viel; er stand auf und verließ sie. Kurz
darauf hatte er wieder die Wahl zwischen dem "Nußkern", den er vorhin
verschmäht hatte, und einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nußkern".
Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, das eine
Mischung von nordländischem und Bergener Dialekt sprach. Sie erzählte
ihm, ihr Vater stamme aus Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie
sei hier bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Bälle mit; sie
hätten so viele Verwandte in der Stadt. Alles das singend -- echt
nordländisch. Leider müsse sie bald wieder nach Hause; sie bangten sich
so nach ihr daheim, und die alten Leute möchten nicht gern allein sein.
Kallem war natürlich der galante Mann und tat, als interessiere ihn das
alles sehr; sie waren bald dicke Freunde. Sie plapperte wie ein Mühlrad;
sie sei hierhergekommen, um ihrer Schwester beim Umzug zu helfen. Die
Schwester sei so unpraktisch -- ganz im Gegensatz zu _ihr_; sie könne
überhaupt nichts als Klavierspielen. Von kindauf habe sie gespielt, und
sie sei zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die Ohren zu
spitzen. Und wirklich -- die Schwester war seine Tänzerin von vorhin,
die er so langweilig gefunden hatte -- seine Hauswirtin, Frau Ragni
Kule. Der "Nußkern" war übrigens gar nicht ihre Schwester; sie waren
Stiefschwestern. Und der "Nußkern" war auch nicht, wie er glaubte, die
ältere; im Gegenteil -- die Schwester war bald neunzehn und _sie_ knapp
siebzehn.
Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja
seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie
sah aus, als fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts zu
ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das
nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. Über diese neue Sünde
-- daß sie es verschwiegen hatte -- wurde sie noch viel zerknirschter;
sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er -- übermütig und
ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen wohl schwer, gnädige Frau?" Sie
wurde sehr blaß. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas
herzzerreißend Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich
daher, daß er von vornherein wegwerfend von einem Geschöpf dachte, das
sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu
heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein
Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, Sie verfügen über eine
Sprache, die Ihnen leichter fällt, als den meisten andern." Und nun ging
er ganz natürlich auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz,
erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte Rendalens kompetentes
Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berühmte
Virtuosen, die er selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art;
denn auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie
soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn
nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. -- Es gehe ihm recht
gut. --Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß sie lachen
mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht.
Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen
kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang
ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; aber weniger als bei der
Schwester. Die Stimme war in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr
süß. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und
dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" --
"Des Zimmers?" fragte er zurück. -- "Ja -- daß er vielleicht gehört hat,
die Tante möchte es gern -- die Tante meines Mannes!" berichtigte sie
und war schon wieder ganz verlegen. -- Ob sie ihm denn gekündigt hätten?
-- Keineswegs! -- "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekränkt
fühlen!" -- Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal
gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nie
ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren
Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" -- "Ja!" sagte sie und lächelte. --
"Weshalb lächeln Sie?" --"Ach -- es ist vielleicht nicht ganz recht --
aber sie war wie ein Mann." -- Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie
verlegen und wollte es zurücknehmen; sie habe bloß gemeint, Frau
Rendalen sei so tüchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk
damit; sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie
süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er
sich lustig über sie? Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt
hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die
Stirn frei. Schau', schau'!