zurück und bog vom Weg ab in ein Wäldchen ein; dort warf er sich nieder
und wartete, bis die Sommergäste zurück- und vorbeikommen würden. Er
drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und
Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm
... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so
war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen
gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.
Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.
Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert
hatte, während er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr
gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich
gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren!
Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich
zugute schreiben! Denn hätte er's -- ihretwillen -- nicht so
gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen
hatte -- so hätte er mehr gewußt von den Dingen, um die sich's handelte
-- hätte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mußte er um
seiner Treue willen erdulden.
Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr
zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding
gewesen, mit großen schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten
Händen und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken"
genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme
Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb
und trotzig und immer -- drei Schritt vom Leibe. Und dann -- sie war so
oft der Anlaß, daß er Schläge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu
erzählen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür
verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erzählen. Das
empörte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, daß er
das väterliche Haus verließ. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater
und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte
sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz
regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht
geglückt war, das glückte _ihm_. Der Junge wurde sofort aus der Schule
genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften,
leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge
waren sein Höchstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschließlich
derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen Fächer eignete
er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie möglich an, und nach
der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim
war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte,
und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich
gleich Null. Später nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins
Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem
Apotheker ab. Also kamen auch während der Ferien Bruder und Schwester
nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine
erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen
Bruder gesehen und gehört hatte -- modern in Kleidung und Gedanken,
feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der
weiblichen -- hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah
sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber
sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war
-- wenn auch nur ganz still in einer Ecke.
Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber
sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht",
einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr
erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekränkt dasaß, sammelte
Ole sich Schätze in ihrem Herzen.
Mit Edvard war eine große Veränderung vorgegangen; seine Neugierde war
zur Wißbegier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig
durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von
denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen,
seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in
Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu
Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht;
auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die
Schwester, die er _jetzt_ sah, die kannte er nicht. Nach der ersten
Begegnung war er ganz von ihr erfüllt.
Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter Verwunderung),
sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen
und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern
mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie
mit ihr schwanger ging. Wäre nicht dieses Unnennbare -- die Augen
gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet -- wären
nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern ruhig für eine
Landsmännin gelten können. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte!
Sie sprach gut --lebendig und rasch -- war aber eigentlich wortkarg, und
hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke
Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht
eher scheu.
Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und während der
Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es
sich machen ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob
er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; aber es
schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und
daß seine Augen stets die ihren suchten.
* * * * *
Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens
preßte, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den
Bruder hatte tanzen sehen -- mit der und mit jener -- manchmal mehrere
Tänze mit einer und derselben -- und mit ihr bloß eine "Pflichttour".
Und jetzt?
Jetzt war sie Edvards Schwester -- seine geliebte Schwester -- und Oles
und ihre Wege gingen auseinander ...
Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, von dem er doch
gar nichts wußte? Sich Rechte anmaßen, die er sich durch nichts verdient
hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer
für sie passe -- und wer nicht?
Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen in dem, was ihm
Lebenssache war? Und nicht allein ihn -- sondern Gott selber.
Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein
seltsam heller Lichtschimmer -- und in diesem Schimmer stieg etwas
Großes empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es
ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen
gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum --
von dort bis hier --: "Was hast Du aus mir gemacht?"
Ah -- wie plattgedrückt kam er sich vor -- wie in die Erde
hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem
Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren
heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter haben
neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! -- Und Deine
fleischlichen, Deine eitlen Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht
wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" -- -- --
Über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.
Es war nicht das erstemal, daß der Ernst des Alten Testaments von den
Höhen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All
diese Fragen -- ob "groß" -- oder "klein" -- ob er das "Höchste" wagen
oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmäßigen begnügen sollte -- sie
waren ihm nichts Neues.
Doch wenn er dann Josefine wieder traf -- bei guter Laune -- so waren
diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten Händedruck schob
sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden Übergang
strömte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr hätte
Josefine sich heut von ihm abgewandt, bloß weil der Bruder es wünschte!
Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefaßt hätte, dann hätte sie gerade
entgegengesetzt gehandelt. Nein -- weil er ein Schwächling war, wandte
sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich
nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte
sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den
andern auf dem Hügel gesessen und später, beim Essen, mit einigen
Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie
sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich
sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja
doch treu.... Ganz gewiß! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller
Welt hatte er das nicht gleich gesehen?
Er hätte gern gehabt, daß sie ihm auf eine oder die andere Weise
geholfen oder ihn wenigstens getröstet hätte, ihm gezeigt hätte, wie
leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel
ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war,
und die Leute sie beobachteten.
Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewußtsein dieser
erfreulichen Entdeckung sprang er das Gehölz hinab über den
Straßengraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.
Großer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie
sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, großen
Blick, bei all ihrer Majestät!...
Der späte Sonnenuntergang hinterließ keine Röte am Himmel; die Nacht war
grau und schlaff, der Weg, am Fuß einer kahlen Anhöhe entlang, anmutlos;
zu beiden Seiten kleine Anwesen, die Häuser auf der Anhöhe, ärmlicher
Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige Bäume
und vereinzelte Büsche.
Er sah es und sah es nicht, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der
auf die Stadt zuging. Ole mäßigte seine Schritte, um diesen einen nicht
einzuholen, und merkte gar nicht, daß vor dem, der dort ging, einer war,
der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War
das nicht...? Oder täuschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun
auch den Gang, die Figur! Es gab nur _eine_ solche! Josefine kam zurück,
um ihn zu holen! Das sah ihr ähnlich.
"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr großes Gesicht war gerötet,
ihr Busen wogte, die Stimme klang gedämpft, der Sonnenschirm, den sie in
der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah
ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie
unwillkürlich lächelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit
durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem
flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger
Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte
ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwärts: er
solle gehen.
Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte;
sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie.
Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen,
erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, -- für die beiden
wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist.
Sie ließ ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren
begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du,
ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..."
Tränen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie
wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan.
Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen
Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark
und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im
Takt, der elektrische Strom ihrer Nähe trug ihn. Sie waren ganz allein,
und es war ganz still; sie hörten ihre eigenen Schritte und das Rascheln
des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ängstlich
still, als könne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das
einzige Unvollkommene war -- denn etwas Unvollkommenes muß ja immer sein
-- daß er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in
seinen Arm zu stecken -- auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er
sie drücken. Aber er wagte es nicht.
Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, daß kein
Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. -- "Sonst wäre es
heller", erwiderte sie lächelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren
zusammengetroffen, die Klänge hatten sich vermischt und spielten noch
lange miteinander wie Vögel in der Luft.
Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. Während Ole
darüber nachsann, was er das nächste Mal sagen solle, wurde er gerührt
und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als
sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er
davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends;
aber von diesem Elend schrieb sich seine Erhöhung von heute her, heute,
da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte....
Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.
Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz
allein jetzt, wir zwei beiden?" --auf schlauen Umwegen wollte er darauf
zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so
antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz
still. Und plötzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie
es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und
mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei
anzusehen. Sie gingen weiter.
Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der
Schiffe floß zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen
Maste von Zuckerwerkschiffen. Die Häuser in flaumigen Umrissen, fast
farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und
hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener
Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Möchtest Du
mir nicht etwas erzählen?" fragte sie schnell, als könne sie es nicht
mehr aushalten. Er fühlte sich wie erlöst und fragte, ob er vom -- Licht
erzählen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?
Er fing an; aber er wußte es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie
eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte
er -- er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem
Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erzählen!" sagte
er. "Du weißt, -- wo wir gestern unterbrochen wurden." -- "Also nehmen
wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. -- "Du magst
nicht?" -- "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das
Vorhergehende wieder gutmachen. So erzählte er denn den Schluß der
Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk,
das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. _Der_ Stoff lag
ihm; seine westländische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas
Schwebendes, die streng schulgemäße Behandlung des Wortes, die den
ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des
Dialekts, paßten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes
Melanchthonantlitz schwärmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte
jedesmal in sein reines Herz.
So kamen sie in die Stadt. Die Erzählung ergriff sie, und beide waren so
eifrig geworden, daß sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand
begegnen könne, oder daß zu beiden Seiten Häuser standen; er redete nur
ein bißchen leiser, und sprach weiter.
Aber als sie sich der Straße näherten, wo seine Tante wohnte, und wo er
hinein mußte, hielt er inne, trotzdem seine Erzählung noch nicht zu Ende
war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein
paar Häuser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mußte er sich hier von
ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu.
Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies
"Aneinanderkleben" -- daß einer mitging bis an die Haustür des andern,
wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag -- nie leiden
mögen. Schon seit ihrer Kinderzeit -- weil man sie immer mit ihm geneckt
hatte. Aber sie wußte -- _er_ legte hohen Wert darauf.
Während des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten,
wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier
verabschieden --? Oder --? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es --
durch die Wiederholung -- etwas Großes geworden. Sie war sich selber
nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie
sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum
Abschied. Sie sah, wie enttäuscht er war. Und um es gleich wieder
gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren großen Augen an, drückte ihm
fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz
anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde
fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch
gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und
immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen
Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich
noch einmal nach ihm um -- dankbar, daß er weder in Wort noch Tat _ihrem_
Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.
Wenige Minuten später stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um
sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die
geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf
den Dächern -- oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den
Hof hinaus, den großen Schulhof, dessen Abschluß die Turnhalle bildete;
einige Turnapparate standen auch draußen. Von der Straße aus lag das
Zimmer im ersten Stockwerk -- von der Hofseite im Erdgeschoß; hundertmal
war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu
benützen. Sie öffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute
wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten
wäre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand
er nicht. Vielleicht hatte sie ihn bloß deswegen schon oben
verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.
Bei näherem Überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof
hinaus. Es geschah nicht selten, daß junge Leute, wenn sie von einer
Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei
an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten
Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am
Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden
-- das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb --
vornübergebeugt -- am offenen Fenster stehen -- -- sah vor sich, was
eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.
Da hörte sie draußen Schritte -- erst auf der Treppe, dann auf dem
Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein --? War er so
sentimental, daß es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn
er es wirklich wäre! Gott gnade ihm, wenn er's war! -- Sie lauschte in
höchster Spannung. Nein -- die Schritte waren zu rasch. Das war -- --
sie fühlte es -- -- dort stand -- -- ihr Bruder ...
Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam
direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war,
streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen
schielten ein bißchen -- das sicherste Zeichen, daß er erregt war. "Gut,
daß Du noch wach bist; ich hätte sonst geklopft." Forschend suchte sein
Blick den ihren; er ließ ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst
gekommen?" -- "Ja, eben erst," -- Sie war plötzlich ganz in seiner
Gewalt; und hätte er sie um das Unmöglichste befragt -- sie hätte
antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich
Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du wärst
zurückgegangen zu Ole." -- "Ja." -- Er hielt _inne_; seine Stimme
zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" -- Es
dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte.
"Ich glaube!" sagte sie.
Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie hätte am liebsten
laut hinausgeweint. War es so töricht, was sie getan hatte? Eine
entsetzliche Angst überfiel sie. Da faßte er mit beiden Händen ihren
Kopf, zog ihn zu sich nieder und küßte sie auf die Stirn. Sie brach in
Tränen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie --
Wange an Wange.
"Na ja -- wenn es nun einmal so ist -- so wünsch' ich Dir alles Gute,
Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann ließen
sie einander los.
"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte
ihm alle beide. -- "Heut, Edvard?" --" -- Ich war ein Narr! Leb' wohl,
Josefine!" Sie machte ihre Hände frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen
und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!"
schluchzte sie. "Nein, nein! Du mußt nicht!... Noch einmal!" -- Und um
ein Ende zu machen, preßte er sie wieder in seine Arme, küßte sie und
ging davon, ohne sich umzusehen.
2
_Zweites Paar vor!_
Im März des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem vor seinem zweiten
medizinischen Examen stand, kamen plötzlich Dinge, die ihn auf ganz
andere Art in Anspruch nahmen.
Und das müssen wir jetzt berichten.
In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen Studien
mehr und mehr sich um die Physiologie kristallisierten, war unter allen
Physiologen der tüchtigste ein junger Student der exakten
Wissenschaften, Tomas Rendalen. Er war etwas älter als Edvard Kallem,
und weil es an und für sich merkwürdig war, daß ein Nicht-Mediziner in
diesem Fach Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit auch
Edvard Kallem, ohne daß dieser sich darum näher an ihn angeschlossen
hätte. Rendalen gehörte auch keineswegs zu denen, die für den ersten
besten zu haben sind.
Erst später, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als sie mit demselben
Dampfer aus den Weihnachtsferien nach Kristiania zurückfuhren, kam es zu
einer Art Annäherung. Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen in
seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich die Nacht über. Und ein
paar Abende darauf, als Rendalen =ihn= besuchte, wanderten sie zwischen
ihren beiden Wohnungen, die übrigens ganz nah beieinanderlagen, auf und
ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so genialer Mensch war Edvard
Kallem seiner Lebtag noch nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen
seinerseits kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der Klinik gegangen
war, dahergestürzt, bloß um zu erklären, von all seinen Freunden und
Bekannten sei Kallem ihm der liebste.
Rendalen war eine ursprünglichere, kraftvollere Natur als Kallem; er war
eine Mischung von Zahm und Wild, von Leidenschaft, Schwermut, Musik,
voll hoher Mitteilungsfähigkeit, aber mit verschlossenen Kammern, die
sich selten oder nie öffneten. Eine grenzenlose Energie -- und dabei
manchmal so von aller Kraft verlassen, daß er überhaupt nicht mehr
weiter konnte; die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad
gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft nicht _eine_ gerade
Linie -- lauter Unebenheiten, und doch über allem das Licht eines großen
Geistes. So unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm die
Enttäuschungen -- die ganze Persönlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit,
ihrer Geradheit so gewinnend, daß man ihn lieben mußte.
Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, und darin wiederum
auf den _einen_ Kern: jedes Kind über das "gefährliche Alter"
wegzubringen, das auf so ganz ungleiche Art sich äußere. Manche gingen
daran zugrunde; manche trügen Wunden davon, die erst spät heilten; die
mit gesundem Geblüt, unter besseren Verhältnissen Aufgewachsenen,
könnten heil ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. Alle
Erziehung, aller Unterricht müsse sich auf das eine Ziel konzentrieren:
einen _sittlichen_ Menschen zu schaffen. Das war sein A und O.