zum Kuckuck hatte es denn für einen Sinn, auf wilde Abenteuer
auszuziehen, wo es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte
Pastor werden, und er Arzt, und beide würden sie im selben Kirchspiel
leben. Wäre das nicht famos?
Edvard malte das immer weiter aus; sie würden Hof an Hof wohnen und oft
zusammenkommen, besonders abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der
Vater und der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten sie
sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd dazu halten, und
zusammen ausfahren; das war gemütlicher als allein. Oder sie konnten am
Strand wohnen und gemeinsam ein großes Boot haben -- alles gemeinsam.
Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch Edvard davon
nichts sagte. Aber es war klar, daß sie mit dabei war. Und Ole fand
das so zart von Edvard, und war ihm so ungeheuer dankbar; und das
gab den Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof waltete
und schaltete ...
Also schließlich war er einverstanden; es wurde bestimmt, der eine
sollte Pastor werden und der andere Doktor, und sie wollten
zusammenwohnen. Das letzte, wovon sie sprachen, waren Fischzüge.
Sie hörten noch gewissermaßen die schweren Schritte und die Reden der
Männer, die vom Fischzug heimkehrten, aber sie waren so müde.
Jugend
1
Erstes Paar vor!
Auf dem Land draußen, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte
sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu
abfallendem Teil sie saßen, war lustig bunt von Sommerkleidern,
besonders von Mädchenkleidern:
"Gelbe, schwarze, braune, weiße,
Grün und violett und blau --"
-- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte,
Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte Köpfe, Sonnenschirme. Eben stieg
ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Klänge eines
vereinten Männer- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein
eigentlicher Vorsänger; ein junges, brünettes Mädchen in braunkariertem
Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und
führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der
andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen.
In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen,
zur Hälfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.
Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der
schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer höher ansteigenden Klippen
überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem
Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen
worden ist. Die Berge -- wie schwer und stumpf in Linien und Farben --
holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen
schmutzigen Schnees, -- Ungeheuer einer wie der andere.
In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in
fröhlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer
des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest
gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unverschämt Stumpfe und
Rohe -- ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!
Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das
junge Volk begriff, daß er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das
darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt
gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, daß die Natur den
Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein
will; unter oder oben -- entweder -- oder! Und sie waren oben; denn das
Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte
Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der
sie leben, daß auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene
Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien
ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.
Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die
Menschen, die hier saßen und sangen, geboren und aufgezogen; nein,
ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer
landeinwärts gelegenen Höhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein
Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau
wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem
eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange,
strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen.
Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben
jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.
Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den --
wie er da unten rechts, ein bißchen abseits, auf seinen Ellbogen
gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne
Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die
aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; _die_ Stirn muß gute Stöße
ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie
ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein
bißchen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengläser, oder es
war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der
Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es näher betrachtete, so
wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als
Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend
aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und
schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasaß, voll Ingrimm, und sich
den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, -- -- viel lieber hätte
er sich eine Keilerei gewünscht! -- selbst jetzt flog ein Schimmer von
Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.
Wer etwa zweifelte, der brauchte bloß einen Blick auf die andere Seite
der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bißchen weiter oben,
an einen Baum gelehnt saß. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch
in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes
Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder
im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten
Familie. Er ähnelte auffallend den herkömmlichen Abbildungen von
Melanchthon; nur daß vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen
ein bißchen zu hoch geschürzt waren. Die Ähnlichkeit im ganzen --
besonders in Stirn, Augenstellung und Mund -- war so groß, daß er unter
seinen Studienkameraden auch tatsächlich den Namen Melanchthon führte.
Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert;
und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht
kräftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner
Edvard Kallem.
Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne daß
es darum zu einem Zusammenstoß gekommen wäre; heute aber war etwas
geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte.
Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der
Singenden, saß eine hochgewachsene Mädchengestalt in dotterfarbenem
seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen
Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern
reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gräser zum Kranze. Man konnte
sofort erkennen, daß sie die Schwester des Siegers sein mußte, nur
dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform -- wenn auch ihre
Stirn verhältnismäßig höher war, überhaupt das ganze Gesicht
verhältnismäßig größer -- zweifellos zu groß. Die scharfe Familiennase
war sanfter gebogen in ihrem regelmäßigen Gesicht; _seine_ schmalen Lippen
waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenmäßig,
die Augen größer --. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei
beiden verschieden; bei ihr -- wenn nicht kalt, so doch verschlossen und
ruhig; niemand hätte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch
war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf saß auf
einem starken, von kräftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch
die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen
Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit
der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen Körper, wie
überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugeknöpftem
machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und
wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei,
die da miteinander gefochten hatten.
Hervorgerufen war der Kampf durch einen großen, schwarzen Hund; der lag
jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glänzte
in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten Stöcke ins Meer geworfen und
den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen:
"Samson! Samson!" -- das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem
zu einigen Umstehenden: "Samson -- das bedeutet Sonnengott". -- "Was?"
fragte ein junges Mädchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" -- "Gewiß. Wenn
auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz
jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ärgern oder um daran
weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft hörte es zufällig und fragte etwas
überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht
sagen, daß Samson Sonnengott bedeutet?" -- "Weil dann die ganze
Samsonerzählung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu
brauchen wäre." Das Wort saß; und das sollte es auch. Lächelnd,
überlegen sagte Ole: "Samson läßt sich wohl trotzdem als Vorbild
gebrauchen --ob er nun Sonnengott heißt oder nicht!" -- "Ja -- ob er
Sonnengott _heißt_ oder nicht; wenn er aber der Sonnengott _war_?" -- "So?
Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. -- "Das sagt doch der
Name." -- "Der Name? Sind wir etwa Bären oder Wölfe, weil wir nach Bären
und Wölfen heißen? Oder Götter, weil wir nach Göttern heißen."
Verschiedene aus der Gesellschaft hörten das mit an; jetzt kamen auch
andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an
sie.
"Der Fehler ist," sagte Edvard, "daß in die Geschichten, die von Samson
handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man weiß, daß er der Sonnengott
war." --"Ach! Heutzutag müssen ja sämtliche Ahnen und Urgeschichten
aller Völker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein
paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten.
Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in
Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue
Religion bildete, da wurden unsere eigenen Götter, die ursprünglich
indische Sonnengötter waren, zu Stammvätern; ihre Altäre, an denen das
Volk geopfert hatte, wurden in Grabstätten umgewandelt. Auf diese Weise
wurden auch die alten Sonnengötter der Juden umgewandelt in Stammväter,
als der Jahvekultus sie als Götter verdrängte. -- "So? Und woher will
man denn das wissen?" -- "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie
sinnlos, zu glauben, daß die Stärke eines Menschen in seinen Haaren
liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, daß es die Sonnenstrahlen
sind -- zur Sommerzeit lang, im Schoß des Winters kurz geschnitten --
kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin
wieder wuchsen --nicht wahr? -- da konnte der Sonnengott wiederum die
Säulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem
Aas; wenn wir aber hören, daß es --so oft die Sonne durch ein
Himmelszeichen ging, z. B. durch den Löwen, -- hieß: die Sonne schlug
den Löwen -- ja, dann verstehen wir, daß die Bienen Honig im Aas des
erschlagenen Löwen sammelten, d. h. in der wärmsten Zeit des Sommers."
Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im höchsten Grade
verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, daß er
sie ansah; aber es war nicht mißzuverstehen: was Edvard anfänglich ohne
jeden andern Gedanken als den, ein bißchen zu protzen, begonnen hatte,
das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, daß Josefine zwischen
ihnen stand. "Bei den Ägyptern", erzählte er, "begann der Frühling, wenn
die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging,
und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ägyptischen
Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die
Juden dies später zu etwas umgewandelt haben, das sie von den Ägyptern
unterscheiden sollte, so ist das eine Fälschung. Gerade wie mit der
Beschneidung; auch die haben sie aus Ägypten. Aber so was verschweigen
die Herren Pfaffen."
Von all dem wußte Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium
hatte sich streng auf die Theologie beschränkt; er hatte auch gar keine
Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich
selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln
abzugeben. Hätte er das nun geradeheraus gesagt, so wäre kaum weiter
etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, daß Josefine zwischen
ihnen stand und sich bestechen ließ. So begann er voll Hohn alles als
bloße Erdichtung zu bezeichnen, die heute glänzt und morgen zergeht.
Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz
einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen,
daß die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart,
sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der
Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus Ägypten. Ebenso die Gebote. Kein
Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz
offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewußt
haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der Hölle? Woher der
jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all
dem nichts gewußt. Die Pfaffen sind -- na, einfach Leute, die nicht
ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine
senkte den Kopf; die Jugend, besonders die männliche, war offenbar auf
Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bißchen über den
angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich.
Ein junger Mann ergoß seinen Spott über die Schöpfungsgeschichte; Kallem
besaß geologische und paläontologische Kenntnisse und wußte sie gut
anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwähnte bloß
ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die
Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen.
Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von
einem Dogma zum andern; am längsten stritten sie sich über die Lehre von
der Versöhnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, daß noch
nicht einmal die persönliche Verantwortlichkeit des Individuums
existierte, bloß die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt;
jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an,
seinen Glauben zu bekennen. Als ob _das_ was helfen konnte! Behauptungen
-- Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu spät erkannte Ole Tuft, daß
er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein
tiefes Weh; er kämpfte ohne Hoffnung, aber er kämpfte dennoch und rief
es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten
zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach,
sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis
ans Ende der Welt! -- Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? --
Gottes Wort -- das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die
Schöpfung (oho!), der Sündenfall (hört! hört!), der Erlösungstod (hört!
hört! hört!) -- -- --Er schrie, die andern schrien, Tränen traten ihm in
die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und schön.
Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf
dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht
"reinlegen" -- und vor allen Edvard Kallem.
Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme.
Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern
fielen nach und nach ein -- die Herren ein bißchen später als die Damen.
Die Gesellschaft bestand zufällig -- bis auf wenige Ausnahmen -- aus
einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem
Fleiß und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen
Stadt möglich ist.
Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie
sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen beschäftigt.
Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so
heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht
beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner hätte nach ihrer
heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen können, daß
nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und
jetzt, kaum drei Stunden später, saß Ole Tuft da als Ausgestoßener. Wie
weh das tat! Ein plötzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben --
vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos
höhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr -- keinen Blick!
Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten
einander geschrieben, als er in Kristiania war -- er alle vierzehn Tage;
sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause
war, kamen sie täglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der
französischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel
eifriger geführt, auch ihrerseits, -- und als sie wieder nach Hause kam
-- so sehr sie sich auch sonst verändert hatte -- im Verhältnis zu ihm
war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen
Studien, so daß er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu
Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann
prophezeite ihm, es würde ganz glänzend ausfallen. Daß man ihn so
unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch
ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor,
beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm
Zutritt überall. Für gewöhnlich war sie wortkarg und manchmal recht
schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverhältnis von unverbrüchlicher
Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr
paßte); aber das gehörte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht
schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein
Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, daß er sie
liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig.
Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein
Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben
sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte
selbstverständlich auch Gott -- aber durch Josefine. Sie war in seinen
Augen das schönste, gesundeste, tüchtigste Mädchen im ganzen Land -- und
sehr reich. Das zählte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger
Träumer gewesen. Nur daß die Träume jetzt nach einer andern Richtung
gingen.
Seine Studienkameraden wußten das recht wohl; sie nannten ihn, außer
"Melanchthon", den "Bischofprätendenten der Fjorde" oder auch den
"Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als
solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand
ihm diese lächelnde Überzeugtheit ganz gut. Außerdem -- er sah so gut
aus -- hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht --; da wirkt der
Ehrgeiz nicht leicht abstoßend.
Und jetzt fühlte er -- er war abgestürzt von seiner ruhigen, lächelnden
Höhe! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine
gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten!
Das Schlimmste war -- Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder
blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gräser, als sei
er überhaupt nicht vorhanden.
Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er
tatsächlich nicht mehr da. Er saß, ohne zu sitzen, hörte, ohne zu hören,
sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum
Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, aß, trank, schwatzte,
lachte; bloß er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus -- nach
dem jenseitigen Ufer der Bucht -- oder in weite, weite Fernen ... Ein
junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien -- daß sie so gar nicht
günstig lägen. -- -- Ein Mädchen mit schrägstehenden Zähnen, roten
Zöpfen und Sommersprossen -- er hatte ihr einmal Unterricht gegeben --
versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das
von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und
fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stieß mit ihm an; sie
erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide
einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den
Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er
überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fröhlichkeit der andern. Edvard
war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles drängte sich um ihn. Ihm
zu Ehren -- er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt -- war ja auch
der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, daß Josefines
Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und hörte, wie die Zusammenstellung
der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem
kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter
sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschließen sollte? Ganz
drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen;
sämtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort,
und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem
sonderbaren Gefühl von Angst. Der Lärm tat ihm weh, das Lachen war wie
ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getränk brannte, die
Menschen waren wie Automaten -- das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge
so erdrückend nahe.
Da Windstille eingetreten war, mußte die Gesellschaft zu Fuß nach der
Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu
marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Gehöften Sommergäste
herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen
schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab
es einen Aufenthalt, und jedesmal lösten sich einzelne Gruppen los.
Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die
Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.
Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards
plötzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das
verletzte religiöse Empfinden ... alles verfloß in dem _einen_ Gedanken,
daß _sie_ nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick;
daß sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich ließ. Das
ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wußte es
und er schämte sich dessen nicht. Sein früherer höchster Erdenwunsch --
Missionär zu werden -- war von ihm abgefallen wie eine Haut, als
Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm
gesagt hatte, er möge doch nur nicht Missionär werden, hatte er
erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als
Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine nähere Wirklichkeit
hineinwuchs, da gab er es auf, ohne daß sie auch nur ein Wort darüber zu
verlieren brauchte. Daß es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen
_so_ liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.