auch gerade nicht. Er kannte die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte
hatte er selber aus der Welt spediert; aber hätte er gewußt, daß die
neue noch schlimmer ausfallen würde -- er hätte die alte vermutlich noch
ein paar Jahre länger leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch
unter den Nägeln, und seine Finger wurden steif. Und die Füße! An die
durfte er gar nicht erst denken; dann würden sie nämlich noch schlimmer;
horch, wie es in den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spaß, die
Füße kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte von rechts nach
links und von links nach rechts; aber es machte ihn nur müde. Immer
zäher und zäher ging's, immer mühseliger wurde es; jetzt kam wieder eine
Steigung. Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht Store-Tuft in der
nächsten Senkung? Dicht am Fuß der Anhöhe? Natürlich, das war die
Tuft-Niederung! Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und wenn
es auch nur ein Aufschub war -- es war doch immerhin etwas!
Donnerwetter! Es war schon der Mühe wert, sich zu beeilen! In den Jungen
kam neues Leben. Frisch drauflos!
Übrigens -- der Vater war nicht bloß streng! Er war auch gut. Besonders,
wenn Josefine zu Edvard hielt und ein gutes Wort für ihn einlegte. Und
das würde sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher zu ihm.
Sie würden versuchen, auch den Apotheker zu gewinnen. Er war furchtbar
nett, der Apotheker, und es war auf alle Fälle gut, Hilfstruppen zu
haben, so viel wie möglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?
Da tauchte der rote Pferdekopf über der Hügellinie auf! Die großen
Strohschuhe, die der Vater im Winter als Steigbügel benützte, standen zu
beiden Seiten des Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge
wurde zu Stein und stand still.
"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen Sattelzeug
heraus Edvard an; er traute seinen eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater
erging es augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der grauen
Wollmütze streckte sich weiter und weiter über den Pferdehals vor, bis
er sich mit beiden Händen auf den Sattelknopf stützen mußte. Dieser
pudelnasse Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf -- der dort, blaß und
erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der Straße stand -- war das der
Junge, der um diese Zeit zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen
sollte, bevor er sich überhaupt rühren durfte? Am Samstag nachmittag? In
solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und so leicht gekleidet -- hier
draußen auf dem Weg nach Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hölle und
Teufel, was treibst Du hier?"
Das Pferd blieb stehen; der warme Atem füllte die Luft rings um den
Jungen und hüllte ihn in Nebel und einen unangenehmen Schweißgeruch.
Edvard vermochte sich nicht zu rühren, wagte nicht zu antworten. Er
starrte bloß durch den Nebel blöd und dumm zum Vater auf; zuletzt wußte
er gar nichts mehr von sich.
Unverzüglich stieg der Vater ab, und gleich darauf stand er, die Zügel
um den linken Arm, die Peitsche in der rechten Hand, vor ihm. "Was
gibts, he? Woher kommst Du? Hölle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"
Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurück; der Vater ihm nach;
und ebenso mechanisch hob der Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu
schützen; den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. "Wo
willst Du hin?" -- "Zu Ole Tuft." -- "Was willst Du da? He? Ist Ole Tuft
zu Hause?" -- "Ja." -- "Was willst Du bei ihm?" -- "Ich will -- ich will
-- --" --"He?" -- "-- ihn um Verzeihung bitten." -- "Um Verzeihung?
Nanu? Na? He?" -- Und die Peitsche fuhr in die Höhe. Der Junge beeilte
sich: "Er will nicht mehr in die Schule kommen." -- "So? Eklig gegen ihn
gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" -- "Ja." --"Also Deine Schuld,
was? He?" Er kreischte. -- "Ich hab' 'rausgekriegt --" Der Junge
stockte. -- "Was?" --"-- -- daß er ... daß er ..." Er fing an zu weinen.
"-- He?" -- "... daß er Kranke pflegt." -- "Und hast's weitergesagt, he?
Gepetzt? He?" Edvard getraute sich nicht zu antworten, und nun begann
die Peitsche eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt mit
der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie zielte. Er wich immer
weiter zurück. "Stillgestanden!", schnarrte es. Statt dessen sprang der
Junge mit einem Satz bis unmittelbar an den Rand des Straßengrabens.
Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter ihm erhielt, ohne
daß er es wußte, einen tüchtigen Hieb und zerrte so heftig, daß der
Vater fast umgerissen wurde. Edvard vermochte beim besten Willen der
überwältigenden Komik dieser erlösenden Unterbrechung nicht zu
widerstehen; er fing schallend zu lachen an, erschrak aber gleich, als
er es selber hörte, so unsinnig, daß er über den Graben wegsprang und in
den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den Rücken gedreht hatte,
konnte er sich nicht mehr halten, er mußte wieder lachen, und wußte das
durch nichts Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.
Die Verachtung des Vaters für den Jungen war grenzenlos. Er selber wurde
dadurch ganz kaltblütig, brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich
in den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit der Peitsche nach
Store-Tuft. Weitere Abrechnung folgt, wenn wir dort sind! dachte der
Junge.
Er gehorchte selbstverständlich und kam eiligst --bis auf einen
gemessenen Abstand vom Pferd. -- Und diesen Abstand hielt er auch
unverändert ein. Das Pferd schritt schnell aus, so daß es nicht ganz
leicht war.
Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd den Sohn erbarmungslos
vor sich her durch den Schneeschlamm, trotzdem die Füße des Jungen
wundgelaufen waren -- man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem
er erfrorene Hände hatte -- er steckte sie ab und zu in den Mund;
trotzdem er bis auf die Haut durchnäßt sein mußte -- die Pelzmütze
klebte am Kopf wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber saß trocken,
in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der Hand die Peitsche, mitten
im Gesicht den großen Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand,
der den Aufzug gesehen, hätte ahnen können, daß dieser gestrenge Herr
keinen höheren Wunsch hegte, als den Jungen, den er da so wütend vor
sich hertrieb, lieben zu können.
Aber um einen Menschen lieben zu können -- dazu gehört, daß er so ist,
wie wir wolle -- nicht wahr? Und wenn nun das der Junge nicht wollte?
Und wenn Kallem an Mißgeschick nicht gewöhnt war? Das erste ernstliche
Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, war der Tod seiner Frau gewesen,
und ganz kurze Zeit darauf kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie
alle im Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, seinem
Geschäft und seinem Sport und seinen stillen Büchern -- er war nämlich
ein eifriger Leser; nichts hatte ihn je gestört oder geplagt. Das
Geschäft besorgte der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das
Haus besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging ohne
Störung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte --bis zum Tode der
Frau.
Aber dann!
Weder er noch andere konnten anfänglich die unerwartete Veränderung
begreifen, die mit ihm vorging. Manche meinten, der Verlust seiner Frau
habe ihn verrückt gemacht; er selber meinte, das spanische Klima sei zu
warm für ihn; er müsse fort, er müsse nach Hause. Der spanische
Geschäftsführer stimmte sofort bei; es war nämlich eine ganz
ausgezeichnete Spekulation, das Hauptgeschäft nach Norwegen zu verlegen
und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen sie denn auf --
vor nunmehr etwa einem Jahr.
Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, daß der Vater das
erstemal sich vergaß -- übrigens auch ein zweites, und unglücklicherweise
ein drittes, viertes, fünftes, sechstes Mal -- immer war's der
Junge!--brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. Im
warmen wie im kalten Klima -- der Junge war immer gleich eklig!
Bald kamen auch aus der Schule Klagen über ihn; dann aus der Apotheke,
wo sie bei Kallems altem Freund zur Miete wohnten; dann von den Leuten,
von den Nachbarn, von den Landungsbrücken. Vielleicht mußten auch andere
Eltern Klagen anhören über ihre Jungens; vielleicht waren die Leute in
dieser Gegend überhaupt schnell mit Klagen bei der Hand; davon wußte
Kallem nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wußte er: sein
Sohn war der begabteste Junge in der Schule; das versicherte ihn ein
Lehrer nach dem andern; er wußte ferner, daß es dem Sohn auch im übrigen
an nichts fehle, weder an Gemüt noch an Willen; nur --er war so
gleichgültig und selbstzufrieden, mochte sich immer nur amüsieren,
mochte in alles, was ihn nichts anging, seine Nase stecken, war
gleichzeitig dreist und doch feig, ein schändlicher Spottvogel und
grenzenlos unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld
bringen; und nun gar Kallem, der überhaupt keine Geduld hatte.
Dieser schmächtige, geschmeidige Krabat, der da mit feigen Seitenblicken
auf das Pferd und die Peitsche vor ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in
seines Vaters Leben gebracht. Nicht allein, daß er ihn im tiefsten
Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bisweilen seine
Ohnmacht fühlen lassen -- bis zur Hilflosigkeit; in solchen Augenblicken
hätte er den Jungen am liebsten in Stücke geschlagen.
Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, flehen. Noch in
dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn ins Gebet genommen, hatte mit den
eindringlichsten Worten die schmähliche Angst des Knaben zu bannen
versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzählungen aus der
Naturgeschichte erklärt, wie alle Prophezeiungen vom Untergang der Welt
nur Erfindungen seien, Lügen... Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" --
und glaubte kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das
Unwetter losbrach, war er wie verrückt gewesen -- und auf und davon in
der jammervollsten Todesangst! Und heute trifft er ihn hier, auf offener
Landstraße, eine Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz
--selbstverständlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er den bravsten
Jungen der ganzen Schule, einen kleinen Kerl, über den Kallem sich manch
liebes Mal gefreut und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner
kleinen Mission unterstützt hatte, wenn Josefine ihm davon erzählte; --
und obendrein...
"Sieh mal an! Hölle und Teufel! Ob er nicht zu allem hin noch lacht!"
dachte er, während er dabei tat, als sehe er es nicht. Und worüber
eigentlich? Na ja, über das Pferd da hinter ihm, mit "Hölle und Teufel"
auf dem Rücken -- und die Peitsche -- und die gleichmäßigen schweren
Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp -- -- schwapp-schwapp -- --
schwapp-schwapp! Und das alles wuchs nach und nach ins Maßlose, wuchs
an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten Etwas wurde ...
Der Junge versuchte hastig, an etwas anderes zu denken, -- er stürzte
sich kopfüber in die englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser
füllte -- er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. Aber er
kam nicht bis zur Grube hinunter; nichts als die helle Landstraße und
"schwapp-schwapp -- schwapp-schwapp" -- und Hölle und Teufel, und die
Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb Beinen --
hi-hi-hi!
"He?" schrie es hinter ihm.
Der Laut rieselte dem Jungen den Rücken hinunter wie ein spitzes Stück
Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.
Dicht am Fuß der Böschung lag es, die sie eben hinab mußten. Es bestand
aus ziemlich vielen Gebäuden, deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab.
Auf der andern Seite lärmte der Fluß, mit Mühle und Sägwerk. Die Inseln
draußen und die Landspitzen zu beiden Seiten schlossen die Bucht so
völlig ab, daß das Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten
Rändern. Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um sämtliche
Gebäude Obstgärten, zum Teil recht ansehnliche.
Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf --endlich! Dort kochte
die Mutter das Mittagmahl für Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren
wurden übermächtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht nach einer
warmen Stube und trockenen Kleidern und Heimweh nach seiner Mutter und
der Heimat in Spanien hätte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber
dann dachte er daran, wie der Vater wieder sagen würde: "Hölle und
Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang er sich.
Ängstlich blickte er nach dem Hof.
Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten zu -- ein rot
angestrichener, zweistöckiger Holzbau mit weißen Fensterrahmen. Dahin
steuerten sie, der Knabe immer voran, der Vater hinterdrein.
An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; gegenüber lagen die
Ställe für das Vieh -- Schafstall, Kuhstall, Pferdestall -- alles unter
einem Dach. Die Gebäude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur
Scheune; gegenüber der Holzschuppen und die anderen Wirtschaftsgebäude.
Auf dem Hof standen Ziegen und knabberten Tannennadeln, umschwärmt von
Spatzen in unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar vor
der Kornscheuer statt.
Jetzt erblickten die Ziegen die Ankömmlinge. Sie hoben die Köpfe und
streckten die Hälse, alle auf einmal, Augen gespannt, Ohren gespitzt,
starr, den letzten Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs
äußerste. Bloß der Bock kaute weiter, während er den beiden schwerfällig
und gleichmütig entgegensah. Der Spatzenschwarm schwirrte geräuschvoll
davon.
Zwischen der Giebelseite des Hauptgebäudes und dem Stall hielt der Vater
und stieg ab. Der Junge war schon drin und begaffte das Scheunendach,
das beschädigt war und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch
nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher mit auf den
Fischzug gegangen; die Leiter stand noch auf ihrem Gestell gegen die
Scheune gelehnt. "Halt!" rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und
wandte sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem Schleifstein
festzubinden, der an der Giebelwand des Hauptgebäudes lehnte. Der Junge
sah zu. "Merkwürdig, wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er trat
vor und deutete mit der Peitsche nach der großen Steinschwelle vor dem
Hauseingang; dahin sollte der Junge vorangehen. Das tat er denn auch.
Erst kam er an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Kätzchen spielten
zwischen den Sprossen, eins innen, das andere außen. Die Fenster, an
denen sie vorbeikamen, gingen so tief herunter, daß sie durch die ganze
Schlafstube, die auf der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann
ebenso in die Wohnstube sehen konnten. Da saß Ole, in einem weißen Hemd,
das ihm bis auf die Füße reichte, am Herd mit hochgezogenen Beinen;
neben ihm stand, über ein paar Töpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen
hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg über die Schwelle und hinein in den
Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, alter und frischer, und ein
Geruch von etwas, was er nicht kannte, entgegenströmte. Wieder deutete
der Vater voran -- nach rechts; auch links war eine Tür, eine
feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er nicht hinein. Na,
dachte der Junge, soviel hätt' ich auch gewußt, daß wir irgendwohinein
wollen, wo Menschen sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte
seine steifen Finger auf die Klinke und drückte.
Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tür. Und große Augen
machten sie, die zwei, die da saßen! Oles Krauskopf guckte nur eben aus
Vaters blauweißem Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich
hochgewachsen und hatte feine Züge. Sie trug eine schwarze Haube. Das
blonde, mit Wasser glattgekämmte Haar schmiegte sich um die Wangen,
wodurch ihr Gesicht lang erschien. Sie richtete sich von ihren Töpfen
auf und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle beide kannte. Ihr
Gesicht war ernst, doch freundlich; ein bißchen ängstlich schien sie,
oder unsicher; die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so
richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine Kleider samt Hemd und
Strümpfen hingen an einer Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt
war, zum Trocknen; auf dem andern Gestänge lag Holz und allerlei sonst.
Ringsumher Hausgerät und Geschirr, wie immer am Werktag.
Die Stube war nicht gemalt, sondern vertäfelt; unter den Fenstern zu
beiden Seiten liefen rotgestrichene Bänke entlang; in der Ecke links,
auf der andern Seite des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bücherregal
darüber; am Tischende, gleich neben der Kammertür, hing die Schlaguhr;
sie ging so gleichmäßig und unbekümmert, als sei der Unfriede niemals
über diese Schwelle gekommen. Draußen sah Edvard die Kätzchen im
Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs Gitter heraus-, das
andere von außen hineingreifend. Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht.
Ole lächelte; denn auch ihm war bang zumute. Aber die Töpfe!
Die Töpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der verhungerte und
durchfrorene Edvard. In dem einen kleinen waren Kartoffeln; die waren
schon fertig. Aber zwei hingen noch überm Feuer. Ob Fisch war in dem
einen? Und im andern -- --?
Die Mutter war verlegen; sie wußte nicht, was anfangen. Da standen sie,
unbeweglich, der barsche Mann und der Junge. Gerade als sie die beiden
zum Sitzen auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff
der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was geschehen sei -- he?
Der Bengel komme und wolle um Verzeihung bitten und sich seine Strafe
holen. Das sei notwendig; denn er sei ein böser Junge, bei dem nichts
nütze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.
"Ach -- aber -- so schlimm ist es doch nicht!" sagte die Mutter mild.
Ihr war ganz angst, und Ole wurde so bläulich bleich wie sein Hemd. --
"Doch! Er soll seine Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! Und
zwar auf der Stelle -- das rat' ich Dir!" -- Ole fing zu weinen an.
Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf und sah
die Mutter an. "Da -- --" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus.
Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel legen.
"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche zuckte. "Mutter!"
schrie Ole. Edvard mußte vor. Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht
mehr sehen. So etwas war er nicht gewöhnt. Edvard wich zurück; der Vater
hinterdrein, daß die Sporen klirrten. Edvard lief, in seiner Not, mit
ausgestreckten Händen auf Oles Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole
fing an, aus vollem Hals zu schreien. So großes Mitgefühl war zuviel für
den armen Edvard; auch er heulte los, während er rund um die Mutter
herumlief. Ein solcher Lärm war es, daß die Ziegen wieder, mit dem
Futter im Maul, dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, die
zurückgekommen waren, schwirrten husch-husch aufs Dach.
Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen den Weg. Mit einem
blitzschnellen Satz war er am Vater vorbei, zur Tür hinaus, die
weitoffen hinter ihm stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten
auseinander. Und der Junge -- die Leiter hinauf -- und aufs Dach. Sobald
er oben stand, fing er an, die Leiter nachzuziehen. -- "So ein Bengel!
So ein Bengel!" schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" -- Und
fort war er.
Sobald der Sohn ihn kommen sah, ließ er die Leiter fahren, daß sie
polternd herunterfiel. Der Junge selber lief wie eine Katze das Dach
hinauf, bis zum First, guckte sich um und balancierte da, als hätt' er
sein Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fühlte er augenscheinlich
keine Schmerzen mehr in den Füßen!
Des Vaters Angst überstieg alle Grenzen. "So pass' doch auf, Du! Pass'
auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du wohl machen, daß Du 'runterkommst!
Und zwar auf der Stelle! Mach', daß Du 'runterkommst, Du Lümmel!" Und er
rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und drohte hinauf.
"Fällt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof hinunter! Jawohl!"
"Bengel! Bist Du toll? Hölle und Teufel! Willst Du's wohl bleiben
lassen!"
"Ja, wenn Du mich nicht haust!" -- "Ich verspreche gar nichts!" -- "So?
Du versprichst gar nichts?" Und der Junge kletterte noch ein bißchen
höher hinauf.
-- "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" -- "Also Du versprichst es?" --
"Ich versprech's ja -- zum Teufel! Willst Du machen, daß Du
'runterkommst?" --"Auch nicht an den Haaren reißen -- und nicht hauen --
und nichts?" -- "Ja doch, ja! Mach', daß Du 'runterkommst! Herrgott --
Du rutschst ja aus! Edvard!" -- Er kreischte. -- "Also es gilt --? Du
hast's versprochen?" -- "Junge, wenn ich Dich hier hätte -- Du solltest
-- --" er drohte mit der Peitsche hinauf. "Ja doch -- ich hab's
versprochen! Ich versprech' alles! Pass' auf!" -- "Darf ich bis morgen
hier bleiben?" sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" -- "Ich
antworte überhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" -- "Also nicht?
Na denn -- --" -- "Du Starrkopf! Du miserabler Bengel!" -- "Also Du
sagst ja?" -- "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens fort vom
Dachrand, Du Satanslümmel!" -- "Du, Vater, eigentlich wär' mir's lieber,
wenn Du zuerst weggingst!" -- "O nein! Das schlag Dir nur aus dem Kopf!
Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder hier unten sehen!" --
Schließlich war das dem Jungen auch recht. Der Vater legte die Leiter
an, und der Junge kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als
bis der Vater ein Stück weit auf den Hof hinaus gegangen war. Und er
hielt sich in gemessenem Abstand, trotzdem der Vater gern mit ihm
geredet hätte und beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht
ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so naß war, und zwang den
Vater dadurch, zu gehen.
Fünf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen strampelnd auf der Diele
-- Edvard in einem gleichgroßen Hemd wie Ole und im übrigen ebenso
unbekleidet; beide waren dabei, ein paar dicke wollene Strümpfe
anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie tragen, und die weit hinauf
bis an den Schenkel reichen. Sie fanden es am bequemsten, das Geschäft
auf dem sandbestreuten Fußboden vorzunehmen. Sie pufften einander in die
Seiten und den Rücken und lachten, als sei all das, was wir soeben
miterlebt haben, schon vor wer weiß wie langer Zeit geschehen. Ole
machte alles nach, was Edvard vormachte; und sie lachten so, daß zuletzt
auch die Mutter mitlachen mußte; dieser Edvard hatte auch die
unglaublichsten Einfälle! Die Strümpfe mußten sie anziehen, damit sie
nicht froren, wenn sie beim Essen am Tisch saßen; denn da gab's keinen
Herd für die Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, daß
sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das andere Gericht war;
es war Rahmbrei. Das hatte Edvard noch nie gegessen. Ole sollte ein
bißchen vergnügter werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte
die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte in die Hände und
lachte das Essen an.
Aber Ole saß mit einemmal so ernst und still da! Nanu, was jetzt? Die
Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen? Und die Mutter stand vor
ihnen -- auch sie ernst, die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen.
Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und weiter weg,
oder als schöben sich Nebel davor und löschten alles Licht darin aus.
Und dann begann sie, wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen,
langen Tischgebet, in einem einförmigen, leisen Ton, als rede sie still
mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. Edvard fühlte sich wie
ausgestoßen. Die Verlassenheit, die Angst kamen wieder über ihn, die
alten Bilder, die alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg,
zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter sinken.
Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, und die Art und
das Wesen der Mutter waren für ihn etwas ganz, ganz Neues; und er
verstand sie nicht, wenn sie so murmelte. Noch lange nachher saß er
still da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange sie aßen,
war er einsilbig; kaum daß er einmal lächelte. Das Essen war eine
Gottesgabe; deshalb mußte Ernst herrschen.
Aber sie aßen denn auch mit Ernst! Die Mutter fragte schließlich, ob es
nicht besser sei, ein bißchen für den Abend aufzuheben. Nein, meinten
sie, dies sei ja doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen
in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer diente; es war dort
schon alles zurecht gemacht; und jetzt wollten sie noch ein Stündchen am
Herd sitzen, dann aber zu Bett gehen.
Die Mutter merkte, daß sie am liebsten allein sein mochten und ließ sie
denn auch allein.
Und dann später in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste Spektakel!
Die Pelzdecken und Federbetten stoben nur so um sie herum; dann wurde es
allmählich ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespräch. Ole erzählte,
wie die Jungens sich benommen hatten, und Edvard versprach, er wolle den
und jenen dafür durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wäre; wenn
der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" und all dem, so würde er,
Edvard, ihn ordentlich durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse
schon, wer ihm dabei helfen würde; das reine Kinderspiel!
Als sie müder wurden, kam die Sentimentalität; Ole sprach von Josefine,
und Edvard ging auf seinen Ton ein und versicherte, sie sei
unvergleichlich gewesen heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert
war. Und Ole fand das groß. Ja, Josefine hatte etwas Großes; darin
stimmten sie beide überein.