Rechten lehnte der Stapel an einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole.
Er löste zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen ging, kroch
hindurch und machte hinter sich wieder zu. Dieses Kunststück wäre
unmöglich auszuführen gewesen, wenn nicht zwischen Schuppen und
Bretterstapel ein freier Raum gewesen wäre; und ein solcher befand sich
dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines großen Steines, der
höher war als der Knabe und ein Stück von der Wand weg stand. Wäre der
Stein nicht gewesen, so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste
angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des
Steins und darüber ein freier Raum. Und hier hatten die Kinder sich
Stuben eingerichtet, eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst.
Die hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum Sitzen, und wenn
es auf beiden Seiten in den Holzstapeln festgemacht war, so konnten die
Kinder zur Not sogar aneinander vorüber. Oben drüber hatten sie Bretter
gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand Verdacht schöpfe; es war
ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen für die zwei. Allzu hell war es ja
nicht gerade; aber das trug just dazu bei, es recht gemütlich zu machen.
Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den Abenteuern der
Missionäre, sie von Stiergefechten, er von Kämpfen mit Tigern und Löwen
und Schlangen, von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden Affen
und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten nach und nach die ihren
übertrumpft; sie waren reicher und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie
lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie nur zu
ergattern vermochte, und bei allem war er selber im Mittelpunkt der
Dinge. So lange schilderte er, und so glühend, bis auch in ihr die
Sehnsucht erwachte, im Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte
sie ein paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, daß Frauen
Missionäre würden? Das wußte er nun zwar nicht; es war sicherlich doch
bloß Männerarbeit, das Missionieren; aber Frauen von Missionären konnten
sie werden. Ob denn die Missionäre verheiratet seien, fragte sie. Er
nahm das zunächst als dogmatische Frage. Einmal habe er seinen Vater
darüber in einer Versammlung reden hören; irgendeiner habe Zweifel
darüber geäußert; denn Paulus, den man ja doch den ersten und größten
Missionär nennen müsse, sei nicht verheiratet gewesen, ja, er habe sich
dessen sogar gerühmt. Aber der Vater habe erwidert, Paulus habe
geglaubt, Jesus werde bald wiederkommen, und darum habe er sich beeilen
müssen, überall umherzuwandern und das zu verkündigen, auf das die
Menschen sich bereithalten sollten. Die Missionäre von heute dagegen
müßten im Gegenteil auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu
gehörten doch wohl auch Frauen. Er habe selber von Missionärsfrauen
gelesen, die Schule für kleine Negerkinder hielten.
Weiter war keins von den beiden gegangen; aber daß _sie_ doch ganz im
geheimen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor, wie z.
B., ob es wahr sei, daß die Negerkinder Schnecken äßen? Das behagte ihr
nicht.
Und inmitten dieses Halbdunkels -- ihr brauner und sein blonder Kopf
dicht zusammengesteckt über atembeklemmenden Abenteuern -- hatten sie
unter Palmen gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle waren
sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger gab es da, die sich dicht
vor ihren Füßen im Sand wälzten; gutmütige Affen bedienten sie,
Elefanten trugen sie behutsam, die Bäume hingen voll der Nahrung, deren
sie bedurften.
Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal zu sehen und Abschied
davon zu nehmen.
Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein zu klettern, als ihm
einfiel, heut sei Samstag. Samstag von elf Uhr ab hatte sie frei (sie
hatte Privatunterricht), und da setzte sie sich oft während der großen
Pause der Knaben hinter die Holzstapel.
Wenn sie jetzt eben dort säße! Wenn sie alles gehört hätte! Schnell
hinauf auf den Stein, und richtig -- da saß sie unten auf dem Brett und
sah zu ihm hinauf.
Ihr bloßer Anblick und mehr noch die Art, wie sie seinem Blick
begegnete, ließ ihn von neuem in helle Tränen ausbrechen. "Ich -- will
-- heim!" schluchzte er, "und nie -- nie wiederkommen!" Und er ließ sich
zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, gab ihm
schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich vor den Mund halte, um
sich durch sein Weinen nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und
sie wußte, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er gehorchte, wie immer,
ihrer überlegenen Führung in den Dingen, die zur guten Erziehung
gehören; nur daß er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige
Geschnäuze, und so schnäuzte er sich denn und weinte, und weinte und
schnäuzte sich. Da packte sie ihn hurtig mit ihrer derben
Kleinmädelfaust im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff
seine Hände mitsamt dem Taschentuch und preßte ihm das in den Mund;
während sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen Kopf unheilverkündend
dicht vor seinem Gesicht schüttelte. Jetzt begriff er! Es war auch die
höchste Zeit; denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, wieder
und wieder, in Zwischenräumen und aus verschiedenen Richtungen. Es fiel
ihm entsetzlich schwer, das Weinen zu unterdrücken, so daß er am ganzen
Körper zitterte; aber er hielt es zurück. Hielt es zurück, bis sie den
Kameraden, den man nach ihm ausgeschickt hatte, wieder hinaufstürmen
hörten. "Ich -- will -- heim!" fing er dann gleich wieder an und heulte
von neuem drauflos -- er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das
Taschentuch zurück, nickte, stand auf und zog die Planken in des
Nachbars Bretterwand weg -- immerzu laut schluchzend und in tiefstem
Entsetzen. Kaum waren die Planken weg, so war er auch im Loch; das auf
der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil und die glänzenden,
eisenbeschlagenen Absätze schoben sich weiter und weiter hinein, bis sie
verschwanden. Auf der andern Seite stand er auf, drängelte sich zwischen
der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu ein paar alten
Balken, die da lagen und vermorschten; von dort eilte er zur Hintertür,
und erst, als er draußen, auf freiem Grund und Boden, in einem engen
Gäßchen stand, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Josefine Lebewohl
zu sagen; ja, daß er sich nicht einmal bei ihr bedankt hatte. Auch das
noch, zu all dem andern Unglück! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp
zur Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen
die Landstraße erreicht hatte. Der gehörte so gewissermaßen zu seinen
Schildknappen, der alte Strandweg.
Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, wo die
Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den
Stein, glitt an der Wand wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch
hindurch und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich darauf
erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte nach ihrem Bruder; erst
in der Apotheke selbst, wo er sich am liebsten aufhielt; aber da war er
nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbücher abgegeben. Dann
durchsuchte sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; aber vom
Fenster aus sah sie den großen fremden Dampfer, umringt von zehn, zwölf
Booten; natürlich, da war er! Also rasch hinunter zur Brücke. Sie machte
ihr eigenes kleines weißgestrichenes Boot los und schoß hinaus.
Sie ruderte, daß ihr der Schweiß von der Stirn lief, ruderte und blickte
sich um, bis sie das schwere Wrack erreicht hatte, das grüne Ungeheuer,
das dort lag und unter den Pumpen stöhnte. Weit draußen sah sie Edvard,
die Schulbücher unterm Arm, oben auf der Kommandobrücke stehen, im
Gespräch mit seinem Freund Rojert Mo.
Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. Er und sämtliche
Umstehenden hörten es. Die letzteren sahen ein braunhaariges Mädel, die
Ruder in der Hand, glühend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und
nach der Kommandobrücke starren; sie besannen sich einen Augenblick, was
das wohl bedeuten könne, und vergaßen es dann wieder; Edvard aber gab es
einen Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; und wie der
Wind war er von der Kommandobrücke herunter, auf Deck, darüber weg, an
der andern Seite des Dampfers hinab -- und über die andern Boote in
ihres geturnt, das er gleichzeitig abstieß. "Was ist los?" Die Bücher
legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die Ruder aus der Hand und
setzte sich. "Was ist los?"
Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie da und sah ihn an,
während er das Boot drehte. Dann stieg sie über das mittlere Sitzbrett,
machte das zweite paar Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die
hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes Mal zu fragen, und
ruderte drauflos; und nun fing sie, die Ruder über Wasser haltend, an:
"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde blaß und rot; auch er hielt jetzt
die Ruder hoch.
"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause und kommt nicht
wieder."
"Ach was, Du lügst!" Aber seine eigene Stimme widersprach ihm. Er ahnte,
-- sie redete die Wahrheit. Er schlug aus Leibeskräften die Ruder ins
Wasser und ruderte, als wolle er hinter ihm drein.
"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" Sie selber fing
an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst ihm gleich nach, und wenn's bis
nach Store-Tuft ist! Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in
der Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" -- "Halt's Maul, Du!" --
"Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht augenblicklich nachsetzt und ihn wieder
mit nach Hause bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, -- verlaß
Dich drauf!"
"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, daß Du's nur
weißt!" -- "Hättest bloß hören sollen, wie Anders Hegge und die ganze
Schule sich aufführten; alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle -- und
wie der arme Bengel geweint hat, als würde er ausgepeitscht -- und dann
schnurstracks heimrannte! Pfui, schäm' Dich! Wenn Du ihn nicht wieder
mitbringst, so wirst Du mal was erleben!" -- "Schafskopf! Siehst Du denn
nicht, daß ich schon rudere, was ich nur kann!" -- Seine Nägel wurden
weiß, sein Gesicht quoll auf, er beugte sich jedesmal fast bis auf den
Boden, um möglichst weit auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren,
setzte sie sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls
tüchtig in die Stangen.
Als er an der Brücke aufstand, um anzulegen, sagte er: "Heut morgen hab'
ich nicht mehr frühstücken können, und jetzt krieg' ich auch kein
Mittagessen. Hast Du Geld bei Dir, daß ich mir ein paar Brezeln kaufen
kann?" -- "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", und sie zog die Ruder ein
und holte das Geld heraus. "Nimm meine Bücher!" rief er und sprang
davon. Bald darauf war auch er draußen auf der Landstraße.
3
Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe war in der Luft, die
Wolken jagten in anderer Richtung als der leichte Südwind. Es war mild
und taute wieder. Die Wege waren jämmerlich, voll Schneeschlamm und
Schmutz, besonders hier, in der Nähe der Stadt, war alles zu einem Brei
zusammengetrampelt und -getreten.
Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs, als seine etwas dünnen
Stiefel auch schon von Wasser vollgesogen waren. Na, das machte nichts!
Schlimmer war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht, nicht
im entferntesten! Aber auch das machte nichts. Er würde Ole schon bald
einholen; er war schneller zu Fuß, war beweglicher, und er legte ganz
gehörig los. Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte -- in Ordnung bringen
würde er die Sache schon, daran zweifelte er keinen Augenblick. Ole war
verträglich, und er, Edvard, würde bei den Jungens für ihn eintreten;
das zum mindesten war er ihm schuldig. Und ihm selber machte es überdies
Spaß; er würde schon noch ein paar von den andern auf seine Seite
bringen, und dann sollte es eine Schlacht setzen!
Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war, ohne in diesem Matsch
auch nur eine Spur von Oles Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu
entdecken, als er sich gar eine halbe Meile vorwärts geschleppt hatte,
durch die scheußlichste Unwegsamkeit, mit patschnassen Füßen,
abwechselnd schweißtriefend und eiskalt, dann wieder halbtrocken und
wieder schweißtriefend --dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft
war schauerlich einsam mit ihren langen öden Bergrücken und den
dazwischenliegenden Wäldern -- da sank sein Mut bedeutend.
Und dann -- sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile begegnete er keiner
Menschenseele mehr. Spuren sah er genug auf dem Wege, von Pferden und
Menschen und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie er, und
die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele war zu erblicken,
nicht einmal in den Gehöften; keinen Hund hörte er bellen, keinen
Schornstein sah er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht
nach der andern; vorspringende Bergrücken, durch Geröll oder Erdrutsche
gebildet, trennten sie; immer wieder eine Bucht, und an jeder Bucht ein
Gehöft oder mehrere, und ein Fluß oder ein Bach; aber nirgends ein
Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen Hang
hinangeklettert und oben weitergewandert, bis er die nächste Senkung
überschauen konnte, ohne Ole auf der Landstraße zu erblicken, ohne
überhaupt eine Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er würde,
ausgehungert und müde, bis hinaus nach Store-Tuft traben müssen. Das
war fast eine Meile. Dann blieb er zu lange aus, der Vater würde es
erfahren, es setzte dann doch Hausarrest und Verhör und Schelte und
Schläge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor, und die ganze
Geschichte ging noch einmal von vorn los ... Er war dem Weinen nahe.
Dieser verdammte Anders Hegge mit seinen lüsternen Fischaugen und seinem
fetten Lächeln bei allem, was ihm behagte! Und die lauernde
Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das Geklatsche -- o pfui! So ein
Scheusal! Und dafür mußte er hier mit schmerzenden Füßen, müde und
verzweifelt, durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine
entsetzliche Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen!
Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der Kopfhängerei! Einmal mußt
du ja hinkommen, und Schläge hast du schon mehr als einmal gekriegt!
Trallalla! Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu singen, sang
Vers für Vers -- kam außer Atem -- mußte langsam gehen, und erschrak
doch, als er seine eigene Stimme nicht mehr hörte. Also ein neues Lied
-- und wieder einmal hinauf -- den ganzen langen Steinhang.
Auch da kein Mensch, bloß Wagenspuren und Fußspuren von Erwachsenen und
Kindern und Pferden und Hunden aus den Gehöften drunten. Alle vorwärts
laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion? Dazu hätten sie
nicht das Fuhrwerk mitgenommen. Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder
ein großes Schiffsunglück gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich gleich
sein! Gerade, als er über den nächsten Bergrücken klettern wollte, der
eine lange Nase in den Fjord hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles
Spuren; da war er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die
eisenbeschlagenen Absätze, ebenso die Holzflecken unter jedem Fuß. Die
Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte Ole nicht mehr weit sein! Das gab
ihm neue Kraft. Er lief wacker drauflos.
Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still. Als er beim Steigen
mit Singen aufhören mußte, wurde ihm ganz unheimlich zumute. Je höher
er kam, desto dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine und
Heidekrautbüschel guckten neugierig daraus hervor wie Tiere. Und dann
raschelte es hier und knisterte es dort, und irgendwo schrie es; ein
großer aufgescheuchter Vogel flog mit entsetzlichem Flügelschlag auf;
der Junge suchte schweißtriefend nach Oles Fußtapfen, um sie nicht zu
verlieren; die Angst von gestern war plötzlich wieder über ihm. Wenn
er's doch über sich brachte, recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch
ein Ende nehmen wollte! Während der unverantwortlich langen Stille nach
dem Auffliegen des Vogels hatte er schließlich das Gefühl: wenn jetzt
bloß noch das winzigste Bißchen dazu komme, so würde er verrückt! Und
der Hohlweg, durch den er mußte! Schon ganz von weitem starrte er
hinein, zwischen die hohen, schwarzen Wände; als ob sie über ihm
zusammenklappen wollten -- sahen sie aus; von oben hingen ein paar
unheimliche Bäume darüber und spähten lauernd hernieder. Als er endlich
drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise im Walde vor:
wenn sie bloß stillständen, bis er vorüber war -- wenn bloß keiner sich
auf einmal von oben herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder
dicht vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen ließ -- oder ihn anwehte
... Er ging mit starren Augen -- wie ein Nachtwandler; die
Kiefernwurzeln zogen sich krumm und verwittert über den lehmigen Pfad
hin ... und alle lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er
nichts ...
Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel nach der Stadt, aus der
er kam ... Ach! Wer auf seinem Rücken säße! So deutlich sah er die
Stadt, die Schiffe im Hafen, hörte die frohen Weisen, das helle
Ankerrasseln ... das Dröhnen an den Brücken ... den herzensfrohen Lärm
und Spektakel ... die Kommandorufe ... Nanu ... da hörte er ja _wirklich_
Kommandorufe ... Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz
derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ... und dazu
Pferdegewieher! Und Hundegekläff! Und wieder Stimmen und Stimmen! Er
war aus dem Hohlweg heraus, -- ganz kurz war der gewesen! -- und
zwischen den Bäumen hindurch schimmerte die See ... und Schiffe ... Was
war denn das? War er denn wieder in der Stadt? War er im Ring
herumgelaufen? Er war doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an
zu rennen, in Sätzen -- -- Freilich, jetzt kannte er sich wieder aus!
Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus gelaufen! Und da öffnete sich
der Wald ... und die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen?
Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf dem richtigen Weg
... nun war's nicht mehr weit bis Store-Tuft! ... Aber was taten denn
diese Boote da? Was bedeutete dies gleichmäßige, ununterbrochene Gelärm?
Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten in einen Fischzug war er
hineingeraten! Hurra! Hurra! Vorbei aller Hunger, alle Müdigkeit, alle
Furcht! In langen Sprüngen setzte der Junge den Hügel hinunter.
Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand ausgespannt im
Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von allen Seiten strömte es herbei.
Aber es war Samstagabend, es hieß warten, bis zum Sonntagabend, um die
unzähligen gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten Blick hatte er
das begriffen.
Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur Straße, zu beiden
Seiten, Leute überall, immer mehr Leute. Wagen und Schlitten
durcheinander standen da, mit und ohne Fässer und Tonnen, Pferde vor-
oder ausgespannt -- Hunde zu Haufen; überall junges Volk, und Lachen und
Lärm ... Und draußen, in der Bucht, Boote um die Netze ... die Netze,
die eingeholt werden mußten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und
hoch in den Lüften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend,
flügelflatternd -- bis weit hinaus.
Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte die Luft noch düsterer
und drohender, die nackten Inseln paßten zu dem heraufziehenden
Unwetter: sie sahen aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die
bewaldete Klippe weit draußen ragte geheimnisvoll, einsam im
Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten und fauchten und
pfiffen um die Wette um sie her; die reinen Konkurrenten.
Die Männer stampften in Flößerstiefeln umher, Ölmäntel über ihrem
gewöhnlichen Anzug; andere trugen -- mehr nach Bauernart -- Frieswams
und Pelzmütze. Die Weiber, dicke Tücher über der gewohnten Kleidung oder
in Männerröcke eingemummt, arbeiteten mit den Männern um die Wette beim
Ausnehmen der Fische; der gewohnte stille Verkehrston war wie
ausgewechselt.
Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die dichter und dichter
wurden. Fast alle Gesichter, in die Edvard sah, waren durch und durch
naß. Er wurde ordentlich begafft: ein schmächtiges Stadtjüngelchen, --in
solch einem Treiben -- leicht gekleidet -- mit triefendem Gesicht --
außer Atem, die dünne Pelzmütze platt an den Kopf angeklebt!
Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret Syvertsen, der
lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem Geschäfte machte? Dort stand
er nun und feilschte -- lang und hager -- in Öltuch gewickelt von Kopf
bis zu Füßen. Der war tüchtig mit dabei gewesen! Wie Silberschimmer lag
noch der Gischt über ihm! "Grüß Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh.
Der lange Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem Südwester, einen großen
herabhängenden Tropfen an der Nase, mit seinem dünnen schwarzen Bart und
den drei Zahnlücken im Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte;
dann rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu Pferde!" --
Irgend jemand sprach in diesem Augenblick Ingebret an; er drehte sich
um, wurde ärgerlich und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich
wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit draußen, hinter dem
ganzen Fischertreiben, auf der Straße.
Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und erst jetzt, auf der
Straße, fiel's ihm ein -- er lief ja dem Vater geradenwegs in die Arme.
Ob er überhaupt Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater
traf?
Aber -- was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn, alle diese Menschen;
und sie hatten ihn derart angestarrt, -- sie würden's schon
herauskriegen, wer er war! Und wenn der Vater vorüberkam, würde er's
auch erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue jetzt gleich --
oder Haue später -- das kam auf eins heraus. Fast wollte er wieder
anfangen zu singen. Denn ärger als es war, konnte es doch nicht werden.
Und wirklich -- er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise auf
Französisch -- die paßte just für einen, den Schläge erwarteten ...!
Hurra! Aber er war noch nicht mit dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch
schon das Herz in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der
Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe. Ach, und wie
sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete jetzt tüchtig. Der Gesang wurde zu
abgerissenen Strophen, bis er ganz aufhörte. Die Gedanken des Knaben
hatten sich verfangen in etwas, das er kürzlich in der Zeitung gelesen
hatte: die Überschwemmung einer großen Kohlengrube in England. Die
Menschen waren davongestürzt, so schnell sie nur konnten, und die Pferde
hinter den Menschen her; dort unten wußten sie sich nicht selber zu
helfen. Die armen Tiere! Ein Junge hatte sich retten können, und der
erzählte, wie ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war
hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard sah das Tier
ganz deutlich vor sich, den Kopf, die schönen glänzenden Augen, er hörte
das Schnauben und Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In
solchem Entsetzen sterben -- das war etwas! Und all das sollte am
jüngsten Tag wieder auferstehen! Was da wohl alles aus den Eingeweiden
der Gruben und Eingeweiden der Erde hervorkommen würde! Weshalb sollten
die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher traten sie auch vor und
wieherten und klagten die Menschen an! Du großer Gott, mußten das
Anklagen werden! Und so viele -- wenn man bedachte -- von der
Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle zu finden? Auf der Erde
und unter der Erde und --und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem
Grunde der See? Und die Geschöpfe, die wieder unter ihnen lagen? Denn an
vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt See war. Ach ja!
Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht länger schnell
gehen, und er war durch und durch naß.