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ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION
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= umschließt im Original kursiv gesetzten Text
BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON
AUF GOTTES WEGEN
ROMAN
* * * * *
S. FISCHER, VERLAG, BERLIN
1911
* * * * *
Alle Rechte vorbehalten
* * * * *
AUF GOTTES WEGEN
ROMAN
Inhaltsverzeichnis
Schultage 6
Jugend 56
Mannesalter 126
Meinem besten Freunde,
dem Staatsrat Frederik Hegel,
zur Erinnerung
* * * * *
Aulestad, 11. September 1889.
Nie warst Du hier; doch fast beständig
Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir.
Es ist kein Weg, kein Zimmer hier,
Wo Dein Gedächtnis nicht lebendig
Und mich umhegt seit jenen Jahren,
Da Deine Treue, Deine Tat
In meinem Kampf mir Heimat waren.
Wie oft, als ich dies Buch geschrieben,
Sah mir Dein warmes Auge zu;
Da waren eins wir, ich und Du
Und das, was still zum Licht getrieben.
Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt
Dein frischer Glaub' und echter Sinn, --
Mit Deinem Namen sei's besiegelt.
Schultage
1
Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, stand im letzten
Sonnenglanz ein vierzehnjähriger Junge, ganz in sich versunken. Er
blickte gen Westen übers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die
Stadt, den Strand, die mächtigen Berge, hinter denen noch höhere
Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.
Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewütet, als die ältesten Leute
sich entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich Schiffe im
Hafen losgerissen und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von
Schiffbrüchen die Küste entlang; in der ganzen Umgegend gab es nichts
als zerrissene Netze, fortgeschwemmte Fischreusen, verschwundene
Bootstege. Und immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste komme
noch erst.
Jetzt endlich -- seit ein paar Stunden -- war es vorüber; der Sturm
hatte sich gelegt, die Windstöße, die ruckweise aufeinander gefolgt
waren, hörten auf; kaum noch ein letzter Nachhall war zu spüren.
Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen aufrühren und dann
einfach davonlaufen -- das geht doch nicht! Wellenzüge, soweit das Auge
reichte, höher als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumweißen
Kronen und donnerndem Fall. Über Stadt und Strand hin dröhnte ihr Tosen,
gewaltig, dumpfrollend, wie Bergrutsche in der Ferne.
Jedesmal, wenn die Wogen in voller Höhe gegen die Klippen stürmten,
spritzte der Gischt meterhoch empor; von weitem sah es aus, wie wenn
weiße Meeresungeheuer der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen
versuchten. Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten an ihr Ziel.
Sie brannten dem Knaben, der da stand, auf der Wange; doch er rührte
sich nicht vom Fleck.
Gewöhnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm vermöchte den
Wellenschaum so hoch emporzuschleudern; heute kam er bei stiller Luft.
Das hatte nur _einer_ erlebt; und das war der Junge!
Weit draußen im Westen verflossen Himmel und Meer in der Glut der
untertauchenden Sonne. Etwas wie ein goldenes Friedensreich breitete
sich da hinten aus. Alle die meerschwarzen, weißköpfigen Wellen, die
sich, soweit der Blick reichte, von dort heranwälzten, waren vertriebene
Aufrührer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, unter millionenstimmigem
Protest.
Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen Höhepunkt erreicht. Keine
Vermittelung mehr. Nicht der leiseste rote Schimmer drang mehr bis
herüber. _Dort_ die warme Glut, _hier_ das kalte Schwarzblau
über dem Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch droben von der
Stadt sah, kroch in sich zusammen und ward immer kleiner mit jedem Male.
Der Junge wandte den Blick vom Meere landwärts. Und immer unruhiger
wurde er. Das kündete Unheil. Sollte wirklich noch mehr kommen? Seine
Phantasie war aufgeschreckt und, übernächtig wie er war, hatte er keine
Widerstandskraft.
Draußen die Pracht begann zu erlöschen; alle Farben verblichen
gleichzeitig. Das Brüllen von unten, wo die Ungeheuer heraufwollten,
klang stärker; oder war er nur hellhöriger geworden? Galt ihm das? Ihm?
Was hatte er denn wieder getan? Oder würde er vielleicht bald irgend
etwas anstellen? Schon öfter war diese unklare Angst eine böse
Vorbedeutung gewesen!
Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor kurzem hatte ein
Laienprediger geweissagt, die Welt werde untergehen. Alle Anzeichen der
Bibel täten genau stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien
nicht mehr zu mißdeuten. Der Prediger erregte solches Aufsehen, daß die
Zeitungen sich der Sache bemächtigten und erklären mußten, ganz dasselbe
sei schon unendlich oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias
und Daniel hätten _immer_ gestimmt. Aber als der Orkan losbrach,
entsetzlicher denn seit Menschengedenken, als Schiffe sich losrissen und
gegen die Brücken geschleudert wurden, zerschmettert und
zerschmetternd, und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich
bedeckte, und sämtliche Lichter in den Laternen erloschen ... als man
die Brandung bloß noch hörte, ohne sie mehr zu sehen ... dazwischen
Kommandorufe, Getöse, Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und
dabei in den Straßen das Entsetzen, wenn ganze Dächer abgehoben wurden,
die Häuser erbebten, Scheiben klirrten, Steine durch die Luft flogen,
Menschen flüchteten, ferne Rufe die Angst erhöhten ... ja, da gedachten
wohl manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! Dies ist der
jüngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! Besonders die Kinder waren
in einer Todesangst. Die Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben.
Denn noch in der letzten Stunde war man einigermaßen im Zweifel, ob es
auch wirklich die letzte Stunde war, und nach alter Gewohnheit behielt
die Sorge um den irdischen Besitz doch die Oberhand. Man mußte
verstecken und abschließen und eilen, und nach dem Feuer sehen und an
allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber steckte man Gebet- und
Gesangbücher in die Hände und hieß sie lesen, was da von Erdbeben und
anderen Plagen und vom jüngsten Tage stand; man schlug ihnen rasch die
Stellen auf und stürzte davon. Als ob die Kinder jetzt hätten lesen
können!
Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die Decke über den Kopf;
manche nahmen den Hund mit oder die Katze; sie fühlten sich geborgener
so; sie wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und Katze nicht
unter der Decke sterben, und dann setzte es einen Kampf.
Der Junge, der oben auf der höchsten Felsenkuppe stand, war vor Schreck
überhaupt rein von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das
Entsetzen von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die Straße, von
der Straße nach dem Hafen, vom Hafen wieder nach Hause. Nicht weniger
als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn
eingefangen, ja, sämtliche Türen hinter ihm verrammelt; aber entwischt
war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht unbestraft; kein Junge
wurde strenger gehalten und so reichlich mit Prügel bedacht wie Edvard
Kallem. Aber ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prügel setzte es
nicht in dieser Nacht.
Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am Himmel; der Tag kam,
und die Sonne schien hell wie immer. Auch der Sturm ging vorüber, und
mit ihm der letzte Rest von Angst.
Doch hat die Angst einmal ein Menschengemüt so grenzenlos beherrscht, da
bleibt der Schrecken vor dem Schrecken zurück. Nicht allein in bösen
Träumen, nein, auch am Tage, wenn man sich am allersichersten wähnt,
lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten Außergewöhnlichen
über uns herzufallen, uns mit tückischen Augen und Nebelodem zu
verschlingen, uns bisweilen in den Wahnsinn zu treiben ...
Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut in der sinkenden Sonne
und beim Toben der Brandung, --und da war auch schon die Höllenangst
wieder über ihm; die Schrecken des jüngsten Tages umbrausten ihn. Er
begriff nicht, wie er sich so gefährlich weit hier herauf hatte wagen
können, und noch dazu allein! Wie gelähmt fühlte er sich; er wagte
nicht, den Fuß zu heben --wer weiß, ob er nicht beobachtet wurde;
Feindesmächte waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner
verstorbenen Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, und die
Auferstehung sie befreie, so möge sie hier heraufkommen zu ihm; nicht zu
seiner Schwester --die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.
Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im Westen verblich, und im
Osten dunkelte es; der Geist der Kälte schritt unerbittlich weiter und
wurde Alleinherrscher; das gab eine gleichmäßige Größe und die
Sicherheit der Einheit. Nach und nach schöpfte Edvard wieder soviel Mut,
daß er freier zu atmen wagte --erst versuchsweise, dann ganz tief, viele
Male. Jetzt fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht
ohne Angst, daß die Unsichtbaren hier oben Verdacht schöpfen könnten, --
denn sie wollten ihn doch haben. Behutsam glitt er dem Abstieg zu und
fort vom Felshang. Keine Flucht, behüte! Er wußte gar nicht einmal, ob
er überhaupt gehen _wollte_; er wollte es nur versuchen, -- konnte ja
schließlich zurückkommen. Aber der Abstieg hier war nicht leicht und
mußte eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es
wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur so weit wäre, daß
er den Fußweg, der vom Fischerdorf drunten über den Berg heraufführte,
wieder erreicht hätte, ja, dann war alle Gefahr überstanden; aber hier
-- nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger Schritt, und noch
einer, und noch ein kleiner! Nur zum Versuch; er würde schon
wiederkommen!
Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und schwierigsten Teil
der Kuppe zurückgelegt und fühlte sich sicher vor den Mächten da oben,
mit denen er feilschte, so schlug er ihnen auch gründlich ein
Schnippchen; in großen Sätzen gings abwärts; wie ein Gummiball sprang er
von einem Felsvorsprung auf den andern, bis er plötzlich unten eine
Zipfelmütze auftauchen sah --so weit, weit unten, daß er sie nur eben
erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein
ganzes Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; nicht der
leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte _er_ Angst einjagen; auf _den_
dort hatte er schon die ganze Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung,
alles zeigte, wie er sich über die Gewißheit freute, ihn nun bald in
Schußweite zu haben. _Der_ sollte es kriegen!
Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, welcher Gefahr er
entgegenging, langsam, als ob er seine Freiheit und Einsamkeit genösse;
bald hörte man seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen
Absätze gegen die Steine.
Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein Jahr älter als
der andere, der ihm auflauerte; mit einem losen Friesanzug bekleidet,
einen wollenen Schal um den Hals, und große Fausthandschuhe an den
Händen; er trug einen ländlichen Korb -- blaugemalt, mit gelb-weißen
Rosen.
Ein großes Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung entgegen; seit
Tagen war die ganze Schule darauf gespannt gewesen, wie, wo und mit wem
der Zusammenstoß erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche
Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft vor einem Mitglied der
gestrengen Schulpolizei endlich eingestehen mußte, wo er sich
nachmittags und abends herumtrieb und was er da anstellte.
Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern vom Strande draußen --
das einzige Kind. Sein Vater, der vor einem Jahr gestorben, war der
angesehenste Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte schon
frühzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, weshalb dieser jetzt
das Gymnasium besuchte. Ole war begabt, fleißig und seinen Lehrern
gegenüber von einer Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erklärten Liebling
machte.
Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund (trau', schau', wem?).
Dieser treuherzige, höchst ehrerbietige Junge blieb plötzlich den
Nachmittagsspielen der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte
bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern Nachhilfstunde gab,
war er auch nicht -- das erledigte er gleich nach Tisch; auch nicht bei
Rektors, d. h. bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards
Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen sahen die Knaben
ihn dort ins Haus gehen, aber nicht wieder herauskommen; und trotzdem
war Josefine immer allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren;
sie hatten nämlich Wachen ausgestellt -- die Untersuchung wurde
systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten sie seine Spur
verfolgen; dort aber verschwand sie. Die Erde konnte ihn doch nicht
verschlungen haben! Das Haus wurde durchschnüffelt von unten bis oben,
jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durchstöbert. Josefine
selbst führte die Jungens herum, bis hinauf unters Dach, bis hinunter in
den Keller, in sämtliche Räume, wo nicht gerade die Familie selber sich
aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort sei er nicht; sie
könnten selbst nachsehen. Wo in aller Welt steckte er nur?
Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie "=Les trois
mousquetaires=" von Alexandre Dumas dem Älteren, ein Prachtwerk mit
Illustrationen; da er aber bald heraus hatte, daß das kein Buch für
einen Gelehrten war, setzte er es als Prämie aus für _den_ Kameraden,
der entdecken würde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und Abende zubrachte,
und was er da trieb. Dies Angebot warf den zündenden Funken in Edvard
Kallems Phantasie; er hatte nämlich bis vor einem Jahr in Spanien
gelebt, er las Französisch wie seine Muttersprache, und "=Les trois
mousquetaires=" war der wundervollste Roman auf der ganzen Welt -- das
hatte er immer gehört. Jetzt stand er hier auf der Lauer, für "=Les
trois mousquetaires="! Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er
sie!
Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fußweg erreicht hatte. Der
Sünder war dicht vor ihm.
Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel gemahnte -- die
Nase wie ein Schnabel -- die Augen wild, schon an und für sich und noch
mehr dadurch, daß sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn scharf
und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem Haar umrahmt. Eine
auffallende Beweglichkeit ließ ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt
wollte er ganz still stehen, aber der Körper bog sich, die Füße bewegten
sich, die Arme hoben sich, als wolle er im nächsten Augenblick durch die
Lüfte stoßen. "Bäh!" schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der
Ankömmling fuhr zusammen -- fast hätte er seinen Korb fallen lassen. "So
-- jetzt _hab_' ich Dich! Jetzt hilft Dir keine Verstocktheit mehr!"
Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl -- jetzt stehst Du da! Hoho! Was hast
Du in Deinem Korb?" Und er stürzte auf Ole los. Der aber nahm
blitzschnell seinen Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn
auf den Rücken; es war Edvard nicht möglich, ihn hervorzuzerren.
"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, Du könntst mir noch
entwischen? Her mit dem Korb!" -- "Du kriegst ihn nicht." -- "Wirst Du
wohl gehorchen? So geh ich einfach hinunter und frag'!" --"Nein, nein!"
-- "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's nicht tu!" -- "Du tust's nicht!" --
"Ich tu's!" -- Und schon drängte er an Ole vorüber, den Berg hinab.
"Ich will's ja sagen -- versprich mir bloß, daß Du's nicht weiter
sagst!" -- "Nicht weiter sagen? Du bist wohl nicht bei Trost?" -- "Doch!
Du darfst nicht!" --"Blödsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem Korb
-- oder ich geh'!" schrie Edvard. -- "Wenn Du's nicht weiter sagst --
--". Die Tränen traten Ole in die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" --
"Nichts sagen, Edvard! Nein?" -- "Ich verspreche gar nichts. Den Korb
her! Fix!" -- "Es ist nichts dabei, Du!" -- "Wenn nichts dabei ist,
kannst Du's doch sagen! Fix!" Ole nahm das, nach Knabenmanier, für ein
halbes Versprechen; flehend blickte er den andern an und faßte sich ein
Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil ich ... ach, Du weißt
ja selber ... auf Gottes Wegen!" Das Letzte sagte er sehr verlegen und
brach in Tränen aus. -- "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich
unsicher. Er war aufs höchste verwundert.
Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer schläfrigen Stunde
einmal die Frage gestellt hatte: "Welche Wege sind die besten?" Im
Lehrbuch stand: "Für den Warentransport sind noch immer die Seewege die
besten." -- "Na -- also welche Wege sind die besten? Du, Tuft?" --
"Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die ganze Klasse war mit einemmal
munter; ein brüllendes Gelächter verkündete das.
Aber bei alledem -- Edvard Kallem wußte wirklich nicht recht, was
"Gottes Wege" bedeute. Ole -- drunten im Fischerdorf -- auf Gottes
Wegen? Vor lauter Neugier vergaß er ganz, daß er Sittenpolizei war!
Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' nicht, was
Du damit meinst! Gottes Wege -- sagst Du?" Der andere bemerkte sogleich
die Veränderung. Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich;
nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag noch darin. Unter
allen Schulkameraden bewunderte Ole in aller Stille keinen so sehr wie
den Edvard Kallem. Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem
überlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und der
vornehmste Repräsentant dieser Eigenschaften war Edvard Kallem. Und noch
ein Glorienschein umgab sein Haupt ... er war der Bruder seiner
braunlockigen Schwester.
Einen unerträglichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. Alle
Augenblicke setzte es deswegen Haue --mal von den Lehrern, dann vom
Vater oder von den Kameraden. Und in der nächsten Minute fing er schon
wieder an. Das ging über den Verstand des Bauernjungen. Und darum wirkte
auch ein freundliches Wort, ein Lächeln von Edvard weit mehr, als es
eigentlich sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der
Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, die der gewesene
Raubvogel (von dem jetzt bloß noch der Schnabel übrig war) stellte,
verflossen in eins mit dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die
Waffen. Sowie Edvard seine Taktik änderte und treuherzig bat, den Korb
sehen zu dürfen, lieferte Ole ihn aus und fühlte sich völlig beruhigt
und kampfunfähig; er trocknete sich die Augen mit seinen großen
Fausthandschuhen, zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger
--besann sich auf einmal, daß er zu diesem Zweck ein karriertes Sacktuch
besaß, suchte darnach und fand es nicht ...
Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn zurückschlug, blickte
er auf: "Du möchtest vielleicht lieber nicht -- --?" -- "Doch, gern!" --
Edvard schob den Deckel zur Seite. Ein großes Buch lag darunter --die
Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfürchtig. Unter der Bibel lagen
verschiedene ungebundene Hefte. Er nahm ein paar heraus, drehte sie um
und legte sie wieder hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er
behutsam wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darüber und machte den
Deckel zu. Im Grunde war er so klug wie zuvor, oder vielmehr nur noch
neugieriger.
"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus der Bibel vor?" fragte
er. Ole Tuft errötete. "Doch --manchmal --" -- "Wem denn?" -- "Ach, den
Kranken. Aber oft komm' ich ja nicht dazu --" -- "Zu den Kranken gehst
Du?" -- "Ja -- zu den Kranken geh' ich eben." -- "Zu den Kranken? Du?
Aber lieber Gott, -- was tust Du denn da?" -- "Oh, ihnen helfen --so gut
ich eben kann!" -- "Du?" fragte Edvard mit allem Erstaunen, dessen er
fähig war. Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Mit was denn? Mit
Essen?" --"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie brauchen.
Umbetten -- --" -- "Umbetten?" -- "Ja! Sie liegen doch auf Stroh. Und
darin liegen sie, bis es stinkt, weißt Du. Manchmal machen sie's auch
noch schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber helfen
können; tagsüber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. Die Leute sind bei
der Arbeit, und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags
hinkomme, geh' ich hinunter zu den Böten, die mit Stroh fahren; das
kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte weg." -- "Wo kriegst Du
denn das Geld her?" fragte Edvard. -- "Tante spart es mir zusammen, und
auch Josefine." -- "Josefine?" rief der Bruder. -- "Ja! Aber vielleicht
hätt' ich das nicht sagen sollen."
"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte Edvard mit der wachsamen
Strenge des älteren Bruders. Ole überlegte einen Augenblick und erwiderte
dann fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." -- "Von Vater?" -- --
Edvard wußte, selbst wenn Josefine ihn darum bäte, so würde der Vater
niemals Geld unnütz ausgeben; erst mußte er wissen, wozu er es gab. Der
Vater hatte also gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in
Edvards Augen über jeden Zweifel erhaben. Ole fühlte augenblicklich
diesen völligen Umschlag; er sah ihn auch Edvards Augen an. Jetzt kam
ihm die Lust, noch mehr zu erzählen, und das tat er auch. Er berichtete,
er habe oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer müsse er machen,
das Essen aufsetzen, kochen ... -- "Kannst Du kochen?" -- "Freilich!
Und Reinmachen, und Einkaufen, und sehen, ob nicht irgend jemand
hinüberrudert, den ich nach der Apotheke schicken kann; denn oft hat der
Doktor irgend was verschrieben, aber sie haben es nicht geholt." -- "Und
zu alledem hast Du Zeit?" -- "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach
Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich nachts." Und so
erzählte er, des längeren und breiteren, bis ihm selber einfiel, daß sie
noch vor Einbruch der Dunkelheit unten sein müßten.
In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere mit dem Korb
hinterdrein.
Hier, wo die Klippe abfiel, hörte man das Tosen des Meers, als komme es
aus der Luft, wie das Sausen eines vorüberziehenden Vogelschwarms --
hoch, hoch oben. Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne noch
nicht. Doch -- einen einzigen. "Wie bist Du denn eigentlich darauf
gekommen?" fragte Edvard und wandte sich um. Ole blieb gleichfalls
stehen. Er nahm seinen Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen,
ob er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort -- da steckte noch mehr
dahinter -- und zwar war _das_ das Wichtigste. "Kannst Du's nicht sagen?"
fragte er, als wenn es ihm ganz gleichgültig sei. -- "Oh doch -- ich
_kann_ schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand in die andere
zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt konnte Edvard nicht länger an
sich halten; er fing an, Ole ordentlich deswegen zu quälen, was diesem
auch ganz lieb war -- doch immer noch überlegte er. "Es ist doch nichts
Böses?" -- "Nein, etwas Böses ist es nicht." Nach einer Pause fügte er
hinzu: "Im Gegenteil -- eher was Großes -- etwas wirklich Großes sogar!"
-- "Etwas wirklich Großes?" -- "Eigentlich das Größte in der Welt!" --
"Nanu!" -- "Wenn Du's bloß nicht weitersagen wolltest! Keiner
Menschenseele! Hörst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erzählen!" --"Also
-- Du -- was denn?" -- "_Ich will Missionär werden_!" -- "Missionär?" --
"Ja -- Heidenmissionär! Ein richtiger, für die Wilden, weißt Du, die
Menschen fressen!" Er sah -- viel mehr konnte Edvard nicht ertragen;
deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas über Zyklone, wilde Raubtiere
und giftige Schlangen hinzuzufügen: "Auf so was muß man sich einüben,
siehst Du!" -- "Einüben? Gegen reißende Tiere und giftige Schlangen?"
Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich zu finden. -- "Das Schlimmste
sind die Menschen!" sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind nämlich
ganz fürchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und bös, und grausam.
So ohne weiteres hinrennen -- das hat keinen Sinn. Man muß Übung haben."
-- "Aber wieso kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine Heiden --
die im Dorf?" -- "Das nicht. Aber man lernt doch allerhand auch bei
ihnen. Zimperlich darf man nicht bei ihnen sein -- im Gegenteil, die
ärgsten Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank ist und
querköpfig, so ist er meist auch voller Mißtrauen; manche sind geradezu
bösartig. Denk bloß, neulich abends hat ein Weib mich sogar hauen
wollen." --"Hauen?" -- "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte es tun;
aber sie hat bloß geflucht." Oles Augen glühten; sein Gesicht war
verzückt. "Hier, in einem Traktat, den ich in meinem Korbe hab', steht,
es sei der Fehler unserer Missionäre, daß sie hinausgingen, ohne sich
erst zu üben. Denn es sei eine große Kunst, Menschen zu gewinnen, steht
da. Sie zu gewinnen für das Reich Gottes, das sei die schwerste aller
Künste. Und eigentlich müßten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen
an darauf einüben; so steht geschrieben, und das will ich tun. Denn
Missionär sein -- siehst Du -- das ist doch das Höchste auf Erden. Das
ist mehr als König sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in
dem Traktat. Und es steht auch darin, ein Missionär habe gesagt: Und
hätte ich zehn Leben, ich gäbe sie alle zehn hin für die Mission ... Und
das will ich auch."
Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne es zu wissen, den
aufleuchtenden Sternen zugekehrt. Beide standen eine Weile so und
starrten in die Luft. Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in
verschwommenen Umrissen, die Brücken, niedrig, schwer; die Stadt mit
ihren verstreuten Lichtern; weiter draußen der Strand, wollgrau von
Schnee, und daneben das schwarze Meer; hier unten hörte man es wieder,
wenn auch schwächer; das einförmige Tosen verfloß mit dem sternbesäten
Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten unsichtbare Fäden hin und her;
Gefühle knüpften sich an. Von keinem andern wünschte Ole so sehnlich,
gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner leichten Pelzmütze
vor ihm stand; und Edvard dachte, wie viel besser doch Ole sei als er.
Denn daß er selber gräßlich war, das wußte er; das hörte er ja alle
Tage. Er sah seitwärts auf den Bauernjungen; -- die tief über die Ohren
gezogene Zipfelmütze, die großen Fausthandschuhe, der plumpe Schal, die
weite Friesjacke, die breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen
Stiefel --nur -- die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige
Gesicht, wenn es auch ein bißchen altklug war ... Ole wird einmal ein
großer Mann werden!
Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter zur
"Vorstadt". So hieß der Stadtteil, der an den "Berg" stieß und im
wesentlichen aus Arbeiterhäusern, Werkstätten und kleineren Fabriken
bestand. Ordentliche Straßenanlagen oder Beleuchtung gab es hier noch
nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher Morast, der in
der Abendkälte gerade zu gefrieren begann. Die paar Laternen, die
vorhanden waren, hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern quer
über die Gasse gespannt waren, und hinauf- und hinuntergezogen werden
konnten. Sie waren schwarz von Qualm und daher äußerst schlechter Laune.
Hier und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine Laterne,
die über der Haustreppe hing. Unter einer solchen Laterne blieb Edvard
stehen. Er mußte wieder etwas fragen. Nämlich -- wer es eigentlich sei,
dessen Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide kannten?
Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die Treppe und stützte sich mit der
Hand darauf. Er lächelte: "Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja,
die kannte die ganze Stadt; eine tüchtige Frau; aber sie trank; und oft
hatten die Schuljungen am Samstagabend ihren Jux mit ihr, wenn sie, an
eine Mauer gelehnt, dastand und sie ausschimpfte und sich schließlich
umdrehte und zum Zeichen ihrer Hochachtung -- na ja, wie das Zeichen
aussah, läßt sich nicht gut beschreiben! Aber die Bengels warteten bloß
darauf; und die Sache wurde stets mit Jubelgeheul begrüßt.
"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst Du bekehren?" --
"Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. Er war flammend rot geworden und
sah sich erschrocken um. Edvard wiederholte flüsternd: "Glaubst Du,
irgend ein Mensch könnte die bekehren?" -- "Ich glaube, ich bin auf dem
besten Wege!" flüsterte der andere geheimnisvoll. -- "Du mußt schon
entschuldigen -- aber ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der
Mund verzog sich zu einem Lächeln. -- "Wart' nur erst und hör' mich an!
Du weißt doch, im Winter ist sie auf dem Glatteis hingefallen und hat
sich bösen Schaden getan?" Jawohl, das wußte er. -- "Seitdem liegt sie
im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. Sie ist doch so
bösartig und kratzbürstig. Gegen mich war sie anfangs widerwärtig --
kaum zum Aushalten war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und
jetzt heißt es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein Lämmeken', 'mein
Goldsöhnchen', 'mein gutes Kind'. Denn ich habe sie umgebettet und
Kleider und Essen und Bettzeug für sie gesammelt, und die ärgsten Dinge
für sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends Miene gemacht,
mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen wollte, und ihr krankes Bein ihr
dabei wehtat. Sie schrie wie besessen und hob ihren Stock gegen mich;
aber dann nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz fürchterlich und
warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt ist sie wieder ganz sanft, und
neulich hab' ich's sogar gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." -- "Der
Marte von der Werft?" -- "Die Bergpredigt. Und daß Du's nur weißt -- sie
hat geweint." -- "Geweint? Hat sie's denn verstanden?" -- "Nee, sie hat
so geweint, daß sie nicht viel davon gehört hat, glaub' ich. Aber die
Bibel war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, als ich das
Buch nur herauszog."
Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen Hammerschläge und in
der Ferne eine Dampfpfeife; dann von der Gasse gegenüber das leise
Weinen eines Kindes. -- "Hat sie was gesagt?" -- "Sie sagte, sie sei
viel zu schlecht, um so was anzuhören, hat sie gesagt. Und ich erklärte
ihr, daß dem lieben Gott gerade die Geringsten die liebsten wären. Sie
tat aber, als höre sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch
einmal beim Wäscher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." --"Beim
Wäscher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mußte wieder "Psst!" sagen; der
Wäscher-Lars war nämlich ihr guter Freund. -- "Du kannst mir's glauben,
der ist die ganze Zeit über furchtbar nett gewesen. Im Wäscher-Lars
steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend kommt er und hilft ihr.
Heut Abend ist er früher gekommen als sonst, darum konnt' ich gehen;
sonst bleib' ich viel länger." -- "Hast Du ihr noch öfter vorgelesen?"
-- "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen an; aber heute,
glaub' ich, hat sie was gehört. Denn wie ich ihr das vom verlorenen Sohn
vorlas, sagte sie: ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" -- Beide
Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich doch nicht. Dann
wollte ich versuchen, zu beten. Ach, das nützt ja doch alles nichts!
sagte sie. Aber als ich dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz
verdreht, weißt Du, gerad' als ob sie sich fürchte, und sie richtete
sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen --unter keinen
Umständen! Und dann legte sie sich wieder hin und heulte." -- "Es wurde
also nichts?" -- "Nein, und dann kam der Wäscher-Lars, und sie sagte,
ich solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? Glaubst Du nicht,
daß ich auf dem besten Wege bin?" -- Edvard war nicht so ganz sicher.
Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen Knax bekommen.
Bald darauf trennten sie sich.
2
In den höheren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, der dem Geist der
Stadt, in der die Schule liegt, völlig entgegengesetzt ist; ja, in der
Regel steht die Schule in gewissen Stücken unter ganz selbständigen
Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schüler in seinem Bann zu
halten, ebenso wie es oft von einem Kameraden oder von ein paar abhängt,
ob unter den Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, ein
Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt
irgend ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist das
so. Die Knaben arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder haben
mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.
Gegenwärtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise die Oberleitung in
Händen. Einen so gelehrten Schüler hatte die Schule seit ihrer Gründung
nicht gesehen; er war ein Jahr länger geblieben als nötig, nur um der
Schule den Glanz eines unzweifelhaften =prae ceteris= zu verschaffen.
Die Knaben waren unglaublich stolz auf ihn. Bewundernd erzählten sie,
wie er die Lehrer in der Gewalt habe, und daß er seine Stunden nach
eigenem Belieben wählen und kommen und gehen könne, wie es ihm gerade
passe. Meist arbeitete er für sich. Er besaß eine Bibliothek, deren
Regale längst die Wände so angefüllt hatten, daß sie jetzt den Fußboden
entlang krochen. Ein langer Bücherständer stand auf jeder Seite des
Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten darüber um, daß sogar die
kleinsten Jungens ihn besuchen und mit eigenen Augen sehen mußten. Und
mitten drin, am Fenster, saß er selber und rauchte, in einem bis auf die
Füße reichenden Schlafrock, dem Geschenk einer verheirateten Schwester,
auf dem Kopf eine Samtmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an
den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer Patin. Er war ein
Damenprodukt -- wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ältliche
Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versahen ihn mit
Taschengeld.
Ein großer, kräftiger Bursche mit einem regelmäßigen, feingeschnittenen
Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. Es wäre schön gewesen,
wenn es nicht Glotzaugen und einen gierigen und lauernden Ausdruck
gehabt hätte. Ähnlich sein wohlgebauter Körper: er hätte einen
stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht vornüber gebückt gegangen
wäre, als drücke eine Last seinen Rücken, und einen ungleichmäßigen Gang
gehabt hätte. Hände und Füße waren zierlich; er konnte nicht leiden,
wenn man ihn anrührte, war verfroren und zimperlich und hatte einen
durchaus weiblichen Geschmack.
Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, Großes und Kleines,
ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied war, so bestand er darin,
daß das Kleine ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm;
sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in das Vertrauen
eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten aus dem ganzen Land,
auch solche aus fremden Ländern kannte er. Diese Geschichten zu erzählen
-- am liebsten Skandalgeschichten -- und in aller Stille noch andere
einzuheimsen -- das war ihm des Daseins größte Wonne! Hätten die Lehrer
geahnt, wie diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all ihrem
Inhalt die Luft der Schule verdarb -- sie hätten ihn schwerlich noch ein
Jahr dabehalten. Die ganze Schule war nichts als Kritik und Zweifel;
Klatsch und Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst führten;
schlüpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. Gierig nach Neuem
saß er inmitten seines Rauchgespinstes zwischen seinen Bücherregalen,
wenn jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend kam und
erzählte, nun wisse er, wohin Ole gehe und was er treibe, und nun wolle
er seine Prämie, da stand Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick
zu warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann wollten sie sich
einen vergnügten Abend machen.
Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes halbes ebenso; und
dann erzählte Edvard. Erst, daß Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.
Anders war ungefähr ebenso paff, wie Edvard vorhin, als er die Bibel
sah. Edvard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so äußerte
Anders einen leisen Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas
weismachen wollen, um sich leichter aus der Patsche zu ziehen; dahinter
stecke etwas. Bauernjungen seien immer Heimlichtuer. Und zum Beweis
erzählte er ein paar ganz amüsante Geschichtchen aus der Schule. Edvard
gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um ein Ende zu machen (er
war im Grunde furchtbar müde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er
sei damit einverstanden und unterstütze Ole mit Geld. Jetzt zweifelte
natürlich auch Anders nicht länger. Aber trotz allem -- es konnte etwas
dahinterstecken; Bauernjungens seien nun mal solche Heimlichtuer.
Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von seinem Sitz auf und
fragte, ob Anders etwa glaube, daß einer von ihnen lüge.
Anders trank ruhig einen Schluck Bier und ließ vorsichtig seine
Glotzaugen rollen. "Lügen" -- hm -- ein sonderbarer Ausdruck. Durfte
man vielleicht wissen, was das für Kranke waren, mit denen Ole sich
beschäftigte?
Darauf war Edvard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, gerade soviel
zu sagen, als nötig war, um die Prämie zu bekommen, und kein Wort
darüber. Er stand wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so
möge er's bleiben lassen; aber seine Prämie wolle er.
Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu brechen, was Edvard auch
recht gut wußte. Natürlich sollte Edvard das Buch haben. Aber nun müsse
er erst mal eine amüsante Geschichte hören, wie sich die Kranken draußen
im Fischerdorf aufführten. Der Armenarzt und seine Frau seien gestern
bei seiner Mutter gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der
Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen habe. Ob sie
noch immer von ihrem Fall im Winter bettlägrig sei? Ja freilich; und sie
litte keine Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise
alles, was sie brauche, und der Wäscher-Lars bringe ihr Abend für Abend
Schnaps, so daß sie sich manch liebes Mal einen recht fidelen Schwips
ansäuselten. So bald stehe die gewiß nicht wieder auf.
Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von
der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es ließ sich nicht
leugnen.
Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen.
Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als
sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber
wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht verträgt, so ist es, sich
gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den
ehrenrührigen Verdacht, als ob er das Lächerliche an Ole Tufts Vorhaben
nicht durchschaue, von sich abzuwälzen. "Und denk Dir --aus der Bibel
hat er der Marte vorgelesen!" -- Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder
wurden die Glotzaugen ganz groß, um zu schlingen; aber schnell zogen sie
sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte sich
geradezu; und Edvard mit.
Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen
Sohn; und Edvard erzählte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die
Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders
liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das
Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals
kitzelt -- --es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus -- zu endlos
neuer Heiterkeit. Und Edvard mußte alles erzählen -- und noch ein
bißchen mehr.
Als er später mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er
ein scheußliches Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte
ihn nicht mehr, und der gekränkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber kaum
war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen
vor sich zu sehen. Er wollte das Gefühl abschütteln; er war so
entsetzlich müde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen --
ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.
Doch am nächsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade
noch in die Kleider springen -- und davonrasen -- mit einer Buttersemmel
im Mund und einem flüchtigen Gedanken an "=Les trois mousquetaires=",
die jetzt ihm gehörten; heut nachmittag würde er sie lesen. In der
Schule schlug er sich mit Hängen und Würgen von einer Stunde zur andern
durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer
so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschluß war er
vollauf in Anspruch genommen; dann kam Französisch und Naturgeschichte;
von den beiden Fächern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe
hinunter, vor allen andern.
Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern
Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse.
Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn
ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erzählen würde. Fast in derselben
Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrücken ein Ungetüm von
einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen näherte.
Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute,
die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit
gestützten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von weißem Gischt, nur
eben noch fähig, sich fortzubewegen -- so kam es angezogen. Vielleicht
im Schlepptau eines andern Dampfers --Edvard konnte der Brücken wegen
nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit.
Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er öffnete,
leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt stürzte die Treppe hinunter
in den Hof -- wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem
Riesenbauch --. Das Haus erdröhnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer
Schrei -- die jubelnde Ichverkündigung des Ersten -- dann ein Gemisch
von Diskant- und Altstimmen -- dann gebrochene Übergangsstimmen, die in
einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten -- dann ein
gemeinsames Emporsprühen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer,
bald ein halbes Erlöschen hier -- bald eine freudig aufschießende
Feuersäule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz über dem
ganzen Hofe.
Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie
durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt -- hin und her gespült --
von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte
sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des
Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt,
sich's ein bißchen bequem machen.
Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit seinen Glotzaugen
vorsichtig ausgespäht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick
zufrieden über die Menge hin; er genoß das reizvolle Gefühl der
Gewißheit, diesen ganzen Aufruhr durch bloße drei, vier Worte -- seinem
Nachbar ins Ohr geflüstert -- dämpfen zu können. Wie Öl auf eine tobende
See würden sie wirken, und der Lärm würde verstummen, sobald die paar
Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da --ein großer Junge hielt ihn
gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten
im Kreis herum; der Große versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und
half mit dem Fuß nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die
eisenbeschlagenen Absätze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der
andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu
können.
Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunächststehenden herab: "Jetzt weiß
ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." -- "Ach, Quatsch!" -- "Doch, ich
weiß es." -- "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" -- "Edvard Kallem." --
"Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" -- "Freilich." -- "Nee -- so
was! Edvard Kallem!"
"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" fragte jetzt ein Dritter.
Und der Zweite, der es eben gehört hatte, berichtete sofort. Ein
Vierter, ein Fünfter, ein Sechster schoß fort: "Edvard Kallem hat die
Prämie gewonnen! Anders Hegge weiß jetzt, was Ole Tuft jeden Abend
treibt!" Und überall, wo die Worte erklangen, verstummte der Lärm; alles
wollte hören, alles stürzte auf Anders Hegge zu.
Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, so wurden auch die
andern drei Viertel aufmerksam. Was in aller Welt mochte dort an dem
Bretterhaufen los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten
sich um Anders, sie kletterten auf den Holzstoß, so viel ihrer überhaupt
Platz hatten. "Was ist los?" -- "Edvard Kallem hat die Prämie gewonnen!"
-- "Edvard Kallem?" Wieder loderte es auf. Alle fragten -- alle
antworteten --alle, außer Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad ihn
losgelassen hatte.
Dann wurde es mäuschenstill. Anders Hegge erzählte. Das war sein gutes
Recht; er hatte dafür bezahlt. Er erzählte gut, in einer klaren,
trockenen Art, die allem einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh.
Erst erzählte er, wo Ole sei und was er da treibe -- daß er die
Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, ihr das Essen koche
und nach der Arznei in die Apotheke laufe; dann -- _weshalb_ er das tue;
er wolle Missionär werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten
üben; er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und wenn dann Ole
fort sei, komme der Wäscher-Lars mit Schnaps, und dann tränken sich die
beiden, Marte und Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen
Schwips an. Zuerst standen die Jungens ganz starr -- so was war ihnen
noch nie vorgekommen! Sie faßten es in der Hauptsache als eine Art
Zeitvertreib auf, und so, wie es erzählt wurde, konnte es gar nicht
anders aufgefaßt werden. Aber Missionär und Bibelvorleser spielen? Das
hatten sie noch nie gehört. Es war lustig, aber zugleich auch noch etwas
anderes; was? -- darüber waren sie sich im Augenblick nicht klar. Da
niemand lachte, ging Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall
gekommen? Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein Apostel werden
wollte; und das war viel, viel mehr als König werden, oder Kaiser, oder
Papst; das hatte Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu
werden, mußte er "Gottes Wege" finden, und Gottes Wege -- nun ja, die
begannen dort unten bei der Marte von der Werft. Dort wollte er sich
üben, Wunder zu tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen
Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu gebieten. Jetzt brach
das Gebrülle los. Doch gerade in diesem Augenblick läutete es; die
Jungens konnten nur eben noch, sich vor Lachen schüttelnd, an Ole
vorüberstürmen.
Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tuft in einen bodenlosen
Abgrund geblickt; das war an dem Wintertag, als er am Grabe seines
Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg poltern
hörte. Die Luft war voll treibenden Nebels, und das Meer wie Blei.
Alles, was er an Leid kannte, führte dorthin zurück; auch jetzt stand er
wieder dort; auch jetzt hörte er wieder die Kirchenglocke von damals.
Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen und Gängen verhallt, der
letzte Nachzügler verschwunden, die letzte Tür geschlossen und mit
einemmal alles so still war -- da, durch das Schweigen, durch die Leere,
vernahm er eine Glocke -- bimbam, dingdang -- und plötzlich war er auch
schon draußen, vor der geteerten Holzkirche am Strand; die langarmigen,
alten laublosen Birken an der Mauer und die ehrwürdige Tanne vor dem
Portal rauschten; Glockenklänge, schrill, dünn, kamen dahergewankt, und
die scharfen Erdschollen auf dem Sarg schlugen ihm Wunden fürs ganze
Leben. Das unaufhaltsame Weinen der Mutter -- sie hatte es
zurückgehalten bis jetzt -- keinen Laut bis dahin -- nicht am Bett,
nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit einemmal -- ach, nicht
einzudämmen mehr! ... O Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er
brach in Tränen aus.
Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden nicht folgen; und er wollte
überhaupt nicht mehr in die Schule. Auf das hin konnte er keinem von
ihnen mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt bleiben. In
zwei Stunden würde jedermann es wissen und gaffen und fragen und
grinsen. Und das, was er vorhatte, war ja jetzt auch entweiht für ihn;
wozu noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch nicht. Nein --
nur heim, heim, heim!
Aber wenn er länger hier stehen bliebe, so würden sie bald einen aus der
Klasse herunterschicken, um ihn zu holen; er mußte gleich fort --. Nicht
erst nach Hause zur Tante; dort hätte er erzählen müssen. Nicht durch
das große Tor und über die Hauptstraße; die war immer so voll von
Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, er mußte durch das kleine
Schlupfloch fort, das Josefine ihm zurechtgemacht hatte, und durch das
sie ihm jeden Nachmittag hinaushalf, ohne daß die Jungens es sahen.