Don Scipione macht eine Bewegung, als wollte er sagen: „Ja freilich!“

„Das ist nicht wahr!“ nimmt der Polizist wieder energisch das Wort.

„Sie sind ein belgischer Chauffeur. Ich erkenne Sie wieder.“

Auch er erkannte uns wieder! Genau wie die Alte mit der Henne!

„Ich erkenne Sie wieder; verstanden? Und ich nehme Sie in Strafe, weil

Sie zu rasch gefahren sind. Sie kennen das Reglement sehr gut. Zehn in

der Stunde“ -- er zieht sein Notizbuch hervor, befeuchtet die Spitze

des Bleistifts und fügt hinzu: „Ihr Name und Ihre Adresse?“

„Fürst Scipione Borghese, Adresse: Palazzo Borghese in Rom.“

„Wie? Noch einmal? Nun hört mir aber der Spaß auf! Zeigen Sie Ihre

Papiere!“

Die Papiere werden vorgezeigt. Der Polizist prüft sie und ruft:

„Das sind nicht Ihre Papiere. Sie sind ein Chauffeur! Weshalb geben Sie

sich für einen Fürsten aus? ... In einem solchen Aufzuge! Schämen Sie

sich etwa, nur ein Chauffeur zu sein? Jeder verdient sein Brot, wie er

kann! Woher kommen Sie?“

„Aus Peking.“

„Aus ... Peking? Borghese ... Ah!!“

Das Gesicht des Polizisten erhellt sich. Er besinnt sich --

jetzt versteht er -- bedauert tief -- geht von der Strenge zur

Ehrerbietigkeit über -- grüßt -- und ruft dienstbeflissen:

„~Passez, Monseigneur! Bon voyage!~“

Eine halbe Stunde später treffen wir in Lüttich ein, gerade als die

Straßenlaternen angezündet werden.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Paris.

An der Maas entlang. -- Die französische Grenze. -- Reims. --

Die Reliquiensammler. -- Meaux. -- Eine schlaflose Nacht. -- Die

letzten Stunden. -- An den Toren von Paris. -- Auf den Boulevards.

-- Die Fahrt ist zu Ende!

In Lüttich bemerkten wir, daß sich unser Automobil wie ein Album nach

und nach mit Namenszügen bedeckte. Sie waren mit Bleistift auf die

Benzinbehälter und auf den Kasten für die Reservestücke geschrieben:

fast alles unbekannte Namen, begleitet von den Daten von Moskau,

Petersburg, Königsberg, Berlin! Ettore schonte beim Putzen der Maschine

diese Schriftzüge, die ebenso viele anteilvolle Wünsche und bescheidene

Freundschaftsbekundungen von Leuten darstellten, die wir vielleicht gar

nicht gesehen hatten und die wir nie wiedersehen würden.

Ettore hörte keinen Augenblick auf, das Automobil liebevoll zu pflegen

und zu warten. Wenn es bis hierher gekommen war, so verdankten wir dies

großenteils seinem Eifer. Auch jetzt schlief er neben ihm ausgestreckt.

Seine Liebe war zur Eifersucht geworden. Er gestand, mit Schmerz an den

Augenblick zu denken, an dem er sich von ihm trennen müsse.

Am 9. August früh 5½ Uhr ergriff der Fürst das Steuerrad, und wir

fuhren in der Richtung auf Namur weiter. Wir durcheilten auf den noch

menschenleeren Straßen rasch Lüttich bis zur Maas, längs deren Ufern

wir einen entzückenden Weg einschlugen.

Der heitere Tag machte auch die Maas heiter, deren ruhig

dahinfließendes Wasser in blitzendem Flimmern das grüne Gebüsch der

Hügel, die Bogen der Brücken, die Takelage der Boote und Jachten

widerspiegelte. Die Maas hat Stellen, an denen sie einem See von großer

Länge gleicht, der hier und da von dem dichten Schatten der Rauchwolken

verfinstert wird, die die zahlreichen Kohlenbergwerke wie Vulkane

unaufhörlich ausstoßen.

Paris ist nur noch 388 Kilometer entfernt!

Wir kommen durch Huy und nach Namur, das von den weißen Mauern der

alten Zitadelle überragt wird. Breite Barken fahren den Fluß hinauf,

gezogen von starken Pferden, die unsere Straße benutzen und sie oft

versperren; dann fahren wir langsam und sehen die Reihe der vier

„Itala“-Maschinen sich zusammenschließen. Die Vertreter der Pariser

Presse, sympathische Reisegefährten, folgen uns auf dem Fuße. Wenn das

Tal sich enger zusammenzieht, erfüllen wir es ganz mit Staub, der wie

ein Nebel an den Hügeln emporsteigt. Um 8 Uhr sind wir in Dinant.

Nach einer Viertelstunde zeigen wir einander etwas, das uns von unseren

Sitzen emporspringen läßt: die erste französische Flagge, die am

Hinterteile eines die Maas hinabfahrenden Dampfers weht.

Dann kommen wir bei Agimont an die französische Grenze. Wir würden

es gar nicht bemerkt haben, wenn nicht ein belgischer Zollbeamter

uns angehalten hätte, um uns in der Ferne das auf einem Seitenwege

erreichbare Zollamt zu zeigen, auf dem wir die Zollgeschäfte rasch

erledigen.

„~République Française~“ lesen wir auf einer halb zwischen Bäumen

versteckten Tafel. Halt! Wir bringen das Automobil zum Stehen. Die

gastlichen Pariser Kollegen wollen den Augenblick, in dem wir den Boden

Frankreichs betreten, festlich begehen. Es kommen Champagnerflaschen

und Gläser zum Vorschein, die aus einem ländlichen Gasthofe der

Umgebung stammen; im Nu sind die Gläser gefüllt und die Flaschen

geleert. Das stille Tal hallt mit einem Male wider von Evvivas auf

Frankreich und Italien!

Rasch besteigen wir wieder die Maschinen. Die französischen Zollbeamten

halten uns nicht lange auf, und bald sausen die vier mächtigen

Automobile auf den breiten, wundervollen französischen Straßen dahin.

Paris ist noch 300 Kilometer entfernt!

Jetzt sind wir in dem befestigten Givet. Auf dem grasbewachsenen Glacis

blühen Mohnblumen. Aus den großen Kasernen begrüßen uns am Fenster

stehende Soldaten.

Die ungeheuere Fabrik, die Belgien in Wahrheit ist, haben wir

verlassen. Nun scheint die Sonne uns strahlender, der Himmel blauer;

eine ungekannte Freudigkeit liegt über Frankreich ausgegossen. Aber

vielleicht hat diese Freudigkeit in uns ihren Sitz.

Um 10 Uhr kommen wir durch Fumay, bekannt durch seine

Schieferindustrie. Zollbeamte halten uns wieder an, um unsere Papiere

zu prüfen. Wir fahren an den sanften Abhängen der Ardennen empor, die

von Wäldern beschattet werden, die schon an unsere Flora erinnern. Wie

es uns erquickt, das schöne, verführerische bunte Bild einer Vegetation

zu erblicken, die wir so sehr lieben! Lebt wohl, ihr frischen

regelmäßigen strengen Nadelwälder! Die Straßen gleichen Gartenalleen,

so gleichmäßig und eben sind sie. Wir berühren sie kaum, als schwebten

wir über sie hinweg.

Rocroy mit seinen historischen Befestigungen kommt in Sicht. Auf dem

Marktplatze halten wir, um Benzin einzunehmen. Die scharfriechende

Flüssigkeit rinnt gurgelnd in die Behälter, und die leeren Behälter,

die wir die „Leichen“ nennen, werden auf den Boden gestellt. Die

Maschinen frühstücken.

Paris ist noch 263 Kilometer entfernt!

Während wir durch den Wald fahren, springt hinter den Bäumen ein

Zollwächter hervor, der uns zu halten befiehlt, während ein Kamerad

sich in größerer Entfernung zeigt. Er schwingt ein Gewehr und hält

sich bereit, uns im Notfalle mit überzeugenden Beweisgründen zum Halten

zu veranlassen. Es findet abermals eine Prüfung unserer Papiere und

eine Besichtigung der Maschine statt. Nachdem sich die diensteifrigen

Zollwächter überzeugt haben, daß wir keine Kontrebande in das Gebiet

der Republik einschmuggeln, lassen sie uns weiterfahren.

Um 12½ Uhr betreten wir Reims. Reims! Auf wie vielen Flaschen haben

wir nicht diesen Namen gelesen! Wir denken an all die Toaste, die in

den letzten Tagen ausgebracht worden sind, in den Händen Gläser mit

einem Wein gefüllt, der stets den Anspruch erhob, aus Reims zu stammen.

Bratengeruch macht sich bemerkbar, und in den niedrigen Fenstern hört

man das Klirren in Tätigkeit gesetzter Bestecke und das Klappern

von Tellern; es ist die Stunde des Mittagessens in dieser stillen

Provinzstadt. Auch wir beschließen, zu diesem Zwecke zu halten.

Auf der Hauptstraße laufen die Leute zusammen und begrüßen uns. Ein

Straßenbahnschaffner lehnt sich, während wir vorüberfahren, aus seinem

Wagen heraus und ruft dem Fürsten vertraulich zu:

„~Ça c’est bien, mon petit!~“ (Gut so, mein Junge!)

Die Fahrgäste klatschen Beifall.

Wir gelangen an die wundervolle Kathedrale. Kaum haben wir Zeit,

einen entzückten Blick auf den prächtigen Bau zu werfen, als die

glänzende Erscheinung auch schon verschwindet und wir uns in dem Hofe

eines Hotels mit Garage befinden. Der Hof füllt sich mit Neugierigen;

die Gäste stürzen heraus; ein Amerikaner bietet uns Champagner an,

während wir im Begriff sind, uns zu waschen. Voll Seifenschaum und

von Wasser triefend, müssen wir mit ihm anstoßen. Er drückt uns seine

guten Wünsche aus, erklärt aber offen, nicht zu verstehen, was es für

ein Vergnügen sei, eine solche Reise zu machen ohne den geringsten

materiellen Gewinn!

Als wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen, stürzen sich allzu

begeisterte Bewunderer, die eine Reliquie von uns haben wollen, auf

die kleine dreieckige Flagge, die wir vorn am Wagen gehißt haben,

reißen sie in Stücke und verteilen diese untereinander. Nur mit

Mühe verteidigen wir die große, hinten wehende Fahne. Nun sollen

Splitter aus der Karosserie herausgeschnitten werden, und die Klingen

der Taschenmesser sind schon in Bewegung! Kurze Zeit noch, und das

Automobil wäre vor allzu großer Liebe geplündert, demoliert, zerstört

worden. Aber bei dem ersten Druck auf den Hebel schießt die wackere

Maschine, die die Gefahr begriffen hat, davon und bringt sich in

Sicherheit. Es ist 3 Uhr. Die durchbrochenen Türme der Kathedrale

verschwinden.

Paris ist noch 169 Kilometer entfernt!

Um 5 Uhr 10 Minuten kommen wir durch La Ferté. Der Name Paris beginnt

auf den Wegweisern zu erscheinen nebst dem Pfeil, der die Richtung

angibt.

Paris ist noch 78 Kilometer entfernt!

Je näher wir kommen, desto zahlreicher werden die Grüße, auch auf dem

Lande, desto lebhafter, desto herzlicher werden sie. Es liegt in ihnen

eine liebevolle Anteilnahme des Volkes.

Wir dürfen nur bis Meaux fahren und müssen dort die Nacht über bleiben.

Der Einzug in Paris ist auf 4½ Uhr des 10. August anberaumt. Das

Komitee für die Fahrt hat es so angeordnet. Der Endpunkt soll das

Gebäude des „Matin“ sein.

Jetzt zeigt sich Meaux. Als wir bei den ersten Häusern sind, macht uns

ein Zolleinnehmer von der Mitte der Straße her energische Zeichen mit

der Hand. Der Fürst bremst und fragt ihn:

„Müssen wir wegen des Zolles halten?“

„~Non, Monsieur~,“ erwidert er, „~c’est pour la cinématographie!~“

Und lachend deutet er auf einen Photographen, der einen

kinematographischen Apparat spielen läßt und uns im Gegensatz zu seinen

Berliner Kollegen zuruft:

„Haben Sie die Güte, sich zu bewegen, ich bitte Sie! Noch mehr! Bewegen

Sie sich stark! Noch mehr! Ich brauche Bewegung! Danke!“

Wir wollen ihm den Spaß nicht verderben; wir drehen uns nach rechts und

nach links, strecken den Hals vor, wir bewegen uns wie Bären im Käfig,

bis der Photograph alle Bewegung, die er braucht, gefunden hat und uns

weiterfahren läßt.

Wir halten vor dem ersten Hotel der Stadt, das den Namen „Zur schönen

Sirene“ führt.

Paris ist nur noch 45 Kilometer entfernt!

* * * * *

Es war gerade kein sehr ruhiger Schlaf, dessen wir uns vergangene Nacht

zu erfreuen hatten! Früh begaben wir uns zur Garage, als wären wir im

Begriff, eine endlose Reise nach einem unerreichbaren, fabelhaften

Ziele anzutreten.

Wir haben uns an das beständige Reisen gewöhnt; zur Stunde des

Aufbruchs springen wir instinktiv aus dem Bette. Fahren ist unser

Lebenszweck geworden, immer und immer dahinstürmen; moderne ewige

Juden, die verdammt sind zu unaufhörlicher Reise.

Viel besser, viel tiefer und viel ruhiger als in dieser letzten

Nacht unserer Pilgerfahrt durch zwei Kontinente hatten wir auf den

chinesischen Kangs geschlafen trotz ihrer übeln Gerüche, im grünen

Grase der Steppen oder auf den Bänken der kleinen sibirischen Isbas,

eingehüllt in Ziegenfelle, den photographischen Apparat als Kopfkissen.

Viel besser als in den Daunenbetten des Gasthauses zu Meaux, 45

Kilometer vor Paris!

Es ist die Nähe von Paris, die uns im Schlafe stört. Wir fühlen, wir

hören das mächtig pulsierende Leben der Stadt. Oft stand ich auf, ging

ans Fenster und schaute hinaus. Dort liegt Paris, sagte ich mir, als ob

ich einen unvernünftigen Zweifel bannen wollte.

Tag für Tag war uns unsere Reise selbstverständlich, manchmal sogar

leicht erschienen. Kiachta zu erreichen, indem man von Urga kam,

Werchne-Udinsk, indem man von Kiachta kam, dünkte ganz einfach. In

unmerkbaren Übergängen gelangten wir von Land zu Land, von Volk zu

Volk.

Jetzt, da unser Geist nicht mehr bedrückt ist durch die Sorge um den

Weg, denken wir der zurückgelegten Strecke, die uns die Erinnerung mit

Blitzesschnelle in gewaltsamer Verkürzung zeigt.

Wir befanden uns an den mit Pagoden gekrönten Toren von Peking. Die

Arme von Chinesen schleppten diese Maschine hier unter den Felsen von

Ki-mi-ni durch, wo wir von Maultieren getragene, mit blauer Seide

verhüllte Sänften fanden. Mandarine, den goldgestickten Drachen

auf der Brust, kamen in Kalgan herbei, um diesen Wagen anzusehen,

während ein Gong feierlich erklang. Dieser Wagen ist von ungestümen

mongolischen Reiterscharen verfolgt worden, und er jagte seinerseits

an den Grenzen der Wüste Rudel braungelber Gazellen, die vor Angst wie

verrückt waren. Dieser Wagen hat den breiten Iro, den letzten großen

Strom des Chinesischen Reiches, durchfurtet; er fiel von einer Brücke

in Transbaikalien und fuhr zwischen den Geleisen der transsibirischen

Eisenbahn; im Schmutze von Tomsk ist er versunken, die Taiga, den

größten Wald der Welt, hat er durchquert, und nun steht er wohlbehalten

hier, eine halbe Stunde vor der Porte de Vincennes!

Wir hatten gewagt, auf Erfolg zu hoffen. Wir hatten aber nicht gewagt,

an die Aufregung dieses Augenblicks zu denken, als wir das Doschmen-Tor

in Peking verließen.

Fürst Borghese befolgte stets den Grundsatz, sich nur ganz kleine,

leicht zu erreichende und nahe Ziele zu stecken. Er sagte mir an den

beschwerdereichen, zur Verzweiflung bringenden Tagen, an denen wir nur

langsam und mit schwerer Mühe vorwärtskamen: „Alles, was ich wünsche,

ist, das nächste Dorf zu erreichen“, und unterdrückte in seinem Geiste

das übrige. Wir strengten alle unsere Kräfte, unseren gesamten Willen

an, um diese kurze Strecke zurückzulegen, als sei das nächste Dorf

unser letztes Ziel.

Den Tag darauf begannen wir von neuem.

Die ungeheuere Reise ist im Grunde nichts weiter als eine endlose

Reihe von kurzen zurückgelegten Strecken, von denen jede einzelne

im Verhältnis zu unserer Kraft und der Maschine stand. Unsere

Reise ist vor allem eine riesenhafte Kette von Geduldproben. Wir

berechneten nie die Länge der Strecke vor uns, sondern nur die der

hinter uns liegenden. Wir suchten die Zahlen, die uns anspornen

konnten, und in unseren Berechnungen waren wir vorsichtig, so daß wir

stets beobachteten, daß wir in Wirklichkeit einen viel weiteren Weg

zurückgelegt hatten, als wir glaubten.

Es ist fast sicher, daß wir uns in der Berechnung der Entfernungen

in der Mongolei und der Wüste Gobi getäuscht haben, wo wir 12 bis

14 Stunden täglich in gutem Tempo fuhren. Wir glaubten 200 bis 300

Kilometer zurückzulegen, und in Westeuropa stellten wir fest, daß,

wenn wir mit derselben Geschwindigkeit fuhren, wir in der gleichen

Zeit 500 Kilometer zurücklegten. Die genaue Gesamtziffer der von uns

durchfahrenen Kilometer bleibt also noch unbekannt. Wir schätzen sie

auf über 13000. Aber wir wollen sie gern unbekannt sein lassen. Wir

werden sicher nicht zurückkehren, um nachzumessen ...

Die Nachbarschaft von Paris überrascht uns, betäubt uns, findet uns

ergriffen von der phantastischen Geschwindigkeit, mit der wir sie

erreicht haben. Die letzten russischen Provinzen, Deutschland, Belgien,

Frankreich zogen an uns wie Traumbilder vorbei. Zwölf Tage brauchte es,

um das erste Tausend Kilometer zurückzulegen, das letzte Tausend haben

wir in 2½ Tagen durchflogen.

Doch die letzten Stunden schienen uns eine Ewigkeit: Stunden

der Freude, aber auch Stunden einer schwachen, unbestimmten,

undefinierbaren Beklemmung, die uns schweigsam machte und uns den

Anschein der Niedergeschlagenheit verlieh.

* * * * *

Am Vormittag des 10. August wurde Meaux von einem Heere von Automobilen

überschwemmt. Jede Minute kamen sie an: große, kleine, etliche mit

Fahnen geschmückt, andere mit den Namen von Zeitungen in großen

Buchstaben; eins brachte die Korrespondenten der italienischen Presse;

verschiedene vertraten den französischen Automobilklub. Hupen, Sirenen

ertönten, Motore knatterten, und die Menge drängte sich auf der Straße,

im Hofe des Gasthauses, in der Garage. Unsere Maschine war unsichtbar,

in eine Remise eingeschlossen, an deren Tür sich die Neugier der Menge

brach.

Um 2¼ Uhr wird der Befehl zum Aufsitzen erteilt. Einige Fahrzeuge

setzen sich in Bewegung. Es ist ein Augenblick allgemeiner Aufregung.

Ettore befestigt das Gepäck auf dem Automobilkasten mit derselben

Sorgfalt, die er stets darauf verwandte, seitdem das Gepäck des

Fürsten in der Wüste Gobi verlorengegangen war. Er läßt den Druck im

Benzinbehälter steigen, schaltet den Ganghebel ein, und der Motor

gewinnt unter Getöse Leben. Wir nehmen unsere Plätze ein, Don Scipione

setzt das Fahrzeug in Bewegung, wir fahren langsam auf die Straße

hinaus. Ganz Meaux ist versammelt!

Das Automobil bahnt sich mühsam seinen Weg durch die Zuschauer, die

lauten Beifall äußern. Die Fenster sind mit Damen besetzt, die unsere

Maschine mit Blumensträußen bewerfen. Ununterbrochene Hurrarufe

begleiten uns bis zum Ausgange des Ortes, wo wir uns an die Spitze

des Zuges setzen. Als nächste folgen die Automobile der Pariser

Journalisten, die uns von Berlin aus begleitet haben und uns auch bis

zur Ankunft vor den Redaktionsräumen des „Matin“ nahebleiben sollen.

Wir steigern die Geschwindigkeit. Um 3 Uhr sind wir in Chelles. Der

Fürst verlangsamt die Fahrt nicht mehr, selbst nicht dort, wo die

Straße weniger gut wird. Wozu die Maschine schonen? Wir sind ja beinahe

am Ziel!

Paris ist nur noch 30 Kilometer entfernt, zwanzig, zehn!

Überall Begrüßungen, Beifallsrufe, Wehen mit Taschentüchern. Der Fürst

lächelt; es ist nicht mehr sein gewohntes, rätselhaftes, zeremonielles

Lächeln, sondern ein frei aus dem Herzen kommendes Lächeln! Seine

kühle, bewundernswerte Selbstbeherrschung ist nicht mehr imstande, die

Befriedigung zu unterdrücken, die ihn beseelt.

Die Dörfer folgen ohne Unterbrechung aufeinander. Allmählich werden

sie Vorstädte von Paris. Viele Menschen, die uns erwarten, betrachten

uns mit zweifelnder Miene, als wollten sie fragen: „Seid ihr es?“ Da

sie nicht wissen, welches unter so vielen das Automobil des Fürsten

ist, gelangt die Mehrzahl zu dem Schlusse, daß es nicht gerade jenes

häßliche ist, das allen voranfährt. Unsere Reisegefährten, die Kollegen

auf dem zweiten Wagen, werden oft zum Gegenstand der lärmenden

Kundgebungen der Menge. In Bry wartet eine dicke Frau mit einem

mächtigen Blumenstrauße und schleudert ihn dem vortrefflichen Kollegen

Henri des Houx gerade vor die Brust, indem sie ihm zuruft:

„~A vous, Monseigneur!~“

Als wir uns Joinville nähern, steht längs der Baumreihen eine

dichtgedrängte Menschenmenge, die uns mit immer größerer und

lärmenderer Begeisterung begrüßt. Die Wagenführer rufen: „~Bravo, mon

gars!~“ Jetzt kommen wir durch das Bois de Vincennes; viele Radler

schließen sich dem Zuge an und fahren vor unserer Maschine her, auf das

Risiko hin, überfahren zu werden. Wir rufen ihnen zu, achtzugeben, wenn

sie den Rädern allzu nahe kommen; statt aller Antwort schwenken sie die

Mützen und rufen: „~Vive le prince!~“

Von allen Seiten hören wir Hochrufe. Die Omnibusse, die

Straßenbahnwagen halten; die Fahrgäste stehen auf und klatschen in die

Hände. Ein Gewitter zieht herauf. Der Himmel bedeckt sich mit schwarzen

Wolken, die reißend schnell emporsteigen; die Menge wankt und weicht

nicht. In Saint Mandé beginnt es zu regnen, und das Wasser verläßt uns

nicht mehr. Wir brachen aus Peking bei Regenwetter auf; wir sollten bei

Regenwetter auch in Paris ankommen!

Auf dem Cours de Vincennes müssen wir wieder halten; wir sind zu

früh gekommen; die für den Einzug festgesetzte Stunde hat noch nicht

geschlagen. Die Anzahl der Radfahrer, die das improvisierte Ehrengeleit

bilden, ist inzwischen auf Hunderte angewachsen, die phantastische

Rundtouren mit uns ausführen; wir sind von einem Gewirr sich bewegender

Räder umgeben.

Um 4 Uhr erscheint von Paris her eine seltsame Maschine und setzt

sich an die Spitze des Zuges. Es ist eins jener riesigen Automobile

zu 20-30 Sitzen, die Touristenkarawanen, die Paris in wenigen Stunden

besichtigen wollen, herumfahren. Man hat eine Kapelle mit langen

Trompeten und Hörnern darauf gesetzt, die von Gruppen französischer und

italienischer Fahnen überragt und umgeben ist: ein Wagen, der ein wenig

an den Karneval erinnert, den man aber zur Erhöhung der Feierlichkeit

der Ankunft für unerläßlich gehalten zu haben scheint. Die Kapelle

stimmt den Triumphmarsch aus „Aïda“ an; es ist der Einzug des Radames

in Paris! Wir setzen uns wieder in Bewegung: es ist 4¼ Uhr geworden.

Nun gelangen wir in die Avenue du Trône zwischen den beiden riesigen

Säulen Philipp Augusts hindurch, deren Sockel von der Menge verdeckt

sind. Im Hintergrunde erscheint, vom Regenschleier verhüllt, der

Eiffelturm. Er erinnert an einen ungeheueren Leuchtturm: er war der

große Leuchtturm unserer Reise!

Die Hochrufe werden betäubend, sie dauern unablässig an. In einigen

stillen Augenblicken hören wir die hellen Stimmen der Camelots, die

Erinnerungspostkarten zum Verkaufe anbieten mit dem Rufe: „~Le prince

Borghèse, quatre sous, quatre sous, le prince Borghèse!~“

Die Polizei, die längs des Boulevard Voltaire aufgestellt ist, ist

nicht imstande, die Menge zurückzuhalten, die uns umringt, uns zur

Seite geht, uns folgt. Der Fürst winkt höflich mit der Hand, man solle

beiseite treten, um nicht unter die Räder zu geraten; seine Hand wird

von einem Arbeiter ergriffen, der sie in überwallender Begeisterung

drückt, dann wird sie von andern festgehalten und gezerrt; alle drücken

sie sie kräftig und herzlich. Nicht ohne Kampf vermag Fürst Borghese

die Hand aus diesem schrecklichen Sympathiegewirr freizumachen und sie

unversehrt auf das Steuerrad zu legen.

Auf der Place de la République haben sich zwei Abteilungen der

berittenen ~Garde républicaine~ aufgestellt, von denen sich die eine an

die Spitze des Zuges stellt, die andere ihn schließt.

Am Eingang zum Boulevard du Saint Martin werden die Begrüßungen noch

lauter. Es ist ein wahrer Stimmendonner! Der Ruf: „~Vive Borghèse!~“

wiederholt sich, er erschallt unaufhörlich. Fürst Borghese ist einen

Tag lang das Idol von Paris, der edelmütigen Stadt, die nicht

ohne Leidenschaft lieben kann! Der Anblick, den die breite Straße

darbietet, ist großartig; die beiden hohen, mit Balustraden eingefaßten

Trottoirs sind schwarz von Menschen, und über den Köpfen bewegt sich

ein Gewirr von Händen, Hüten, Taschentüchern und Regenschirmen. Auch

von Regenschirmen, denn es regnet, was es vom Himmel kann. Ettore

ist gerührt, berauscht und breitet die Arme aus, um die Grüße mit

ausdrucksvollen Gesten zu erwidern. Frauen aus dem Volke stoßen

zärtliche Rufe aus.

[Illustration: Ankunft in Paris.]

Wir fahren im langsamsten Schritt, aus Furcht, es könne sich ein

Unglück ereignen. Die Räder des Automobils streifen die Beine der

Leute. Auf dem Boulevard Bonne Nouvelle dauert die Kundgebung in

ungeschwächter Stärke fort: Händeklatschen erbraust von allen Seiten,

und das Wort Borghese in Verbindung mit „~vive~“ und „~bravo~“ bildet

den gesamten Wortschatz der Bevölkerung!

Auf dem Boulevard Poissonnière erblicken wir Scharen von Schutzleuten

und Abteilungen der ~Garde républicaine~, die die Straße bis zu einem

auffallenden, rot angestrichenen und mit Fahnen geschmückten Palast

absperren. Es ist das Bureau des „Matin“ -- unser Ziel!

Peking-Paris im Automobil Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen. · 第 13 / 15 题