Die Fahne trug die Inschrift: „Warschauer Automobilfahrerbund.“

Während sie uns nach dem Gasthof geleiteten, holte uns ein Offizier

ein; er war ganz außer Atem:

„Knjäs Borghese!“ rief er, „kommen Sie, bitte; die Frau Gouverneur

erwartet Sie zum Wohltätigkeitsbasar des Roten Kreuzes.“

In einem Garten wurde ein Wohltätigkeitsbasar unter dem Protektorat

der Gouverneurin veranstaltet, und diese liebenswürdige Dame hatte

geglaubt, das Fest ertragreicher zu gestalten, indem sie uns und

das Automobil zu dem bescheidenen Eintrittspreise von zehn Kopeken

ausstellte. Die Idee war genial; wir lehnten aber höflich ab und zogen

uns in den Gasthof zurück.

Wir hatten seit Petersburg 820 Kilometer zurückgelegt und waren nur

noch wenige Stunden von der deutschen Grenze entfernt. In kurzer Zeit

hatte sich alles um uns herum mit reißender Geschwindigkeit verwandelt:

Rassen, Trachten und Sprachen. Seit mehr als einem Monat an die endlose

Eintönigkeit des Russischen Reiches gewöhnt, hatten wir die Empfindung,

als hätten wir unermeßliche Entfernungen durcheilt.

Wir hatten Kowno beim ersten Morgengrauen verlassen. An dem wieder

heiter gewordenen Himmel blinkten noch einige Sterne, und die schmale

Mondsichel verbreitete einen leichten Schimmer über die Kuppeln der

Kathedrale. Aber unsere Eile, vor Tagesanbruch fortzukommen, wurde übel

belohnt.

In der Dunkelheit verloren wir und unsere polnischen Freunde auf

ihrem Automobil den Weg und verirrten uns in dem Labyrinthe der

Befestigungen; von einer Schildwache wurden wir zur andern gewiesen.

Gegen 4 Uhr fanden wir endlich die richtige zur Grenze führende

Militärstraße wieder; es war eine seltsame Straße infolge der großen

geweißten und symmetrisch längs der begrasten Ränder verteilten Steine,

so daß sie einer Friedhofsstraße glich. Um 6 Uhr hatten wir die 100

Kilometer hinter uns, die uns noch vom Deutschen Reiche trennten. Dort

liegt Wirballen, die letzte russische Stadt. --

41 Tage hatten wir gebraucht zur Durchquerung des Zarenreiches, in

dem wir die größten Schwierigkeiten unserer Reise antrafen. Wir

verließen es ohne Bedauern, aber nicht ohne Sympathie. Oftmals hätten

wir das Automobil im Stiche lassen und auf die Durchführung unseres

Unternehmens verzichten müssen, wenn wir bei den Bewohnern nicht stets

Gutherzigkeit, Geduld und Gastfreundschaft gefunden hätten. Wir konnten

an die kritischsten Augenblicke unserer Fahrt nicht zurückdenken, ohne

daß uns die heitere, mystische, evangelisch-milde Gestalt des Muschik

vor die Seele trat mit seinem blonden Barte, den langen Haaren, bemüht,

uns aus dem Moraste herauszuhelfen, durch die Strömung der Flüsse

hindurchzuführen und uns auch vor dem Hunger zu schützen.

Die Grenze ist durch eine kleine Brücke bezeichnet. An beiden Enden

stehen an Pfählen, die mit Streifen in den Nationalfarben bemalt sind,

zwei Wappen; sie sind einander zugekehrt: der russische Doppeladler

beobachtet den deutschen einfachen Adler. Eine Kette sperrt den Zugang

zur Brücke. Wir halten.

Unsere Pässe sind in einem Augenblicke visiert. Telegraphische Befehle

haben alles im voraus geordnet, um uns jedes Hindernis aus dem Wege zu

räumen. Die russische Zollverwaltung erteilt sofort die Erlaubnis zum

Passieren. Wir können weiterfahren.

Die Kette wird vor dem Automobil herabgelassen, das sich langsam von

dem einen Kaiserreiche zum andern hinüberbewegt. Die wachehabenden

Gorodowoi grüßen uns militärisch steif. Rasselnd hebt sich die Kette

hinter uns. -- --

Wir sind in Deutschland!

Zwei deutsche Gendarmen mit der Pickelhaube legen die Hand an den

Helm. In diesem Augenblick nähert sich uns ein Brausen von Motoren,

untermischt mit fröhlichem Hörnerklange: drei Automobile erscheinen

pfeilschnell auf der deutschen Straße.

Im Nu sind sie in unserer Nähe und halten, und es ertönt der erste

deutsche Gruß, ein dreifaches „Hoch!“, zu gleicher Zeit von zehn

Stimmen ausgebracht, während sich zehn Mützen in der Luft bewegen. Es

sind Mitglieder der Sektion Königsberg des Kaiserlichen Automobilklubs.

Wir antworten bewegten Herzens. Von diesem Augenblicke an traten wir

gleichsam unter den hohen Schutz des Kaiserlichen Klubs, ein Schutz,

der uns von Stadt zu Stadt geleitete und uns das wohltuende Gefühl

verschaffte, überall eines freundschaftlichen Empfanges sicher zu sein.

Auch in der deutschen Grenzstation Eydtkuhnen werden die Zollgeschäfte

rasch erledigt; eine Nummer wird an das Automobil befestigt, und

wir erhalten die Erlaubnis, uns auf deutschem Boden frei bewegen zu

dürfen; sie ist begleitet von einem Chauffeurpatent, das dem Fürsten

ohne Examen eingehändigt wird. Um 7 Uhr brechen wir alle nach dem 150

Kilometer entfernten Königsberg auf.

Die Straße ist wundervoll; sie ist von Bäumen eingefaßt, unter deren

Schatten wir dahinfliegen. Wir fahren durch Stallupönen mit seinen

weiten roten Kasernen, die von Pickelhauben wimmeln, dann folgen

Gumbinnen, Insterburg, Wehlau, alles Städtchen, von denen wir beim

Dahinjagen kaum ein Bild erhaschen, schmuck, in Ordnung gehalten, von

frischem, sauberem Aussehen, als seien sie eben erst erbaut.

In Königsberg langen wir um 10 Uhr an. Es ist eine elegante, malerische

Stadt mit ihren alten Giebelhäusern, ihren schrägen Dächern, auf

deren oberstem Rande Freund Adebar unbeweglich und sinnend dasteht,

mit den spitzen Türmen und den altertümlichen Befestigungen, die mit

Zugbrücken, die sich nicht mehr heben, ausgestattet sind. Alles fliegt

in schwindelnder Eile, in bezaubernder Verwirrung an uns vorüber.

Von den Kollegen vom Automobilklub werden wir zu einem Frühstück

in einem Gasthofe genötigt. Die Menge drängt sich an unserer Tür,

eine disziplinierte, geschulte Menge, die uns mit taktmäßig im Chor

aufgebrachten „Hochs“ begrüßt. Schüchtern überreicht uns ein kleines

Mädchen Blumen und ergreift dann die Flucht.

Um 2 Uhr befinden wir uns wieder im Schatten der Bäume der großen

Landstraße, und das schwindelerregende Vorbeihuschen einer Landschaft,

die keine Zeit hat, sich unserem Gedächtnisse einzuprägen, nimmt von

neuem seinen Anfang.

Es sind zierliche Dörfer, die aussehen, als habe sie ein Künstler

verteilt, um Gemälde in der Natur herzustellen, Seen, Teiche, in

denen sich das dichte Laub der Gebüsche widerspiegelt, Kanäle voller

Kähne. Mit einem Male stoßen wir einen Ruf der Bewunderung aus: wir

erblicken am Horizont das blaue Meer. Es ist das Frische Haff, das

in Regenbogenfarben flimmert wie eine ungeheuere Muschel. Jenseits

desselben verschwimmt in der Ferne die Danziger Bucht. In diesem blauen

Duft bewegen sich Segelboote, weiße, schwebende Pünktchen. Freudig

begrüßen wir dieses vom Atlantischen Ozean gespeiste Meer. „Gott zum

Gruß, altes heimisches Meer! wir bringen dir Grüße vom Stillen Ozean!“

Um 3 Uhr kommen wir durch Braunsberg, eine halbe Stunde später nach

Elbing. Um 4 Uhr kommt uns ein Bild aus dem Mittelalter zu Gesicht: die

Marienburg, das phantastische Schloß, das Wilhelm II. so liebt, eine

eindrucksvolle Heraufbeschwörung der Zeit vor sieben Jahrhunderten,

imponierend großartig, einzigartig, halb Burg, halb Kirche, umgeben von

alten, windschiefen Häusern, die aussehen, als neigten sie sich über

das Gewässer der Nogat, um sich in deren ruhigen Fluten zu spiegeln.

Wenige Minuten später ist Marienburg in der Ferne verschwunden.

Dirschau kommt mit seiner monumentalen Weichselbrücke, schließlich

Preußisch-Stargard, ein bescheidenes Städtchen, das uns zur Ruhe

einlädt. Es ist spät, und wir beschließen hier zu übernachten, so sehr

verlockt uns die Ruhe des Ortes.

Bis Paris haben wir nur noch wenig mehr als 1500 Kilometer!

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Das Ziel rückt näher.

Wechselnde Bilder. -- Landsberg a. d. W. -- Popularität ist

lästig. -- Berlin. -- Von der Spree zum Rhein. -- Auf belgischem

Boden.

Von der Höhe des alten Kirchturmes von Preußisch-Stargard schlug es

6 Uhr, als wir am 5. August auf dem menschenleeren Marktplatz die

Maschine bestiegen.

Seit Moskau hatten wir nicht mehr bis zu so später Stunde geruht; aber

die Güte der Straße gestattete uns, etwas länger im Bett zu bleiben,

da wir sicher waren, rasch den festgesetzten Haltepunkt zu erreichen.

Heute abend sollten wir in Landsberg a. d. W. sein, das nur 130

Kilometer von Berlin entfernt liegt. Das Programm zu unserem Empfange

beruhte auf dieser Voraussetzung. Am nächsten Tage sollten wir um 9

Uhr in Küstrin eintreffen, wo uns viele Automobile des Kaiserlichen

Klubs erwarten wollten, um uns nach Berlin zu geleiten; unseren Einzug

in diese Stadt sollten wir punkt 12 Uhr halten; auf 1 Uhr war ein

Frühstück im Kasino des Automobilklubs angesetzt.

Statt dessen waren wir schon am selben Tage in Berlin; wir waren zu

schnell gefahren! Seine Gastfreunde warten zu lassen, ist schlimm,

aber früher anzukommen, ist noch schlimmer! Wir mußten unseren groben

Verstoß, der das ganze Empfangsprogramm über den Haufen warf, nach

Möglichkeit wieder gutmachen, und dies geschah dadurch, daß wir uns

in der Hauptstadt der Pünktlichkeit als nicht angekommen betrachteten!

Offiziell waren wir noch unterwegs nach Berlin, und das Bankettprogramm

blieb für den nächsten Tag bestehen. Nur der feierliche Empfang war

unrettbar ins Wasser gefallen!

Der Weg von Preußisch-Stargard an war entzückend; der Himmel war

strahlend heiter, wie wir ihn seit langer Zeit nicht gesehen hatten.

Fast sechs Wochen lang waren wir vom Regen verfolgt worden. Es war auch

der erste Tag, seit wir die Mongolei verlassen hatten, an dem wir in

den ersten Morgenstunden nicht unter der Kälte litten. Je weiter wir

auf unserer raschen Fahrt nach Süden kamen, desto mehr fühlten wir die

Sommerwärme unsere Glieder umspielen. Welch angenehme Empfindung war

diese Rückkehr in eine Atmosphäre wie unsere heimische, die wonnige

Heimkehr ins Vaterland! Mit welcher Freude legten wir die Pelze zum

Gepäck!

Von 6 bis 11 Uhr fuhren wir sogar 60 Kilometer in der Stunde und

erfreuten uns an der unendlichen Poesie der mit reifendem Getreide und

Blumen bedeckten Felder; hier und da tauchten Gehölze auf, zwischen

denen die spitzen roten Dächer friedlicher Dörfer hervorlugten. Durch

wie viele kleine Städte wir gekommen sind, weiß ich nicht mehr;

phantastisch verwirrten sich kaum gesehene und wieder verschwundene

Dinge, Bilder, die wie ein Blitz vor unseren Augen vorüberzuckten,

während uns bei unserer schwindelerregenden Schnelligkeit der Wind um

die Ohren sauste!

Mitunter führte die Straße so tief in das Dunkel der Wälder hinein,

daß wir an die sibirische Taiga erinnert wurden. Die Kiefernwälder

hauchten in der Sonnenwärme ihren Duft aus. Für kurze Zeit kehrten wir

in die von der Hand des Menschen unberührt gebliebene Natur zurück.

Schlankes Wild springt über die Straße, wie in den Wäldern des Urals.

Nach wenigen Minuten aber schwindet der Schatten und der Wald liegt in

weiter Ferne hinter uns. Unser Blick schweift über sonnenbeschienene

Felder, auf denen Landleute das Getreide mähen. Es kommen riesige,

mit Garben und Heu beladene Wagen, auf denen Scharen lustiger, die

blitzenden Sensen in die Höhe haltender Leute sitzen.

Wir kommen durch Czersk, Flatow, Dörfer, die kleinen Städten gleichen,

im Unterschied zu Rußland, wo viele Städte großen Dörfern gleichen.

Wir kommen durch Deutsch-Krone und treffen um 11 Uhr in Landsberg

a. d. W. ein; beide Städte haben schon einen gewissen Anstrich von

Klein-Berlin. Während wir langsam die Hauptstraße entlang fahren, ruft

eine ängstliche Stimme: „Fürst Borghese!“

Jemand läuft hinter unserem Automobil her. Der Fürst erkennt in dem uns

Verfolgenden einen der Direktoren der „Itala“-Werke. Außer Atem, ohne

Hut, mit geröteten Augen begrüßt er uns freudig. Ihm folgt ein blonder

Kollege von mir, vom „Berliner Lokalanzeiger“, auch er mit bloßem

Kopfe. Sie waren die ganze Nacht im Automobil umhergefahren und hatten

uns von Stadt zu Stadt gesucht; sie waren bis Dirschau gekommen und

hatten vergebens nach uns gefragt. Zweimal waren sie unter den Fenstern

des kleinen Gasthofes in Pr.-Stargard vorübergefahren, in dem wir

sanft inkognito schliefen. Sie glaubten schon an irgendeine furchtbare

Katastrophe und vermuteten, wir seien samt dem Automobil zugrunde

gegangen, als sie von dem Fenster einer Bierstube aus uns unvermutet

vorüberkommen sahen!

Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft unter der

Menge, die sich um uns ansammelte.

„Die Chinesen!“ ruft man, „die Chinesen!“

Wie auf Zauberschlag erscheinen Zeitungskorrespondenten und

Photographen. Die Straßenbahnwagen halten, und die Fahrgäste betrachten

uns verwundert durch die Wagenfenster. Die Schaffner vergessen ihren

Dienst und stellen sich auf die Plattform; Polizisten eilen herbei, um

die Ordnung aufrechtzuerhalten. Staubbedeckt, mit unseren scheußlichen,

in Petersburg eingeweihten Automobilbrillen, die uns das Aussehen

von Fröschen verleihen, halten wir uns dieser Bewunderung so wenig

würdig, daß wir uns in eine Bierstube flüchten, um Bier und Ruhe

zu finden. Dann entschließen wir uns zur Weiterfahrt nach Berlin,

und um 1 Uhr rollen wir von neuem in der offenen Landschaft dahin.

Einige Stunden später begegnen wir drei beflaggten Automobilen; es

sind „Itala“-Maschinen aus Berlin. Sie sind besetzt mit Kollegen vom

Automobilsport und Journalismus, unter denen sich Korrespondenten der

hauptsächlichsten Blätter Italiens befinden. Der Telegraph hatte,

während wir in Landsberg ahnungslos das frische Bier tranken, den

Berliner Zeitungen die Nachricht unserer Ankunft gemeldet, und die

Herren waren uns entgegengefahren. Es ertönen Evvivas und Hochs, Grüße

und Händedrücke werden ausgetauscht, bis sich unsere Karawane in

Bewegung setzt.

Wir halten in dem Städtchen Müncheberg, wo wir uns erinnern, daß wir

noch nicht gefrühstückt haben; in einem kleinen Restaurant essen wir

in einer Laube Frankfurter Würstchen, trinken eiskaltes Bier und

halten den Interviewern stand, während ein Kranz von photographischen

Apparaten sich darin gefällt, unsere Gesichtszüge im Bilde zu

verewigen. Ein Zeichner porträtiert uns von allen Seiten. Nicht bewegen

können wir uns, ohne irgendeinen Photographen zu erzürnen; dieser

bittet uns, ihm das Profil zuzuwenden, jener, geradeaus in das Objektiv

zu schauen. Wir wollen fort. Nein, wir können nicht. Gebieterische

Stimmen erschallen: „Einen Augenblick noch halten Sie still! So!“ Die

Popularität ist lästig. Die Wüste Gobi hatte doch ihre guten Seiten!

Nachdem endlich Platten und Films erschöpft sind, wird uns die Freiheit

wiedergegeben. Wir nehmen auf den Automobilen Platz, die sich in

Bewegung setzen, und rollen auf Berlin zu inmitten einer dichten

Staubwolke, ohne etwas vor oder hinter uns zu sehen. Wir jagen dahin,

wie in Sibirien an den nebelerfüllten Morgen, wenn sich der Weg auf

wenige Schritt Entfernung in geheimnisvollem Grau verlor.

[Illustration: Fürst Borghese und Barzini vor Berlin.]

Wir haben am Automobil die Flagge entfaltet, die wir in den letzten

Tagen um den Schaft gewickelt hatten, um sie zu schonen. Es ist noch

die wollene Marineflagge, die uns von der italienischen Marinebesatzung

in Peking überreicht worden war. Wie war die Flagge dort draußen

so frisch! Ihre Farben glühten in der Sonne. Jetzt ist sie zerrissen,

verblichen, schmutzig und nicht zu erkennen: von allen Winden ist sie

zerfetzt, von allen Regengüssen ausgewaschen worden. Und doch ist sie

uns so lieb und teuer; wenn wir sie hinter uns wehen, in der Luft

flattern hören, ist es uns, als vernähmen wir die Stimme eines Freundes!

Um 4 Uhr durchschneiden wir den großen Kranz von Fabriken mit

rauchenden Schornsteinen, die Berlin umgeben und von fern einer

riesigen, die Anker lichtenden Flotte ähnlich sehen. Schließlich kommt

eine große Straße, die anfangs von schüchternen Häusern eingefaßt wird.

Wir gelangen auf einen breiten Boulevard, die Frankfurter Allee: die

Häuser nehmen großstädtischen Charakter an, die Straße füllt sich mit

immer reger werdendem Verkehr, der mit der Zeit fieberhaft wird. Wir

befinden uns in der Königstraße, im Zentrum von Berlin.

Viele Leute erraten aus dem seltsamen Aussehen unseres Automobils, daß

wir aus Peking kommen. Hier und dort begrüßt uns jemand. Wir fahren

unter der Stadtbahn durch, auf der die Züge donnern. Wir kommen durch

das monumentale Berlin: hier ist das Rathaus, dort das königliche

Schloß. Wir gelangen auf die berühmte, stolze, belebte, aristokratische

Straße „Unter den Linden“. Eine dichte Menschenmenge wartet vor dem

Hotel Bristol, über ihr erglänzen die Helme der Schutzleute, die einen

Kordon bilden.

Kaum steigt Fürst Borghese ab, so wird er begrüßt, umringt, umdrängt;

die Menge folgt ihm und dringt mit uns ins Hotel ein, sie überflutet

den Flur, die Salons, die Bureaus, bis es uns endlich gelingt, einen

Fahrstuhl zu erreichen, der uns in die ersehnte Einsamkeit unserer

Zimmer bringt.

Die Bankette finden programmgemäß statt.

Am 6. August mittags gibt der Kaiserliche Automobilklub uns zu Ehren

in seinem prachtvollen Heim ein luxuriöses Dejeuner, bei dem der ganze

Prunk einer offiziellen Feier entwickelt wird. Abends feiert uns

eine zwanglosere Vereinigung von Landsleuten in der herzlichsten und

wärmsten Weise durch ein Diner. Zwischen diesen beiden Festen wird uns

eine Erfrischung (warum spricht man nur immer von „Erfrischungen?“

Unsere Sprache hat bisweilen Ausdrücke voll ungesuchter Ironie) von den

französischen Journalisten geboten, die aus Paris gekommen sind, um mit

uns zusammenzutreffen. Die Pariser Gastlichkeit und Berichterstattung

sind bis hierher vorgedrungen, und zwar im Automobil. Der angesehenste

der Pariser Kollegen ist unstreitig der Vertreter des „Matin“, des

Houx, der seinen glänzenden schriftstellerischen Eigenschaften

neuerdings noch eine religiöse Tätigkeit zugesellt hat, die darauf

hinausgeht, eine französische Kirche zu gründen, deren Oberpriester er

einige Tage lang gewesen ist. Er ist natürlich der Leiter, ich möchte

beinahe sagen, der geistliche Leiter der journalistischen Brüderschaft.

Unser Automobil kostet inzwischen einen Vorgeschmack der Ruhe. Bekränzt

mit Blumen und Lorbeer zeigt es sich Unter den Linden im großen

Schaufenster der „Itala“-Gesellschaft. Die Menge drängt sich, es zu

sehen; die Tür des Geschäfts ist geschlossen, um ein Eindringen zu

verhüten; die Schutzleute müssen immer wieder die Straße säubern und

den Verkehr herstellen. Wir sind gekränkt, unser „Tier“ dort zu sehen;

sein unerwarteter Stolz beleidigt uns. Er macht _Reklame_!

* * * * *

Am Morgen des 7. August waren wir, bevor noch der Diener an unsere

Türen klopfte, um uns zu melden, daß die Stunde des Aufbruchs gekommen

sei, durch das Trommeln des Regens an die Fensterscheiben geweckt

worden. Wir sahen eine neue lange, traurige Tagereise im Regen vor uns;

in ungewohnter Liebenswürdigkeit hatte das Wetter aber nur die Straße

sprengen wollen, um den Staub niederzuschlagen.

Im Augenblick, als wir das Automobil bestiegen, kam hier und da

schon der blaue Himmel zum Vorschein. Der nasse Asphalt der breiten

Allee „Unter den Linden“ spiegelte diese glückverkündende Heiterkeit

des Himmels wider. Neben unserem Automobil warteten Automobile des

Kaiserlichen Klubs, um uns bis Potsdam das Geleit zu geben, andere,

Privatleuten gehörige Automobile und von Neugierigen gemietete waren

erschienen, unserer Abfahrt beizuwohnen. Kurz, es schien hier das

gesamte Automobilwesen vertreten zu sein, die Automobile des Luxus und

die der Arbeit, die Aristokratie und die Demokratie des Motors.

Um 5 Uhr trafen die Vertreter der französischen Zeitungen ein. Sie

fuhren auf drei „Itala“-Maschinen, die an beiden Seiten in großen

Buchstaben die Inschrift: „~Pékin-Matin~“ trugen, in welchen Wortlaut

der gewandte „Matin“ im letzten Augenblick die Inschrift „Peking-Paris“

umgeändert hatte.

Alles ist bereit, die Maschinen setzen sich in Bewegung. Ein

begeistertes „Evviva!“ ertönt aus der Menschenmenge um uns, die

großenteils aus Italienern besteht. Einige hatten den Mut gehabt, sich

bei Tagesgrauen zu erheben; zahlreiche Herren dagegen waren noch nicht

zu Bett gegangen und kamen im Gesellschaftsanzug. „Hoch! Glückliche

Reise!“ Die Rufe wiederholen sich. Der Automobilzug entfernt sich durch

die menschenleere Straße.

Immer wieder fahren Wagen aus der Reihe heraus und bleiben Seite an

Seite mit uns, um ihre Abschiedsgrüße und guten Wünsche zu wiederholen

und uns Blumen zuzuwerfen. Wir erheben keinen Einspruch mehr und

nehmen alle Huldigungen hin. Wir sind nicht einmal mehr überrascht wie

in Moskau, wo wir den ersten Beifall vernahmen. Wir lassen uns die

Popularität gefallen als eine unvorhergesehene, unerwartete und das Maß

überschreitende Belohnung für die frühere Einsamkeit. Die uns umgebende

Atmosphäre der Anteilnahme bewegt uns tief; das Wohlwollen der Menge,

wenn es auch unverdient ist, dringt uns doch ans Herz: dankbar lauschen

wir dieser unablässigen, ernsten Stimme, die uns zuruft: „Glückliche

Heimkehr!“

Die in Unordnung geratene Gruppe der Automobile, über denen deutsche

und italienische Flaggen wehen, fährt durch das Brandenburger Tor

und durchquert die berühmte Siegesallee, wo aus dem üppigen Grün des

Tiergartens die Bildsäulen der großen deutschen Männer herausschimmern,

wie zu phantastischer Heerschau aufgereiht. Nach wenigen Minuten

befinden wir uns auf den noch schweigsamen Straßen der vorstädtischen

Quartiere. Die Automobile wecken sie durch den mißtönenden Klang

sämtlicher Hupen und Hörner, eine barbarische Fanfare, ein tolles

modernes Hallali!

Bald entschwinden die Kuppeln und Zinnen unserem Blick; wir kommen in

eine Villen- und Gartenstadt. Berlin mit seiner ernsten Pracht liegt

schon fern, auch diese Stadt nur noch eine flüchtige, freundliche

Erinnerung wie Petersburg, wie Moskau! Wir haben jetzt keine andere

Hauptstadt mehr vor uns als Paris.

Nach Paris also!

Der Fürst steigert die Geschwindigkeit. Nicht alle können uns folgen.

Die letzten Abschiedsrufe verklingen in der Ferne. Wer nicht die Kraft

hat, uns zu folgen, schickt uns seinen Gruß nach. Wir bleiben allein

mit den Wagen des Automobilklubs, die uns vorausfahren, und denen der

französischen Kollegen, die uns folgen: sieben große Automobile, die

mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde dahinjagen.

Um ½6 Uhr kommen wir durch Potsdam mit seinen niedrigen, weißen

Häusern, die in grüne Gebüsche eingebettet sind -- wie um besser die

Stille zu bewahren, die sich für einen kaiserlichen Hofhalt geziemt.

Die Stadt ist von melancholischen, träumerischen Seen und Kanälen

umgeben, auf deren klaren Fluten kleine, weiße Jachten schaukeln. Wir

befinden uns in einer aristokratischen Umgebung, die den Ackerbau

verschmäht.

Aber bald ändert sich das Bild. Von neuem sind wir inmitten des

Reichtums der Felder. Wir nehmen von den gastlichen Freunden des

Automobilklubs Abschied. Um ½7 Uhr passieren wir Brandenburg und

begegnen Scharen von Arbeitern, die auf dem Zweirad aus ihren Wohnungen

auf dem Dorfe kommen und rasch dahinfahren, ein Bündel auf dem Rücken

und eine große Pfeife mit Porzellankopf im Munde. Oft müssen wir

langsamer fahren, um Milchwagen vorbeizulassen, die von einem Menschen

und einem Hunde gemeinschaftlich gezogen werden.

Eine Batterie, die sich zur Felddienstübung begibt, versperrt die

Straße; einige Minuten halten wir mit den Pferden gleichen Schritt und

fahren zwischen den Soldaten mit blitzenden Helmen und inmitten des

Dröhnens der Protzkasten und Lafetten. Einige Soldaten erkennen uns

und lächeln uns zu, da sie uns nicht grüßen dürfen, ohne gegen die

Disziplin zu verstoßen; sie flüstern ihren Kameraden etwas zu, die sich

umwenden und sofort Platz machen, um uns vorbeizulassen.

Später begegnen wir einer Husarenpatrouille auf Vorposten, die

unbeweglich im Sattel sitzt, die lange Lanze mit dem schwarzweißen

Fähnchen umgekehrt in der Hand haltend, um sich durch das Flattern

nicht dem markierten Feinde zu verraten. Augenscheinlich geraten wir

auf den Kriegsschauplatz. In der Tat erhebt sich dort in der Ferne

die Staubwolke einer Kavallerieestadron, die gestreckten Galopps

vorübersprengt.

Als wir um 8 Uhr in Magdeburg eintreffen, werden wir durch ein neues

militärisches Schauspiel zum Halten veranlaßt, ein Infanterieregiment

marschiert vorbei. Die Soldaten singen im Chore ein Lied, und wir

empfinden den starken Eindruck, den dieser Gesang kräftiger, tiefer

Soldatenstimmen auf jeden macht.

Ein Augenblick, und die Szene wechselt.

Wir fahren über den Marktplatz von Magdeburg mit seinen heiteren

Farben, seinem regen Leben, den überall sichtbaren weißen Hauben der

Bäuerinnen; eine alte Kirche wirft den langen, schmalen Schatten ihrer

gotischen Türme über all das geräuschvolle Treiben. Aber so interessant

die Städte auch sein mögen, sie machen uns doch ungeduldig, weil sie

uns aufhalten.

Wir sind nur zufrieden, wenn auf dem Automobil der Übersetzungshebel

bis zur vierten Geschwindigkeit herabgedrückt ist und das Fahrzeug

davonschießt, wie ein Meteor die Luft zerteilend. Der Fürst will

möglichst rasch vorwärts; um sicher am 10. August, dem in Moskau

festgesetzten Datum, in Paris einzutreffen, zieht er es vor, sich

lieber nahe am Ziel einige Tage Ruhe zu gönnen, als die Tagesleistungen

zu verkürzen. Es überkommt ihn die seltsame Furcht, daß er jetzt,

gerade jetzt, am Eintreffen verhindert werden könnte, und er will

sichergehen. Es ist das Ankunftsfieber, an dem wir leiden.

Der Himmel hat sich umzogen. Um 9 Uhr kommen wir durch Helmstedt mit

seinen alten malerischen Toren, sodann durch Königslutter, aus dem

ich mich nur blumengeschmückter Fenster und mit Grün bedeckter Mauern

entsinne, hierauf durch das große, geräuschvolle Braunschweig, wo bei

unserer Ankunft ein heftiges Gewitter ausbricht.

Der Regen peitscht uns ins Gesicht. Als wir uns aber Hannover

nähern, strahlt die Sonne wieder. An einer Straßenbiegung stoßen

wir auf Automobile: wir werden festlich empfangen. Mitglieder des

Automobilklubs sind nebst vielen Landsleuten erschienen, um uns zu

begrüßen. Gegen Mittag treffen wir in Hannover ein. Nachdem wir zu

einem auserlesenen Frühstück eingeladen worden waren, wir wissen nicht

genau, wo und von wem, das uns aber auf jeden Fall sehr gut geschmeckt

hat, brechen wir um 2 Uhr wieder auf, während sich die Begrüßungen

erneuern.

Dann begegnen wir einer Schar Knaben auf dem Wege zur Schule; die

Bücher unter dem Arme, gehen sie gut gezogen in Gliedern nebeneinander

her, unter ihren grünen Mützen schauen sie ernst drein. Sie erkennen

uns; augenscheinlich haben sie die Berliner Zeitungen gelesen. An jedem

Orte sind die Knaben unsere eifrigsten Bewunderer. Sie bringen uns

Huldigungen aus dem Stegreife dar, und der Ernst schwindet für einen

Augenblick aus ihren Zügen. Unsere Reise muß in ihren jugendlichen

Köpfen als eine unendlich größere Leistung erscheinen, als sie in

Wirklichkeit ist.

Wir wenden uns nach Minden, um das wir herumfahren; von der Stadt sehen

wir nur die Gärten und die spitzen Dächer hinter Bäumen. Wir kommen

durch Städte, Flecken, Dörfer, von denen wir nicht einmal die Namen auf

der Karte aufsuchen -- so rasch ist unsere Fahrt. Und dann verleiht das

Unbekannte den Dingen, die wir sehen, einen geheimnisvollen Zauber.

In manchen kleinen Städten fahren wir durch Straßen, an denen hohe,

alte Häuser sich mit ihren dreieckigen Giebeln nach vorn neigen und

Balustraden und Fenster wie auf der Suche nach Licht vorspringen

lassen; mittelalterliche Häuser, die, in das Holz ihrer Fassaden

geschnitzt, drei bis vier Jahrhunderte alte Daten, alte Sprichwörter,

Rittergestalten tragen, die den Eindruck hervorrufen, als betrachteten

sie voll maßlosen Staunens das Automobil, das bei seinem Vorbeifahren

ihre lange Ruhe stört.

Um 5 Uhr befinden wir uns in Bad Oeynhausen, einem an Mineralquellen

reichen Orte. Ein Reporter springt auf das Automobil und interviewt

den Fürsten im Fluge. Überall sieht man auf Fahrstühlen ausgestreckte

Kranke; einer von diesen erhebt sich mit Mühe und ruft „Hoch!“ Alle die

Unglücklichen, die sich in unserer Nähe befinden, begrüßen uns, von

Begeisterung ergriffen, und bewegen sich auf ihrem Schmerzenslager.

Wir lächeln, aber dieser Gruß von seiten des Leidens und der Schwäche

an die triumphierende Gesundheit und Kraft ließ uns längere Zeit

verstummen.

Um 7 Uhr gelangen wir nach Bielefeld, wo wir halten, um zu übernachten.

Unser erster Gedanke ist der, ein einfaches arithmetisches Exempel

auszurechnen. Wir messen auf der Karte die Entfernungen zwischen den

einzelnen Städten und gelangen zu einer Reihe Posten, deren Resultat

uns einen Freudenschrei entlockt. Die Summe beträgt 680.

Paris ist nur noch 680 Kilometer entfernt!

* * * * *

Am folgenden Tage, 8. August, überschreiten wir um 6 Uhr abends bei

Eupen die belgische Grenze und gelangen nachts nach Lüttich. An diesem

Tage sind wir also von Westfalen an den Rhein, vom Rhein nach Belgien

mit solcher Geschwindigkeit gefahren, daß alles um uns herum von Stunde

zu Stunde wechselte, der Tag uns aber lang wie ein Leben erschien.

Die Eindrücke überstürzen sich in unserem Geiste, sie verjagen und

verdrängen einander aus dem Gedächtnis. Die Ereignisse des Morgens

lassen am Abend nur noch eine dumpfe Erinnerung zurück.

Vielleicht ist dies eine Folge der Aufregung, die uns beherrscht, der

unbestimmten, uneingestandenen Angst, die uns befällt infolge der Nähe

des Zieles, infolge der Erwartung, daß der Traum langer Monate endlich

in Erfüllung gehen soll. Alle unsere Geisteskräfte streben in einer Art

Beklemmung vorwärts. Jede Geschwindigkeit erscheint unserer Sehnsucht

zu klein, wir leben nicht so sehr in der Gegenwart wie in der Zukunft;

daher verschwindet die Vergangenheit ganz. Es geht unseren Gedanken

geradeso wie den Bildern, die wir im Vorbeijagen sehen: kaum zeigen sie

sich, so werden sie schon von der Staubwolke verdeckt, die hinter uns

herwirbelt.

In Bielefeld wurde -- es ist überflüssig, es noch besonders zu erwähnen

-- Fürst Borghese zu einem Bankett eingeladen. Ich glaube, selbst wenn

wir in einem Walde haltgemacht hätten, würden wir einen gedeckten Tisch

und ein „Lokalkomitee“ haben auftauchen sehen, um uns mit erlesener,

herzlicher Gastlichkeit zu begrüßen! In Deutschland wollten alle

Sektionen des Automobilklubs uns feiern, und da es in Bielefeld keine

Sektion gibt, so kamen Mitglieder des Kölner Klubs auf einem Rennwagen

herüber. Sie waren abgefahren mit dem festen Vorsatz, uns zu finden, wo

wir auch seien!

Das schnelle Automobil aus Köln diente uns von Bielefeld an als Führer.

Aber der Führer sauste mit der schwindelerregenden Schnelligkeit von

etwa 90 Kilometern in der Stunde voran und verführte uns und die andern

Fahrzeuge, die die Pariser Journalisten trugen, zu einer rasenden,

verzweifelten Jagd. In der aufgewirbelten Staubwolke schossen wir

blitzschnell durch die Landschaft wie die apokalyptischen Reiter.

Um dieses Übermaß von Schnelligkeit wieder wettzumachen, wollte es

die Nemesis, daß der Führer verschiedene Male den Weg verlor. Einmal,

bei Wiedenbrück, wurden wir genötigt, die richtige Straße quer über

die Felder zu suchen; so konnten sich unsere Gefährten einen kleinen

Begriff von den zu den besseren gehörenden Wegen in Sibirien machen!

Um 10½ Uhr sind wir schon zwischen den Hügeln der Rheingegend;

bergauf und bergab geht es auf gewundenen Wegen, die sich durch eine

ununterbrochene Reihe von Dörfern und Flecken hinziehen; alle starren

von Fabrikschornsteinen und sind vom Getöse der Arbeit erfüllt.

Wir kommen in einen Ort, über dem dichter Rauch einen düsteren Schatten

breitet: nach Barmen mit seinen zahllosen industriellen Betrieben.

Wie fern von uns liegen die idyllischen Landschaften Preußens und

Pommerns und die malerischen, altertümlichen Städte Brandenburgs, auf

deren mittelalterlichen Plätzen sich die riesigen, rohausgeführten

Rolandsäulen erheben, die über Gemüsemärkten Wache halten!

Um 11 Uhr öffnet sich unvermutet das leuchtende Rheintal vor uns.

Funkelnd flutet der mächtige, zauberhafte Strom in Schlangenwindungen

dahin; an seinen Ufern erhebt sich ein Wald von Spitzen: es ist Köln,

überragt von den riesigen spitzen Doppeltürmen seines Doms.

In Köln ziehen wir mit einem langen Ehrengeleite von Automobilen

ein. Wir überschreiten den rasch dahinströmenden, klaren Rhein

auf der Schiffsbrücke und werden nach dem Kasino des Kaiserlichen

Automobilklubs geleitet, wo wir ein durch zahlreiche Trinksprüche

gewürztes luxuriöses Frühstück vorfinden. Der Fürst antwortet mit

einer Rede, die, glaube ich, seine fünfzigste ist, seitdem wir

europäischen Boden betreten haben! Man sieht hieraus, daß man, um eine

Automobilfahrt von Peking nach Paris zu unternehmen, auch Redner sein

muß!

Um 3 Uhr brechen wir wieder auf. Der flinke Lotse vom Vormittag fährt

wieder voran, um uns den Weg zu zeigen. Aber in dem benachbarten

Dorfe Müngersdorf rennt er infolge seiner übermäßigen Schnelligkeit

gegen ein Haus, zertrümmert die Wand und fährt durch sie hindurch,

glücklicherweise ohne die Bewohner zu verletzen. Ich weiß nicht genau,

wie sich der Unfall ereignet hat; als wir ins Dorf kamen, fanden wir

das Lotsenautomobil umgestürzt am Boden liegen neben dem aufgerissenen

Hause, durch dessen ungeheuere Bresche man das bescheidene Mobiliar

erblickte, während der Automobilfahrer unerschrocken vor den

herbeigeeilten, empörten Bauern stand und, auf die Trümmerstätte

deutend, zu uns sagte:

„~Messieurs! Regardez ce que j’ai fait!~“

Hierauf setzen wir unsere Fahrt allein fort, nachdem wir mit den

Mitgliedern des Automobilklubs, die uns bis Müngersdorf gefolgt sind,

herzliche Abschiedsgrüße getauscht haben.

Die Nachricht von unserer Durchfahrt ist überallhin telegraphiert

worden: viele Leute rufen uns „Adieu“ zu. In einigen Städten haben

die Lehrer ihre Schüler vor den Schulen aufgestellt, damit diese das

Automobil, das von Peking kommt, sehen können -- ein vortrefflicher

Ansporn für das Studium der Geographie. Die Kinder begrüßen uns mit

hellen, fröhlichen Stimmen. Reihen von blonden Schülerinnen klatschen

voll Begeisterung in die Hände.

Um 5 Uhr fahren wir in die Vorstädte Aachens ein. Leute strömen in

Menge herbei, begrüßen uns mit Hochrufen und guten Wünschen, als wir

vor einem Café halten, um einige Gläser frischen Bieres zu leeren.

Wir finden einen neuen dienstwilligen Lotsen, der aber die Straße

verfehlt und die Richtung nach Brüssel einschlägt. Wir bemerken es noch

rechtzeitig und wenden uns Lüttich zu. Rasch nähern wir uns der Grenze.

Nach so vielen festlichen Empfängen wird uns schließlich auch ein

weniger wohlwollender Gruß zuteil: eine alte Bäuerin, die am Fenster

steht, während wir im Schritt durch ihr Dorf fahren, ballt wütend die

Fäuste gegen uns und ruft uns giftig zu:

„Ich erkenne euch wieder, ihr Kanaillen! Ihr seid es, die mir am

Donnerstag meine Henne überfahren haben! Zahlt jetzt gefälligst!“

Die Beschuldigung ist zwar ungerecht, aber sie kränkt uns nicht. Wir

setzen unseren Weg in fieberhafter Eile fort.

Jetzt sind wir an der Grenze, einer harmlosen Grenze ohne Ketten,

an der wir kaum den bescheidenen Pfahl bemerken, der das Ende des

deutschen Gebietes bezeichnet. Das Zollamt liegt entfernt von der

Straße, und wir verlieren eine halbe Stunde, bis wir es finden.

Unsere Ankunft in Belgien erzielt bei der Bevölkerung einen

Heiterkeitserfolg. Der Telegraph hat uns diesmal nicht angemeldet;

unsere Reiseroute ist nicht bekannt. Für die Leute, die uns sehen, sind

wir komische Wesen auf einem komischen Automobil.

In Verviers schreit eine alte Krämerin:

„~Oh, les laids!~“ (Sind die aber häßlich!)

Kurz darauf ruft ein Kutscher in überzeugtem Tone:

„~Oh, les laids!~“

Der Ruf scheint ein neuer Gruß zu sein. Er pflanzt sich fort. Von

allen Seiten hören wir: „~Oh, les laids!~“ Wir selbst zweifeln keinen

Augenblick daran, daß der Ruf ganz aufrichtig gemeint ist. Alle bleiben

stehen, betrachten uns und lachen, als sähen sie die komischste

Maskerade. Wir müssen in der Tat aussehen wie drei Landstreicher auf

einem Automobil!

Plötzlich hält uns ein Polizist an, dem unsere Erscheinung ebenfalls

verdächtig vorkommt.

„Wer sind Sie?“ fragt er den Fürsten, der am Steuerrade sitzt.

„Fürst Scipione Borghese“, erwidert dieser ehrerbietig.

Der Polizist glaubt, man wolle ihn zum besten haben, steckt eine

barsche Miene auf und donnert:

„Sie, Sie ein Fürst? Sie?“

Peking-Paris im Automobil Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen. · 第 12 / 15 题