Volk, das einst hier ein Reich besaß, von dessen Hauptstadt noch jetzt
prächtige Trümmer an den Ufern der Wolga zu sehen sind. Sie war so in
Vergessenheit geraten, daß sie vollständig verschwand. Wälder hatten
sie überwuchert; sie lebte nur noch in der Überlieferung, als unter
Peter dem Großen ihre majestätischen Trümmer mitten in einem dichten
Walde wieder entdeckt wurden.
Die Bulgaren liebten die großen Ströme; sie teilten die Wolga und die
Donau unter sich: „weiße Bulgaren“ die der Wolga, „schwarze Bulgaren“
die der Donau; aber sie wurden aufgesaugt, die einen von den Tataren,
die andern von den Slawen. So sind nur noch Namen übriggeblieben:
Bolgary an der Wolga, Bulgarien an der Donau; das Volk aber existiert
nicht mehr.
Am Nachmittag häuften sich die Schwierigkeiten. Die durch endlose
Wälder führende Straße war so schlecht geworden, daß wir mit der
Geschwindigkeit von nur 15 und häufig gar nur von 10 Kilometern fahren
mußten. Die Karosserie knarrte, sie flog bei jedem Stoße in die Höhe,
als wollte sie in Stücke gehen. Die Fußbremse, jene vermaledeite
Bremse, die in Sibirien dreimal Feuer gefangen hatte, brannte zwar
nicht mehr, aber sie funktionierte auch nicht mehr. Sie war vollständig
verdorben, und wir waren einzig auf die Handbremse angewiesen, die auf
die Laufräder wirkt. Während wir einen steilen Abhang hinunterfuhren,
wobei diese einzige Bremse angezogen war, fühlten wir einen heftigen
Ruck im Automobil und hörten im vorderen Teile ein metallisches
Klirren. Die Maschine stand quer über dem Wege still.
Wir sprangen ab.
„Was soll jetzt werden?“ riefen wir angstvoll aus, als wir hörten,
welcher Schaden angerichtet war.
[Illustration: Russischer Muschik.]
Der allzu starke Druck der Bremse hatte den Bruch des Bügels zur Folge
gehabt, der die Federn mit der Radspindel verbindet, und die Achse der
Laufräder hatte sich vollständig von den Federn, also vom Chassis,
losgerissen. Wir hatten Ersatzbügel da, aber sie waren zu kurz. Zum
Glück fand Ettore, als er unter seinem Handwerkszeug herumwühlte,
Spindeln und Schrauben, mit deren Hilfe es ihm nach langem, geduldigem
Arbeiten gelang, Federn und Achse wieder zusammenzubringen und
festzuschrauben. Aber es stellte sich ein noch schwererer Schaden
heraus. Die hinteren Federn waren gebrochen! Von den neun Blättern,
aus denen jede bestand, waren links drei geborsten, rechts fünf.
Unsere Hoffnung beruhte jetzt nur noch auf der Widerstandskraft des
längsten und größten Blattes, das an den äußersten Enden die Zapfen
trägt, mittels deren es befestigt ist, und das aus dem feinsten Stahle,
den es gibt, angefertigt ist. Unsere Hoffnung stand aber auf sehr
schwachen Füßen. Wir sahen, daß eine einzige starke Erschütterung alles
vernichten würde.
Es dunkelte, und die Arbeit im Walde dauerte immer noch fort. Ein
trauriger Abend für uns. Wenn der Motor, die Transmissionen, das
Kugelgelenk, die Kardanwelle, die Verbindungen des Chassis, der ganze
maschinelle Teil gesund, gut imstande, neu, stark und zuverlässig ist,
wer denkt da an das übrige? Wenn das Herz, der Magen und alle vitalen
Organe eines Menschen kräftig sind und gut funktionieren, wer denkt da
an die Füße? Und doch waren es gerade die Füße unseres Automobils, die
kränkelten: ein verhängnisvolles Leiden, wenn man noch einen weiten Weg
vor sich hat.
Nachdem die Reparatur beendet war, machten wir uns wieder auf den Weg,
ganz langsam und mit der peinlichsten Vorsicht, und gelangten eine
Stunde später an die Poststation Melekeski. Wir kochten uns Eier,
tranken Milch und streckten uns zum Schlafen auf der Erde aus.
Die Station war wenig mehr als eine Isba.
Am Morgen nahmen wir ein Glas Tee zu uns und fuhren ab. Es war 4 Uhr,
und es regnete.
Allmählich gelangten wir in eine anmutigere und schönere Gegend. Die
Landschaft hatte sich geändert, leider aber nicht die Straße. Wir
fuhren durch Malmysch, das wir an dem Tage, an dem wir Perm verließen,
zu erreichen gehofft hatten, ein Städtchen an dem Flusse Wjatka, das
auf uns den Eindruck machte, als sei es nur von einem Dutzend Beamten,
einem Apotheker und zwei Gendarmen bewohnt. Das Leben in Malmysch muß
nicht besonders anregend sein.
Die Straße wurde schlechter oder schien uns schlechter zu werden,
weil wir gegen die Unebenheiten des Geländes empfindlicher geworden
waren. Dafür wurden wir durch den Anblick der prächtigen Landschaft
entschädigt. Überall erhoben sich im Grünen Dörfer, tatarische
und christliche, schlanke Minaretts und Kirchtürme, Halbmonde und
Kreuze, bunt durcheinandergemischt im tiefen Frieden der Felder.
Nichts erinnerte an alte Kämpfe. Die Bewohner schienen wie zu einem
großartigen Feste gekleidet. Es war Heuernte.
Überraschend war die Verschiedenheit der Trachten, die mit jedem
Schritte wechselten. Man fühlt es, daß unter den beiden Namen
„Russen“ und „Tataren“ sich noch andere Volksstämme verbergen, die
sich vereinigt, aber nicht vermischt haben. Religionen sind es zwei,
der Rassen sehr viele. Diese wollen sich jetzt noch voneinander
unterscheiden, wollen sich in ihrem Volkstume behaupten, sie wollen
am Leben bleiben. Unbequeme und auffallende Trachten können nicht
Jahrhunderte hindurch getragen werden, ohne daß die Träger den Zweck
damit verfolgen, ihre Eigenart zur Geltung zu bringen und zu bewahren.
Jedes Dorf ist ein kleiner Staat für sich, der ein friedliches
Sonderdasein führt und so verschieden von den anderen ist, als sei er
durch weite Entfernungen von ihnen getrennt.
Gegen 3 Uhr, als wir in das Tal des Flusses Kasanka hinabfuhren, sahen
wir im Westen einen Wasserstreifen schimmern: die Wolga. In leuchtendem
Nebel hoben sich die Umrisse einer großen Stadt ab. Endlich hatten
wir Kasan erreicht mit den Türmen und Kuppeln seiner Kirchen und den
Minaretts seiner dreizehn Moscheen!
Auf breiten Straßen voller Leben und Getöse gelangten wir in die Stadt,
neugierig betrachtet, von vielen erkannt, mitunter begrüßt.
Eine Dame ließ ihre prächtige Equipage wenden, um uns zu folgen und uns
besser in Augenschein zu nehmen; sie holte uns ein. Sie fragte, ob wir
von Peking kämen und wohin wir wollten.
„Ins Hôtel de l’Europe, gnädige Frau.“
Ihr Wagen fuhr voran, wir folgten. Wir kamen an Kirchen, an Gärten
vorüber und gelangten auf die Hauptstraße. Hier liefen uns Herren
erregt und lachend mit ausgestreckten Händen entgegen. Es waren
Italiener.
„Willkommen!“ riefen sie. „Hoch! Liebe Freunde!“
Im Hintergrund erblickten wir den Kreml und den großartigen
Spaskajaturm, der wie eine alte Zwingburg auf die moderne Stadt
herabsieht.
Zwanzigstes Kapitel.
Von der Wolga zur Moskwa.
Sibirien kehrt zurück. -- Ein feindseliges Dorf. -- Die
Gastfreundschaft eines Müllers. -- Nischnij-Nowgorod. -- Die
Geschichte eines Telegramms. -- Die Chaussee. -- Wladimir. --
Freiwillige Panne. -- Moskau empfängt uns. -- Am Ufer der Moskwa.
In Kasan wurden die Federn in der Nacht rasch ausgebessert. Am 24. Juli
9 Uhr vormittags konnten wir Kasan mit der vollständig reparierten
Maschine verlassen. Wir fuhren unter den drohenden Mauern des Kremls
hin, jener alten tatarischen Zitadelle, die eine der grausigsten
Geschichten von Feuer und Schwert gesehen hat: die von Machmet Amin
befohlene Niedermetzelung der Christen, die von Iwan IV. befohlene
Niedermetzelung der Tataren, die von dem meuterischen Kosaken
Pugatschew befohlene Niedermetzelung der Adligen, und viermal die
Plünderung und Zerstörung der Stadt. Wir gelangten in die entlegenere
arbeitsame Admiralitätsvorstadt und von dort an den Wolgahafen.
Der große Strom, der größte Europas, lag breit, majestätisch,
langsam und stolz vor uns. Er wimmelte von großen Dampfern, die bis
zum Kaspischen Meere fahren, von Fähren, von Schleppdampfern, von
Personendampfern. Die bevorstehende Messe von Nischnij-Nowgorod war
die Ursache dieses Gedränges. Die Wolga ist einer der gewaltigsten
Verkehrswege der Welt; sie verbindet Persien, den Kaukasus und
Turkestan mit dem Herzen Rußlands. Die mannigfaltigsten Volksstämme
bewegten sich an den Ufern zwischen den Ladeplätzen: wir sahen Tataren,
Armenier, Zirkassier und Kirgisen unter russischen Bauern.
Auf einem der Trajektboote setzten wir über, auf einem wirklichen
und wahrhaftigen Dampfschiff, das uns gewaltig erschien wie ein
transatlantischer Dampfer.
Rasch fuhren wir davon über Hügel, von denen aus wir den unvergeßlichen
Anblick Kasans genossen, der blendendweißen Stadt, über die sich die
funkelnden Kuppeln der Kathedrale der Verkündigung Mariä erheben. Neben
diesen Kuppeln erblickten wir -- ein seltsamer Gegensatz in Gestalt und
Erinnerungen -- den alten tatarischen Sumbekaturm, der seinen Namen von
einer tatarischen Prinzessin hat, die nach einer poetischen Sage sich,
als die belagerte Stadt den Angriffen der siegreichen Slawen unterlag,
von der höchsten Spitze hinunterstürzte, um mit dem Vaterlande zu
sterben.
In der Unterstadt, die mit ihren kleinen, von Gärten umgebenen
Häusern noch jetzt ganz tatarisch ist, erheben sich Minaretts. Am
Flusse eröffnete sich ein seltsames Panorama runder Gebäude, der
Riesenbehälter für das Petroleum, das die Schiffe aus Baku die Wolga
herauf bringen. Kasan ist einer der größten Petroleumstapelplätze der
Welt. Dann entfernte sich alles, zerstreute sich, verschwand hinter
dem Gipfel eines Hügels. Wir befanden uns wieder in der Einsamkeit der
Felder.
Wir fuhren auf verlassenen, kaum erkennbaren, von Gras überwachsenen
Pfaden und waren genötigt, uns mit der allerbescheidensten
Geschwindigkeit zu begnügen.
Sibirien schien zurückgekehrt zu sein! Stellenweise hatten Wasserfluten
die Straße in einen tiefen Abgrund verwandelt. Es kam vor, daß wir
wie in der Mongolei die Richtung verloren. Wir kamen an eine Stelle,
wo jede Spur einer Straße oder eines Pfades verschwunden war und wir
nicht mehr nach dem richtigen Wege, sondern nach einem Manne suchen
mußten, der uns als Führer dienen könnte. Karten und Kompaß waren zu
Rate gezogen worden, das Ende vom Liede aber war, daß wir uns vor
unübersteiglichen Hindernissen befanden. Ein Bauer erklärte sich
bereit, auf das Automobil zu steigen und uns zu führen. Nachdem wir
etwa 10 Kilometer zurückgelegt hatten, kamen wir auf einen morastigen
Weg, an dem sich die Telegraphenleitung hinzog.
„Folgen Sie nur der Telegraphenleitung!“ sagte er und verabschiedete
sich.
Es war lange her, daß wir uns von der unabsehbaren Reihe von
Telegraphenstangen hatten leiten lassen. Und jetzt näherten wir
uns Moskau? Der ganze Landverkehr wickelt sich dort draußen nur im
Winter ab: wenn der Schnee das Gelände so wunderbar ebnet, daß die
Schlitten pfeilschnell darüber hinweggleiten. Es hat also keinen Zweck,
kostspielige Straßen zu unterhalten. Im Sommer sind die Flüsse für den
Verkehr da. In den Zeiten vor der Dampfschiffahrt existierte hier eine
prächtige Straße, von der sich jetzt kaum noch Spuren vorfinden.
[Illustration: Dampfschiff auf der Wolga.]
Gegen 1 Uhr passierten wir langsam ein kleines Dorf, als das Automobil
auf einem mit Gras überwachsenen Platze, der stets die weißen Kirchen
der russischen Dörfer umgibt, ein an eine leere Telega gespanntes Pferd
zum Scheuen brachte. Das Pferd ging durch; ein Knabe von ungefähr zehn
Jahren, der von der Telega abgestiegen war, wollte das Pferd aufhalten,
ergriff die lange Zugleine, die hinter dem Wagen herschleifte, und
versuchte an ihr zu ziehen. Unglücklicherweise schlang sie sich um eins
seiner Beine, und er fiel zu Boden. Wir stießen einen Schreckensruf
aus. Schon sahen wir im Geiste den Knaben an einem Beine geschleift und
auf grausige Weise ums Leben gekommen. Allein wir hatten nicht an die
Weite der russischen Stiefel gedacht; kaum war der Knabe hingefallen,
so bewirkte die um sein Bein geschlungene Leine nur, daß der Stiefel
ausgezogen wurde; der Knabe selbst blieb heil und unverletzt.
[Illustration: Auf dem Dampfer.]
Der Unfall erregte aber den Zorn der Bevölkerung gegen uns. Sofort
bildete sich eine dichte Gruppe von Bauern, die, unsere langsame
Fahrt ausnutzend, uns verfolgten. Zu ihnen gesellten sich andere.
Sie bewaffneten sich mit Steinen und gingen schreiend und johlend zum
Angriff über, indem sie uns in drohendem Tone „Halt!“ zuriefen.
Das Durchgehen der Telega allein konnte eine solche Empörung nicht
erklären. Selbst ein russischer Bauer war imstande zu begreifen,
daß wir keine Schuld hatten. Erst einige Tage später, in Moskau,
erhielten wir Aufklärung über jene Wut und über die verbissene
Feindseligkeit, die uns in so vielen Ortschaften des russischen flachen
Landes entgegengetreten war. Das Automobil war verschiedentlich von
Revolutionären benutzt worden, um Proklamationen umstürzlerischen
Inhalts zu verbreiten. Sicher ist, daß sich in vielen russischen
Ortschaften die Ansicht gebildet hatte, die Automobile seien Fahrzeuge
der Feinde der Religion und des Zaren! Das Durchgehen eines Pferdes
wurde für uns die Veranlassung zum Ausbruch eines lange vorher
bestehenden Volkshasses.
Die Verfolger schienen nicht geneigt, uns entkommen zu lassen. Die
Straße unterstützte sie bis zu einem gewissen Grade. Wir kamen an
einen jähen Abhang voller Furchen und Löcher. Wir mußten bremsen und
langsamer fahren, um die Maschine nicht zu beschädigen. Die Bauern
wurden von einem blonden jungen Manne in roter Bluse angeführt, der den
andern vorauslief und ihnen etwas zubrüllte, um ihnen Mut zu machen.
Die Entfernung verkürzte sich zusehends. Schon kamen Steine geflogen.
Noch wenige Sekunden, und wir wären eingeholt worden. Da entschloß ich
mich zu einer Handbewegung, die der Verfolgung sofort ein Ende machte.
Es war eine sehr einfache Bewegung mit der ausgestreckten rechten Hand,
eine langsame Bewegung, während ich mich auf die Füße erhob und mich
der Menge zuwandte. Diese blieb mit einem Male stehen, verstummte,
wich zurück und ließ uns unbelästigt weiterfahren! Ich muß allerdings
hinzufügen, daß ich bei dieser Handbewegung den Kolben der geladenen
Mauserpistole, die ich schußbereit gesenkt hatte, umklammert hielt.
Bald darauf versanken wir im Morast in der Nähe des kleinen
Simylskajaflusses. Mit Hilfe dreier Muschiks, die gerade vorbeikamen,
machten wir uns in einstündiger Arbeit wieder frei. Dann überschritten
wir den Fluß auf einer alten Brücke, ließen das malerische Städtchen
Woronowka zur Linken liegen, und weiter ging es auf unsicheren und
gefahrvollen Straßen. Von Westen her zog ein schwarzes Unwetter herauf,
das uns erreichte, als wir uns in einem großen Walde von Eichen und
Buchen befanden, und das uns die Freude verdarb, vertraute Bäume
wiederzusehen. Wir hatten die Tannen und Birken satt. Die Tannen
sind gewiß sehr schöne Bäume; mit ihren schwarzen, an den Turm einer
Kathedrale erinnernden Spitzen weisen sie eine gewisse architektonische
Strenge auf. Aber auf die Dauer werden sie langweilig wie ein Wald von
geschlossenen Schirmen. Die Eichen aber fanden wir geradezu wundervoll;
sie sind eine ungezwungenere, mannigfaltigere, vertraulichere
Erscheinung; es war, als winkten sie uns mit ihren vom Winde bewegten
knorrigen, unregelmäßigen Ästen; es waren die Bäume unserer Heimat.
[Illustration: Das rechte Wolgaufer gegenüber Kasan.]
Es regnete in Strömen mit der gewohnten Begleitung von Blitz und
Donner. Es war nun einmal Schicksalsbeschluß, daß es alle Tage regnen
sollte, und wir hatten uns auch darein gefunden. Wir hatten nicht
einmal die Mühe, erst die wasserdichten Mäntel anzuziehen, weil wir sie
stets, es mochte das schönste Wetter und der blendendste Sonnenschein
sein, auf dem Leibe trugen.
Der Abend überraschte uns mitten in einer Einöde. Wir hatten gehofft,
das 160 Kilometer entfernte Tscheboksary zu erreichen; bis abends 8
Uhr hatten wir aber nicht mehr als 80 Kilometer zurückgelegt, als
das Automobil sich mit einem Male auf die linke Seite neigte und
stehenblieb. Wir waren eingesunken. Ettore hatte bei der Dunkelheit
eine tiefe morastige Einsenkung nicht bemerkt, und zwei Räder waren bis
an die Naben hineingeraten!
Wir befanden uns in einem einsamen Tale. Im Grunde rauschte ein vom
Regen geschwellter reißender Fluß. Der Fürst und ich -- Ettore blieb
zur Bewachung der Maschine zurück -- erstiegen einen nahen Hügel,
um vielleicht bewohnte Orte zu entdecken. Nichts war zu sehen als
die dunkle, düstere Landschaft, eine wellige Steppe, hier und dort
unterbrochen von schwarzen Gehölzen. Wir hatten uns schon darein
ergeben, die Nacht auf dem Automobil zu verbringen, als ich ein Dach in
einem Weidengebüsch, links von einer Brücke, bemerkte.
Wir gingen in der angegebenen Richtung und fanden wirklich eine kleine
einsame Mühle. An der Tür der Isba stand eine alte Frau, die bei
unserem Anblick erschreckt zurücktrat. Dann erschienen zwei Männer in
wenig freundlicher Haltung und fragten, wer wir seien.
Der Fürst sprach vom Automobil, versprach ihnen eine Belohnung, wenn
sie uns Hilfe leisteten, und schloß damit, daß er die beiden Männer,
die sich wieder besänftigt hatten, ersuchte, sich die im Morast
steckende Wundermaschine anzusehen.
„Sie müssen nach dem Dorfe gehen und dort Hilfe holen“, sagten sie,
nachdem sie nachgedacht hatten. „Wir sind in der Mühle nur vier
Personen. Wieviel wollen Sie übrigens für die Hebung des Wagens zahlen?“
„Fünf Rubel!“ erwiderte der Fürst. Es war die Anfangssumme wie bei
öffentlichen Versteigerungen.
[Illustration: Letztes Einsinken der „Itala“ zwischen Kasan und
Nischnij-Nowgorod.]
Fünf Rubel! Die Müller waren geblendet von solchem Reichtum. Fünf
Rubel! Sie sahen einander an und wechselten einige Worte. Es waren
ihnen inzwischen Riesenkräfte und ein Löwenmut gewachsen. Sie wollten
die fünf Rubel allein verdienen, sie würden zehn Automobile heben!
Sie gingen weg und kehrten mit den beiden Gefährten, die in der Mühle
geblieben waren, eilends zurück; dann machten sie sich an die Arbeit.
Nach einer halben Stunde schaufelten wir die Erde vor den Rädern weg,
Ettore setzte den Motor in Tätigkeit, und das Automobil bewegte sich
und hielt schließlich im Hofe der Mühle. Der Müller selbst hatte uns
Gastfreundschaft in seinem armseligen Hause angeboten.
Er stellte das Mühlwerk ab. An diesem Abend wurde in der Mühle ein
Fest gefeiert. Einer der Gehilfen langte nach einer Stunde mit einer
riesigen Flasche Wodka an, die er im Dorfe gekauft hatte: die fünf
Rubel begannen sich in Trunkenheit zu verwandeln.
Die blonden Männer tranken auf unser Wohl. Sie stürzten das
schreckliche Getränk gläserweise hinunter, nachdem sie, das Glas in
der Hand, dreimal das Zeichen des Kreuzes gemacht und ein kurzes Gebet
gesprochen hatten: ein heiliges Trankopfer. Die Frauen saßen abseits
und sahen schwermütig und schweigend zu. Schmutzige Kinder spielten in
einer Ecke. Eine ewige Lampe brannte vor dem Bilde des Erlösers, das an
der Wand der Isba hing.
Es dauerte nicht lange, so begann der Wodka seine Wirkung zu äußern.
Der Müller wurde sich bewußt, daß er uns liebe! Er betrachtete uns
zärtlich, seine blauen Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. Wie
er uns liebte! Er fühlte das Bedürfnis, beständig zu wiederholen:
„Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!“ Dabei umarmte er uns einen nach dem
andern und küßte uns zärtlich auf die Stirn. Seine Leute äußerten ihre
Zustimmung. Es sei recht und billig, uns zu lieben, man müsse uns
lieben! Ihre tiefgefühlte Sympathie erstreckte sich auch auf unser
Vaterland.
Warum seien sie in ihrem Leben nie Italienern begegnet? Ein Volk zum
Anbeten! Alle Segnungen des Himmels wurden auf uns herabgerufen. Die
junge Frau mit den ernsten, beinahe schmerzlichen Zügen benutzte die
zärtliche Rührung ihres Mannes, um die Wodkaflasche fortzunehmen,
ohne daß er es bemerkte, und sie in einer Ecke unter alten Lumpen zu
verstecken.
Als wir erklärten, daß wir uns niederlegen wollten, verließen alle das
Zimmer. Die Männer blieben aber noch lange vor der Tür der Isba, und
wir hörten sie stundenlang die schwermütigen slawischen Lieder singen,
die wie Gebete klingen. Als ihr Rausch unter dem Einfluß der Nachtkälte
verflogen war, kehrten sie in die Mühle zurück, die ihr Geklapper
wieder begann.
Wir hatten uns auf dem Fußboden ausgestreckt. Ich konnte nicht
schlafen; große Ratten liefen im Zimmer umher. Mit einem Male fühlte
ich einen frischen Luftzug. Ich bemerkte, daß sich die Tür ganz leise
öffnete.
Ich erhob mich auf den Ellbogen und strengte die Augen im Dunkel an.
Durch die Türöffnung drang ein Lichtschein, in dem ich die Person
erkennen oder vielmehr erraten konnte, die sich so heimlich in unser
Zimmer schlich: es war die junge Müllerin. Ich sah den Schimmer ihres
langen weißen Hemdes. Horchend blieb sie auf der Schwelle stehen. Was
wollte sie? Mit gespannter Neugier beobachtete ich sie.
[Illustration: Ansicht von Wassilsursk an der Sura.]
[Illustration: In Wassilsursk.]
Als sie sich überzeugt hatte, daß alles still blieb, trat sie ein,
barfuß und ohne das mindeste Geräusch; sie glich einem Schatten.
Sicheren Schrittes ging sie auf einen Winkel zu und beugte sich suchend
vor. Es war die Stelle, an der sie den Wodka versteckt hatte. In der
Tat hörte ich an einem leisen Klirren des Glases, daß sie die Flasche
ergriff; ich sah, wie sie sie in die Höhe hob. Einen Augenblick später
vernahm ich ein leises, langes, von Seufzern unterbrochenes Gurgeln.
Die brave Frau trank. --
Früh machten wir uns wieder auf den Weg. Die Straßen waren trocken
und infolgedessen besser. Zu Mittag waren wir in Wassilsursk, einem
reizenden Städtchen am rechten Ufer der Sura, eines Nebenflusses der
Wolga, kokett im Grün kleiner Gärten über den Abhang eines Hügels
verstreut.
Und weiter, immer weiter ging es den ganzen Tag über, zeitweilig an der
Wolga entlang, deren breite, träge, von Schiffen belebte Fluten sich
durch das weite Tal wälzten.
Am Nachmittag stießen wir auf zwischen Gebüschen versteckte
herrschaftliche Villen: die große Stadt Nischnij-Nowgorod war in
der Nähe. Gegen Sonnenuntergang bemerkten wir Fabrikschornsteine,
die Vorposten der modernen Großstädte. Oben auf einem Hügel standen
Droschken. Als wir an sie herankamen, wurden wir mit einem „Hoch!“
empfangen.
In den Droschken saßen der kommerzielle Vertreter Italiens, der
Sekretär des italienischen Konsuls in Moskau und einige Landsleute. Wir
betraten den offiziellen Bannkreis Europas. Wir erhielten unsere Post,
Briefe, Zeitungen, Telegramme. Die Beziehungen zur Kulturwelt waren
wiederhergestellt. Die Einsamkeit war zu Ende!
Champagnerflaschen und Gläser kamen zum Vorschein, wir mußten anstoßen.
In tiefer Bewegung drückten wir zehnmal dieselben Hände und fragten
nach Nachrichten aus unserer Welt. Dann wurden wir von plötzlicher
Ungeduld gepackt, von dem gebieterischen Verlangen, zu Ende zu kommen,
zu fahren, zu fahren ohne Rast und Ruh wie jener Mann des Märchens, der
sich künstliche Beine anfertigte, die von selbst liefen, und der noch
immer läuft, weil er vergessen hat, eine Vorrichtung anzubringen, die
die Beine wieder zum Stehen bringt.
„Auf die Maschine! Auf die Maschine!“ riefen wir.
[Illustration: Muschiks auf der Überfahrt.]
Wir empfanden weder Müdigkeit noch Verdrießlichkeit mehr. Alles
war vergessen: „Auf die Maschine!“ Bald darauf entfaltete sich das
prächtige Panorama von Nischnij-Nowgorod zu unseren Füßen. Von Kasan
aus hatten wir 447 Kilometer zurückgelegt. Es war spät, als wir in
die breiten Straßen der alten russischen Hauptstadt einbogen, die
die eigentliche Wiege des ungeheueren Reiches ist. Die elf Türme
des Kremls, die hoch über die Stadt emporragen, waren noch von der
untergehenden Sonne beleuchtet; sie blitzten stolz über die goldenen
Kuppeln und weißen Türme hinweg. Mit einem Gefühl des Stolzes
betrachteten wir jene elf Beherrscher der Stadt, bei der Erinnerung
daran, daß sie etwas von italienischem Wesen an sich tragen; sie wurden
von einem italienischen Architekten, Pietro Frasiano, umgebaut, als der
Kreml seinen kriegerischen Charakter ablegte und sich zu verschönern
begann. Um jene Festung herum hatten sich die Heere gebildet, die Kasan
den Tataren entrissen; später bildete sich hier das Heer, das die
Polen aus Moskau verjagte. Nischnij-Nowgorod muß dem Slawentum heilig
erscheinen.
Wir waren kaum angelangt, als uns auch schon eine Einladung übermittelt
wurde. Einige angesehene Bürger, unter ihnen der Gouverneur, gaben uns
zu Ehren ein Bankett in einem großen Garten. Die Luft war mild, der
Himmel heiter. Wir sahen die Wolga an der Mündung der Oka im fahlen
Lichte des Abends zu unseren Füßen breit dahinströmen, übersät von
Myriaden von Lichtern an Bord der ankernden Schiffe, gleich einer sich
auf der Erde hinziehenden Milchstraße. Während des Banketts wurde ich
abgerufen.
„Sie haben ein Telegramm abgesandt?“ fragte der behandschuhte Kellner.
„Jawohl, vor zwei Stunden.“
„Das Telegraphenamt läßt sagen, daß es das Telegramm nicht befördern
könne ... Wenn Sie telephonieren wollen?“
Ich eilte ans Telephon. Meine Depesche konnte nicht befördert werden,
weil sie nicht russisch geschrieben war! Seit Nischne-Udinsk hatte ich
diese reizende Ungeheuerlichkeit nicht mehr gehört! Zum Glück waren
die einflußreichsten Männer der Stadt zur Stelle; sie telephonierten,
eilten auf das Telegraphenamt und kehrten triumphierend zurück. Das
Telegramm war abgegangen.
„Jeder macht es sich so bequem wie möglich!“ sagte man mir zur
Erklärung. „Das Amt fand, die Depesche sei zu lang ...!“
Mitternacht war vorüber, als an die Türe meines Hotelzimmers geklopft
wurde.
„Wer ist da?“
„Sie haben ein Telegramm aufgegeben?“
Wütend sprang ich aus dem Bett und eilte an die Tür, um zu öffnen.
„Ja,“ schrie ich den Oberkellner an, dem ich mich gegenüber fand, „es
ist vier Stunden her, daß ich es aufgegeben habe. Vier Stunden!“
„Beruhigen Sie sich,“ erwiderte er sanften Tones, „Ihr Telegramm ist
abgegangen und wird vielleicht schon angekommen sein. Nur wünscht das
Telegraphenamt eine kleine Aufklärung ...“
„Welche denn?“
„Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem andern,
gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts.“
Ich war wie vom Donner gerührt: ich sank auf einen Stuhl und sagte mit
kraftloser Stimme.
„Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich
schwöre es Ihnen. Ich habe in einer europäischen Sprache geschrieben.
Nur das Chinesische und Japanische schreibt man von oben nach unten.
Und man liest es von oben nach unten. Und man telegraphiert es von oben
nach unten!“
„Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach
rechts?“
„Wenn sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie haben sie es denn
abgeschickt? Wie?“
„Von oben nach unten, Herr!“ --
* * * * *
Um 10 Uhr vormittags setzten wir unsere Fahrt fort. Unser graues
schmutziges Automobil hatte man hier liebenswürdigerweise mit
Blumen geschmückt. Wir überschritten die Oka auf der „Meßbrücke“,
der herrlichen Holzbrücke, die Nischnij-Nowgorod mit dem Meßplatze
verbindet, auf dem die „Jarmarka“, die berühmte Messe, abgehalten
wird, die am 27. Juli beginnt. Die Eröffnung sollte am übernächsten
Tage stattfinden. Der Platz war zum Empfang von 400000 Fremden, die
alljährlich hierherkommen, hergerichtet.
Berge von Waren türmten sich am Ufer auf, von einem bunten Gewirr
von Flaggen überragt. Riesige, an den Ufern verankerte Barken trugen
provisorische Gebäude, Cafés und buntfarbige, mit Laubgehängen
geschmückte schwimmende Gastwirtschaften, ein Theater, Räumlichkeiten,
wohin sich die Meßbesucher begeben, um zu rauchen, da das Rauchen in
den Straßen der Jarmarka verboten ist. Auf dem linken Ufer der Oka
fuhren wir über den ganzen weiten Meßplatz mit seinen 6000 Magazinen,
seinen Geschäften, seinen Märkten, eine ganze zweite Stadt, die zehn
Monate lang ausgestorben ist und von deren geräuschvollem Erwachen wir
jetzt Augenzeugen waren. Ihre seltsamen Bewohner ließen die Arbeit
liegen, um sich zu versammeln, wo wir fuhren. Alles gibt es auf der
Messe von Nischnij-Nowgorod, aber ein Automobil war noch nicht dort
erschienen.
Zwischen der ernsten, nachdenklichen Menge der Slawen erblickten
wir merkwürdige Volksstämme um uns herum. Viele Tataren im Kaftan
nach türkischer Art oder im blauen Kulmak, Kirgisen, die aus ihren
Steppen gekommen waren und Tausende von Kilometern weit Pferdeherden
hergetrieben hatten. Zirkassier mit prächtigen Waffen waren da, Perser
mit den hohen Pelzmützen, ernstblickende Armenier, Sibirier aus
Tobolsk mit Ladungen kostbaren Pelzwerks. Unter der Menge hatte sich
das Gerücht verbreitet, daß wir aus Peking kämen; man betrachtete uns
überrascht und stellte tausenderlei Fragen an uns, die wir nicht immer
verstanden.
Wir bogen in die Straße nach Moskau ein, die breit, fest, eben und
gerade war. Wir ließen die Maschine schnell fahren. Die Stadt und ihre
Jarmarka entfernten sich mehr und mehr. Die Straße wurde menschenleer
und ging nicht in einen der gewohnten elenden Feldwege über. Die
Chaussee, die echte Chaussee war erreicht!
Endlich! Nach einer Fahrt von 7500 Kilometern, nach sechsundvierzig
langen Tagen voller Mühen, Beschwerden, Leiden, Enttäuschungen.
Sie hatten wir gesucht, nach ihr hatten wir geseufzt, seit wir die
mongolische Wüste verlassen hatten: wir glaubten sie schon in Kiachta,
in Irkutsk zu erreichen. Bei meiner Beschreibung der Reise habe ich
von Straßen gesprochen, um den undefinierbaren Strecken, über die wir
fuhren, einen Namen zu geben. In Wirklichkeit sind wir fast stets über
mehr oder weniger guten gewachsenen Boden, über Sand, Morast, Steine,
Gestrüpp gefahren. Die Straße begann erst hier, nachdem wir ihren
kleinen weit vorgeschobenen Vorposten bei Kasan angetroffen hatten. Sie
begann in Nischnij-Nowgorod, der unvergeßlichen Stadt, die für uns den
Anfang des letzten Teils unserer Reise bedeutete. Uns erschien sie als
der Beginn der Zivilisation.
Europa hat seine Grenze nicht, wie die Geographen behaupten und wie
auch wir es geglaubt hatten, in den Wäldern des Urals, nein: es
beginnt in Nischnij-Nowgorod mit jenem weißen Streifen, auf dem wir
dahinrollten, der in einladender Breite ein endloses Band darstellt,
das hier beginnt und alle europäischen Nationen umschließt. Jetzt
erst glaubten wir über alle Schwierigkeiten triumphiert zu haben;
wir brauchten keine Felsen mehr zu erklimmen, in keine Abgründe
hinunterzurutschen, nicht mehr über Baumstämme zu stolpern; wir
brauchten nicht mehr in heimtückischen Sümpfen zu versinken, nicht
mehr den Weg zwischen der Pflanzendecke der Moräste und den Bäumen des
Waldes zu suchen. Die Straße war unsere Freundin, unsere Führerin; sie
erfüllte uns mit neuem Mute, sie geleitete uns ans Ziel.
Wir stießen einen Freudenschrei aus, als wir von der Spitze eines
Hügels aus sahen, wie sich die Chaussee bis zum Horizont erstreckte.
Und doch lebte in uns immer noch ein Gefühl des Zweifels, eine
unbestimmte Angst. Wir waren zu oft getäuscht worden und hatten
immer noch ein wenig Furcht, die Straße möchte verschwinden und
uns verlassen. Etwas ließ uns anfangs allerdings die Veränderung
weniger durchgreifend erscheinen und setzte unserer Freude einen
Dämpfer auf: es waren die alten, wackligen Brücken. Wir hörten jenes
gräßliche Krachen des Holzes unter den Rädern. Während unseres raschen
Dahinrollens gab eine dieser Brücken unter dem Gewicht des Automobils
nach; ein Brett brach.
„Rasch, mit voller Kraft!“ rief der Fürst.
Der Motor knattert laut und die Maschine, die im Begriff ist, zu
fallen, schießt vorwärts über die Bretter hin, die sich unter ihrer
Last biegen. Sie ist in Sicherheit! Hinter uns hören wir Holz
herabpoltern.
Das Automobil saust mit voller Geschwindigkeit dahin. Vornübergebeugt,
um den Luftwiderstand besser zu überwinden, durcheilen wir lange
Strecken im Fluge und kosten nach so langer Zeit von neuem das
Hochgefühl des ununterbrochenen Vorwärtsstürmens. Mit vollen Lungen
atmen wir den Duft des Heues, des Harzes, der Blumen ein, die ihren
Odem in die warme Luft ausströmen. Die Straße bildet wundervolle gerade
Linien, die bis zu 60 Kilometer lang sind. Wenn uns nicht an manchen
Brücken die Umbauarbeiten aufgehalten hätten, so hätten wir Wladimir,
unseren nächsten Haltepunkt, der von Nischnij-Nowgorod 250 Kilometer
entfernt ist, in fünf Stunden erreichen können; so brauchten wir acht.
Wir kamen zur Stunde der Promenade in jenes reizende Städtchen, das
bereits die Nähe der heiligen Hauptstadt des Reiches verrät. In einem
kleinen Gasthofe kehrten wir ein, vermochten aber trotz unserer
Müdigkeit zum erstenmal nicht zu schlafen. Moskau war nur noch wenige
Stunden entfernt!
* * * * *
Um 7 Uhr früh fahren wir durch das weiße Tor von Wladimir und jagen auf
Moskau zu. Die vom Sonnenschein übergossene Straße war herrlich und
schnurgerade, als sei sie durch einen Kanonenschuß angelegt worden.
Wir fliegen dahin. Es ist, als ob die Maschine uns begriffe: in
gleichmäßigem Gange gehorcht sie jedem Winke des Fürsten, der am
Steuerrade sitzt; auf den Pneumatiks wiegt sie sich leicht in sanften
Schaukelbewegungen, die uns einlullen.
Um 8 Uhr kommen wir durch ein Städtchen. Die Leute stürzen aus den
Läden, eilen aus den Seitenstraßen herbei und begrüßen uns freudig;
sogar ein dicker Gendarm legt lächelnd die Hand an den Helm. Als wir an
ihm vorbeikommen, fragen wir ihn:
„Wie heißt diese Stadt?“
„Pokrow.“
[Illustration: Ankunft in Wladimir, dem letzten Haltepunkt vor Moskau.]
Wir sind erstaunt. Pokrow liegt etwa 85 Kilometer von Wladimir
entfernt. Wenn wir in solchem Tempo weiterfahren, treffen wir vor
10 Uhr in Moskau ein, und das dürfen wir nicht; wir dürfen erst
nachmittags 2 Uhr dort ankommen. Warum? Aus Höflichkeitspflicht. Am
Tage zuvor hatte man aus Moskau telegraphisch angefragt, wann wir
ankämen, und der Fürst, an die früheren Überraschungen gewöhnt, hatte
auf Grund einer Berechnung, die uns ziemlich weiten Spielraum ließ,
geantwortet: um 2 Uhr. So waren wir zu einer freiwilligen „Panne“
genötigt. Wir beschlossen, sie aus einem Frühstück bestehen zu lassen.
[Illustration: Abfahrt aus Wladimir.]
Eine halbe Stunde später hielten wir vor dem ersten Gasthofe in
Bogorodsk. Mit der Feierlichkeit, die unserem ersten zivilisierten
Frühstück gebührte, setzten wir uns zu Tische und leisteten uns die
zweite Flasche Champagner während unserer Fahrt. Die erste war in
Tanchoi getrunken worden.
Seit Peking hatten wir auf unseren Tagestouren niemals an einem Tische
gefrühstückt; wir hatten auf dem Automobil gegessen und oft auch dies
unterlassen, weil wir nicht daran dachten. Wir fühlten uns von einer
beinahe kindlichen Heiterkeit beseelt.
Das Wetter wurde schlecht, es begann zu regnen. Aber wir lachten ob des
Wetters und spotteten des Regens; sie würden uns nicht mehr aufhalten.
Diese Feindseligkeiten kamen zu spät und waren zwecklos. Unser alter,
erbitterter Feind, das Wetter, war besiegt.
Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft in der ganzen
Stadt. Das Publikum drängte sich im Hofe, und wir erhielten den Besuch
von Offizieren, Beamten und reichen Gutsbesitzern. Wir wurden überall
eingeladen. Der Fürst mußte sich mit Händen und Füßen wehren, um nicht
in Moskau erst am nächsten Tage um 2 Uhr einzutreffen!
Mittags nehmen wir die Sitze auf der Maschine wieder ein und
beschleunigen ihren Gang, um Zeit zu gewinnen. Wir fürchten, die Panne
von Bogorodsk zu lange ausgedehnt zu haben. 30 Kilometer vor Moskau
treffen wir zwei stattliche Soldaten, die wir für Kubankosaken halten.
In ihrer malerischen Uniform nach zirkassischer Art mit den reichen
Patronenbehältern zu beiden Seiten der Brust, dem langen Dolche im
Gürtel, dem hohen Pelzkalpak auf dem Kopfe stehen sie auf beiden Seiten
der Straße einander gegenüber. Kaum sind wir vorüber, so folgen sie
uns in gestrecktem Galopp. Von 100 zu 100 Metern bewachen Kosaken die
Straße und schließen sich der Reiterschar an, die sich rasch hinter uns
bildet. Wir bemerken bald, daß dieser Ehrendienst uns gilt, um unseren
Weg von Wagen freizuhalten, die von der Mitte der Straße auf die Seite
gewiesen werden. Die Soldaten gehören einem neuen Gendarmeriekorps an,
das nach den revolutionären Bewegungen in Moskau gebildet worden ist.
Seltsam, die Wagenführer sind nicht wütend, überhäufen uns nicht mit
Schimpfworten; sie begrüßen uns sogar mit Begeisterung. Aber die
Überraschungen sind noch nicht zu Ende. Als wir um 1 Uhr 15 Minuten
an die Grenze des Weichbildes von Moskau kommen, bemerken wir in dem
Orte Kordenky eine Menge Menschen, die um blitzende Wagen herumsteht,
in denen wir beim Näherkommen ebenso viele in einer Reihe aufgefahrene
Automobile erkennen. Andere kommen rasch herbei und lassen ihre Hupen
ertönen. Es sind die ersten großen Automobile, die wir wieder sehen;
sie sind uns entgegengefahren. Von ihnen herab und um sie herum bricht
ein Begrüßungssturm los: Hurra! Wir werden umringt und drücken hundert
Hände, die sich uns entgegenstrecken. Es ist ein unbeschreiblicher
Augenblick!
Über das Diplomatengesicht des Fürsten sehe ich einen flüchtigen
Schatten huschen. Es bleiben uns noch 4000 Kilometer zurückzulegen, ehe
wir nach Paris kommen, aber uns ist, als seien wir schon eingetroffen.
Wir kehren in unsere Welt, in unser Leben zurück. Jetzt schließen wir
die Epoche der Einsamkeit und Verlassenheit ab, die eine harte Prüfung
in unserem Leben bedeutete.
[Illustration: Ankunft vor Moskau.]
Mit stolzem Gefühl, mit Augen, die nicht nur vom Winde und vom
Regen feucht sind, steigen wir vom Automobil. Der Präsident des
Automobilklubs von Moskau, dessen Anregung wir die freundliche
Begrüßung verdanken, teilt uns mit, daß wir zu Ehrenmitgliedern des
Klubs ernannt worden seien, und überreicht uns das wertvolle Abzeichen
aus Gold und Email, das wir sofort an unseren vom Schmutz bespritzten
Mützen befestigen. Es folgen die Vorstellungen. Ich befinde mich
inmitten zahlreicher Kollegen: da ist der Korrespondent des „Matin“,
der dem Fürsten die Glückwünsche seiner Zeitung übermittelt, der man
die geniale Idee der Fahrt Peking-Paris verdankt; ich treffe den
Berufsgenossen von der „Daily Mail“ wieder, der uns auf der Eisenbahn
von Etappe zu Etappe gefolgt ist, und viele andere ausländische
Journalisten. Auch Damen sind da. Eine von ihnen legt -- ein prächtiger
Gedanke! -- auf unserer Maschine einen Rosenstrauß nieder, um auch sie
ein wenig zu feiern, die so viel Anteil daran hat, daß wir überhaupt
angekommen sind. Gegen 2 Uhr nehmen wir die Fahrt wieder auf, begleitet
von allen Automobilen.
Dieses phantastische Schauspiel ruft mir jenen rasenden Ritt stolzer
Mongolen ins Gedächtnis zurück, der auf uns den Eindruck machte,
als werde das Automobil in feindlicher Absicht von der gesamten
asiatischen Barbarenschaft verfolgt. Jetzt aber erscheinen wir als
die Barbaren, die mit Schmutz bedeckt auf einem rohen, erdfarbigen,
mit alten Stricken, Ketten und verrosteten Spaten beladenen Wagen
sitzen, während hinter uns die polierten Metalle, die leuchtenden
Lackanstriche aristokratischer Automobile erglänzen, auf denen elegante
Sommertoiletten mit ihrer Fülle von Federn, Blumen, Schleiern und
Bändern im Winde rauschen.
Plötzlich eröffnet sich am Horizont der Blick auf Moskau! Es war
ein Funkeln von goldenen Kuppeln über einem weißen, schimmernden
Häusermeere, eine überwältigende Erscheinung, ein Traum!
Wir gelangen in die fabrikreichen, von hohen, rauchenden Schornsteinen
starrenden, vom Lärm der Arbeit widerhallenden Vorstädte, die die
feierliche, altehrwürdige Ruhe der Heiligtümer umgürten.
Was geht da vor? Eine Menschenmenge erfüllt die Straße. Es sind
Arbeiter, Männer und Frauen, die aus den Fabriken zu Hunderten,
zu Tausenden herbeieilen. Die Fenster sind dicht besetzt. Von der
Eisenbahn, über die wir fahren, kommen ebenfalls Scharen von Arbeitern
im Laufschritt an. Was geht vor?
Ein fürchterliches Geschrei empfängt uns. Es ist der Gruß des Volkes,
ausgestoßen von der schreckenerregenden Stimme der Menge. Der Gruß
erneuert sich und pflanzt sich fort, er folgt uns und erklingt uns zu
seiten. Wir haben nicht das Bewußtsein, ihn verdient zu haben, aber
stürmisch dringt diese Welle der Sympathie an unser Herz. Wir hören den
Ruf: „~Viva l’Italia!~“ Man klatscht Beifall. Auf den Verdecken der
Straßenbahnwagen erheben sich die Fahrgäste und schwenken die Mützen.
Der Fürst grüßt mit einer Handbewegung, während er erstaunt murmelt:
„Aber was haben wir denn eigentlich geleistet?“
So durchqueren wir die Vorstadt und kommen schnell ins Innere der
Stadt, wo Ruhe herrscht. Über großartige Boulevards hinweg gelangen
wir schließlich in die Nähe der stolzen alten Mauern des Kreml, wo
die Leute uns nicht mehr kennen und nur stehenbleiben, um unseren Zug
mit fragender Miene zu betrachten, offenbar verwundert, daß so vielen
schönen Automobilen ein so häßliches und schmutziges vorausfährt und
daß auf ihm Leute sitzen, die noch schmutziger sind.
Wir steigen vor dem Hotel ab und fallen sofort in eine angenehme
Gefangenschaft: das Komitee legt Beschlag auf uns. Es will uns feiern,
und es gehören zum mindesten zwei Tage dazu, dies gewissenhaft zu
erledigen. Unsere Müdigkeit macht uns nicht ungehorsam gegen die Ukase
des Komitees.
„Nun gut,“ sagen wir, als wir über das zukünftige Programm mit uns zu
Rate gehen, „bleiben wir! Aber allen ferneren Verlockungen setzen wir
heroischen Widerstand entgegen und wir fahren von Moskau nach Paris in
einer Tour!“
Und Petersburg? Auch Petersburg erwartete uns. Zwar schloß die
ursprüngliche Route die russische Hauptstadt, weil zu weit abgelegen,
aus dem Programm aus. Durch die Wahl der Straße über Perm und den
Abstecher nach Petersburg verlängerten wir die Fahrt um mindestens
700 Kilometer. Aber das Petersburger Komitee, das die Verteilung der
Benzinvorräte überwacht, Straßenkarten für uns hatte anfertigen lassen,
das in allen großen Städten Unterkomitees zu unserem Empfang gebildet
hatte, war uns wichtiger als die übrigen Komitees, und seine Einladung
konnten wir nicht unberücksichtigt lassen. Wir wollten also nach
Petersburg gehen, aber uns nur wenige Stunden dort aufhalten. Denn dann
kam noch Berlin, dessen telegraphische Einladung wir schon in Tomsk
erhalten hatten.
Moskau bot uns auf _ein_ Mal alle jene Diners, Soupers und Dejeuners,
die uns während der Fahrt entgangen waren! Unsere Nerven, die den
Strapazen und Entbehrungen widerstanden hatten, wurden mürbe unter
diesem Ansturm, dem wir uns doch nicht entziehen konnten, so groß war
die Herzlichkeit, die uns von allen Seiten umgab. Wir waren Gäste
der italienischen Kolonie, die uns wertvolle Andenken überreichte,
die sicher nicht notwendig waren, um die Erinnerung an jene Tage
unverlöschlich in unserem Gedächtnis festzuhalten; wir waren Gäste des
Automobilklubs, des italienischen Konsuls, alter und neuer Freunde; wir
nahmen an Trinkgelagen teil, hörten Orchestermusik, Konzerte und Lieder
an und wanderten durch die luxuriösesten und namhaftesten Moskauer
Restaurants, vom „Metropol“ nach der „Eremitage“, von „Mauritania“ nach
dem eleganten „Yard“, wo die Konzerte um Mitternacht beginnen, um bei
Sonnenaufgang zu enden.
Die Moskauer Automobile wurden uns zu einer Fahrt durch die Stadt und
ihre malerische Umgebung zur Verfügung gestellt. So wurden wir nach
dem historischen „Sperlingsberge“ geleitet, um den Sonnenuntergang von
dem Punkte aus zu genießen, auf dem der große Napoleon haltmachte, um
am Abend des 14. September 1812 das entzückende Panorama von Moskau
zu bewundern. Die sterbende Sonne tauchte die unermeßliche, stolze
Stadt in Blut; die goldenen Kuppeln sandten Flammenblitze aus, alles
verschwamm in einem Glanze, der überirdisch erschien: es war ein
erhabenes Schauspiel!
Man hat uns in wenigen Stunden das bunte, eigenartige Leben dieser
einzig in der Welt dastehenden Stadt kosten lassen, der wahren
russischen Hauptstadt. Sie ist modern und altertümlich, arbeitsam und
heilig, und amüsiert sich auch unter dem „kleinen Belagerungszustand“.
Dieser ist der Grund, warum man Posten mit aufgepflanzten Bajonetten
die Spazierfahrten reicher Equipagen überwachen sieht, während
Kosakenpatrouillen, den Karabiner auf der Hüfte, zwischen den Wagen
einhertraben. Auf den Hauptstraßen kommt es nicht selten vor, daß
plötzlich ein lauter Befehlsruf erschallt, daß alle Wagen zur Seite
fahren und daß man im Mittelgalopp drei oder vier Kutschen vorbeieilen
sieht, vorn, auf beiden Seiten und hinten von Kosakenpelotons mit dem
schußfertigen Revolver in der Faust umgeben: es ist nur ein Transport
von Staatsgeldern. Die Gefahr hat dem Rubel zu kaiserlichen Ehren
verholfen!
Inzwischen hatte das Automobil seine Reisetoilette erneuert; es war
sorgfältig gereinigt und geputzt worden, mehr war nicht nötig gewesen.
Zu unserer eigenen Überraschung fanden sich sogar verschiedene Teile,
die sonst häufig ausgewechselt werden müssen, unversehrt vor. Nur
das von den Muschiks zwischen Perm und Kasan angefertigte Rad wurde
ersetzt, weil es sich herausstellte, daß es schlecht zentriert war
und die Pneumatiks zu sehr anstrengte. Und doch schuldeten wir diesem
rohgearbeiteten Rade viel Dank.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Aus Rußland heraus.
Auf dem Wege nach Petersburg. -- Nowgorod. -- Petersburg. -- Der
Grenze zu. -- Unerwartete Gastfreundschaft. -- Die erste Begrüßung
auf deutschem Boden. -- Königsberg. -- Berlin nähert sich.
Am Morgen des 31. Juli punkt 4 Uhr verließ unser Automobil die
Garage des Hotels Metropole, wesentlich erleichtert durch eine
bedeutende Verminderung des Gepäcks. Es ließ in Moskau die
Entdeckungsreise-Ausrüstung zurück, die ihm ein so eigenartiges
Aussehen verliehen hatte. Die Stricke, Ketten, Flaschenzüge, Spaten und
Spitzhacken wurden abgelegt. Auf seiner Fahrt hatte das Automobil nach
und nach alle nutzlos und hinderlich werdenden Gegenstände abgeworfen,
in Kalgan zwei Schutzwände, zwei weitere in den mongolischen Steppen,
dann einen Teil der Cornedbeefvorräte und der Eisengeräte. Es hatte wie
ein Luftballon den Ballast ausgeworfen, um die Belastung der Federn
zu vermindern. In Moskau trug es außer unserem geringen persönlichen
Gepäck nur noch einige Ersatzpneumatiks. Wie ein Athlet hatte es sich
entkleidet, um besser laufen zu können.
Begleitet von den Automobilen, die uns das Ehrengeleit gaben,
durchquerten wir rasch die Stadt, die noch nicht schweigsam geworden
war. Die Morgendämmerung ist eine Stunde, in der in Moskau noch Leben
herrscht; die Leute kehren aus den Restaurants und den Konzerten
zurück. So erhielten wir jetzt die Abschiedsgrüße des sich vergnügenden
Volkes, während wir bei der Ankunft die Grüße des arbeitenden Volkes
entgegengenommen hatten. Zu unserer Rechten zog sich der Petrowskijpark
hin, in dessen riesigen Alleen noch Wagen rollten, die aus den
Kabaretten zurückkehrten. Wir sahen auffallende, ein wenig zerdrückte
Toiletten, quer auf schwankenden Köpfen sitzende Zylinderhüte; wir
vernahmen heisere, aber herzliche Grüße. An der eigenartigen Form
unserer Maschine und an der italienischen Flagge wurden wir sofort
erkannt.
Über dem schweigenden, rauhen Gefilde lag dichter Nebel. Bald sahen wir
nichts mehr als die Straßenränder; wir fuhren dahin, von dem grauen,
unermeßlichen Raume umgeben, und konnten nicht einmal die nächsten
Automobile erkennen, von denen wir nur die Signale hörten.
Um 6 Uhr durchdrang die Sonne hier und da die Nebelschleier.
Der Horizont erscheint flach und grenzenlos. Schimmernde Kirchtürme
ragen in noch unbestimmten Umrissen über dem Grün der Felder empor;
dann wird, fast mit einem Schlage, alles klar. Wir finden die
Landschaft, die uns seit Wochen begleitet hat, unverändert wieder.
Wir gelangen in das Städtchen Klin, wo wir eilige Abschiedsgrüße mit
den Automobilen, die uns nachgekommen sind, austauschen, und setzen
unsere Fahrt allein fort, in Gedanken versunken. Wir lauschen dem
gleichmäßigen leichten Gange des Motors und laben uns mit Wonne an der
Morgenfrische.
In Nowgorod, das 485 Kilometer von Moskau entfernt ist, wollen wir
übernachten.
Um 10 Uhr kommen wir nach Torschok, wo Benzin für uns lagert. Die
rechnerische Vorbereitung der Reise schloß mit Moskau, weil der
Fürst, damals über die einzuschlagende Route noch im ungewissen,
davon überzeugt war, auf dem Wege von Moskau nach Paris überall mit
Leichtigkeit Benzin zu erhalten. Die Firma Nobel hatte auf eine
telegraphische Anfrage hin die Verpflichtung übernommen, uns neue
Benzinvorräte von Moskau aus bis zur russischen Grenze zur Verfügung zu
stellen.
Am Eingange der Stadt stehen Männer, die uns erwarten. Sie haben Fässer
mit Benzin und Öl neben sich. In wenigen Minuten füllen wir unsere
Behälter, und weiter geht es!
So schnell haben wir noch nie eine so lange Strecke zurückgelegt; wir
fahren mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde. Wir
sind von immer stärkerem Verlangen beseelt, zu eilen. Die Werstzeichen
fliegen pfeilschnell an uns vorüber. Wir ziehen die Karte zu Rate,
stellen Berechnungen an und schenken der Landschaft nur geringe
Beachtung.
Aber ach! als wir die Grenze des Gouvernements Twer überschritten
haben, wird die Straße schlechter. Wir müssen langsamer fahren, bis wir
endlich infolge eines plötzlichen Gewitters bei einer Geschwindigkeit
von 25 Kilometern in der Stunde angelangt sind. Es ist das gewohnte
tägliche Gewitter! Und während unseres Aufenthalts in Moskau war kein
einziger Tropfen Regen gefallen!
Lebt wohl, ihr Straßen und Landschaften, ihr mittelalterlichen Häuser!
Alles ist Wasser um uns herum, wie am Morgen alles Nebel war, Wasser,
das uns nicht verläßt, bis wir nach Nowgorod am Ufer des Wolchow
kommen, in der Nähe des stillen weiten Ilmensees. Keine Stadt hat
auf uns einen so düsteren Eindruck gemacht als Nowgorod. Man könnte
meinen, es trauere um verlorene Macht und Ruhm. Es lebt noch jetzt ein
Sprichwort in Rußland, das da lautet: „Wer kann mit Gott streiten und
wer mit Nowgorod?“
Es regnet noch, als wir Nowgorod am nächsten Morgen verlassen und
den Kreml durchqueren, um den sich das entvölkerte, stille Städtchen
drängt, als suche es noch jetzt den Schutz der starken zinnenbewehrten
Mauern.
Unter der Geißel des Regens verbringen wir viele Stunden in
verdrießlichem Schweigen, nur getröstet durch den Gedanken an die
Nähe von Petersburg. Bald stoßen wir auf Villen, Gärten, Parke. Dann
dichter, niedrigschwebender, schwarzer Rauch am Horizonte. In vier
Stunden haben wir 128 Kilometer zurückgelegt.
Unvermutet stoßen wir auf ein Automobil. Es erwartet uns und hat die
Aufgabe übernommen, uns den Weg zu zeigen. In großen Buchstaben steht
auf ihm geschrieben: „Paris-Petersburg.“ Es ist ein kleines Automobil
von 12 Pferdekräften, mit einer Rennkarosserie und genügend schnell.
Es wird von seinem Besitzer gelenkt, Herrn Efron, einem der tätigsten
Mitglieder des Petersburger Automobilklubs, der aus Paris gekommen ist.
Ein rascher Austausch von Grüßen, Händedrücke, und hinter dem Lotsen
geht es weiter durch die breiten Alleen, die zu der berühmten
kaiserlichen Residenz führen. Der Regen hat aufgehört.
Der Sand macht unsere Fahrt geräuschlos; die Automobile gleiten,
fliegen hintereinander dahin. Nachdem wir aus den Parkanlagen heraus
sind, wollen wir auf Petersburg zu. Mit einem Male ertönt an einer
Straßenbiegung ein begeistertes Hurra, das uns zum Halten veranlaßt;
eine lange Reihe von Automobilen erwartet uns! Wir steigen ab und
sind von einer freudig erregten Menge umdrängt. Wir begrüßen den
italienischen Militärattaché, der dem Fürsten die Glückwünsche des
Botschafters überbringt, den italienischen Konsul, eine große Anzahl
Mitglieder des russischen Automobilklubs, den Sekretär, der uns
im Namen sämtlicher Automobilfahrer begrüßt, den Präsidenten des
Petersburger Komitees für die Fahrt Peking-Paris und viele Damen, die
unseren Wagen mit Blumen überschütten.
Automobile langen fortwährend an und bringen uns neue freudige
Begrüßungen: wir sind eine Stunde zu früh gekommen. Man hatte
vereinbart, sich an diesem Punkte zu treffen und uns dann
entgegenzufahren, und wir waren schon zu der Versammlung erschienen.
Wie in Moskau hatte der Fürst auf eine telegraphische Anfrage die
Berechnung allzu sibirisch aufgestellt. So früh waren wir gekommen,
daß man, um das Programm wieder in Ordnung zu bringen, uns bat, etwas
zurückzufahren.
So kehren wir, anstatt nach Petersburg weiterzueilen, in die dunkeln
Alleen des kaiserlichen Parkes zurück; alle Automobile folgen uns.
Die Aufgabe, uns zu führen, fällt nunmehr dem mit einer Signalflagge
versehenen Wagen des Präsidenten des Automobilklubs zu. Seltsam, die
Flagge ist weiß mit einer roten Scheibe in der Mitte: die japanische
Nationalflagge! Der geräuschvolle Zug fährt bis zum Bahnhofe von
Zarskoje Selo, wo der Beschluß gefaßt wird, die Zeit auf bestmögliche
Art, mit Essen und Trinken, totzuschlagen.
Das Restaurant wird gestürmt; es fließt Champagner, es wird angestoßen.
Der Sekretär des Automobilklubs überreicht dem Fürsten im Namen des
Klubs eine wertvolle Erinnerungsmedaille, die die Klubinsignien und das
Petersburger Wappen in Gold, Silber und Emaille trägt. Inzwischen wird
unserer Maschine ein anderes wertvolles Geschenk verehrt in Gestalt
einer eleganten silbernen Platte mit den Chiffren des Klubs in Gold und
mit der gravierten Inschrift: „~Pechino-Parigi. Pietroburgo, 19 luglio
1907~.“
2 Uhr ist die richtige Stunde, die Fahrt nach Petersburg wieder
aufzunehmen, und wir brechen auf.
Wir betreten die Hauptstadt durch das Narwator, das der Schauplatz der
bekannten Metzeleien gewesen ist, und gelangen ins Innere, auf die
Große Morskaja, die Straße der feinen Welt, und auf den Marienplatz,
wo sich das Denkmal Nikolaus’ I. erhebt, bewacht von weißbärtigen
Invaliden in der alten Uniform der Gardegrenadiere.
Auf dem Petersplatze umringt uns die Menge und nötigt unsere Maschine
für einige Augenblicke zum Halten. Wir befinden uns im Herzen
Petersburgs und des Reiches, zwischen den Palästen des Heiligen Synod,
des Senats, des Kriegsministeriums und der Admiralität, den Sitzen
der russischen Macht. Es ist einer der großartigsten Plätze der Welt;
noch nie hatte ich seine strenge Majestät so gefühlt wie jetzt, da ich
plötzlich aus endlosen, menschenleeren, grauen Ebenen hierherkam.
Kaum setzt der Fürst in der Garage des Automobilklubs den Fuß zur
Erde, so überreicht ihm ein Klubmitglied der alten russischen Sitte
gemäß Brot und Salz als Zeichen der Gastfreundschaft. Damit ist die
Feierlichkeit beendet, und wir können uns als einfache Privatleute im
Hotel d’Europe der Volksbegeisterung entziehen. --
* * * * *
Am 20. Juli früh 4½ Uhr verließen wir die russische Hauptstadt, etwas
müde von dem frühen Aufstehen nach nur drei Stunden Schlafs.
Das russische Komitee für die Fahrt, der Automobilklub und die
italienische Kolonie hatten uns bei einem Bankett festgehalten, bei dem
wir in unseren schmutzigen Reisekostümen erschienen waren. Das Ende
des glänzenden Festes vermischte sich in unserer Erinnerung mit der
Abfahrt. Als wir das Automobil wieder bestiegen, umdrängten uns viele
der Gäste und wiederholten dieselben herzlichen Abschiedsworte und
Wünsche, die sie uns wenige Stunden zuvor im Lichte der Kronleuchter
bei erhobenem Glase ausgesprochen hatten.
Wir fuhren wieder durch die Straßen, die wir gekommen waren. Sie waren
menschenleer und erschienen uns um so breiter und länger.
Als wir uns eine halbe Stunde später umwandten, sahen wir nur noch die
in den Strahlen der aufgehenden Sonne glühenden Kirchturmspitzen über
dem rosenfarbigen Nebel schweben.
Dank dem heiteren Wetter und der guten Straße kamen wir anfänglich
rasch vorwärts. Dann aber strömte der Regen wolkenbruchartig nieder und
begleitete uns mit größerer oder geringerer Ausdauer den ganzen Tag
über.
Plötzlich wurden wir durch einen Unfall zum Halten genötigt: die
rechte Hinterfeder war gebrochen. Die Schuld lag zum Teil an dem
Kasaner Stahle, zum Teil an uns, weil wir alle Ersatzpneumatiks hinten
auf das Automobil gelegt und so die Belastung der Feder gesteigert
haben. In Moskau hatten wir uns mit einer Ersatzfeder versehen. In
dem Augenblick, als wir sie an die Stelle der zerbrochenen bringen
wollten, bemerkten wir leider, daß sie um einige Zentimeter zu kurz
war! Ich weiß nicht, wie Ettore das Wunder vollbracht hat, Tatsache
ist, daß es ihm gelang, die neue Feder einzusetzen. Sie war etwas zu
sehr gespannt, funktionierte nicht in der richtigen Stellung und senkte
sich tiefer herab als die andere, aber sie gestattete uns schließlich
doch, die Fahrt fortzusetzen. Um ihre Belastung zu vermindern, wiesen
wir den Ersatzpneumatiks und dem Gepäck eine andere Stelle an, auf dem
Hintersitz, meinem Platze. So fuhren wir alle drei wie einst in der
Mongolei und Transbaikalien im vorderen Teile des Wagens vereint; der
Platz auf dem Trittbrett kam wieder zu Ehren.
Wir kommen durch Luga, am Nachmittag durch Pskow.
Wenn es, was selten eintrat, nicht regnete, steigerten wir die
Schnelligkeit, da wir beabsichtigten, die Nacht in Dwinsk, 530
Kilometer von Petersburg, zuzubringen.
Während eines kurzen Aufenthalts, den wir machen müssen, um eine
Pneumatik auszuwechseln, bieten wir den um uns versammelten Bauern
Zigaretten an. Es ist das größte Geschenk, das man dem Muschik,
einem eingefleischten Raucher, machen kann. Er kann sich nicht
immer den Luxus leisten, Zigaretten zu kaufen, und raucht daher den
schlechtesten Tabak, den er in Papierfetzen einwickelt, von denen er
immer die Taschen voll hat; eine alte Zeitung wird zu diesem Zweck
sehr geschätzt. Aber zu unserer Überraschung weisen die Bauern das
Geschenk zurück. Sie gehören zu der früher hart verfolgten Sekte der
„Altgläubigen“, einer Art von bilderstürmenden Puritanern, die sich in
Masse in diese Gegend geflüchtet haben. Mitbrüder von ihnen haben wir
als Verbannte in Sibirien angetroffen. Wir befinden uns also außerhalb
des orthodoxen Gebietes, unter Leuten, die man sozusagen vor die Tür
des Kaiserreiches gejagt hat. Dicht an der Grenze wohnen die verfemten
Teile der Bevölkerung, als wollten sie jeden Augenblick zur Flucht
bereit sein.
Der Abend naht; wir sind noch 75 Kilometer von Dwinsk entfernt. Die
Müdigkeit übermannt uns, wir würden gern haltmachen, aber das Gefilde
ist öde. Da stoßen wir vor einem einsamen Walde auf ein stillstehendes
herrschaftliches Automobil. Ein Bedienter in Livree steigt, als er uns
kommen sieht, vom Wagen, macht ein Zeichen, daß wir halten möchten,
und überreicht dem Fürsten die Einladung eines reichen Herrn, der uns
Gastfreundschaft in seinem Hause anbietet. Das wartende Automobil soll
uns den Weg zeigen. Nichts konnte uns willkommener sein, und fort geht
es durch die Alleen eines großartigen Parkes.
Unser Gastfreund ist der Ingenieur Kerbedy, ein Pole, der
Erbauer der transmandschurischen Eisenbahn und Direktor großer
Eisenbahngesellschaften. Wie im Traume sehen wir uns aus dem Regen
und dem Schmutze der Landstraße in warme Zimmer versetzt, von Lakaien
bedient, aufgeheitert durch die überaus liebenswürdige Herzlichkeit der
gastlichen Familie, die sich zu unserer freudigen Überraschung mit uns
in fließendem Italienisch unterhält.
Bei einem Wetter, das eines scheußlichen Dezembertages würdig gewesen
wäre, nahmen wir am 3. August früh 4 Uhr, vor Kälte zitternd, unsere
Fahrt wieder auf.
Dwinsk schlief noch, als wir es durchfuhren. Welche Traurigkeit lag
über jenen stillen Städten, die wir während ihres Schlummers besuchten!
Sie erschienen wie tot.
Die breite Düna überschreiten wir auf der Eisenbahnbrücke, die für
Eisenbahnzüge, Fußgänger und Wagen bestimmt ist, und kommen auf die
prächtige Militärstraße des Grenzgebietes. Hier zeigt sich wenigstens
ein praktischer Nutzen des Krieges! Um zum Kampfe gerüstet zu sein,
legen die Nationen an ihren Grenzen herrliche Straßen an. Wir finden
den Weg so gut, daß wir trotz des Regens 40 Kilometer in der Stunde
fahren.
Die Eindrücke dieses Tages lassen sich in zwei Worte zusammenfassen:
Gewitter und Kruzifixe. Alle halben Stunden ein heftiges, betäubendes
Unwetter und überall nichts als riesige Kruzifixe, am Ufer der Teiche,
auf den Feldern, am Saume der Wälder, am Eingange der Ortschaften.
Zuweilen sind es figurenreiche Gruppen, mit Schnitzereien und naiven
vielfarbigen Bildwerken verziert; durch sie bekundet die polnische und
lettische Bevölkerung, die früher religiösen Verfolgungen ausgesetzt
war, feierlich ihren katholischen Glauben. Der Kampf stärkt den
Glauben. Dieses Volk pflanzte seine Kruzifixe auf, wie man in der
Schlacht das Banner entfaltet.
Kowno wird mit seinen roten Dächern ganz unvermutet vom Gipfel eines
Hügels aus an den grünen Ufern des windungsreichen Riemen sichtbar.
Die Stadt ist voller Gasthöfe mit italienischen Namen: Hotel Venezia,
Napoli, Italia. Woher die seltsame Vorliebe der Gasthofsbesitzer von
Kowno für unser Vaterland stammt, weiß ich nicht. Auf der Straße
begegnen wir einem Automobil, von dem eine große weiße Fahne mit
einer polnischen Inschrift weht. Es sind polnische Journalisten, die
aus Warschau gekommen sind, um uns an die Grenze zu geleiten. Sie
brechen in Hochrufe auf Italien aus, veranlaßt durch den angenehmen
revolutionären Beigeschmack, den dieser Ruf ihrer Auffassung nach hat.
Italien wird in Polen verehrt als die Sklavin, die sich erhob, kämpfte
und frei wurde.
Die Kollegen erzählen uns dann ihr Abenteuer mit der Fahne. Das Tragen
von Fahnen ohne Erlaubnis der Polizei ist verboten. Die Gendarmen
hatten daher das Automobil angehalten und die behördliche Ermächtigung
zum Führen der Fahne zu sehen verlangt.
„Aber das ist ja gar keine Fahne!“ hatten die polnischen Journalisten
erwidert.
„Ja, es ist das denn sonst?“
„Es ist ein Firmenschild. Sind die Firmenschilder verboten?“
„Es scheint aber eine Fahne zu sein.“
„Scheint; es ist aber ein Firmenschild aus Stoff anstatt aus Holz oder
Blech.“
„Was bedeuten jene Worte?“
„Lesen Sie sie doch!“
„Es ist Polnisch, das verstehen wir nicht.“
„Tut uns leid. In Polen spricht man polnisch. Das mußten Sie wissen,
als Sie hierherkamen.“
„Schön! Ihre Namen! Sie werden der Polizei für Ihre Beleidigungen
Rechenschaft geben.“