Und er wies auf den Eisenstab hinter seinem Sitze. --

Das Automobil bedurfte keiner Arbeit, abgesehen von der Beschädigung

der Bremse, die sofort behoben wurde. Im übrigen wären bedeutendere

Reparaturen auch unmöglich gewesen. Als der Fürst die Vorbereitungen

zu der Fahrt traf, hatte er nach Omsk einige Ersatzstücke

befördern lassen; aber die russische Zollbehörde -- oder war es

die österreichische? man weiß es nicht genau -- hatte sie irgendwo

zurückgehalten. Die Pneumatiks der Vorderräder, die die ganze Fahrt

von Peking aus mitgemacht hatten, wurden ausgewechselt, die Maschine

von oben bis unten geputzt und in ihren empfindlichsten Teilen auf das

sorgfältigste nachgesehen. Ettore war von diesem Automobil begeistert,

das sich trotz aller Anstrengungen und so vieler Katastrophen so wacker

hielt. Hätte aber das Automobil denken und empfinden können, so wäre es

gewiß in Ettore verliebt gewesen, der ihm alle seine Zuneigung weihte.

Er trieb die Geduld und die Gewissenhaftigkeit so weit, daß er an jedem

Haltepunkt eingehende und schwierige Untersuchungen anstellte, wie

die Chauffeure sie sonst nur von Zeit zu Zeit vornehmen. Alle Abende

schraubte er die Deckel los, die die Kugelgelenke der Gangwechsel und

des Differenzialwerks hermetisch verschließen, um sich zu vergewissern,

ob sie regelmäßig funktionierten, und um das Öl und Fett zu erneuern,

in denen jene laufen. Die Karosserie, die der Weg von Tomsk aus den

Fugen gebracht hatte, wurde mit Stahlblechen und Stahlschrauben

ausgebessert.

[Illustration: Zuschauer beim Pneumatikwechsel.]

In Omsk stellten wir die Reiseroute nach Kasan fest. Es führen zwei

Wege dorthin: ein kurzer und ein langer. Natürlich war der kurze

vom Pariser Komitee gewählt worden. Er führt von Omsk über Kurgan,

Tscheljabinsk und Ufa und hält sich dicht an der Eisenbahn. Aber

das russische Komitee in Petersburg hatte geraten, den längeren Weg

einzuschlagen, weil er der bessere sei; es war der über Tjumen,

Jekaterinburg und Perm nach Kasan; er biegt nach Norden um und steigt

bis zum 58. Breitengrade empor. Dieser große Bogen von drei Grad lockte

uns allerdings weniger als der gerade Weg, der bekanntlich der beste

sein soll. Aber wir verließen uns auf die Weisheit des Petersburger

Komitees, das uns prächtige, eigens für uns gezeichnete Straßenkarten

hatte zukommen lassen. Auf ihnen war die Route mit allen Höhenprofilen

und den in Werst angegebenen Entfernungen zwischen den einzelnen

Dörfern dargestellt. Die Arbeit hatte ungeheuere Geduld erfordert und

war uns von außerordentlichem Nutzen. Wir fühlten uns dem Komitee zu

Petersburg, ebenso aber auch den kleineren Komitees in den andern

Städten für ihre unendliche Liebenswürdigkeit zu herzlichem Dank

verpflichtet.

Am 16. Juli waren die beiden „de Dion-Bouton“ in Mariinsk eingetroffen.

* * * * *

Am 17. früh 3 Uhr wurden wir von einem altmodischen winzigen Automobil,

das einem Kinderwagen glich, einem seltenen Prachtstück des sibirischen

Automobilsports, aus den Toren von Omsk geleitet. Es wurde von drei

unserer neuesten Freunde, Mitgliedern des Omsker Komitees, bestiegen.

Die Stadt schlief noch. Der Om lag im blassen Schimmer der Morgenröte

unbeweglich da; die dunkeln Schatten der Schiffe mit den hohen

Schornsteinen drängten sich an den tagsüber so geschäftigen Ufern. Als

wir auf die Straße nach Tjumen gekommen waren, wo keinerlei Irrtum mehr

möglich war, bog das kleine Automobil zur Seite, und wir wechselten

Abschiedsgrüße mit unseren Führern.

Der Himmel war heiter, man konnte von einem italienischen Himmel

sprechen. Die Sonne erhob sich über dem flachen Horizont, und wir

trieben die Maschine zur dritten und vierten Geschwindigkeit an.

Vornübergebeugt durchschnitten wir die Luft, die die Kleider blähte und

die Flagge am hinteren Teile des Automobils flattern ließ. Wir fühlten

uns berauscht von der wiedergewonnenen Freiheit, und schließlich

schlugen wir das rasende Tempo ein, das wir in den mongolischen Ebenen

angenommen hatten.

[Illustration: Abfahrt von Omsk.]

Fortwährend begegneten wir Karawanen von Telegas, deren Kutscher

noch schliefen. Taub gegen unsere Signale, erwachten sie erst, wenn

wir ihnen ganz nahegekommen waren; sie rieben sich die Augen, in der

Meinung zu träumen, und waren wie alle sibirischen Kutscher so betäubt,

daß sie nicht einmal daran dachten, ihre in wilder Flucht durchgehenden

Pferde zu beruhigen.

Dörfer trafen wir nur vereinzelt an; es fehlt an Bauholz dazu.

Nach drei Stunden gelangten wir an das Ufer des Irtysch, auf dem

rote Bojen schaukelten. Die Dampfer gehen bis nach Tobolsk. Am Ufer

des Flusses begegneten wir einer Karawane von Bauern, die von Omsk

zurückkehrten, wo sie amerikanische Mähmaschinen und Eggen gekauft

hatten und nun warteten, um auf das andere Ufer übergesetzt zu werden.

Es waren deutsche Einwanderer. Sie sollen mit ihrem neuen Vaterlande

zufrieden sein. Ein großer Anteil an der Umwandlung Sibiriens entfällt

auf Angehörige der deutschen Rasse.

Über den Irtysch setzten wir auf einer Fähre, die wieder von vier

Pferden getrieben wurde. Die Werstpfähle glitten nur so an uns vorüber.

Um 10 Uhr bemerkten wir am Horizont eine große Rauchsäule. Es war eine

ungeheuere Wolke, an den Säumen, wo die Sonne sie beschien, weiß und

im Innern schwarz wie eine Gewitterwolke. Sie wälzte sich dampfend

nach Westen. Als wir näherkamen, sahen wir sie immer höher, dichter,

ausgedehnter werden. Wir dachten, daß eine ungeheuere Feuersbrunst ein

Dorf verheere, beobachteten die Richtung der Wolke und zogen die Karte

zu Rate. Die Feuersbrunst befand sich auf unserem Wege. Vielleicht

brannte Abatsk. Es lag gerade dort.

Mit ängstlicher Spannung beobachteten wir, ohne ein Wort zu sprechen,

diese Wolke, die ins Riesenhafte wuchs, nach und nach den halben Himmel

einnahm und von Zeit zu Zeit langsame Veränderungen zeigte, indem sie

sich auf der einen Seite auflöste und auf der andern verdichtete. Dann

gewahrten wir, daß es ein Steppenbrand war. Das ausgedörrte Gras und

die Gebüsche lieferten dem Feuer unerschöpfliche Nahrung.

Abatsk fanden wir unversehrt. Vor jedem Hause standen aber mit Wasser

gefüllte Gefäße und Gruppen von Menschen an den Brunnen. Das Dorf

setzte sich in Verteidigungszustand. In geringer Entfernung waren

Männer mit dem Auswerfen eines Grabens beschäftigt. Zahlreiche Telegas

aus den benachbarten Ortschaften brachten Bauern, die mit Spaten,

Hacken und andern Geräten bewaffnet waren.

Der Weg wurde wieder eintönig. Wir stießen auf Sandhügel, die

uns an unsere Ankunft in Kiachta erinnerten, und nachmittags auf

Birkengehölze. In der Nähe jener Gehölze lag Ischim, unser Haltepunkt,

ein weißes, stilles Städtchen. Um 3 Uhr kamen wir an. Wir hatten 355

Kilometer zurückgelegt.

Ischim ist klein und liegt einsam in der Ebene, dem Anschein nach

unbewohnt. Einmal im Jahre wird es zu einer großen Stadt. Viele seiner

Häuser öffnen sich nur zu dieser Zeit. Es ist berühmt als Mittelpunkt

einer großen, jährlich stattfindenden Messe, die, wie die Bewohner von

Ischim behaupten, der von Nischnij-Nowgorod gleichkommt. Wir sahen die

Stadt jedoch während ihrer langen Ruheperiode.

Ein reicher Kaufmann beherbergte uns in seinem Hause. Wir fanden die

patriarchalische Gastlichkeit von Kiachta und Irkutsk wieder, eine

gedeckte Tafel und ein offenes Haus für Freunde und die Behörden.

Während wir den Speisen und Getränken alle Ehre widerfahren ließen,

wurde uns mitgeteilt, daß die Bewohner von Ischim uns zu sehen

wünschten. Das Volk hat es nicht gern, wenn man es warten läßt, nicht

einmal das von Ischim. Wir gingen also hinaus.

Eine große Menge war in den Hof gedrungen und umlagerte das Automobil.

Bei unserem Erscheinen brach ein Beifallssturm los. Als wir diesen mit

der Würde, die die Gelegenheit erforderte, über uns hatten ergehen

lassen, kehrten wir in das Haus zurück. Aber nein, das Volk war noch

nicht zufriedengestellt, zum Donnerwetter nein! Es wollte uns im

Automobil fahren sehen. Wir waren so unvermutet in die Stadt gelangt,

daß uns niemand gesehen hatte. Es war also unsere Pflicht, diese

unverzeihliche Vernachlässigung wieder gutzumachen. Wir bestiegen

das Automobil, und in fünf Minuten waren wir durch sämtliche Straßen

gefahren. Die Rückkehr in den Hof war großartig. Die Volksbegeisterung

kannte keine Grenzen. Ich wurde von meinem Sitze gezogen, auf die

Schultern der Menge gehoben und im Triumph umhergetragen. Das Volk von

Ischim hatte mich für den Fürsten gehalten!

Ich rief, ich sei nicht der Fürst, und wurde endlich freigegeben. Der

Fürst aber hatte sich schon in Sicherheit gebracht.

Achtzehntes Kapitel.

Der Ural.

Vom Automobil auf die Troika. -- Tjumen. -- Lebe wohl, Sibirien!

-- Die Begrüßung in Kamylschow. -- Jekaterinburg. -- Von Asien

nach Europa. -- Die Wälder des Ural. -- Das erste Minarett. --

Perm. -- Ein krankes Rad und seine Heilung.

Die Steppe, immer wieder die Steppe!

Am 18. Juli früh 5 Uhr entschwanden die Türme von Ischim unseren

Blicken; wir ließen die Birkengehölze hinter uns und kehrten in die

grüne, gleichförmige Ebene zurück.

Allmählich kamen wir aus der vollkommenen Ebene heraus, aus diesem

Landozean, in welchem wir fast 1000 Kilometer zurückgelegt hatten.

Gegen Mittag gelangten wir nach Überwindung von Dünen, die für den

Motor ziemlich anstrengend waren, in ein großes Dorf: Zowodonowskaja.

Am Eingange standen prächtige Troikas, deren herrliche Rappen

ungeduldig die feingezeichneten Köpfe schüttelten und die silbernen

Schellen erklingen ließen; über den Dugas schwankten Glocken hin und

her; die Kutscher, mit großen Hüten und wallenden Bärten, trugen

Armiaks nach zirkassischem Schnitt mit prächtigen Gürteln; ihre

Kleidung war nach altrussischer Mode wattiert, so daß der Kutscher

alten Stils außergewöhnlich stark, breiter als hoch erscheint. Der

Diener einer vornehmen Familie muß wohlbeleibt sein, um den Reichtum

der Herrschaft zu veranschaulichen. Diese Troikas warteten auf uns. Ein

reicher sibirischer Minenbesitzer aus der Umgegend bot uns auf einem

seiner in der Nähe liegenden Güter ein Frühstück an. Wir akzeptierten.

Das Automobil wurde im Dorfe zurückgelassen, und wir nahmen nebst

unserem Wirte und einigen seiner Freunde in den Troikas Platz. In

Staubwolken gehüllt ging es in sausendem Galopp; wir hielten uns

gegenseitig mit den Armen fest, um nicht von den schmalen Sitzen ohne

Lehne herabgeschleudert zu werden.

[Illustration: Fürst Borghese in einer Troika.]

Die echt russischen Wagen sind nicht übermäßig bequem; es gehört eine

gewisse Geschicklichkeit dazu, sich auf ihnen zu halten; man meint,

die Russen liebten es, den Sitzen die Reize des Sattels zu verleihen;

wenigstens muß man mit den Kunstgriffen des Reitens vertraut sein, um

sich ungestraft dieser Wagen bedienen zu können. Aber sie sind zum

schnellen Fahren eingerichtet und machen infolge ihrer Einfachheit

und Leichtigkeit das Fahren zu einem Genuß. Die Troika hat etwas

Klassisches. So könnte die Bespannung eines römischen Triumphwagens

gewesen sein! Die Pferde sind mit skulpturmäßiger Symmetrie verteilt:

in der Mitte der große Traber, zu den Seiten die beiden galoppierenden

Pferde. Und sie galoppieren mit vorgestreckten Köpfen, mit nach

auswärts gerichteten und in dieser Stellung durch starke Zugleinen

festgehaltenen Nüstern.

Wir fuhren in rasender Eile über Sandwege dahin, gelangten dann

zwischen Gebüsche, und eine halbe Stunde später war die Steppe

wunderbar verwandelt. Es erhoben sich dichte Kiefernwälder, auf

die Obstgärten und dann ein schattiger Park an den Ufern eines

stillen, klaren Baches folgten; zwischen den Bäumen sah man Schuppen,

Lusthäuser, Marställe und eine Fabrikanlage, die ihre Kraft aus dem

Flusse bezog.

Das Frühstück wurde im Freien serviert in der Kühle des Gartens mit

der freigebigen und schlichten Gastlichkeit vergangener Zeiten. Wir

glaubten uns in eine andere Zeit versetzt, in eine Ansiedlung, die

von der Welt vergessen worden ist oder die diese vergessen hat. Die

Toiletten der Damen waren vierzig Jahre alt; meine Nachbarin, eine

ehrwürdige Dame mit grauen Locken, unterhielt sich fließend mit mir

in einem Französisch, wie man es heute nicht mehr spricht; der Bruder

unseres Wirtes, ein Hüne, trug das altsibirische Kostüm mit der

gestickten Seidenbluse und dem silberbeschlagenen Gürtel. Die Dame

des Hauses war der Typus einer Romanheldin, die es liebt, sich auf

Kosakenart zu kleiden, sich mit Flinte und Jatagan zu waffnen, wie ein

Mann zu Pferde zu sitzen und auf der Jagd durch den Wald zu sprengen.

Ihre Söhne trugen sämtlich die Nationaltracht. Die Dienerschaft

war äußerst zahlreich, Männer und Frauen, die uns neugierig mit

respektvoller Vertraulichkeit betrachteten. Eine alte Frau begrüßte

den Hausherrn, indem sie das Knie beugte und mit der Stirn die Erde

berührte. Junge Mädchen trugen ohne Unterlaß Speisen und Getränke auf.

Das Gastmahl würde wohl lange ausgedehnt worden sein, wenn wir uns

nicht nach drei Stunden daran erinnert hätten, daß wir noch am

selben Abend in Tjumen, 340 Kilometer von Ischim, sein müßten, um

zu übernachten. So mußten wir allen Bitten widerstehen. Mit der

Annäherung an Europa gelangten wir in Gegenden, wo uns jene angenehmen

Hindernisse winkten, die man Einladungen nennt. Der Fürst mußte mehr

Willenskraft aufbieten, um inmitten all dieser Gastlichkeit vorwärts zu

kommen, als er zwischen den Sümpfen und Felsen nötig gehabt hatte.

Bei Jalutorowsk setzten wir über den Tobol und einige Stunden später

bei Bogandinsk über den Pyschma. Nicht nur in den Städten kannte man

uns, auch im freien Felde wurden wir bisweilen erkannt. An einer

Kreuzung fragten wir einen jungen Mann nach dem Wege. Als er ihn

gezeigt hatte, rief er uns nach:

„Von Peking?“

„Jawohl!“

„Fürst Borghese?“

„Jawohl!“

„Hurra!“ Und dabei schwenkte er seine Mütze.

Um 8 Uhr trafen wir in Tjumen ein. Wir wurden empfangen,

photographiert, interviewt. Einer meiner dortigen Kollegen nahm

mich ganz besonders aufs Korn. Mit einem großen Notizbuch und mit

einem Bleistift bewaffnet folgte er mir wie ein Schatten. Er war bei

mir, während ich meine Depeschen schrieb, er war bei mir auf dem

Telegraphenamte, während des Essens und als ich mich zu Bett legte.

Während ich noch schlief, kam er wieder und klopfte an mein Fenster,

das sich in geringer Höhe über der Erde befand. Er war ein kleiner,

magerer, hartnäckiger und dickfelliger Mensch.

„Sagen Sie mir etwas!“ rief er.

„Ich habe nichts zu sagen; ich habe keine Lust dazu. Die Reise ist

bisher gut verlaufen. Das ist alles!“

„Noch etwas!“

„Ich weiß nichts mehr.“

„Denken Sie doch nach!“

Ich schwieg, arbeitete, beschäftigte mich sonstwie und vergaß darüber

seine Gegenwart. Plötzlich hörte ich ihn fragen:

„Haben Sie nachgedacht?“

Er war unerbittlich. Ich schickte ihn zu Ettore, aber vergebens. Er war

fest überzeugt, daß ich die außerordentlichsten Dinge über die Fahrt

Peking-Paris zu sagen wüßte.

Tjumen mit seinen breiten, gepflasterten Straßen, den Palästen, die

nicht mehr aus Holz, sondern aus Mauerwerk bestehen, den erhöhten

Trottoirs, den zahlreichen Firmenschildern, die auf einen gewissen

Prozentsatz von Leuten, die lesen können, schließen lassen, sieht aus

wie eine Stadt des europäischen Rußlands. In Sibirien gibt es über den

Läden mehr bildliche Darstellungen als Inschriften, auch in den großen

Städten; man sieht Hüte, Schuhe, Samowars, Kleidungsstücke, Wagenräder

abgebildet; man ist noch mitten in der Zeit der Bilderschrift. Mit

Tjumen beginnt augenscheinlich ein Landstrich, der mit dem Alphabet

vertrauter ist.

In der Tat, wir befanden uns beinahe an der politischen Grenze Europas.

* * * * *

Am 19. Juli früh 4 Uhr brachen wir wieder auf. Unser Ziel war das 328

Kilometer entfernte Jekaterinburg.

In Tjumen endete die Steppe. Der Wald kehrte zurück und nahm langsam

Besitz vom Gelände.

[Illustration: Auf der mit Gras bewachsenen sibirischen Chaussee.]

Wir befanden uns, beinahe ohne es zu bemerken, im Schatten

riesenhafter Birken, die zu beiden Seiten der Straße standen. Zuerst

bildeten sie zwei lange, prächtige Reihen; dann standen sie dichter

und wurden zu einem herrlichen Walde, durch den die Straße einen

Durchgang geöffnet hatte. Unter die Birken mischten sich Tannen; dann

kam das zahllose Heer der Kiefern mit ihren schlanken, rötlichen Säulen

ähnlichen Stämmen. Die Spuren des Verkehrs waren auf dem mit Gras

bedeckten Wege verlöscht. Wir glaubten in die Taiga zurückzukehren.

Auch hier hatte die Eisenbahn die alte Heerstraße zur Verödung

verurteilt. Der grüne, frische Schatten duftete nach Harz, nach

Thymian, nach Minze, nach Blumen. Der Rasen war mit roten, köstlichen

Erdbeeren übersät.

50 Kilometer von Tjumen entfernt erblickten wir in der Tiefe des Waldes

zwei hohe nebeneinanderstehende Pfähle, die zwei Tafeln trugen. Auf

der einen stand: „Gouvernement Tobolsk“, auf der andern: „Gouvernement

Perm“. Wir stießen einen lauten Ruf aus, der in der Stille des Waldes

widerhallte:

„Adieu, Sibirien!“

Hier betraten wir das europäische Rußland.

Noch nicht Europa. Europa beginnt erst am Ural. Wir überschritten nur

eine verwaltungsrechtliche Grenze; aber Sibirien, das eigentliche

Sibirien, lag schon weit zurück; es hatte mit der Steppe geendet.

Eine Zeitlang kehrte die Erinnerung auf die zurückgelegte Wegstrecke

zurück. Wir schwiegen und blickten zerstreut vor uns hin. Wir sahen

im Geiste Transbaikalien wieder, wir sahen die grünen Steppen mit

ihren Rinderherden und Burjaten wieder, die düstere Taiga, die breiten

sibirischen Ströme, die in ihrem Schlamm den Goldstaub mit sich

führen, die unendliche Reihe aus rohen Stämmen gezimmerter Dörfer,

die malerischen Städte, die zahllosen weißen Kirchen mit den blauen

und grünen Kuppeln und die Steppe, die ohne Ende schien! Wir liebten

Sibirien seiner einstürzenden Brücken, seines klebrigen Morastes,

seiner Sümpfe, seiner Sandflächen wegen. Und wir erinnerten uns freudig

aller derer, denen wir da draußen begegnet waren, und fühlten, daß

Sibirien uns mit Tausenden von Herzen auf unserer Fahrt begleitete.

Lebe wohl, Sibirien!

Noch 30 Kilometer rollten wir im Walde dahin. Dann wurde das Dickicht

lichter, es begannen Waldblößen, dann folgten Wiesen und Felder.

Die Dörfer wurden häufiger; sie waren groß, bevölkert und hatten

schmuckere Häuser; die Muschiks trugen fast alle die rote Bluse,

die Tolstoi so liebt. Aber wir fanden an den Muschiks nicht mehr

die sibirische Gutherzigkeit. Man empfing uns mit feindseliger

Verwunderung, als ob wir irgendein unbekannter Feind seien. Etliche

Männer ergriffen die Flucht, andere beobachteten uns von der Seite,

bereit zur Abwehr. Frauen gebrauchten ein seltsames Zeichen der

Beschwörung, indem sie vor uns ausspuckten! Dies allein würde genügt

haben, uns zu zeigen, daß wir zu Menschen anderer Rasse, mindestens

anderer Gesinnung gekommen waren.

Das Gelände wurde immer mannigfaltiger. Wir konnten die rasche

Fahrt nicht fortsetzen; die Straße war außerhalb des Waldes nach

wie vor schlecht, von kleinen Gräben durchschnitten, voller Löcher,

überbrückt von unsicheren Holzstegen. Als wir uns einer Stadt näherten,

gewahrten wir im Schatten eines Kiefernwaldes Leute, die uns grüßten

und uns, während wir vorbeifuhren, Glückwünsche zuriefen. Ein junger

Mann auf einem Zweirad fuhr vor uns her und machte uns ein Zeichen,

ihm zu folgen. Wir erreichten und durchfuhren Kamyschlow; jenseits

verabschiedete er sich von uns, nachdem er uns den richtigen Weg nach

Jekaterinburg gezeigt hatte. Ohne ihn hätten wir vermutlich die Straße

nach Irbit eingeschlagen.

Das Wetter war schlecht geworden. Fortwährend wechselte ein

Regenschauer mit einer Stunde Sonnenschein. Das Automobil wirbelte

in der ruhigen Luft dichte Staubwolken auf und ließ sie hinter sich,

so daß sie kilometerweit auf der Straße liegenblieben. Wir sahen

die Staubwolken vom Gipfel der Hügelkette aus unbeweglich über der

Landschaft lagern wie den Rauch einer Feuersbrunst.

Gegen 3 Uhr kamen wir von neuem in wildromantische Gegenden. Es

vergingen viele Stunden, ohne daß wir ein Dorf zu Gesicht bekamen.

Dann schlossen sich über uns die jahrhundertealten, prächtigen, für

den Ural charakteristischen Kiefernbestände. Die Straße schien in

ein Tal voller majestätischer Stämme eingeschnitten. Aber der Wald

hatte Blößen, auf denen sich herrschaftliche Villen erhoben. Von den

Veranden herab grüßten uns elegante Damen. Das primitive Aussehen des

Landstrichs täuschte; wir waren in der Nähe einer großen, reichen

Stadt. Jekaterinburg kündigte sich an, die Hauptbergwerksstadt des

Uralgebietes, der große Gold- und Kohlenmarkt.

Es war 7 Uhr, als wir auf dem Gipfel eines Hügels eine Menschenmenge

sahen, die uns zuwinkte. Um uns erscholl ein langgedehntes Hurra. Auch

Jekaterinburg hatte uns seinen Gruß gesandt. Begleitet von Zweirädern

und Wagen, zogen wir in die elegante Stadt ein, während sich ein wahrer

Wolkenbruch entlud. Aufs herzlichste empfangen, verbrachten wir hier

die letzten Stunden in Asien, die in dem 6000 Kilometer entfernten

Peking begonnen hatten!

* * * * *

Die geographische Grenze Europas überschritten wir am Morgen des 20.

Juli, 5 Uhr 17 Minuten.

Nahe der Straße erhebt sich auf einer kleinen Waldblöße auf dem Sattel

einer der höchsten Höhen des Ural ein Marmorobelisk. Auf seiner

Ostseite ist das Wort „Asia“, auf der Westseite das Wort „Europa“

eingehauen!

Mit Ungeduld erwarteten wir diesen Paß. Oft hatten wir von dem

Augenblick gesprochen, in welchem wir von einem Erdteil in den andern

übergehen würden, von jenem flüchtigen, aber doch unvergeßlichen

ernsten Augenblick, in welchem wir unsere Fahrt auf asiatischem

Boden beendigt haben würden. Nun hatten wir die Durchquerung Asiens

von seinen äußersten Grenzen am Stillen Ozean an vollendet. In

vierzig Tagen hatten wir den ganzen unermeßlichen, uralten Kontinent

durchfahren. Schritt für Schritt hatten wir eine der größten

Verkehrsadern der Menschheit kennen gelernt, diejenige vielleicht,

die seit undenklichen Zeiten das stärkste Hinundherfluten von Rassen

und Zivilisationen gesehen hat. Sie hat die tatarische Flut gen

Westen und die slawische Flut in den Osten getragen, eine Heerstraße

der Eroberungen und der Ideen, der Religionen und Schätze, der

Sagen und Handelswerte, der Heere und des Goldes. Wir haben um uns

den geheimnisvollen Zauber Asiens weben gefühlt, vor allem dort in

der Mongolei, in den weiten Ebenen des Schweigens, inmitten eines

träumerischen, in den Gedanken unendlicher Wiedergeburten versenkten

Volkes, welches das gegenwärtige Leben als eine wertlose Episode

ansieht, gleich der Bewegung einer Welle im Ozean, die da lebt, um zu

sterben. Wir dachten, ob nicht in der Luft, im Wasser jenes Zentrums

von Asien ein geheimnisvolles Element herrsche, das Millionen von

Menschen von der Welt losreißt.

Die größten Religionen sind in Asien geboren. Wie Funken sind sie jenem

von Idealen glühenden Lande entsprungen, ihr Feuer weithin zu tragen.

Der Begriff der Seele, wohl der edelste, den der Mensch je besessen

hat und der das Bewußtsein, die Tugend und die Herzensgüte geschaffen

hat, ist in Asien entstanden. Unsere skeptische materialistische

Lebensanschauung stößt bei ihrem Zurückfluten nach Asien zusammen mit

der großen Nichtachtung aller irdischen Dinge. Nicht Feindseligkeit

tritt ihr gegenüber, sie begegnet mehr: der Gleichgültigkeit. Auch

die Gleichgültigkeit des Muschiks, dessen heitere Zufriedenheit, das

einzige Hindernis für einen raschen Aufschwung der slawischen Rasse,

sie ist nur ein asiatisches Erbteil. Beim Erwachen Sibiriens sind die

Fremden die Träger des größeren Unternehmungsgeistes und der größeren

Energie, sie sind es, die auf die beschauliche träumerische Seele

des blonden Volkes einen fieberhaften Tätigkeitsdrang übertragen.

Überall haben wir Asien verspürt: in der Verödung der Straßen, in der

Gleichgültigkeit und Resignation des Volkes in allen Lebenslagen,

selbst in der Gastfreundschaft, mit der wir dort aufgenommen wurden und

die uns nicht wieder freigeben wollte, weil man weder den Wert der

Zeit begriff, noch unsere Eile, ja nicht einmal den Zweck unserer so

langen und so nutzlosen Fahrt!

Für uns hatte die Durchquerung Asiens nicht nur die Bedeutung einer

Folge von Landschaftsbildern. Wir standen in inniger und dauernder

Berührung mit jenem gewaltigen Erdteil und seinen Völkern. Indem wir

von den Chinesen zu den Mongolen, von den Burjaten zu den Slawen, zu

den Kirgisen kamen, indem wir vom Konfuzianismus und chinesischen

Buddhismus übergingen zum Lamaismus, zum fetischistischen Christentum

Transbaikaliens, zur Orthodoxie Westsibiriens und zum Islam,

haben wir gleichzeitig Mischungen der Rasse und des Bewußtseins

kennen gelernt, Verwandtschaften des Blutes und der Charaktere,

Ähnlichkeiten der Sprachen und der Anschauungen. Und ohne die Vorgänge

zu verstehen, haben wir langsame Bewegungen der Stämme beobachtet,

ein unberechenbares Kommen und Gehen von Auswanderern, inmitten der

anscheinenden Bewegungslosigkeit ein Abfluten von Völkern aus ihrer

Heimat im Herzen von Asien und ihre Rückkehr dorthin in veränderter

Gestalt. Wir haben einen Begriff von einer Bewegung bekommen, die

jenseits der Grenzen der geschichtlichen Erinnerung liegt. Asien,

das schweigende, das schlafende Asien, das alte Asien, das ein toter

Begriff schien, hatte sich statt dessen erfüllt gezeigt von einem

Betätigungstrieb, der zu mächtig war, um ganz verstanden zu werden.

Diese große Völkermutter, der auch unsere eigene Rasse entstammt, hatte

sich uns als noch jugendlich enthüllt, ihre neue Fruchtbarkeit im

Schweigen verbergend. Deshalb gedachten wir mit einer Art Ehrfurcht des

Augenblicks, in welchem wir die Grenze Asiens überschreiten würden!

Da dieser Übergang für uns eine Heimkehr war, so hatten wir

beschlossen, zu halten und auf der poetischen Schwelle unseres

Erdteils miteinander anzustoßen. Im Werkzeugkasten lag in lobenswerter

Voraussicht, deren ich mich rühme, zu diesem Zwecke eine Flasche guten

Champagners. Als wir aber ankamen, schwiegen wir, und in schweigendem

Übereinkommen setzten wir unsere Fahrt fort, jeder in seine eigenen

Gedanken versunken, nicht frei von einer gewissen Rührung. Die

geplante Feier erschien uns jetzt kleinlich; zu halten und an diesem

Orte Champagner zu trinken war eine Entweihung. Nichts durfte die

Feierlichkeit unserer Stimmung stören.

Das Automobil rollte rasch über die sanften Abhänge jener niedrigen,

weichen Hügel hin, die sich den Namen eines Gebirges anmaßen. Der

Ural erscheint nur den Steppenbewohnern hoch und großartig; er ist

ein Gebirge, weil er sich zwischen dem sibirischen und dem russischen

Tieflande erhebt. Wir, die wir an die großartigen Linien der Apenninen

und Alpen gewöhnt waren, hatten den Ural erreicht, ohne ihn zu

bemerken. Als wir am Tage zuvor in Jekaterinburg anlangten, glaubten

wir, seine Gipfel seien von dem drohenden Unwetter verhüllt. Und als

wir dann am frühen Morgen zwischen waldigen Bodenanschwellungen entlang

fuhren, glaubten wir auf die ersten Ausläufer des Urals zu stoßen.

Statt dessen passierten wir die höchsten Gipfel dieses Gebirgssystems.

Die sehr breite und ziemlich gute Straße lief auf lange Strecken in

schnurgerader Richtung weiter, eine breite weiße, sich ins Unendliche

fortsetzende Furche in den dichten Wäldern, in die kein Strahl der

Sonne dringt. Die ungeheueren Kiefern schienen Träger der Nacht zu

sein. An einer Stelle sprang ein Damhirsch hervor; er blieb einige

Sekunden lang auf dem Wege stehen, erstaunt über das blitzschnelle

Automobil; den schlanken braunen Körper zum Sprunge bereit, wandte er

sich uns mit der feinen Nase und dem geschmeidigen Halse in furchtsamer

Haltung zu, sprang zurück und verschwand zwischen den Gebüschen,

die sich an dem Fuße der großen Stämme unentwirrbar hinziehen. Oft

sahen wir Bäume vom Blitze getroffen oder vom Orkan niedergeworfen an

der Erde liegen; mancher von diesen zu Boden geschmetterten Riesen

versperrte die Seiten der Straße.

Durch diese an die Urzeit erinnernde Landschaft fuhren wir zwei Stunden

lang. Wir hätten nie geglaubt, uns in einer der gewerbfleißigsten

Gegenden des Russischen Reiches zu befinden, wenn wir nicht im

Grunde jedes Tales über die dunkle Masse der Bäume hinweg rauchende

Schornsteine von Fabriken, von Bergwerken, von Gießereien bemerkt

hätten. Der Reichtum dieser Gegenden liegt nicht auf der Erde, er

ist unter ihr verborgen. Wenn ein Bergwerk eröffnet wird, so wird

eine Straße zur Weiterbeförderung der Erzeugnisse gebaut, das ist

alles; das Land kann wüst liegenbleiben. Wir mußten unsere Fahrt oft

verlangsamen, um lange Karawanen von Hunderten mit Eisen, Kohle oder

Holz beladener Telegas vorüberzulassen, die nach Jekaterinburg fuhren,

von wo eine kurze Eisenbahnlinie diese Erzeugnisse des Urals weiter

nach Tscheljabinsk auf die große Verkehrsstrecke bringt. Jetzt ist eine

direkte Linie von Jekaterinburg nach Kasan im Bau begriffen, und wir

stießen an diesem Morgen mehrmals auf Eisenbahnarbeiten, die unsere

Straße durchschnitten und uns nötigten, auf Erddämmen weiterzufahren

und wacklige Stege und provisorische Brücken zu überschreiten. Die

Wagenführer im Ural riefen uns Schimpfworte zu. Wir fühlten uns dadurch

aber nicht beleidigt: wir erblickten darin nur einen Beweis, daß wir

nach Europa gekommen waren! Die Landschaft konnte beinahe noch für

asiatisch gelten; etwas aber hatte sich verändert: die Geduld und die

heitere Freundlichkeit der Bewohner waren auf der andern Seite des

Urals zurückgeblieben.

Gegen 10 Uhr befanden wir uns von neuem auf der Ebene. Es regnete.

Wir hatten Jekaterinburg mit der Aussicht auf gutes Wetter verlassen;

jetzt drohte eine Sintflut. Die Straße wurde wieder schlecht, morastig,

unwegsam. Schmutz bespritzte uns unablässig, so daß wir darauf

verzichten mußten, ein Stück Schokolade zu unserer Stärkung zu essen;

wir hätten dieses bescheidene Frühstück nicht hervorziehen können, ohne

daß es mit Straßenkot bedeckt worden wäre. Wir mußten heute Perm, den

Sitz des Gouverneurs, erreichen, das 394 Kilometer von Jekaterinburg

entfernt liegt. Um 4 Uhr nachmittags hatten wir aber erst 293 Kilometer

zurückgelegt!

Später hörte es auf zu regnen. Unüberwindliche Schläfrigkeit lastete

bleischwer auf unseren Augenlidern, als ein ganz eigenartiger Anblick

uns wieder munter machte. Große und kleine vergoldete, versilberte,

emaillierte Kuppeln, Türme von jeder Form erhoben sich über der kleinen

Stadt Kungur. Sie bietet bei all dem Funkeln edler Metalle das Aussehen

einer Märchenstadt. Es muß ein großes heiliges Glaubenszentrum sein,

weil es mehr Kirchen als Häuser zu besitzen scheint. Auf den Straßen

sind Heiligenbilder, Tabernakel, Votivkapellen in überreicher Fülle

vertreten. Die Muschiks entblößen beim Vorübergehen das Haupt und

beugen das Knie.

Nach einigen Stunden erlebten wir eine andere Überraschung, das erste

tatarische Minarett in dem 30 Kilometer von Perm entfernten Kojonowa.

Aber es war eine Übergangsform, beinahe in der Gestalt eines Turmes

mit einem Halbmond anstatt des Kreuzes, kurz, eine Art russifizierter

Moschee. Tatarische Männer liefen fröhlich herbei, und hinter den

Scheiben der kleinen Fenster erblickten wir die braunen Gesichter ihrer

Frauen, die wie Zigeunerinnen mit Münzen geschmückt waren.

Nicht weit von Perm zieht sich die Straße zwischen Tannenwäldern

dahin. Als wir den Motor anstrengten, um über die Sandmassen, in denen

die Räder versanken, hinwegzukommen, machten wir eine furchtbare

Entdeckung. Das linke Laufrad drohte zu brechen.

Ich habe schon erwähnt, daß die Kette, die wir um die Pneumatik

jenes Rades gelegt hatten, um das Gleiten in dem Morast der Straße

zwischen Kansk und Krasnojarsk zu verhüten, die Stellen beschädigt

hatte, an denen die Speichen in dem Radkranze befestigt sind. Es war

augenscheinlich, daß beim Ersteigen der Anhöhen der von der Kette

umwundene Radkranz einen zu starken Druck ausgeübt und die Verbindungen

um Haaresbreite gelockert hatte. Die Löcher, in die die Enden der

Speichen eingelassen sind, hatten sich um Bruchteile eines Millimeters

verbreitert. Wir konnten kaum einen leichten Riß um jede Speiche

entdecken, der aber verschwand, wenn das Holz infolge des Regens

aufquoll. Bei Sonnenschein aber begann das Rad zu knarren, weshalb

Ettore, sobald er Wasser in den Kühlapparat goß, einen Eimer voll auch

über das beschädigte Rad schüttete. Das Mittel war wirksam.

Hier, in der Nähe von Perm, begann das Rad aber zu knarren, wie es noch

nie geknarrt hatte! Wir stiegen ab, um nachzusehen. Die Risse hatten

sich erweitert; die Speichen wackelten in den immer breiter werdenden

Löchern. Ettore wußte sich wieder zu helfen: er nahm Bindfaden,

wickelte ihn um die Speichen, zwängte diese wieder in ihre Öffnungen

und sicherte so dem Rade eine gewisse Festigkeit. Das Knarren wurde

leiser.

Gegen 8 Uhr abends gelangten wir nach Perm. Es war noch ganz hell,

die Straßen waren belebt, die Trambahn überfüllt. Jede Stadt bot uns

neue Überraschungen, ein Anzeichen, daß wir uns dem Ziele näherten.

In Perm war es die Straßenbahn, die wir mit derselben Aufmerksamkeit

betrachteten wie die Menge uns.

Im Gasthofe war unsere erste Sorge das Rad. Es wurde abgenommen

und genau untersucht. Wir ratschlagten. Der Fall war sehr ernst.

Es war zweifellos, daß die meisten Speichen sich vom Radkranze

zu lösen drohten. Der Fürst schlug vor, die Speichen wieder mit

trockenem Bindfaden zu umwickeln und in die sich erweiternden Löcher

hineinzupressen, außerdem das Rad die ganze Nacht hindurch ins Wasser

zu stellen. Ettore billigte den Plan und machte sich an die Arbeit.

Zwei Stunden später waren die Speichen umwickelt und eingepreßt. Jetzt

fehlte nichts, als das Rad ins Wasser zu stellen. Dies schien das

geringste, es war aber das schwierigste. In ganz Perm fand sich kein

Behälter vor, groß genug, um das Rad aufzunehmen! Die Nachforschungen

dauerten lange; sie begannen in dem Gasthof und wurden auf das

ganze Stadtviertel ausgedehnt. Die Leute, die sich um das Automobil

versammelt und der Arbeit zugesehen hatten, nahmen tätigen Anteil an

unseren Nachforschungen und suchten sich an die größten Behälter zu

erinnern, die sie gesehen hatten.

Ein dicker Beamter in Uniform hatte schließlich eine praktische,

originelle Idee. Er näherte sich dem Fürsten und fragte ihn:

„Verzeihen Sie, Sie wollen das Rad ins Wasser stellen?“

„Ja.“

„Warum schicken Sie es denn nicht in eine Badeanstalt?“

Es hätte wie ein Scherz geklungen, wenn der dicke Beamte nicht

vollständig ernst geblieben wäre, als der Fürst, der nicht wußte,

in welchem Sinne er den Vorschlag auffassen sollte, ihn forschend

anblickte.

„Sie meinen ...?“

„Ich meine, daß man das Rad in eine Badeanstalt schicken, eine Zelle

mieten, das Rad in das Bassin stellen und morgen wieder herausholen

sollte. Es wird dann so fest sein, daß nichts ihm mehr etwas anhaben

kann. Lassen Sie das Rad auf eine Droschke laden, und ich gebe dem

Kutscher die Adresse.“

So vollzog sich die gewiß nicht allzu gewöhnliche Tatsache, daß ein

krankes Rad in eine Badeanstalt gebracht wurde, um sich dort einer

hydrotherapeutischen Kur zu unterziehen.

Am nächsten Morgen um 4 Uhr hatte das Rad seinen anstrengenden Posten

wieder eingenommen.

„Wie steht es?“ fragte ich Ettore, indem ich mit dem Finger auf das Rad

wies.

„Ausgezeichnet“, erwiderte er zufrieden. „Es ist wieder fester

geworden.“

Trügerischer Schein! Schwere Krankheiten täuschen bisweilen eine

plötzliche Besserung vor. Unser armes Rad lag im Sterben. Wenige

Stunden später waren wir die trauernden Hinterbliebenen!

Neunzehntes Kapitel.

Von der Kama zur Wolga.

Automobil, Milch und Eier. -- Ein Unwetter. -- Das Rad bricht. --

Es wird wiederhergestellt. -- Ein Dorf in Schrecken. -- Schaden an

den Bremsen. -- Kasan.

Die Bürger von Perm werden am Morgen des 21. Juli zu ihrer Überraschung

ein bedeutendes Ansteigen der Milch- und Eierpreise konstatiert haben.

Wir haben das niederdrückende Bewußtsein, die unschuldige Ursache

dieser tiefeingreifenden wirtschaftlichen Störung gewesen zu sein.

Das Automobil bringt eben in Ländern, die sich an diesen Sport noch

nicht gewöhnt haben, unerwartete Wirkungen hervor; es hat geradezu

unberechenbare Folgen. Die Sache trug sich folgendermaßen zu.

Wir hatten kaum die Stadt verlassen, und zwar bei drohendem,

regnerischem Wetter, als wir auf eine lange Reihe von Telegas stießen.

Sie brachten landwirtschaftliche Erzeugnisse nach Perm auf den Markt.

Die Bauern, Männer und Frauen, lenkten ihre Pferde mit gewohnter

Sorglosigkeit; sie saßen auf dem Rande der Telegas und ließen die

Beine in der Luft baumeln. Der Muschik hat zwei Arten, den Wagen zu

lenken: die eine, wenn er zu Markte fährt, die andere, wenn er vom

Markt zurückkommt. Bei der Rückkehr ist es der Kopf, der hin und her

baumelt, und die Beine befinden sich im Innern der Telega; denn der

Muschik unterläßt es nie, einen guten Teil des eingenommenen Geldes

gewissenhaft in Wodka anzulegen und mit derselben Gewissenhaftigkeit

den Wodka bis zum letzten Tropfen auszutrinken. An jenem Morgen

handelte es sich jedoch, wie erwähnt, um Bauern, die zu Markte fuhren,

und die Telegas wurden daher auf die erwähnte Art Numero eins gelenkt.

Als wir uns näherten, gab das Pferd des ersten Wagens Zeichen des

Schreckens und dann der Wut von sich. Die Pferde des Gouvernements

Perm sind aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde die grimmigsten

Feinde des Automobils. Wir konnten zwischen den Pferden des einen

Gouvernements und denen des andern einen großen Unterschied im

Verhalten uns gegenüber bemerken: die von Transbaikalien waren

feindselig, die von Irkutsk mißtrauisch, die von Tomsk gleichgültig,

die von Omsk veränderlich, die von Perm unversöhnlich! Für den, der

die unerforschlichen Beziehungen zwischen dem Charakter der Pferde

und den Religionen der Menschen ergründen will, füge ich noch hinzu,

daß die Pferde der Buddhisten und Mohammedaner gegen uns beinahe

freundschaftliche Empfindungen an den Tag legten; selbst in der

Umgegend von Perm beobachteten uns die Pferde der Tataren mit großer

Nachsicht, gleich toleranten Wesen, die nicht die ausschließliche

Herrschaft über die Straße in Anspruch nehmen und deren Wahlspruch ist:

„Fahren und fahren lassen!“ Das Pferd des ersten Wagens wurde also wild.

Das Automobil fuhr langsam: nutzlose Vorsichtsmaßregel. Das Pferd

machte einen Seitensprung, der Wagen stürzte um. Er war mit Milch und

Eiern beladen. Auf der Erde bildeten sich gelbe und weiße Bächlein.

Wir wollten den unabsichtlich angerichteten Schaden ersetzen, als sich

mit der Geschwindigkeit eines Blitzes die Panik von Pferd zu Pferd

fortpflanzte. Die zweite Telega stürzte, dann die dritte. Nichts ist so

ansteckend wie böses Beispiel. Im Nu lagen alle Telegas am Boden und

streckten die Räder in die Luft. Die Milch floß von allen Seiten in

Strömen, und die Bauern, angestachelt von ihren Frauen, stürzten auf

uns los. Was war zu tun? Was tut man, wenn man auf einem Automobil von

50 Pferdekräften sitzt, bedroht von einer Menge mit Stöcken bewaffneter

Muschiks? Etwas sehr Einfaches. Mit Bedauern, aber mit Entschlossenheit

wurde der Geschwindigkeitshebel heruntergedrückt, die Maschine sauste

los und war bald aus dem Bereiche der Stöcke. Wir hatten jedoch noch

nicht einen Kilometer zurückgelegt, als wir vor uns einen zweiten Zug

Telegas erblickten.

Diesmal beschlossen wir, zu halten und die Wagen vorbeizulassen.

Aber das stillstehende Automobil erscheint den Pferden nicht minder

furchtbar als das sich bewegende. Als sie näherkamen, spitzten sie die

Ohren, schüttelten den Kopf und wieherten, und ehe man es sich versah,

richtete sich das erste Pferd auf die Hinterhand empor und machte eine

jähe Wendung, wobei es leider vergaß, daß es angespannt war; die Telega

geriet ins Wanken und stürzte um; die zweite tat dasselbe, gleich

darauf die dritte; die übrigen folgten! Milch und Eier am Boden, die

Stöcke hochgeschwungen in der Luft -- und das Automobil sauste abermals

in eiliger Fahrt davon.

Von nun an änderten wir unsere Taktik mit Erfolg. Wenn wir den Telegas

begegneten, fuhren wir mit voller Geschwindigkeit, und es kam keine

Vergeudung von Milch mehr vor. Die Pferde hatten kaum Zeit, die

Vorüberfahrt des Ungeheuers zu bemerken, als es auch schon verschwunden

war, und setzten ihren Weg beruhigt fort. Alles beschränkte sich auf

eine leichte Bewegung des Kopfes; es war nur ein Augenblick. Wir

wandten im Grunde genommen dieselbe Taktik an wie bei den Brücken

von zweifelhafter Widerstandsfähigkeit; die Pferde hatten keine Zeit

durchzugehen, und die Brücken hatten keine Zeit einzustürzen. Der

kritische Moment war auf einen Augenblick beschränkt. Und die Bauern

begrüßten uns mit Begeisterung, lachend und überrascht beim Anblick

dieser schwindelerregenden Fahrt.

Einige Stunden später gelangten wir in große Tannenwälder, während

ein überaus heftiges Unwetter losbrach. Ein Sturmwind fuhr durch die

Bäume und beugte sie alle unter Heulen und Zischen. Mattes Dämmerlicht

herrschte, als sei die Nacht zurückgekehrt, nur unterbrochen von dem

blauen Schein blendender Blitze. Der Donner rollte beständig. Ein

wolkenbruchartiger Regen rauschte von allen Seiten herab wie ein

großer Wasserfall und überschwemmte die Straße, füllte die Sitzplätze

des Wagens, drang uns durch die wasserdichten Mäntel und peitschte

unsere Gesichter mit einer Heftigkeit, die einen wirklichen Schmerz

hervorrief, als ob das Wasser ein fester Körper wäre; so groß waren

die Tropfen und so heftig der Sturm. Wir mußten langsam fahren, wir

sahen das Gelände nicht mehr, das von den Regenschauern verhüllt war.

Das Automobil überließ sich natürlich allerhand ungezogenen Protesten

gegen den Morast: es rutschte aus, neigte sich zur Seite, fuhr quer

über die Straße, hatte eine unüberwindliche Neigung, sich mit dem

Vorderteil nach hinten umzuwenden und zeigte überhaupt Ungehorsam

und Launenhaftigkeit. Das Unwetter dauerte vier volle Stunden! Um

½10 Uhr hatten wir in beinahe sechsstündiger Fahrt kaum 50 Kilometer

zurückgelegt.

Tief herabhängende Wolken trieben vorbei und verfingen sich in den

Bäumen, als wir das Ufer der Kama erreichten und auf einem von

einem kleinen Dampfer geschleppten Fährboote über den breiten Strom

übersetzten, der nächst der Wolga die wichtigste Verkehrsader des

östlichen Rußlands bildet.

Morast begleitete uns auch am andern Ufer. Zuweilen mußten wir

absteigen, um die Maschine zu schieben, wenn die Laufräder es sich

in den Kopf gesetzt hatten, sich im Kreise herumzudrehen, ohne

vorwärtszukommen. Wir hofften noch Malmysch an der Wjatka, einem

Nebenflusse der Kama, zu erreichen und dort zu übernachten, von wo wir

noch etwa 160 Kilometer bis Kasan hatten. Wir hatten uns vorgenommen,

an diesem Tage 360 Kilometer zurückzulegen, um am nächsten Tage

vormittags in Kasan zu sein ... Es sollte ganz anders kommen! Auf

Reisen soll man nichts im voraus bestimmen wollen. Vorausbestimmungen

sehen aus, als wolle man dem Schicksal Vorschriften machen. Das

Schicksal wollte sich aber an uns rächen und uns demütigen.

Gegen 11 Uhr hatten wir uns etwa 30 Kilometer von der Kama entfernt.

Die Straße wurde besser und das Wetter hatte sich aufgeklart, als das

beschädigte Rad zu knirschen begann. Nach zehn Minuten knarrte es. Wir

fuhren weiter -- was sollten wir auch sonst tun? --, das Knarren ging

in Zischen über. Noch wenige Meter und dann -- ein Krach! Wir hielten.

Der Fürst sprang ab, um das Rad zu besichtigen, und stieß einen Ausruf

schmerzlicher Überraschung aus.

„Was gibt es?“ fragte ich.

„Es ist aus!“ erwiderte er, „wir können keinen Schritt weiterfahren.“

In der Tat hatten sich die Speichen des Rades völlig von dem Kranze

gelöst; wenn sich das Rad drehte, so traten sie abwechselnd in die

Löcher und wieder aus ihnen heraus; von dem Gewicht des Wagens

hineingedrückt, traten sie an dem unteren Teile des Rades hinein und

traten heraus, wenn sie beim Umschwung des Rades nach oben zu stehen

kamen.

Wir konnten von keinem schwereren Unfall betroffen werden! Wir mußten

auf unabsehbare Zeit festliegen, in einer unbewohnten Gegend, Hunderte

von Kilometern von der Eisenbahn entfernt. Es war ein Augenblick der

Bestürzung. Wir schwiegen und betrachteten das unbrauchbare Rad mit

zornigen Blicken nutzlosen Grolles.

„Was nun?“ fragten wir uns nach einigen Minuten.

„So viel Mühe, so viele Schwierigkeiten überwunden!“ seufzte Ettore.

„Um hier zu enden!“

„Ohne das Rad können wir das Automobil nicht einmal von Pferden

weiterziehen lassen“, bemerkte ich.

Der Fürst dachte nach. Dann fragte er als praktischer Mann:

„Gehen wir logisch vor. Was ist das Dringendste? An den nächsten

bewohnten Ort zu kommen. Wir können nicht mitten auf der Straße

stehenbleiben. Wenn dieser erste Schritt getan ist, wollen wir an den

zweiten denken. Sehen wir uns einmal die Karte an!“

Wir betrachteten sie. Das nächste Dorf war etwa acht Kilometer entfernt.

„Gut!“ nahm der Fürst wieder das Wort. „Nun müssen wir ein Mittel

ausfindig machen, noch acht Kilometer zurückzulegen. Für diese Strecke

läßt sich das Rad ausbessern.“

Er zeigte immer Ruhe und Energie, eine reiche Quelle von

Auskunftsmitteln. Es wurde eine sinnreiche provisorische Reparatur

vorgenommen, die imstande war, eine kurze Fahrt auszuhalten,

vorausgesetzt, daß diese mit der nötigen Vorsicht ausgeführt wurde. Es

handelte sich darum, Stücke Holz zwischen der Nabe des Rades und dem

Kranze als eine Art Hilfsspeichen einzufügen, die neben den Speichen

angebracht und mit Stricken festgebunden wurden. Ettore machte sich

sofort an die Arbeit. Mit der Axt schlug er starke Äste von einem Baum

ab, hieb passende Stücke davon ab und trieb sie mit Hammerschlägen

zwischen die Speichen des Rades ein, nachdem er dieses mittels einer

Winde emporgehoben hatte. Dann band er sie an die eigentlichen Speichen

fest. Das Rad bot den Anblick eines seltsamen, von einer Pneumatik

umgebenen Holzbündels. Während Ettore noch daran arbeitete, kam ein

alter Muschik des Weges, der ein Kalb vor sich her trieb.

Er blieb stehen, um sich das Ding anzusehen, ebenso das Kalb. Nachdem

er das Rad aufmerksam betrachtet hatte, rief er aus:

„Guten Tag!“

„Guten Tag!“

„Sie wollen das Rad reparieren?“

„Jawohl.“

„Es gibt einen Mann, der es Ihnen machen kann, ganz in der Nähe.“

„Ein solches Rad?“ fragte ihn Don Scipione ungläubigen Tones.

„Ein solches, Väterchen!“ erwiderte der Alte. „Er ist der geschickteste

Fabrikant von Schlitten und Telegas in der ganzen Gegend. Sie finden

nicht einmal in Perm einen so tüchtigen.“

„Dies ist eine sehr komplizierte Telega. Eine Telega, die von selbst

fährt.“

„Ich sehe es, daß sie nicht so ist wie die unsrigen, aber Nikolai

Petrowitsch ist imstande, ein Rad auszubessern, es mag so oder so sein.“

„Wo wohnt dieser Mann?“

„Sechs Werst von hier. Gehen Sie nur diese Straße entlang, dann werden

Sie auf eine kleine weiße Kirche stoßen; links von der Kirche ist ein

Abhang, dann kommt eine kleine Brücke; gehen Sie über die Brücke, und

Sie sind an Ort und Stelle. Sie können gar nicht fehlgehen; seine Isba

steht allein im Felde.“

„Und er arbeitet heute? Es ist Sonntag.“

„Er arbeitet vormittags. Wenn Sie aber Eile haben ...“

Wir dankten dem guten Alten, der seinen Weg wieder aufnahm, hinter dem

vorantrabenden Kalbe her, und wir setzten uns langsam und vorsichtig

in Bewegung, um nach dem Hause Nikolai Petrowitschs zu gelangen. Nach

wenigen Schritten begann das Rad von neuem zu knirschen, zu knarren,

zu ächzen; wir erwarteten das Geräusch eines vollständigen Bruches zu

vernehmen und zu sehen, daß sich das Automobil auf die Seite neigte.

Aber laut stöhnend widerstand das Rad. Mehr als eine Stunde brauchten

wir, um zu der Isba des Stellmachers zu gelangen.

Es war ein gut aussehendes Haus, aus schönen, rechtwinklig zugehauenen

Balken gezimmert, und stieß an eine Umzäunung an, über welche

Schuppen und Dächer hervorragten. Auf freiem Felde waren zahlreiche

Schlittenkufen aufgeschichtet, die an dem einen Ende von Stricken aus

Weidengeflecht in gekrümmter Lage festgehalten wurden.

Wir riefen.

Sofort öffnete sich die Tür des Zaunes und heraus trat ein Mann.

„Nikolai Petrowitsch?“ fragten wir.

„Das bin ich. Guten Tag!“

Es war ein schöner Mann, über 50 Jahre alt, mit langem grauem Barte.

Sein Gesicht hatte den mystischen Ausdruck des russischen Bauern;

die langen, auf der Stirn gescheitelten Haare fielen ihm bis auf die

Schultern herab. Er war von hünenhaftem Wuchs und trug die rote an

der Brust offene Bluse der Muschiks, der Kopf war unbedeckt. Seine

Gehilfen folgten, auch sie von patriarchenhaftem Aussehen; aus den

aufgestreiften Ärmeln ragten athletische Arme hervor, die imstande

schienen, Bäume auszureißen.

„Sehen Sie sich dieses Rad an!“ sagte der Fürst zu dem Telegabauer.

Er betrachtete es einige Augenblicke.

„Die Speichen können neu gemacht werden, der Radkranz ist sehr gut. Nur

die Löcher müssen tiefer gebohrt werden ...“

„Sie können die Speichen neu machen?“

„Ja.“

„Und so, daß sie halten?“

„Ich mache Ihnen das Rad stärker, als es neu war.“

„Ich brauche es aber sofort.“

„In einem halben Tage ist es fertig.“

„Gut.“

Das Automobil wurde in einen ländlich aussehenden Hof geleitet, der

voller Hobelspäne und Holzsplitter lag und auf dem sich Balken,

Schlitten, Wagen und eiserne Reifen befanden. In einem Winkel stand

ein frisch angestrichener Tarantaß auf zwei Böcken. Das Rad wurde

auseinandergenommen; die von der Nabe und dem Kranze getrennten

Speichen dienten den neuen als Modell. Wenige Minuten später hallte

der Hof von Axthieben wider. Kein anderes Werkzeug wurde verwandt

außer der Axt, die mit wunderbarer Geschicklichkeit gehandhabt wurde.

In der Hand des russischen Bauern ist sie ein Präzisionsinstrument.

Um den Punkt zu bestimmen, auf den gehauen werden soll, machen diese

Leute keine Zeichen, noch ziehen sie Linien, sie legen ihre linke Hand

aufs Holz, und der Hieb fällt, den Daumen beinahe streifend. Die Lage

des Fingers hat dem Auge und der Hand das richtige Maß angegeben. Die

neuen Speichen entwickelten sich allmählich aus dicken Klötzen alten

Kiefernholzes; durch schwere Hiebe, die die Späne ringsumher fliegen

ließen, wurden sie schwächer gemacht. Die Künstler maßen, indem sie

die alten Stücke auf die neuen legten, und brauchten kein anderes

Hilfsmittel dazu; millimeterbreite Fugen schlugen sie sauber und genau

mit sicherem Auge, und zwar mit Axtschlägen, die mit geschwungenem Arme

niedersausten, als hätte es sich anstatt um eine so feine Arbeit um den

Bau eines Gerüstes oder einer Fähre gehandelt.

[Illustration: Das von Nikolai Petrowitsch neu hergestellte Rad.]

Während wir diese malerische Gruppe rauher, bärtiger Männer, die sich

einer so mühsamen Arbeit unterzogen, beobachteten, wandte sich einer

von ihnen zu uns und redete uns feierlich auf lateinisch an.

Unsere Überraschung war so groß, daß wir ihn einige Augenblicke

fassungslos betrachteten, ohne zu antworten.

„Wo hast du das gelernt?“ fragte ihn Fürst Borghese.

„Ich habe es für mich studiert, zu Hause während des Winters“,

erwiderte der Mann ernst.

Dies erinnerte mich an einen andern Lateinkundigen, den ich unterwegs

antraf, einen chinesischen Wagenführer in der Nähe von Hsin-wa-fu.

Es war ein christlicher Chinese im Dienste der Katholischen Mission

der Provinz Schansi, der von Peking zurückkehrte und seinen

Brüdern Lebensmittel mitbrachte. Aber diese Tatsache ist nichts

Außergewöhnliches in China, wo Latein die Umgangssprache der Missionen

ist und viele Bekehrte es so weit bringen, daß sie sich seiner mit

bewundernswerter Gewandtheit bedienen. Wie es ein Pidgin-Englisch gibt,

so gibt es in China auch ein Pidgin-Latein zum Ruhme des christlichen

Glaubens.

Das Latein unseres Muschiks war etwas russifiziert, aber er bediente

sich seiner hinreichend gut, um uns mitzuteilen, daß, wenn wir ermüdet

seien, wir in das anstoßende Haus gehen möchten, wo wir ausruhen und

Milch trinken könnten. Wir fanden hier nicht nur Milch, sondern auch

herrliche Walderdbeeren, die die Frau des Meisters uns diensteifrig

vorsetzte.

Um 4 Uhr waren die Speichen fertig. Nun begann der schwierigste

Teil der Aufgabe: die Zusammensetzung. Sie kostete drei weitere

Stunden angestrengter Arbeit. Mit langen glühenden Stäben wurden die

Speichen durchbohrt; Rauchwolken stiegen zischend von den verbrannten

Holzstellen auf. Schließlich wurden die Schrauben angebracht und die

Platten befestigt: das Rad war fertig.

Die neuen Speichen entsprachen sicherlich nicht allen Regeln der

Kunst; sie waren massig, dick und plump, verliehen aber dem Rade

eine Festigkeit, daß es allen Stößen, allen Kraftanstrengungen zu

widerstehen versprach.

Wir fuhren vom Hofe auf die Straße. Die Arbeiter folgten uns, während

sie sich von uns verabschiedeten. Sie lachten vergnügt und trockneten

sich die schweißtriefenden Stirnen. In dem Augenblicke, als wir

davonjagen wollten, streckten sich uns schwielige Hände entgegen, die

wir in freudiger Erregung voller Dankbarkeit drückten.

„~Do svidania!~“ riefen sie uns zu, während wir davonfuhren.

„~Salve!~“ rief der Lateiner.

Ihre Zurufe begleiteten uns lange Zeit. Noch aus weiter Ferne konnten

wir unsere Retter sehen, wie sie die Mützen schwenkten, bis die Bäume

uns ihren Blicken entzogen.

Wir wollten unseren Weg fortsetzen, solange es das Tageslicht

gestattete. Die Straßen waren trocken geworden; wir fuhren 30

Kilometer in der Stunde. Eine Stunde nach unserer Abfahrt ging die

Sonne unter. Wir sagten uns: „Im nächsten Dorfe machen wir halt.“

Aber der Wunsch, die verlorene Zeit einzuholen, war zu lebendig in

uns, und im „nächsten Dorfe“ fuhren wir ohne Aufenthalt weiter zum

„nächsten Dorfe“. In manchen Ortschaften bereiteten uns die sonntäglich

gekleideten Bewohner einen fröhlichen Empfang, in andern betrachteten

sie uns mit mißtrauischer und feindseliger Verwunderung. Der Grund für

dieses verschiedene Verhalten lag am Telegraphen. Die Orte, die ein

Telegraphenamt hatten, waren uns freundschaftlich gesinnt; sie wußten

von uns, in manchen Ortschaften erwartete man uns sogar. Von Amt zu

Amt teilten sich die Telegraphisten die Nachricht unserer Durchfahrt

mit, die sich durch den ganzen Ort verbreitete, indem sie von Mund zu

Mund lief. Überall konnten wir die Telegraphenbeamten am Fenster stehen

sehen; sie waren die ersten, uns zu begrüßen.

Um 9 Uhr begann die Dämmerung der Nacht zu weichen. Wir beschlossen,

im nächsten Dorfe über Nacht zu bleiben. Zwei junge Leute, die

nebeneinander auf dem Fußsteige gingen, holten wir ein und hielten

das Automobil an, um zu fragen, wo das „Semstwoskaja Dom“ sei. Aber

wir hatten noch nicht den Mund geöffnet, als jene, nachdem sie uns

einen Moment mit entsetzten Augen angestarrt hatten, das Zeichen des

Kreuzes machten, die Beine in die Hand nahmen und die Flucht ergriffen,

ohne ein Wort, ohne einen Schrei, auf den Zehenspitzen; sie liefen,

als fürchteten sie, uns durch das Geräusch ihrer Schritte hinter

sich herzuziehen. Augenscheinlich handelte es sich um ein Dorf ohne

Telegraphenamt! Die Lage wurde ungemütlich; wir mußten unbedingt

rasten, schon weil unsere Vorräte zu Ende gegangen waren und wir seit

Perm außer den Erdbeeren der Frau des wackeren Wagenbauers nichts

gegessen hatten.

[Illustration: Unser Publikum.]

Endlich bemerkten wir auf der Schwelle eines Hauses mehrere Frauen. Wir

hielten. Der Fürst wollte absteigen und mit ihnen unterhandeln.

„Um Gotteswillen!“ flüsterte ich ihm zu. „Mit Ihrem Pelze jagen Sie sie

sofort in die Flucht!“

Wir hatten bereits bemerkt, daß unsere Pelze und wasserdichten Mäntel

auf die Bauern eine abstoßende Wirkung ausübten. Wir sprachen also vom

Automobil aus, indem wir unserer Stimme einen sanfteren Klang gaben, um

weniger teuflisch zu erscheinen.

Der Fürst hatte die zärtlichsten Töne gefunden, als er sagte:

„Guten Abend! Hätten Sie wohl die Freundlichkeit, uns zu sagen, wo das

Sem--“

Es war zwecklos, den Satz zu beenden. Die Frauen waren mit einem

Schreckensschrei im Nu ins Haus geflüchtet und verschlossen sofort die

Tür.

„O weh!“ murmelten wir. „Das Beste, was uns diese Nacht begegnen kann,

ist, mit leerem Magen im Freien zu kampieren!“

Wir fuhren weiter bis zu einem Hause, das blau angestrichen war und

weißumrahmte Fenster hatte.

„Hier müssen wohlhabende Leute wohnen,“ sagten wir uns; „hoffentlich

bereiten sie uns einen besseren Empfang.“

Wir klopften an die Tür. Alles still. Wir klopften noch einmal. Niemand

antwortete.

„Das Haus steht leer!“ riefen wir.

Nein, es stand nicht leer. Wir hörten Geflüster von Stimmen im Innern,

ein Geräusch von eiligen Schritten über die hölzernen Dielen, das

Zuschlagen der Ausgangstür, die fest verschlossen wurde, das Klirren

eines Riegels.

[Illustration: Ein Forscher.]

Wie sollten wir die Furcht besiegen, die wir überall einflößten?

Wir bemerkten, daß die Bewohner wach waren und, auf die Straße

hinausgetreten, den geheimnisvollen Wagen ängstlich beobachteten. Es

war nicht angenehm, in dieser Lage zu bleiben, weil die Möglichkeit

nicht unbedingt ausgeschlossen war, daß jemand es für ein

verdienstliches Werk hielt, einen Flintenschuß auf den bösen Feind

abzufeuern. Der Fürst bemerkte:

„Es wäre gut, wenn einer allein näher an die Leute heranginge; ich

würde ihnen die amtlichen Briefe zeigen, und wir würden ehrenvoll

aufgenommen werden.“

Dann, von einer Idee erfaßt, begann er jene allzu furchtsamen Leute

anzureden, die sich, zu sofortigem Rückzuge bereit, 50 Schritt von uns

entfernt hielten.

„Das hier,“ sagte er, „ist eine Maschine wie die Schiffe auf der Kama

und die Eisenbahn. Kommt nur her und seht sie euch an! Kommt nur! Es

ist keine Gefahr! Sie wird mit Benzin betrieben.“

Die Kühnsten kamen näher. Die übrigen folgten, und es bildete sich

schnell ein Kreis von Zuschauern, die zu begreifen begannen, daß wir

Wesen von Fleisch und Blut seien. Man trat näher, das Automobil wurde

befühlt, anfangs furchtsam, als könne man sich an ihm verbrennen, dann

mit vertrauensvoller Sicherheit. Zwei Bauern nahmen heldenmütig die

Einladung an, auf das Automobil zu steigen und sich ein Stück fahren

zu lassen. Sie gerieten in solche Begeisterung, daß sie nicht mehr

absteigen wollten. Alle wollten es probieren. Das Gedränge um uns herum

wurde immer dichter. Auch der Pope kam und drückte den Wunsch aus,

morgen früh nach dem nächsten Dorfe gefahren zu werden.

Das Eis war gebrochen. Alle wurden unsere guten Freunde. Das blaue Haus

schob die Riegel zurück, öffnete weit die Tür und nahm uns gastlich

auf. Der Samowar kam auf den Tisch; nach dem Samowar erschienen Eier,

Milch, Butter und Brot, so daß wir unseren Hunger stillen konnten. Die

im Hofe untergebrachte Maschine war von der Bevölkerung umlagert, die

sie mit bewundernder Neugier betrachtete.

Bis Mitternacht erhielten wir Besuche; die Leute kamen und gingen frei

aus und ein, nach russischem Brauche, ohne um Erlaubnis zu bitten.

Sie wollten uns in der Nähe sehen; sie traten ins Zimmer, nahmen die

Kopfbedeckung ab, betrachteten uns schweigend und gingen wieder hinaus,

zufrieden wie Kinder am Weihnachtsabend. Um Mitternacht löschten wir

das Licht aus, hüllten uns in unsere getreuen Pelze und streckten

uns auf dem Fußboden aus; die letzten Besucher entfernten sich auf

den Zehenspitzen, um von der Haustür aus zu verkünden: „Die Fremden

schlafen!“

* * * * *

Am folgenden Morgen, 22. Juli, setzten wir um 4 Uhr unsere Fahrt

durch eine sich stets gleichbleibende Landschaft fort: große

Wälder, vereinzelte Wiesen, einige bebaute Felder, von Gebüschen

eingeschlossen, die jungfräuliche Erde bedeckten.

Auf Barken setzten wir über den kleinen Fluß Uchim, dann über

einen breiteren, den Wala. Leider bewirken die zahlreichen, leicht

zu befahrenden Wasserstraßen, daß die Landwege vernachlässigt

werden, die wir in sehr schlechtem Zustande fanden, so daß wir nur

langsam vorwärtskamen und das Automobil allen jenen schrecklichen

Proben unterziehen mußten, die uns zwischen Mariinsk und Tomsk zur

Verzweiflung gebracht hatten. Wir fürchteten, die Federn würden nicht

länger halten. Wir merkten, daß sie gegen die Stöße weit empfindlicher

wurden, und wir hatten keinen Ersatz für sie. In der sicheren

Überzeugung, ihrer nicht zu bedürfen, hatten wir die Ersatzfedern in

Kalgan zurückgelassen, weil sie zu schwer waren, und vielleicht liegen

sie jetzt noch in den Bureaus der Russisch-Chinesischen Bank, zum

Andenken an unsere Fahrt.

Um einen Begriff von den Straßen zu erhalten, stelle man sich vor, man

fahre im Automobil über einen frischgepflügten Acker mit der Aussicht,

Hunderte von Kilometern unter denselben Bedingungen zurücklegen zu

müssen.

Natürlich regnete es von Zeit zu Zeit. Wir fuhren durch wenig

bevölkerte, stille Städtchen, die mit ihren weiß angestrichenen

Holzhäusern -- zum Unterschiede von den die Naturfarbe des Holzes

zeigenden Bauernhäusern -- einen unendlich traurigen Eindruck machten.

Wir wurden in melancholische Stimmung versetzt, wenn wir an ihr

einförmiges, graues, stilles Leben dachten; sie glichen Städten in der

Verbannung. Sie tauchten in einem Tale auf, hinter einem Gehölz, am

Ufer eines Baches, abgeschlossen in der Eintönigkeit einer unbebauten

Gegend mit dunkeln Tannen- und Kiefernwäldern von düsterem Grün.

Einige von ihnen haben Namen, die nicht russisch sind, tatarische und

bulgarische Namen.

Peking-Paris im Automobil Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen. · 第 10 / 15 题