Unglücklicherweise konnte der Starost nicht lesen und betrachtete

würdevoll die Dokumente, die er verkehrt in der Hand hielt. Aber ein

junger Mensch, der eine Militärmütze trug, nahm sie ihm aus der Hand

und las sie den versammelten Einwohnern laut vor.

Der Starost verneigte sich tief. Was auf jene wackeren Leute den

meisten Eindruck machte, war der Titel des Fürsten und seine

Eigenschaft als Parlamentsmitglied.

„Er ist Mitglied der italienischen Duma!“ hörten wir sie in

bewunderndem Tone wiederholen.

„Er ist ein Knjäs.“

„Er hat eine Podoroschnaja von der Regierung.“

„Es ist so gut, als wäre er ein Kurier des Kaisers!“

Der Starost fragte, was er tun solle. Der Fürst erwiderte ihm, er müsse

unbedingt vor Abend noch in Atschinsk sein. Er müsse daher sobald wie

möglich über den Fluß. Es wurde eine kurze Beratung unter den Muschiks

gehalten, an deren Schlusse der Alte mit einer Verbeugung erklärte,

er hoffe uns in einigen Stunden über den Kemtschug setzen zu können.

Inzwischen lud er uns ein, in seiner Isba zu warten, wo uns seine Frau

in den Ehrentassen Tee anbot.

[Illustration: Alter sibirischer Starost.]

Im nächsten Augenblick befand sich ganz Bolschaja unter den Waffen;

die Bauern versammelten sich am Flußufer, mit Äxten, Stricken, Eimern,

Spaten ausgerüstet. Hinter den doppelten Scheiben des Fensters

beobachteten wir mit Neugier dieses Leben und Treiben; die Anwesenheit

der Eimer befremdete uns. Der Starost befehligte die Arbeit, und bald

begriffen wir seinen Plan und damit auch den Zweck der Eimer. Man

wollte das gesunkene Boot heben, von dem eine Spitze aus dem Wasser

hervorragte. Einige Männer stiegen in den Fluß und befestigten die

Stricke an dem Fahrzeug; auf diese Weise konnte es mit leichter Mühe

in die Nähe des Ufers gezogen werden. Dann entleerte man es mittels

der Eimer und machte es wieder flott. Die Arbeit dauerte einige

Stunden. Rasch wurden dann Bretter und Balken nach dem Ufer gebracht

und mit der außerordentlichen Geschicklichkeit, welche die Muschiks

für Holzarbeiten besitzen, bauten sie in kurzer Zeit eine feste

Landungsbrücke.

Als alles fertig war, kamen wir eiligst heran. Das Automobil wurde

angeseilt und auf das Fährboot gezogen, und dieses begann seine Fahrt,

von den im Wasser stehenden Männern geschleppt, gestoßen und begleitet.

Das an ihm befestigte Seil war auf das andere Ufer geworfen worden,

wo eine große Schar von Männern daran zog. Auch die Ausschiffung ging

leicht vonstatten. Das Automobil wurde wie ein Triumphwagen von der von

Wasser und Schweiß triefenden, aber mit ihrem Erfolge zufriedenen Menge

an das Ufer gezogen.

Nachdem wir unter die wackeren Bewohner von Bolschaja eine

entsprechende Belohnung verteilt hatten, setzten wir um die Mittagszeit

unsere Reise unter herzlichen Abschiedsrufen fort. Die Straße wurde

etwas besser. Streckenweise begannen wir auf Steppengebiet zu stoßen.

Um 3 Uhr kam Atschinsk in Sicht, das 200 Kilometer von Krasnojarsk

entfernt ist.

Atschinsk taucht vor dem, der von Osten kommt, mit einem Male auf

und bietet einen ungemein malerischen Anblick dar. Man fährt durch

Birkenwäldchen, dann senkt sich die Straße, und in der Vertiefung

entdeckt man zwischen Bäumen die Kuppeln und Glockentürme der Stadt,

bald darauf auch die kleinen weißen Häuser, deren Dächer gegen einen

großen Fluß, den Tschulym, geneigt sind, jenseits dessen sich eine

unermeßliche Ebene im Dunste der Ferne verliert.

Vor den Toren von Atschinsk hatte sich eine Anzahl Bürger versammelt,

die uns ankommen sehen wollten. Sie hatten ihre Tarantasse unter

die Bäume gestellt und erwarteten uns am Rande des Weges. Ein

Polizeioffizier machte uns Zeichen durch Wehen mit dem Taschentuche.

Als er uns halten sah und fürchtete, daß er sich uns mit Worten nicht

verständlich machen könne, begann er eifrig mit ausdrucksvollen Gesten

das Essen, Trinken und Schlafen anzudeuten, mit einer Mimik, die die

Umstehenden sehr zu belustigen schien. Wir baten den Offizier, auf dem

Automobil Platz zu nehmen und uns an den Ort zu geleiten, wo man essen,

trinken und schlafen könne. Er schien sehr erstaunt zu sein, als er

sich russisch anreden hörte.

Das Gerücht von unserer Ankunft hatte sich in ganz Atschinsk

verbreitet. Die Leute standen am Fenster und liefen aus den Läden. Wir

kamen an niedrigen Gebäuden vorüber, die mit festen Gittern versehen

und von Schildwachen umgeben waren; es waren die bekannten Gefängnisse.

Auch hierher war die große Nachricht gedrungen. Die Sträflinge

erwarteten uns. Hinter den Fenstern drängten sich die geschorenen

Köpfe einer über dem andern, so daß sie wie übereinandergeschichtet

erschienen; Dutzende von Händen umklammerten krampfhaft die Eisenstäbe,

und auch im Halbdunkel des Innern war ein Aufleuchten gieriger Blicke

zu bemerken.

Wir wohnten in einer elenden Herberge aus Holz, die sich den stolzen

Titel „Hotel“ gab. Es war der beste Gasthof der Stadt. In der Nacht

kamen Männer und klopften an die Tür. Niemand öffnete, weil sich in

der Herberge niemand befand als wir. Ein junger Mann war spät abends

von draußen gekommen, um uns das Essen zu bringen, und war dann wieder

gegangen. Die Männer schrien, sie wollten ins Haus, und sie kamen auch

hinein; beim Scheine einer Kerze drangen sie in unsere Zimmer und

verlangten gebieterisch eine Schlafstätte. Es waren Kaufleute, in Pelze

gehüllt und mit Straßenschmutz bespritzt, die von irgendwoher gekommen

waren.

Es gelang uns aber, sie zu bewegen, ihr Heil anderwärts zu versuchen,

und lärmend entfernten sie sich wieder. Um 3 Uhr früh erschien der

junge Mensch mit einem angezündeten Samowar für unseren Tee. Dieser

Gasthof -- wenn ich mich recht entsinne, nannte er sich „Hôtel

d’Europe“ -- hatte sicherlich die sonderbarste Art der Bedienung, eine

Bedienung, die außerhalb des Hauses wohnte. Wenn uns die Polizei nicht

hergeführt hätte, so hätten wir glauben können, wir seien in einen

Hinterhalt geraten.

Um 3½ Uhr brachen wir schon wieder auf. Unsere Morgentoilette war

bald gemacht, da wir in den kleinen Städten angekleidet zu Bett gehen

mußten; in unsere Pelze gehüllt, lagen wir in den leeren Bettstellen,

mit einem Sacke als Kopfkissen. Wir beeilten uns, die Waschungen auf

dem Hofe unter großem Wasserverbrauch vorzunehmen, zur Überraschung der

Sibirier, die sich unter einer Art Tropfenzähler zu waschen pflegen,

der in einer halben Stunde ein Glas Wasser von sich gibt. Die Muschiks

nehmen, wenn sie einmal Lust haben sich zu waschen, den Mund voll

Wasser, um es zu erwärmen, spucken dann ein wenig davon auf die hohle

Hand und reinigen sich damit das Gesicht.

Der Polizeikommandant, bei dem wir am Abend den Tee eingenommen hatten,

hatte uns mitgeteilt, daß außer den Räubern, an die wir uns schon

gewöhnt hatten, noch eine andere Gefahr zu fürchten sei: die Sümpfe.

Wir müßten sorgfältig achtgeben, um die richtige Straße nach Mariinsk

einzuschlagen, wo wir am nächsten Tage, 9. Juli, übernachten wollten,

und uns nicht in den mäandrischen Sümpfen der Ebene des Tschulym zu

verirren. Um dieses Unglück zu verhüten, bot er einen Führer in der

Person seines Leutnants an, der uns auf die richtige Straße geleiten

sollte. In der Tat fuhr der Leutnant am Morgen in einem von zwei

prächtigen Pferden gezogenen Tarantaß uns voraus.

Der Himmel war regnerisch; es war kalt. Unterhalb der Stadt setzten

wir über den Tschulym auf einem der üblichen sibirischen Fährboote,

das aus einer von zwei Booten getragenen Plattform bestand und einem

breiten Flosse glich, und fuhren dann, belästigt von wahren Wolken

von Insekten, über die niedrige, grasbewachsene Ebene, die hier und

da mit Binsen bedeckt ist, den Anzeichen sumpfigen Bodens. Der Weg

war morastig, aber nicht schwierig. Es behagte uns nicht, langsam

hinter dem Tarantaß herzufahren, und wir standen schon im Begriff,

ihn zu überholen und uns von dem bärtigen Offizier, unserem Führer,

zu verabschieden, fest davon überzeugt, den Sümpfen des Tschulym sehr

wohl die Stirn bieten zu können, nachdem wir über die des Chara-gol

triumphiert hatten, als das Automobil plötzlich anhielt und sich nach

einer Seite neigte.

Wir waren steckengeblieben. Die Sümpfe des Tschulym forderten

gebieterisch unsere Aufmerksamkeit.

Sechzehntes Kapitel.

Das gelehrte Tomsk.

Auf dem Wege nach Mariinsk. -- Im Morast. -- Unsere Freunde die

Muschiks. -- In Rucken und Stößen. -- Entmutigung. -- Das „große

Tier“. -- Im Gebüsch steckengeblieben. -- Tomsk. -- Nach Kolywan.

-- Der Ob und seine Sümpfe. -- Kolywan.

Das Automobil war mit den Hinterrädern eingesunken. Ettore, der am

Steuer saß, bemerkte bedauernd:

„Wenn ich rascher gefahren wäre, wäre ich vielleicht darüber

hinweggekommen.“

Überzeugt, daß die Schuld auf seiner Seite läge, wollte er sich ohne

Hilfe befreien, indem er den Motor in heftigen Rucken antrieb, bald

vorwärts, bald rückwärts. Aber die Räder glitten aus, drehten sich

in den Löchern und wühlten sich tiefer ein, so daß uns, die wir zu

schieben versuchten, Spritzer schwarzen Schlammes auf den Rücken und

ins Gesicht flogen.

„Es ist nutzlos! Wir brauchen Hilfe!“ rief Don Scipione.

Der Offizier ließ den Tarantaß wenden und jagte der Stadt zu, um

Leute und Balken zu suchen. Eine Stunde später langten Gendarmen an,

Soldaten, alle bewaffnet, die von einer Wachabteilung hergeschickt

worden waren; sie wurden von einem hünenhaften, bärtigen Sergeanten

befehligt, der aussah wie ein napoleonischer Sappeur. Es kamen auch

Schiffer vom Tschulym mit Brettern. Es bedurfte zweier voller Stunden,

bis die schwere Arbeit glückte, die Maschine zu heben und aus dem

Sumpfe zu ziehen.

Wieviel verschiedene Menschen hatten wir schon an dem Automobil

arbeiten, es schieben, ziehen, heben gesehen! Wieviel Sprachen hatten

dieselben Gedanken im Keuchen der Anstrengung ausgedrückt, wieviel

Wille hatte sich mit dem unseren vereinigt! Die Schar jener russischen

Soldaten mit den charakteristischen großen Kapuzenmänteln, die wie

Mönchskutten aussahen, mit den gewohnten flachen Mützen, mit den hohen,

plumpen Stiefeln, den Patronentaschen am Gürtel, den langen Säbel

an der Seite, alle rings um die große, graue Maschine beschäftigt,

gehorsam dem Befehle des riesenhaften Sergeanten, gegen die Speichen

der Räder gestemmt: diese Schar machte einen kriegerischen Eindruck.

Man konnte an eine Schlachtepisode, an die Rettung einer seltsamen

Kanone denken!

Wir durchquerten hierauf die weite Ebene ohne weitere Zwischenfälle

und gelangten in endloses, wellenförmiges Gelände mit bald kahlen,

bald waldigen Hügeln. Je weiter wir kamen, desto weniger fahrbar war

die Straße: überall gab es Löcher, Furchen, Gräben. Wir wählten daher

bald den einen, bald den andern Feldweg, infolge der beständigen

Selbsttäuschung des Menschen, daß die Stelle, an der er sich nicht

befindet, die bessere sei. Wahrscheinlich entspringt der Neid aus

dieser Täuschung. Mitunter verloren wir den Weg und mußten bis zum

letzten Dorfe zurückkehren, um ihn wiederzufinden. Immer hielt uns

die Hoffnung aufrecht, im nächsten Augenblick auf jene vortreffliche

Heerstraße zu gelangen, die sämtliche Landkarten uns verhießen und die

zu suchen wir herb enttäuscht 2000 Kilometer durchfuhren. Je länger

wir sie vergebens suchten, für desto näher hielten wir sie; in der

großen Entfernung, die wir zurückgelegt hatten, ohne auf sie zu stoßen,

erblickten wir einen unwiderleglichen Beweis für ihre unmittelbare Nähe.

[Illustration: Eine Panne auf einer sibirischen Straße.]

Die Landschaft nahm den Charakter ermüdender Eintönigkeit an, überall

Steppe mit Gruppen von Blumen und Birken und kleinen Sümpfen. An

einer blumenreichen Stelle mußten wir anhalten, um eine Pneumatik zu

wechseln, wobei sich einige Muschiks um uns versammelten, die mit

ihren Telegas vorüberkamen. Sie wohnten der Verrichtung mit großem

Interesse bei, befühlten den Gummi, sprachen untereinander, befühlten

ihn wieder; das Aufblasen mittels der Luftpumpe wurde von ihnen mit

überzeugten Ausdrücken gebilligt. Aus ihren Gesprächen entnahmen wir,

daß sie sich eine sehr sonderbare Ansicht über das Automobil gebildet

hatten, die gleich nach der der Chinesen von dem eingeschlossenen

Pferde kam, eine Ansicht, die, wie wir später unter andern Umständen

fanden, eine der natürlichsten für die Denkungsweise des Muschiks

war. Das, was ihm am Automobil am meisten auffiel, war die Dicke der

Gummireifen, und in diesen Reifen erblickte er das ganze Geheimnis der

Bewegung. In den Gummireifen liegt die Kraft, die Geschwindigkeit; sie

enthalten die wunderbare Maschine, die die Räder dreht; deswegen sind

diese auch so groß. Der Chinese ist grüblerisch, der Slawe schlicht;

der eine hat zuviel Einbildungskraft, der andere zuwenig. Der Muschik

ist dem Wahrscheinlichen stets näher; man könnte sagen, er sieht die

Dynamomaschine im Geiste vor sich.

Um 5 Uhr abends setzten wir auf einer Fähre vor der Stadt Mariinsk

über den Kija. Trotzdem er den Anschein eines großen Flusses hat,

ist der Kija doch nur ein Nebenfluß des Tschet, eines Nebenflusses

des Tschulym. Es handelte sich im Grunde um einen seichten Fluß; er

führte aber Hochwasser und erschien uns ziemlich ansehnlich. Das andere

Ufer stand voller Menschen. An ihrer Spitze befand sich der Pristaf,

ein schöner, alter, mit dem Andreaskreuze geschmückter Mann, der uns

feierlich begrüßte. Nachdem er uns willkommen geheißen hatte, bat er

uns, langsam, sehr langsam in den Ort einzufahren. Fürst Borghese

beruhigte ihn, es würden keine Unglücksfälle vorkommen.

„Nein, nein, ich weiß es“, erwiderte der Pristaf mit höflichem Lächeln.

„Ich ersuche Sie nur, langsam zu fahren, damit die meiner Leitung

unterstehenden Bürger Sie mit voller Bequemlichkeit bewundern können.“

Diese Bitte des väterlichen Gebieters der Stadt war völlig zwecklos,

da die Straßen von Mariinsk sich in einem solchen Zustande befanden,

daß sie uns von selbst zu prozessionsmäßig feierlichem Fahren

nötigten. Die Menge umringte uns, die Knaben natürlich in erster

Reihe, und zwischen den Fußgängern bewegten sich Reiter und Droschken

mit dem aristokratischeren Teile der Bevölkerung. Wir wurden in ein

„Semstwoskaja Dom“ geleitet, nachdem wir von früh 3½ Uhr bis abends

½6 Uhr, das heißt in vierzehn Stunden ununterbrochener Fahrt, 160

Kilometer zurückgelegt hatten, also nicht ganz 11½ Kilometer in der

Stunde. Am nächsten Tage sollten wir allerdings noch weniger leisten.

Wir erhoben uns um 2 Uhr und brachen um 3 Uhr auf. Wir hatten die

Stunde der Abfahrt immer früher angesetzt, um von der Klarheit der

Nacht -- denn das schöne Wetter zur Nachtzeit hielt an -- und von der

beständigen Helligkeit Nutzen zu ziehen. An diesem Tage, 10. Juli,

wollten wir gegen 1 oder 2 Uhr das 237 Kilometer entfernte Tomsk

erreichen und uns auf diese Weise fast einen halben Tag Ruhe gönnen.

Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt, und seine Beschlüsse sind

bekanntlich unwiderruflich.

Die Straße war anfangs gut, zuletzt aber schauderhaft. Ich habe schon

gesagt, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie schlecht die

sibirische Straße bei Regenwetter ist, und doch gibt es vom Standpunkt

des Automobilsports aus noch etwas Schlimmeres: das ist die sibirische

Straße nach dem Regen. Wenn es regnet, ist der Morast tief, aber weich

und flüssig, das Fahren gleicht dem Passieren einer Furt; die Räder

gleiten, rutschen, schleifen über den Boden hin, sie tun alles eher als

sich drehen, aber sie bleiben nicht stecken. Hat es jedoch aufgehört

zu regnen und die Straße beginnt zu trocknen, so wird der Morast

klebrig, das Automobil versinkt und kann nicht weiter. Einsinken ist

viel schlimmer als Gleiten. Wir teilten die unangenehmen Zwischenfälle

unserer Reise nach ihrer Schwere in vier Grade: Umstürzen, Einsinken,

im Sande stecken bleiben, Gleiten. Das Einsinken war ein Unfall zweiten

Grades. Auf der Straße nach Tomsk hatten wir nicht weniger als achtmal

diesen Unfall zweiten Grades zu bestehen.

[Illustration: Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des

Automobils.]

Die Sonne war daran schuld. Buchstäblich. Am Morgen begrüßten wir

mit Freuden einen Umschwung der Witterung. Der Wind drehte sich,

die am Horizont aufsteigenden Wolken zerrissen und trieben in

weißen Fetzen über den klaren Himmel fort, und die Sonne ging auf,

strahlend, rein, warm. Schon gegen 5 Uhr begann der Morast bedrohlich

zu werden. Wir merkten, wie die Maschine sich anstrengen mußte, um

nicht steckenzubleiben, und wußten kein anderes Mittel dagegen als die

Schnelligkeit. Wir fuhren in Sprüngen. Aber innerhalb der Dörfer war es

wegen der Hindernisse, der quer über den Weg gelegten Bretter und der

frei umherlaufenden Tiere, unmöglich, rasch zu fahren. Wo der Morast

am tiefsten war, sanken wir mit erbitternder Regelmäßigkeit ein und

blieben zwischen den Häusern lange Zeit im Schmutze stecken.

In Tomsk erzählte ein glaubwürdiger Beamter Pierre Leroy-Beaulieu, dem

bekannten Erforscher des zeitgenössischen Rußlands, von einem Ochsen,

der zur Zeit der Schneeschmelze vor der Tür seines Stalles im Morast

ertrunken sei. Ich führe einen so hervorragenden Gewährsmann an, weil

die Tatsache unglaublich erscheinen könnte, während sie im Grunde

keine Übertreibung enthält. Es genügt, durch Sibirien zu reisen, um

sich davon zu überzeugen. Im Schmutze der Dörfer ertrank auch unsere

Geduld. Die Bewohner legen, um sich einen Weg zu schaffen, Bretterstege

längs der Häuser an, und um den Wagen das Durchkommen zu erleichtern,

werfen sie Reisigbündel, Baumzweige und Stroh auf den Morast. Aber

diese Füllmittel gaben unter der Last des Automobils nach. Auf manchen

Straßen, zweifellos den besten, sind Baumstämme querüber gelegt, so daß

eine Art einfacher Pflasterung entsteht, die wir mitunter auch fern

von den Dörfern antrafen; unsere arme Maschine schnellte dann in einem

fort in die Höhe und drohte jeden Augenblick in Stücke zu brechen.

Aber in den Dörfern fanden wir zum Glück dicht neben dem Übel auch das

Heilmittel: die Bewohner erwiesen sich stets freundlich und hilfsbereit.

Wären die Muschiks wirklich jene Räuber, als die sie geschildert

werden, so hätten sie uns hundertmal in voller Seelenruhe ausplündern

können. Wir haben in ihnen Freunde gefunden voller Gutmütigkeit,

Selbstverleugnung, Schlichtheit, Klugheit und Unermüdlichkeit. Die

Frauen glaubten freilich, unser Wagen werde vom Teufel in Bewegung

gesetzt, und machten wiederholt mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes;

aber die Männer zeigten keine Furcht vor ihm, namentlich wenn der

Teufel ihnen Gelegenheit bot, einige Rubel zu verdienen.

Mit Hilfe der Bauern stellten wir gewaltige Hebel her, die die Maschine

in die Höhe hoben und gestatteten, Steine oder Holzklötze unter die

Räder zu legen. Diese Rettungsarbeiten dauerten immer einige Stunden.

Fern von den Dörfern, ohne Hoffnung auf rasche Hilfe, war unsere Lage

beängstigend. Das Automobil war dermaßen mit Schmutz bedeckt, daß

der Zutritt der Luft zum Kühlapparat unmöglich geworden war. Der zu

angestrengter Tätigkeit genötigte Motor erwärmte sich und strömte eine

glühende Hitze aus; er drohte zu schmelzen. Mitten zwischen soviel

Schlamm fanden wir kein Wasser, um den Kühlapparat neu zu füllen, der

aus dem Verschlußventil unter Pfeifen Dampfwolken ausstieß. Wenn dieses

Ventil geöffnet war, in der Hoffnung, das die Zylinder umspülende

Wasser abzukühlen, so stieg eine hohe Säule kochenden, dampfenden

Wassers daraus empor, ein wahrer Geiser, der uns zurückfahren ließ und

uns zwang, das Gesicht mit dem Arme zu bedecken. Wir mußten mit dem

Spaten im Morast herumgraben, Löcher aushöhlen und warten, bis sich

etwas erdiges Wasser angesammelt hatte, um ein Glas auf einmal schöpfen

zu können. Und mit diesem zähen Schlamme füllten wir den Kühlapparat

von neuem. Der Benzinverbrauch war riesig; der Akzelerator mußte

unausgesetzt in Tätigkeit sein; wir waren stets von Wolken weißen,

scharfriechenden Dampfes umgeben.

[Illustration: Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.]

Über die Gräben ging es im Fluge hinüber, da wir den mit Morast

bedeckten Grund fürchteten. Dann richtete sich das Automobil mit den

Vorderrädern in die Höhe und schlug heftig auf den Boden auf. Bei

einem dieser Sätze hörten wir einen metallischen Klang, als ob etwas

zerspränge. Der hintere Teil des Automobils war mit solcher Kraft auf

den Boden aufgestoßen, daß der Benzinbehälter auf der Erde schleifte

und die eiserne Hülle abgestreift wurde wie eine Orangenschale.

Stundenlang schwiegen wir. Ein erster trüber Schatten des Zweifels

legte sich über unsere Siegeshoffnungen.

Bisher hatten wir uns der Täuschung hingegeben, jede sich darbietende

Schwierigkeit, jede Gefahr sei die letzte. Wir glaubten, die Reise

bei dem schlechten Ende begonnen zu haben, und daß, je weiter wir

vorwärtskämen, alles desto leichter gehen müsse. Jetzt bemerkten wir

aber, daß sich die Hindernisse steigerten. Noch nie hatten wir eine so

schlechte Straße angetroffen, und wir befanden uns noch kaum in der

Mitte Sibiriens! Jeden Tag arbeiteten wir, ohne uns Ruhe zu gönnen,

sechzehn, achtzehn Stunden unermüdlich, um über diese niederträchtigen

Strecken hinwegzukommen. Würde aber das Automobil solchen Anstrengungen

gewachsen sein, für die es nicht geschaffen war? Die Maschine selbst

war ja noch unversehrt, aber die Karosserie war bei den Stößen und

Rucken aus den Fugen gegangen, der Zusammenhang ihrer Teile war

gelockert, sie schwankte hin und her, und wir fühlten unter unseren

Füßen das Auseinanderweichen der Bretter. Die Behälter drohten von

ihren Plätzen herabzufallen. Ich fragte den Fürsten schließlich:

„Kann das noch lange so fortgehen?“

„Nein“, entgegnete er.

„Wie lange kann das Auto noch Widerstand leisten?“

„Höchstens 500 Kilometer.“

In diesen Augenblicken der Entmutigung waren wir überzeugt, daß uns

noch Tausende von Kilometern ebenso schlechter Wege erwarteten. Es war

also zu Ende!

Wir überwachten den Gang des Automobils mit einer Furcht, die nicht

frei von Zuneigung war. Wir hatten schließlich diese Maschine, die

uns trug, liebgewonnen. Wir betrachteten sie beinahe wie ein lebendes

Wesen, nannten sie „unser großes Tier“, riefen ihr „Bravo!“ zu,

wenn sie die Schwierigkeiten überwand, bedauerten sie, wenn sie im

Straßenschmutze steckenblieb, spornten sie bei steilen Aufstiegen mit

ermunternden Worten an, als sei sie ein Pferd. Seit einem Monat hatten

wir sie keinen Augenblick verlassen, wir lebten mit ihr, und unsere

Ermüdung schien auch die ihre zu sein. Ein solch inniges Verhältnis

hatte uns mit ihrer Natur bekannt gemacht, daß alle Geräusche und

Töne ihrer Bewegungen uns vertraut waren und wir die geringste

Unregelmäßigkeit sofort wahrnahmen. Wir horchten stets mit größter

Angst auf das Schnaufen des Motors und spähten nach dem gefürchteten

ersten Anzeichen einer Erkrankung.

[Illustration: In der Nähe von Tomsk eingesunken.]

Um 7 Uhr abends trafen wir auf eine kurze Strecke guten Weges und

gaben die Hoffnung nicht auf, Tomsk zu erreichen. Die Stadt war noch

54 Kilometer entfernt. Um 9, um 10 Uhr konnten wir uns in einem ihrer

großen Hotels befinden. Da kam ein kleiner Sumpf auf dem Grunde eines

breiten Grabens in Sicht. Keine Möglichkeit, ihn zu umgehen. Rechts

und links dichter Wald von Birken und Tannen -- ein versprengtes Stück

Taiga. Der Fürst stieg ab, um das Gelände zu prüfen, watete in den

Sumpf hinein und fühlte, wie seine Füße im Moraste versanken. Es gab

kein anderes Mittel als Eile.

Das Automobil fuhr zurück, nahm einen Anlauf, schoß in den Graben

hinein, den Morast mit seinen Vorderrädern zerteilend, und stürmte

mit einem furchtbaren Katzensprunge weiter. Schon glaubten wir die

Gefahr vorüber, als wir uns festgehalten fühlten, während der Motor

fortarbeitete. Die Maschine war nicht ganz hinübergekommen, die

Hinterräder waren bis an die Ränder eingesunken. Sie saßen fest und

unbeweglich wie in einem Schraubstock, und weder der Anstrengung des

Motors noch der Kraft unserer Arme gelang es, sie von der Stelle zu

rücken.

In der Entfernung von drei Kilometern mußte ein Dorf liegen:

Turuntajewa. Don Scipione ließ uns zur Bewachung des Automobils zurück

und machte sich auf den Weg, um Hilfe zu holen. Nach einer Stunde sahen

wir ihn zurückkommen in Begleitung von zehn Muschiks, die vier Pferde

führten. Die Bauern hatten ihm auf seine ersten Bitten nicht folgen

wollen, bis er dem Starosten seine wundertätigen Schriftstücke gezeigt

hatte.

Die Pferde wurden angespannt und zogen, und die Männer zogen mit, aber

alle ihre Anstrengungen waren vergebens. Die Muschiks zerstreuten sich

daher im Walde, um Bäume zu fällen und sie zu Hebeln zurechtzuhauen.

Gegen 9½ Uhr machten wir uns von neuem an die Arbeit. Mit Hilfe der

Hebel war die Befreiung leicht. In wenig mehr als einer halben Stunde

konnten wir unsere Fahrt fortsetzen, um in dem Dorfe Turuntajewa im

Hause einer alten Bäuerin zu übernachten.

Heute hatten wir den ersten Monat unserer Reise vollendet!

Früh 3 Uhr verließen wir Turuntajewa. Nach Zurücklegung von etwa 20

Kilometern gelangten wir in ein großes Dorf: Chaldejewa. Bevor wir es

durchfuhren, wollten wir seinen Straßenschmutz kennen lernen und fanden

ihn unpassierbar. Wir klopften an die Isba des Starosten und baten ihn,

uns fünf starke Zugpferde zu beschaffen.

In diesem Augenblick kam ein von zwei Pferden gezogener Tarantaß an,

und heraus stieg ein Polizeioffizier, der uns diensteifrig fragte, was

vorgefallen sei.

„Nach Tomsk,“ erklärte er uns, „ist das Gerücht gedrungen, Sie seien

angefallen worden. Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, hat mir heute

nacht den Befehl erteilt, unverzüglich aufzubrechen, um Sie zu suchen.

Und so bin ich denn bis hierher gelangt, nachdem ich von Dorf zu Dorf

gefahren bin. Ich freue mich, daß Sie gesund und wohlbehalten sind.“

Zwei Stunden später erblickten wir die goldfunkelnden Kuppeln von

Tomsk, die sich von dem dunkeln Hintergrund der Wälder abhoben.

Der Chef der Polizei, umgeben von seinen Offizieren, erwartete uns am

Eingange von Tomsk und begrüßte uns herzlich.

„Der Gouverneur erwartet Sie“, sagte er dann. „Er wünscht Sie sofort zu

sprechen.“

„In diesem Aufzuge?“ fragten wir und deuteten auf unsere beschmutzten

Kleider und unser staubiges Gesicht.

„So, gerade so! Er will Sie bewillkommnen. Ich geleite Sie zu ihm.

Folgen Sie mir nur.“

Er stieg in eine glänzende Equipage, die von einem hünenhaften Kutscher

in blauem Armiak gelenkt wurde. Die Fahrt war entsetzlich. Die Straßen

der geistigen Hauptstadt Sibiriens gaben denen von Chaldejewa nichts

nach, und wir waren mehrmals in Gefahr, schmählich Schiffbruch zu

leiden. Aber trotz der Niederträchtigkeit seiner Straßen erschien

uns Tomsk bewundernswert, elegant, großartig, vielleicht infolge

des Kontrastes zur Taiga. Wir fuhren über Märkte, die gedrängt voll

Menschen standen, genau wie in Irkutsk. Je weiter wir aber in das

Innere der Stadt kamen, desto mehr verlor sie die charakteristischen

Eigentümlichkeiten sibirischer Städte, sie verfeinerte sich; wir

erblickten moderne Paläste, große Magazine, Speicher und dann ein

prunkvolles Hotel, wo wir später Wohnung nahmen.

Tomsk unterschied sich unserer Meinung nach nicht von den vielen großen

Städten des europäischen Rußlands, sein Leben und Treiben konnte den

Anschein erwecken, als befänden wir uns in einer der Vorstädte von

Petersburg. Da fuhren die raschen Droschken mit dem schmalen Sitze

ohne Lehne, auf dem man sich, wenn man zu zweien fährt, gegenseitig

mit den Armen umfassen muß, Lastwagen, Zweiräder. Auf den Trottoirs

spazierten -- ein unerwarteter Anblick -- elegante sibirische

Damen in Sommertoiletten. Tomsk schien uns in der Tat den Ruf der

aristokratischen Stadt, den es genießt, zu verdienen.

Die sibirische Eisenbahn hat die Stadt weit abseits liegen lassen

und sie vielleicht in ihrem Handel geschädigt. Aber Tomsk führt ein

gewählteres Leben: es ist der große geistige Mittelpunkt Sibiriens.

Die ganze wißbegierige Jugend strömt in seine schöne Universität, die

nach Art der amerikanischen Universitäten isoliert in einem malerischen

Birkenhain liegt, zwischen dessen Zweigen man die kleinen zierlichen

Häuschen der Studenten erblickt. Aus ganz Sibirien strömt die Jugend

auch in die moderne Technische Schule wie nach der großartigen

Bibliothek. Man nennt die Stadt „das gelehrte Tomsk“.

Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, empfing uns mit

freundschaftlicher Gesprächigkeit und lud uns zum Frühstück und zum

Diner ein. Wir brachten viele Stunden in seinem Palaste zu, in dessen

Salons die großen Kamine wie mitten im Winter geheizt waren, und wo wir

das wohlige Gefühl hatten, von der rauhen Einsamkeit auszuruhen. Der

Oberst zeigte uns seine Bären im Garten; sein Sohn führte uns herrliche

Pferde vor, prächtige Exemplare des heimischen, in Rußland berühmten

Schlages, und die Baronin ließ uns ihre Damhirsche bewundern, die ihr

das Futter aus der Hand nahmen. Am Torgitter des Palastes standen

die Bittsteller: bei einem Streite verwundete Zigeuner, Muschiks,

die Beschwerden vorzubringen hatten, eine zerlumpte, schweigende,

geduldige, hartnäckige Schar, die nichts von einer Unterredung mit

den Beamten und Offizieren wissen, die den Gouverneur selbst sprechen

wollte und auf die Audienzstunde wartete. Der Gouverneur näherte

sich dem Tore, hörte die Klagen an und schickte die Leute mit den

Worten nach Hause: „Wir wollen sehen!“ Und die Menge zerstreute sich,

zufrieden, mit „_ihm_“ gesprochen zu haben.

[Illustration: Das Fährboot mit Pferdebetrieb.]

Baron von Nolcken, ein sympathischer Vertreter des Adels, wenn ich

nicht irre, von deutscher Herkunft, hat das Gesicht voller Narben.

Sie sind ein Andenken an die Revolutionäre. Vor zwei Jahren, als

er Vizegouverneur von Warschau war, erhielt er Drohbriefe und fand

auf seinem Schreibtische sein von den Revolutionären beschlossenes

Todesurteil. Eines Abends wurde er überfallen, verwundet und als tot

auf der Straße liegengelassen; er hatte 42 Wunden erhalten. Er wurde

aber geheilt und dann zum Gouverneur der Provinz Tomsk ernannt, die so

groß ist wie das Deutsche Reich. Die Gouverneurstellungen in Sibirien,

die einstmals als Strafposten betrachtet wurden, sind jetzt am meisten

umworben und werden als Belohnung verliehen. Gefahrvoll sind auch sie

-- der Gouverneur von Omsk wurde im vorigen Jahre mitten auf der Straße

samt zwei ihn begleitenden Gendarmen ermordet --, aber immerhin weniger

gefährlich als die im europäischen Rußland, wo ein wahres Blutbad unter

den Gouverneuren angerichtet wird. Auch der Polizeikommandant von Tomsk

hat den Nihilismus kennen gelernt; auch er kam aus Warschau.

„Es würde sich in Warschau ganz nett leben lassen,“ sagte er, als er

uns seine Erlebnisse erzählte, „aber in diesem schönen Orte wird zuviel

geschossen!“

In geringer Entfernung vom Sitze des Gouverneurs liegen die Ruinen

eines großen Palastes. Es war ein prächtiges Theater, das ein reicher

Kaufmann geschenkt hatte und das vor zwei Jahren von meuternden

Soldaten in Brand gesteckt worden war. Da sie den Gouverneurspalast

nicht zerstören konnten, zündeten sie wenigstens einen der

Nachbarpaläste an. Es gab nach dem Kriege eine Zeit, in der das ganze

Reich in Stücke zu gehen drohte. Die Welt vernahm nur ein undeutliches

und unvollständiges Echo dieses Beginns der Katastrophe. In Irkutsk,

in Krasnojarsk, in Tomsk, in Omsk stellten Telegraph und Post die

Tätigkeit ein, die Züge mußten von treugebliebenen Soldaten geführt

werden, aus der Mandschurei zurückkehrende Truppen trugen die Schrecken

des Krieges auf den Boden des eigenen Vaterlandes, der Handel stockte,

alle Geschäfte und Häuser waren verbarrikadiert, die großen Städte

schienen ausgestorben zu sein. Und all dies geschah dort draußen

nicht, um einem Ideal zum Siege zu verhelfen, um einen politischen

Kampf auszufechten. Das war keine Revolution; es war eine weit weniger

verwickelte Erscheinung: Hunderttausende von Menschen hatten im Kriege

das Morden und Verwüsten gelernt und befolgten auch nach den Schlachten

die erhaltenen Lehren!

Als wir spät abends ins Hotel zurückkehrten, begegneten wir auf der

öden, vom rosigen Schimmer der sibirischen Nacht beleuchteten Straße

Regimentern, die aus dem Lager kamen. Die Soldaten sangen auf dem

Marsche ihre Lieder und in den Gewehrläufen trugen sie Sträußchen von

Feldblumen.

Am folgenden Tage, 12. Juli, früh 4 Uhr verließen wir Tomsk bei einem

Wetter, das immer noch drohend aussah. Vor uns her galoppierten zwei

Kosaken, die den Befehl erhalten hatten, uns den Weg aus der Stadt zu

zeigen. Eine Anzahl von Velozipedisten und Motorradfahrern gab uns das

Geleit.

Wir hofften nicht mehr auf das Wiedererscheinen der Sonne. Nach dem

960 Kilometer entfernten Omsk zu gelangen, gleichviel wann, erschien

uns als ein unerreichbarer Wunsch. Oberst von Nolcken hatte uns ein

Verzeichnis der bedeutendsten Dörfer auf unserer Route, in denen wir

haltmachen könnten, zusammenstellen lassen. Wir rechneten auf eine

Tagesleistung von nicht mehr als 150 Kilometern. Wer hätte glauben

können, daß die Sonne uns begleiten würde, anfangs schüchtern,

bleich, zögernd und, kaum zum Vorschein gekommen, sich sofort wieder

versteckend. Und daß diese Sonne immer kühner, wärmer werden würde,

bis sie endlich mit sengender Glut auf uns niederbrannte, den Schmutz

trocknete, die Straße hart machte und uns sichere Bahn für unsere Fahrt

verschaffte? Nein, wir rechneten auf Regen!

Unser seltsamer Aufzug verließ die Stadt und hielt wenige Minuten

später auf dem rechten Ufer des Tom, der, breit wie ein Meeresarm, im

Nebel dahinströmte.

„~Regardez ici, Messieurs!~“ befahl uns eine gebieterische Stimme.

Es war ein Photograph von dem Aussehen eines Kavallerieoffiziers a.

D., der, unterstützt von seiner Frau, einen riesigen photographischen

Apparat aufgestellt hatte und uns nun seit wer weiß wieviel Uhr hier

auflauerte. Wir sahen hin. Er wechselte seine Platte und befahl uns:

„~Ne bougez pas!~“

„Wir haben aber Eile!“

„~Moi aussi!~“

Wir setzten über den Tom auf dem sonderbarsten Fährboot der Welt. Es

wurde von vier Pferden in Bewegung gesetzt, die auf dem Vorderteile des

Bootes in einem Göpelwerk im Kreise herumtrabten und dadurch einfach

gebaute, klappernde und träge Schaufelräder in Bewegung setzten.

Um 5 Uhr verließen wir das seltsame Pferdeschiff und fuhren längs

des linken Ufers des Tom südwärts. Nach einer Fahrt von etwa 20

Kilometern in einer hügeligen Landschaft gelangten wir in einen

prächtigen Wald von riesigen Tannen, dem letzten Ausläufer der dunkeln,

überwältigenden, düsteren Taiga. Es drängte uns, sie zu verlassen.

[Illustration: Sibirische Fährleute.]

Nach vier Stunden wurden die Baumgruppen immer seltener. Über die

grüne Monotonie der Steppe verstreut, erinnerten sie an die letzten

Wölkchen eines vorübergezogenen Gewitters. Das Gelände glättete sich

und wurde beinahe zur Einöde. Wir stießen auf wenige Dörfer und

gelangten dann auf das rechte Ufer des Ob, der noch breiter, langsamer,

träger und melancholischer ist als der Tom. Das andere Ufer ist so weit

entfernt, daß es nur als ein grüner Streifen am Horizont erscheint. Das

Trajektboot, das ebenfalls von Pferden getrieben wird, brauchte lange

Zeit zur Überfahrt. Die Fährleute teilten uns mit, daß wir 30 Kilometer

weit Sumpfboden antreffen würden.

Wir haben diese gefährliche Sumpfgegend in eigenartiger,

außergewöhnlicher Weise passiert.

Am Ufer erwartete uns der Pristaf von Kolywan, der auf Befehl des

Gouverneurs uns den Weg zeigen sollte. Ein mit drei Pferden bespannter

Tarantaß, der von einem kirgisischen Kutscher gelenkt wurde, wartete

auf ihn. Er sprang hinein und ersuchte uns, ihm mit der größten

Aufmerksamkeit zu folgen.

[Illustration: Auf dem Wege zwischen Tomsk und Kolywan eingesunken.]

„Wenn Sie auch nur einen Schritt vom richtigen Wege abweichen,“

erklärte er, „sinken Sie ein. Ich versichere Sie, Sie werden rasch

geführt werden.“

In der Tat peitschte der Kirgise unbarmherzig auf die Pferde; die

Troika rasselte in wilder Karriere davon und wir hinterher. Es war

ein verzweifeltes Jagen durch hohe Gräser und Stauden, zwischen

denen breite Flächen stehenden Wassers erglänzten. Nach fünf Minuten

erblickten wir einen Seitenpfad, der uns viel besser vorkam als der,

auf dem wir fuhren; wir bogen in ihn ein -- und versanken!

Zum Glück waren wir noch in der Nähe des Ob. Als jeder Versuch, die

Maschine mit Hilfe der drei Pferde freizubekommen, gescheitert war,

wandte sich der Kirgise kurz entschlossen dem Flusse zu und rief Leute

herbei. Es kamen Muschiks und Bootsleute, und in weniger als einer

halben Stunde waren wir aus dem Sumpfe wieder heraus.

„Ich habe es Ihnen ja gesagt, Knjäs Borghese,“ rief der Pristaf; „Sie

sollten mir folgen!“

Von diesem Augenblicke an folgten wir ihm mit der Treue eines Hundes.

Die Troika beschrieb phantastische Bogen; zeitweise verschwand sie

hinter Strauchwerk, Büscheln von Sumpfpflanzen, Zwergweiden und Binsen;

dann leitete uns der Klang der Glocke an der bogenen Duga, unter der

das Mittelpferd seinen Hals im Laufe vorstreckte; auch leiteten uns

die Peitsche und die Pelzmütze des Kirgisen, die wir über den Pflanzen

dahinschwebend erblickten. Oft spritzte das Wasser unter den Rädern

empor, und wir fühlten, wie das Automobil leicht einsank; aber die

Geschwindigkeit rettete uns. Dies rasende Dahinstürmen hatte etwas

Romantisches an sich. Wir empfanden das Vergnügen einer Jagd.

Alle zehn Kilometer fand die Troika frische Pferde und einen neuen

Kutscher vor. Der Wechsel vollzog sich mit Blitzesschnelle; wir

brauchten fast nicht zu warten. Wir setzten auf einer alten, aus den

Fugen gegangenen Barke über einen kleinen Fluß und mußten im Verein mit

dem Pristaf und den Muschiks hart arbeiten, um den Landungssteg, der

unter der Last des Automobils zusammenzubrechen drohte, zu verstärken.

Jenseits begann das Gelände wellig zu werden. Das Sumpfgebiet war zu

Ende. Gegen 7 Uhr sahen wir spitze Glockentürme über die flache Linie

des Horizonts emporragen. Eine halbe Stunde später trafen wir in

Kolywan ein.

Die Bevölkerung erwartete uns wie in Mariinsk. Sie hatte den Ort zu

Fuß, zu Pferde und in Telegas verlassen. Auch der Polizeimeister war

erschienen und stand allein in der Mitte eines Kreises, den man aus

Respekt freigelassen hatte. Er hatte uns kaum gesehen, als er auch

schon auf uns zuschritt, um uns offiziell anzureden. Aber unvermutet

wurde unser feierlicher Einzug durch einen einzigartigen Zwischenfall

gestört.

Hunderte von Rindern kehrten vom Felde nach ihren Ställen zurück mit

der Geschwindigkeit von Tieren, die nach Hause wollen, als ...

Aber es ist besser, ich erwähne erst die Gewohnheit der sibirischen

Rinder, die die beste soziale Erziehung verrät. Die Weiden in Sibirien

gehören fast alle der Gemeinde, sie sind Kollektiveigentum. Am Morgen

öffnen die Bewohner die Ställe, und die Rinder wandern vor das Dorf,

um gemeinsam das Gemeindegras abzuweiden; abends kehrt die Herde in

geschlossenem Zuge nach dem Orte zurück, wie es Kinder tun, wenn sie

aus der Schule kommen. Sobald die Herde in der Stadt ist, trennt

sich jedes Rind von seinen Gefährten und geht von selbst nach Hause;

es findet seinen Stall offen und geht hinein; die Herde wird immer

kleiner, bis nur noch ein einziges Rind übrigbleibt, das letzte, das im

letzten Hause verschwindet.

Wir langten in Kolywan gerade während der abendlichen Heimkehr der

Rinder des Ortes an. Sie scheuten vor dem Automobil, stürmten in den

Ort hinein und kamen zu gleicher Zeit mit uns in die Hauptstraße. Die

Bewohner flüchteten und der Polizeimeister verschwand, wobei ihm die

Hälfte seiner Begrüßungsrede im Halse steckenblieb. Wir fanden uns in

eine große Staubwolke eingehüllt, umringt von einem Walde von Hörnern,

inmitten von Getrappel, Gebrüll und Geschrei. Wir hätten glauben

können, im Zentrum eines gar seltsamen Stiergefechtes zu sein. Endlich

gelangten wir mit diesem Gefolge nach dem Gemeindehaus.

Nach kurzer Zeit erschien der Polizeimeister wieder und konnte den

Rest der so unglücklich unterbrochenen Begrüßungsansprache an den Mann

bringen. Sodann schilderte er uns die Notlage Kolywans.

„Eine Stadt, mit der es zu Ende geht!“ sagte er. „Sie war reich, und

jetzt ist sie arm; sie war bevölkert, und jetzt steht sie öde.“

„Und was ist schuld daran?“

„Die Eisenbahn. Kolywan ist nördlich von der Eisenbahn liegengeblieben

und daher verlassen worden. Alles wandert nach Nowi-Nikolajewsk aus,

das die Handelstätigkeit von Kolywan und von Tomsk an sich zieht --

eine große Stadt, die in einigen Jahren sogar schöner als Tomsk sein

wird. Sie hat bereits 20000 Einwohner!“

Die Städte schießen nicht nur in Amerika wie Pilze empor; auch Sibirien

hat viele Beispiele dieser Art aufzuweisen!

Eine Frau von energischem Wesen und umfangreichen Körperformen sorgte

für unser leibliches Wohl.

„Ich habe mir gedacht, Sie werden Hunger haben. Ich habe daher das

Essen bereiten lassen. Es wird gleich fertig sein. Es gibt Schtschi,

Koteletts, gebratene Hühner, Weißbrot, Bier, Tee ...“

O Kolywan, du Stadt der köstlichen Genüsse ...!

Siebzehntes Kapitel.

In der Steppe.

Die Steppe. -- Das Telegraphenamt in Kainsk. -- Die Bremse brennt.

-- Omsk. -- Das Erwachen Sibiriens. -- Müdigkeit. -- Nochmals die

Steppe. -- Ein Steppenbrand. -- Ischim.

Das Automobil hatte in Kolywan seinen täglichen Bedarf an Benzin und

Fett vorgefunden, wie dies an allen Haltepunkten bis zur Beendigung

unserer Reise der Fall war. Wir füllten daher die Behälter niemals

vollständig, um das Gewicht der Maschine nicht über Gebühr zu erhöhen,

sondern führten bei der Abfahrt nur so viel bei uns, daß es für 700-800

Kilometer reichte.

Am 13. Juli früh 4 Uhr rollten wir in der Richtung auf Kainsk dahin,

das 340 Kilometer von Kolywan entfernt ist. Der Himmel war bedeckt und

drohte wieder mit Regen. Eine Stunde nach der Abfahrt begann es auch

wolkenbruchartig zu regnen; es war aber nur ein kurzes Bad. Um 7 Uhr

hatte ein frischer Ostwind bereits die Wolken zerstreut, und die Sonne

strahlte vom heitersten Himmel, den es in der Welt geben kann.

Die Straße würde in Europa nicht einmal den Namen eines Feldweges

verdient haben; sie war aber fest, eben und gleichmäßig, und wir fanden

sie wunderbar, trotz der Sümpfe, die sich zu beiden Seiten hinzogen und

die von sehr hohem, dichtem Pflanzenwuchs bedeckt waren. Scharen von

Vögeln erhoben sich aus ihnen; weiße Reiher, Bekassinen, Wasserhühner

mit plumpem Fluge und wahre Wolken von Krähen mit weißer Brust, die

bisweilen, überholt von der Schnelligkeit des Automobils, es wie

toll umflatterten, schließlich dagegen anstießen und in todähnlicher

Erstarrung niederfielen. Eine Menge Schmetterlinge blieb am Kühler

hängen, der davon bedeckt war wie der Kasten eines Sammlers.

Wir waren glücklich, nach so langer Zeit wieder den Genuß voller

Fahrt kosten zu können. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die

Werstpfähle, die rasch an uns vorüberglitten; an manchen Strecken

kamen wir bis auf 60 Kilometer in der Stunde! Aber wir wurden durch

eine Unzahl von winzigen Brücken aufgehalten, die schon von fern

sichtbar waren, weil die Holzbrüstungen mit weißen, schwarzen und roten

Streifen bemalt waren und mitunter den Eindruck machten, als ständen

unbewegliche Gruppen von Menschen mitten in den Feldern. Sie waren so

kurz, daß, wenn die Vorderräder die Ausgangsrampe hinabfuhren, die

Hinterräder sich noch auf der Eingangsrampe befanden, und oft kam es

vor, daß das Automobil in dieser Stellung mit dem Motorgehäuse auf die

Dielung aufstieß, „auf den Bauch schlug“, wie wir sagten. Um dies zu

verhindern, mußten wir die Brücken mit großer Vorsicht passieren.

Durch die wenigen Dörfer, die wir antrafen, fuhren wir mit großer

Geschwindigkeit. Es war ein Feiertag. Wir begegneten Prozessionen

von Muschiks. Ihnen voran schritten die Popen, mit dem Chormantel

bekleidet, auf dem Kopfe die Mitra, die in ihrer Form an die russische

Kaiserkrone erinnert; hinterher die Frauen, den Kopf verhüllt mit

roten Tüchern, in kurzen Männerjacken und hohen Männerstiefeln. Die

Prozessionen nahmen die ganze Breite der Straße ein und schritten

langsam in Unordnung dahin, Kreuze und Heiligenbilder tragend, singend

und betend.

Um die heilige Handlung nicht zu stören, hielten wir; aber unsere

Vorsicht war unnütz. Die Gebete und Gesänge verstummten, die Frommen

mit Einschluß der Popen vergaßen für einen Augenblick den lieben Gott,

um uns verzückt in voller Muße zu betrachten; alle Heiligenbilder

wandten sich nach unserer Seite und zeigten uns die schwarzen

goldumrahmten Gesichter byzantinischer Heiliger. Erst nach einem

Weilchen setzte sich die Prozession wieder in Bewegung; die Gesänge

ertönten lauter und feuriger, um Vergebung für die Unterbrechung zu

erlangen. Zweifellos hatte das Automobil ihrer Andacht großen Schaden

zugefügt. Die Küster in den Kirchen, die festlich läuteten, wie es der

Brauch will, wenn die Prozession ihren Umzug hält, hörten auf zu läuten

und verfolgten, aus der erhöhten Lage der Glockentürme Vorteil ziehend,

mit den Blicken das Automobil, das in der Ferne in seiner Staubwolke,

die sich auf die Felder niedersenkte, dahinjagte.

[Illustration: Kirgise.]

Am Nachmittag gelangten wir in die eigentliche Steppenregion, die

Steppe von Barabinsk, die an die mongolischen Steppen erinnert.

Nur waren die mongolischen weit saftiger grün, wasserreich, von

Zwergbaumgruppen und winzigen Gebüschen belebt. Wir sahen hier Pflanzen

wieder, die, wie namentlich Birken, in der Taiga Riesengröße erreichen,

aber in der Steppe ganz niedrig bleiben, erbärmliche Karikaturen

ihrer selbst, die den Wunsch hegten, sich klein zu machen und im Gras

zu verstecken. Große Sümpfe und Seen erglänzten jeden Augenblick am

undeutlich erkennbaren Horizont; wenn wir sie von fern sahen, glaubten

wir, auf irgendein unbekanntes Meer zuzusteuern.

Auf dieser ganzen unermeßlichen Ebene öffnen sich überall

Wasserspiegel; Blau wechselt mit Grün, das Kräuseln der Wellen mit der

Unbeweglichkeit des Landes. Auf einer langen Strecke fuhren wir an den

Ufern des malerischen Sees von Ubinsk dahin, einer weithin erglänzenden

Wasserfläche. Über die zahlreichen Flüsse setzten wir auf bequemen

Barken.

In der Steppe sahen wir auch Jurten wieder; es waren kirgisische,

die sich in nichts von den mongolischen unterscheiden; diese kleinen

Kuppeln stellen vielleicht die einzige Gebäudeform dar, die den Orkanen

der Ebene widersteht. Es sind die Wohnungen aller Völker, die den

weiten Raum und die Einsamkeit lieben.

Gegen 7 Uhr gelangten wir nach Kainsk, das von Dutzenden von Windmühlen

umgeben ist, deren große unbewegliche Flügel am freien Horizont

aussehen wie große Kreuze auf einem Kirchhofe von Riesen. Unsere

Ankunft blieb beinahe unbemerkt, weil gerade Jahrmarkt war und in der

Mitte des Marktplatzes ein Zirkus und ein Karussell aufgeschlagen

waren. Drehorgeln und Trompeten erklangen; die Ausrufer schrien,

und die ganze Bevölkerung, die sich um jene wunderbaren Dinge

zusammendrängte, wandte der Straße, auf der wir ankamen, den Rücken

zu. Aber Soldaten sahen uns, drehten sich um, riefen ihre Kameraden,

und im Nu stand die Menge wie auf Kommando mit dem Rücken gegen die

Buden und mit den verwunderten Gesichtern uns zugekehrt. Die Drehorgeln

und Trompeten unterbrachen ihre Melodien, und die Ausrufer blickten

von der Höhe ihrer Estraden auf uns mit feindseliger Neugier herab

wie auf glückliche Konkurrenten. Wir fuhren durch die verödeten

Straßen, um einen Gasthof zu suchen, und fanden den erbärmlichsten und

schmutzigsten von ganz Sibirien.

Es gelang mir nicht, in das Telegraphenamt von Kainsk zu kommen. Ich

wurde zurückgewiesen, als wäre ich gekommen, um eine Dynamitbombe

dort niederzulegen. Ein junger Mensch begleitete mich. Die Türe des

Telegraphenamtes war geschlossen. Wir klopften, und eine gereizte

Stimme schrie mir hinter der Tür zu:

„Wer sind Sie?“

Ich nannte Namen und Stand.

„Kommen Sie morgen wieder!“

„Ich kann nicht. Ich reise bei Tagesanbruch ab und habe ein Telegramm

zu befördern.“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

„Öffnen Sie; ich werde Ihnen meine Ausweispapiere zeigen. Befördern Sie

keine Telegramme?“

[Illustration: Ergänzung des Wasservorrates in einem sibirischen Dorfe.]

„O ja. Aber ich kenne Sie nicht.“

Es war also ein Telegraphenamt ausschließlich für Bekannte.

„Ich muß an den Gouverneur von Tomsk telegraphieren.“

„Machen Sie, daß Sie fortkommen!“

Die Stimme hatte einen drohenden Klang angenommen. Ich beharrte aber

auf meiner Forderung. Der Mann hinter der Tür schrie mir etwas zu, was

ich nicht verstand, was aber der junge Mensch sehr gut zu verstehen

schien. Er ergriff eiligst die Flucht und machte mir ein Zeichen, ihm

zu folgen.

„Was ist denn los?“ fragte ich ihn.

Immer noch laufend, antwortete er mit der Geste jemandes, der ein

Gewehr abfeuert, und stieß dabei die einsilbigen aber beredten Worte

„Bum! bum!“ hervor.

Meine Zeitung mußte also an diesem Abend ohne Bericht über unsere Fahrt

bleiben. „Besser ist immer,“ dachte ich bei mir, „ohne Bericht als ohne

Berichterstatter“, und kehrte nach der Herberge zurück.

* * * * *

Bei Kainsk überschritten wir den Om in kurzer Entfernung von dem Orte

auf einer sonderbaren Holzbrücke, die sich gesenkt hatte, so daß

sie sich fast vollständig unter Wasser befand. Wir nannten sie die

Brückenfurt. Es war am 14. Juli 4 Uhr morgens. Wir setzten unsere

rasche Fahrt über eine unermeßliche Ebene fort, aus der wir bis zur

europäischen Grenze nicht mehr herauskommen sollten. Wir hatten keine

andern Höhen mehr zu erwarten als den Ural.

Nach zwei Stunden regnete es in Strömen, und die Straße wurde sofort

unpassierbar, so daß wir an einem Eisenbahnübergang Zuflucht im

Bahnwärterhäuschen suchten. Wir wollten nicht wieder zur Umwicklung

des Rades mit der Kette greifen, um durch diesen Schmutz zu kommen.

Ich habe zu erwähnen vergessen, daß das Manöver mit der Kette seine

Unzuträglichkeiten, sogar sehr schwerer Art, im Gefolge hatte,

die es uns unrätlich erscheinen ließen; die Kette zerschnitt den

Pneumatikreifen und, was schlimmer war, sie schädigte die Speichen

des Rades, indem sie ihre Befestigung am Radkranze lockerte. Das

linke Laufrad begann uns Sorge einzuflößen: es hatte Risse in den

Speichenhöhlungen und knirschte mitunter. Ein Radbruch bedeutete,

unrettbar auf der Straße liegenzubleiben. Wir mußten vorsichtig sein.

Übrigens hatte uns Sibirien gelehrt, die Ungeduld zu bemeistern.

Es brachte uns etwas von dem Fatalismus bei, der den Grundzug des

slawischen Nationalcharakters bildet und der wahrscheinlich gerade

von der Gewohnheit herrührt, sich unüberwindlichen Schwierigkeiten

gegenüberzusehen, die der Rauheit des Klimas entspringen. Man kann dort

draußen das dringendste Geschäft zu erledigen haben, man kann unter dem

Drucke der größten Notlage stehen, aber wenn das Wetter halt gebietet,

muß man sich darein fügen und gehorchen. Die Notwendigkeit, sich vor

dieser Gewalt zu beugen, unabsehbar lange Zeit zu warten, breitet

schließlich Heiterkeit über diesen erzwungenen Verzicht auf die eigene

Unabhängigkeit; man unterwirft sich instinktiv den höheren Mächten; man

beugt gelehrig und ohne Widerstreben das Haupt vor dem Wetter wie vor

den kaiserlichen Ukasen, vor der Überschwemmung wie vor den Anordnungen

der Polizei. Bei dem einen wie bei dem andern sagt man: „Nitschewo!“

Der oberste Autokrat Rußlands ist nicht der Zar, es ist das Klima.

Wie lange Zeit werden wir hier liegenbleiben müssen? Der Himmel

war dunkel und mit Regen beladen, als hätte es überhaupt noch nie

geregnet! Der Bahnwärter erklärte, wir hätten noch etwa 60 Kilometer

des schlechtesten Geländes vor uns, dann aber würde die Straße auch

bei Regenwetter gut, weil sie sandig sei. Nach einer Stunde bemerkten

wir, daß die Wolken nicht mehr von Westen nach Osten zogen, sondern in

Unordnung und in phantastischer Flucht geradeswegs nach Süden getrieben

wurden. Der Wind war also umgeschlagen. Wir waren dahin gelangt,

daß wir uns besser auf die sibirischen Winde verstanden als die

Kalendermacher. Westwind: „Regen“; Südwind: „Veränderlich und Nebel“;

Nord- oder Ostwind: „Heiter“! Es regnete noch immer, aber wir waren so

fröhlich geworden, als sei die Sonne bereits zum Vorschein gekommen.

Wir selbst heiterten uns früher auf als der Himmel. So bestiegen wir

die Maschine, ohne länger zu warten, und fort ging es.

Noch keine Stunde war vergangen, so wurde das Wetter ausgezeichnet, die

Straße gut, auf vielen Strecken sogar sehr gut. Wir rechneten manchmal

eine Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde aus und hielten

bequem eine mittlere Geschwindigkeit von 35 Kilometern. Das unendliche

Panorama der Steppe entrollte sich mit gleicher Eintönigkeit. Dörfer

waren vereinzelt und bestanden aus sehr kleinen Isbas; es fehlt in

diesen Gegenden an Holz, und die armseligsten Häuser Ostsibiriens und

Transbaikaliens würden hier Palästen gleichen. Wir erblickten winzige

Wohnungen, in denen die hochgewachsenen Muschiks gewiß immer sitzen

mußten wie die Heiligen auf den Fresken Giottos. Die Sonne begann

glühendheiß zu brennen.

[Illustration: Sibirische Muschiks.]

Ohne Unfall hofften wir bis Omsk zu gelangen. Aber gegen Mittag

befanden wir uns in einer unvorhergesehenen Gefahr, die die schlimmsten

Folgen hätte nach sich ziehen können. Ganz plötzlich verspürten wir

einen Brandgeruch, und als wir uns sofort umwandten, bemerkten wir, daß

die Maschine eine dichte Rauchwolke hinter sich ließ. Der Rauch strömte

unter dem Wagen hervor.

„Die Bremse!“ riefen wir; „die Bremse brennt!“

Wir hatten schon einen solchen Unfall erlebt und waren daher auch über

seine Entstehungsursache keinen Augenblick im Zweifel. Wir brachten

das Automobil zum Stehen und sprangen ab. Flammen loderten empor.

Die Lage war diesmal sehr ernst. Die große Geschwindigkeit hatte uns

infolge des Luftzuges daran verhindert, den Brand sofort zu bemerken.

Das Feuer mußte viel eher ausgebrochen sein, ehe sich der Geruch

bemerkbar machte. Die Flammen, die während der Fahrt infolge des

Luftzuges und des gewaltigen Windstromes, den die rasende Umdrehung

des Geschwindigkeitsgetriebes erzeugte, niedergehalten worden waren,

schlugen jetzt flackernd in die Höhe. Die Ursache des Feuers lag wie

das vorige Mal in der übermäßigen Reibung der Bremse, die sich von

selbst anlegte infolge einer Beschädigung, die wir nicht erkennen

konnten, ohne die Maschine auseinanderzunehmen. Diesmal hatte sich

nicht nur das Schmierfett der Bremse entzündet, sondern es begann auch

schon der hölzerne Fußboden der Karosserie zu brennen. Wir befürchteten

die sofortige Explosion des Benzins, von dem wir in den Behältern gegen

200 Kilo mit uns führten!

Die geringste Beschädigung des Rohres, das das Benzin in den Motor

leitet und das wenige Zentimeter von der Flamme entfernt war, hätte

genügt, eine Katastrophe herbeizuführen.

„Wasser! Wasser! Rasch!“ riefen wir.

Früher hatten wir mit Leichtigkeit Wasser in der Nähe gefunden. Ich

ergriff einen Topf und stürzte zu den Gräben, die sich zu beiden Seiten

der Straße hinzogen. Sie waren trocken. Vergebens suchte ich wenigstens

nach feuchtem Straßenschmutz im Grase. Der sandige Boden war wie

ausgedörrt. Fünfzig Schritte vor uns befand sich eine kleine Brücke.

Unter ihr würde ich doch sicherlich Wasser finden, wenigstens eine

Lache. Atemlos lief ich hin. Nichts!

„Mut!“ riefen wir uns zu.

„Werfen wir Sand darauf!“

„Lappen! Wo sind die Lappen?“

„Die Kleider!“

Ettore warf seinen wasserdichten Mantel über die Flamme, der Fürst

seinen Pelz. Das entzündete Fett verlöschte, aber die Karosserie

brannte noch immer. Wir rissen die Dielen heraus, löschten sie mit

Erde, schabten die brennenden Stellen mit dem Messer heraus und

ließen die ganze versengte Oberfläche zu Asche werden. Endlich waren

die Flammen gebändigt; mit Lappen, die wir mit dem wenigen, von dem

Kühlapparat herabtröpfelnden Wasser befeuchteten, erstickten wir

den Rest des Brandes. Wir spähten nach jeder Spur von Rauch und

beobachteten das Automobil so lange mit gespanntester Aufmerksamkeit,

bis wir die Überzeugung gewannen, daß die Gefahr vorüber war. Dann

stießen wir einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und betrachteten

uns lächelnd und ein wenig geistesabwesend.

„Auch diesmal ist es also gut abgelaufen!“ riefen wir aus.

„Die Maschine so weit zu bringen, um zu sehen, wie sie hier mitten in

der Steppe in einem Feuerwerk zugrunde geht!“

„Ein Glück ist es, daß wir den Brand noch rechtzeitig bemerkten!“

„Wenn das Benzin explodiert wäre, wären wir alle drei in die Luft

geflogen!“

„Auf die Maschine! Auf die Maschine! Es ist schon spät!“ mahnte der

Fürst.

„Nach Omsk, nach Omsk!“

Ettore hatte die beschädigte Bremse ganz herausgenommen und verzichtete

darauf, sich ihrer in Zukunft zu bedienen. Es blieb nur noch die

Handbremse, die nicht so rasch wirkte wie die Fußbremse, aber gewiß

ebensoviel leistete. Dann setzten wir die Fahrt fort.

Bei dem Dorfe Jurjewo hatten wir über einen kleinen Fluß zu setzen.

Die Bauern fürchteten vielleicht, das Automobil könne das Fährboot

beschädigen, denn sie wollten uns um keinen Preis übersetzen.

„Das Boot,“ sagten sie, „ist für Menschen, für Pferde und für Telegas

bestimmt. Das da ist weder ein Mensch, noch ein Pferd, noch eine

Telega; also kann es nicht übergesetzt werden.“

Alle Beredsamkeit des Fürsten vermochte nicht sie umzustimmen. Da kam

aber das Schreiben des Ministers zum Vorschein! Eine Viertelstunde

später waren wir am andern Ufer des Flusses.

[Illustration: Einbooten bei Omsk.]

Kurz vor Omsk setzten wir zum zweiten Male über den Om. Eine Menge

Muschiks in ihren Sonntagskleidern wohnte am jenseitigen Ufer der

kurzen Überfahrt bei. Die Art unserer Fortbewegung erschien der

Standesperson eines benachbarten Dorfes im höchsten Grade verdächtig.

Der Mann, der halb wie ein Bauer gekleidet war, aber eine

Beamtenmütze trug, benutzte den Umstand, daß wir, um Wasser in den

Kühler zu füllen, halten mußten, dazu, ein Aktenstück zu holen und im

Laufschritt zurückzukehren. Wir wollten gerade unsere Fahrt wieder

aufnehmen, als uns der Mann in gebieterischem Tone „Halt!“ zurief.

Wir betrachteten ihn mit einer Gleichgültigkeit, die seine Amtswürde

schwer verletzen mußte, denn er rief empört:

„Halt! sage ich, halt!“

Nein! Wir hatten schon viele dieser kleinen Dorfdespoten kennen

gelernt, die sich die Miene gaben, sogar den Lauf der Flüsse lenken zu

können, die ihre Macht mißbrauchten, um dem Nächsten alle möglichen

Schikanen zu bereiten, die, unwissend und habgierig, uns nach

Namen, Vornamen, Stand, Nationalität gefragt, Erklärungen aller Art

abgefordert und die gegebenen Antworten feierlich in ein Notizbuch

eingetragen hatten, wobei sie uns mit der strengen Miene eines Richters

ansahen. Einen Fremden behandelten sie nur darum als Verbrecher, weil

er ihr Machtgebiet passierte! Nein, der gute Mann mochte rufen, so

viel er wollte: wir hatten keine Lust, die Zahl der unvorhergesehenen

Aufenthalte zu vermehren, ein albernes Verhör zu bestehen, die Papiere

vorzuzeigen, um jenem Miniaturtyrannen eine Genugtuung zu bereiten. Er

rannte aus Leibeskräften hinter uns her und schrie fortwährend:

„Halt, im Namen des Gesetzes!“

Da erhob ich mich, drehte mich um, und indem ich mich am Gepäck

anhielt, schnitt ich unserem Verfolger mit würdevollem Ernst die

abscheulichste Grimasse, die ich vor langen, langen Jahren in der

Schule gelernt hatte! Starr über solche Frechheit, blieb er stehen, und

wir fuhren lachend weiter.

Um 4 Uhr bekamen wir Omsk in Sicht, das in einer sandigen Ebene liegt.

Wir wurden wieder von einem Polizeioffizier erwartet. In wenig mehr als

zwölf Stunden hatten wir von Kainsk aus 390 Kilometer zurückgelegt!

Wir langten in Omsk zur Stunde des sonntäglichen Spazierganges an. Auf

den hölzernen Fußsteigen bewegte sich langsam die friedliche Masse

der Bürger, die mit der Miene dessen, der seinen besten Anzug trägt,

Luft schöpften. Es schritten Offiziere und Beamte in großer Uniform

mit ihren Familien vorüber, die Kinder an der Hand führend. Es war die

Atmosphäre einer Provinzstadt, die ausruht. Dann überschritten wir auf

einer schönen Brücke den Om, in der Nähe seines Zusammenflusses mit dem

Irtysch.

An den Ufern ziehen sich die Docks hin; an den Landungskais liegen

einige jener großen, eleganten Passagierdampfer, die im Sommer den

Irtysch bis nach Tobolsk hinab und aufwärts bis Semipalatinsk befahren,

1500 Kilometer seines Laufes. Wir sahen ein Bild von Tätigkeit und

neuzeitlichem Wesen, das wie eine Offenbarung auf uns wirkte; wir

glaubten uns schon mitten in Europa. In Irkutsk hatten wir die

politische, in Tomsk die geistige Hauptstadt des asiatischen Rußlands

angetroffen; hier in Omsk fanden wir die kommerzielle Hauptstadt.

Omsk ist der Mittelpunkt riesiger gewerblicher Tätigkeit. Es

beherrscht durch seine Lage ganz Westsibirien. Es sammelt auf dem

Flußwege alle Schätze des fruchtbaren Landes auf einem Punkte an und

wirft sie mittels der Eisenbahn auf die europäischen Märkte. Man

spricht davon, es durch eine besondere Linie mit der turkestanischen

Eisenbahn zu verbinden; dann wird es das Herz Zentralasiens werden.

Diese alte Stadt, der der Fortschritt verjüngtes Leben eingehaucht

hat, hat das Aussehen einer Pionierstadt, einer Stadt, die sich

vom Schlummer erhebt, einer neuen Stadt auf neuem Boden, ohne zu

überwindende Überlieferungen, ohne zu schützende Gewohnheiten. Das

deutlichste Zeichen dieser Lebenskraft, die jetzt zum Durchbruch

kommt, unabhängig von jeder Fessel der Vergangenheit, äußert sich in

der weiten Verbreitung der Maschinen. Auf den Kais des Flusses sahen

wir nichts als Maschinen, zu Tausenden waren sie bereit, nach den

jungfräulichen Steppen von Kulundinsk und Naiman versandt zu werden.

Es waren die neuesten Maschinen der landwirtschaftlichen Industrie,

selbst Maschinen, die die Abneigung gegen Neuerungen von so vielen

zivilisierten Ländern Europas ferngehalten hat. Ändern ist schwieriger

als Neuschaffen; Omsk schafft neu. Unermeßliche Strecken „schwarzer

Erde“, die bisher von menschlicher Arbeit völlig unberührt geblieben

sind, werden von den amerikanischen Doppelpflügen aufgerissen, mit den

vollkommensten Sämaschinen befruchtet und mit Hilfe der sinnreichsten

Maschinen, die die Zivilisation zu diesem Zwecke erfindet, bebaut.

Omsk empfängt und verkauft für mehr als 20 Millionen Mark

landwirtschaftliche Maschinen für die neuzubestellenden Ackerflächen.

Selbst die Kirgisen, die nie ein Ackergerät in der Hand gehabt haben,

fahren den Irtysch bis nach Omsk hinauf, um Maschinen zu kaufen. Sie

beginnen mit dem Besten, was es gibt. Viele Industrien, die noch

gestern dort draußen fast unbekannt waren, erwachen und gewinnen auf

dem Weltmarkte Bedeutung. Ein mit Kühlwagen ausgestatteter Sonderzug

überschreitet täglich die Grenzen Sibiriens und befördert frische

Butter, die zu zwei Dritteln auf den englischen Markt gelangt. Im

vergangenen Jahre hat die Gegend zwischen Omsk und Kurgan für nahezu

100 Millionen Mark Butter ausgeführt. Das Sibirien der Überlieferung,

das trostlose Land der Verbannung, die eisige Heimat hungriger Wölfe,

existiert nicht mehr, wenn es überhaupt je existiert hat. Es erweist

sich als ein Land, das weit unternehmungslustiger und reicher ist

als Rußland. Niemand vermag jetzt, bei dem Schauspiele seines ersten

Erwachens, zu sagen, was die Zukunft ihm vorbehalten hat.

Im Hotel wurden wir herzlich von einem „Lokalkomitee für die Fahrt

Peking-Paris“ begrüßt, das zum Teil aus Engländern, Deutschen und

Norwegern bestand, den Vertretern der großen Handelshäuser, denen ein

so großer Anteil an dem Aufschwung des neuen Lebens gebührt, das diese

Gegenden durchströmt. Vom Balkon herab rief jemand:

„~Viva l’Italia!~“

Wir bemerkten einen Herrn, der seinen Hut schwenkte und nach seinem

Gruße von oben herab herunterkam, um uns in förmlicher Weise zu

begrüßen. Es war ein englischer Berichterstatter, der von der „Daily

Mail“ uns bis hierher entgegengeschickt worden war, ein sympathischer

Kollege, der uns dann von Omsk während des Restes unserer Reise auf der

Eisenbahn folgte.

Wir beschlossen, in Omsk zwei Tage zu bleiben, denn wir bedurften

der Ruhe. Während der Fahrt waren wir von der nervösen Erregung des

ununterbrochenen Wachens aufrechterhalten worden. Fahren war, auch

wenn keine Zwischenfälle eintraten, gleichbedeutend mit fieberhafter

Tätigkeit. Sobald wir aber haltmachten, fühlten wir mit einem Male eine

unsagbare Mattigkeit auf uns lasten. Das lange beständige Wachbleiben

und die überstandenen Strapazen machten sich jetzt mit einem Schlage

geltend; es schien, als kehrten sie zurück und verlangten ihren Lohn an

Ruhe. Die mittlere Dauer unseres Schlafes hatte vier Stunden täglich

betragen. Wenn wir an unserem Haltepunkte anlangten, hatten wir jeden

Abend nach einer oberflächlichen Toilette noch eine lange Arbeit vor

uns. Der Fürst begab sich mit der Polizei auf die Suche nach dem

Benzinvorrat; Ettore reinigte die Maschine und setzte sie zu der Fahrt

des nächsten Tages instand; ich hatte meinen Bericht zu schreiben,

und zwar so deutlich wie möglich, um eine fehlerfreie Übertragung zu

ermöglichen, und mußte dann, was viel langwieriger und schwieriger

war, die Telegraphenbeamten bewegen, ihn zu befördern! Die Länge der

Depeschen entsetzte alle Beamte; eine Depesche von 1000 bis 2000 Worten

zu befördern, hielten sie für einen Wahnsinn, zu dessen Mitschuldigen

sie sich um keinen Preis machen wollten! So suchten sie tausend

Vorwände, um mich zum Verzicht auf die Beförderung zu veranlassen. Es

war fast nie vor 10 Uhr abends, ehe wir einen Bissen zu essen bekamen,

und oft schliefen wir auf der bloßen Erde. Um 2, 3 des Morgens waren

wir schon wieder auf den Beinen. Mit unserer Arbeit war noch etwas

anderes verbunden, das uns mehr als die körperliche Anstrengung

mitnahm: es war die Angst, mitunter Aufregung, oft Ungewißheit, es

waren die beständigen starken Eindrücke, die Entmutigungen, die

Wagnisse, die plötzlichen Entschließungen -- all das Drum und Dran

eines unablässigen Kampfes. Frischer und unbefangener wollten wir

unsere Reise fortsetzen.

Zu den Eigenschaften, die ich am Fürsten bewunderte, gehörte die

körperliche und die noch größere geistige Widerstandsfähigkeit. Er war

ermüdet, wußte es aber zu verbergen. Auch widerstrebte es ihm, vor

Fremden müde zu scheinen. An dieser Herrschaft über sich selbst hielt

er unverrückbar fest. Wenn wir eingeladen waren oder Gäste bei uns

sahen, so schien er das Bett ganz zu vergessen; er hüllte sich in die

lächelnde Unempfindlichkeit des Diplomaten und hielt unbegrenzte Zeit

aus. Kaum aber waren die Fremden gegangen, so war auch der Diplomat

verschwunden und Don Scipione schlief tief und fest. Ich gestehe, daß

ich mich in Omsk von der Müdigkeit wie von einer Krankheit gepackt

fühlte; wie die Verhungerten, die vor großem Hunger nicht mehr zu essen

vermögen, war es mit mir so weit gekommen, daß ich nicht mehr schlafen

konnte. Aber die Reaktion trat ein, und zwar auf die seltsamste Weise.

Am Abend des 16. Juli kehrte ich nach dem Hotel zurück, als ich mit

einem Male die Beine unter mir wanken fühlte und wie ein Betrunkener

weiterging. Zu gleicher Zeit umnebelte sich mein Blick; ich sah den

Himmel grün, und es schien mir, als hätten die Vorübergehenden sämtlich

erst ein bläuliches und dann ein schwarzes Gesicht; es umgab mich

undurchdringliche Dunkelheit. Ich fühlte, daß die Menge mich neugierig

ansah, lehnte mich an die Mauer und legte die Hand an die Stirn. In

diesem Augenblicke näherte sich eine leere Droschke. All meine Kraft

zusammenraffend, rief ich:

„Kutscher! Kutscher!“

Ich sah, wie der Wagen auf meinen Ruf hin wendete. Dann erinnere ich

mich an nichts mehr.

Was sich zugetragen hat, ist leicht zu erraten, wenn ich sage, daß, als

ich wieder zu mir kam, ich mich an derselben Stelle am Boden liegen

fand. Ich war vor Schlaf, vor Müdigkeit umgesunken. Mit der Empfindung,

im Bett zu liegen, erwachte ich. Als ich die Augen aufschlug, war

ich ganz erstaunt, so viele Füße mit Stiefeln sich in unmittelbarer

Nähe meines Kopfkissens bewegen zu sehen! Dann kehrte plötzlich die

Erinnerung zurück, und ich erhob mich etwas verwirrt. Die Droschke

stand noch da und wartete auf mich. Wie lange hatte ich regungslos und

ohne Bewußtsein gelegen? Wer weiß es?

Hatte mir niemand Hilfe geleistet, hatte ich mich selbst wieder von der

schmutzigen Straße erhoben? Ach ja, dies gehört auch zu den Sitten des

Landes. Wenn alle diejenigen, die auf den Straßen einer sibirischen

Stadt umfallen, aufgehoben werden sollten, da hätte man viel zu tun!

Ich war einfach für einen Betrunkenen der besseren Stände gehalten

worden. Ein Rausch ist in Sibirien so allgemein, daß er für ehrenhaft

gilt, und daher wird er auch respektiert. Hätte mich die Menge auf

den Füßen stehend angetroffen, so hätte sie mich mißtrauisch oder

verächtlich ansehen können; da sie mich aber ausgestreckt am Boden

liegen fand, so konnte sie nicht umhin, mich zu achten. Ich erwarb mir

dadurch eine Art sibirisches Bürgerrecht. Ich stieg in den Wagen; der

Kutscher drehte sich um und sagte mir in freundlichem Tone:

„Ich fahre langsam, Väterchen; aber Sie würden gut tun, wenn Sie sich

hier festhielten!“

Peking-Paris im Automobil Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen. · 第 9 / 15 题