Die Menge brach in ein lustiges Gelächter aus. Jemand rief: „Auch ich!“

„Um hierher zu gelangen?“ fragten wir.

„Nun ja. Freiwillig hätte ich es schwerlich getan.“

Das Gelächter erneuerte sich.

„Was ist Ihr Beruf?“

„Mein Beruf? Jetzt? Was sich eben bietet. Lastträger, Holzfäller,

Eisenbahnarbeiter. Man hat wenigstens sein tägliches Brot.“

„Und früher?“

„Früher? Ich erinnere mich nicht mehr.“

Und er zuckte mit den Schultern mit jener bei den Russen so

gewöhnlichen und charakteristischen Gebärde, welche bedeutet:

„Nitschewo!“ „Was liegt daran?“

Es war 6½ Uhr, als wir in Listwinitschnoje, am andern Ufer der Angara,

landeten, des großen Ausflusses des Baikalsees, der seine Gewässer

nach einem Laufe von beinahe 2000 Kilometern dem Jenissei zuführt.

Listwinitschnoje mit seinen kleinen Holzhäusern erschien in der

nebligen Luft einem japanischen Dorfe auffallend ähnlich. Wir wurden

ausgeschifft und standen im Begriff, sofort nach dem etwa 64 Kilometer

entfernten Irkutsk abzufahren, als eine junge Dame sich durch die uns

umgebende Menge Bahn brach und uns zurief:

„~Ah, Messieurs, Messieurs! Vous n’allez pas repartir tout de suite!~“

„~Mais oui, Madame!~“

„Das ist unmöglich. Sie müssen mindestens eine Stunde bleiben. Eine

Stunde nur, ~voyons~!“

Bei dem Anblick unserer Fahne wurde sie unsicher.

„Sie sind keine Franzosen?“ fragte sie uns.

„~Non, Madame~, wir sind Italiener.“

„Italiener? ... Nun gut, warten Sie ... eine Minute!“

Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, als sie erfuhr, welcher

Nationalität wir angehörten. Es war eine junge Französin, Erzieherin

in einer reichen sibirischen Familie. Sie erwartete voller Sehnsucht

die Ankunft der französischen Automobile, mit der fieberhaften

Spannung, die jeder kennt, der fern von seinem Vaterlande lebt. Wir

suchten sie wegen der Enttäuschung, die wir ihr unfreiwillig bereitet

hatten und die sie wie ein nationales Unglück zu betrüben schien, zu

trösten, indem wir ihr erklärten, daß, wenn wir auch als die ersten in

Listwinitschnoje gelandet seien, damit noch nichts über den endgültigen

Sieg entschieden sei. Wir teilten ihr mit, was wir von unseren Kollegen

wußten: und das war, daß sie diese Nacht bis nach Kabansk, einem Dorfe

zwischen Werchne-Udinsk und Myssowaja, gekommen seien, daß sie sich

vielleicht zu dieser Stunde schon am Ufer des Sees befänden, und daß

sie sie wahrscheinlich übermorgen landen und nach Irkutsk weiterfahren

sehen würde, wo sie uns ohne Zweifel einholen würden. Wir hatten in

der Tat bei unseren Versuchen, um den See herumzufahren, vier Tage

verloren, und in Tanchoi hatten wir es für richtig gehalten, unsere

Kollegen telegraphisch vor der Nutzlosigkeit und vor allen Dingen vor

den Gefahren unseres Unternehmens zu warnen.

Die Dame wurde wieder heiterer und sagte lächelnd:

„Dank, tausend Dank! Warten Sie einen Augenblick!“

Sie entfernte sich eilig und kam mit einem großen Blumenstrauß wieder,

den sie uns mit den Worten überreichte:

„Ich habe sie im Walde gepflückt. Nehmen Sie sie freundlichst an. Und

nun glückliche Reise! Adieu!“

Eine Minute später rollten wir eiligst auf der Straße nach Irkutsk

dahin, das Automobil mit Blumen geschmückt. Aber in kurzer Entfernung

von dem Dorfe fanden wir die Straße durch einen Schlagbaum gesperrt,

den ein Zollbeamter bewachte. An jenem Schlagbaum endete das Gebiet

der Vorzugszolltarife, deren sich das östliche Sibirien erfreut. Wir

wurden angehalten und von Beamten gefragt. Sie hatten den Befehl, uns

frei passieren zu lassen, nicht erhalten; Kiachta hatte ihnen nichts

mitgeteilt; wir besaßen kein Papier, das unser Recht auf Zollfreiheit

hätte beweisen können. Höflich wurden wir ersucht, unsere Weiterreise

auf übermorgen zu verschieben, bis das Zollamt in Irkutsk Aufklärungen

gegeben habe! Alle unsere Vorstellungen waren fruchtlos. Das Vorzeigen

der Pässe ließ das Zollamt von Listwinitschnoje ganz kalt und

gleichgültig. Da versuchten wir es mit einem letzten Mittel -- und,

o Wunder! Der Schlagbaum erhob sich; der Wächter stand stramm, die

Beamten lächelten verbindlich, legten zum Gruß die Hand an die Mütze

und sagten:

„Fahren Sie zu! Glückliche Reise!“

Was war geschehen? Schweigend hatte der Fürst zwei zauberkräftige

Papiere vorgezeigt: das Schreiben des Ministers des Innern und das des

Polizeidirektors. Wir ließen uns die Erlaubnis nicht wiederholen, aus

Furcht vor einem Widerrufe, und jagten mit Windeseile davon.

Die Straße war gut. Das hatte uns schon der Kommandant des

Schleppdampfers gesagt:

„Auf jenem Wege verkehren täglich Beamte, die von Irkutsk nach

Listwinitschnoje in Hafen- und Zollangelegenheiten kommen. Wo Beamte

verkehren, sind die Wege stets in gutem Zustande.“

Wir fuhren am grünen Ufer der Angara entlang, deren ungestüme Gewässer

in der Nähe des Baikalsees zwei bei sibirischen Flüssen ungewohnte

Tugenden besitzen: sie frieren nie zu und behalten Sommer wie Winter

eine sich gleichbleibende Temperatur von vier Grad. Wir kamen rasch

vorwärts, wurden aber dann durch einen wenig angenehmen Vorfall zum

Halten veranlaßt. Während wir abwärts fuhren, erklärte Ettore:

„Ich merke, daß die Maschine müde wird.“

„Wohl möglich!“ erwiderte der Fürst. „Die Straße senkt sich, und wir

sollten ohne Motor fahren.“

„Ich glaube, die Bremse ist zu fest angezogen.“

„Halte! Wir wollen nachsehen.“

Es war schlimmer als eine zu fest angezogene Bremse! Wir fanden

uns von einer Rauchwolke und einem Dunst verbrannten Öls umgeben.

Das Fett der Bremse brannte, und die Flammen leckten an dem

Wechselgetriebe. Wir verdankten diesen Übelstand vielleicht einem

durch den Fall verursachten Schaden. Die Fußbremse, die durch eine der

Westinghousebremse ähnliche Konstruktion kräftig auf die Kardanwelle

wirkt, funktionierte nicht mehr gut; sie blieb fest angezogen,

und durch die Reibung entwickelte sich eine solche Hitze, daß das

Schmiermaterial in Brand geriet. Zum Glück befand sich Wasser in den

Gräben und auch in den Straßenpfützen, und wir konnten sofort das Feuer

löschen.

Nach Lockerung der Bremse fuhren wir weiter. Es regnete fortwährend,

und wie auf dem Wege nach Myssowaja wurden wir über und über mit

Schmutz bespritzt. Der Tag neigte sich langsam seinem Ende zu. Um 9

Uhr wurde am Himmel jener seltsame Schimmer der nordischen Abende

sichtbar, die endlos erscheinen, lange, trübe Dämmerungen, ein

wahrhafter Todeskampf des Tages. Eine Stunde später vermochten wir

noch die Straße zu erkennen, die sich zwischen den tiefen Schatten der

Bäume hinzog. Auf einer steilen Anhöhe machte das Automobil halt. Wir

waren 6 Kilometer von Irkutsk entfernt, dessen Lichter wir von fern als

undeutliche Punkte in der Dunkelheit schimmern sahen.

Eine Strecke mit tiefem Morast hielt uns auf. Wir kehrten um,

probierten auf verschiedene Weise über diese Stelle hinwegzukommen,

strengten den Motor an, versuchten im Zickzack zu fahren, aber

vergebens. Der Wagen glitt aus, genau wie an jener Anhöhe, die wir bei

Werchne-Udinsk angetroffen hatten. Eine halbe Stunde mühten wir uns

ab, als wir eine Anzahl Wagen bemerkten, die auf dem hohen, neben

der Straße hinlaufenden Damme fuhren. Wir sahen die Köpfe der Pferde

und die Dugas sich am Himmel abzeichnen. Es waren viele Wagen, die

anhielten. Mitten durch den Lärm des Motors hörten wir Stimmen rufen:

„Knjäs Borghese! Knjäs Borghese!“

„Wer da?“ fragte der Fürst.

[Illustration: Abfahrt von Irkutsk.]

„Sie kommen auf der Straße nicht weiter! Fahren Sie zurück nach unten

und leiten Sie die Maschine dann auf den Damm. Auf der Straße versinkt

man!“

„Danke. Wer sind Sie?“

„Wir sind aus Irkutsk. Wir sind Ihnen entgegengefahren.“

Nach kurzer Zeit schüttelten wir im Halbdunkel eine Menge Hände und

vernahmen die herzlichsten Willkommensworte. Ein Herr bot sich als

Führer an und setzte sich zu uns. Er hieß Radionoff; er war einer der

reichsten Kaufleute von Irkutsk, Besitzer von Dampfschiffen auf dem

Baikalsee und der Angara, sowie eines der begeistertsten Mitglieder des

russischen Komitees für die Fahrt Peking-Paris. Er geleitete uns nach

Irkutsk und dann durch die verlassenen Straßen der Stadt, auf deren

Schmutz der Widerschein der wenigen Laternen zitterte, bis zu einem

weißen Gehöft mit einem grünen Gittertor, wo er nach jemand rief. Es

erschien ein Riese, der das Gittertor öffnete. Wir fuhren in eine Art

Garten hinein, gewahrten Bäume und hielten vor einem hübschen weißen

Hause mit erleuchteten Fenstern, die ihren Schimmer auf das Laub der

Bäume warfen. Und wie im Märchen stieg Herr Radionoff ab und rief:

„Wir sind da.“

„Wo sind wir?“

„In meinem Hause, das heißt in Ihrem Hause. Das Bad steht bereit. Ihre

Zimmer sind in Ordnung. Das Essen ist auf dem Feuer.“

Wir fanden in jenem weißen Hause eine prunkvolle und herzliche

Aufnahme, die volle und freie Gastfreundschaft dessen, der alles

bietet, was er vermag, und es gern bietet. Um Mitternacht kamen Freunde

zu dem Mahle, das auf dem Feuer stand. Die Stunde konnte dem, der

den russischen Sommer nicht kennt, wenig geeignet erscheinen, jene

unerträgliche Jahreszeit des Lichtes, da es um 11 Uhr abends noch

Tag und um 2 Uhr morgens schon wieder Tag ist. Es kamen Offiziere,

Kaufleute, Beamte. Wir bewegten uns unter ihnen, als hätten wir uns

schon lange gekannt. Der slawische Charakter weist viel Ähnlichkeit mit

dem romanischen auf: er bringt dem Fremden überströmende Freundlichkeit

und hochherziges Vertrauen entgegen.

In Irkutsk verbrachten wir eine bezaubernde Zeit der Ruhe. Allerdings

ist das Wort „Ruhe“ übertrieben; aber oft bedeutet „ausruhen“ nur „die

Arbeit wechseln“. Wir durchstreiften Irkutsk der Länge und Breite

nach auf den breiten Straßen mit dem holprigen Pflaster, die von

beiden Seiten von düsteren, prächtigen Palästen begrenzt werden, wir

spazierten über riesige, von Morast überschwemmte Plätze, durch die

Kaufmannsviertel, die alle aus Holz gebaut sind, wie die Budenstadt

einer riesigen immerwährenden Messe; wir gingen von einer Bank in einen

Laden, von einem Laden auf das Telegraphenamt, von da nach einem

Regierungsbureau. Wir hatten Erkundigungen einzuziehen, Rechnungen

zu begleichen, allerlei Dinge zu kaufen, um unsere Garderobe zu

erneuern, die durch das Öl der Maschine ganz und gar verdorben war. Wir

betrachteten neugierig das Leben und Treiben in dieser Stadt, die sich

das Ansehen einer Hauptstadt gibt und es in einiger Beziehung auch ist.

Sie regiert ein Land, zwanzigmal so groß wie Frankreich, sie herrscht

über eine Bevölkerung, die aus Angehörigen aller Rassen besteht; auf

ihren Straßen begegnen sich unter der slawischen Masse Burjaten aus

Transbaikalien, Kirgisen, die aus den Steppen kommen, Tungusen, die

aus den Tundren herabgestiegen sind, Zirkassier, Tataren, Armenier

und Juden. Es ist eine Stadt des Westens und des Ostens zu gleicher

Zeit, in der die Geschäfte rasch Erledigung und die Moden spät Eingang

finden; in ihr finden sich noch die Trachten des alten Rußlands,

bewahrt von Männern von modernem Unternehmungsgeiste.

Der Radfahrklub wollte uns in seinem Velodrom jenseits der

Angara empfangen, wo wir eintrafen, nachdem wir eine der größten

Schiffsbrücken der Welt überschritten hatten. Der Regen und die

Kälte störten das Fest, dämpften aber nicht die Begeisterung unserer

Gastfreunde. Die uns zu Ehren in verschwenderischer Fülle angebrachten

Flaggen und Fahnen hingen in dem eisigkalten Regen melancholisch

herunter, aber im Gegensatz zu dem Wasser draußen rannen drinnen edle

Weine die Kehlen hinab, die Gemüter erhellten und erwärmten sich an

der herrlichsten geistigen Sonne. Wackere Männer fanden den Mut, ihre

Zweiräder zu besteigen und eine Wettfahrt zu veranstalten, die wir mit

gespanntem Interesse verfolgten, während eine Militärkapelle zündende

kriegerische Weisen bis zu den fernen Ufern des Flusses erschallen

ließ. In der Nacht waren wir aufs neue in Bewegung. Zuerst wurden wir

in das Theater geführt, sodann in das Variété (die Vorstellungen in

den Variétés beginnen in Rußland erst nach Mitternacht) und von da

ins Restaurant, weil es der Brauch so will. „Andere Länder, andere

Sitten!“ Nachdem wir Krebse aus Moskau und Kaviar aus Kasan gekostet

hatten, wurden wir wieder in ein Variété geführt, um russische Gesänge,

die berühmten Lieder der Ukraine, anzuhören, die auf Kommando gesungen

wurden. Als die Gesänge zu Ende waren, weshalb sollten da nicht auch

kleinrussische Tänze befohlen werden? Wir wohnten also auch den

Tänzen bei. Der Tag dämmerte bereits, als uns der „Steigbügeltrunk“

zum Abschied angeboten wurde. Wir kehrten erst beim Morgengrauen des

3. Juli in einer Kutsche nach Hause zurück, als die Stadt bereits zu

erwachen begann. Unsere „Ruhezeit“ in Irkutsk neigte sich ihrem Ende zu.

Wenige Stunden später, um 11 Uhr, verließen wir Irkutsk, umgeben von

einem Ehrengeleite von Radfahrern. Das Automobil hatte sich durch

eine sorgfältige Toilette gänzlich verändert. Ettore hatte es mit

Hilfe des kräftigen Strahles einer Feuerspritze gesäubert, und aller

Schmutz aus China, der Mongolei und Sibirien war unter jenen ungestümen

Wasserstrahlen abgefallen. Wenn das Automobil somit auch gereinigt war,

so hatte es doch seine ursprüngliche Farbe nicht wiedergewonnen; die

Unbilden der Witterung hatten ihm eine unbestimmte Färbung verliehen.

Wie wir hatte auch das Automobil eine neue Haut bekommen; es sah

dunkler, ungepflegter aus und zeigte offen seine Beulen und Sprünge; es

war häßlicher geworden, erschien aber stärker. Um es zu verschönern,

ließ Fürst Borghese einen Schildermaler kommen und gab ihm den Auftrag,

an den Seiten des Automobils zwei große weiße Inschriften anzubringen:

_Peking-Paris_. Zum Unglück sah die Inschrift wie ein Ladenschild aus;

es wäre wohl besser gewesen, das Automobil schmutzig zu lassen. In

Irkutsk entäußerten wir uns eines Teiles des Gepäcks, der dritte Platz,

der für mich bestimmt gewesene hintere Sitzplatz, wurde ausgeräumt und

benutzbar gemacht. Er wurde von Herrn Radionoff eingenommen, der uns

ein Stück Weges zu begleiten wünschte. Das Einsteigen war nicht leicht,

weil man über Behälter hinwegsteigen mußte. Ein großes in Papier

eingeschlagenes Paket legte er neben sich; wie wir später entdeckten,

enthielt es Lebensmittel. Unser Freund hatte die Mittagszeit herannahen

sehen und war nicht wie wir gewöhnt, das Frühstück zu vergessen.

Vor der Abfahrt überbrachte uns ein Telegramm aus Myssowaja die letzten

Nachrichten von den übrigen Automobilen. Sie waren den Tag zuvor in

Myssowaja eingetroffen und von jener Station mit der Eisenbahn nach

Irkutsk gefahren.

* * * * *

Wir überschritten die große Pontonbrücke, gelangten glücklich über

eine einige Kilometer lange Strecke unsicheren Geländes, auf dem das

Automobil mehrmals einzusinken drohte -- in der Nähe der sibirischen

Städte sind die Wege stets fürchterlich --, und erreichten gegen Mittag

den Anfang der guten Straße. Dahin hatten sich alle Radfahrer schon vor

uns begeben. Wir begrüßten uns, brachten ein mehrfaches Hurra aus, die

Mützen wurden geschwenkt, und dann schoß unsere Maschine rasch davon.

Wäre die selbst für Sibirien im Sommer außergewöhnliche Kälte nicht

allzu schneidend gewesen, so hätten wir diesen neuen Abschnitt

unserer Reise entzückend gefunden. Der Weg erlaubte die mittlere

Geschwindigkeit von 30 Kilometern die Stunde. Wir fuhren am linken

Ufer der Angara entlang, die majestätisch ihre kristallklaren Fluten

vorüberwälzte. Irkutsk verschwand allmählich in dem weiten welligen

Tale, und schließlich sahen wir nur noch die großen, zahlreichen

Kirchen: eine Menge von Kuppeln, Türmen und Giebeln, die aus der grünen

Ferne noch weiß herüberschimmerten, als die Häuser der Stadt dem Auge

schon entschwunden waren.

Die Landschaft nahm einen anmutigeren Charakter an. Das Gelände

senkte sich allmählich, entsprechend dem weiteren Laufe der Selenga.

Die schroffen Anhöhen, die den Baikalsee umsäumen, wurden zu immer

leichteren wellenförmigen Erhebungen. Wir begannen uns in den

unermeßlichen Ebenen Sibiriens zu verlieren. Wir ließen die steilen

Gebirge hinter uns, die sich am Horizonte gleich riesigen unbeweglichen

Wogen auftürmten, und hatten -- wie damals, als wir uns der Mongolei

näherten -- den Eindruck, als ob sich ein Unwetter entferne. Die

Straße wies lange ebene und gerade Strecken auf, auf denen wir mit der

Geschwindigkeit von 40 und sogar 50 Kilometern dahinjagen konnten,

zwischen grünen, üppigen Wiesen, die von leuchtendgelben und weißen

Blumen gesprenkelt und gestreift waren. Es waren die Pflanzenarten,

die auch in den Alpen vorkommen. Die Wiesen waren von Rinder- und

Pferdeherden bevölkert. Die Viehzucht ist dort draußen noch die

ausschließliche Beschäftigung der halbwilden Bevölkerung, einer

Mischlingsrasse, die etwas vom Slawen und etwas vom Mongolen an sich

hat.

Herr Radionoff, der sich zum ersten Male an der schwindelerregenden

Wonne der Schnelligkeit berauschte, stieß Rufe der Begeisterung und

des Entzückens aus. Jedesmal, wenn wir unsere Fahrt beflügelten,

äußerte er das glühende Verlangen nach dem Besitz eines Automobils.

Er wollte es sofort haben, er wollte es bestellen, sobald er nach

Hause käme; er würde telegraphieren, er wollte genau ein solches

haben wie das unsrige. Nach und nach legte sich seine Begeisterung;

unser guter Reisegefährte war schweigsam geworden; er hatte sein

Frühstückspaket geöffnet. Ohne ein Wort zu sprechen, reichte er uns

von den mitgebrachten Speisen; wir sahen seine Hand vor unserem

Gesicht erscheinen mit einem riesigen belegten Butterbrote, das wir

unter dankender Kopfbewegung ergriffen und verzehrten; kaum war es

verschwunden, so erschien die Hand schon wieder mit einer neuen

Portion. Es schien die Hand der Vorsehung zu sein. Seine Vorräte mußten

unerschöpflich sein, da unser Appetit eher zu Ende ging als sie.

Wir kamen durch zahlreiche Dörfer, die von Zäunen umgeben waren,

deren Gatter die Straße versperrten. Über die Holzdächer erhoben

sich dünne, gleichmäßig hohe, nach vorn geneigte Brunnenstangen, die

wie lange Lanzen aussahen. Einige dieser Dörfer waren von Kosaken

bewohnt. Auf den Häusern wehten rote oder weiße Fähnchen, die mit

Nummern versehen waren. Vor jedem Fenster standen Blumen; die schwarzen

Isbas hatten sich mit ihnen geschmückt, um den kurzen Frühling zu

feiern. Der Sibirier liebt Blumen abgöttisch, und mag sein Haus auch

noch so armselig sein, es hat stets seine Geranien-, Nelken- oder

Oleanderstöcke, die an der Wärme des Ofens gedeihen und die Kahlheit

der Isba erheitern. Sie werden geliebt, weil sie selten sind und auch,

weil jene Pflanzen, die der Pflege bedürfen, den Bewohnern in den

langen, stillen, weißen Wintermonaten Gesellschaft leisten, wenn die

Kälte und der Schnee jede Arbeit unmöglich machen und die Leute in

ihren Häusern einschließen. Der Muschik verwendet beständige Sorgfalt

auf die Verschönerung seines Heims; er breitet rohgearbeitete Decken

über den Fußboden, behängt die Wände mit Bildern in schreienden Farben,

mit Heiligenbildern, Bildnissen des Kaisers, und verteilt alles mit

einem gewissen Ordnungssinn; der blinkende Samowar steht auf einem

Tische in der Nähe des Fensters, damit man ihn von der Straße aus

sieht; um den Samowar herum stehen die Gläser und Teller; auf einem

Schranke stehen alle wertvollen Schätze der Familie: Porzellantassen,

bemalte Teller, die bei der Hochzeit gebraucht wurden, eine ewige

Lampe; an den Fenstern hängen Kattungardinen. Es herrscht in jenen

Häusern ein Sinn für in sich gekehrte, zufriedene Traulichkeit, die

nicht in den Ländern anzutreffen ist, in denen man nicht viel im Hause

lebt, weil dort die Sonne auch im Winter warm scheint, die Luft mild

ist und man sich im Freien wohlfühlt.

Wir gelangten auf das rechte Ufer eines Flusses, der Suchuja. Es ist

ein Doppelfluß, der durch eine Bodenerhebung in der Mitte in zwei

Flüsse geteilt ist; die eine Hälfte überschreitet man in einer Furt,

die andere mittels des Bootes. Viele sibirische Flüsse haben so

einen tiefen und einen seichten Teil; auf der einen Seite sind sie

gefährlich, auf der andern harmlos. Einige von ihnen haben eine Brücke

zum Überschreiten des besseren Arms und einen Kahn zum Übersetzen

über den andern, in dem sich alle Wut und alle Gefahren der Strömung

vereinigen. Eine Brücke über den ganzen Fluß würde bei Hochwasser den

Fluten nicht widerstehen.

Ein großes Boot setzte uns über. Es war nicht leicht, das Automobil

hinüberzubringen; wir mußten die Brücke verstärken, über die Ettore die

Maschine rasch mit jener Sicherheit und Zuverlässigkeit trieb, die er

schon an der Selenga bewiesen hatte. Schließlich gewannen wir Übung in

diesen Einschiffungen. Wir setzten in Booten, von denen manches alt und

leck war, über eine Menge anderer großer und kleiner Flüsse, über den

Ospin, die Bjelaja, den Salarin, die Oka, die ihre Gewässer der Angara

auf ihrem weiteren Laufe zum Jenissei zuführen.

Auf den Fährbooten setzten mit dem Automobil Telegas über, die von den

benachbarten Märkten kamen. Wir befanden uns mitten in einer dichten

charakteristischen Menge sibirischer Landleute, die uns ehrfurchtsvoll

grüßten und seltsame Bemerkungen unter sich austauschten. Auf einem

dieser Boote war es, wo wir gefragt wurden, ob wir Japaner seien!

Der Mann, der diesen Zweifel an unserer Nationalität geäußert hatte,

erklärte dies folgendermaßen:

„Ich glaubte, Sie seien Japaner, weil es derlei Maschinen in Rußland

nicht gibt und Sie von jener Seite kommen“; er deutete dabei nach

Osten. Dann fügte er hinzu: „Man sagt, die Japaner hätten alle

Maschinen, die überhaupt erfunden worden sind.“

Auf der Oka murmelte ein alter Muschik dem Fährmann zu:

„Wir werden bald wieder Krieg haben!“

„Warum denn, Väterchen?“

„Sie besichtigen schon das Land!“ Dabei deutete er auf uns und

schüttelte nachdenklich den Kopf.

Was mag er sich wohl über unsere Personen und den Zweck unserer Reise

gedacht haben! Und wer weiß, welche Meinung all die friedfertigen

Dorfbewohner von dem Automobil hegten! Einige drückten lebhaftes

Erstaunen aus, blieben wie betäubt stehen und ließen ihre Arbeitsgeräte

aus der Hand fallen. Andere liefen fröhlich herbei wie beim Nahen einer

harmlosen Erscheinung oder einer wandernden Gauklertruppe auf ihrem

Reisewagen. Manche suchten das Weite. Die Frauen lachten häufig, daß

sie sich die Seiten halten mußten, wie es die Mongolen in der Nähe

von Urga getan hatten -- was beweisen könnte, daß die Frau weniger

bildungsfähig ist als der Mann, daß ihre Seele noch etwas von der Natur

des Wilden an sich hat. Wenn wir aber hielten, so näherten sich alle

beruhigt, und eine Minute später waren sie gegen uns und das Automobil

von der herzgewinnendsten Freundlichkeit. Die jungen Leute bewunderten

es und taten verständige Fragen über die Geschwindigkeit und Kraft der

Maschine.

[Illustration: Zuschauerinnen in einem sibirischen Dorfe.]

Mehrmals fanden wir die Straße durch Eisenbahnarbeiten unterbrochen.

Man legte ein zweites Geleise auf der transsibirischen Eisenbahn oder

vielmehr, man baute eine zweite transsibirische Linie, von der die den

Zug benutzenden Reisenden wahrscheinlich nichts bemerkten. Denn es

ist eine Linie, die ihren besonderen Bahndamm hat und unabhängig von

der andern entsteht; sie funktioniert für sich und verdoppelt so die

Vorteile der transsibirischen Bahn, indem sie zugleich die Nachteile

eines doppelten Geleises vermeidet. Wenn die eine Brücke einstürzt,

wird die andere Brücke unversehrt bleiben; nichts kann den Verkehr

völlig unterbrechen. Die neue Eisenbahnlinie wird ihre Stationen, ihre

Telegraphenleitung und ihre Bahnwärter für sich haben.

An einer Stelle waren wir Zeugen eines erschütternden Anblicks.

Auf einer Dammstrecke der neuen Eisenbahn arbeiteten Hunderte von

Männern in gleichmäßiger grauer Kleidung, die wir für Soldaten

hielten. Wir glaubten an ihnen die neue Felduniform zu erkennen.

Als wir aber näherkamen, bemerkten wir, daß jedem einzelnen eine

Kette um den Fuß geschlungen war. Posten, bewaffnet mit Gewehren

mit aufgepflanztem Bajonett, die Kapuze auf den Rücken geschlagen,

die Zigarette im Munde, hielten ringsherum Wache. Als wir an ihnen

vorüberkamen, hielten die graugekleideten Männer in ihrer Arbeit inne

und richteten sich alle auf, um uns schweigend zu betrachten; dann

grüßten sie durch Abnehmen der Mützen. Ihr Kopf war halb geschoren,

daß er aussah wie eine schreckenerregende, groteske Clownperücke.

Bei dieser traurigen Entdeckung durchschauerte es uns eisig, und wir

murmelten:

„Die Sträflinge!“

Sie betrachteten uns fortwährend. Wir waren schon weit weg, und sie

schauten uns noch immer nach. Wir fühlten uns von ihrer glühenden,

schweigenden Aufmerksamkeit verfolgt. In ihrer Phantasie bedeuteten wir

die Flucht. Wer weiß, welch bedeutsames Ereignis unsere Vorüberfahrt

in dem entsetzlich gleichförmigen Leben einer Herde Menschen bildete,

die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren und die nur noch mit Nummern

gerufen wurden.

Abends 7 Uhr gelangten wir bei regnerischem Wetter nach Sima. Wir

hatten 225 Kilometer zurückgelegt. Im Restaurant der nächsten

Eisenbahnstation gelang es uns, mit sauerer Sahne zubereiteten Borscht

und Koteletts zu erhalten, welch letztere sich aber als ungenießbar

herausstellten; auch fanden wir unseren Benzin- und Ölvorrat im Hause

eines jüdischen Kaufmanns vor, des Agenten der Firma Nobel, bei dem wir

übernachteten.

Sima bedeutet im Russischen „Winter“. Wir fanden diesen Namen

beklagenswerterweise äußerst angemessen. In Sima war die Kälte fast

unerträglich, und wir sagten scherzend zueinander:

„Der Juli steht vor der Tür!“

Das Sonderbare war dabei, daß unser Wirt uns versicherte, daß es bis

vor zwei Tagen unerträglich heiß gewesen sei. Es schien gerade, als ob

uns die Kälte durch Sibirien geflissentlich begleiten wollte, um die

Honneurs des Hauses zu machen.

* * * * *

Früh 4 Uhr waren wir schon wieder unterwegs. Natürlich war der Himmel

bedeckt, die Luft naßkalt. Die Pelze genügten nicht mehr, uns vor der

Kälte zu schützen, und wir hatten noch Kapuzen und unsere wasserdichte

Kleidung angelegt; wir sahen unförmlich aus, wie Eskimos.

Seit einigen Tagen wiederholte sich dieselbe ärgerliche meteorologische

Erscheinung: in der Nacht klarte der Himmel vollständig auf; wir fuhren

am schönsten Morgen ab; bei Sonnenaufgang zeigte sich im Westen etwas

Nebel; dieser stieg weiter empor, wurde zur Wolke, umzog und bedeckte

den ganzen Himmel -- und es begann zu regnen. Dieser Wechsel vollzog

sich in einer halben Stunde. Es war, als ob sich der Westen zu unserem

Empfange rüstete. Ettore, der beim Morgengrauen stets auf das festeste

davon überzeugt war, daß wir „einen herrlichen Tag“ haben würden,

konnte sich gar nicht zufrieden geben: er rief jeden Augenblick, nach

Westen deutend: „Wo ist denn diese unerschöpfliche Wolkenquelle? Wird

sie denn nie ein Ende nehmen?“, und schloss betrübt mit den Worten:

„Was für ein Land!“

Die Straßen waren ziemlich belebt von Telegas, so daß wir auf die

Launen der Pferde gut achtgeben mußten, um kein Unglück zu verursachen.

Die Verwunderung wirkte lähmend auf die Kutscher.

Es ereigneten sich Auftritte von überwältigender Komik. Ein an eine

Telega gespanntes Pferd, erschreckt durch das Nahen des Automobils, das

jedoch im Schritt fuhr wie stets, wenn wir Pferden begegneten, bäumte

sich in die Höhe, warf die Telega um, schleuderte die Ladung und den

Muschik, der das Gefährt lenkte, heraus und ging durch. Der wackere

Mann, der sich so unfreiwillig auf die Erde gesetzt fand, fuhr fort,

uns mit demselben Lächeln zu betrachten, mit dem er uns vor seinem

Sturz angesehen hatte, ohne an seinen Wagen und sein Pferd zu denken,

als ob er in Gedanken versunken wäre und wie verhext überhaupt nichts

von der plötzlichen Veränderung seines Sitzes wahrgenommen hätte! Als

wir näherkamen, grüßte er uns:

[Illustration: Einbooten des Automobils.]

„Guten Tag! Woher kommen Sie?“

„Von Peking.“

Er faltete die Hände und betrachtete uns offenen Mundes. Ein Bauer zu

Pferde brach bei unserem Anblick in Gelächter aus; unversehens machte

sein Reittier erschreckt einen Seitensprung und schleuderte ihn aus dem

Sattel; er erhob sich, immerfort lachend, und sagte in ganz zufriedenem

Tone:

„Haha! Besser ein Wagen ohne Pferd als ein Pferd ohne Wagen! Hahaha!“

Wir müssen zugeben, daß trotz all unserer Vorsicht die Zahl der

umgestürzten Telegas außerordentlich groß war. Die Pferde scheuten,

auch wenn das Automobil stillstand; sie erblickten in ihm wer weiß was

für ein reißendes Tier. Und die Telegas, Wagen, schmal, um überall

durchzukommen, hoch, um Furten passieren zu können, und leicht,

um im Moraste nicht steckenzubleiben, haben alle erforderlichen

Eigenschaften, um mit der größten Leichtigkeit umzustürzen. Die meisten

Bauernpferde in Sibirien tragen kein Gebiß, sondern nur einen dünnen

Zaum. Zu alledem kam die Verblüffung der Leute. Sie beschäftigten

sich nur mit dem Gedanken, was zum Teufel denn dieses große

graue Ungeheuer sei, das da auf der Straße hin und her schwankte

und stolperte. Sie hörten auf nichts, weder auf Warnungen noch auf

Ratschläge, und sehr oft mußten wir halten, absteigen, die Pferde am

Zaume fassen und zur Seite führen.

[Illustration: Der übliche Empfang auf den sibirischen Straßen.]

Einmal begegneten wir einer Postkutsche, einem großen Tarantaß, in dem

alle, Reisende und Kutscher, den Schlaf des Gerechten schliefen. Die

drei Pferde faßten in ihrem Schreck einmütig den Entschluß, kurzerhand

umzukehren. Niemand wachte auf. Wir überholten den Tarantaß ohne

Zwischenfall; nach einigen Kilometern sahen wir ihn von der Höhe eines

Hügels aus wieder, wie er fortfuhr, den bereits zurückgelegten Weg noch

einmal zu machen. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, als wir

an die Überraschung der Reisenden und des Kutschers dachten, wenn sie

sich beim Erwachen nach einer so langen Fahrt auf derselben Poststation

wiederfinden würden, von der sie abgereist waren.

[Illustration: Ausbooten am Ufer eines sibirischen Flusses.]

Oft versperrten große Herden von Rindern oder Pferden die Straße, und

wir mußten warten, bis alle Tiere vorbei waren. Sie waren mißtrauisch,

ängstlich und zögerten, angetrieben von dem Stachelstocke der Hirten,

die hin und her galoppierten, um ein Tier, das fliehen wollte,

zurückzuscheuchen. Es fehlte uns also auf dieser Fahrt nicht an

Abwechslung. Viele Kilometer weit befanden wir uns zwischen einsamen,

nach Harz duftenden Gehölzen. Wir glaubten in den Alleen eines

unermeßlichen Parkes dahinzufahren; alles stand in Blüte, und die

Wiesen und Waldblößen luden in ihren schweigenden Schatten ein. Wenn

wir aber von fern ein Tal bemerkten, so waren wir sicher, ein Dorf in

ihm anzutreffen.

Die Dörfer flüchten sich in die Täler, um Schutz vor den stürmischen

Winden zu suchen, die von den eisigen Tundren im Norden kommen, und um

Wasser zu haben. Die Isbas drängen sich an klaren Bächen zusammen, an

deren Ufern riesige Herden von Gänsen schnattern, die dazu bestimmt

sind, in gefrorenem Zustande auf die großen Wintermärkte in Rußland

verschickt zu werden. Am Ein- und Ausgange des Ortes erhebt sich

ein schwarz und weiß gestreifter Pfahl mit einer Tafel, auf der der

Name des Ortes, die Entfernung bis zum nächsten Dorf, die Zahl der

Feuerstellen und der Einwohner angegeben sind -- kurz, ein förmlicher

statistischer Auszug zur Bequemlichkeit der Beamten, die herkommen,

Steuern einzukassieren oder Soldaten auszuheben. Eine Tafel zeigt die

Wohnung des Starosten an, eine andere das „Semstwoskaja Dom“, das heißt

das Gebäude, in dem die Beamten das Recht zu wohnen haben. Es liegt in

all diesem ein militärischer Zug; es hat den Anschein, als gehörten all

diese Häuser zu einem Regimente, als seien sie gezählt, in Reih und

Glied gestellt, und müßten wie die Zelte eines Lagers stets gewärtig

sein, auf den ersten Befehl von oben abgebrochen und anderwärts wieder

aufgebaut zu werden. Man möchte sagen, nicht die Notwendigkeit, sondern

ein Befehl habe sie erstehen lassen. Die Dörfer befinden sich in nahezu

gleichen Abständen von 20 zu 20 Kilometern und machen den Eindruck

großer Vorpostenstellungen, die über den Moskowskij Trakt verteilt

sind. In der Tat sind sie an erster Stelle Etappen, und dann erst

Dörfer.

Bis vor wenigen Jahren, bevor die Eisenbahn Sibirien durchquerte,

bezeichneten sie die Tagemärsche der Deportierten, die jetzt der Zug

in Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern befördert. Am Ende jedes

Dorfes befindet sich noch die Etappenstation der aus dem Vaterlande

Ausgewiesenen. Es ist ein großes, niedriges, quadratisches Holzhaus

mit unzugänglichen, mit festen Eisenstäben verwahrten Fenstern, das in

einem von einer Einfriedigung umschlossenen Hofe liegt. In dem Hofe

erheben sich einige wenige Gebäude, eine Schmiede vielleicht, ein

Bureau, ein Schlafsaal für die Soldaten; ringsumher Schilderhäuser für

die Wachtposten. Jetzt sind die Türen mit Brettern vernagelt, niemand

darf hinein, alles zerfällt. Diese leeren, aus den Fugen gehenden

Häuser machen einen unheimlichen, geisterhaften Eindruck. Sie scheinen

nicht nur verlassen, sondern sogar gemieden. Es ist unmöglich, sie

ohne Bewegung zu betrachten. Sie sind entstanden, um den Schmerz zu

beherbergen, und man fragt sich, ob von all den körperlichen und

seelischen Qualen, die so lange Jahre hindurch in diesen Räumen

geweilt haben, nichts übriggeblieben sei, ob nicht das Gefühl der

Trauer und des Widerwillens, das man empfindet, wenn man in ihrer Nähe

vorbeikommt, von einem noch lebendigen Kummer, der in der Luft liegt,

herrühre, von einer geheimnisvollen Ausströmung der Klagen, von einem

verhallenden Echo von Worten der Verzweiflung, das die Dinge um uns

wiedergeben und das die Seele empfindet.

Jedes an einem Bache gelegene Dorf bot uns eine Brücke zum

Hinüberfahren, natürlich eine Holzbrücke. Nach unserem Sturze hatten

wir vor den Brücken insgesamt einen heiligen Respekt. Wir suchten

mit der größtmöglichen Geschwindigkeit über sie hinwegzukommen,

nicht sowohl aus Furcht, sie unter uns zusammenbrechen zu sehen,

als um das Krachen der Bretter nicht hören zu müssen. Es war in uns

eine unbesiegliche Abneigung gegen das Geräusch zerbrechenden Holzes

zurückgeblieben, eine rein physische Empfindung, eine instinktive

Erinnerung. Das Krachen eines Holzstückes unter den Rädern hatte auf

uns die Wirkung eines Alarmsignals; die Gedanken mochten anderwärts

weilen und auch fortfahren, dort zu bleiben, aber der Körper fuhr auf

und machte sich zur Abwehr bereit! Und auf den Brücken, namentlich

den großen und hohen, die über tiefe Schluchten, reißende Ströme

und Abgründe hinwegführten, empfanden wir eine seltsame Genugtuung,

ein negatives Vergnügen sozusagen, das wir jedesmal durch eine

beinahe unwillkürliche Bemerkung ausdrückten: das Vergnügen, nicht

hinabzustürzen. Wir sagten:

„Wenn diese Brücke aus den Fugen gegangen wäre, wir würden nichts mehr

davon erzählen können! Wir würden zerschmettert sein!“

Alle waren wir froh, nicht unten auf dem Grunde zu liegen, wenn wir uns

vorbeugten, um, von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, über das

Geländer zu sehen. Wir freuten uns, nicht zerschmettert untenzuliegen.

Am 4. Juli trafen wir gegen 2½ Uhr nachmittags in Nischne-Udinsk ein,

das etwa 500 Kilometer von Irkutsk entfernt liegt. Wir wurden von der

Polizei empfangen, die uns sogar eine Wohnung in ihrem Amtsgebäude

eingeräumt hatte. Es ist nun einmal so, gewisse Ehren kommen nur

großen Männern und Verbrechern zu! Ein Gendarm bereitete uns Tee, ein

Gendarm machte uns die Betten, ein Gendarm kochte unser Essen. Es war

die gebändigte Gewalt. Man stelle sich vor, einem strammstehenden

Gorodowoi die Gerichte zu nennen, die er auf den Tisch bringen soll!

Das Außerordentliche dabei war, daß die Speisen vorzüglich waren.

Während der Fürst den Polizeikommandanten und die Beamten empfing,

während Ettore, der den Vorrat an Brenn- und Schmiermaterial glücklich

gefunden hatte, die Maschine putzte und mit Nahrung versorgte,

hatte ich einen heldenmütigen Kampf mit dem Telegraphenamte von

Nischne-Udinsk zu bestehen, der damit endete, daß es mir gelang,

meinen Bericht abzusenden. Nach den opiumrauchenden Telegraphisten

in Hsin-wa-fu hatte ich kein seltsameres Amt mehr angetroffen. Bei

Überreichung der Depesche fragte der Beamte:

„Was für eine Sprache ist dies?“

„Italienisch“, erwiderte ich.

„Wir befördern nichts Italienisches.“

„Sie müssen italienische Depeschen befördern gemäß den internationalen

Bestimmungen.“

„Wer gibt uns aber die Versicherung, daß es wirklich Italienisch ist?“

„Ich.“

„Das genügt nicht.“

Die Geduld drohte mir zu reißen, aber es gelang mir, sie noch einmal

zusammenzuflicken, und ich antwortete ruhig:

„Lassen Sie die Depesche jemand lesen, der Italienisch versteht.“

[Illustration: In Nischne-Udinsk.]

„Niemand versteht hier Italienisch.“

„Kurz und gut!“ rief ich, „wollen Sie die Depesche befördern oder

nicht?“

„Wir wollen die Depesche als chiffrierte befördern.“

„Meinetwegen.“

„Die Worte, die mehr als zehn Buchstaben haben, werden doppelt

gerechnet.“

„Meinetwegen.“

„Haben Sie die Freundlichkeit, uns den Chiffreschlüssel und die

russische Übersetzung mitzuteilen. So bestimmt es das Gesetz für

chiffrierte Telegramme.“

Das war zuviel! Ich lief, um mir Hilfe zu holen, und traf Herrn

Radionoff, unseren guten Reisegefährten, der uns anfänglich nur

ein Stück über Irkutsk hinaus hatte begleiten wollen und jetzt die

augenscheinliche Absicht verriet, uns nicht mehr verlassen zu wollen.

Ich zog ihn nach dem Telegraphenamte und teilte ihm meine Erbitterung

mit; wir sprachen beide auf den Beamten ein. Vergeblich! Dann hatte

ich einen guten Gedanken; ich nahm ein Formular, füllte es mit einem

empörten Proteste aus und ließ diesen als dringendes Telegramm an den

Generaldirektor der Telegraphenverwaltung von Sibirien in Irkutsk

telegraphieren. Eine Stunde später war die italienische Sprache in

Nischne-Udinsk amtlich anerkannt! Als Journalist aber sehnte ich mich

von Herzen nach den kleinen chinesischen Telegraphisten zurück, die

in den fernen, aus Lehm gebauten Telegraphenämtern der Wüste Gobi

von jedem Verkehr abgeschnitten sind, nach jenen wackeren bezopften

Telegraphisten, die an den Kopf meiner Depesche „Nummer 1“ setzen

mußten und sie ohne Irrtum und ohne Verspätung über alle Kabel des

Orients hinweg beförderten!

Abends spät entschloß sich Freund Radionoff, uns zu verlassen. Der

Wind und die Kotspritzer hatten ihm unversehens eine Augenentzündung

verursacht, die es ihm nicht mehr gestattete, die Genüsse

einer längeren Automobilfahrt zu würdigen. Als er sich von mir

verabschiedete, erklärte er mir mit einem Anflug vertraulicher

Genugtuung:

„Wissen Sie, ich bin auch ein bißchen Journalist!“

„Wirklich?“

„Jawohl. Heute habe ich eine Depesche an die Irkutsker Zeitungen

aufgegeben. Hier ist sie: ‚Auf Automobil Borghese erreichten wir

Nischne-Udinsk 2 Uhr 35. Herrliche Fahrt.‘“

„Ist das alles?“

„O nein! Es war noch die Unterschrift dabei.“

Fünfzehntes Kapitel.

Im Jenisseibecken.

In der Taiga. -- Kansk. -- Das zusammengekettete Rad. --

Krasnojarsk. -- Die Macht der beiden Dokumente. -- Der Übergang

über den Kemtschug. -- Atschinsk. -- Wir bleiben stecken.

Nischne-Udinsk ist nur ein großes Dorf am Ufer der Tschuna, eines der

zahlreichen Nebenflüsse der Angara. Wir fuhren des Morgens um 4 Uhr

durch seine schmutzigen Straßen und jagten einige friedliche Familien

von Schweinen, die ausgestreckt in den Pfützen der Straße längs der

Häuser schliefen, in die Flucht. Der eine oder andere Frühaufsteher

unter den Bewohnern sah uns mit verschlafenem, mißtrauischem Gesicht

nach. Dem Automobil voraus fuhr ein Polizeitarantaß, bemannt mit einem

Offizier und gelenkt von einem Gendarmen, um uns den Weg nach dem 275

Kilometer entfernten Kansk zu zeigen. Bei einem Straßenübergang über

den Eisenbahndamm hielt der Tarantaß.

„Sie können jetzt nicht mehr irren,“ rief der Offizier; „folgen Sie nur

jenem Wege dort. ~Do svidania!~“

„~Do svidania! Spasibo!~“ -- „Adieu! Vielen Dank!“ riefen wir.

Das Automobil beschleunigte seinen Lauf dem neuen Ziele entgegen. Wir

fuhren in einem dichten, eisigen Nebel, der uns das Gesicht naß machte

und unsere Pelze mit Tauperlen benetzte. Eine Zeitlang hofften wir,

es würde der Sonne gelingen, ihn zu zerstreuen. Die Sonne kam auch auf

Augenblicke zum Vorschein, aber nur bleich. Wir riefen ihr Worte der

Ermutigung zu.

„Immer tüchtig drauf los, Beste. Also los!“

Wir erblickten in jener atmosphärischen Erscheinung eine Art Kampf

zwischen der Sonne und dem Nebel. Bald hatte der eine die Oberhand,

bald die andere. Wir ergriffen natürlich für die Sonne Partei. Ettore

bemitleidete sie:

„Die Ärmste, sie tut, was sie kann!“

Aber die Sonne wurde schmählich geschlagen. Sie suchte ihr Heil in der

Flucht, und wir bekamen sie nicht mehr zu sehen. Der Nebel stieg, um

in Form von Regen wieder herabzufallen, und den ganzen Tag über wurden

wir von Wasser, Wind, Kälte und Schmutz gepeinigt. Die Straßen waren

nicht so gut wie die in der Nähe von Irkutsk. Wir waren einige Male

gezwungen, auf das Grün der Wiesen auszubiegen, um Löchern, tiefen

Wasserlachen oder verdächtig aussehenden sumpfigen Stellen aus dem Wege

zu gehen. Wir begegneten niemand mehr. Die Gegend wurde immer öder.

Die Felder und Wiesen räumten ihren Platz den Bäumen. Wir betraten das

Gebiet der „Taiga“, des endlosen sibirischen Waldes. Um 9 Uhr früh

rollten wir bereits in seinem unheimlichen Halbdunkel dahin.

Die Straße ist eine durch den Wald gehauene Schneise. Die Menschen

haben sich einen Weg gebahnt, aber auf lange Strecken ist der Wald zur

Rechten wie zur Linken undurchdringlich. Die Region der Taiga erstreckt

sich bis an die Steppen der Tundren; sie ist ausgedehnt wie ein

Kaiserreich; in dem größten Teile dieser Welt der grünen Baumriesen hat

sich die Menschheit mit Mühe nur das Durchgangsrecht erobern können.

Wir fuhren viele Dutzende von Kilometern inmitten der überwältigenden

düsteren Menge von Tannen, hundertjährigen Kiefern und weißstämmigen

Birken. Während wir die Anhöhen hinauffuhren, hatten wir zuweilen einen

Ausblick auf die endlose Waldfläche. In uns stieg das peinigende

Gefühl der Einsamkeit auf, das uns beklemmte, weil sie, eingeengt durch

jene unermeßliche schattige Schranke, die sich zu beiden Seiten von uns

erhob, infolge des Dämmerlichtes, das sich von dem mit schweren Wolken

bedeckten Himmel herabsenkte, noch düsterer und grauenerregender wirkte.

[Illustration: Blicke in die Taiga.]

Jenes zahllose Volk von Bäumen schien zu leben und sich schweigend zu

verteidigen, es schien den Willen zu haben, uns einzuschließen und

zurückzuhalten. An den Windungen der Straße schlossen sich die Bäume

vor uns und hinter uns zusammen, als rückten sie unmerklich vor, als

versperrten sie uns den Weg und verlegten uns jeden Rückzug. Man hätte

sagen können, sie bewegten sich, sobald wir sie nicht beobachteten.

Immer wieder verlor sich der Weg im Dickicht; es war, als sei er von

diesem verschlungen. Die rötlichen, gerade aufsteigenden, riesenhohen

Stämme der Kiefern waren erhaben wie Säulen. Dichte, urwaldähnlich

verschlungene Gebüsche drangen bis an den Saum der Straße vor und

bildeten lange, undurchdringliche Gehege, die die jungfräuliche

Majestät des Waldes beschützten. An einer Stelle sprang ein großer

Wolf, durch das rasche Nahen des Automobils überrascht, in eilendem

Laufe quer über den Weg; wir störten das Urwaldsleben der Taiga.

Mitunter wurde der Wald lichter, wir stießen auf Blößen, dann auf

Wiesen und in den Tälern auf einsame Dörfer, deren Bewohner im und

vom Walde leben, umgeben von unermeßlichen Holzstößen, die vielleicht

für den Eisenbahnbau bestimmt sind. Es waren Dörfer von häßlichem

Aussehen; sie schienen zufrieden, daß sie nichts von der Welt wissen

und ihre eigene Welt sind, und waren bewohnt von blonden Holzhauern

von athletischem Körperbau. Diese Menschen sind Freunde und Feinde der

Taiga; sie lieben und bekämpfen sie, strecken ihre riesenhaften Stämme

zu Boden und glauben an die poetischsten Waldmärchen; die Bäume sind

ihre Gefährten und ihre Opfer. In der Nähe der Isbas reihen sich, die

Deichseln wie zwei Arme emporgereckt, riesige Wagen aneinander, die zum

Fortschaffen der Stämme dienen, und ringsherum weiden Pferde, die vor

dem Automobil scheuen und in langen Galoppsprüngen davonstürmen.

Eine Überraschung wartete unser. Mit einem Male erblickten wir zwischen

den Zweigen die Telegraphenpfähle, und bald darauf befanden wir uns

wieder dicht an der Eisenbahn. Ein langgedehntes Pfeifen erscholl, und

ein Zug holte uns mit lautem Keuchen ein. Einige Minuten lang fuhren

wir Seite an Seite mit dem Zuge. Aus den Fenstern grüßten uns die

Reisenden und riefen uns Abschiedsworte zu. Aber bald entfernte uns

unser Pfad wieder von der Eisenbahn, und wir befanden uns von neuem in

tiefer, unberührter Stille. Es war für uns eine flüchtige Berührung mit

der Welt gewesen inmitten jener Waldeinsamkeit; die Menschheit hatte

uns in dem Schweigen des Waldes einen kurzen Ermutigungsruf zukommen

lassen.

Am Nachmittag brach ein heftiges Gewitter los. Die Blitze zuckten, und

der Donner hallte beständig von Tal zu Tal wider. Die Straße füllte

sich mit Wasser, und der strömende Regen hüllte alles in einen dichten

Schleier. Bei dem Dorfe Taitisk setzten wir in einem Boote über den

Fluß Birüssa, einen Nebenfluß der Tschuna, die wir am Morgen bei

Nischne-Udinsk überschritten hatten. Reißend, angeschwollen und trüb

wie ein großer Gebirgsstrom, rollte er seine Fluten dahin. Das Gewitter

hatte sich verzogen, aber einige Stunden später, als wir in das Tal

des Kan hinabfuhren, überraschte uns ein neues Unwetter. Auf einem

großen Trajektboote, das dem auf der Selenga bei Werchne-Udinsk ähnlich

war, setzten wir über den Kan, während dieses neue wütende Gewitter im

bleichen Scheine der Blitze tobte.

[Illustration: In einer Lichtung der Taiga.]

Im Kan trafen wir den ersten Fluß, der sich in den Jenissei ergießt.

Wir hatten endgültig das Becken der Angara verlassen und betraten

Mittelsibirien. Kansk am Ufer des Kan erwies sich als eine Stadt.

Es lag ein Anstrich von Großartigkeit über ihr, der von zwei Dingen

herrührte: von dem Nebel, der die Umrisse der Stadt undeutlich machte

und vergrößerte, und von der Anwesenheit einer gewerblichen Anlage am

Ufer des Flusses. Ein junger Mann, dem Aussehen nach ein Student, der

sich ebenfalls auf dem Fährboot übersetzen ließ und der uns gegrüßt

hatte, verstand das Wort „Fabrik“, das wir von jenem Gebäude mit den

hohen Schornsteinen gebrauchten, und wandte sich an uns mit den Worten:

„Nein, es ist keine Fabrik.“

„Was ist es denn sonst?“

„Es würde besser für Kansk sein, wenn sie nicht bestünde. Sie verarmt

das Land, statt es zu bereichern. Sie ist sein Verderb. Sie ist der

Verderb Rußlands.“

„Nun also, was ist es denn?“

„Eine staatliche Schnapsbrennerei.“

Wir waren durchnäßt, als hätten wir den Fluß durchschwommen. Die

Straßen des Ortes fanden wir überschwemmt und verlassen; nur ab und zu

kam eine Droschke vorübergerumpelt. Wir kehrten in einem alten, aus

Holz erbauten Gasthofe ein, dem besten der Stadt, wohin man das für

uns angekommene Benzin und Öl brachte. Der Gasthof hatte keine andern

Nachtgäste mehr; aber der Billardsaal im Erdgeschoß war gedrängt voll

von Beamten, voller Lärm und Rauch. In der Nacht mischten sich in das

weithin vernehmbare Rauschen des Regens das Stimmengewirr der Spieler

und das Klappern der Billardkugeln.

Um 3 Uhr morgens waren wir schon wieder unterwegs. Wir wollten

frühzeitig Krasnojarsk, das etwa 230 Kilometer entfernt lag, erreichen.

Kurz vor der Abfahrt kam ein Polizeioffizier, um uns die Begleitung

zweier bewaffneter Soldaten anzubieten.

„Unmöglich!“ bemerkte Borghese. „Sie würden uns nicht folgen können.“

„Nehmen Sie sie doch auf dem Automobil mit,“ riet der Offizier.

[Illustration: Auf der Straße durch die Taiga.]

„Wir haben nur Platz für uns drei.“

„Wir haben erfahren, daß Räuber im Walde sind. Vor einiger Zeit

überfielen die Revolutionäre eine Kaserne in Krasnojarsk, bemächtigten

sich der Waffen und der Munition und öffneten die Tore des

Gefängnisses. Im Gefängnisse saßen 70 Verbrecher, die alle ausbrachen.

Bis jetzt sind von ihnen erst 30 wieder aufgegriffen worden.“

„Und die übrigen 40?“

„Die übrigen haben sich in kleine Banden geteilt und treiben sich in

der Gegend des Jenissei umher. Sie tauchen bald hier, bald dort auf,

aber wir haben keine Truppen verfügbar, um Jagd auf sie zu machen. Sie

plündern öfters die Wagen auf dem ‚Trakt‘, im Walde. Zum Glück geht

jetzt hier die Eisenbahn durch, und den wenigen Reisenden, die durch

den Wald müssen, geben wir, wenn es achtbare Leute sind, Bedeckung mit.“

Ein Automobil anzuhalten ist eine etwas schwierige Sache, namentlich

für den, der noch keins gesehen hat! Nur ein Unfall hätte uns den

Räubern in die Hände liefern können. Übrigens war keine Möglichkeit

vorhanden, die Soldaten mitzunehmen, und wir beabsichtigten nicht, aus

Furcht vor einem möglichen Überfall mit der zu Fuß marschierenden

Bedeckung Schritt zu halten und sieben Tage auf die Fahrt nach

Krasnojarsk zu verwenden.

Von Myssowaja bis hierher hatten wir von nichts anderm als von den

Räubern sprechen hören, und wir waren daher über diese Art Gefahren auf

der Heerstraße etwas skeptisch. Die Bedeckung wurde dankend abgelehnt.

Der Offizier machte eine Bewegung, als wollte er sagen: „Des Menschen

Wille ist sein Himmelreich.“

Als Ersatz dafür baten wir wie in Nischne-Udinsk, auf den rechten Weg

geleitet zu werden. In eine Stadt zu kommen, ist nicht so schwierig,

wie aus ihr herauszufinden. Der Offizier stieg in eine Droschke und gab

dem Kutscher, der im Galopp davonfuhr, einen Befehl. Wir folgten.

Außerhalb der Stadt verließ uns der Offizier und ermahnte uns:

„Seien Sie auf Ihrer Hut!“

* * * * *

Dieser 6. Juli war einer der schlimmsten Tage unserer Reise.

Wir wurden beständig von einem wolkenbruchartigen Regen verfolgt, von

einer wahren Sintflut, die die Wege der Ebene überschwemmte und die der

Hügellandschaft aushöhlte und aufwühlte. Es war unmöglich, mit einer

gewissen Schnelligkeit vorwärtszukommen, und sei sie für eine Maschine

von 50 Pferdekräften noch so bescheiden. Das Automobil glitt aus, es

konnte sich auf dem klebrigen Moraste nicht halten; die Laufräder

hörten streckenweise auf zu greifen und drehten sich in tollem Wirbel

heulend herum, Straßenschmutz und Wasser in die Luft schleudernd. Es

ist unmöglich, einen Begriff von dem Zustande der sibirischen Straßen

bei einem solchen Regen zu geben.

[Illustration: Versunken im Schmutze eines sibirischen Dorfes.]

In den Dörfern, wo die Herden mit ihren Tritten den Boden uneben

machten, ist der Morast tief und weich. Die Räder versinken darin

bis an die Naben, und der Schmutz spritzt um die Speichen herum. Auf

weite Strecken hin trafen wir die sogenannte „schwarze Erde“ an, die

sicher die fruchtbarste der Welt ist, aber auch die dem Automobilsport

feindlichste. Die schwarze Erde wird von der tausendjährigen

Verwitterung von Pflanzen gebildet; sie ist eine Art Moor, ein

früherer Sumpf, der bei Regenwetter wieder zum Sumpfe wird. Sie ist

mit organischen Bestandteilen gesättigt, seifenartig und leicht; wenn

sie durchnäßt ist, gibt es nichts Schwierigeres, als im Gleichgewicht

über sie hinwegzukommen. Das Automobil blieb stecken und zeigte einen

bedauernswerten Ungehorsam gegen das Steuerrad: es drehte sich im

Kreise herum, warf sich zur Seite, und oft hatten wir Mühe, es dicht am

Rande tiefer Gräben zum Stehen zu bringen.

[Illustration: Eine Panne in der Taiga.]

Wir waren noch nicht allzu weit von Kansk entfernt, als wir an eine

kleine, mit schwarzer Erde bedeckte Anhöhe gerieten. Länger als eine

Stunde mühten wir uns ab, darüber hinwegzukommen, indem wir alle Mittel

versuchten, die die Praxis uns gelehrt hatte. Es war unmöglich. Müde

und erbittert beschlossen wir umzukehren. Einige Werst entfernt befand

sich ein Straßenübergang in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamm und

dabei ein Bahnwärterhäuschen. Wir suchten Unterkunft bei dem Bahnwärter

und ließen die Maschine auf der Straße stehen; es blieb uns nichts

anderes übrig. Wir mußten warten, bis der Regen nachließ und die Straße

trocken wurde.

Die Frau des Bahnwärters zündete den Samowar an, wir breiteten

die Pelze und die wasserdichten Kleider rings um den warmen Ofen

und setzten uns in das kleine Zimmer, finster und schweigsam wie

Verurteilte. Seit unserer Ankunft in Sibirien hatten wir nur _einen_

Tag gutes Wetter gehabt, und gerade an jenem Tage war eine Brücke

mit uns eingestürzt. Hatte es nicht den Anschein, als verfolge uns

ein tückischer Feind? Jeden Augenblick sahen wir zum Fenster hinaus.

Es regnete immerzu. Der Himmel war dunkel und hing schwer herab. Es

handelte sich nicht um Stunden, es handelte sich um Tage, vielleicht um

Wochen.

Die Mittagszeit nahte heran. Der Bahnwärter zog seinen Mantel an,

setzte die Mütze auf, nahm den Signalstab von der Wand und ging hinaus.

Seine Frau eilte, die Schranken des Straßenüberganges zu schließen, und

bald darauf donnerte ein langer Zug vorüber, der die Fensterscheiben

erklirren und das Häuschen erzittern ließ. Er kam von Kansk. Der Wärter

kehrte zurück, legte Mantel und Mütze ab, stopfte sich eine Pfeife und

sagte zu uns:

„Das Wetter ändert sich nicht.“

„Ist denn der Sommer immer so in Sibirien?“

„Die ältesten Leute können sich eines derartigen Sommers nicht

entsinnen. Seit zwei Monaten regnet es beinahe unaufhörlich. Noch

nie haben wir im Juli solche Kälte und so viel Regen gehabt. Die

Feldarbeiten sind unmöglich. Im Gouvernement Jenisseisk ist die Ernte

vielfach vernichtet. Wir werden in diesem Winter Hungersnot haben.“

Wir konnten nicht unentschlossen sitzenbleiben, dem Vorbeifahren der

Züge zusehen und in der Nähe eines Ofens Zigaretten rauchen. Wir

mußten irgendein Mittel finden, über diese vermaledeite schwarze Erde

hinwegzukommen, und mußten ein sinnreiches Mittel ausdenken, die Räder

am Gleiten zu verhindern. Hierin lag das Problem. Auf diesen Straßen

wären Zahnräder am Platze gewesen! Ettore ging hinaus und begann an

der Maschine zu arbeiten. Er mußte einen Plan haben. Er war der Mann

der Aushilfsmittel. Wir sahen ihn in der Tat die Ketten von den Winden

abnehmen und sie um den Gummireifen des linken Laufrades schlingen.

Die Idee war äußerst geistreich, und wir spendeten ihm rückhaltlosen

Beifall.

„Jetzt wollen wir es einmal versuchen!“ rief der wackere Mechaniker,

als er das mit der Kette umwickelte Rad, das er mittels der Winde vom

Boden hochgehoben hatte, wieder auf die Erde stellte.

[Illustration: In der Taiga.]

„Ja, wir wollen es versuchen!“

Wir sprangen auf unsere Sitze, und fort ging es.

Wenige Minuten später bekamen wir den Feind in Sicht. Das Automobil

erklomm rasch die Anhöhe, die uns so oft zum Rückzuge gezwungen

hatte. Ungefähr in der Mitte blieb die Maschine einen Augenblick

unentschlossen stehen -- aber nur einen Moment; die Kette riß wie eine

Kralle den Boden auf, gelangte auf festen Boden und griff Zoll für Zoll

weiter ein. Wir überwanden die Höhe und brauchten von nun an nicht mehr

zu halten. Trotzdem mußten wir eine große Unannehmlichkeit mit Geduld

und Ergebenheit ertragen. Die Kette wühlte eine außerordentliche

Menge Schmutz auf und schleuderte ihn auf das Automobil und auf uns,

so daß alles davon bedeckt wurde. Wir konnten nur mit Mühe die Augen

offenhalten. In den Dörfern lagen in den Straßenschmutz eingebettet

Stücke Holz, Zweige, Steine, die die Ketten herausbaggerten und uns

auf den Rücken warfen. Aber wir kamen vorwärts! Wir hatten keine

Furcht mehr, im Moraste steckenzubleiben. Der Regen, den ein eisiger,

heftiger, schneidender Wind uns gerade entgegentrieb, peitschte uns das

Gesicht.

Dutzende von Kilometern führte uns der Weg wieder in die Taiga zurück.

Vom dunkeln Himmel herab sammelten sich oft die niedrighängenden Wolken

um uns und umgaben uns mit einem dichten Nebel, in dem die Bäume des

Waldes bizarre, gespenstische Gestalten annahmen. Die Massen der Tannen

zeichneten sich in dunkeln, phantastischen Umrissen, mit ragenden

Spitzen ab, die den Türmen und Giebeln, den Konturen schattenhafter

gotischer Städte glichen. Niemals erblickten wir den Horizont klar.

Alles rings um uns war undeutlich und blaß. Es blieben uns von den

Gegenden, durch die wir kamen, nur verworrene, unbestimmte Erinnerungen

wie von Dingen, die wir geträumt hatten. Genau erinnern wir uns nur an

das wilde Rauschen der Bergströme, an das Niederklatschen des Regens

auf die Bäume und an das Rieseln in den Gräben zu beiden Seiten der

Straße -- kurz, es ist uns ausschließlich das Bild fallender und

fließender Wassermassen im Gedächtnis geblieben. Die Gießbäche waren

angeschwollen und trüb, die Flüsse voll bis zum Rande.

Aber wir fanden überall Brücken. Eine von ihnen führte über die Kisbna,

eine lange Brücke, die unter dem Anprall der reißenden Strömung, die

gegen die Pfeiler drängte, in allen Fugen erzitterte.

Nach langen Stunden der Einsamkeit sahen wir mit einem Male drei wie

Muschiks gekleidete, aber mit Gewehren bewaffnete Männer auf der Straße

stehen.

„Sind das die vielbesprochenen Räuber?“ fragten wir uns, als wir sie

erblickten.

„Oder vielleicht harmlose Zollwächter, die Jagd auf Schmuggler machen?“

Zollwächter oder Schmuggler: wir machten die Mauserpistole schußbereit

und behielten jede Bewegung der drei im Auge. Die Männer ihrerseits

beobachteten uns regungslos. Man sah, sie waren über ein so

unerwartetes Zusammentreffen im Innern der Taiga aufs höchste erstaunt.

Als wir 50 Schritt von ihnen entfernt waren, warteten sie nicht mehr.

Sie flüchteten in das Gebüsch, wo sie stehenblieben und uns mit

entsetzter Miene betrachteten. Sie waren so außer Fassung, daß wir

ihnen mit vollem Erfolge die Börse oder das Leben hätten abverlangen

können!

Es war 6 Uhr, als wir aus den Wäldern herauskamen und in dämmernder

Ferne einen großen Fluß schimmern sahen, den Jenissei. Eine

Stunde später langten wir an seinem rechten Ufer an, gegenüber

den Glockentürmen und blauen Kuppeln von Krasnojarsk. Es ist ein

prächtiger Fluß, der zwischen hohen, grünen Ufern breit und rasch

dahinströmt, als hätte er Eile, sich von der langen Winterruhe zu

erholen; er wird durchfurcht von Dampfern, durchschnitten von den

leichten, eigenartigen heimischen Booten, die aus einem einzigen

ausgehöhlten Baumstamme angefertigt sind. Vor der Stadt teilt sich der

Jenissei in zwei Arme, über die wir auf großen, festen Trajektbooten

übersetzten. Polizeibeamte erwarteten uns und geleiteten uns durch fast

menschenleere Straßen nach einem Gasthofe. Krasnojarsk schlummerte in

dem immerwährenden Lichtscheine der sibirischen Nacht.

Wir hielten uns einen ganzen Tag dort auf, einen langweiligen Sonntag,

den wir im Gasthofe zubrachten, weil es draußen regnete, die Geschäfte

geschlossen, die Straßen still waren und die Stadt ein verödetes

Aussehen hatte, als sei die Bevölkerung vor irgendeiner drohenden

unbekannten Gefahr geflohen. Wir stiegen immer wieder in den Hof

hinunter, um einen Blick auf das Automobil zu werfen, das einem „großen

Reinemachen“ unterzogen wurde. Es hatte es auch nötig; der Schmutz war

in solcher Menge in die Öffnungen der Kühlvorrichtung gedrungen, daß

er die freie Atmung dieser Lunge des Motors behinderte. Dem Schmutze

schrieben wir auch jenen Zwischenfall mit der erhitzten Bremse zu, der

uns bei unserer letzten Etappe zum Halten veranlaßt hatte. Dank der

Polizei fanden wir in Krasnojarsk wie in den andern Städten unseren

Ergänzungsvorrat an Brenn- und Schmiermaterial vor. Stets war es die

Polizei, die es sich angelegen sein ließ, das Depot ausfindig zu machen

und uns zu übermitteln, gleichgültig, ob am Tage oder in der Nacht.

Das Automobil war stets von Publikum umgeben, einem gewählten Publikum

von Beamten und Offizieren, weil die Menge keinen Zutritt zu dem Hofe

hatte. Nicht ohne Verwunderung trafen wir darunter auch Engländer

an, zu denen wir im Gefühle einer Verwandtschaft aller Westeuropäer

freundschaftliche Beziehungen anknüpften. Es waren Ingenieure, die von

der bezauberndsten aller Tätigkeiten, der Goldgewinnung, nach Sibirien

gelockt worden waren. In Krasnojarsk hört man von Gold in derselben

Weise sprechen wie in Kalifornien.

Es scheint, als berge Sibirien unter den reichen Schichten fruchtbarer

Erde noch ganz andere Reichtümer. Im Becken der Lena, des Jenissei, des

Amur und vieler kleinerer Flüsse findet sich Gold im Überfluß. In der

Goldgewinnung kommt Sibirien sofort hinter den Vereinigten Staaten,

Australien und Transvaal. Dabei ist man noch gar nicht dazu gekommen,

die Adern auszubeuten. Mit den einfachsten Mitteln sammelt und wäscht

man den goldhaltigen Sand der Flußanschwemmungen. Seit einigen Jahren

jedoch führt man die Arbeit nach rationelleren Methoden aus. Die

Eisenbahn hat die Beförderung der komplizierten Maschinen des modernen

Bergbaus möglich gemacht. Wegen der Maschinen, der Ingenieure und

der Leitung der Arbeit hat man sich nach England gewandt, dem Lande

der Meister in der Goldgewinnung. Aber auch abgesehen vom Golde hat

Krasnojarsk früher unmittelbare Beziehungen zu England unterhalten,

eigenartige Beziehungen, die in der Stadt beinahe die trügerische

Hoffnung erweckten, ein Seehafen zu werden.

[Illustration: Fahrt über einen sibirischen Fluß.]

Ein englischer Reeder namens Wiggins hatte den kühnen Plan gefaßt, in

den wenigen Wochen -- sechs oder sieben --, in denen das Nördliche

Eismeer eisfrei ist, durch das Karische Meer zu fahren und in die

Jenisseimündung einzudringen, um einen neuen Handelsweg nach Sibirien

zu suchen. Im Jahre 1874 unternahm er diesen Versuch mit einem Schiffe

namens „Diana“, und er gelang ihm; 1878 wurde die gewonnene Erfahrung

in den Dienst der Praxis gestellt, und es wurden Waren an den Mündungen

des Jenissei und des Ob ausgeschifft. Sieben Jahre später bildete sich

eine englische Gesellschaft zum Zweck der regelmäßigen Organisation

dieser Sommerschiffahrt. Die Geschäfte gingen aber schlecht, und

die Gesellschaft löste sich auf, ebenso eine zweite Gesellschaft.

Sibirien war noch nicht reif. 1895 aber, als die Eisenbahn in diesem

unermeßlichen Gebiet die erste Entwicklung der Industrie hervorrief,

bildete sich eine dritte englische Gesellschaft. Diesmal gingen die

Geschäfte glänzend. 1898 kam eine neue Handelsflotte an. Die russische

Regierung jedoch, die diese Unternehmungen anfangs durch Ermäßigung

oder Erlaß der Zölle begünstigt hatte, zog später jede Begünstigung

zurück, und seitdem ist es mit der Schiffahrt zu Ende. Krasnojarsk

wird fortan kein Seehafen mehr sein!

Am Abend herrschte im Gasthofe gewaltiges Leben. Es fand eines jener

großen sibirischen Bankette statt, welche an die Üppigkeit antiker

Gastmähler erinnern.

Zwei unserer englischen Freunde stiegen am Morgen des 8. Juli früh 4

Uhr in eine Droschke und zeigten uns den Weg aus Krasnojarsk heraus.

Braucht es noch einer besonderen Versicherung, daß es regnete? Einen

Kilometer von dem Ort verabschiedeten wir uns von unseren Führern mit

einem herzlichen „~Good bye!~“ und fuhren auf schauderhaften Wegen über

leichte, grasbewachsene Anhöhen weiter. Es ging bergab und bergauf, wie

wenn ein Kahn über die Täler und Kämme der Wellen tanzte. Es begann

eine Fahrt, die der des gestrigen und vorgestrigen Tages glich, durch

Wiesen und Wälder und kleine Strecken bebauten Landes in der Nähe

der Dörfer; alles war naß, düster, traurig. Langsam verflossen die

Stunden, langsam wurden die Kilometer zurückgelegt, und die kleinen

Zwischenfälle der Reise, das komische Erstaunen der Muschiks, das

Scheuen der Pferde, unsere Ankunft auf ländlichen Märkten, auf denen

wir die lächerlichsten Verwirrungen anrichteten, vermochten nicht, uns

aufzuheitern und uns zum Sprechen zu bewegen. Finster und verärgert

saßen wir auf unseren Plätzen.

Mitunter empfanden wir einen wahren Haß gegen unser Geschick wie

gegen einen Feind. Wir waren der Ansicht, daß ein feindlicher Wille

uns absichtlich Schwierigkeiten in den Weg legte. Denn es waren nicht

unvermeidliche Hindernisse wie die Gebirge von Kalgan oder der Lauf

des Iro; nein, es waren Schwierigkeiten, die eine Stunde vor unserer

Ankunft nicht vorhanden gewesen sein konnten und die eine Stunde

später nicht mehr vorhanden sein würden. Sie schienen geschaffen, uns

zu ermüden, uns zu erbittern. Wir befanden uns in der für gewöhnlich

trockenen Jahreszeit, und doch hörte es nicht auf zu regnen. Diese

Straßen hätten ausgezeichnet sein müssen und waren unpassierbar; ein

sonniger Tag hätte sie in guten Zustand versetzt, und die Sonne kam

nicht zum Vorschein. Unsere Berechnungen, unsere Voraussicht -- alles

war umgestürzt. Wir hatten geglaubt, in einem Tage von Krasnojarsk

nach Tomsk zu gelangen, und wir würden drei, vielleicht gar vier

dazu brauchen! Sibirien zeigte sich hartnäckig, als wollte es uns

nicht durchlassen, und wir fühlten, wie sich unser gereizter Wille in

Eigensinn verwandelte.

Gegen 9 Uhr gelangten wir an das Ufer eines Flusses, des Kemtschug,

eines Nebenflusses des Tschulym, der seinerseits wieder ein Nebenfluß

des Ob ist; es war bei Bolschaja, einem kleinen Dorfe, das den Namen

des „großen“ führt.

Wir fragten nach dem Trajektboot, dem gewohnten Paravieda, das die

Telegas übersetzt.

„Es war eins vorhanden,“ antworteten uns die Einwohner, die sich sofort

um uns versammelten, „aber das Hochwasser hat es mitgerissen und zum

Sinken gebracht. Es liegt eine halbe Werst von hier im Wasser.“

Wir fragten, ob eine Brücke in der Nähe sei. Die Landleute

überschritten den Fluß auf einem gebrechlichen, zwei Hände breiten

Stege, auf dem es schon gefährlich war, sich zu Fuß darüber zu wagen.

„Es war eine Brücke da,“ erklärten sie uns, „aber das Hochwasser hat

sie zerstört.“

„Dann wird es wohl eine Furt geben.“

„Nein. Der Fluß ist in der Mitte über Mannshöhe tief, und man kann

nicht hinüberwaten.“

So wollten wir die Eisenbahnbrücke benutzen, wie wir es in

Transbaikalien getan hatten.

„Wo ist die Eisenbahn?“ fragten wir.

„Dort unten, zehn Werst von hier.“

„Gibt es eine Straße, auf der man hingelangen kann?“

„Nein.“

„Einen Fußweg?“

„Nein. Es ist lauter Wald, und man kommt nur zu Fuß oder zu Pferde

fort.“

Wir waren ratlos. Ein kleiner Fluß wie der Kemtschug schlug uns ein

Schnippchen! Wir rechneten aus, wieviel Zeit der Bau eines breiten,

festen Flosses in Anspruch nehmen würde: es waren mindestens zwei

Arbeitstage. Da griffen wir zu einem Gewaltmittel. Wir ließen den

Starosten rufen.

Es war ein alter Muschik mit weißem Barte, bekleidet mit einem

samtenen, mit Stickereien besetzten Armiak, der ihm das Aussehen eines

heruntergekommenen Bojaren gab. Fürst Borghese überreichte ihm die

amtlichen, vom Ministerium des Innern und dem Polizeidirektor des

Kaiserreiches ausgestellten Schriftstücke, die allen Behörden befahlen,

uns jede Hilfe und jeden Schutz angedeihen zu lassen, und sagte zu ihm

in feierlichem Tone:

„Lesen Sie!“

Peking-Paris im Automobil Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen. · 第 8 / 15 题