Auf dem Programm der Fahrt Peking-Paris war der Übergang über den

Baikalsee zu Schiff vorausgesehen. Es war richtig, so wurden die

Flüsse überschritten, und der Baikalsee macht eher den Eindruck einer

riesigen, den Weg versperrenden Wasserader als den eines Sees. Da aber

ein Weg um den See herum existierte, so wollten wir ihn einschlagen.

Die Auskünfte lauteten jedoch sehr schlecht. Bereits in Werchne-Udinsk

hatte man uns gesagt, daß die Brücken über die hauptsächlichsten

Flüsse eingestürzt und die übrigen im Begriff seien, einzustürzen. In

Myssowaja wiederholte man dasselbe. Alle aber kannten die Dinge nur vom

Hörensagen; niemand hatte diese Straße seit zehn Jahren mit eigenen

Augen gesehen. Wir wollten das Unternehmen jedoch nicht aufgeben, ohne

es versucht zu haben.

[Illustration: In Myssowaja.]

Ich muß gestehen, daß der Übergang über den Iro und über die Bolschaja

Rjeka uns betreffs der Flüsse ein übergroßes Selbstvertrauen eingeflößt

hatte. Wir glaubten nicht, daß die kleinen Flüsse im Süden des

Baikalsees so bedeutend seien, daß sie nicht an einem erreichbaren

Punkte ihres Laufes durchschritten werden könnten. Wir beschlossen

also, am nächsten Tage auf diese hydrographische Entdeckungsreise

auszuziehen. Die Maschine war in ausgezeichneter Verfassung -- seit

unserer Abfahrt aus Peking hatten wir nur einen einzigen Pneumatik

am linken Hinterrade zu erneuern gehabt --, wir besaßen Brenn- und

Schmiermaterial für 1000 Kilometer, Lebensmittel auf drei Tage; wir

konnten uns daher in völlig unbewohnte Gegenden wagen.

Wir schliefen auf der Erde; denn wenn der Starost auch ein Zimmer

hatte, so hatte er doch keine Betten -- Betten sind in Sibirien ein

Luxusartikel, da man hier im Winter auf dem warmen Ofen und im Sommer

auf dem Fußboden schläft --, und am nächsten Morgen, 28. Juni, brachen

wir nach einem herzlichen Abschiede von unserem Gastfreunde auf.

Wir sollten nur allzubald wieder zurückkommen!

Der Morgen war klar und kalt, wie er einem schönen Februarmorgen bei

uns entspricht. Der See, der ruhig, ohne einen Wogenschlag, ohne

ein Wellenkräuseln dalag, hatte die Durchsichtigkeit der Luft; er

schien zu atmen. Nur der Baikalsee besitzt an sonnigen Tagen den

Anschein ätherischer Leichtigkeit, eine vom Himmel zurückgestrahlte

zarte Heiterkeit, die zu der grenzenlosen Ausdehnung den Eindruck

unendlicher, leuchtender Tiefe hinzufügt. Das mit Wald bestandene

Ufer streckte kleine Halbinseln mit üppigem Pflanzenwuchs in den See

hinein; das Wasser warf ihr Spiegelbild zurück und ließ sie doppelt und

schwebend erscheinen. Scharen von großen weißen Möwen schwammen auf

dem See umher und machten seine Oberfläche dadurch kenntlich, daß sie

sich von ihr abhoben. Unser Bewundern war von kurzer Dauer. Der Weg

nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und wir vergaßen bald den

Zauber der Landschaft.

Die Straße war nicht nur verödet, sie war auch zerstört. Wir

überstiegen steile Anhöhen, die die Wut des Wassers während der

Schneeschmelze zerrissen, ausgewaschen und ausgehöhlt hatte. Es

ging bergauf und bergab über richtige Stufen. Wir kamen über manche

abschüssige Stellen nur hinweg, indem wir die Maschine einen raschen

Anlauf nehmen ließen. Die Maschine schnaubte und stöhnte, sprang bei

den Unebenheiten des Bodens in die Höhe und erhob sich beim ersten

Ruck, den die Räder erhielten, als wollte sie sich in die Lüfte

schwingen. Mitunter blieb sie kraftlos stehen, wenn sie schon beinahe

bis zum Gipfel gelangt war, und mußte zurückgehen, um einen neuen,

längeren und anhaltenderen Anlauf zu nehmen.

An andern Stellen war der Weg mit Gras bedeckt, mit wildem Gebüsch

bewachsen, voll umgestürzter Baumstämme und vertrockneter Äste, die

durch irgendwelche Überschwemmung hier abgelagert worden waren. An

manchen Stellen in der Nähe des Ufers haben die auf dem Baikal wütenden

Stürme die Palissaden abgeschlagen, das Land weggeschwemmt, und so

einen Teil der Straße zum Einstürzen gebracht. Wir fuhren vorsichtig

auf dem schmalen Straßenrande weiter, wobei wir den ruhig und

durchsichtig daliegenden See unter uns betrachteten.

Die früheren Poststationen waren unbewohnt, halb zerstört, mit

eingestürzten oder dem Einsturz nahen Dächern, herausgerissenen

Türpfosten, grasbewachsenen Zimmern. Es sah aus, als ob die Stationen

nach einem Kriege, nach einer Plünderung vergessen worden seien.

Eine unbeschreibliche Verwüstung herrscht auf der alten sibirischen

Hauptstraße, die zu verschwinden droht, nachdem sie die russische

Herrschaft bis zum Stillen Ozean getragen hat. Sie ist schon tot und

verwest jetzt. Wir sahen nicht mehr als eine letzte Spur dieser alten

Erobererstraße. Wir fuhren in dem ausgetrockneten Bette eines Stromes

der Menschheit und des Reichtums dahin. Jene Straße hat das Heer

Murawjew-Amurskijs vorüberziehen sehen, der Rußland im fernen Osten die

schönste Revanche für den Krimkrieg verschaffte, sie hat die Züge der

Auswanderer und Deportierten, allen Schmerz und alle Kühnheit gesehen,

die in 50 Jahren ein Volk zwischen dem See und dem Meere geschaffen

haben, sie hat Millionen Gold aus den Minen von Blagowjeschtschensk

und Millionen Silber aus den Minen von Nertschinsk auf von berittenen

Kosaken begleiteten Wagen vorüberziehen sehen! Auf dieser Arterie, die

einer Welt das Leben gegeben hat, mußten wir uns jeden Augenblick den

Weg mit Axt und Spaten bahnen.

Die Geländer der Brücken waren umgefallen; niemand hatte sie

herausgerissen, sie lagen da, umgestürzt von dem Gewicht des Schnees

und der Gewalt der Stürme. Von den Brücken selbst hätte man sagen

können, daß sie nur aus alter Gewohnheit noch hielten. Wir setzten

zuviel Vertrauen auf diese Gewohnheit. Bei dem Überschreiten der ersten

waren wir vorsichtig; später dachten wir nicht mehr daran. Wir waren

überzeugt, daß sie viel stärker waren, als es den Anschein hatte.

Manche Brücke erzitterte und knarrte, ohne daß dies jedoch Folgen

gehabt hätte. Wir suchten den gebrochenen Brettern auszuweichen; die

andern senkten sich und schwankten auf und nieder, trugen uns aber.

Ein einziges Mal bemerkten wir auf einer kleinen Brücke einen Sprung;

das Automobil zauderte einen Augenblick und hielt plötzlich, dann aber

machte es einen Satz vorwärts auf festen Boden, während einige Bretter

hinunterstürzten; auf der Brückenbahn öffnete sich, kaum daß wir

darüber weg waren, ein klaffender Spalt.

Nach drei Stunden gelangten wir an die erste der drei berüchtigten

eingestürzten Brücken, die über den Mischikafluß führten. Der Fluß war

breit und reißend. Die Gipfel der Anhöhen ringsherum zeigten noch weiße

Schneestreifen. Wir fanden längs des Ufers einen Pfad, der sich in der

Richtung auf die Mündung des Flusses zu senkte. Wir folgten ihm und

gelangten zu einer kleinen Gruppe von Häusern. Dort trafen wir einen

Holzfäller, der im Grase saß und damit beschäftigt war, ein gewaltiges

Paar Stiefel anzuziehen.

„Guten Tag!“ sagte er, ohne daß es schien, als ob die Ankunft eines

Automobils auf ihn Eindruck machte.

„Guten Tag. Wo ist die Furt?“

„Es gibt keine Furt, Väterchen. Die Mischika ist tiefer, als ich groß

bin.“

„Wie machst du es denn, wenn du hinüber willst?“

„Ich benutze diese Barke hier.“

Wir blickten nach der Richtung, in der der Mann zeigte, und gewahrten

eine Art Kahn, der an einen am Ufer wachsenden Strauch gebunden und

dessen Boden mit Wasser bedeckt war.

„Gibt es keine andern Barken?“

„Ja, es gibt noch eine andere wie die da.“

„Und wie kommt das Vieh hinüber?“

„Schwimmend. Sehen Sie dort, jetzt!“

In der Richtung auf den See, wo die Strömung ruhiger war, schwamm eine

Anzahl Pferde langsam an das linke Ufer, wobei sie ein wenig abtrieb.

„Wie könnte man es anstellen, um diesen Wagen auf die andere Seite des

Flusses zu schaffen?“ fragten wir den Holzfäller.

Er überlegte einige Zeit, während der er seine Stiefel vollständig

anzog; dann erhob er sich und antwortete:

„Man könnte die Brücke wieder herstellen. Die Stützbalken sind

stehengeblieben, und sie sind noch gut.“

„Gibt es Arbeiter hier?“

„Wir alle sind imstande, eine Brücke zu bauen. Es gibt Menschen und

Holz im Überfluß.“

„Wieviel Zeit würde die Arbeit in Anspruch nehmen?“

„Mindestens acht Tage und sechs Mann.“

Wir begannen den Plan zu erörtern. Eine Brücke wieder herzustellen, war

verlockend. Acht Tage zu warten, ließ sich ertragen. Aber wir würden

eine eingestürzte Brücke über die Pereemma, eine über die Aososa, eine

dritte über die Vidrina antreffen, ohne die kleineren zu zählen. Wir

konnten uns doch nicht daran machen, alle eingestürzten Brücken des

Russischen Reiches wieder herzustellen? Dies würde über das Programm

einer Automobilfahrt hinausgehen.

Mußten wir also den Plan ausgeben, die Reise um den Baikalsee herum

fortzusetzen? O nein, noch nicht! Ein neuer Plan tauchte in uns

auf. Über jene Flüsse führten doch noch andere Brücken, und zwar

ansehnliche: die Eisenbahnbrücken. Wäre es nicht möglich, auf den

Bahnkörper zu gelangen, die Schienen entlang zu fahren, die Brücken zu

überschreiten und dann jenseits der unpassierbaren Flüsse wieder auf

die alte Heerstraße hinunterzusteigen? Wir hatten eben eine Station in

der Nähe gesehen. Warum sollten wir nicht den Versuch machen?

Wir brachen also auf, erfüllt von neuer Hoffnung, und langten auf

der Station an, die wir durch die Bäume hindurch erblickt hatten.

Sie schien verlassen zu sein. Wir traten in den kleinen Wartesaal,

an dessen Wänden große Tafeln mit Abbildungen hingen; sie zeigten,

in welcher Weise man Verwundeten die erste Hilfe leisten müsse, und

waren hier von der Kriegszeit her zurückgeblieben, als alle Stationen

voller Truppen lagen. Im Saale befand sich niemand; die Türen waren

verschlossen. Nachdem wir uns genügend über die erste dringende Pflege

der Verwundeten unterrichtet hatten, begannen wir zu rufen, in der

Erwartung, daß jemand erscheinen werde. Und siehe da, es erschien ein

Gendarm!

[Illustration: Im Hofe des Starosten von Myssowaja.]

Der Gendarm fragte nach unseren Pässen, Dokumente, die gänzlich

unnötig waren, wenn man ein Schreiben des Generalpolizeidirektors des

Kaiserreichs in Händen hat. Dieses Schreiben händigten wir dem Beamten

der öffentlichen Sicherheit ein. Es war ein ausgezeichneter Bursche,

dieser Gorodowoi. Er brauchte zwar etwas viel Zeit, um das Schreiben

Silbe für Silbe zu lesen, aber schließlich begriff er. Er begriff und

wurde unser Freund. Wir ahnten damals nicht, daß er einige Tage später

für uns von geradezu unbezahlbarem Werte sein sollte.

Als wir dem Gendarmen unseren Wunsch, die Brücken benutzen zu dürfen,

mitgeteilt hatten, erwiderte der Wackere:

„Das läßt sich sehr gut ausführen. Das ist meine Sache. Ich

telegraphiere jetzt sofort an meine Vorgesetzten, teile ihnen mit, wer

Sie sind, und die Sache ist abgemacht.“

„Aber,“ wandte der Fürst ein, „die Eisenbahnbehörden ...“

„Was haben die Eisenbahnbehörden mit der Erlaubnis, die

Eisenbahnbrücken benutzen zu dürfen, zu tun? Die Polizei hat die

Oberaufsicht über die Bahnlinie; auf den Brücken stehen Schildwachen,

damit Verbrecher sie nicht in die Luft sprengen, und niemand darf ohne

unsere Erlaubnis die Strecke betreten.“

Der Stationsvorsteher, der inzwischen dazukam und sich erkundigte, über

was wir sprächen, fand die Sache viel schwieriger.

„Für meine Person,“ erklärte er, „würde ich Ihnen alles gestatten;

ich würde Ihnen sagen: Fahren Sie sofort! Aber ich vermag nichts; die

Polizei ist nicht zuständig, und die Eisenbahnbehörden können nichts

erlauben, was gegen die Verordnungen verstößt. Die Regierung allein

hat die Entscheidung. Sie müssen den Generalgouverneur von Sibirien in

Irkutsk um die Erlaubnis bitten.“

Der Mut entfiel uns. Aber wir beschlossen, es zu versuchen. Wir wollten

also an den Generalgouverneur telegraphieren. Wenn binnen zwei Tagen

keine zusagende Antwort eingetroffen wäre, so würden wir uns darein

ergeben, zu Schiff über den See zu fahren. Nachdem wir diesen Entschluß

gefaßt hatten, machten wir uns auf den Rückweg nach Myssowaja. Es war

eine demütigende Rückkehr, niemand wird es bezweifeln.

Es gibt etwas auf der Welt, was noch schwerer zu ertragen ist als eine

große Anstrengung: deren Wiederholung! Schwierigkeiten zu überwinden

und dann zurückgehen müssen, ist schlimm. Dazu kommt, daß eine als

schlecht bekannte Straße doppelt mühsam ist; es geht ihr der Reiz der

Neuheit ab, wenigstens wenn man es nicht als etwas Neues empfinden

will, daß man das auf dem Abstiege findet, was vorher auf dem Aufstiege

lag, und auf dem Aufstiege, was sich vorher auf dem Abstiege befunden

hatte.

Der Himmel war gleichförmig weiß geworden; er hatte sich unmerklich

mit Wolken überzogen, und man hätte sagen können, daß ein tüchtiger

Schneefall im Anzuge sei. Es wehte ein kalter Wind, und der See bewegte

wieder seine Fluten, die so weiß waren wie der Himmel.

Die eingestürzte Brücke würde uns viel Mühe bereiten, wenn wir sie so

gut wie möglich wieder instand setzen wollten, und machte uns sehr

besorgt, wie wir sie passieren könnten. Aber im Grunde genommen ließ

sich auch diese Schwierigkeit ziemlich leicht überwinden. In den ersten

Nachmittagsstunden waren wir wieder in Myssowaja, abermals die Gäste

des wackeren Starosten, der uns herzlich wie das erste Mal empfing.

Wir sandten sofort das Telegramm an den Generalgouverneur von Sibirien

ab, in dem wir um die Erlaubnis baten, auf der Bahnstrecke fahren zu

dürfen. Es blieb uns nichts übrig, als die Antwort abzuwarten.

In Myssowaja warten müssen, heißt die Bitterkeit der Deportation

kosten! Wir hatten, offengestanden, wenig Vertrauen, daß jene Antwort

rasch eintreffen werde. Der Gouverneur würde erst Beamte um Rat

fragen betreffs Ort und Zeit, eine Untersuchung einleiten, die Sache

vielleicht nach Petersburg berichten; dort würde der Minister des

Innern die Angelegenheit an das Verkehrsministerium weitergeben, in

dem ein höherer Rat einen Kommissar beauftragen würde, den Fall zu

studieren und Bericht darüber zu erstatten ... Wir glaubten, einer der

größten Schwierigkeiten, einem ungeheueren Hindernis gegenüberzustehen,

gegen das sämtliche 50 Pferdekräfte des Automobils und alle Energie,

über die wir verfügen konnten, nichts auszurichten vermöchten -- einer

Art von endlosem, grauem, weichem Gebirge, vor dem man nichts tun

kann als abzuwarten und die Zeit und die Geduld zu Hilfe zu rufen! So

schätzten wir die Bureaukratie ein. Wir hatten unrecht. Die russische

Bureaukratie hat auf unserer ganzen Reise von einem Zollamte des

Reiches bis zum andern für uns Wunder der Schnelligkeit selbständiger

Entschließung vollbracht.

Während unserer Wartezeit durchstreiften wir Myssowaja. Wir gingen

am Gestade des Sees spazieren und suchten zwischen den buntfarbigen

Kieseln nach kleinen Onyxen und Achaten, klassifizierten die von den

Wellen ans Ufer geworfenen toten Fische, kletterten auf den verlassenen

Hafendamm und blieben vor den staubigen Schaufenstern eines kleinen

Ladens stehen, um die ausliegenden verschiedenartigen Gegenstände

zu mustern. Diese Unterhaltung verschaffte uns die Bekanntschaft

des Apothekers von Myssowaja, eines aus den baltischen Provinzen

stammenden Provisors, der uns zwischen seine Büchsen zog und uns

den liebenswürdigsten Empfang bereitete. Die Apotheke wurde unser

Lieblingsaufenthalt; wir brachten hier lange Stunden zu, schlürften

unbekannte Liköre heimischer Erfindung und Herstellung und lauschten

dabei den Jagdgeschichten des Apothekers, der Gewehre, Patronengürtel

und Bärenfelle dicht neben den Flaschen mit Rizinusöl aufbewahrte.

Er zeigte uns das dichte, noch frische Fell eines kleinen Bären, das

zum Trocknen über einen Tisch gebreitet war. Man hatte es ihm soeben

gebracht. Ein Jäger hatte das Tier mit einem Messerstich erlegt. Es gab

Bären drei Kilometer von der Stadt auf der Hügelkette. Warum nicht eine

Jagd veranstalten? Und hier, mitten unter den Drogen, entwarfen wir den

Plan zu einer Jagd.

Von der Apotheke begaben wir uns nach dem Telegraphenamte, um

Nachrichten von unseren Gefährten einzuholen. Sie waren gerade in

Kiachta eingetroffen, und zwar in gutem Zustand. Sie hatten einen Teil

des Weges auf unseren Spuren zurückgelegt. Am Iro waren jene wackeren

Mongolen, als sie sie kommen sahen, treu der erhaltenen Weisung von

selbst herbeigeeilt, um ihnen Ochsen anzubieten, indem sie durch

Gestikulationen die Art und Weise klarmachten, in der wir das andere

Ufer gewonnen hatten. Am Nachmittag desselben Tages, des 28. Juni,

waren die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ nach Werchne-Udinsk

aufgebrochen. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß sie vormittags 9 Uhr

an der Selenga bei Nowi-Selenginsk eingetroffen waren -- dort, wo wir

das erste Dampfboot gesehen hatten -- und nach Überschreitung des

Flusses um 11 Uhr weitergefahren waren. Wir rechneten aus, daß sie am

nächsten Tage, 29. Juni, früh in Werchne-Udinsk und am 1. oder 2. Juli

in Myssowaja sein könnten.

Zu Hause verbrachten wir die Zeit beim Samowar und machten eine

Radikalkur in Tee durch, die nur unterbrochen wurde durch das Kosten

der Sakuska, der russischen Vorspeise, die aus allen möglichen

pikanten Bestandteilen zusammengesetzt ist. Der Pristaf kehrte zurück,

es kehrten die Honoratioren des Ortes zurück, um uns schweigend

Gesellschaft zu leisten, während die Menge in respektvoller Neugier

vor der Tür haltmachte. Auch das Automobil, das im Hofe ausruhte, als

guter Nachbar der alten Schlitten, die das Eis des Baikalsees kannten,

erhielt seine Besuche; es war unaufhörlich umgeben von langhaarigen

Muschiks in Filzstiefeln, von Kosaken und Kindern. Jeder, der durch die

Straße kam, trat ein und sah es sich an. Außerhalb des Hofes standen

stets wartende Pferde und Wagen. Wir mußten die Ungeduld des langen

Wartens zügeln, als wir durch das mit blühenden Blumen geschmückte

kleine Fenster den wieder klargewordenen Himmel beobachteten. Zwischen

den Ranken hindurch sandten wir sehnsüchtige Blicke zu den Isbas längs

des steinigen, verödeten Weges, der jetzt an der Sonne trocknete, und

betrachteten den hinter ihnen unermeßlich sich ausdehnenden funkelnden

Horizont des Baikalsees. Dann setzten wir uns wieder nieder und

brummten:

„Wir verlieren wundervolle Tage, und wenn wir uns wieder auf den Weg

machen, regnet es sicherlich!“

Am Abend des 28. Juni ließ sich ein Kaufmann bei uns melden, der den

langen schwarzen Kaftan der russischen Juden trug. Er grüßte mit

Unterwürfigkeit und fragte uns:

„Sie wollen nach Irkutsk reisen?“

„Ja, am 2. Juli.“

„Ich hätte Ihnen ein ausgezeichnetes Geschäft vorzuschlagen. Ich habe

einen Dampfer im Hafen liegen. Wenn Sie wollen, so setze ich Sie in

sieben Stunden nach Nikolsk oder Listwinitschnoje über, für den halben

Preis der Eisenbahnfahrt.“

„Wann geht Ihr Dampfer?“

„Heute abend, wenn Sie wünschen. Er hat keine Ladung einzunehmen und

kann sofort wieder abfahren. Ich würde auf Sie auch warten, sogar bis

morgen abend.“

„Wir können keine Entscheidung treffen. Wir warten auf eine Antwort,

die sich verspäten kann.“

„Gut. Überlegen Sie es sich --“, und als er schon auf der Schwelle

stand, um fortzugehen, drehte er sich noch einmal um und wiederholte:

„Also bis morgen Abend. Adieu!“

Der Tag verging, ohne daß eine Nachricht aus Irkutsk eingelaufen wäre.

In der Nacht wurden wir durch starke Schläge, die gegen die Außenwand

der Isba geführt wurden, geweckt. In diesen Häusern braucht man nicht

an die Tür zu klopfen, um sich öffnen zu lassen; man nimmt einen Stein

und schlägt irgendwo an die Holzwände, bis jemand hört. Es war ein

Höllenlärm. Der Starost ging schlaftrunken an die Tür und kehrte mit

einem Telegraphenboten zurück, der eine Laterne trug und mit einer

Flinte mit aufgepflanztem Bajonett und einem Revolver bewaffnet war. Er

brachte eine Depesche.

„Weshalb all diese Waffen?“ fragte ihn Fürst Borghese, während er beim

Licht der Laterne die Empfangsbescheinigung ausstellte.

„Man kann nachts nicht ohne Waffen ausgehen“, erwiderte der Bote.

„Die ganze Gegend wird durch Verbrecher unsicher gemacht, die einen

überfallen, morden und ausrauben. Es sind die von Sachalin.“

„Die von Sachalin?“

„Ja, die Deportierten von Sachalin, die die Insel gegen die Japaner

verteidigt haben. Sie wurden nach dem Kriege nach dem Festlande

zurückgebracht und in der allgemeinen Verwirrung entflohen sie. Viele

waren zur Belohnung für ihre Teilnahme am Kampfe freigelassen worden.

Sie haben sich im Amurlande und in Transbaikalien zerstreut, haben

die Gefängnisse erbrochen und die Verbrecher befreit. Sie brechen in

Banken ein, begehen Straßenraub und verschwinden dann. Man lebt hier

nicht mehr ruhig.“

Jetzt begriffen wir, weshalb uns die Polizei die Erlaubnis gegeben

hatte, nicht einen, sondern zwei Revolver zu tragen. Ebenso wurde uns

die sonderbare Frage: „Sind Sie nicht überfallen worden?“, die wir

überall hören mußten, wo wir eintrafen, verständlich. In Werchne-Udinsk

hatten Polizeibeamte, die in den Gasthof kamen, uns gesagt: „Bei der

ersten verdächtigen Bewegung in Ihrer Nähe, namentlich des Abends,

schießen Sie, schießen Sie sofort, aber achten Sie vor allem auf

eins ...“

„Auf was?“ fragten wir.

„Daß Sie gut zielen, daß der Schuß nicht fehlgeht.“ Es war dies

keineswegs in scherzhaftem Tone gesprochen.

Das Telegramm kam von Irkutsk und lautete: „Der Generalgouverneur

befindet sich in Krasnojarsk, wohin ihm Ihre Bitte, über die

Eisenbahnbrücken fahren zu dürfen, übermittelt worden ist.“ Wir legten

uns wieder auf den Fußboden und murmelten einige wenig parlamentarische

Worte über die Langsamkeit der amtlichen Bestellungen in Sibirien.

Am nächsten Tage, 29. Juni, saßen wir beim Provisor im Zimmer hinter

dem Laden beim Frühstück und sprachen von der berühmten Bärenjagd,

als die Glocke der Haustür erklang. Unser Gastfreund kam in kurzem

mit geheimnisvoller Miene zurück, schaute ringsum, als fürchtete er,

beobachtet zu werden, und sagte dann mit leiser Stimme:

„Es sind Gendarmen da! Zwei Gendarmen, die nach Ihnen fragen.“

„Nach uns?“

„Ja, nach Ihnen. Sie wissen, daß Sie hier sind, und sagen, sie müßten

Sie auf jeden Fall sprechen. Es gefällt mir nicht.“

Wir gingen, um zu erfahren, was die Gendarmen von uns wünschten.

In der Apotheke erwarteten uns zwei Gorodowoi. Draußen versuchten

zaghaft einige Neugierige, unauffällig durch das Schaufenster zu

sehen. Das Erscheinen von Gendarmen ist in Sibirien nicht immer ein

gutes Zeichen. Vielleicht erwartete Myssowaja bereits die Verhaftung

der geheimnisvollen Reisenden, die die Welt auf einer losgekoppelten

Lokomotive durchjagten. Fürst Borghese stand im Begriff, nach seinen

Papieren zu greifen und das berühmte Schreiben vorzuzeigen; aber

diesmal waren es die Gendarmen, die ein Papier überbrachten, wobei sie

respektvoll grüßten.

Es war der Erlaubnisschein, der sehnsüchtig erwartete Erlaubnisschein

des Generalgouverneurs!

Wer wagt noch, von der Bureaukratie schlecht zu sprechen! Wir waren

in heller Begeisterung und spendeten ihr Worte des denkbar höchsten

Lobes. In der Tat haben sich die russischen Behörden uns gegenüber von

unvergeßlicher Höflichkeit, Zuvorkommenheit und Gastlichkeit gezeigt.

Die Erlaubnis, die wir erhielten, war ganz außergewöhnlich und einzig

in ihrer Art.

Wir wurden ermächtigt, mit dem Automobil auf der Bahnstrecke zu fahren,

alle Brücken zu überschreiten und, wenn nötig, auf diese Weise bis nach

Irkutsk zu gelangen.

„Was müssen wir tun? Wann können wir abfahren?“ fragten wir die

Gendarmen.

„Sie können reisen, wann Sie wollen. Das Streckenpersonal ist

benachrichtigt. Auf den Stationen wird man Ihnen sagen, wann die Linie

frei ist.“

Wir ließen natürlich die Bären im Frieden ihrer Wälder und verbrachten

den Rest des Tages mit den Vorbereitungen zu jener seltsamen Fahrt

zwischen den Schienen, Weichen, Signalen von einer Station zur andern!

Wir gingen dem spannendsten Ereignis unserer ganzen Reise entgegen.

Dreizehntes Kapitel.

Der Einsturz der Brücke.

Das Automobil auf der Bahnstrecke. -- Die „Sechzehnte

Rangierstation“. -- Die alte Brücke. -- Das Automobil stürzt. --

Die Rettung. -- Tanchoi.

Am 30. Juni früh 4½ Uhr verließen wir bei strahlend heiterem, aber

kaltem Wetter Myssowaja zum zweiten Male und schlugen wiederum den am

28. zurückgelegten Weg ein. Wir nahmen zwei lange, uns vom Starosten

überlassene Bretter mit, die wir auf dem Gepäck festbanden. Wir sahen

voraus, daß wir sie brauchen würden, um auf unserer Fahrt zwischen den

Schienen über die Weichen in der Nähe der Stationen hinwegzukommen.

Der Gedanke, mit dem Automobil auf einer Eisenbahnstrecke zu fahren,

erschien uns so abenteuerlich, daß wir die Ausführbarkeit bezweifelten.

Der Gedanke hatte sich unserem Geiste zuerst als die natürlichste Sache

von der Welt dargestellt; als wir aber näher darüber nachdachten,

fanden wir ihn schließlich widersinnig. Am Tage zuvor war die einzige

Schwierigkeit das Ausbleiben der Erlaubnis gewesen; jetzt, da wir den

seltsamen Plan ausführen wollten, sahen wir eine Menge Schwierigkeiten.

Würden die Räder zwischen den Schwellen nicht steckenbleiben? Wie

sollten wir über die in Ausbesserung begriffenen Strecken hinwegkommen?

Würden wir rasch genug von der Strecke herunterkommen, um einem

etwaigen Extrazuge auszuweichen? Würden die Schienenbolzen nicht die

Pneumatiks zerreißen? Und wenn alles gut ging, konnten die Stöße einer

langen Fahrt über die Schwellen hinweg nicht die ernstesten Folgen für

die Festigkeit und Ausdauer der Maschine haben? Auf all diese Fragen

antworteten wir: „~Vedremo!~“ und gingen vorwärts.

Wir wollten die Strecke auf der kleinen Station in der Nähe des

Mischikaflusses betreten, an der wir zum ersten Male vor zwei Tagen

gehalten hatten. Die abenteuerliche Fahrt sollte genau an dem Orte

beginnen, wo der erste Gedanke daran entstanden war. Der nächste Zug

nach Irkutsk würde von Myssowaja nicht vor 8 Uhr abgehen, und der

nächste Zug nach Werchne-Udinsk würde mittags vorüberkommen. Wir würden

also Zeit haben, zwischen dem einen und dem andern den Bahnhof von

Tanchoi zu erreichen, das etwa 60 Kilometer von Myssowaja entfernt ist.

Tanchoi ist die Erbin der Schiffahrt von Myssowaja. Der neue Hafen der

Trajektboote wird vorgezogen, weil er dem Westufer des Sees näherliegt;

die Überfahrt der Dampfer zwischen Tanchoi und der Station Baikal auf

dem linken Ufer der Angara ist nur 40 Kilometer lang. Es gibt Flüsse,

die breiter sind als diese Strecke, wie z. B. der Pará und der La-Plata

bei Buenos Aires.

Wir legten geduldig zum zweiten Male den alten verödeten Weg zurück,

der so malerisch und so schwierig ist, mit seinen zahllosen, dem

Einsturz nahen kleinen Brücken, seinen steilen Abhängen und seinen

Anhöhen, die man im Sturm nehmen mußte, den Weg, der sich bald an

dem klaren See hinzieht, bald im Schatten der Wälder verbirgt. Wir

hatten diesmal den Vorteil, ihn zu kennen. Der Fürst erinnerte sich

bei seinem erstaunlichen Gedächtnis an alles. Er sagte zu Ettore,

welcher steuerte: „Jetzt kommt ein Abhang; bremse! Jetzt kommen wir

an die Brücke, die sich nach rechts hinüberneigt; halte dich links!“

Aber all dieses Wissen bewirkte nicht, daß wir mit größerer mittlerer

Geschwindigkeit als 9 Kilometer die Stunde fuhren, so daß wir erst

gegen 8 Uhr bei der kleinen Station an der Mischika anlangten.

[Illustration: Am Ufer des Baikal-Sees.]

Wir trafen wiederum den Stationsvorsteher und den Gendarmen, der an

seine Vorgesetzten telegraphieren wollte. Der Stationsvorsteher hatte

keine Nachricht von der Genehmigung unseres Gesuches erhalten, wohl

aber der Gendarm. Dieser teilte uns mit, daß sämtliche Gendarmen und

Wachtposten längs der Strecke von Irkutsk den Befehl erhalten hätten,

uns passieren zu lassen. Der Stationsvorsteher seinerseits erklärte:

„Ich widersetze mich nicht. Ich weiß von nichts. Ich übernehme aber

auch keine Verantwortung.“

[Illustration: Auf der Strecke der sibirischen Eisenbahn in Begleitung

des Gendarmen.]

Der Gendarm erklärte: „Ich werde Sie begleiten, und Sie werden überall

durchkommen.“

So erhielten wir den schlagendsten Beweis von der Allmacht des

Gendarmen in Sibirien.

Um dem wackeren Krieger einen Platz im Automobil zu überlassen,

kletterte ich auf das Gepäck im hinteren Teile der Karosserie, auf das

ich mich rittlings setzte, allerdings ein wenig durch die Anwesenheit

der langen Bretter behindert, aber befriedigt durch die erhöhte

Stellung, die mich die Dinge um mich herum von einem ganz neuen

Gesichtspunkt aus betrachten ließ. Der Gendarm saß auf dem Tritte.

Um die Weichen und Signalvorrichtungen, die in großer Anzahl in der

Nähe der Station vorhanden sind, zu umgehen, suchten wir weiterhin in

der Entfernung von einem Kilometer einen Übergang von der alten Straße

nach der Eisenbahn. Der Eisenbahndamm war ein paar Meter hoch, der

Übergang aber bestand in einer kleinen Treppe zum Gebrauch des nächsten

Bahnwärters, die sich wenig zum Aufstieg eines Automobils eignete.

Dies war aber keine Schwierigkeit, die irgendwelchen Eindruck auf

uns gemacht hätte. Mit Hilfe alter Schwellen, die wir in geschickter

Weise aneinanderlegten, und der beiden Bretter konstruierten wir eine

Fahrbahn, die die Maschine im Fluge benutzen konnte.

Endlich befanden wir uns auf der Strecke. Mit den rechten Rädern ragte

die Maschine über das Geleis hinaus; wir luden in Eile die Bretter

wieder auf, befestigten sie gut und nahmen unsere Plätze ein. Ich saß

von neuem oben auf dem Gepäck wie ein Araber auf dem Höcker eines

Dromedars. Wir fuhren los.

Der erste Eindruck war entzückend. Diese herrliche gleichmäßige,

ebene, glänzende Straße war nach all den Abhängen, dem Gestrüpp, den

Gebüschen, den Gräben der vormaligen Heerstraße von verführerischem

Reiz. Geradlinig und über die umliegende Landschaft erhöht, machte

sie den Eindruck einer Schwebebahn, einer riesigen Hängebrücke. All

das war neu und gefiel uns vielleicht nur darum so gut. Wir fuhren

langsam; wenn die Schwellen auch sehr nahe aneinanderlagen und mit

einer Sandschicht bedeckt waren, teilten sie doch dem Automobil

eine Schaukelbewegung, eine Art leichten Galopps mit. Als aber die

Geschwindigkeit zunahm, wurde der Galopp heftig und ging schließlich in

ein fürchterliches wildes Schütteln über, das die Maschine in Stücke zu

reißen drohte. Wir begnügten uns daher mit einem ganz leichten Galopp,

mit der Geschwindigkeit von 15 Kilometern in der Stunde. So gelangten

wir zu dem ersten Bahnwärterhäuschen.

Der Wärter war natürlich ebensowenig wie der Stationsvorsteher

über unsere Fahrt unterrichtet worden, die unter dem hohen und

ausschließlichen Schutze der Polizei vor sich ging. Der Ärmste begriff

nichts von dieser seltsamen Lokomotive, die ruhig neben den Schienen

fuhr, er betrachtete sie voller Entsetzen und hielt sie schließlich

gewiß für ein neuerfundenes Gefährt, das seine Probefahrt machte. Er

stürzte in sein Häuschen, kam sofort wieder mit dem Stabe heraus, der

„freie Fahrt“ bedeutet, und nahm die vorschriftsmäßige Stellung ein.

Der Gendarm befahl zu halten, stieg ab, näherte sich dem Manne und

ließ sich die rote Fahne reichen, die dieser zusammengerollt an seinem

Gürtel trug. Dann schwenkte er dieses revolutionäre Abzeichen, kehrte

äußerst befriedigt auf das Automobil zurück und rief:

„Um den Zügen das Haltesignal zu geben!“

Wir fuhren über zahlreiche kleine Brücken, die so breit waren wie

die Schwellen und über tiefe Gebirgsströme führten, deren Gewässer

wir durch die breiten Zwischenräume zwischen den einzelnen Schwellen

schäumen sahen. Diese durchlöcherten Brücken, die aus voneinander

abstehenden Bohlen bestehen, die nur von den Schienen zusammengehalten

zu werden scheinen, sehen zum Entsetzen leicht und gebrechlich aus. Man

weiß, daß sie fest sind, aber man sieht es nicht. Das Automobil fuhr

mit den linken Rädern zwischen den Schienen und mit den rechten Rädern

auf den schmalen, nach außen vorspringenden Teilen der Schwellen.

Auf den Brücken rollten daher die rechten Räder im wahren Sinne des

Wortes am Rande des Abgrundes hin; es handelte sich nur um wenige

Zentimeter. Für einen stets aufmerksamen Führer mit sicherer Hand bot

diese Fahrt in technischer Hinsicht keine Schwierigkeiten. Aber es war

in jenen Augenblicken unmöglich, sich einer leichten, instinktiven,

geheimen Erregung zu entziehen, die uns die Fäuste ballen ließ und

nicht gestattete, das Auge von dem Laufrad und seiner Bewegung

auf dem schmalen Rande, auf den in den leeren Raum hinausragenden

Balkenenden abzuwenden. Man konnte sich nicht vollständig von dem

Gedanken freimachen, daß, alles in allem genommen, unsere Sicherheit

von den Fähigkeiten eines einzelnen Mannes abhing, und daß auch der

Geschickteste einen Augenblick der Schwäche, des Unglücks haben kann;

er kann einer Sinnestäuschung unterliegen, der Ermüdung infolge der

fortwährenden Anspannung und Aufmerksamkeit anheimfallen.

Bald sollten wir die große eiserne Brücke über die Mischika passieren,

die von fern aussah wie ein riesiger roter, 20 Meter über dem Flusse

aufgehängter Käfig. Zur Sicherung der Brücke waren an beiden Enden

mit Gewehren bewaffnete Soldaten aufgestellt. Alle Brücken von einer

gewissen Bedeutung werden auf diese Weise militärisch bewacht. Man

glaubt, eine Eisenbahn in Kriegszeiten zu befahren, die in einem dem

Feinde zugänglichen Landstrich einem Handstreiche ausgesetzt ist. Der

Eindruck, den man erhält, ist traurig, traurig vor allem, weil in der

Tat ein Feind erwartet wird, und dieser Feind Rußlands ist russischer

Herkunft!

Der Fluß, der uns zwei Tage zuvor aufgehalten hatte, toste jetzt im

Schatten des Urwaldes um die hohen Pfeiler. Wir empfanden Genugtuung

darüber, ihn zu überschreiten; es war uns, als ob wir Revanche nähmen.

Als wir die Brücke hinter uns hatten, fuhren wir einige Zeit am Ufer

des Sees entlang, den die Eisenbahn begleitet und von oben beherrscht.

Dann entfernte sich der See, und die Wälder begannen von neuem. Die

Gleichmäßigkeit der Straße, die uns anfangs so gut gefallen hatte,

wurde uns langweilig. Eine regelmäßige, ebene Straße darf nur dann

auf Verzeihung für ihre Einförmigkeit hoffen, wenn sie ein schnelles

Dahineilen gestattet. An einer Stelle fanden wir die Strecke in der

Ausbesserung begriffen. Eine Schar Arbeiter verlegte das Niveau einer

Kurve. Die Schwellen lagen offen da, und der Galopp des Automobils nahm

eine unheimliche Natur an. Es war nicht möglich, die Schnelligkeit

zu mäßigen, weil die Gefahr bestand, daß wir steckenblieben; die

Maschine sprang daher rasch über die Schwellen, lief von einer zur

andern und stieß mit den Pneumatiks, deren Bruch wir jeden Augenblick

befürchteten, gegen sie an. Zum Glück kehrten wir nach einigen hundert

Metern dieses teuflischen Tanzes auf normales Gelände zurück. Wir

gelangten an eine Station.

Es war 9¼ Uhr.

Die Station hat keinen Namen, sie hat nur eine Nummer. Sie erhebt

sich in völlig unbewohnter Gegend und ist nicht zur Bequemlichkeit

der Reisenden errichtet. Sie ist eine sogenannte „Dienststation“,

angelegt zur Zeit des Japanischen Krieges wie so viele andere, um

die Leistungsfähigkeit der Strecke durch Vermehrung der Zahl der

Kreuzungspunkte zu erhöhen. Sie heißt „Sechzehnte Rangierstation“.

Wir werden die „Sechzehnte Rangierstation“ nicht sobald aus dem

Gedächtnis verlieren!

Der Stationsvorstand, ein junger, blonder, höflicher Mann, teilte

uns mit, daß der Zug aus Myssowaja gleich vorbeikommen werde und daß

wir daher unsere Fahrt auf der Strecke nicht fortsetzen könnten. In

Wahrheit fehlte bis zur Ankunft des Zuges noch über eine halbe Stunde,

aber die Benachrichtigung war verständig, und es war weise, zur Seite

zu fahren, um zu warten. Der Stationsvorsteher riet uns, die Fahrt auf

der alten, noch gangbaren Heerstraße fortzusetzen und ihr bis zu einem

in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamme liegenden Übergang zu folgen,

wo wir auf die Strecke zurückkehren könnten. In der Tatsache wollte er

aber in Ermangelung von Anordnungen nicht gestatten, an der Station

auf die Strecke zurückzukehren, und schickte uns daher in höflicher

Weise weit aus seinem Dienstbereiche weg. Wir befolgten seinen Rat.

Es handelte sich im Grunde genommen um wenige Kilometer, und wir

hatten deren Hunderte auf dem verödeten Wege zurückgelegt. Wir folgten

getreulich einem Pfade, den er uns gezeigt hatte, und eine Stunde

später rollten wir auf dem Grase der vermaledeiten Straße dahin.

Auch hier war genau wie auf jenen Strecken, die wir schon kannten, kein

Zeichen eines vor kurzer Zeit erfolgten Verkehrs, nicht eine Wagenspur

zu entdecken. Dichte Gebüsche rahmten sie zu beiden Seiten ein. Wir

verloren die Station sofort aus den Augen und befanden uns von neuem in

der grünenden und blühenden Einsamkeit. Wir hatten kaum einen halben

Kilometer zurückgelegt, als sich uns eine alte Holzbrücke zeigte.

Sie war gegen 20 Meter lang und über 3 Meter breit. Sie reichte

nicht an die Breite der übrigen Brücken heran und unterschied sich

anscheinend von ihnen durch die Zusammensetzung der Bretter, durch

eine gewisse Rohheit der Ausführung. Die Straßenbrücken bewahrten in

der Regel, auch wenn sie vermorscht, gesprungen und halb verfallen

waren, die Spuren einer großen Gewissenhaftigkeit der Arbeit, sie

hatten etwas von einem alten Schiffe an sich. Man sah sofort, daß jene

Brücke aus dem Holze einer andern eingestürzten erbaut war. Es fehlte

jede Spur eines Geländers; sie war etwas krummgezogen und wies die

Unregelmäßigkeiten und Unachtsamkeiten eines Provisoriums auf. Aber wir

waren schon über viele provisorische Brücken gefahren, die nicht besser

ausgesehen hatten. Sie überbrückte einen kleinen, drei bis vier Meter

tiefen Fluß, dessen Ufer so dicht mit Gebüsch und Strauchwerk bewachsen

waren, daß es schien, als wollten die Pflanzen ihre Zweige vereinigen.

Ettore mäßigte die Geschwindigkeit und hielt einige Augenblicke

still, um zu prüfen. Vor jedem Hindernisse machten wir zum Zwecke der

Beobachtung kurzen Halt, nahmen es in Augenschein, ohne das Automobil

zu verlassen, sahen rasch den Übergang an und entschlossen uns sofort.

Wir hatten Auge und Geist an tausend Problemen der Straße geübt, die

untereinander so ähnlich und doch so verschieden waren. Sie wurden

sofort nach der Analogie mit andern beurteilt. Mit sicherem Gefühle

wandten wir die aus der Praxis gewonnenen Methoden an, wußten, wo

rasches Handeln und wo Vorsicht nottat, erkannten instinktiv die

Stellen, auf denen die Räder hinüberkommen konnten, errieten den

widerstandsfähigsten Teil eines Brettes wie die Tiefe eines Gewässers

oder die Tragfähigkeit eines sumpfigen Bodens. Hier gab es einen

Augenblick des Zögerns, eine flüchtige Vorahnung der Gefahr. Aber es

war nur ein Augenblick. Nicht jedes Bedenken war vollständig zerstreut,

aber wir hatten, wenn wir auf Schwierigkeiten stießen, eine einfache

Art, uns damit abzufinden; wir sagten nur: „Versuchen wir es!“

Der Gendarm war abgesprungen. Er hatte nicht unsere Erfahrung in

bezug auf alte Brücken und urteilte nur nach seinem unbefangenen

gesunden Menschenverstande. Er hielt es für notwendig, sich die Sache

aus der Nähe zu besehen, in den Fluß hineinzuwaten und die Balken zu

untersuchen.

„Warten Sie! Warten Sie!“

Er schickte sich zur Besichtigung an.

Der Fürst befahl Ettore:

[Illustration: Das umgestürzte Automobil.]

„Fahre zu, aber langsam!“

Das Automobil fuhr auf den Bretterboden, der erzitterte, ein wenig

knirschte und schwankte, wie es so viele andere unter dem Gewicht der

Maschine getan hatten.

Wir wurden dadurch nicht besonders beunruhigt. Aber während dieser

Überfahrten empfindet man stets ein undefinierbares Gefühl banger

Erwartung und faßt die Geisteskräfte zusammen; man verfolgt aufmerksam

den Gang der Maschine; man bietet die ganze Kraft seines Denkens

auf, als wolle man die Energie des Geistes zu der Arbeit der Materie

hinzufügen, um mit der mächtigen Willensspannung zu helfen, zu

stützen, zu schieben, zu leiten. Ich erinnere mich nicht, daß wir in

solchen Augenblicken je ein Wort gewechselt hätten.

Der vordere Teil des Automobils war schon über die Hälfte der Brücke

gekommen und näherte sich dem grasbewachsenen Rande der Straße. Die

Gefahr schien vorüber. Mit einem Male hörten wir ein fürchterliches

Krachen! Die Fahrbahn hatte unter dem Gewicht des hinteren Teiles

der Maschine nachgegeben, sie brach und splitterte auseinander; die

ganze Brücke öffnete sich und stürzte zusammen. Dieser sich plötzlich

auftuende Schlund erschien uns, die wir uns in der Mitte befanden, in

diesem Moment so breit und tief wie ein Abgrund.

Der Motor schwieg. Das Fahrzeug wich in demselben Augenblick, in dem

es zum Stehen kam, mit einer plötzlichen, schweren Bewegung zurück und

schlug mit seinem unteren Teile auf die Reste der Fahrbahn auf. Dann

erhob es in unaufhörlicher Bewegung, die uns nicht zum Nachdenken und

zur Besinnung kommen ließ, die Vorderräder in die Luft, während es mit

dem hinteren Teile versank und in einer fürchterlichen Pendelschwenkung

eine senkrechte Stellung annahm. So stürzte das Automobil in den

Fluß hinab bis auf den Grund und riß uns alle mit sich unter dem

fürchterlichen Getöse von zersplitterten, geborstenen, losgerissenen

Brettern und Balken. Als der Wagen in das Wasser des Flusses

eintauchte, blieb er nicht stehen. Er setzte seine Kreisbewegung fort

und stürzte nach hinten, um auf den Rücken zu fallen, bis ihn ein

Balken aufhielt. Er blieb rücklings liegen, mit den Rädern nach oben,

den Rücken gegen den Grund gekehrt; kaum daß die Laternen und der

Kühler aus den Trümmern der Brücke über die Reste der zerbrochenen

Balken und Bretter hervorragten. All dies war das Werk weniger

Sekunden. Das Automobil hatte mit der Langsamkeit eines Dickhäuters

eine Art Saltomortale nach rückwärts ausgeführt.

Erst später bekamen wir eine klare Vorstellung von dem Vorgefallenen.

Im Augenblicke des Sturzes selbst konnten wir nur undeutlich sehen;

alle unsere Geisteskräfte waren auf uns selbst gerichtet; das

Beobachtungsfeld beschränkte sich auf unsere unmittelbare Nähe; jeder

von uns hatte sein eigenes Abenteuer, seinen eigenen Kampf, sein

eigenes Ringen mit der Gefahr zu bestehen. Später erstatteten wir

uns gegenseitig Bericht. Ich bewahre lebhafter die Erinnerung an das

Gefühlte als an das Gesehene. Mit größerer Anschaulichkeit rufe ich mir

das, was in mir vorging, in das Gedächtnis zurück als das, was sich um

mich herum abspielte. Ich hatte rittlings auf dem Gepäck gesessen; mein

Sturz war also der tiefste. Als ich das erste Krachen hörte, glaubte

ich nur an ein teilweises Einbrechen des Automobils, an ein Einklemmen

der Räder in die Risse eines zersprungenen Brettes, und an eine lästige

und ermüdende Panne denkend, rief ich:

„Na, da haben wir’s!“

Einen Augenblick später befand ich mich unter der Brücke, in einem

plötzlichen, unheilverkündenden Halbdunkel, angeklammert an die Seile,

mit denen das Gepäck verschnürt war. Das Automobil sank immer tiefer

und zerbrach das Holz. Ich hatte den Eindruck, als würde ich niemals

den Boden erreichen. Ich ließ mich mitziehen, zusammengekrümmt unter

einem Hagel von Brettern, die mich von hinten trafen, mir auf die

Schultern fielen, die mit einem immer mehr wachsenden, unaufhörlich

krachenden Getöse zusammenstürzten. Ich erinnere mich, nicht ohne

Befriedigung festgestellt zu haben, daß ich keinen heftigen Schmerz

empfand, und mehrmals hatte ich gedacht: „Bis jetzt geht alles gut!“

Ich hielt uns schon für gerettet, als ich sah, daß die mächtige

Rückseite des Automobils, die noch aus dem Wasser emporragte, sich

langsam nach hinten bewegte. Das Gehäuse des Ölbehälters, der sich

unter den Füßen des Führers befindet, hing jetzt senkrecht über meinem

Kopfe und übergoß mich mit Fluten heißen Öles. Ich wurde ganz naß und

fühlte das Öl über mein Gesicht rinnen. In diesem Augenblick bemerkte

ich, daß die beiden Sitze, die der Fürst und Ettore einen Augenblick

zuvor noch eingenommen hatten, leer waren.

Unter der Gefahr, zerquetscht zu werden, suchte ich mich freizumachen.

Allein es war mir unmöglich; ich fand mich zwischen dem Gepäck und

den heruntergestürzten Brettern eingeklemmt. Vergebens spannte ich

alle meine Kräfte an, mich der Gefahr zu entziehen. Zum Glück hatte

ein rettender Balken das Automobil in seiner langsamen Kreisbewegung

aufgehalten. Ich hörte oben die Stimme des Fürsten schmerzerfüllt

aufschreien. Ich erblickte seine gestiefelten Beine, die sich

verzweifelt über mir hin und her bewegten und ebenfalls von Öl

trieften. Mit einem Male schwieg er. Zur selben Zeit erschien Ettore an

meiner Seite und rief mir zu:

„Kommen Sie hier heraus!“

„Ich kann nicht!“ erwiderte ich.

„Aber so kommen Sie doch!“ wiederholte er angstvoll. -- „Rasch! Wenn

der Balken bricht, sind Sie tot!“

„Ich kann nicht!“ entgegnete ich. „Hilf mir, ziehe mich heraus!“

Er faßte mich energisch unter den Schultern und zog mich aus jener

Enge hervor. Wir waren nun alle drei auf den Füßen, fragten einander

und tauschten Ausdrücke höchster Befriedigung. Als wir die Lage des

Automobils prüften, riefen wir:

„Es ist unglaublich! Wir sind wie durch ein Wunder gerettet!“

Fürst Borghese hatte sich, als das Automobil in die Tiefe stürzte,

mit einem instinktiven Schwunge nach rückwärts gewandt und an

einen Balken angeklammert; in dieser Stellung war er verblieben,

bis die Maschine beim Umstürzen sich gerade gegen seinen Rücken

lehnte. Er war zwischen dem Balken und dem Motorgehäuse eingeklemmt,

zusammengepreßt, beinahe erstickt. In diesem Augenblicke hatte er

den Schrei ausgestoßen, der mich veranlaßte, nach oben zu schauen.

Mit jener Riesenkraft, die der Mensch in der Gefahr findet, hatte

er einen Augenblick das Automobil heben und sich freimachen können.

Er vermochte sich nicht mehr zu erinnern, wie er imstande war, sich

von seinem Sitze zu erheben und sich an das Brett anzuklammern.

Die Ereignisse dieses entscheidenden Augenblicks waren aus seinem

Gedächtnis ausgelöscht. Das enge Zusammenpressen hatte ihm zwei starke

Quetschungen an Rücken und Brust verursacht; wenn er tief Atem holte,

empfand er lebhaften Schmerz. In aller Ruhe sprach er seine Meinung

dahin aus, daß einige der letzten Rippen an der linken Seite gebrochen

seien. Ettore hatte nur eine Hautabschürfung davongetragen. Er war

auf seinem Führerplatze geblieben und hatte sich an das Steuerrad

festgeklammert, bis schließlich sein Kopf unten war und die Beine

in die Luft ragten. Dann hatte er sich durch die Öffnung der Brücke

nach unten fallen lassen. Als er sich umsah, hatte er mich in meiner

gefährlichen Lage entdeckt und war zu meiner Rettung herbeigeeilt.

Ich hatte mir beim Sturz Schäden zugezogen, deren Umfang ich nicht

kannte; bei jeder Bewegung spürte ich einen Schmerz im Rücken, und es

war mir nicht möglich, die Beine vollständig zu heben; sie versagten

den Dienst; ich schleppte sie in kleinen Schritten vorwärts. Ich mußte

mich später stützen lassen. Vierzehn Tage lang habe ich mich nur mit

Anstrengung und mit schleichenden Schritten fortbewegen und jede Stufe

nur mit Mühe und Seufzen ersteigen können. Während dieser Zeit glaubte

ich meinen Reisegefährten zur Last zu fallen. Im Gesicht hatte ich

mehrere Hautabschürfungen, von denen ich aber nicht weiß, wodurch sie

hervorgerufen worden sind; ich erinnere mich nur, daß das Öl der

Maschine sie mir vortrefflich geheilt hat. All diese Quetschungen

konnten uns aber nichts von unserem Glücke rauben, dem Glücke, uns alle

am Leben zu wissen.

[Illustration: Das Automobil nach seinem Saltomortale.]

Die Reaktion der Freude brach jetzt durch. Die Gefahr war vorüber und

hinterließ in uns nur noch die Empfindung eines Albdrucks. Wenn man

träumt, man stürze von einer Höhe herab, so ist man beim Erwachen froh,

nur geträumt zu haben. Wir verlebten einen Augenblick dieser unsagbaren

Befriedigung. Wir lachten, wenn wir das umgestürzte Automobil ansahen,

als hätte es sich mit uns einen Scherz gemacht. Wir photographierten

es von allen Seiten, wobei wir uns die wenig angenehmen Stellungen

zeigten, die wir kurz zuvor eingenommen hatten.

„Ich lag hier, so!“

„Ich unter jenen Brettern!“

„Ich bin dort hineingefallen!“

„Wenn der Balken nicht gehalten hätte!“ -- „Wir wären plattgedrückt

worden! Haha!“

Der Gendarm hatte das Ende nicht abgewartet. Er war laut um Hilfe

rufend nach der Station gerannt. Wir hörten ihn in der Ferne

unaufhörlich angstvolle Rufe ausstoßen.

Der erste Gedanke Don Scipiones galt dem Automobil. Er betrachtete es

aufmerksam und rief:

„Ich finde keinen ernstlichen Schaden! Sieh einmal her, Ettore!“

Ettore untersuchte die Maschine.

„Mir erscheint sie heil und ganz.“ Und er lachte vergnügt.

Sofort machte er sich an die Arbeit. Er löste die Seile des Gepäcks

und brachte die Rucksäcke, die Ballen, die Kissen, das Zeltdach in

Sicherheit. Das Benzin sickerte aus den oberen Verschlüssen der

Behälter, die nach unten zu liegen gekommen waren. Er zog die Schrauben

an und rettete, was noch übrig war. Der Spaten hatte sich umgebogen

wie ein Blatt Papier; die Spitzhacke war zerbrochen, die eiserne

Fahnenstange hatte sich verbogen; der Kasten mit den Ersatzstücken

hatte Beulen bekommen: der hintere Benzinbehälter war ebenfalls

verbeult; die Ledergurte, die die Ersatzgummireifen hielten, waren

zerrissen; die aus Myssowaja mitgebrachten Bretter fanden wir in

Splitter verwandelt wieder. Die Maschine aber war unversehrt; die

eine der langen Eisenstangen, die das Differenzialwerk tragen, war

etwas verbogen (sie hatte sich in dem Augenblick verbogen, als das

Automobil mit dem Bauche auf die Brückenbahn geschlagen war), und

das Messingrohr, in der das Wasser aus den Zylindern nach dem Kühler

fließt, war leicht eingedrückt, und zwar war dies vermutlich auf des

Fürsten Rücken geschehen. Nichts weiter. Verschiedenen glücklichen

Umständen war es zu danken, daß die Maschine unversehrt geblieben war.

Der Sturz war rasch gewesen, aber nicht plötzlich. Wir fuhren langsam;

die Brücke war infolge des Gewichts, nicht infolge der Schnelligkeit

zusammengebrochen. Der Einsturz der Fahrbahn war, so rasch er auch

eingetreten war, doch nur nach und nach vor sich gegangen. Das

Automobil hatte in seinem Sturz Bretter und Balken zertrümmern

müssen, und all dieses Holz, das es auf seinem Wege antraf, konnte

den Sturz zwar nicht aufhalten, aber es milderte seine Wucht. Was

das Automobil aber außerdem geschützt hat, war die hinten befestigte

Ladung Ersatzgummireifen. Als es sich vorn soweit erhoben hatte, daß

es eine senkrechte Stellung einnahm, war es gerade auf die Gummireifen

gefallen: es hatte sich auf Kautschuk gesetzt. Dies hob die Wirkung

des Stoßes auf. Es muß ein furchtbarer Stoß gewesen sein, weil die

schützenden Gummireifen ganz in das Bett des Flusses gedrückt waren,

so daß wir sie aus der Höhlung ausgraben mußten. Ein Balken und einige

unbenutzte Pneumatiks hatten uns und das Automobil gerettet. Hätte sich

der Balken etwas abseits befunden, oder wären die Pneumatiks an einer

andern Stelle gewesen, die Fahrt hätte ihr Ende gefunden! Es braucht

nicht gesagt zu werden, daß wir dem rettenden Balken ein viel größeres,

wohlbegründetes Verdienst beimaßen.

Wenige Minuten erst waren verstrichen, als wir von der Station

her Leute im Laufschritt herbeieilen sahen, allen voran den

Gendarmen, erhitzt, keuchend, atemlos. Sein Gesicht verklärte sich

zu einem Lächeln der Befriedigung, als er uns alle wohlbehalten

erblickte. Hinter ihm rannte der Stationsvorstand. Der arme Mann

hatte Gewissensbisse. Er begrüßte uns in freudiger Erregung, aus

Dankbarkeit, daß wir uns lebend hatten wiederfinden lassen, und von

diesem Augenblicke an widmete er sich uns ganz. Er verwandte seine

ganze Tätigkeit, seine Klugheit, seine Autorität zu unseren Gunsten;

er wollte uns nicht mehr von sich lassen und half uns, begleitete uns,

führte uns bis zum Abend. Er hatte eine Schar Arbeiter, die auf der

Strecke arbeiteten, mitgebracht; es waren diejenigen, die wir kurz vor

der Station angetroffen hatten, gegen zwanzig Sibirier, groß und stark,

rauh, geschickt, charakteristische Kerle mit ihren langen roten Blusen,

ihren weiten Beinkleidern, ihren hohen Stiefeln, ihrem unordentlich

herunterhängenden Haar. Sie hatten Seile und Äxte bei sich. Der

sibirische Holzfäller, der Sieger über die Riesen des Waldes, ist ein

Meister im Gebrauche der Axt. Sie gingen sofort ans Werk. Die Rettung

der Maschine wurde in Angriff genommen.

Der Stationsvorsteher leitete die Arbeiten. Das Automobil wurde mit

Seilen umwunden, die um das Motorgehäuse geschlungen wurden, und die

gespannten Seile an Baumstämme befestigt, um zu verhüten, daß die

Maschine ihre Lage verändere. Dann rissen die Arbeiter die Brücke

vollends ein. Sie schlugen alles nieder, was von ihr übriggeblieben

war, indem sie ihre Arbeit mit dem Gesange schwermütiger Lieder

begleiteten. Die Balken fielen rasch einer nach dem andern unter

kräftigen, wohlgezielten Axtschlägen und wurden beiseite geschafft und

übereinandergeschichtet. Das Automobil war von allen Seiten freigelegt.

Nun teilten sich die Leute in zwei Gruppen und befestigten zwei Seile

am Automobil, das eine vorn, das andere hinten, das erstere zum Ziehen,

das zweite zum Lenken; nach Kommando stellten alle mit vereinten

Kräften die Maschine allmählich auf ihre vier Räder. Sie befand sich

wieder in ihrer gewöhnlichen Stellung im Bett des Flusses. Nun mußte

sie noch auf die Straße gezogen werden.

Es war der zweite Abschnitt der Rettung, der jetzt begann.

Es wurde ein ausgezeichnetes Mittel dazu gefunden. Hinter dem Automobil

wurde der Teil der Brücke, den wir bereits hinter uns gehabt hatten und

der unversehrt geblieben war, mit leichter Mühe durch das Wegschlagen

der Stützbalken in eine schiefe Ebene verwandelt. Darauf wurden zwei

Seile an dem hinteren Teile des Chassis befestigt, die wackeren

Sibirier spannten sich an die Seile, und mit der Kraft ihrer Arme zogen

sie singend die Maschine auf der schiefen Ebene langsam auf die Straße.

[Illustration: Der erste Helfer beim Sturz des Automobils.]

Die Arbeit hatte drei Stunden gedauert.

Die braven Leute schienen mit unserer Rettung zufrieden zu sein, ein

wenig aus Eigenliebe und ein wenig, weil man Dinge, die uns Mühe

kosten, stets liebgewinnt. Sie interessierten sich lebhaft für die

Einzelheiten des Automobils. Sie wollten wissen, ob es laufen könne,

ob es „lebendig“ sei, wie sie sich bildlich ausdrückten. Wir aber

waren ängstlich geworden; wir sehnten uns nach Gewißheit. Hatte uns

der Schein nicht betrogen? War die Maschine wirklich unverletzt? Ettore

stellte auf dem Steuerrade die Vergasungs- und die Zündungstasten in

„Marschstellung“ und drehte die Kurbel an.

Kein Laut war vernehmbar. Es war, als erwarteten wir einen

Urteilsspruch. Die Kurbel drehte sich ein-, zwei-, dreimal. Die

Maschine blieb stumm. Ettore versuchte es noch mehrmals vergebens. Er

strengte seine ganze Kraft an und wurde schließlich zornig. Der Motor

blieb untätig.

„Vielleicht ist Öl in die Zylinder gedrungen,“ rief er, „und die

Zündung funktioniert nicht. Wollen einmal nachsehen!“

Er öffnete das Motorgehäuse, schraubte die Verschlüsse der Zylinder

ab und trocknete diese mit einem Tuche, dann trocknete er die

„Hämmerchen“, damit das Öl durch seine isolierende Wirkung nicht den

elektrischen Strom unterbreche, brachte alles wieder an Ort und Stelle,

zog die Schrauben an und drehte an der Kurbel. Bei der zweiten Drehung

begann der Motor zu arbeiten. Sein gewohntes Getöse erscholl plötzlich,

laut, triumphierend und ließ das ganze Automobil wie vor übermächtiger

Ungeduld schnaufen. Es war die Antwort auf die stumme Frage, die jeden

Gedanken von uns beherrscht hatte. Das Automobil hatte gesprochen.

„Hurra!“ riefen die Sibirier und schwenkten ihre Mützen.

Die Vorbereitungen zur Abfahrt nahmen noch viel Zeit in Anspruch.

Ettore brauchte zwei volle Stunden, um die Maschine wieder in Ordnung

zu bringen. Er wollte alles auf das genaueste nachsehen. Währenddessen

bot der Stationsvorsteher dem Fürsten und mir Gastfreundschaft in

seinem Hause an, wohin er mich Schritt für Schritt geleitete, indem

er mich dabei brüderlich stützte, weil die vertrackten Beine mir den

Dienst versagten. Er setzte uns Tee, Milch, dampfenden Schtschi, die

inhaltsreiche Nationalsuppe, vor und bot uns Betten an. Um 2 Uhr war

das Automobil reisefertig.

[Illustration: Der Einsturz der Brücke am Baikalsee. Das Vorderteil des

Automobils wird an Bäume gebunden. Freimachung von den Brückenresten.]

Wir warteten noch die Vorüberfahrt einer Lokomotive ab, die

telegraphisch von Myssowaja gemeldet worden war. Die Lokomotive

flog wie der Blitz vorüber. Wir kehrten auf die Strecke zurück. Der

Stationsvorsteher wollte uns begleiten, und wir ließen den Gendarmen

zurück, der nicht abgeneigt schien, dem Automobilsport zu entsagen,

nachdem er dessen Gefahren aus der Nähe kennen gelernt hatte. Der

Stationsvorsteher setzte sich auf den Tritt, der Fürst nahm auf

der Rücklehne der Sitze Platz, Ettore steuerte, ich wurde auf den

Sitz neben ihm verladen und zwei der stärksten Arbeiter standen

hinten auf den Vorsprüngen der Federn und hielten sich mit den

Händen an den Seilen des Gepäcks fest wie zwei Lakaien an den Riemen

einer Staatskutsche. Es befanden sich also sechs Personen und ein

Gepäckballen auf dem Rücken der Maschine, die dies aber nicht allzusehr

zu empfinden schien. Wie am Vormittage fuhren wir die Geleise entlang.

Der Stationsvorsteher sah jeden Augenblick nach der Uhr; er erwartete

zwei Züge, einen von Tanchoi, den andern von Myssowaja. Bei einem

Straßenübergang verließen wir auf sein Geheiß die Strecke und fuhren

auf der Heerstraße weiter. Vielleicht wollte er uns beweisen, daß er

bei dem Rate, den er uns am Vormittage gegeben hatte, in gutem Glauben

gehandelt habe. An den Brücken stiegen die Arbeiter ab und liefen

voran, um sie zu besichtigen. Wenn ihr Urteil zweifelhaft war, rief der

Stationsvorsteher:

„Vorwärts! Mit der allergrößten Geschwindigkeit!“

Mit voller Kraft schossen wir dahin. Für die ebenen Brücken, die in der

Mitte nicht anstiegen, war der Rat vortrefflich. In zwei, drei Sekunden

befanden wir uns auf der andern Seite, und die Widerstandskraft eines

Brettes oder eines Balkens steht im umgekehrten Verhältnis zur Zeit der

Belastung. Jeder Teil der Brücke hatte nur einen beinahe unmeßbaren

Augenblick zu halten und hatte keine Zeit zu brechen. Bei jeder

genommenen Brücke äußerte unser Lotse geräuschvoll seine Genugtuung,

klatschte in die Hände und rief begeisterte Kommandoworte wie ein

Offizier auf dem Schlachtfelde:

„Vorwärts! Mut! Frisch drauf los!“

Über einen Bach mußten wir uns einen Übergang zimmern. Es war ein Werk

von fünf Minuten.

Wir hörten den Zug von Myssowaja vorüberbrausen. Kurz darauf gelangten

wir wieder an einen Straßenübergang in gleicher Höhe mit dem Bahndamm.

Der Stationsvorsteher wollte seine Schlacht weiter kommandieren, aber

die beiden auf der alten Heerstraße zur Erkundung vorgeschickten

Arbeiter sagten, daß auf jener Strecke alle größeren Brücken

eingestürzt seien. Wir begannen wieder über die Schwellen der Eisenbahn

zu galoppieren. Tanchoi kam näher. Bei einem neuen Straßenübergang lief

uns ein Bahnwärter entgegen und machte uns Zeichen. Als er ganz außer

Atem uns erreicht hatte, rief er:

„Verlaßt die Strecke! Der Zug kommt! Er ist von Tanchoi abgegangen.“

Das Automobil sollte in der Nähe des Bahnwärterhäuschens von der

Strecke herunterfahren; aber an jener Stelle lagen die Schwellen bloß.

Die Räder blieben stecken, und alle Kraftanstrengungen des Motors

vermochten nicht den schweren Wagen von der Stelle zu bringen. Die

Leute schoben vergebens. Man hätte die Maschine herausheben müssen.

Wir hörten schon den Pfiff des Zuges, der sich näherte, durch eine

Kurve unseren Blicken verborgen. Es war keine Zeit zu verlieren. Mit

alten Schwellen, die an der Seite der Strecke aufgespeichert lagen,

suchten wir in fieberhafter Eile den Rädern kleine schiefe Ebenen zu

verschaffen, die ihnen das Loskommen erleichtern sollten. Der Motor

arbeitete heftig. Inzwischen hörten wir das Brausen des Zuges und sahen

seinen Rauch in der Ferne zwischen den Bäumen. Don Scipione rief mir zu:

„Steigen Sie jetzt schon ab, da Sie nicht springen können; steigen Sie

ab!“

Aber die Beine versagten auf einen Augenblick ihren bescheidenen,

so notwendigen Dienst. Glücklicherweise hob ein letzter gemeinsamer

mächtiger Ruck das Automobil aus den Vertiefungen und brachte es außer

Gefahr.

Wir ließen den Zug vorüber -- es war ein ganz gewöhnlicher Güterzug,

gar nicht wert der Ehre, daß wir uns seinetwegen so abgerackert hatten

-- und setzten unsere Fahrt auf der Strecke fort. Eine Stunde später

gelangten wir nach Tanchoi, einer ganz neu angelegten Stadt, die uns

einen Rundblick auf funkelnagelneue Dächer darbot. Es war spät; der

Himmel war grau, wolkig und dunkel geworden. Es war kalt.

Die Bevölkerung kannte bereits unser Brückenabenteuer und war

herbeigeströmt, um uns ankommen zu sehen. Alle begrüßten uns feierlich.

Einige junge Leute verstiegen sich sogar zu Beifallsklatschen. Die

Straße wurde von mit Gewehren bewaffneten Soldaten frei gehalten.

Ein Polizeioffizier näherte sich, grüßte und überreichte dem Fürsten

ein Papier: es war die formelle Erlaubnis des Generalgouverneurs von

Sibirien, die ganze Eisenbahnstrecke bis nach Irkutsk befahren zu

dürfen, eine Erlaubnis, die telegraphisch nach Myssowaja geschickt

worden war, um uns nicht auf die Ankunft der Post warten zu lassen.

Wir schlugen unser Hauptquartier im Bahnhofsrestaurant auf und

besprachen bei einer guten, wohlverdienten Flasche Champagner unsere

weiteren Pläne. Sollten wir die Eisenbahnlinie weiter benutzen? Wir

hatten 60 Kilometer auf ihr zurückgelegt. Die Fahrt bot keinerlei

Schwierigkeiten; sie war von banaler Einfachheit. Von Tanchoi an

hätten wir nicht einmal mehr die Aufregung gehabt, Zügen zu begegnen,

weil das Automobil jetzt die amtliche Eigenschaft eines Extrazuges

angenommen hatte. Wir erkundigten uns, ob es möglich sei, von Tanchoi

aus wieder die alte Heerstraße zu benutzen. Aber die Nachrichten, die

wir erhielten, benahmen uns alle Hoffnung: die Straße existierte nicht

mehr. Alle Brücken waren zerstört.

Die Eisenbahnstrecke war das eine Auskunftsmittel, das Trajektboot das

andere. Da wir die Heerstraße nicht verfolgen konnten, mußten wir zu

einem von beiden greifen. Warum sollten wir die Eisenbahnstrecke dem

Dampfschiffe vorziehen? Wir waren bis zum äußersten Zipfel des Sees

gelangt und hatten nur noch eine Strecke von 40 Kilometern Seelänge vor

uns. Zweifellos konnten wir uns ohne Gewissensbisse über diese schmale

Stelle setzen lassen, wie wir uns über einen Fluß übersetzen ließen.

[Illustration: Gerettet!]

Wir beschlossen uns einzuschiffen. Aber der Benutzung des Dampfschiffes

auf jenem schmalen Arme des Sees stellte sich eine ernste Schwierigkeit

entgegen: der Hafen von Tanchoi ist ausschließlich Kriegshafen.

Seit die Eisenbahn um das südliche Ufer des Sees herumgeführt

worden ist, dürfen sich die Reisenden nicht mehr auf den großen

staatlichen Trajektbooten einschiffen. Sie müssen den Zug oder

Privatschiffe außerhalb der Häfen von Baikal und Tanchoi benutzen.

Jene Schiffahrtslinie mit ihren riesigen Dampfeisbrechern bleibt der

ausschließlichen Benutzung durch das Heer vorbehalten. Das Gesetz

gestattet keine Ausnahmen. Schiffe und Landungsplätze wurden sofort zu

einem „militärischen Geheimnis“. Selbst den Beamten und ihren Familien

ist es verboten, sich ihnen zu nähern. Konnten wir Fremden hoffen, die

Erlaubnis dazu zu erhalten? Wir versuchten es und telegraphierten noch

einmal nach Irkutsk. Wir hatten die unbestimmte Furcht, den Behörden

schließlich lästig zu fallen, aber die Brücken waren daran schuld!

In unserem Hauptquartier erhielten wir viele Besuche von kleinen

Beamten, höflichen, dienstfertigen Leuten, die bereit waren, für uns

auf das Telegraphenamt zu laufen und Erkundigungen einzuziehen. Auch

sie fragten, ob wir denn nicht überfallen worden seien, und drückten

auf unsere verneinende Antwort hin ihre Befriedigung aus, die aber

nicht frei von Verwunderung war. Diese Frage wurde in ganz Sibirien

immer wieder an uns gerichtet, selbst von Polizeibeamten, ja sogar von

Gouverneuren, und alle wunderten sich, daß wir nicht wenigstens von

Muschiks ausgeplündert worden seien.

Ich glaube, daß die herrschenden russischen Klassen den Muschik

nicht kennen. Sie haben sich so abgeschlossen, daß sie nicht wissen,

wie er lebt und wie er denkt, so daß sie sich von ihm einen ganz

falschen Begriff gebildet haben. Sie sprechen von ihm wie von

einem zu fürchtenden stumpfsinnigen Wesen, einem Tiere, das man

nur durch Schrecken regieren könne, um nicht selbst unter seine

Schreckensherrschaft zu geraten. Wir sind mehr mit dem Muschik in

Berührung gekommen als mit den Beamten, die ihn beherrschen, und

daher empfinden wir für ihn Teilnahme und Achtung. Ich glaube auch,

daß Sibirien von der amtlichen Welt verkannt wird, daß man wohl seine

unbenutzt liegenden Reichtümer kennt, aber nicht seine schlummernden

Kräfte, daß man den Sibirier von gestern mit dem von heute verwechselt,

und daß man keine Ahnung von dem Sibirier von morgen hat. Sibirien

bereitet große Überraschungen vor. Die Behauptung der gebildeten

Sibirier, Sibirien sei der am weitesten vorgeschrittene Teil des

Russischen Reiches, könnte zur Wahrheit werden! Es ist ein Land,

das durch Verbannte, das heißt durch Leute von Intelligenz, durch

Auswanderer, das heißt durch Leute von Unternehmungsgeist, und durch

Kosaken, das heißt durch Leute von Kühnheit, bevölkert worden ist. Es

sind dies die Grundbestandteile eines auserlesenen Volkes, das moderne

Maschinen und moderne Ideen aufnimmt. Die transsibirische Eisenbahn,

einzig zu Eroberungszwecken erbaut, als Militärstraße geplant, ruft

durch ihren Verkehr eine langsame und unerwartete Umwälzung hervor.

Aber ich schweife von meinem Gegenstande ab. Kehren wir in das

Bahnhofsrestaurant von Tanchoi zurück.

In dieses Restaurant trat nach einiger Zeit eine Schar von etwa 15

Männern, denen man es trotz der großen landesüblichen Kapuzen, der

Kosakenstiefel und der Pelzmützen auf eine Meile Entfernung hätte

ansehen können, daß sie keine Russen waren. Wie hätten wir nicht

sofort ihre Nationalität erkennen sollen, als wir ihre schwarzen,

lebhaften Augen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge, ihre ungestümen

Gestikulationen sahen? In freudiger Überraschung wandten wir uns an

sie.

„Wie kommt ihr in aller Welt hierher?“ fragten wir, sie begrüßend.

„So viele Italiener in diesem Winkel Transbaikaliens?“

[Illustration: Übergang über eine alte Holzbrücke auf der verlassenen

sibirischen Straße.]

„Wir arbeiten in einem Kohlenbergwerk in der Nähe; wir haben von Ihrer

Ankunft gehört und sind gekommen, um Sie zu begrüßen. ~Viva l’Italia!~“

Fragen und Antworten kreuzten sich:

„Eine schwierige Reise, wie?“ -- „Sie kommen also aus Peking? Ich bin

dort gewesen, als ich an der Eisenbahn von Pao-ting-fu arbeitete.“ --

„Wir kennen die chinesischen Straßen! Wir sind ein Jahr dort gewesen,

um Brücken auf der mandschurischen Strecke zu bauen.“

„Brücken zu bauen?“

„Jawohl. Eisenbahnbrücken.“

„Aber arbeiten Sie nicht in einem Bergwerk?“

„Wir arbeiten einstweilen dort bis zum Bau der Amureisenbahn, der nahe

bevorsteht.“ -- „Der Bergbau bringt nichts ein.“ -- „Wir haben auch auf

den Linien hier gearbeitet. Maurerarbeiten.“

[Illustration: Aufstieg auf der alten Straße am Baikalsee.]

„Wie sind Sie aber schließlich hierhergekommen, in diesen äußersten

Winkel Sibiriens?“

„Wir haben an den rumänischen Eisenbahnen gebaut, dann an den

kaukasischen, dann an den turkestanischen, dann in Sibirien, in der

Mandschurei, in Zentralasien. Übrigens, wissen Sie nichts über die

Amurbahn?“

„Und Sie kehren nicht nach Italien zurück?“

„Alle Wetter, gewiß!“ -- „Wir arbeiten mit dieser Absicht.“ -- „Es

würde uns gerade fehlen, in Sibirien zu bleiben!“ -- „Um uns die Nase

zu erfrieren.“

Wir verweilten in dieser Gesellschaft von modernen Freimaurern, die die

Welt durchstreifen, um Eisenbahnen zu bauen, wie ihre Vorgänger vor 600

Jahren Europa durchstreiften, um Kirchen zu bauen. Dann gingen wir ins

Theater, um -- zu schlafen.

Im Theater zu schlafen ist eine ziemlich verbreitete Sitte, aber

während der Vorstellung! Für uns war es anders. Das kleine hölzerne

Theater von Tanchoi befand sich in einer Ruheperiode, und die Polizei

hatte in Ermangelung eines Gasthofes drei Betten auf die Bühne stellen

lassen, in denen wir schlafen sollten. Das Theater war elektrisch

beleuchtet und für eine demnächst stattfindende Dilettantenvorstellung

von Eisenbahnbeamten geschmückt. Der Vorhang war aufgezogen, die

elektrischen Batterien überströmten uns mit einer Flut von Licht --

eine Stunde lang mühten wir uns ab, den Ausschalter zu suchen. Mitten

in all diesem Glanze sah es aus, als ob wir drei, die wir uns auszogen

und uns seufzend und stöhnend über unsere Quetschungen, die bei jeder

Bewegung schmerzten, zu Bett legten, ein Stück aus dem Stegreif

spielten!

Draußen schritten bewaffnete Schildwachen auf und ab. Tanchoi wachte,

als ob man für jene Nacht einen Angriff der „Leute von Sachalin“

befürchtete.

Vierzehntes Kapitel.

Im Gouvernement Irkutsk.

Überfahrt über den Baikalsee. -- Am Ufer der Angara. -- Irkutsk.

-- Blühende Felder. -- Auf den Flüssen. -- Die Sträflinge. --

Sima. -- Automobile und Telegas. -- Die alten Etappenstationen. --

Nischne-Udinsk. -- Telegrammschwierigkeiten.

Die Genehmigung zur Überfahrt über den Baikalsee auf einem der

staatlichen Trajektboote wurde uns telegraphisch erteilt. Am 1. Juli,

3 Uhr nachmittags, schifften wir uns auf dem großen Eisbrecherdampfer

„Baikal“ ein. Es regnete fortwährend. Tanchoi verschwand beinahe in dem

grauen Dunste. Von dem Verdeck des Schiffes aus sahen wir die hohe,

aus Balken errichtete Werft, die weißen Leuchttürme, die gewaltigen

Maschinen, die den Zweck haben, die Verbindung der Schiffe mit dem Ufer

herzustellen und die Schienen des weiten Laderaums an die der Eisenbahn

anzuschließen, die neuen Dächer der Kasernen und der Amtsgebäude,

von den hohen Antennen einer Funkentelegraphenstation wie von den

Masten eines Schiffes überragt; all dies entfernte sich und verblaßte.

Den gesetzlichen Vorschriften gemäß hatten wir die photographischen

Apparate in dem Gepäckballen untergebracht. Wir waren darauf aufmerksam

gemacht worden, daß es verboten sei, Bilder von militärischen

Gebäuden, von Hafenanlagen, von Schiffen, von Eisenbahnbrücken und

Eisenbahnarbeiten und andern Dingen, die doch jedermann sehen kann,

aufzunehmen.

Ein seltsames Land, in dem die Photographie verboten und das Tragen von

Feuerwaffen gestattet ist! Vom Kriege her ist eine Art Spionenfurcht

zurückgeblieben. Man erzählte sich haarsträubende Geschichten von

japanischen Spionen, die eine wahrhaft phantastische Verkleidungsgabe

besäßen. Sogar uns ist es begegnet, uns mit unserer Gestalt und unseren

Gesichtszügen, daß wir von Muschiks, die es uns ganz offen sagten, für

japanische Spione gehalten wurden!

Die Kälte und der Regen vertrieben uns vom Verdeck. Der Kapitän, ein

riesiger Russe aus den baltischen Provinzen, lud uns ein, den Tee in

seinem Salon einzunehmen. Wir waren die einzigen Reisenden an Bord. Die

Überfahrt dauerte nur zwei Stunden. Um 5 Uhr befanden wir uns auf dem

linken Ufer der Angara, nachdem wir wieder an einer Werft in der Nähe

einer Eisenbahnstation gelandet waren: wir waren in Baikal.

Die Straße nach Irkutsk zieht sich auf dem rechten Ufer des Flusses

hin; den Verkehr von einem Ufer zum andern vermitteln große, von

Dampfern geschleppte Lastschiffe.

Nachdem unser Automobil aus dem Trajektboot ausgeschifft war,

überschritt es mit eigener Kraft die Schienen der Station, fuhr

zwischen Holz- und Kohlenlagern hindurch und ging endlich mit einem

geschickten Manöver an Bord einer gerade abgehenden Fähre, wo es

haltmachte, während eine neugierige Menge von Soldaten, Lastträgern,

Muschiks und Vagabunden ihm folgte.

Es befanden sich zwei seltsame Männer unter diesen Leuten, von denen

wir nicht erraten konnten, was sie waren: Bettler mit dem Aussehen

gebildeter Männer. Einer von ihnen gab uns in höflichem Tone Auskunft

über die Straße:

„Bis nach Krasnojarsk nicht übel, stellenweise ausgezeichnet, ebenso

von dort nach Nischne-Udinsk. In der Nähe vom Tomsk schlecht. Weiterhin

gut. Von Omsk bis zum Ural beinahe durchgängig vortreffliche Steppe.“

„Wie kommt es, daß Sie den Weg so genau kennen?“ fragten wir ihn.

„Ich kenne ihn Schritt für Schritt, den Moskowskij Trakt“, rief er

lachend. „Schritt für Schritt. Ich habe ihn in seiner ganzen Ausdehnung

zu Fuß zurückgelegt!“

Peking-Paris im Automobil Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen. · 第 7 / 15 题