Neben dem Grenzpfeiler stand als Posten der erste Gorodowoi
(Schutzmann), den wir zu Gesicht bekamen, in weißer Uniform,
mit flacher Mütze, den Säbel am Wehrgehenk, die Brust mit roten
Verschnürungen geschmückt. Er erhob die Hand und befahl:
„~Stoi!~“ -- „Halt!“
Er grüßte steif, indem er zwei Finger an den Schirm seiner Mütze legte
und die Hacken zusammenschlug, und sprang auf das Automobil. Auf
dem Trittbrett stehend, gab er die einzuschlagende Richtung an und
kommandierte:
„Vorwärts, rechts!“
Das Automobil bewegte sich gehorsam wie ein Rekrut.
Wir betraten den Boden des Russischen Reiches.
Elftes Kapitel.
Transbaikalien.
Der amtliche Schutz. -- Sibirische Gastfreundschaft. -- Das
Automobil und der Tee. -- In der Richtung auf Nowi-Selenginsk. --
Der Übergang über die Selenga. -- Ein aufblühendes Land. -- Die
Eisenbahn.
Der Polizeikommissar von Kiachta empfing uns in seinem Amtszimmer
und erklärte uns mit finsterem Gesicht, er befinde sich in der
Notwendigkeit, mit uns von ernsten Dingen sprechen und uns einige
wichtige Dokumente überreichen zu müssen.
Der Fürst und ich sahen uns fragend an. Der Ton unseres Gastfreundes
hätte den Glauben erwecken können, als handle es sich um einen
Verhaftungs- oder Ausweisungsbefehl. Aber bald sollten wir bemerken,
daß er stets eine würdige, feierliche Haltung annahm, wenn er von
amtlichen Geschäften sprach, welcher Art sie auch sein mochten, während
er sich heiter und gewandt über alles sonstige unterhielt. Er ließ
zwei getrennte Persönlichkeiten erkennen, die des Bureaukraten und
des gebildeten Mannes, von denen jede ihre besondere Umgangsform und
Sprechweise hatte. Im übrigen war er ein sympathischer Beamtentypus
und wurde einer unserer besten Freunde in Kiachta. Er war ein kleiner,
dicker, alter, gesprächiger, gebildeter und sprachenkundiger Herr.
Jetzt hatte er sich in seinen amtlichen Ernst wie in eine Uniform
gehüllt.
Er forderte unsere Pässe, um sie zu prüfen. Dann teilte er uns
mit, daß die Zollverwaltung den Befehl erhalten habe, uns zollfrei
passieren zu lassen, und überreichte uns, nachdem wir eine regelrechte
Empfangsbescheinigung ausgestellt hatten, einige Schriftstücke,
die von Petersburg gekommen waren und die ebenso viele Beweise des
wohlwollendsten amtlichen Schutzes darstellten. Die russische Regierung
hatte, als die Fahrt Peking-Paris projektiert worden war, durch das
Ministerium des Auswärtigen es abgelehnt, die Verantwortung für die
persönliche Sicherheit der Reisenden zu übernehmen, namentlich während
ihrer Fahrt durch Sibirien. Wir waren daher angenehm überrascht,
als wir in Kiachta ein amtliches Schreiben des Ministers des Innern
erhielten, eine Podoroschnaja, einen Reisepaß, der alle Behörden
ersuchte, uns im Notfalle Hilfe zu leisten, nebst einem Schreiben des
Generaldirektors der Reichspolizei, das uns des väterlichen Schutzes
aller Polizeiämter versicherte, und drei besonderen Erlaubnisscheinen,
kraft deren es einem jeden von uns gestattet war, zwei Revolver bei
sich zu führen.
Nachdem die Überreichung vor sich gegangen war, lachte der
Kommissar, rieb sich die Hände und nahm die freundliche Miene eines
liebenswürdigen Privatmannes an.
Er erzählte uns die letzten Neuigkeiten aus der Welt, um uns auf dem
Laufenden zu erhalten: die Duma war aufgelöst worden; in Petersburg
herrschte Ordnung; in Südfrankreich war Revolution; in der Nähe von
Neapel hatte sich ein Automobilunglück zugetragen. Dann ließ er
Champagner bringen und stieß mit uns auf den Erfolg unserer Fahrt an.
Auch begleitete er uns persönlich nach dem Zollamte und stellte uns
vielen Beamten, Herrn Sinitzin, dem Agenten der Russisch-Chinesischen
Bank, und den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt vor. Kurz, er
war ein gefälliger und liebenswürdiger Führer.
Auf dem Zollamte mußten wir eine Erklärung unterzeichnen, in der wir,
Fürst Borghese und ich, uns solidarisch verpflichteten, das Automobil
über die Grenzen des Reiches zu bringen. Es war dies unser sehnlichster
Wunsch, der hier protokolliert und zum Gegenstande einer feierlichen
Amtshandlung gemacht wurde.
An der Maschine wurde eine Tafel mit einer Zahl -- Nummer 1 --
angebracht, und dieselbe Zahl wurde auf die Scheiben der Laternen
gemalt. Dann wurden wir für frei erklärt. Herr Sinitzin lud uns in sein
Haus ein, ein großes Holzhaus, in dem sich auch die Geschäftsräume
der Russisch-Chinesischen Bank befinden. Nie werden wir den
patriarchalischen, liebevollen Empfang vergessen, der uns hier zuteil
wurde.
Das alte Haus war in voller Aufregung; es zitterte und knirschte
vom Boden bis zum Keller unter den eiligen Schritten der barfüßigen
Mägde, die in die charakteristischen traditionellen Trachten Sibiriens
gekleidet waren; die Herdfeuer brannten beständig, weil die Tafel
immer gedeckt blieb. Es kamen Schüsseln auf den Tisch, die homerischer
Gastmähler würdig gewesen wären; riesige Rinderbraten, große gesottene
Fische, Lammviertel, dampfende Borschtsuppe in Terrinen, die so groß
waren wie Fischteiche, Berge von Kaviar, von Stör, von Lachs, von
Eiern, von Pirowski, und Flaschen, gefüllt mit jederlei Art Wein
und jederlei Art Likör, köstliche Früchte, die eigens aus Italien
bezogen waren. In der Mitte des Ganzen summte ein riesiger Samowar
wie eine zufriedene Katze. Was uns aber noch mehr zusagte, das war
die ungeheuchelte, aufrichtige Herzensgüte, die Zuvorkommenheit, die
Liebenswürdigkeit, von der wir umgeben waren. Wir empfanden in allem
die Sympathie, die man uns entgegenbrachte, die Freundlichkeit, die
Vertraulichkeit, das beständige Bestreben, uns vergessen zu lassen,
daß wir Fremde und fern von der Heimat seien. Unsere Neigungen, unser
Geschmack wurden studiert, und oft kam man ihnen zuvor. Ein beständiges
Lächeln belebte aller Blicke. Die gute Frau Sinitzin, die in ihrer
Unermüdlichkeit mitunter ihre Staatstoilette ablegte, um sich den
üblichen Pflichten der Hausfrau zu widmen, war unaufhörlich um uns
besorgt. Sie verschwendete an Fremde die Schätze ihres mütterlichen
Empfindens, weil sie an die Schwelle des Greisenalters gelangt war,
ohne Mutter gewesen zu sein. Sie hatte Falia, ein Burjatenmädchen, als
Tochter angenommen, und dieses, einem wilden Stamme entsprossene Kind
erheiterte ihr die Einsamkeit des Lebens. Falia brachte uns Blumen, und
wenn sie uns nachdenklich und ernst sah, kam sie zu uns und lächelte
uns an.
Fortwährend kamen neue Gäste zu Tische. Die Freunde betraten das
Zimmer, nahmen nach kurzer Begrüßung Platz und verkehrten in der
Familie mit einer Vertraulichkeit, die auf langjährigen Umgang
schließen ließ. Man begreift, daß bei diesen Leuten alle Türen und Tore
offenstehen; sie sprachen in einem Tone ernster, ruhiger Freundschaft,
aus dem man ersehen konnte, daß auch die Tore des Herzens geöffnet
waren. Viele der Erschienenen waren Teehändler; auch unser Gastfreund
Sinitzin gehörte dazu. Alle diese einfachen und bescheidenen Männer von
ungeschlachtem Körperbau, mit bärtigen Gesichtern und dem sanften Blick
des russischen Muschik, die in Blusen aus sibirischer Seide gekleidet
waren und riesige Stiefel an den Füßen hatten, waren Millionäre. Der
Teehandel hatte sie reich gemacht.
Kiachta ist ein Städtchen von Millionären. In den kleinen, mit
lebhaften Farben bemalten Holzhäusern, die sich längs der aus Brettern
hergestellten Fußsteige hinziehen und durch ländliche Höfe voller
Telegas und Schlitten voneinander getrennt sind, führen Familien, die
einen Palast in Moskau oder Petersburg besitzen könnten, ein Leben
wie Verbannte. Der Tee geht fast gar nicht mehr durch Kiachta; die
Quelle ihres Reichtums ist seit etlichen Jahren versiegt, aber sie
bleiben. Sie harren aus in dem Lande, das ihnen Wohlstand gebracht
hat, sie bleiben in der Nähe ihrer alten prächtigen Kathedrale, die
mehr Schätze birgt als alle Kirchen Sibiriens zusammengenommen. Die
Liebe zu dem Orte hält sie hier zurück, die Unbekanntschaft mit dem
Luxus, die Gewohnheit und auch die unbestimmte Hoffnung, daß die uralte
Wüstenstraße sich wiederum mit Karawanen bevölkern, daß die kleine,
jetzt so stille Stadt wieder zu geschäftigem Lärm erwachen werde.
[Illustration: Mongolische Reiter auf der Straße nach Kiachta.]
„Sie haben keinen Begriff,“ sagte ein Zollbeamter zu mir, „was Kiachta
vor sieben bis acht Jahren war! Sehen Sie diese breiten, öden Straßen?
Sie reichten an manchen Tagen nicht aus, um das riesige Gewirr des
Kommens und Gehens zu fassen. Es wurden täglich bis zu 50000 Kisten
Tee verladen. Jährlich kamen 25000000 Kilogramm Tee durch. Der große
Umsatz begann im Oktober, und im November und Dezember war ganz
Kiachta ein einziger großer Jahrmarkt und ein einziger Festplatz.
Nicht einmal des Nachts begab man sich zur Ruhe. Oft schneite es,
und die Leute freuten sich darüber, weil der Schnee die Straßen zu
Schlittenbahnen umwandelte. Sinitzin und viele andere mieteten jeder
im Sommer bis zu 500 Kamele, um die ersten zu sein, den neuen Tee auf
die Messe nach Nischnij-Nowgorod zu schicken. Sehen Sie jene großen
Gebäude aus Ziegeln, hinter der Kirche? Das waren die Lagerspeicher,
der Gostinij Dwor. Hunderte von Arbeitern waren dort Tag und Nacht
beschäftigt, die Ladungen aus der Mongolei zu öffnen, den beschädigten
Tee auszusondern und die Kisten für die Reise durch Sibirien wieder
zurechtzumachen, indem sie sie mit Kamelfellen bedeckten. Dort fanden
die Versteigerungen statt, und Hunderttausende von Rubeln liefen um,
als wären es Kopeken. Riesige Schlittenkarawanen gingen nach dem
Baikalsee ab. Alle Höfe standen voll von Pferden. Am Abend fanden dann
große Bälle und unaufhörliche Gastereien statt; in Troizkossawsk, der
nächsten Stadt, befand sich ein Theater. Man trank, man lachte, man
gab Geld aus, ohne zu rechnen. Jetzt, nachdem dieses Leben zweieinhalb
Jahrhunderte gedauert hat, ist Kiachta eine tote Stadt.“
„Ist dieses Jahr wenig Tee durchgekommen?“
„Nichts.“
„Alles geht nach Wladiwostok?“
„Alles geht mit der Eisenbahn. Vor zwei Jahren trat während des Krieges
ein Aufschwung ein, weil alle Eisenbahnlinien für die Truppen in
Beschlag genommen waren. Aber jetzt ist es vorbei. Wie soll man mit
der Eisenbahn den Kampf aufnehmen? Die Straßen sind ganz verödet, es
benutzt sie niemand mehr. Sie werden es mit eigenen Augen sehen.“
[Illustration: Sibirische Muschiks.]
„Aber die Verbindungen mit der transsibirischen Eisenbahn? Kiachta wird
kein weltabgeschiedener Flecken bleiben!“
„Nein, aber jetzt benutzt man den Flußweg. Es gibt Dampfboote, die
den Verkehr zwischen Werchne-Udinsk und Ust-Kiachta auf der Selenga
vermitteln, und von hier bis Ust-Kiachta ist die Straße für Telegas
noch gangbar.“
Die Auskünfte über die Straßen, die wir von allen Seiten erhielten,
konnten nicht entmutigender lauten.
„Über die Maßen schlecht, schauderhaft, unwegsam!“ hatte uns der
Polizeikommissar mit seiner dröhnenden Stimme gesagt. „Haben Sie Sümpfe
in der Mongolei angetroffen? Sie werden noch schlimmere finden. Wissen
Sie, welche Art von Sümpfen die Engländer mit ‚Bog‘ bezeichnen? Nun,
Sie werden auf ‚Bogs‘ stoßen, wie Sie in Ihrem Leben noch nicht gesehen
haben! Und Abhänge, daß Sie sich den Hals brechen können! Anhöhen,
auf die Sie das Automobil nur mit Seilen hinaufziehen können! Und
Sand, einen Meter hoch! Wollen Sie noch mehr wissen? Noch heute will
ich durch meine Agenten die einzigen Leute befragen lassen, die jene
Straße benutzen, die Telegraphenarbeiter, die die Linie auszubessern
haben. Sie sollen alle Einzelheiten erfahren. Ich für meine Person
bin unerschütterlich fest davon überzeugt, daß Ihr Automobil nicht
durchkommt.“
„Ist es möglich?“ riefen wir mit schmerzlichstem Erstaunen aus und
dachten dabei an jene hübschen Doppellinien der Landkarte. „Wir
haben doch alle Schwierigkeiten der Straße zwischen Urga und Kiachta
überwunden.“
Unsere Unfälle in der Mongolei interessierten alle Teemillionäre.
Die Nachricht von der Fahrt Peking-Paris hatte in Kiachta ein
Publikum gefunden, das darüber in Aufregung geriet. Neue Hoffnungen
erwachten. Man erwartete mit Spannung die Erprobung des Automobils
auf mongolischem Boden. Sollte es nicht möglich sein, das Kamel
durch das Automobil zu ersetzen und die Konkurrenz der Eisenbahn bei
der Teebeförderung zu besiegen? Unsere Ankunft versetzte die alten
Teekaufleute in hochgradige Erregung. Wir hatten die Strecke von
Kalgan bis Kiachta in 7 Tagen zurückgelegt, während die Karawanen 20
brauchten. Sie fragten uns nach tausenderlei Dingen, über die Kosten
des Benzins, über die Möglichkeit, schwere Lasten zu befördern, über
den Preis der Maschine. Sie diskutierten eifrig untereinander. Aus
ihren Reden ersahen wir, welches der Hauptgrund gewesen war, der sie in
Kiachta zurückgehalten hatte: sie erwarteten, daß die russische oder
die chinesische Regierung die mongolische Bahn bauen würde, eine Bahn,
die von der Logik der Dinge gefordert und daher unausbleiblich war.
Es kann noch viel Zeit vergehen, aber kommen wird die Bahn. Dann
würde Kiachta, durch den Schienenstrang mit Hankou verbunden, allen
chinesischen Tee direkt aus den Produktionsorten an sich ziehen. In
die ruhige und geduldige Erwartung der mongolischen Linie warf das
Automobil ein Fieber neuer Ideen und neuer Pläne hinein. Augenblicklich
jedoch ist das Automobil, wenn es sich auch selbst in der Wüste
als schnelles Verkehrsmittel bewährt hat, noch kein praktisches
Beförderungsmittel. Die „Itala“ hätte nach Kiachta nicht mehr als 200
Kilogramm Tee bringen können, und zwar mit einem Kostenaufwand von ℳ
1,20 bis 1,60 für das Kilogramm.
Wie das dem Fürsten in Peking zugegangene Telegramm in Aussicht
gestellt hatte, erhielten wir in Kiachta eine ausführliche Liste
unserer Ersatzvorräte mit Angabe der Menge der einzelnen Gegenstände
und der Entfernungen von einem Depot zum andern in Werst. An der Spitze
der Liste stand Kiachta. Aber in Kiachta war auch nicht ein Tropfen
unseres Benzins angekommen! Das Brennmaterial, das wir noch in den
Behältern hatten, hätte vielleicht hingereicht, uns bis zum Baikalsee
zu bringen, aber wir waren nicht sicher. Die sehr schwierige Straße von
Urga hierher hatte den Motor oft zu angestrengter Tätigkeit gezwungen
und den Benzinverbrauch erhöht. Wenn der künftige Weg ebenso schlecht
war, so würde unser gesamter Reservevorrat aufgebraucht werden, bevor
wir das nächste Depot erreichten! Hätten wir es dann in Wirklichkeit
und nicht nur auf der Karte auffinden können? Würden wir nicht
gezwungen sein, vielleicht auf Wochen hinaus festzuliegen?
Das Glück war uns günstig. Einer der reichsten Kaufleute von Kiachta
hatte vor Jahren den Einfall gehabt, sich ein Automobilwägelchen
und mit ihm eine große Menge Benzin kommen zu lassen. Das kleine
Automobil hatte den guten Gedanken gehabt, infolge eines Schadens,
dem der Schmied des Ortes bisher nicht hatte beikommen können,
die Arbeit einzustellen; das Benzin war im Keller eines Magazins
liegengeblieben und wartete sozusagen auf die unwahrscheinliche
Gelegenheit, daß ein Automobil durchkäme. Herr Sinitzin, der als Agent
der Russisch-Chinesischen Bank unser Depot hätte in Empfang nehmen
sollen, erinnerte sich des Wägelchens seines Freundes und verschaffte
uns das wertvolle Brennmaterial, nachdem wir das halbe Russische
Reich vergebens mit dringenden Telegrammen bestürmt und uns schon
entschlossen hatten, unser Glück zu versuchen. So vervollständigten wir
unsere Vorräte.
Am Abend des 24. Juni erfuhr ich auf dem Telegraphenamt in Maimatschen,
daß der „Spyker“ an jenem Tage bis Urga gekommen sei. Am 25. teilte mir
dasselbe Amt mit, daß die beiden „de Dion-Bouton“ und der „Spyker“ bei
Tagesanbruch Urga verlassen hätten. Am Nachmittag begann es zu regnen.
„Aha, die Bogs des Kommissars!“ sagten wir lachend zueinander.
Und wir dachten an die berüchtigten Sümpfe, an Moräste, die uns drohen
sollten; bald würde der Regen jeden Durchgang unmöglich gemacht haben.
Regen ist vorteilhaft, weil der Sand durch ihn fest wird; zuviel
aber verwandelt den Sand in Schlamm. Und das schlechte Wetter schien
anzudauern. Es war so beharrlich, daß es uns 500 Kilometer weit
begleitete! An diesem Tage fiel einer jener dichten, gleichmäßigen,
verdrießlichen Regen, die den Gedanken an den Herbst wachrufen, wenn es
auch noch so warm ist. Am Abend teilte man uns mit, daß einige Mongolen
von der Höhe der Dünen auf der Straße von Urga Lichter erblickt
hatten, und man nahm an, daß dies die übrigen Automobile sein müßten.
Uns erschien die Vermutung widersinnig. Sie hatten Urga am Morgen
verlassen und konnten abends noch nicht in Kiachta eintreffen. In der
Tat haben sie, vom schlechten Wetter überrascht, drei Tage gebraucht,
um jene Strecke zurückzulegen. Wir entschlossen uns indes, am nächsten
Tage aufzubrechen. Frau Sinitzin war über die Kühnheit unseres Plans
erschrocken.
„Sie Ärmste!“ wiederholte sie des öfteren, indem sie uns mit tiefem
Mitleid betrachtete und dabei seufzte. „Bei diesem Regen und im offenen
Wagen! Ich will Ihnen wenigstens etwas zur Stärkung mitgeben.“
Als wir uns am frühen Morgen erhoben, fanden wir die herzensgute Frau
emsig beschäftigt, umgeben und unterstützt von den Dienstboten. Die
Küche war in voller Tätigkeit.
„Die Flaschen Wein hierher!“ rief Frau Sinitzin über den Rand eines
mächtigen Weidenkorbes gebeugt. Eine Magd kam, die Arme voller
Flaschen, die in dem Korbe verschwanden. „Rasch die gebratenen Hühner!“
-- sechs Hühner folgten den Flaschen. „Ist das Lamm gekocht? Bringt es
her!“ -- ein dampfendes Lammviertel nahm in dem Korbe Platz. Und dann
kamen noch Orangen, frisches Brot, alles schön in Papier eingeschlagen
und verpackt.
„Mein Gott!“ rief sie aus, als ihr der Inhalt vollständig schien --
„ich habe ja das Bier und den Kognak vergessen!“ Und sofort wurden noch
weitere Flaschen in die leergebliebenen Stellen versenkt.
„Für wen sind denn diese Dinge?“ fragte der Fürst besorgt.
„Für Sie, Knjäs Borghese!“
„Ah, aber dies ist unmöglich! Du lieber Himmel, das sind ja
Lebensmittel und Wein für ein ganzes Regiment! Nein, nein! Die Maschine
ist schon zu sehr belastet. Und bei dem Morast, den wir antreffen
werden! Es ist unmöglich, gnädige Frau!“
Ein aufrichtiger und dabei komischer Schmerz malte sich bei dieser
Ablehnung auf dem Gesicht der gütigen Dame. Sie faltete die Hände und
betrachtete uns schweigend. Dann bemerkte sie schüchtern, besorgt, uns
allzusehr zu widersprechen:
„Sie wollen nichts mitnehmen? Auf eine so lange Reise? Wenigstens ein
bisschen!“
Um sie nicht zu kränken, nahmen wir zwei Hühner und zwei Flaschen Wein,
die Frau Sinitzin kopfschüttelnd in ein Säckchen steckte, als wollte
sie sagen: „Sie kommen um vor Hunger und Durst, die Ärmsten!“
Es regnete fort und fort. Im Hofe stand das Automobil. Wir nahmen
herzlichen Abschied von unseren Gastfreunden, die mit bloßem Kopfe vor
der Haustür standen und uns glückliche Reise wünschten, und fuhren
ab. Noch auf der Straße vernahmen wir ihre Stimmen, und sahen, als
wir uns umwandten, wie sie uns ein letztes Lebewohl zuwinkten. Mit
traurigem Gefühl dachten wir daran, daß wir höchstwahrscheinlich jene
selbstlosen, herzensguten Freunde nie wiedersehen würden.
* * * * *
Kiachta schlief noch in der bleichen, kühlen Morgenfrühe. Wenige
Minuten später kamen wir durch das benachbarte Troizkossawsk mit seinem
kleinen grasbewachsenen Friedhof, der übersät war mit Kreuzen und
Grabsteinen, die vom Regen abgewaschen waren. Ein Birkenhain lag im
Mittelpunkte der Stadt, große Kasernen am äußersten Ende des bewohnten
Teils, und großartige Schulen -- Privatschulen, die von dem Reichtum
des Ortes Zeugnis ablegten -- erhoben sich neben den kleinen, weiß und
blau gestrichenen Holzhäusern längs der ungepflasterten, schmutzigen
Hauptstraße. Mancher Fensterladen öffnete sich, und heraus schauten
verschlafene Frauengesichter mit ungeordneten Haaren und starrten
uns verständnislos nach. Ein frühaufstehender Krämer war eben dabei,
seinen Laden zu öffnen; er unterbrach seine Beschäftigung, als er uns
kommen sah, und fuhr erschreckt in die offenstehende Tür zurück, wie um
sich zu verstecken. Die an den Wegkreuzungen wachestehenden Gendarmen
grüßten militärisch. An den kleinen Fluß mit steilen, grasbewachsenen
Ufern, der die Stadt durchschneidet und auf dem sich im Winter die
Knaben von Troizkossawsk und Kiachta mit Schlittschuhlaufen vergnügen,
führten einige Kosaken ihre Pferde, die sich bei unserer Vorbeifahrt
erschreckt bäumten, zur Tränke. Eine vom Exerzieren zurückkehrende
Truppe in ihren schweren, grauen Mänteln marschierte wieder in die
Kaserne, bis zu den Knien mit Schmutz bespritzt. Die Soldaten machten
halt und traten aus Reih und Glied, um uns besser sehen zu können,
wobei die Bajonette über ihren Köpfen hin und her schwankten.
[Illustration: Auf dem Wege durch ein sibirisches Dorf.]
Kaum waren wir außerhalb der Stadt, als uns die Straße, die mit einem
Male zu einem schmalen Fußpfade geworden war, durch schweigende, dunkle
Tannen- und Birkenwälder führte, in denen wir nichts hörten als das
unaufhörliche laute Herniederrauschen des Regens. Wir zitterten vor
Kälte in unseren triefenden Regenmänteln, in deren Falten das Wasser
herunterrann.
War es möglich, daß wir der Mongolei noch so nahe waren, daß
Maimatschen mit seiner Menge blaugekleideter Chinesen vom
Jang-tse-kiang nur wenige Kilometer zurücklag? Die brennenden Wüsten,
die weiten Steppen, auf denen Kamele und Antilopen in Freiheit leben,
erschienen uns wie ein Traum. Der Wechsel war so plötzlich, daß er auf
uns wie eine Gewalttat wirkte. Alles war verändert, die Landschaft, die
Bevölkerung, das Klima. Wir fühlten uns wie durch einen Zauberschlag
aus Asien heraus versetzt. Es war Rußland, das dasselbe ist an der
Selenga wie am Dnjepr, an der Wolga wie an der Newa, Rußland, das
sich innerhalb seiner Grenzen gleichbleibt, das weder asiatisch noch
europäisch ist, das sich ebenso stark von China wie von Frankreich
unterscheidet! Zar Alexander ~II.~ sagte, wenn ich mich recht entsinne,
Rußland umfasse ein Sechstel der Erdoberfläche, und das ist wahr. Die
wunderbare Gleichförmigkeit des Reiches macht es zu einem in der Welt
allein dastehenden Staatsgebilde.
Der Wechsel entzückte uns. Wir fanden uns unvermutet in einer Umgebung,
die der Heimat ähnlicher war.
Als wir aus den Wäldern herauskamen, erblickten wir Felder, umzäunt
von rohen, aus jungen Kiefernstämmen hergestellten Gehegen, die erste
Eigentumsteilung, das erste Anzeichen der Besitzergreifung des Landes,
das wir nach Tausenden von Kilometern antrafen. Zwischen den Feldern
standen schwarze, uralte Bauernhäuser. Der Regen verwischte die Farben
in der Ferne, indem er einen dünnen Nebel über die Felder breitete,
und ließ die Farben in der Nähe schärfer hervortreten; die vom Regen
gebadeten Pflanzen erhielten eine unbeschreibliche Lebensfrische. Auch
diese Wirkungen des Regens gefielen uns, die intensive Färbung, die
Dunstschleier, an die unser Auge nicht mehr gewöhnt war; wir fanden
bekannte Landschaftsbilder wieder. Wir begegneten Telegas; sie wurden
von Muschiks in roter Bluse und Pelzmütze gelenkt, einige hatten an
den Beinkleidern lange gelbe Streifen und trugen Militärmützen, es
waren ausgediente Kosaken. Jeden Augenblick kamen Tarantasse vorüber,
Lederkähnen auf vier Rädern ähnlich, die dauerhaftesten, aber auch
unbequemsten Fuhrwerke der Welt, in denen man auf Stroh ausgestreckt
liegt; gezogen wurden sie von alten Schindmähren, die von burjatischen
Kutschern mit weitausholenden Peitschenhieben angetrieben wurden. Aller
Augenblicke erschien eine Gruppe rohgebauter kleiner Häuschen neben der
Straße; an dem größten war ein Wappen mit dem Doppeladler angebracht:
es war ein Postamt. Da sauste der Postwagen, niedrig wie ein Schlitten,
nach Art der Troika bespannt, im Galopp eine Anhöhe hinauf. Er kam von
Ust-Kiachta. Die in ihre Mäntel gehüllten Reisenden, mit Pelzmützen
bis über die Ohren, streckten neugierig die Köpfe heraus, um uns zu
betrachten.
Die Straße war augenscheinlich von unseren Freunden in Kiachta
fürchterlich verleumdet worden. Sie hatten uns so viel Schlechtes von
ihr gesagt, daß wir sie schließlich beinahe vorzüglich fanden. Sie
hatten einstimmig erklärt, sie sei schlimmer als die Straße nach Urga.
Im Grunde war dies ganz natürlich; sie kannten ja die Straße nach Urga
nicht, wohl aber die nach Werchne-Udinsk, und man ist leicht geneigt,
von dem, was man kennt, Übles zu reden; was man nicht kennt, ist besser.
Wir fuhren über morastige Ebenen, gelangten glücklich über nicht immer
leichte Aufstiege und nicht immer bequeme Abhänge, aber nirgends war
etwas von Bogs oder von jenen so lebhaft geschilderten Abgründen
zu entdecken. Ruhig und ohne Unterbrechungen fuhren wir unsere 20
Kilometer in der Stunde. Um 7 Uhr befanden wir uns in Ust-Kiachta an
der Selenga. Wenige vom Wetter gebräunte Bauernhütten, eine kleine
Kirche, eine lange schmutzige Straße. Und auf der Straße ein eleganter
Polizeibeamter, die Brust mit Ehrenzeichen geschmückt, in einer Uniform
von blendendem Weiß; er erwartete uns. Zwischen den Häusern erblickten
wir das Wasser des Flusses.
„Wie kann ich Ihnen nützlich sein?“ fragte er höflich und grüßte,
während das Automobil neben ihm hielt.
„Ist es möglich, die Straße nach Werchne-Udinsk zu verfehlen?“ fragte
der Fürst.
„Nein,“ erwiderte der Beamte; „Sie brauchen nur der Telegraphenlinie zu
folgen. Aber in Nowi-Selenginsk, etwa 65 Kilometer von hier, müssen Sie
den Telegraphen verlassen und den Weg nach links einschlagen, um über
die Selenga zu kommen; der Telegraph läuft am Ufer weiter.“
„Danke. Und ist eine gute Barke zum Übersetzen vorhanden?“
„Ja, aber ich fürchte, sie ist für das Automobil zu klein.“
„Wir werden ja sehen.“
„Wann beabsichtigen Sie in Werchne-Udinsk zu sein?“
„Heute abend.“
„Heute abend?“ fragte er verblüfft. „Aber es sind ja 250 bis 260
Kilometer von Kiachta! Wunderbar!“
„Wenn die Straße gut wäre, würden wir zu Mittag dort sein. Adieu und
vielen Dank!“
„Wollen Sie nicht ein Glas Tee trinken?“
„Nein, danke!“
„Glückliche Reise!“
Im nächsten Augenblicke rief er:
„Wünschen Sie einen Führer? Einen Mann zu Pferd?“
„Nein, nein; es ist nicht nötig!“
„Folgen Sie nur dem Telegraphen!“
Wir folgten ihm auf grasbewachsenen Wegen, über weite Ebenen und
bergauf über Hügel. Oft kamen wir an Stoppelfeldern vorüber, an
Dörfern, die sich an den Fuß bewaldeter Anhöhen schmiegten --
Anhäufungen von kleinen, schwarzen, gleichförmigen Holzhäusern,
überragt von einer weißen Kirche mit spitz zulaufendem Turm und grünem
Dache. In der Nähe der Häuser drehten Windmühlen langsam das graue
Kreuz ihrer Flügel. Der Regen hatte aufgehört.
Die ersten sibirischen Dörfer, durch die wir kamen, erschienen uns
entzückend. Der verführerische Reiz der Ruhe, der Zauber des Landlebens
liegt über ihnen. Mit ihren kleinen, aus Baumstämmen gezimmerten, von
Zäunen umgebenen Häusern, die untereinander durch Bretter verbunden
sind, um trockenen Fußes unter freiem Himmel gehen zu können, wenn
es regnet und die Straße schmutzig ist, machen sie einen äußerst
malerischen Eindruck. Wir Bürger des Westens lieben das rohe Holz, die
rohen, mit der Axt behauenen und zu Hauswänden gewordenen Balken, weil
sie uns vom Walde, von seinem Schatten, von seinem Leben erzählen.
Holz findet man überall in Sibirien, es ersetzt das Eisen, es ersetzt
das Mauerwerk, liefert die Hausgeräte und oft die Arbeitswerkzeuge.
Man könnte sagen, daß, wie es eine Stein- und Bronzezeit gegeben
hat, es auch eine slawische Holzkultur gibt. All dies spricht uns
an, weil es schlicht und einfach ist, dunkle, ferne Erinnerungen an
ein primitives, aber freies Leben und die Sehnsucht danach in uns
wachruft. Die Häuser mit dem überhängenden Dache, mit der von einem
schmalen, über die Straße vorspringenden Vordache geschützten Tür, die
zum Eintritt einlädt, mit den kleinen Fenstern, deren weißgestrichene
Pfosten und Rahmen sich heiter von der dunklen Wand abheben, machen
den Eindruck des Friedlichen und Heimeligen. Sie zeigen Blumen auf
den Fensterbrettern und Vorhänge an den Fenstern und erwecken die
Vorstellung eines gut behüteten Wohlstandes, der sich zu verteidigen
weiß. Bald aber macht man die niederdrückende Erfahrung, daß das erste
Dorf dem zweiten gleicht, das zweite dem dritten, das hundertste dem
neunzigsten und so ins Unendliche fort. Die Häuser sind alle auf
dieselbe Art gebaut, die Kirchen sehen sich ähnlich wie ein Ei dem
andern. Alles ist nach einer und derselben Schablone angelegt: eine
breite Straße, um die Gefahren der Feuersbrünste zu verringern, und
zu beiden Seiten von ihr die Wohngebäude; hinter den Wohnhäusern die
Stallungen; in der Mitte des Dorfes, auf einer Wiese, die Kirche.
Nichts, was einen Unterschied bieten könnte zwischen dem einen Dorfe
und dem andern, den Namen ausgenommen!
Bei jedem Turme, der sich in der Ferne zeigt, hegt man die trügerische
Erwartung einer Abwechslung. Die Kirche erscheint größer als die
bisherigen, das Dorf schöner, und man wünscht, rasch hinzukommen,
voll neubelebten Interesses und getrieben von dem Wunsche, etwas
anderes als das ewige Einerlei zu sehen. Aber das Dorf gleicht doch
den Nachbardörfern und auch denen, die in weiter Ferne liegen, wie
ein Soldat dem andern. Rasch ruft die Gleichförmigkeit Eintönigkeit
hervor und die Eintönigkeit Melancholie. Man denkt an die meisten
Dörfer Italiens, von denen jedes seine besondere Physiognomie, seinen
besonderen Gesichtsausdruck, seine besondere Persönlichkeit hat, die
schon von weitem ruft: „Das bin ich!“
Einige Stunden führte uns die Straße von der Selenga ab in das kahle
Tal ihres Nebenflusses Tschiko, den eine üppige Vegetation kenntlich
macht. Nicht weit von der Mündung des Tschiko stoßen wir wieder auf
die Selenga, deren weiße, milchige Fluten von üppigen, sich über das
Wasser neigenden Gebüschen umrahmt sind. An dem Ufer stehen einige
Bauernhütten, die aussehen, als ob sie den Fluß überschreiten wollten,
um Nowi-Selenginsk zu erreichen, dessen weißen Kirchturm wir in wenigen
Werst Entfernung über die Bäume hervorragen sahen.
Hier war der Ort unserer Einschiffung. Auf dem Flusse kam ein kleines,
aus klaffenden Brettern verfertigtes Fahrzeug in Sicht. Wir stiegen
ab. Die Barke befand sich auf dem andern Ufer des Flusses, wohin sie
eine Telega befördert hatte, die in diesem Augenblicke zwischen den
Gebüschen verschwand. Zwei alte Männer mit dichten, wirren Bärten
näherten sich, begleitet von einigen barfüßigen Mädchen, die uns
furchtsam betrachteten und bei unserem Nahen die Flucht ergriffen.
Einer der Alten fragte, ob wir übersetzen wollten.
„Ja. Wird die Barke uns tragen?“
„Wieviel wiegt der Wagen?“
„120 Pud.“
„Das ist viel. Aber sie trägt sie, wenn nur der Wagen auf der Barke
Platz hat.“
[Illustration: Sibirisches Dorfpublikum.]
Er rief mit lauter Stimme den Bootsleuten zu. Die Barke setzte sich
in Bewegung, getrieben von zwei langen Rudern, deren jedes von zwei
Ruderern gehandhabt wurde, durchquerte den Fluß in schräger Richtung
und legte an der Landungsbrücke an. Es war eine Fähre ohne Seitenwände,
eine Art schwimmender Plattform. Wir maßen die Breite mit Schritten.
Das Automobil hatte nur schräg darauf Platz. Wie sollten wir es auf
die Fähre bringen? Mit der Kraft der Arme oder mit dem Motor? Würde
die Landungsbrücke das Gewicht aushalten? Damals erschienen uns diese
Fragen sehr schwer lösbar: wir machten unser erstes Schiffsmanöver
durch.
Da wir über ein sicheres Auge und eine genaue Kenntnis der Maschine
verfügten, konnten wir uns mit Hilfe des Motors einschiffen. Ettore
ergriff das Steuerrad, ließ das Automobil rückwärtsgehen und schickte
sich an, die Räder an den Punkten, die ihm der Fürst auf den
Brettern bezeichnet hatte, den Punkten der größten Widerstandskraft,
hinüberzuleiten.
„Fertig? Vorwärts!“ sagte Don Scipione.
Das Automobil fuhr an und sprang auf die Landungsbrücke, die von
oben bis unten erzitterte. Die Bretter gaben nach und bogen sich wie
Sprungfedern, als die Räder darüberfuhren. Die Vorderräder kamen auf
die Fähre zu stehen. Aber in diesem Augenblicke bewirkte das große
Gewicht der Maschine, das nur von einer Seite der Landungsbrücke
getragen wurde, daß die Fähre sich unvermutet bis zum Wasserspiegel
hinabneigte. Das Automobil befand sich mit den Vorderrädern um einen
halben Meter tiefer als mit den Hinterrädern, die noch auf der Brücke
standen. Ettore bremste. Die Seile, die die Barke festhielten -- dünne
Stricke -- knarrten; wären sie gerissen, so hätte sich die Fähre vom
Ufer entfernt, und das Automobil wäre ins Wasser gefallen. Die Seile
wurden rasch verdoppelt, und die Bootsleute hielten sie gespannt. Die
Maschine befand sich in einer Lage, die ein Zurück unmöglich machte.
Sie ging entschlossen vorwärts und wandte sich nach rechts, um schräg
auf die Plattform zu kommen. Auch die Hinterräder gelangten hinauf,
und der Wagen nahm wieder seine wagerechte Stellung ein, ein wenig
näher dem Wasser, aber vollkommen im Gleichgewicht. In dem Augenblicke,
in dem das Automobil ganz an Bord kam, stießen die Russen einen
Schreckensruf aus. Als sie den Wagen im Schwunge vorschießen sahen,
hatten sie geglaubt, er würde seinen Lauf nicht mäßigen können und auf
der andern Seite ins Wasser stürzen. Aber die kluge Maschine war mit
einem Ruck in der richtigen Stellung stehengeblieben, als sei sie von
dem langsam und sicher arbeitenden Arme eines Krans dorthingestellt
worden.
Später machten Zufälle dieser Art auf uns keinen Eindruck mehr; wir
gewöhnten uns an wackelige Landungsbrücken, an alte, aus den Fugen
gehende Barken, an die mit Exaktheit gepaarte Kühnheit des Automobils.
Die Fährleute tauchten die Ruder ins Wasser und begannen kräftig zu
rudern; hinter ihnen lehnte sich der Alte, eine kurze Pfeife zwischen
den Zähnen, gegen das Steuer. Bei einer Wendung des Flusses sahen wir
mit einem Male ein Dampfboot auftauchen.
Ein Ausruf des Staunens und der Befriedigung entfloh unseren Lippen.
Mit liebevoller Bewunderung betrachteten wir das kleine alte
Schifflein, das in der Richtung auf Ust-Kiachta stromaufwärts fuhr,
mühsam durch den hohen Schornstein atmend, getrieben von einem großen
Schaufelrade am Heck, das ihm das Aussehen einer fahrenden Wassermühle
verlieh. Es war das erste Dampfboot, das wir nach so langer Zeit
wiedersahen. Wir begrüßten in ihm einen bescheidenen Pionier der
Zivilisation, einen vorgeschobenen Posten der gewaltigen Kraft, die
die Weltteile erobert, einen Freund, den wir um Hilfe hätten bitten
können. Es stellte für uns eine Verbindung mit dem Westen dar, dem
wir entgegenfuhren. Seine Sirene heulte, um uns aufzufordern, ihm den
Weg freizugeben, und diese Stimme hallte seltsam wider in dem von der
Kultur abgeschnittenen Tale. Der Dampfer entfernte sich langsam, und
wir betraten, geschaukelt von den Wogen, die er hinter sich erregt
hatte, das andere Ufer des Flusses.
Einer der Fährleute zeigte uns den Weg; in der Nähe des Flusses lagen
Sümpfe. Wir kamen mit leichter Mühe an ihnen vorbei und fuhren dann
durch Nowi-Selenginsk, ein Dorf, das etwas größer war als die übrigen,
eine Schule, eine Apotheke und mehrere kleine Läden mit verstaubten
Fenstern besitzt. Beinahe unbemerkt passierten wir es auf seiner
breiten, öden, grasbewachsenen Straße, und erst später, als wir wieder
in die Ebene einmündeten, verbreitete sich die Nachricht unserer
Durchfahrt von Haus zu Haus. Wir hörten hinter uns erregte Stimmen
einander zurufen und Antwort geben, Fensterflügel heftig aufreißen,
und sahen, wie Leute eiligst aus den Häusern stürzten, auf der Straße
stehenblieben und uns nachblickten, während wir verschwanden. Wir
überstiegen eine Reihe kahler Hügel, die noch frei von der Herrschaft
der Menschen sind, und ließen die Selenga ostwärts liegen. Eine weite
ruhige Wasserfläche bot sich in einem Tale unseren Blicken dar: es
war der Hussin-See. Nicht ein einziges Dorf lag an seinen Ufern. Kein
Nachen hat ihn je durchfurcht; es sind aber die letzten Jahre seines
einsamen Schlummers. Die slawische Einwanderung nähert sich ihm langsam.
Nur selten trafen wir Postämter an, die sich stets zwischen zwei
Hügel geflüchtet hatten, als fürchteten sie allein zu sein. Aber bald
stiegen wir in ein Tal hinab, das von einem neuen Volke in Besitz
genommen worden ist. Auf einer Strecke von 95 Kilometern, bis nach
Werchne-Udinsk, durchquerten wir einen aufblühenden Landstrich. Die
ganze Gegend an der unteren Selenga ist grün von neuen Ansiedelungen
und Weiden, voll von Schaf- und Rinderherden, übersät mit Dörfern,
erobert von der Arbeit des Menschen. Vor sieben Jahren war sie nur von
einigen Burjatenfamilien bewohnt. Die Eisenbahn ist es, die dieses
Wunder bewirkt hat. Die Ausbeutung Sibiriens hat begonnen.
Wenige Gegenden selbst des europäischen Rußlands zeigen sich so
bevölkert und reich wie jenes abgelegene Tal Transbaikaliens, das vor
nicht langer Zeit von Moskau eine Jahresreise entfernt war. Jetzt
dauert die Reise 15 Tage. In diesem Unterschiede liegt das Geheimnis
dieser wunderbaren Umwandlung. Die Entfernungen schwinden. Die
unermeßlichen jungfräulichen Länder des slawischen Asiens haben sich
dem Volke genähert, sich seinen arbeitsgewohnten Armen dargeboten.
Die Eisenbahn sät Spannkräfte; auf fruchtbare Triften pflanzt sie die
Arbeit. Massen von Landleuten ziehen dort hinaus, um sich eine neue
Heimat zu gründen. Ganz Sibirien erwacht zum Leben. Fast unbekannte
Landstriche, die nichts weiter waren als geographische Namen, werden
allmählich zu Reichen, die sich dem Russischen Reiche angliedern werden.
Wir fuhren durch ganz neue Dörfer in der frischen Farbe des Holzes, die
noch den Duft des Harzes der erst vor kurzem im Walde gefällten Stämme
ausströmten. Die zuletzt angekommenen Landleute waren noch mit dem Bau
ihrer Häuser beschäftigt und arbeiteten eifrig, um sie beim Eintritt
der ersten Kälte fertig zu haben. Auch fern von der Straße, im Tale und
auf den Abhängen der Hügel verstreut, bemerkten wir mitten im Grünen
andere kleine Orte, aus denen sich die schlanken Kirchtürme erhoben.
Man arbeitete auf den Feldern. Es begegneten uns mit Heu beladene
Telegas. Herden von Pferden und Rindern weideten selbst im Innern
der Dörfer. Wir aber brachten unter diesen Herden eine Verwirrung
ohnegleichen hervor: Pferde und Rinder scheuten und flüchteten vor dem
Automobil; die Kinder, deren Spiele die Straße heiter belebten, liefen
erschreckt in die Häuser zurück; die Frauen, barfuß, ein rotes Tuch um
den Kopf geschlungen, beeilten sich, Hühner, Gänse und Schweine, ihre
sämtlichen lebenden Schätze, in Sicherheit zu bringen; sie nahmen sich
nicht die Zeit, nachzusehen, welche Gefahr ihnen eigentlich drohte. Es
war ein Durcheinander von Geschrei und Flügelschlagen, von Gewieher
und Hundegebell -- kurz der Lärm eines aus seiner Ruhe aufgestörten
Dorfes. Nur die Männer blieben unbeweglich und schweigsam. Verblüfft
von der seltsamen, flüchtigen Erscheinung, unterbrachen sie ihre Arbeit
und grüßten uns ehrfurchtsvoll, indem sie ihr blondes langhaariges
Haupt entblößten und sich verbeugten. Sie verstanden nichts von jener
unbekannten Macht, aber sie demütigten sich vor ihr. Wer mächtig ist,
kann schaden; ihn zu grüßen, ist ein Zeichen, daß man sich mit ihm
verbündet erklärt.
An manchen Punkten gewann die Landschaft ein malerisches Aussehen.
Bald unterbrachen kleine von Fischerbooten durchfurchte Teiche mit
ihren buchtenreichen Ufern die Ebenen der Felder und bildeten in der
weiten Ebene glänzende himmelblaue Flächen; bald schlängelten sich
klare Wasserläufe, beschattet von grauen Weidenbäumen, in ruhigen
mäandrischen Windungen dahin und drehten die Räder einsamer Mühlen. Auf
dieser Straße stießen wir noch auf Spuren Asiens, die letzten Anzeichen
seines Rückzuges vor der weißen Einwanderung, auf Obos wie in der Wüste.
[Illustration: Sibirische Fähre.]
Es waren keine mongolischen, sondern burjatische Obos. Der Unterschied
ist verschwindend. Der Burjate ist nur ein zur Hälfte russifizierter
Mongole. Er spricht russisch, kleidet sich wie ein Muschik, trägt eine
mongolische Mütze und mongolische Stiefel, bewohnt eine Isba, glaubt
an Buddha, ist dem Zar ergeben, raucht aus einer chinesischen Pfeife
und trinkt Wodka: das ist der Burjate. Der Hauptunterschied zwischen
ihm und seinem Bruder in der Wüste besteht darin, daß er ab und zu den
Boden bearbeitet, der Mongole aber nie. Der Burjate hat in der Tat
den ersten Schritt zur Zivilisation getan: er ist ansässig geworden.
Der Nomade wird immer Barbar bleiben. Die Zivilisation beginnt erst
dann, wenn sich das Zelt in ein Haus verwandelt. Und wir sahen
zwischen den vielen slawischen Dörfern auch burjatische. Auf ihren
Holzhäuschen wehten kleine weiße Fahnen, vielleicht jene Gebetsfahnen,
die bei ihrem Hin- und Herflattern die auf ihnen enthaltenen Gebete
der Luft anvertrauen. Auch auf den Obos waren die heiligen Flaggen
gehißt, und oft erhob sich mitten auf ihnen ein Baum, dessen Zweige
mit Papierbändern geschmückt waren, die sich im Winde bewegten. Etwa
50 Kilometer von Werchne-Udinsk bemerkten wir zu unserer Rechten in
weiter Ferne ein Lamakloster: eine Gruppe von Gebäuden mit chinesischen
Dächern, die grün angestrichen waren wie die der orthodoxen Kirchen.
Werchne-Udinsk ist der Mittelpunkt, die Hauptstadt des zerstreut
wohnenden Burjatenvolkes, wie Kasan der Mittelpunkt der Tataren ist.
Die Nähe der Stadt wurde uns vor allem dadurch angekündigt, daß wir
zahlreichen Burjaten begegneten, die zu Pferd vom Markte heimkehrten;
sie waren in Gruppen vereinigt, um sich im Notfalle besser verteidigen
zu können. Sie grüßten uns nicht.
Um 6 Uhr abends gelangten wir auf den Gipfel eines Hügels. Der
Umkreis des bergigen Horizontes tat sich vor unseren Blicken auf,
und unser Auge schweifte über das weite Tal der Uda. In der blauen,
verschleierten Tiefe der Ferne ahnten wir den Lauf der Uda, die nach
Osten strömt, um sich mit der Selenga zu vereinigen und sich mit ihr in
den nahen Baikalsee zu ergießen. Am Fuße der entfernteren, mit dichten
Wäldern bestandenen und daher dunkleren Höhen bemerkten wir einen
undeutlichen weißen Schimmer von Gebäuden, aus denen sich die dünnen
Linien der Türme und spitzen Giebel erhoben: es war Werchne-Udinsk,
welche Stadt an dem Zusammenfluß beider Ströme gegründet worden ist.
Wir betrachteten sie lange, bevor wir in die Ebene hinunterstiegen und
sie aus dem Gesicht verloren, und dachten dabei an die Wichtigkeit, die
sie für uns hatte.
Werchne-Udinsk war nicht nur eine Etappe; es war das Ende eines langen
Reiseabschnitts. Es war ein Wendepunkt. Von Peking an hatten wir eine
nordwestliche Richtung eingeschlagen, und Europa lag westlich von uns.
Die ganze zurückgelegte Strecke hatte uns unserem Ziele nur sehr wenig
nähergebracht. In Werchne-Udinsk würden wir endlich auf einmal unser
Gesicht dem Westen zukehren. Von hier aus begann die geradlinige Fahrt
auf den Sonnenuntergang zu, der uns den Weg der Rückkehr in einer
wahren Glorie von Licht erscheinen ließ.
Die Straße wurde schlecht. Wir sanken in tiefe Löcher ein und mußten
durch Moräste hindurch. Wir durchquerten Wassertümpel, die wir erst mit
den Füßen sondieren mußten, um uns von der Festigkeit des Grundes zu
überzeugen. Wir wußten, daß wir auch über die Selenga auf einer Fähre
übersetzen mußten, und suchten den richtigen Weg nach dem Übergangsort
mitten in einem Gewirr von Pfaden, die von tiefen Radspuren herrührten.
Die Ebene war sumpfig, unbebaut, bewachsen mit Zwergweiden, Binsen,
der ganzen Vegetation der Sümpfe. Kleine Flüsse durchzogen sie in
Schlangenwindungen; wir überschritten diese auf Holzbrücken, die
aussahen, als seien sie vor vielen Jahren provisorisch angelegt und
dann vergessen worden. Wir waren mit der Überwindung all dieser
kleinen Schwierigkeiten beschäftigt, als ein langes, schrilles, lautes
Pfeifen an unser Ohr klang, das wir sofort erkannten, und das uns
freudestrahlend das Gesicht sofort nach der Richtung wenden ließ, aus
der es ertönt war.
„Der Zug!“ riefen wir aus. „Der Zug!“
Wir erkannten deutlich die Linie der transsibirischen Eisenbahn
jenseits der Selenga mit den roten Häuschen der Bahnwärter und den
Telegraphenstangen, die am Fuße kiefernbedeckter Hügel entlang lief.
Zwischen den Bäumen schwebte ein weißes Rauchwölkchen hin und verlor
sich in dem Kiefernwalde, begleitet von lautem, unaufhörlich wachsendem
Dröhnen. Rasch brauste der Zug heran. Der Sieger, der Triumphator, der
Eroberer Asiens fuhr vorüber! Er eilte auf Irkutsk, in der Richtung
auf Europa zu. Er verband uns mit Europa. Ich weiß nicht, wie stark
auf uns die Reise, das langandauernde Gefühl der Einsamkeit und der
Abgeschlossenheit wirkten, Tatsache ist, daß der einfache und so
gewöhnliche Anblick eines Eisenbahnzuges uns als etwas Neues und voll
tiefer, unsagbarer Bedeutung erschien. Und in einem Ausbruche der
Begeisterung begrüßten wir ihn mit einem stürmischen „Evviva!“
[Illustration: Einbooten.]
Die Fähre, die uns bald darauf von dem linken Ufer der Selenga auf das
rechte übersetzte, war ganz verschieden von der, die wir am Morgen
benutzt hatten. Sie bestand aus einer Plattform, die groß wie ein
Tanzsaal war; sie beförderte ein Dutzend Telegas samt ihren Pferden auf
einmal hinüber und würde mit Leichtigkeit auch eine Lokomotive getragen
haben. Sie wurde durch die Kraft der Strömung selbst in Bewegung
gesetzt. Wir fanden sie damit beschäftigt, die Wagen überzusetzen,
die vom Markte in Werchne-Udinsk zurückkehrten, und die sich auf dem
rechten Ufer angesammelt hatten, geduldig wartend, bis die Reihe an sie
kam. Es war spielend leicht für unsere Maschine, sich einzuschiffen,
die Fähre zu verlassen, in rascher Fahrt die steile Uferböschung
hinaufzufahren und bald darauf in der Stadt einzutreffen, die sich
zwischen der Uda und Selenga ausdehnt. Über und über weißglänzend
bietet sie ein lebhaftes, malerisches Bild von jenem orientalischen
Anstrich, den fast alle russischen Städte infolge der großen Zahl von
Kuppeln auf den Kirchen und der spitzen, den Minaretts gleichenden
Glockentürme haben.
Wir fuhren durch den Triumphbogen, und als wir auf die Hauptstraße
gelangt waren, machten wir uns sofort auf die Suche nach unserem
Benzinvorrat.
Der Triumphbogen fehlt in keiner dieser sibirischen Städte, die an der
uralten Straße nach dem Stillen Ozean liegen. Natürlich ist er wie
die Häuser, die Kasernen und die Kirchen stets von Holz, wenn er auch
mitunter dem Marmor oder sonstigem Gestein täuschend ähnlich sieht. All
diese Bogen wurden bei Gelegenheit des Aufenthaltes des jetzigen Zaren
(damals war er Thronfolger) auf seiner Rückreise von Wladiwostok, wo er
die transsibirische Bahn eröffnet hatte, errichtet. Nikolaus ~II.~ ist
vielleicht der einzige russische Kaiser, der sein ganzes Reich bereist
hat. Dies Ereignis verdiente wohl, daß man durch Triumphbogen daran
erinnerte, selbst wenn sie nur aus Holz waren.
Wir fanden nirgends eine Spur unseres Depots. Aber der größte
Drogenhändler willigte darein, uns all sein Benzin zu verkaufen -- etwa
50 Liter, die beinahe den gesamten Vorrat des Ortes und der umliegenden
Landstriche darstellten. Dort draußen wird das Benzin viel verwendet,
aber nur tropfenweise, weil es noch nicht über die erste Periode seiner
sozialen Tätigkeit, die der Fleckenentfernung, hinausgekommen ist!
Werchne-Udinsk ist eine Soldatenstadt, das große militärische Zentrum
Transbaikaliens. Hier sahen wir die neuen Felduniformen des russischen
Heeres, deren Einführung nach Beendigung des japanischen Krieges
beschlossen wurde, nachdem die Sichtbarkeit der bisherigen Uniformen
die furchtbaren Menschenverluste verschuldet und in nicht geringem
Maße zu den Niederlagen in der Mandschurei beigetragen hatte. Jetzt
steht an allen Grenzen der Kosak in der Khakiuniform Wache: eine große
Tradition geht unter. Am Abend ertönten Trompetensignale aus den weißen
Kasernen der oberen Stadt; Patrouillen durchstreiften die Straßen mit
geschultertem Gewehr; Säbel- und Sporenrasseln hallte von den hölzernen
Fußsteigen wider; zahlreiche Schildwachen zogen vor den Toren der
öffentlichen Gebäude und der Banken auf. Als ich zum Telegraphenamte
kam, fand ich es militärisch besetzt; Soldaten an der Pforte, Soldaten
mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett in dem kleinen, für das Publikum
bestimmten Raum, in den Diensträumen, vor dem Geldschrank. Ich glaubte
meine Depeschen im Vorzimmer eines Gefängnisses niederzuschreiben.
Wir wohnten in dem besten Gasthaus, einer alten, aus Holz erbauten
Herberge mit gewaltigen Öfen und Betten ohne Leintücher, die einen
muffigen Geruch ausströmten, als seien die Ausdünstungen aller derer,
die hier gewohnt hatten, darin zurückgeblieben. Seit Hsin-wa-fu hatten
wir nicht mehr in einem Gasthause geschlafen. Schlafen ist in der Tat
ein übertriebener Ausdruck. Denn es hatte den Anschein, als sei ein
Heer gewisser kleiner Tierchen völlig an das Insektenpulver gewöhnt;
sie hatten die Giftfestigkeit des Mithridates erlangt. Das Automobil
ruhte in dem kleinen Hofe aus, in einem dem Einsturz nahen Schuppen,
umgeben von leeren Fässern, Wagen, Kisten und Hühnern.
Um 3 Uhr früh waren wir schon wieder auf den Beinen und tranken
schweigend ein Glas Tee. Es war bereits hell. Wir befanden uns auf dem
Höhepunkte der hellen Nächte.
Es regnete.
Zwölftes Kapitel.
An den Ufern des Baikalsees.
Längs der Selenga. -- Ein widerspenstiger Aufstieg. -- Im Sumpf.
-- Der verödete Weg. -- Die Bolschaja Rjeka. -- Myssowaja.
-- Nutzloser Versuch. -- In Erwartung einer Antwort. -- Eine
außergewöhnliche Vollmacht.
Am 27. Juni um 4 Uhr früh befanden wir uns von neuem auf der
großen Fähre der Selenga, um auf das linke Ufer des Flusses
zurückzukehren, längs dessen sich die zum Baikalsee führende Straße
in Schlangenwindungen hinzieht. Diesmal fanden wir die Fähre im
Begriffe, eine Menge Wagen, die vom Felde kamen, nach Werchne-Udinsk
überzusetzen. Es war die Szene vom Abend zuvor, nur umgekehrt. Schon
auf der Hälfte des Weges zum Flusse riefen wir den Muschiks und den
Burjaten zu, sie möchten ihre Pferde gut festhalten. Wir hatten schon
die unversöhnliche Abneigung der sibirischen Pferde gegen das Automobil
kennen gelernt. Die Begegnung mit einem Löwen hätte bei den frommen
Pferden der Landleute kein größeres Entsetzen hervorbringen können. Die
armen angespannten Tiere machten verzweifelte Anstrengungen, von der
Telega loszukommen; sie gingen mit heftigen Kopfbewegungen rückwärts,
erhoben sich vor Furcht wiehernd auf die Hinterbeine, warfen sich
heftig auf die Seite, drehten sich um und befanden sich schließlich,
fast immer schnaubend und zitternd, die Schnauze gegen die Telega
gepreßt, in einer für die Flucht wenig günstigen Stellung -- ohne daß
dabei die verwunderten Landleute auch nur einen Finger gerührt hätten,
um es zu hindern. Sie hatten nur Augen für uns; sie starrten uns
offenen Mundes an, grüßten häufig und ließen ihre Pferde Pferde sein.
Daher warnten wir sie schon von weitem: „Haltet die Pferde! Gebt acht
auf die Pferde!“
Es herrschte eine Kälte fast wie im Winter. Die Muschiks und die
Burjaten hatten ihre Pelzarmiaks und die Fausthandschuhe angezogen.
In der feuchten Luft dampfte der Atem der Pferde. Wir überschritten
wieder die Brücken vom vorigen Abend und wandten uns dann nach Westen
zu. Wir begegneten niemand mehr. Der Schmutz war klebrig, und obgleich
wir langsam fuhren, glitt das Automobil doch jeden Augenblick mit den
Hinterrädern seitwärts, stellte sich quer, unempfindlich gegen das
Steuer, und nahm einen Gang an wie ein Pferd bei der Volte. So oft wir
konnten, schoben wir die Maschine auf den Rasen, wo die Räder etwas
mehr griffen, und bahnten uns einen Weg durch das Heideland. Nach einer
Stunde hatten wir große Lust, umzukehren. Wir befanden uns vor einer
niedrigen Anhöhe, die wir sonst, ohne es zu merken, hinaufgefahren
wären, die sich jetzt aber als unersteiglich erwies.
Dieser Art von Hindernissen gegenüber erfaßte uns die Wut. Wir hätten
einen Fluß, einen Berg, einen Abgrund, irgendein anderes nennenswertes
Hindernis vorgezogen. Aber nein; es waren 100 Schritte Wegs, die ganz
harmlos aussahen. Die Strecke war von einem glitschigen Schmutze
bedeckt, auf dem selbst der Schritt des Fußgängers unsicher ist und
der Fuß dahinschleicht mit unwiderstehlicher Neigung, rückwärts statt
vorwärts zu gehen. Die Räder machten es wie der Fuß. Sie drehten sich
im Leeren. „Fahren wir etwas zurück!“ sagten wir uns.
Wir kehrten um. Mit einem Schwunge stürzte sich die Maschine zum
Angriff, blieb aber am Fuße der Anhöhe stehen, wich schleifend, trotz
angezogener Bremsen, zurück, drehte sich im Kreise herum, wandte sich
zur Seite und machte zuweilen kehrt wie ein furchtsames Pferd. Wir
versuchten es mit langsamer Fahrt, indem der Fürst und ich schoben
und Ettore steuerte. Wir hatten Stücke Holz gefunden, die wir als
Keile unter die Räder legten, und versuchten, Zentimeter um Zentimeter
weiterzukommen. Aber an einem bestimmten Punkte glitt das Automobil
wieder zurück und riß uns und die Keile mit. Hundertmal hatten wir
begonnen, bald im Zickzack, bald in gerader Richtung. Der Motor
arbeitete, ließ wahre Schätze von Benzin in Rauch aufgehen, erhitzte
sich und schien ebenfalls gereizter Stimmung zu sein. Es gab am Fuße
der Anhöhe tatsächlich keinen Fußbreit Weges mehr, der nicht von den
Rädern zerwühlt worden wäre; er sah aus wie gepflügt.
„Und wenn man bedenkt,“ riefen wir aus, den Himmel betrachtend, in der
Hoffnung, ein Anzeichen des Aufklarens zu entdecken, „wenn man bedenkt,
daß eine halbe Stunde Sonnenschein diesen Weg ausgezeichnet machen
würde!“
Die Sonne schien all das Schlechte, das wir ihr in der Wüste nachgesagt
hatten, übelgenommen zu haben. Es regnete unaufhörlich. Da kam uns ein
Gedanke: die Straße mit Baumzweigen zu bedecken. Wir machten uns daran,
junge Kiefern abzuschneiden, die nassen Äste herbeizuschleppen und auf
den Boden zu legen. Das Automobil nahm einen Anlauf, gelangte mit zwei
stürmischen Radumdrehungen auf die Zweige und warf sie zurück wie ein
Hund, der die Erde mit den Hinterfüßen wegscharrt; nachdem es das Werk
unserer Hände zerstört hatte, blieb es befriedigt stehen und kehrte
murrend ruckweise zurück. Wir hatten all unsere Hilfsmittel erschöpft.
Was nun? Nach Werchne-Udinsk zurückkehren und auf besseres Wetter
warten? An Ort und Stelle kampieren? Auf die Suche nach Muschiks gehen
und sie um Hilfe bitten? Wir erörterten all diese Pläne, als der Fürst
einen andern in Vorschlag brachte: zuzusehen, ob es nicht möglich sei,
den Übergang an einer andern Stelle auszuführen.
Links von dem Pfade befand sich dichtes Gebüsch, undurchdringliches
Pflanzengewirr, zur Rechten lag etwas höher als die Straße eine kleine
Wiese, und jenseit der Wiese eine Schlucht, in deren Grunde die Selenga
dahinfloß. Vom Fuße der Anhöhe konnte man auf die Wiese gelangen und
sie auf dem Gipfel wieder verlassen. Die Wiese senkte sich nach der
Seite der Schlucht zu. Ettore führte die Maschine rasch dorthin. In der
Nähe des Gipfels sahen wir sie jedoch ihren Lauf verlangsamen und sich
unversehens nach rechts, nach der Schlucht zu wenden.
„Links, links!“ schrie der Fürst in schrecklicher Aufregung.
[Illustration: An Bord eines Fährbootes.]
Doch das Automobil hatte sich schon mit einer raschen Bewegung
nach links geworfen und rollte auf der Straße herab. Es hatte das
gefährliche Manöver nach rechts unternommen, um Kraft zu gewinnen
und das Gefälle der Wiese gegen den Straßenrand hin zu benutzen. Wir
stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, maßen die überwundene
Anhöhe von oben bis unten, drohten ihr in gerechter Entrüstung mit
geballten Fäusten und setzten dann unsere Fahrt längs des Ufers der
Selenga fort. Bald befanden wir uns über dem Flusse, der gegen das Ende
seines Laufes immer schneller dahinströmt, als beeile er sich, in der
ewigen Unbeweglichkeit des Sees Ruhe zu finden, bald zogen wir dicht
neben seinen weißen, schäumenden Fluten einher. Das Tal verengert sich
immer mehr; die Selenga zwängt sich zwischen Hügeln hindurch, die mit
dichtem Kiefern- und Birkenwald bestanden sind. Die Eisenbahn, die sich
am rechten Ufer entlang zog, kam auf einer prächtigen eisernen Brücke
zu uns herüber. Von diesem Augenblicke an haben wir uns stets in ihrer
Nähe gehalten.
Wir fuhren in Schlangenwindungen neben der Bahnlinie, passierten
zu ihren Füßen manchen überschwemmten Brückensteg, überschritten
ihren Damm und verließen sie, um sie bald darauf wiederzufinden. Wir
glaubten wer weiß wie weit von ihr entfernt zu sein, während ihre
Signalscheiben und die roten Dächer der Bahnwärterhäuschen immer
wieder vor uns auftauchten. Sie hielt treue Kameradschaft. Wir sahen
in der Ferne die kleinen einsamen Stationen, überragt von dem hohen,
mit Holz bekleideten Wasserbehälter, durch den der Schornstein eines
Wärmeofens hindurchgeht, um im Winter das Wasser vor dem Gefrieren zu
schützen. Alle Augenblicke fanden wir die Straße durch eine Schranke
versperrt; wir gelangten in den Bereich irgendeines Dorfes, auf das
Kollektiveigentum einer Gemeinde oder einer Kosakenstanitza. Bei
jeder Schranke befand sich ein Wärter, ein alter Mann, der in einer
nahegelegenen Holzhütte hauste, die oft mit Erde zugedeckt war, um
sie wärmer zu machen; aber der Wärter war an die Geschwindigkeit des
Automobils nicht gewöhnt und kam oft erst aus seiner Hütte, wenn wir
selbst schon die rote Holzschranke geöffnet und wieder geschlossen
hatten und uns rasch entfernten. Verblüfft, regungslos blieb er stehen
und blickte uns nach. Mancher machte das Zeichen des Kreuzes auf Stirn
und Brust. Einmal kam ein Wärter beim Klang der Hupe und auf unser
Rufen angerannt und blieb wie angenagelt stehen.
„Öffne doch gefälligst!“ sagten wir, das Automobil anhaltend.
Er rieb sich lebhaft die Augen, sah uns verdutzt an und begann sich von
neuem die Augen zu reiben. Er glaubte zu träumen. In der Tat sahen wir
in unseren großen, mit den Haaren nach außen gekehrten Pelzen und bei
dem uns bedeckenden Straßenschmutz Menschen nicht allzu ähnlich, und
jener riesige Wagen, der unter solchem Getöse von selbst lief, schien
auch nicht besonders geeignet, einen Muschik von unserer menschlichen
Natur zu überzeugen.
„Öffne, wir bitten dich!“
Der Alte rief, wie mit sich selbst redend, aus:
„Was ist denn das? Was ist denn das?“
Die Antwort, die er sich auf diese Frage erteilte, war wohl nicht
sonderlich schmeichelhaft für uns, denn mit einem Male machte er kehrt,
flüchtete rasch wie ein verfolgter Hase in seine Hütte und kam nicht
mehr zum Vorschein. Solche Erlebnisse bereiteten uns großen Spaß.
Noch einen andern Wärter möchte ich erwähnen, dessen Haltung uns einen
Augenblick zum Lachen reizte, aber nur einen Augenblick. Es war ein
junger Mann mit einem kleinen blonden Bärtchen. Er lief herzu, um mit
dienstfertiger, aber unsicherer, zaudernder Bewegung zu öffnen. Als er
das Getöse des nahenden Motors hörte, öffnete er rasch die Schranke,
gleichsam in Furcht, er könne nicht rechtzeitig damit zustandekommen.
Dann sprang er mit einem verzweifelten Satze zur Seite und drückte
sich gegen den Pfosten der offenen Schranke, den er mit beiden Armen
umklammert hielt, um dem unbekannten, drohenden Ungetüm den ganzen
Platz freizulassen. Als wir dem Manne ins Gesicht sahen, bemerkten wir,
daß er blind war. Seine weißen, glanzlosen Augen waren in instinktivem
angstvollem Suchen weitgeöffnet auf uns gerichtet; auf seinem
abgemagerten Gesichte malte sich das Entsetzen. Er hatte gefühlt,
daß etwas Schnelles, Übermächtiges, Geheimnisvolles in seiner Nähe
vorüberkam, ihn aus seiner langen, grausigen, endlosen Nacht aufstörte.
Wir aber empfanden Gewissensbisse über diese tragische Furcht.
Die Dörfer sahen wohlhabend aus. Die Isbas waren fast alle neu
und groß. Es fehlte uns auch nicht an der gewohnten Avantgarde
davongaloppierender Rinderherden, die uns in ihrem stürmischen Laufe
mit Kot bespritzten. Aber wir hatten uns mit dem Straßenschmutze schon
befreundet. Die Räder wühlten ihn auf und schleuderten ihn in Klumpen
auf uns. Die Luft erfüllte ein Morastregen. Wir und das Automobil waren
von oben bis unten damit bedeckt; wir hatten jeden Versuch aufgegeben,
uns das Gesicht abzuwischen, und fügten uns darein, eine Erdkruste als
Maske zu tragen. Wir glichen Statuen aus Ton, die man zu entwerfen
begonnen hatte! Unter dieser Hülle hatte unsere ernste, gelangweilte
Miene etwas Komisches an sich. Wir waren aber in jenem Augenblicke
wenig geneigt, dies zu würdigen und Geschmack daran zu finden. Wir
sagten, wenn wir uns betrachteten: „Wir sind Clowns!“ in demselben
ernsten Tone, in dem wir sagten: „Es ist kalt!“
Es war in der Tat kalt. Es wehte ein Wind, der uns eisig
durchschauerte. Ich saß auf dem Trittbrette, und auf meinen Beinen
sammelte sich so viel Schmutz, daß diese in riesige, unförmliche Dinger
verwandelt wurden, die sich als sehr schwer fühlbar machten, wenn ich
absteigen mußte, um die Schranken zu öffnen. Unter dieser Kruste nasser
Erde fühlte ich mich doppelt kalt. Aber zu meinem Troste wiederholte
ich mir, daß wir uns im Sommer befänden! Glücklicherweise hörte in den
ersten Stunden des Nachmittags der Regen auf. Ein Ostwind zerteilte
die Wolken; ab und zu kam ein Stück blauer Himmel und ein Stück Sonne
zum Vorschein, die uns sofort erwärmte; der Schmutz trocknete, und wir
fühlten Wohlbehagen, als ob wir mit der lauen Luft eine Herzstärkung
eingesogen hätten. Wir waren fern von jeder menschlichen Wohnung,
mitten in endlosen Wäldern, auf einer malerischen, grasbewachsenen
Straße.
[Illustration: Straße im sibirischen Urwald.]
Nach dem Bau der Eisenbahn verödeten jene Strecken der alten
sibirischen Straße, die durch unbewohnte Gegenden führten, und die
nicht dem Kleinverkehr zwischen den einzelnen Dörfern dienten. Die
Natur eroberte sich die Straße schrittweise zurück und nimmt den
Raum, der ihr von den Menschen geraubt worden ist, wieder in Besitz;
von den Rändern aus rücken neue Pflanzen vor, breiten das junge
Grün ihrer Sprossen aus, neigen ihre Zweige, die vom Gewicht des
Schnees gebeugt oder abgebrochen sind, über die alte Straße, werfen
ihre abgestorbenen Stämme auf sie, zertrümmern die verfaulten Pfähle,
werfen die alten Einfriedigungen um und dringen von allen Seiten vor.
Wir müssen jeden Augenblick den Kopf beugen, um nicht von den Zweigen
getroffen zu werden. Zuerst hatte das Gras von dem Gelände Besitz
ergriffen. Die Straße fing an zuzuwachsen wie eine ungeheuere, der
Erde zugefügte Wunde, die unter einer Blütendecke heilt. Wir fuhren
durch lauter Blumen; Büsche von Anemonen, Goldköpfchen, Ranunkeln,
Primeln, Erdbeerblüten -- Farben und Düfte tauchten in wunderbarer
Pracht aus dem Schatten jener Bäume auf. Der sibirische Frühling
nahte mit stürmischer Eile, wie um sich für die lange Verzögerung zu
entschädigen, die ihm die Eismassen auferlegt haben.
Wir genossen den stillen Triumph der Pflanzen, schwelgten in dem
wilden Zauber jener Gegenden, in denen sich keine Spur menschlicher
Arbeit zeigte, die nicht uralt gewesen wäre. An manchen Stellen
hatten Wasserläufe sich beim Tauen des Schnees gebildet, die Straße
überschwemmt, sie zerstört, aufgewühlt, Steine und heruntergefallene
Äste darauf gewälzt. Sie hatten das alte, ihnen von den Menschen
gegrabene Bett verlassen und sich der Tyrannei der Gräben und Brücken
entzogen. Die aus den Fugen gegangenen morschen Brücken erbebten und
ächzten unter der Last des Automobils. Noch hatten wir nicht gelernt,
sie zu fürchten.
Mitten im Walde stießen wir wieder auf die Eisenbahn, die wir vor
einigen Stunden verlassen hatten. Zwischen den Bäumen erblickten wir
ein Tal, hörten das Rauschen eines Wassers, und auf dem Gipfel einer
niedrigen Anhöhe bot sich eine Brücke unseren Augen dar. In diesem
Augenblicke hörten wir eine Stimme rufen:
„Halt, ihr Männer, halt!“
Ein Bahnwärter machte uns Zeichen. Als er uns halten sah, rief er:
„Die Brücke ist nicht mehr da! Sie ist eingestürzt.“
Wir stiegen ab. Es war in der Tat so. Von unten konnten wir nicht
bemerken, daß nur der Brückenkopf stehengeblieben war. Ein breiter
stürmisch brausender Fluß strömte auf dem Grunde der Schlucht dahin.
„Wie kommen wir hinüber?“ fragten wir den Wärter.
„Es gibt im Tale eine Furt. Halten Sie sich rechts und folgen Sie dem
Waldwege: Sie werden schon eine finden. Es liegt eine Stanitza in der
Nähe.“
„Wie tief ist das Wasser?“
„Ich weiß es nicht. Heute morgen sind Wagen durchgefahren.“
„Wie heißt dieser Fluß?“
„Bolschaja Rjeka“ (der große Fluß).
Wir folgten dem Wege, setzten mit Leichtigkeit über einen Bach mit
klarem Wasser, drängten uns durch dichte malerische Gehölze, die voller
umgestürzter Baumstämme lagen, und gelangten endlich an das steinige
Bett der Bolschaja: der Fluß war sehr reißend und tief. Zur Zeit der
Schneeschmelze muß die Bolschaja Rjeka furchtbar sein. Sehr breit und
strudelreich, reißt sie Bäume und Felsblöcke vom Gebirge los, trägt
sie davon, wirbelt sie im Kreise umher und zertrümmert sie. Ihr ganzes
Bett war angefüllt mit riesigen Stämmen, Baumstümpfen, Ästen, die von
der Wut des Wassers hierher gespült worden waren -- mit einem toten,
gefällten Walde, der hier in großartiger Unordnung und Verwüstung
hingestreckt lag. Auf der anderen Seite des Flusses sahen wir einige
Isbas. Ein junger Muschik, der eine Telega lenkte, kam auf unserer
Seite aus dem Gebüsch heraus. Er hielt, betrachtete uns und grüßte.
„Wo ist die Furt?“ fragten wir ihn.
„Ich fahre soeben hinüber. Kommen Sie nur mit mir.“
Er ließ uns einen halben Kilometer zurückfahren und drang mit einem
Male wieder in das Gebüsch ein. Dann kehrte er zum Flusse zurück und
sagte:
„Hier ist die Furt. Passen Sie gut auf, wo ich hinüberfahre. Man muß
den Fluß in schräger Richtung durchschreiten, auf jenen Punkt zu. Sie
dürfen keinen Zoll breit von dieser Richtung abweichen!“
Er erteilte uns diese Belehrungen in freundlichem Tone, in jener
liebenswürdigen Art, die die russischen Bauern an sich haben, und
blickte uns dabei mit seinen blauen, klaren Augen an.
„Wie ist der Grund?“ fragte ihn Fürst Borghese.
„Steinig wie hier.“
„Bis wohin reicht das Wasser?“
„Es ist so hoch wie die Räder der Telega.“
Wir aber dachten an den Iro.
„Gibt es hier Ochsen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, es gibt hier keine.“
„Oder Pferde?“
„Jawohl; jeder hat Pferde.“
„Kannst du uns Pferde besorgen? Wir zahlen einen Rubel für jedes Pferd,
und einen Rubel außerdem für dich.“
„Gut. Warten Sie hier.“
Er fuhr durch den Fluß und verschwand. Es verging eine Stunde und wir
wurden schon ungeduldig, da sahen wir eine Anzahl berittener Männer
auf dem andern Ufer daherkommen. Es waren unsere Leute. Sie ritten
durch den Fluß, und als sie in unsere Nähe gekommen waren, grüßten
sie würdevoll durch Abnehmen der Mützen. Es waren schöne kräftige
Gestalten, Köpfe von blonden Heiligen auf Körpern von Riesen. Wie bei
allen Muschiks fielen die Haare bis zum Halse herab; das russische Volk
behielt die Haartracht der alten Krieger bei mit den dicht unterhalb
des Nackens abgeschnittenen Haaren, als ob diese, wenn sie länger
wären, noch heute das Tragen der Sturmhaube und des Panzers hindern
könnten.
Die Männer schafften zuerst das Gepäck auf dem bloßen Rücken der Pferde
hinüber; es machte den Eindruck, als ob eine Plünderung stattfände.
Inzwischen hatte Ettore den Magneten, um ihn nicht herausnehmen zu
müssen, mit einer undurchdringlichen wasserdichten Schicht mit Fett
bestrichener Lappen umwickelt. Dann wurden die sechs Pferde vor das
Automobil gespannt, und zwar mit den langen Seilen, die uns schon bei
so vielen Gelegenheiten gute Dienste geleistet hatten; die Männer
sprangen auf die Pferde, einer von ihnen setzte sich rittlings auf
das Motorgehäuse. Ettore ergriff das Steuer, und die Maschine tauchte
rüttelnd und hin und her schwankend in die Bolschaja Rjeka unter
lauten Rufen, Peitschenhieben, Pferdegewieher inmitten einer Flut von
Spritzern und Sprühern; wütend wurde die Maschine seitwärts vom Wasser
angefallen, das mit gurgelndem Wogenschwall angeschossen kam.
[Illustration: Unser Publikum.]
Am andern Ufer setzten wir das Automobil rasch wieder in
Marschbereitschaft. Die eingestürzte Brücke hatte uns einen Zeitverlust
von drei Stunden gekostet. Wir wollten noch vor Abend Myssowaja am
Ostufer des Baikalsees, 160 Kilometer von Werchne-Udinsk, erreichen.
Die Muschiks zeigten uns den Weg. Wir verschwanden im Walde.
Es gibt eine einzige Gegend in Europa, die an diese Landschaft
erinnert: Schottland. Dieselben bewaldeten Hügel, dieselben Pflanzen,
derselbe wildmalerische Charakter und in der Ferne jener nordische
Nebel, der die Farben sanft in melancholischem Schleier auflöst. Gegen
5 Uhr, nach dreizehnstündiger Fahrt, sahen wir endlich zwischen spitzen
schwarzen Hausgiebeln die blaue Fläche des Baikalsees hervorschimmern.
Sie erschien leuchtender, da der Himmel wieder klar geworden war.
In jenem heiteren Glanze konnten wir nur mit Mühe die 50 Kilometer
entfernten Gebirge des jenseitigen Ufers entdecken. Nach Norden und
Süden war der Wasserhorizont unbegrenzt. Den Baikalsee nennen die
Russen ein Meer. In Wahrheit ist er der Breite nach ein See, der Länge
nach ein Meer. Das Asowsche Meer ist um ein Drittel kleiner. Der Name
Meer kommt dem Baikalsee von alters her zu. 200 Jahre lang wurde er für
ein seltsames Meer süßen Wassers gehalten, und die russische Eroberung
machte an seinem Gestade halt. Dann wurde sie von der Sehnsucht nach
dem andern, dem salzigen Meere, weitergetrieben und drang bis zum
Stillen Ozean vor.
Die Straße führte in Wellenlinien am See entlang; sie brachte uns dem
Ufer manchmal so nahe, daß wir das rhythmische Anschlagen der Wellen
auf den Sand vernahmen. Mit einem Schlage hörte der Wald auf. Er war
nicht gefällt worden, er war abgebrannt. Auf den kahlen Hügeln waren
verkohlte Stämme stehengeblieben: aufrechtstehende Baumleichen inmitten
des Wustes der Zerstörung. Das Feuer ist der Hauptfeind der sibirischen
Wälder; es entsteht, man weiß nicht wie, der Wind trägt es weiter und
drängt es zurück. Wir dachten an das wunderbare und dabei furchtbare
Schauspiel eines Brandes am Ufer des Sees, an die feurigglänzende
Verwüstung, die sechs Werst Gebüsch auffraß und die, in der Nacht vom
Wasser widergespiegelt und vom Himmel zurückgestrahlt, einem Nordlichte
gleich bis zu den Ufern der Angara sichtbar gewesen sein mußte. Eine
Stunde darauf betraten wir Myssowaja.
Myssowaja ist wenig mehr als ein Dorf: eine Reihe weißer Holzhäuser
an sehr breiten, steinigen und schmutzigen Straßen, die wie das Bett
eines Bergstroms aussehen, Fußsteige aus Brettern, ein grasbewachsener
Platz, eine weiße Kirche mit grünem Dache, eine Kaserne -- das ist
alles. Aber dieses schlummernde und beinahe verödete Dorf hat eine
Zeit der Tätigkeit und der Bedeutung gesehen. Als die Eisenbahn noch
nicht um das Südufer des Sees herumgeführt worden war, war Myssowaja
der östliche Hafen der großen, den Baikal befahrenden Dampfer. Ich
entsinne mich der Zeit vor sieben Jahren, als es von Soldaten und
Beamten wimmelte, als seine Zollämter bei jeder Ankunft eines Schiffes
oder eines Zuges in lebhafter Tätigkeit waren, der Bahnhof mit Waren,
mit Wagen, mit Reisenden angefüllt war, der Hafen durchfurcht wurde
von Barken, von Schleppdampfern und von den riesigen Trajektbooten,
von welchen jedes vier Züge in seinen weiten Bauch aufnahm. Und in
der Nacht leuchteten die roten und weißen Lichter der Leuchttürme und
des Semaphors auf, und der kleine, in der Nähe des Bahnhofs gelegene
Gasthof füllte sich mit Leuten, die essend und trinkend den Abgang der
Nachtzüge abwarteten.
Jetzt ist der Ort nicht wiederzuerkennen. Der Hafendamm, der einer der
größten Holzdeiche ist, die ich gesehen habe, fällt in Trümmer, die
Leuchtfeuer sind gelöscht, die Schiffe legen nicht mehr an, der See
ist verödet, die Hafenkais bedecken sich mit Gras, niemand verläßt
hier mehr die durchgehenden Züge, alles verfällt, verrostet, stürzt
zusammen, und nur wenige Einwohner sind zurückgeblieben, man weiß nicht
weshalb.
In Kiachta hatte uns unser Freund Sinitzin eine Empfehlung an den
Starosten, den Bürgermeister, von Myssowaja mitgegeben. Er war sein
Geschäftsfreund, sein Agent, der den Teetransport über den Baikal
leitete, ein Weg, der nur im Winter mit Hilfe von Schlitten über den
gefrorenen See hinweg offensteht. Wir suchten daher den Starosten auf,
der uns gastfreundlich in seinem Balkenhause empfing, einer Isba, die
etwas größer war als die übrigen. Er erwartete uns, er hatte etwas für
uns, etwas für uns außerordentlich Wertvolles, das von Irkutsk an die
Adresse „Borghese“ gekommen war: Benzin, Öl und Fett! Es waren die
Lebensmittel des Automobils, das beinahe zum Hungertode verurteilt
gewesen war.
Der Pristaf, der Chef der Polizei, ein Mann mit einem übermäßig dicken
Bauche und einem übermäßig dichten Barte, erschien feierlich in
Uniform, um uns zu besuchen. Er sah unsere Pässe nach und unterzog uns
einem kleinen Verhör, um die geheimnisvollen Gründe zu erfahren, warum
wir nicht wie alle reichen Leute im Zuge fuhren. Dabei goß er sich ein
Glas von unserem Tee ein und blieb sitzen, uns schweigend beobachtend.
Dann erschien ein Gendarmerieleutnant; dieser fragte uns höflich aus,
schenkte sich ein Glas Tee ein und leistete uns Gesellschaft. Nach ihm
kamen der Telegraphendirektor und andere Leute mit und ohne Uniform;
das Zimmer füllte sich; wir waren der Mittelpunkt einer Gesellschaft,
die sich in Permanenz erklären zu wollen schien.
Die Wahrheit war, daß in Myssowaja unsere Art zu reisen den Behörden
revolutionär erschienen war. Als wir vor dem Hause des Starosten
eintrafen, hatten sich einige Leute versammelt, Gendarmen kamen
angelaufen, und wir hörten sie zwei, drei Personen, die sie bei Namen
nannten, auffordern: „Ihr macht sofort, daß ihr nach Hause kommt!“,
worauf die so angeredeten Personen gesenkten Hauptes wegschlichen.
Es handelte sich anscheinend um politische Verbannte, von denen die
Gendarmen fürchteten, daß sie mit uns in Beziehungen treten könnten.
Aber wir besaßen ein zauberkräftiges Dokument: das Schreiben des
Generalpolizeidirektors des Kaiserreiches! Es brachte eine ungeheuere
Wirkung hervor. Aller Verdacht verschwand wie durch Zauberschlag, und
wir gewannen sofort die größte und unverdienteste Hochachtung der
Behörden. Wir nutzten diesen Umstand aus, um Auskunft über die Straße
zu erbitten, die um den Baikal herum geradeswegs nach Irkutsk führt.
Man lächelte über den Plan, Irkutsk auf diesem Wege zu erreichen.