Unfruchtbarkeit, im Norden die grüne Pracht der Steppe. Jener hohe
Felsen scheint als Wahrzeichen, als Leuchtturm an seinen Platz gestellt
zu sein, um den unterwegs befindlichen Wanderern die Grenze zwischen
der toten und der lebenden Erde anzuzeigen, um den einen zu sagen:
„Bereitet euch vor zum Ende“, den andern: „Mut!“
Die Strecke zwischen Tauerin und Urga erschien uns bezaubernd,
vielleicht weil wir aus der Wüste Gobi kamen. Wir fanden alles
entzückend: das Gras, den Weg, den Himmel. Denn auch der Himmel hatte
sich verändert; er war bewölkt, und wir bewunderten die Wolken, die
sich darin gefielen, ihre langen, flüchtigen Schatten wie riesige,
zarte Liebkosungen über uns hingleiten zu lassen. Wir fuhren 50
Kilometer die Stunde, zuweilen 60. Das Gelände war leicht gewellt, und
wir ließen uns die sanften Abhänge hinabgleiten mit dem ganzen Ungestüm
der Geschwindigkeit und des Schwergewichts. Wir waren fröhlich, fanden
tausenderlei zu sprechen, machten uns auf alles aufmerksam, was wir
sahen, und dachten laut.
Ettore fragte, um wieviel Uhr wir in Kalgan eintreffen würden -- ja,
in Kalgan, da Ettore in seiner Vorliebe für Vereinfachung die Namen
aller durchfahrenen und der noch zu durchfahrenden Orte unterdrückte,
zur bequemeren Bezeichnung aber ein paar übriggelassen hatte. Und
diese paar wandte er ohne Unterschied auf alle an. Es war eine Art
Kauderwelsch; Kalgan bedeutete: „jene Stadt, welche ...“ Ettore
hatte ein schlechtes Gedächtnis für Geographie; die Namen gingen
an ihm vorüber, ohne haften zu bleiben, wie Vögel im Fluge; war es
ihm aber gelungen, sich eines Namens zu bemächtigen, so ließ er ihn
nicht mehr los und er mußte ihm die Stelle aller andern vertreten,
die ihm entwischt waren. Seine aufrichtige Gleichgültigkeit gegen
die Reiseroute hatte ihre beneidenswerten Seiten; wir lachten
wohl über seine geographischen Schnitzer, aber nicht, weil es
Schnitzer waren, sondern wegen seiner frischen Naivität, wegen des
Zutagetretens seiner ungekünstelten Schlichtheit; wir empfanden neben
ihm den reinen Genuß, den die Berührung mit der Seele eines großen
intelligenten Kindes verleiht. Für Ettore bestand die Reise aus zwei
einleuchtenden Wahrheiten: nämlich erstens, daß wir zwei bis drei
Monate alle Tage oder wenigstens fast alle Tage vom frühen Morgen
bis zum Abend fahren müssen, und zweitens, daß, um anzukommen, das
Automobil beständig gut gelenkt, überwacht, behorcht, nachgesehen,
geprüft, besorgt, geputzt, geölt, eingefettet werden muß, wobei er
niemals ermüden darf, sondern im Gegenteil dem Wagen seine ganze
Aufmerksamkeit, Erfahrung, Intelligenz und Energie widmen muß. Dies
war gerade Ettores Lieblingsarbeit. Wenn er abends an den Haltepunkten
eintraf, so aß und schlief er nicht eher, als bis er die Maschine in
Ordnung gebracht hatte; stundenlang lag er in den unglaublichsten
Stellungen unter dem heißen Bauche des Automobils, von dem siedendes Öl
heruntertropfte; zuweilen erhob er sich, von einem Zweifel ergriffen,
zu den unmöglichsten Stunden vom Lager, und dann hörten wir ihn mitten
in der Nacht Verschlüsse abschrauben, Stücke wegnehmen, um die feinsten
Konstruktionsteile zu besichtigen und hierauf alles wieder an Ort
und Stelle zu bringen. Bei Tagesanbruch war er stets in tadelloser
Bereitschaft, nach -- Kalgan zu fahren!
[Illustration: Ein Brunnen der südlichen Mongolei.]
An diesem Morgen stießen wir wieder auf große Pferdeherden, die ihre
prächtigen Manöver um uns herum ausführten. Wir erblickten Jurten;
schwarze, zottige Hirtenhunde verfolgten uns; Schafherden stillten an
Brunnen ihren Durst, Karawanen begegneten uns am hellen Tage. Alles
stimmte uns heiter. Wenn wir nicht sprachen, sangen wir. Der Fürst
pfiff beim Steuern seine Lieblingsarie, die „~Petite Tonkinoise~“, die
ich passend begleitete.
In der Ferne weideten einige Antilopenherden; vom Automobil
aufgeschreckt, ergriffen sie die Flucht quer über die Straße vor uns.
Wir hatten diese seltsame, den Antilopen eigene Art des Fliehens, die
die armen geängstigten, über unsere Schnelligkeit entsetzten Tiere
uns auf 20-30 Meter nahebrachte, noch nicht beobachtet. Die Jäger
kennen diese sonderbare Taktik gut und sprengen daher nicht direkt auf
das Wild zu, dessen Lauf viel rascher ist als der eines mongolischen
Pferdes, sondern biegen etwas von der geraden Richtung ab, um es von
der einen Seite zu fassen, da sie wissen, daß die Antilopen auf
Flintenschußweite an ihnen vorüberstürmen werden. Dieses Vorüberjagen
im rechten Winkel zur Richtung des Feindes ist ein primitives
Schutzmittel gegen die Verfolgung. Die Tiere nehmen an, ihr Ungestüm
werde den Gegner aus der Richtung bringen und ihn zu einem Zeitverlust
zwingen, indem er eine andere Richtung einschlagen muß und dann erst
wieder die Verfolgung aufnehmen kann.
[Illustration: Abfahrt des chinesischen Gouverneurs der Mongolei im
Automobil.]
Mit einem Male bemerkte ich in der Steppe, einige Kilometer von uns
entfernt, einen außergewöhnlich langen Streifen von rötlicher Farbe,
der sich mit großer Geschwindigkeit fortbewegte. Er wandte sich nach
rechts, in sich selbst erzitternd und von einer leichten Staubwolke
verhüllt.
„Seht dort!“ rief ich und deutete mit der Hand darauf.
Im ersten Augenblick wußten wir nicht, um was es sich handelte.
„Es läuft wie ein Zug.“
„Es sind Tiere.“
„Es sind Antilopen.“
„Ja, ja. Man sieht es jetzt ganz deutlich.“
„Da ist eine allein, den andern voraus.“
„Betrachten Sie die Beine, welches Gewimmel!“
„Ein wunderbarer Anblick!“
„Prächtig!“
„Wieviel mögen es sein?“
„Wer weiß? Vielleicht ein halbes Tausend.“
„Ein ganzer Stamm Antilopen.“
Wir waren den Tieren bis auf 500 Meter nahegekommen und erkannten
ganz deutlich das gewaltige Rudel, das sich auf der Flucht eng
zusammendrängte. Es war im Begriff, nach gewohnter Taktik quer über die
Straße hinwegzusetzen.
„Wir wollen ihnen nach!“ rief ich.
Der Fürst schaltete den Ganghebel auf die vierte Geschwindigkeit ein.
Das Automobil sauste stärker und lauter, schoß nach vorn und flog über
den harten Sand des Pfades. In wenigen Sekunden bemerkten wir, daß
das ganze Rudel nicht mehr Zeit haben würde, vor uns die Straße zu
überschreiten, was uns mit einer Art grausamer Genugtuung erfüllte.
„Welche Geschwindigkeit haben wir?“ fragte ich.
„Neunzig bis hundert“, erwiderte Ettore.
[Illustration: Rückkehr des chinesischen Gouverneurs im Automobil.]
Wir fühlten um unsere Gesichter einen Sturm, einen Orkan wehen. Mir
kam der Gedanke, die Mauserpistole zu nehmen, um eines von den Tieren
zu schießen, es dann hinten auf das Gepäck zu schnallen und im Triumph
nach Urga zu schaffen. Aber ich konnte meine Absicht nicht in die Tat
umsetzen. Mit überraschender Schnelligkeit hatten die Antilopen die
Richtung geändert und flohen, in zwei Gruppen geteilt, von denen die
eine rechts, die andere links an uns vorüberjagte. Einige Augenblicke
befanden wir uns inmitten dieser seltsamen Herde, eingehüllt von dem
Staube, den das Stampfen der feinen, nervigen und schnellen Hufe
aufwirbelte. Von Zeit zu Zeit stürzte eines der zaghaften, vor Schreck
wahnsinnigen Tiere, überschlug sich, wurde von den andern getreten
oder übersprungen, richtete sich mit einem Satze auf und stürmte
weiter. Wir schrien in der Aufregung der Jagd; wir schrien, weil wir in
gewissen Augenblicken, die alle Roheit und Leidenschaftlichkeit in uns
wiedererwecken, in die ursprüngliche Wildheit zurückfallen und weil wir
keine andere Waffe besaßen als die Stimme. Da wir nicht töten konnten,
vergnügten wir uns daran, zu erschrecken, und unser Geschrei steigerte
den Schrecken der Opfer bis zur höchsten Todesangst. Rasch jagte dieses
stürmische Durcheinander von gelben schlanken Rücken seitwärts in
rasender Flucht von dannen und verschwand in der Ferne in der Steppe.
Um 10 Uhr morgens gelangten wir in eine bergige, aber leicht zu
passierende Gegend. Wir verließen die mongolischen Ebenen für immer.
Die Gebirge Ostsibiriens und Transbaikaliens entsandten zu uns ihre
äußersten Ausläufer, ihre letzten Erhebungen. Bald kamen wir in ein
Tal, das uns endgültig die grenzenlose Ausdehnung der Ebenen verbarg,
die wir betäubt und unklaren Geistes verließen wie jemand, der nach
einer langen Seereise das Land wieder betritt.
Jurten und Herden wurden häufiger. Wir begegneten einem Mongolen, der
in rote kostbare Seide gekleidet war, begleitet von einem andern, der
zerlumpt genug aussah, um für den Sklaven des ersteren zu gelten. Die
beiden hatten sich ins Gras gesetzt und ruhten, wobei sie die Zügel
ihrer Pferde um den Arm geschlungen hatten. Als sie uns erblickten,
erhoben sie sich jäh vor Schreck und schickten sich an zu fliehen; aber
es war zu spät, und einen Augenblick später fuhren wir rasch an ihnen
vorbei. Als sie bemerkten, daß wir keine feindliche Absicht hatten,
wagten sie uns nachzusehen und brachen in ein nichtendenwollendes
Gelächter aus. Dieser Wagen, der von selbst lief, mußte auf sie wie
eine überaus komische Erscheinung, wie ein heiterer Unsinn wirken, als
hätten wir vergessen, die Pferde vorzuspannen, und als hätte der Wagen,
noch zerstreuter als wir, sie nicht vermißt und wäre in gleichem Tempo
weitergefahren! Sie lachten und krümmten sich vor Lachen, die Hände auf
die Knie gestützt.
Eine ungeheuere Menge dicker Murmeltiere sprang im Grase herum;
es waren ihrer Tausende, und zwar von der Art, die die Engländer
„Präriehunde“ nennen. Sie liefen nach ihren Höhlen in der Erde; bevor
sie sich aber versteckten, verfehlten sie nicht, uns neugierig zu
betrachten, wobei sie auf den Hinterbeinen saßen, in einer komischen
Stellung, die etwas Menschenähnliches an sich hat. Wenn die Höhle zu
weit entfernt war, als daß die klugen Tierchen sie hätten erreichen
können, fielen sie plötzlich, wie vom Blitze getroffen, um und stellten
sich tot, um rasch wieder aufzuleben, sobald wir vorüber waren. Wir
begrüßten die Anwesenheit der Murmeltiere mit großer Genugtuung, weil
wir wußten, daß sie die Umgegend von Urga in großen Mengen bevölkern.
Sie kündigten uns die Nähe der Hauptstadt der Mongolei an. Es war
11 Uhr, als wir uns am Fuße des Bogda-ola, des „Heiligen Gebirges“,
befanden. Wir hatten den Tolafluß erreicht, an dessen Ufern die Stadt
liegt.
Die Gipfel des Bogda-ola waren mit einem dichten, dunkeln Walde kleiner
Kiefern bedeckt, der bis in die Täler und Schluchten herabreichte.
Es waren die ersten Bäume, die wir nach einer Reise von etwa 1200
Kilometern zu Gesicht bekamen! Wir betrachteten sie mit hoher Freude.
Wir hatten Weiden, Pappeln, Erlen dort hinten an der Grenze des
alten China zurückgelassen und fanden jetzt Kiefern vor; von der
vielgestaltigen Flora der gemäßigten Zone gelangten wir zu der der
kalten. Der Anblick dieser Landschaft ließ uns erkennen, welche
Strecke wir zurückgelegt hatten. Wir befanden uns schon inmitten einer
nordischen Strenge, wir merkten, daß Sibirien nahe war.
In das weite Tal des Tola einbiegend, gewahrten wir in westlicher
Richtung Urga, undeutlich wie in einem Spiegel, durchsetzt mit weißen
Gebäuden, die Tempel sein mußten. Wir hatten noch einen langen Weg
zurückzulegen, ehe wir die Stadt erreichten. Der Tola und ein Netz
seiner Nebenflüsse kreuzen oft die Straße. Von Russen erbaute Brücken
führen darüber; aber die Mongolen ziehen es vor, durchzuwaten.
Schließlich folgten wir ihrem Beispiel und fuhren entschlossen in den
Fluß hinein, wobei wir uns an die Spuren der Räder und Schuhe hielten
und mit voller Geschwindigkeit vorwärtseilten, um nicht einzusinken.
Diese Durchfahrt der großen grauen Maschine, um die herum das Wasser
wie um ein Torpedoboot hoch aufspritzte, war ein eigenartiger Anblick.
Urga ist nicht eine einzelne Stadt; es gibt drei Urga: ein
chinesisches, ein mongolisches und ein russisches, die mehrere
Kilometer voneinander entfernt liegen. Drei große Rassen, die
slawische, die mongolische und die chinesische, wohnen dicht
beieinander, ohne sich jedoch zu vermischen. Es herrscht zwischen
ihnen noch ein Rest jahrhundertealter Gegnerschaft. Die drei Städte
scheinen von feindlichen Völkerschaften bewohnt zu sein; sie haben
das Aussehen verschanzter Lager. Sie sind von sehr hohen Palissaden
umgeben, wie sie in der Kriegführung der Alten üblich waren, um den
Ansturm der angreifenden Reiterei zu brechen. Hohe Palissaden umgeben
auch die einzelnen Häuser und Tempel. Nach außen sieht man nichts von
dem Familienleben der Bewohner; die Straßen sind nichts als eintönige,
düstere und gleichförmige Gänge zwischen Holzmauern.
Gefahr muß also auch heute noch bestehen; diese Verteidigungswerke
können nicht lediglich traditionelle Bedeutung haben. In der Tat
hat das russische Konsulat -- eine Villa im sibirischen Stile, die
isoliert zwischen der Chinesen- und der Mongolenstadt liegt -- rings
ein Glacis und Laufgräben; es ist von breiten Gräben und von Netzen
aus Eisendraht, von Wolfsgruben, den modernsten und wirksamsten
Annäherungshindernissen, umgeben; es hat Kanonen und eine Besatzung
von transbaikalischen Kosaken. Weiterhin, gegen Westen zu, in der Nähe
der Mongolenstadt, hat sich auch der tatarische General, der Tu-tung
von Urga, der Kommandant der chinesischen Besatzung, in eine Festung
von quadratischem Umriß eingeschlossen. Sie wird durch Erdwerke, die
durch Balken verstärkt und mit Zinnen und Schießscharten versehen sind,
verteidigt und an den Ecken von Militärposten bewacht. Chinesen und
Russen haben sich wie in einem eroberten Lande eingenistet. Wer ist der
wirkliche Herr?
[Illustration: Nach dem Versinken in Sumpfland in der Nähe von Urga.]
Sicher nicht jener göttlich verehrte Herrscher des mongolischen Volkes,
der Chutuktu, der lebende Buddha, der fast ganz abgeschlossen in einem
etwas abseits gelegenen Lamakloster wohnt, zu welchem die meisten
Gebäude gehören, die man aus der Ferne sieht. Buddha gefällt sich
darin, ein menschliches Leben zu führen, indem er in den Körper dreier
Männer eingeht -- nur dreier in der ganzen Welt. Einer von diesen ist
der Dalai Lama von Lhasa, der zweite der von Urga, der dritte der von
Peking, das Oberhaupt von zwölfhundert Lamas des großen Tempels von
Jung-ho-kung. Obgleich alle drei die Seele Buddhas besitzen, herrscht
zwischen ihnen doch ein merkbarer Rangunterschied. Der von Tibet ist
der am höchsten, der von Peking der am wenigsten angesehene; der
Unterschied besteht in der Größe der Segenskraft. Sie werden nicht nach
ihrem inneren Werte verehrt, sondern nach dem Nutzen, den sie stiften.
Als vor zwei Jahren der Dalai Lama von Tibet aus Lhasa entfloh, das
durch den Vormarsch der Engländer bedroht war, und sich nach Urga
flüchtete, verließen die wackeren Mongolen ihren einheimischen Gott
zugunsten des weit mächtigeren tibetischen. So konnte man damals das
seltsame Schauspiel erbitterter Feindschaft zwischen zwei Buddhas
beobachten.
Um diese in Ungnade gefallene Gottheit von Urga schlingen sich die
Fäden der politischen Intrige. Ein kluger, energischer und ehrgeiziger
Mann an der Spitze des mongolischen Volkes könnte der chinesischen
Oberhoheit gefährlich werden. Wahrscheinlich rührt daher die seltsame
Erscheinung, daß der lebende Gott niemals ein Mann, sondern stets ein
Kind ist. Sich anbeten zu lassen, ist eine Aufgabe, die auch ein Kind
erfüllen kann. Dieser Jüngling gelangt nie zu voller Reife. Wenn er die
Schwelle des Mannesalters erreicht, stirbt er. Er stirbt unvermutet,
auf geheimnisvolle Weise. Aber er hat bereits seinen Nachfolger
ernannt, und ein anderes Kind besteigt den tragischen Altar. Dieser
plötzliche Tod ist eines der regelmäßigsten Wunderzeichen der Gottheit:
die Seele des Gottes kann nur in einem Kinde wohnen. Es geht jedoch das
Gerücht, daß das heilige Kind -- erdrosselt wird!
Der letzte Großlama hat das kritische Alter glücklich überstanden.
Das gewohnte Wunder erleidet daher eine Verzögerung, die man durch
den wirksamen Schutz erklären will, den der russische Konsul -- ein
geschickter Diplomat burjatischen Stammes, der dem mongolischen
nahe verwandt ist -- ausübt. Der Konsul ist ein vertrauter Freund
des lebenden Buddha und hat freien Zutritt in die heiligen Bezirke.
Der chinesische Gouverneur dagegen ist weit davon entfernt, über den
Großlama die alte Macht und Autorität auszuüben; man sagt sogar, er
sei diesem von Herzen zuwider. Wenn aber die lebende Gottheit noch am
Leben ist, so scheint sie in einen Zustand gebracht worden zu sein, der
infolge frühzeitiger Laster und des Mißbrauchs alkoholischer Getränke
nahe an Idiotismus grenzt. Man kann sagen, daß wenigstens der Verstand
des Großlama erdrosselt worden ist.
Sicher ist, daß man angesichts jener verschanzten Lager, der
Befestigungen, der Intrigen, der grausigen Mordgeschichten, und beim
Anblick seltsam gekleideter Reiter, die im Galopp durch die Straßen
längs den Befestigungswerken aus Holz sprengen, den Eindruck hatte,
als lebe man hier in einer mittelalterlichen asiatischen Stadt. Das
plötzliche Erscheinen eines Automobils in dieser Welt bildete einen
Kontrast, der etwas Widersinniges an sich hatte.
Der Großlama besitzt selbst ein Automobil, ein kleines Fahrzeug, das
ihm der russische Konsul geschenkt hat, vielleicht um ihn für die
Rivalität des tibetischen Buddha zu entschädigen. Das Fahrzeug hat aus
eigener Kraft noch keinen einzigen Schritt gemacht. Kaum war es in
Urga angekommen, so ließ der verkörperte Buddha es im Hofe von zwei
Männern im Kreise herumschieben, in der Hoffnung, es werde von selbst
seinen Lauf beginnen und seine Umfahrt beenden. Dann entschloß er sich
dazu, einen Ochsen vorspannen zu lassen, und schickte es nach seiner
Sommerresidenz, wo es verrostet, in der Erwartung, daß eine andere
europäische Macht einen Chauffeur dazu schenkt.
Neuntes Kapitel.
Urga.
In der Russisch-Chinesischen Bank. -- Eine seltsame Pilgerfahrt.
-- Der chinesische Gouverneur im Automobil. -- Die Abfahrt von
Urga. -- Im Sumpfe steckengeblieben. -- Eine unheilvolle Fahrt
bergab.
Von den drei Städten Urga war die chinesische die erste, die wir bei
unserer Ankunft berührten. Wir fuhren in sie ein, weil der Telegraph
hineinführte. Wir hatten so sehr die Gewohnheit angenommen, den beiden
Drähten überallhin mit dem größten Vertrauen zu folgen, daß wir uns
von ihnen ohne Widerrede Gott weiß wohin hätten führen lassen. Die
Drähte waren Chinesen, die in der chinesischen Stadt haltmachten, bevor
sie ihren Weg direkt nach Norden über steile Gebirge hinweg wieder
aufnahmen. Ihre Aufgabe als Führer war aber zu Ende. Sie geleiteten uns
durch die engen, schmutzigen Straßen der Chinesenstadt, sprangen mit
einem Satze über eine Palissadenwand und ließen uns verdutzt stehen.
Unsere Ankunft verursachte, daß die Einwohnerschaft an den Eingängen
der Gehöfte zusammenlief, von denen aus wir einen raschen Blick
in die Höfe, die gedrängt voller Kisten, Kamele und Kinder waren,
auf chinesische Häuser mit Gittern in verwickelten geometrischen
Figuren und auf kleine buntbemalte, in die Augen fallende Tempel
werfen konnten. Hinter den barbarischen Verteidigungswerken aus
Balken bemerkten wir Anzeichen von Wohlstand und Fleiß. Die Bewohner
beschäftigen sich sämtlich mit Großhandel; sie sind durch den Handel
mit Tee, Wolle, Fellen, Pferden reich geworden und veranstalten
regelmäßige Karawanenreisen; sie sind Eigentümer von Hunderten
von Kamelen und Ochsen. Sicherlich waren sie von unserer Ankunft
unterrichtet; sie betrachteten uns neugierig, aber nicht verwundert;
der Telegraph hatte die Kunde von dem Ki-tscho bereits verbreitet, und
die Berührung mit den Russen, die beständigen Beziehungen zur Welt
des Westens haben den bezopften Einwanderern einen praktischen Sinn
eingeflößt, der sie das Automobil von einem durchaus vernünftigen
Gesichtspunkte aus betrachten ließ. Einige fragten, ob wir geradenwegs
von Tauerin kämen, und wandten sich bei unserer bejahenden Antwort zu
den übrigen, um dies Ereignis mit ihnen angelegentlichst zu erörtern.
Auf den Straßen der Chinesenstadt erblickten wir auch die ersten
nordmongolischen Frauen, deren Kopfputz so auffallend und so neu für
uns war, daß wir uns nicht enthalten konnten, sie mit indiskreter
Beharrlichkeit zu betrachten. Zweifellos ist es den verheirateten
Frauen der nördlichen Mongolei gelungen, aus ihrem Kopfhaar das
originellste Meisterwerk herzustellen, das sich von der vereinten
Phantasie von hundert Frauengenerationen ersinnen läßt.
Die Haare fallen zu beiden Seiten des Gesichts in zwei flachen, auf
das reichlichste mit Gummi zusammengeklebten Streifen herunter, die in
nichts mehr nach Haaren aussehen; sie gleichen zwei riesigen schwarzen,
zurückgebogenen, das Gesicht umrahmenden Netzen, die einen solchen
Umfang besitzen, daß sie beinahe Schulterbreite erreichen, und die auf
der Brust spitz auslaufen. Die Netze werden durch eine Menge Stäbe
auseinandergehalten, die wie die eines Fächers angeordnet sind und
ein seltsames Gitterwerk um das Gesicht herum bilden; sie sind mit
hin und her schwingenden größeren und kleineren Silbermünzen bedeckt,
unter denen wir eine Anzahl russischer Zehn- und Zwanzigkopekenstücke
erkennen, ein neues Zeichen der Nähe des Moskowiterreiches.
Selbstverständlich wird ein Kopfputz von solcher Kompliziertheit nur
einmal im Leben angefertigt; vor der Hochzeit überläßt die Braut ihren
Kopf den geschickten Händen eines Künstlers und beschränkt sich dann
auf die Tätigkeit des Erhaltens; sie stäubt ihre Netze von Zeit zu Zeit
aus und bestreicht sie, wenn es nötig ist, von neuem mit Gummi. Die
Gefahr, daß der Gebrauch eines Bades den Bestand dieser Haarphantasie
schädigen könne, besteht nicht.
[Illustration: Frauen aus der nördlichen Mongolei.]
Gerade in dem Augenblicke, als wir nicht wußten, wohin wir uns wenden
sollten, und die Leute nach der Russisch-Chinesischen Bank fragten, wo
wir erwartet wurden, kam ein chinesischer Soldat im Galopp angesprengt,
um uns den Weg zu zeigen. Wir kamen an einer Reihe kleiner weißer
Pagoden im tibetischen Stile vorüber, die entfernte Ähnlichkeit mit
den Kegeln eines riesenhaften Billardspieles hatten. Als wir ins Freie
traten, erblickten wir auf dem Gipfel eines Hügels einen prachtvollen
europäischen Palast! Meine Feder vermag es nicht zu schildern, welche
Überraschung und Freude uns durchzuckte, als wir dieses mitten in die
Mongolei gefallene winzige Stück Europa erblickten. Es war, als habe
sich unser eigenes Heim unseren Blicken dargeboten. Wir wußten noch
nicht, was für ein Gebäude es war, das drei bis vier Kilometer von uns
entfernt lag, umgeben von niedrigeren Baulichkeiten, dem Anschein nach
Schuppen und Ställe. Aber für uns war es ein freundlicher Anblick.
Bald lasen wir in großen Buchstaben in vier Sprachen die Inschrift:
„Russisch-Chinesische Bank.“ Wir fuhren vor und ließen triumphierend
und mit begeisterter Beharrlichkeit die Hupe ertönen.
Am Eingangsgitter stand ein Tarantaß; zwei Kosaken kamen die Straße
entlang und blieben stehen, um uns zu betrachten. Wir begrüßten sie
mit überströmender Freundlichkeit. Aus einem Pförtchen streckte
ein bärtiger Muschik seinen Kopf heraus, um ihn aber sofort wieder
zurückzuziehen, wohl in der Absicht, unsere Ankunft zu melden.
„Wir sind ja bereits in Sibirien!“ riefen wir und beglückwünschten
einander, als ob die Reise zu Ende sei.
Geräuschvoll tat sich das Tor der Bank auf, und heraus stürzte ein
sympathisch aussehender Herr, Herr Stepanoff, der Direktor dieser
Filiale, um uns freudig zu begrüßen. Er konnte aber eine gewisse
Überraschung nicht verbergen, daß er uns als die Ersten ankommen sah.
„Das ist ja die italienische Flagge!“ rief er, während er sie
betrachtete, die am Hinterteil des Automobils lustig im Winde flatterte
-- „wahrhaftig. Herzlich willkommen, Durchlaucht! Seien Sie alle
herzlich willkommen! Aufrichtig gesagt, ich habe Sie nicht erwartet.
Ich kenne die Wüste, und Ihre Maschine hielt ich für zu schwer. Ich
hätte gedacht, Sie wären zurückgeblieben. Ich war überzeugt, daß
die leichteren Maschinen größere Chancen hätten.... Noch einmal,
willkommen! Hier herein, hier herein, alles steht zu Ihrem Empfange
bereit!“
Es stand in der Tat alles auf das wundervollste eingerichtet bereit.
Eine ganze Zimmerflucht wurde uns zur Verfügung gestellt. Russische,
französische und italienische Flaggen schmückten die Treppen. In einem
großen Salon funkelte eine lange gedeckte Tafel mit 20 bis 30 Kuverts,
mit Aufsätzen voll Konfekt, mit schimmernden, kunstvoll gefalteten
Servietten: ein prächtiges Panorama von Kristall und Porzellan, das uns
Ausrufe des Erstaunens und Wohlbehagens entlockte.
„Ich werde sofort das Komitee benachrichtigen“, erklärte unser Wirt,
indem er uns nach unseren Zimmern geleitete.
„Das Komitee?“
„Ja, das russische Komitee zum Empfange der Teilnehmer an der Fahrt
Peking-Paris. Es sollte sich zu Ihrem Empfange hier einfinden, aber wir
glaubten nicht, daß Sie vor Abend eintreffen könnten. Man hat uns von
Tauerin telegraphiert, daß ein Automobil heute früh um ½7 abgefahren
sei. Es sind über 250 Kilometer! Entschuldigen Sie uns, wenn der
Empfang vereitelt worden ist.“
Es bestand ein Komitee! Wir befanden uns mitten in der Zivilisation
des Westens! Wir gedachten in Dankbarkeit der wackeren Männer, die
sich zusammengetan hatten, um uns zu feiern, um uns Erholung von
unseren Mühen zu verschaffen, die unsertwegen Zusammenkünfte mit
Diskussionen und Tagesordnungen abgehalten hatten! Herr Stepanoff war
der Vorsitzende und die Seele des Komitees.
In Urga begann die unvergeßliche Reihe herzlicher, aufrichtig gemeinter
großer und kleiner Empfänge, die uns auf der ganzen riesenhaften Reise
beständig die Wohltat freundschaftlicher Sympathien boten, die uns die
Tore der Paläste und die Türen der Hütten erschlossen, die uns überall
die erquickende Atmosphäre wahrer Gastfreundschaft atmen ließen, jener
Gastfreundschaft, welche sagt: „Komm herein, mein Haus ist dein!“
Aus den Fenstern unserer Zimmer hatten wir die Aussicht auf das ganze
Tal des Tola und die in ihm verstreut liegenden Städte. Der Bogda-ola
lag uns gegenüber, hoch und breit, mit seinem imponierenden schwarzen
Haupte voller Kiefern. Die Legende behauptet, auf diesem Gipfel befinde
sich das Grab Dschingis Chans. Ein prächtiges Grab für einen Zwingherrn!
Vielleicht ist es diese Legende, die den Berg zu einem heiligen
macht. Bäume auf ihm zu fällen und dort zu jagen, gilt als
Heiligtumsschändung. Niemand besteigt ihn, um den Schlummer des großen
Kaisers nicht zu stören. Wenn man die Mongolen nach dem Grunde fragt,
weswegen sie den Bogda-ola nicht betreten, so antworten sie, der Berg
sei von Gott zu seinem eigenen Vergnügen geschaffen worden; er allein
besuche ihn, um sich hier dem Genusse des Lustwandelns und der Jagd
hinzugeben. Nach ihrer Auffassung ist der Berg ein Privatgarten der
Gottheit. Wie alle auf einer tiefen Stufe der Kultur stehenden Bewohner
weiter Ebenen hegen sie für Berge eine Art religiöser Verehrung. Auf
den Gipfeln der Anhöhen errichten sie ihre Obos; sie steigen hinauf,
um zu beten; jede Bodenerhebung ist zu dem Zweck geschaffen, die Erde
dem Himmel näherzubringen. Der Bogda-ola ist der höchste Berg, folglich
ist er der heiligste. Und auf ihm steht ein Wald: ein eindrucksvolles
Mysterium für den Sohn der Steppe. In der Mongolei besteht eine
Art Kultus für die Bäume, weil sie selten sind. Wer weiß, welche
unbestimmte Ehrfurcht die fremdartige, aus dem Boden emporsprießende
Gestalt des Baumes in dem einfachen Gemüte des Nomaden erweckt. Oft
wird er als Fetisch angebetet, und wir haben häufig, und zwar bis ins
südliche Sibirien hinein, solche vergötterte Bäume gesehen, an deren
Zweigen ungezählte Papierstreifen mit Gebeten flatterten.
Die „Itala“ war das Ziel einer unablässigen, ganz unglaublichen
Pilgerfahrt. Die Nachricht von ihrer Ankunft hatte das ganze Tal des
Tola in Aufregung versetzt. Es kamen Leute aus den drei Städten, und
es kamen solche aus weit entfernten Jurtenlagern. Die Chinesen hatten
als praktische Leute einen regelrechten Wagenverkehr mit Maultieren
eingerichtet, um die Neugierigen, die den Ki-tscho sehen wollten, nach
Urga und zurück zu ihren Palissadengehöften zu befördern. Man sah diese
sonderbaren Gefährte, die schon etwas der russischen Telega glichen, zu
fünf, mitunter zu sechs ankommen, besetzt mit Leuten, die sich festlich
gekleidet hatten wie zu einer feierlichen Gelegenheit. Es fehlten auch
die wirklichen Telegas nicht, die aus der russischen Stadt heraufkamen
und bei den lebhaften Farben der slawischen Kostüme einen Anstrich
von Fröhlichkeit hatten. Eine große Menge Mongolen strömte zu Fuß und
zu Pferd von allen Seiten herbei: Lamas in violetter und gelber Seide
und mit pagodenähnlichen Hüten, Karawanenführer, Hirten. In Scharen
kamen lachende, geschwätzige Frauen, große Stiefel an den Füßen und
die Last ihres Kopfputzes mit sich tragend, der den Eindruck eines um
den Kopf gelegten Halskragens ~à la Medici~ machte. Von Zeit zu Zeit
bahnte sich ein Kosak seinen Weg durch die Menge und unternahm eine
Rekognoszierungstour um das Automobil.
Diese ganze Menge stand respektvoll und bewundernd um das Fahrzeug wie
vor einem heiligen Mysterium. Die mongolische Bevölkerung von Urga war
seit mehreren Tagen durch die eingeborenen Agenten der Bank von der
bevorstehenden Ankunft von Wagen, die von selbst liefen, unterrichtet
worden. Man hatte sie auf diese Weise vorbereiten wollen, um jedem
möglichen Ausbruch des Fanatismus und des Aberglaubens vorzubeugen,
der durch die unerwartete Ankunft so seltsamer Maschinen in der
heiligen Stadt des Lamaismus hätte hervorgerufen werden können. Täglich
erhielt die Bank Besuche von Mongolen, welche kamen, um Nachrichten
über die von selbst laufenden Wagen einzuholen. Ihre Fragen waren von
erheiternder Naivität. Sie glaubten, diese wunderbaren Wagen führen
nicht auf der Erde, sondern durch die Luft. Sie wollten wissen, in
welcher Entfernung man sie ohne Gefahr betrachten dürfe; sie fragten,
ob es nicht unvorsichtig sei, sich vor sie hinzustellen, wenn sie
stillständen. Die verbreitetste Meinung war, daß diese Wagen von einem
unsichtbaren geflügelten Roß gezogen würden.
„Wie machen es aber die Fremden, um das geflügelte Roß zu lenken?“
fragten sie Herrn Stepanoff, nachdem sie unverdrossen den sinnreichsten
Erklärungen gelauscht hatten, die sie überzeugen sollten, daß kein
Pferd vorhanden sei.
Die primitiven Völker leben in einer Märchenwelt; sie erklären alles
mit Hilfe des Unsichtbaren; ihre Unwissenheit sieht in jedem Dinge
ein Geheimnis und in jedem Geheimnis eine verborgene Kraft; das
Geheimnisvolle erklären sie sich als eine natürliche Kraft, und diese
setzt sie nicht in Erstaunen. Sie glauben an das geflügelte Roß,
aber sie sind nicht imstande, an eine komplizierte Schöpfung des
menschlichen Geistes zu glauben. In ihrem Geiste ist das Unglaubliche
Wahrheit, die Wahrheit aber unglaublich.
Wir wissen nicht, inwieweit der Anblick unserer Maschine die
vorgefaßten Meinungen der Bürger von Urga über das Automobilwesen
berichtigt hat. Sicher ist, daß die Menge die „Itala“ von allen Seiten
bewundernd umdrängte, vor ihr aber freie Bahn ließ; auch die Chinesen
beobachteten diese weise Vorsichtsmaßregel. Die Mongolen gaben dem
Automobil den Namen „die fliegende Maschine“. Es ist auch möglich, daß
die Kunde von ihr sich an den Schritt des Kamels heftet und zu den
fernsten Stämmen in Form einer neuen Legende gelangt. Auch der Großlama
hatte sich lebhaft für unsere bevorstehende Ankunft interessiert. Es
wurde sofort ein berittener Kurier zu ihm geschickt.
Am Nachmittag stattete uns der chinesische Gouverneur seinen Besuch
ab. Eine Stafette kam im Galopp angesprengt, um ihn anzumelden. Kurze
Zeit darauf erschien auf der sonnigen Straße, in eine Staubwolke
gehüllt, das Gefolge des hohen Würdenträgers. Die Sänfte wurde von
vier berittenen Mongolen mit erstaunlicher Geschicklichkeit getragen;
die Stangen der Sänfte waren über die Sättel gelegt, und die vier
Träger galoppierten unter genauer Einhaltung der richtigen Entfernung.
Wäre einer von ihnen auch nur um Handbreite aus der Reihe gewichen,
so hätte der arme Gouverneur samt seiner Sänfte ein wenig würdevolles
Ende gefunden. Eine Schar von mongolischen und chinesischen Soldaten,
von Offizieren und von Würdenträgern ritt dem erlauchten Mandarin
voraus und folgte ihm. Es lag ein primitiver Adel und Stolz über dieser
buntgekleideten Gruppe, die wie eine Windsbraut dahergejagt kam. Nichts
gleicht an kriegerischem Ausdruck dem Gesicht des mongolischen Soldaten
mit seinem lang herabhängenden Knebelbarte.
Der Gouverneur war trotz des furchtbaren Gefolges, mit dem er sich
umgab, der feinste und wohlwollendste Chinese. Als vollendeter
Diplomat sprach er, ohne etwas zu sagen, lächelte allen zu, lachte über
alles, nahm Tee und entfernte sich wieder mit seiner Sänfte und seiner
dahinsprengenden Eskorte.
Auch einen Besuch des tatarischen Generals empfingen wir. Besonders
tiefen Eindruck machte auf diesen die Mitteilung, daß unser Automobil
die Kraft von 50 Pferden habe. Zum Teufel, wir hatten ja beinahe mehr
Kavallerie als er! Eine schwierige militärische Frage türmte sich
vor dem Geiste des tatarischen Generals auf, ein Zweifel quälte ihn:
existierte in Europa eine auf Automobilen reitende Kavallerie? Wenn sie
existierte, so waren alle tatarischen Generale, die mit der Bewachung
der Grenzen des Himmlischen Reiches betraut waren, völlig unnütz.
Zehn Automobile hätten die Mongolei in vier Tagen eingenommen. Wir
beruhigten ihn dahin, daß eine auf Dampfpferden reitende Kavallerie
nicht existiere. Er war davon sehr befriedigt.
Am Abend hielt ein mongolischer Beamter, der einen Handwagen zog --
die mongolischen Beamten sind bescheidene Leute --, am Tore der Bank
und überreichte ein rotes Papier, auf dem chinesische Schriftzeichen
standen. Es war die Visitenkarte des Gouverneurs; sie begleitete
Geschenke. Diese Geschenke standen auf dem Wagen und weigerten sich
hartnäckig abzusteigen: es waren zwei prächtige Hammel, die der Mann
schließlich zum Gehorsam zwang; außer den Hammeln sandte der Gouverneur
noch einige Flaschen russischen Wein und Büchsen mit Konserven. Nachdem
der mongolische Beamte, der einen Hut mit dem Knopfe eines Mandarinen
sechster Klasse trug, alles auf die Erde gestellt hatte, ersuchte er
uns, festzustellen, daß der Wagen leer sei und daß er nichts veruntreut
habe. Dies bescheinigten wir ihm.
In Urga fanden wir unser drittes Depot an Benzin und Öl vor, das letzte
in der Mongolei, das durch eine Karawane von Peking hierhergebracht
worden war.
In Kiachta sollten wir das vierte Depot finden, das durch Sibirien
dorthingeschafft worden sein sollte. War es eingetroffen? Würde keine
Verzögerung, kein Irrtum Veranlassung geben, daß wir unterwegs aus
Mangel an Brenn- und Schmiermaterial stilliegen müßten? Diese Fragen
erwogen wir mit einer gewissen Beklemmung. Uns fehlten Nachrichten. Der
Fürst hatte in Peking ein Telegramm aus Petersburg erhalten, in dem ihm
angezeigt wurde, daß er in Kiachta ein Verzeichnis der Depotstationen
und der Menge Benzin und Öl finden würde, die an jedem Haltepunkte
zu seiner Verfügung ständen. Wir hatten Bedenken, und die Tatsachen
sollten uns recht geben.
In Urga wurden sämtliche Behälter nachgefüllt, ohne daß uns das große
Gewicht Sorge machte, da wir auf diese Weise die Kraft für weitere
tausend Kilometer aufspeicherten. Nachmittags kam Ettore und meldete,
die Maschine sei bereit, die Fahrt wieder aufzunehmen. Er hatte ein
einziges Wort, mit dem er dies alles ausdrückte:
„Fertig!“
„Alles in Ordnung?“ fragte ihn der Fürst.
„In bester Ordnung. Ich habe alles nachgesehen. Die Maschine ist noch
so gut wie neu.“
Wir mußten nun noch auf die andern warten. Urga machte uns übrigens
das Warten angenehm. Das Komitee leistete uns in liebenswürdigster
Weise Gesellschaft. Es gehörten dazu Kosakenoffiziere, ein vom
Kriegsschauplatz in der Mandschurei zurückgekehrter Stabsarzt,
Kaufleute, Damen, die sich nach dem Petersburger und Moskauer Leben
zurücksehnten. Auch ein Engländer von vornehmem Aussehen befand sich
darunter; ich hätte ihn für einen Diplomaten gehalten, wenn man mir
nicht versichert hätte, daß er ein geschickter Pionier des Woll- und
Rauchwarenhandels sei.
Oft ließ ich mir ein Pferd satteln (die Ställe standen zu unserer
Verfügung) und ritt, auf dem hohen Kosakensattel thronend, nach dem
Telegraphenamt in der Chinesenstadt, um meine Depeschen aufzugeben und
Nachrichten von unseren Kollegen einzuziehen. Am Abend erfuhr ich, daß
die beiden „de Dion-Bouton“ nachmittags 5 Uhr in Tauerin eingetroffen
seien; sie würden morgen in Urga sein. Keine Nachricht vom „Spyker“!
Weder Pang-kiang noch Udde wußten etwas. Seit drei Tagen und zwei
Nächten war der „Spyker“ also in der Wüste verschollen; der Mongole
mit dem in Lumpen verpackten Telegramm und seinem mit Benzin beladenen
Kamele hatte ihn noch nicht getroffen. Auf dem „Spyker“ befanden sich
mein lieber Kollege Du Taillis und als Führer Godard. Wir hatten mit
der Wüste erst vor kurzem Erfahrungen gemacht, die uns jeden Augenblick
mit einem Gefühl der tiefsten Besorgnis an die beiden denken ließ. Zu
der Vorstellung von ihrem Leiden gesellte sich ein anderer quälender
Gedanke. Wir wußten, daß sie befreit werden würden, daß man ihnen
am Morgen des 19. Juni aus Udde Soldaten zu Hilfe geschickt hatte,
die sich ihnen von Stunde zu Stunde näherten. Aber, fragten wir uns,
wußten auch sie es? Hatten sie die Gewißheit, daß die Befreiung nahe
war? Welche Angst und welche Pein konnte nicht dieser Zweifel ihren
physischen Leiden hinzufügen? Man ist tapfer, wenn man keine Sorgen
hat. Wer konnte sie aber von ihren Sorgen befreien? Was würde ich darum
geben, wenn ich ihnen auch nur ein Wort durch jene Drähte zukommen
lassen könnte, die wenige Meter über ihren Köpfen hinliefen und die
Tausende meiner Worte einer Zeitung überbrachten. Wir waren daher sehr
erfreut, als wir am folgenden Tage von Udde die Mitteilung erhielten:
„Spyker wohlbehalten angelangt.“
Der 22. Juni wurde von uns der Erwiderung der Besuche gewidmet. Wir
begaben uns in die Festung, in der der tatarische General seine
Autorität verschanzt hatte, und tranken einige Tassen Tee in Gegenwart
des erlauchten Kriegers, der Gala angelegt hatte und von seinem
Generalstabe von federbuschgeschmückten Mongolen umgeben war. Der
Gouverneur empfing uns in seinem Amtsgebäude und bat den Fürsten um
eine große Gunst. Wir erwarteten von einem echten Mandarinen, vom
Generalgouverneur der Mongolei, nicht eine Bitte, wie er sie äußerte.
Sie stellte alle Anschauungen, die wir uns von China gebildet hatten,
alle weitverbreiteten Ansichten über das Mandarinentum auf den Kopf;
sie war die Rehabilitation des Wai-wu-pu; sie eröffnete der Zukunft
des Himmlischen Reiches neue Horizonte. Seine Exzellenz baten -- das
Automobil einmal benutzen zu dürfen!
[Illustration: Der Gouverneur der Mongolei in der „Itala“, von seinem
Gefolge begleitet.]
„Von Herzen gern!“ rief Fürst Borghese mit Begeisterung. „Und wohin?“
Es war gleichgültig wohin. Der Gouverneur wollte nur im Automobil
fahren, eine Rundfahrt durch die Straßen von Urga machen. Ich kann mich
täuschen, aber ich glaube, es kam ihm vor allem darauf an, sich auf dem
Zauberwagen sehen zu lassen. Dies konnte seinem Ansehen zugute kommen.
Das Automobil stand vor dem Tore. Der Mandarin in seiner
Prachtkleidung, mit den übermäßig langen Ärmeln aus Seide, die seine
Hände bedeckten, auf dem mit zwei Pfauenfedern geschmückten Hute den
Korallenknopf, das Abzeichen des höchsten Grades, unternahm erst einen
Inspektionsgang rund um die Maschine, dann stieg er auf, während der
Fürst das Steuerrad ergriff und Ettore sich auf den Tritt setzte. Die
Nachricht von der Fahrt hatte sich verbreitet. Leute liefen herbei.
Alle mongolischen Offiziere und die Soldaten mit den Knebelbärten
betrachteten voller Entsetzen ihren Vorgesetzten, uns aber mit einem
gewissen Mißtrauen.
Die „Itala“ fuhr ab. Sie beschrieb einen weiten Bogen vor dem Fu, dem
Amtsgebäude, um über eine kleine Brücke zu kommen, und eilte dann
auf und davon. Der Gouverneur der Mongolei hatte sich fest an die
Seitenlehnen des Sitzes angeklammert, schien aber entzückt zu sein.
Sein Zopf pendelte in dem scharfen Luftzuge lustig hin und her. Die
Leute des Gefolges hatten vielleicht den Eindruck, man wolle ihren
Herrn entführen, denn sie stürzten auf ihre an die Palissadenwand
gebundenen Pferde, sprangen in den Sattel und jagten mit lautem
Geschrei hinter der Maschine her. Ihnen schloß sich an, wer ein Pferd
zur Hand hatte, und Pferde gibt es hier überall. Von allen Seiten her
erschienen Reiter: Lamas, Soldaten, Steppenbewohner. Sie kamen zu spät,
das Automobil war verschwunden; aber sie kehrten ebensowenig um wie
die andern Berittenen, sondern spornten die Tiere durch lautes Schreien
an. Nur wenigen, besser berittenen Offizieren gelang es jedoch, in
der Nähe des Wagens zu bleiben. Wie bei einer großen Jagd folgte die
unbeschreibliche Reiterschar, das „wilde Heer“, in gestrecktem Galopp.
Sie verschwand in dem Staube und ergoß sich unter Lärmen und Tosen
in die Straßen. Viele Pferde trugen zwei Reiter. Fröhliches Geschrei
erscholl ringsum; der Ritt war nur ein Spiel, aber der Auftritt hatte
ganz den Anschein eines Ausbruchs der Volkswut. Es war, als sei
Urga von einem siegreichen Barbarenheere überschwemmt, eine Vision
aus vergangenen Zeiten, der die Palissadenwerke einen kriegerischen
Hintergrund verliehen. Man hätte sagen können, die Vergangenheit
verfolge wütend jenes kleine Ding, das ohne Pferde davonraste.
Der Gouverneur wollte bis zur Russisch-Chinesischen Bank fahren,
von wo ihn seine Sänfte wieder nach Hause zurückbringen sollte. Die
Spazierfahrt hatte übrigens eine unerwartete politische Folge. Am Abend
schickte der lebende Buddha zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er uns
erst in einigen Tagen zu wissen tun werde, ob er uns die Freude, ihn zu
sehen, gewähren würde oder nicht.
„Aber wie ist das möglich!“ riefen wir, „er hatte doch so dringendes
Verlangen nach uns.“
„Ah, ich verstehe,“ flüsterte uns jemand zu, „er ist verschnupft.“
„Wer? der lebende Buddha? Und warum?“
„Wegen der Fahrt des Gouverneurs.“
„Ist es möglich?“
„Ganz bestimmt. Er beansprucht den Vorrang und ist dem Gouverneur
feindlich gesinnt.“
„Wir haben also seine Sympathie verscherzt?“
„Unwiederbringlich.“
„Schade! Wir wollten auch ihn im Automobil fahren.“
Aber wir fanden uns mit seiner Ungnade leicht ab.
Am Nachmittage dieses Tages trafen die beiden „de Dion-Bouton“ in
Urga ein. Cormier, Colignon, Longoni und Bizac hatten in der Wüste
dieselbe vollständige Veränderung ihres Gesichts wie wir durchzumachen
gehabt, obgleich sie durch ein bequemes Zeltdach geschützt waren. Ihre
Maschinen befanden sich vollkommen in Ordnung. Der „Spyker“, der an
diesem Nachmittag Udde erreicht hatte, hätte noch zwei Tage gebraucht,
ehe er eingetroffen wäre.
Wir hatten einen Grund, der uns zur Abreise trieb: der Übergang über
den Irofluß, etwa 60 Kilometer südlich von Kiachta. Der Iro ist nur
in Zeiten der Trockenheit zu durchwaten; es genügt ein Regen, um ihn
in ein unüberwindliches Hindernis zu verwandeln. Auf dem Iro liegt
ein Fährboot, aber nicht an der Straße, die wir benutzen mußten. Ein
russischer Kaufmann, der von Kiachta kam, teilte uns mit, daß die Tiefe
des Wassers jetzt ungefähr 120 Zentimeter betrage; es war dies sehr
viel für ein Automobil, und es war nicht wünschenswert, daß die Tiefe
noch zunähme. Unter diesen Umständen erschien uns der Übergang als
eine schwere Aufgabe. Das Wetter drohte jetzt schlecht zu werden. Die
Wolken, die uns den Tag zuvor solche Freude bereitet hatten, nahmen
übermäßig zu. Der Fürst entschied sich zur Abfahrt am folgenden Morgen,
23. Juni. Die „de Dion-Bouton“ blieben noch einen Tag in Urga, die
„Itala“ wollte einen ganzen Tag in Kiachta warten.
Am Abend waren sämtliche Privaträume der Russisch-Chinesischen
Bank festlich erleuchtet. Die große, im Speisesaal angerichtete
Tafel, überflutet von dem Lichte der Armleuchter, trat feierlich in
Tätigkeit. Das Komitee hatte in einer vollzählig besuchten Versammlung
beschlossen, uns ein Galadiner zu geben. Wir hätten darauf geschworen,
weit von der Hauptstadt der Mongolei zu sein und die Grenzen Europas
schon wieder überschritten zu haben, hätte nicht die Anwesenheit der
chinesischen Boys, die bei Tische bedienten, uns jeden Augenblick
an den Ort, wo wir uns befanden, erinnert. Die Unterhaltung,
die französisch, russisch und deutsch geführt wurde, schwirrte
durcheinander und erzeugte ein angenehmes babylonisches Sprachengewirr,
wie es bei Banketten üblich ist, bei denen die Menschen, die da
sprechen, stets in erdrückender Mehrheit denen gegenüber sind, die
zuhören. Ich gehörte zur Minderheit. Ich hörte meiner Nachbarin, der
Gattin des Stabsarztes, zu, die mir ihre Reise von Kiachta nach Urga
beschrieb und mit den Worten schloß:
„Ich weiß nicht, wie Sie es mit Ihrem Automobil anstellen werden, um
durchzukommen.“
„Wir haben aber doch die Wüste Gobi durchquert!“
„Ich kenne die Gobi nicht, Gott sei Dank, aber ich wiederhole Ihnen,
daß der Weg nach Kiachta der schaudervollste ist, den ich in meinem
Leben angetroffen habe, und ich bin in der Mandschurei gewesen! Denken
Sie, vier volle Stunden, vier Stunden im Sumpfe steckengeblieben, ohne
den eingesunkenen Tarantaß freibekommen zu können, dabei die Aussicht,
den Weg zu Fuß fortsetzen zu müssen. Ich habe Ihnen diese Episode
bereits geschildert. Wir waren noch 10 Kilometer von Urga entfernt, und
es war das viertemal, daß wir versanken ...“
„War das Wetter schlecht?“
„Es war ausgezeichnet, wie jetzt. Sie werden sich mit Ihren eigenen
Augen davon überzeugen, wie fürchterlich diese Straße ist.“
„Hoffen wir das Gegenteil, gnädige Frau!“
Ich lächelte überlegen. Die Erzählung dieser schrecklichen
Reiseabenteuer ließ mich völlig kühl. Die weibliche Empfindsamkeit
führt mitunter zu unbewußter Übertreibung. Ich konnte mir damals nicht
vorstellen, wie sehr meine Tischnachbarin recht hatte! Ich hätte in
jenem Augenblick nie geglaubt, daß die Straße zwischen Urga und Kiachta
in uns Sehnsucht nach der Wüste erwecken würde und daß wir wenige
Stunden nach dieser Unterredung für die Sicherheit unserer Maschine
zittern mußten!
* * * * *
Wir verließen die Bank bei Tagesanbruch mit aller Vorsicht, um niemand
in dieser zum Schlummern so süßen Stunde zu stören. In der Tat machten
wir den Eindruck, als hätten wir den Geldschrank geraubt und schlichen
uns auf Strümpfen davon. Wie alle russischen Banken, so schien auch
die von Urga einen Handstreich der revolutionären „Expropriateure“ zu
befürchten; denn zur Nachtzeit wurde sie von außen durch die Kosaken
des Konsulats bewacht. Diese wackeren Burschen betrachteten uns bei der
Abfahrt mit augenscheinlicher Unsicherheit; es schien, als wüßten sie
nicht, sollten sie uns grüßen oder Alarm schlagen. Sie entschieden sich
für den Gruß. Wir fuhren der Mongolenstadt zu, von der aus der Weg nach
Kiachta abbiegt.
Es war nicht leicht, den Weg zu finden. Es fehlte uns jetzt die
Telegraphenlinie, jener bequeme Ariadnefaden, der uns 1200 Kilometer
weit geleitet hatte, und die mongolischen Frühaufsteher, denen wir
begegneten, nahmen Reißaus, sobald wir das Automobil zum Stehen
brachten, um sie zu fragen. Zum Glück hatten wir uns auf der Bank mit
einem Beutel kleiner russischer Münzen versehen, und dadurch, daß wir
ein silbernes Zwanzigkopekenstück zeigten, gelang es uns wie durch
Zaubermacht, die Flucht der Ausreißer zu hemmen. Der Fürst konnte sich
mit seinem Russisch, ich mit meinem Chinesisch etwas verständlich
machen, und so fragte er nach dem Wege nach Kiachta, ich nach dem nach
Maimatschen. Wir wandten uns nach Norden, ließen Urga hinter uns und
gelangten in ein weites, grünes Tal auf undeutlich erkennbaren Pfaden,
die launenhaft zwischen Grasbüscheln durcheinanderliefen und zuweilen
ganz verschwanden.
Noch waren wir nicht eine Viertelstunde unterwegs, als das Automobil
plötzlich stillstand und sich ganz nach links neigte.
Der Motor fuhr fort zu arbeiten und hämmerte stürmisch, indem er
zugleich unter heftigem Getöse Wolken weißen, beizenden Rauches
ausstieß; es war, als ahne er eine Gefahr und biete mit entschlossener
Anstrengung all seine gewaltige Kraft auf, um sich loszumachen.
Aber wir saßen fest. Als wir uns vorneigten, bemerkten wir, daß die
linken Räder in den Boden eingesunken waren. Das Hinterrad fuhr
fort, sich wirbelnd zu drehen, als versuche es, aus der Vertiefung
mit verzweifelter Geschwindigkeit herauszukommen. Es lag etwas wie
Erbitterung in jener wütenden Kraftanstrengung der großen Maschine.
„Halt, halt!“ rief Ettore, als er bemerkte, daß der Umschwung des Rades
den Morast aushöhlte. „Wir sinken tiefer!“
Der Motor schwieg, und einige Minuten lang betrachteten wir schweigend
die Lage des Automobils und überlegten, auf welche Weise wir es
freibekommen könnten. Es war nach links dermaßen eingesunken, daß die
Achsen der Räder und der Benzinbehälter den Boden berührten. Was war zu
tun? Wie sollten wir drei ein Gewicht von 2000 Kilo heben und an eine
andere Stelle schaffen? Wir versuchten, den Motor wiederum in Bewegung
zu setzen und ihn dadurch zu unterstützen, daß wir mit aller unserer
Kraft das Automobil schoben. Vergebliches Beginnen! Es würden dazu
vielleicht nicht einmal alle Kulis, die wir in Kalgan zurückgelassen
hatten, ausgereicht haben.
Vor allem war es dringend notwendig, den eingesunkenen Teil zu heben,
weil das Automobil dadurch, daß es sich ganz auf die Seite legte, die
rechte Feder und das rechte Hinterrad übermäßig belastete, so daß die
Gefahr drohte, die eine oder das andere könnte brechen. Ettore machte
sich mit den Winden an die Arbeit, aber diese versanken in dem weichen
Erdreich. Um sie zu stützen, gehörten Bretter dazu. Wir entnahmen
diese dem Boden der Karosserie; die Bretter krachten, zerbrachen und
versanken.
Da kam uns eine Idee: die ganze Strecke um die Räder und unter
dem Automobil auszugraben, um auf diese Weise eine schiefe Ebene
herzustellen, auf der sich die Maschine mit ihrer eigenen Kraft leicht
herausarbeiten könnte. Unverdrossen machten wir uns mit gewaltigen
Spatenstichen an die Arbeit, wobei wir uns ablösten, sobald einer müde
war.
Nach einigen Minuten fieberhafter, schweigender Tätigkeit bemerkten wir
mit Entsetzen, daß wir unserer Maschine das Grab schaufelten. Je mehr
wir den Raum um die Räder breiter machten, desto mehr sanken sie ein.
Es war der seitliche Druck des Erdbodens, der sie stützte und den wir
wegnahmen, kein fester Grund. Es gab überhaupt keinen Grund. Der Morast
wurde in der Tiefe weicher und flüssiger. Das Ganze war ein Teich voll
Morast mit einer einigermaßen festen Decke, und diese Decke hatten die
beiden Räder eingedrückt: dies war die Lage der Dinge!
[Illustration: Mongolinnen vom Iro.]
Inzwischen hatte sich das Rad der höherliegenden Seite dermaßen
gesenkt, daß es an die Karosserie anstieß und alle Augenblicke ein
drohendes Knirschen hören ließ. Ich bat die Gattin des Stabsarztes,
deren Erzählung ich mit solchem Skeptizismus aufgenommen hatte, im
stillen um Verzeihung. Wir mußten uns dicht an der Stelle befinden, an
der ihr Tarantaß steckengeblieben war, und ein Tarantaß wiegt nicht den
zehnten Teil eines Automobils.
Wir sagten uns, daß Urga in der Nähe sei, wenig mehr als eine Stunde
Weges entfernt, daß wir in drei Stunden mit einer Schar von Menschen,
mit einer Ladung von Brettern und Balken, mit Pferden zurück sein
könnten... Aber wir konnten uns nicht dazu entschließen, Hilfe zu
holen. Es handelte sich um eine Frage des Ehrgeizes, eine ehrenhafte
Schwäche. Wir stellten uns vor, wie einer von uns, zu Fuß, ermattet,
beschmutzt nach der Bank zurückkehrte, wir stellten uns das Erstaunen
unserer Gastfreunde vor, die Erzählung des Unglücksfalls und das
Eingeständnis unserer Ohnmacht, die großmütigen Anerbietungen von
Hilfe, die Menschen, welche kamen, um das besiegte Automobil zu sehen
-- dasselbe Automobil, das mit solch rasender Geschwindigkeit durch
die Straßen von Urga gefahren war! -- Wir stellten uns all dies
vor und wir glaubten uns damit einer unbeschreiblichen Demütigung
auszusetzen. Nein, nein, wir mußten aus unserer fatalen Lage mit
Mitteln herauskommen, die wir an Ort und Stelle fanden. Ein Kapitän,
dessen Schiff auf eine Klippe aufgelaufen ist, tut alles mögliche, um
es freizubekommen, ehe er das Notsignal hißt. Wir empfanden diese Art
Stolz.
„Wenn wir nur Balken hätten!“ riefen wir aus, indem wir uns umsahen,
als könnten die Balken aus dem Erdboden herauswachsen.
„O, unsere Schutzbretter!“
In diesem Augenblicke zog eine von Mongolen geführte Karawane von
Ochsenwagen, die nach Urga wollte, in der Entfernung von wenigen
hundert Metern an uns vorüber. Sie hatte sich langsam genähert, ohne
daß wir, von unserer fruchtlosen Arbeit ganz in Anspruch genommen,
darauf geachtet hätten. Kaum aber bemerkten wir sie, so verstanden
wir uns, ohne ein Wort zu äußern, und stürzten im Sturmschritt auf
jene lange Wagenreihe. Die Wagen waren mit Balken beladen! Es waren
dünne Kiefernstämme, ohne Zweifel bestimmt zum Bau der traditionellen
Palissadenwände der heiligen Stadt.
Einige Münzen überzeugten die Mongolen von unserer ehrlichen Absicht.
Das übrige hatten sie zweifellos verstanden, weil sie derlei Unfälle
aus Erfahrung kannten. Wir luden uns jeder einen Balken auf die
Schulter, die Mongolen taten dasselbe, und im Trabe ging es zum
Automobil zurück. Indem wir probierten und wieder probierten, die
Stämme in allen möglichen und erdenkbaren Arten verwandten, gelang es
uns, ein System von Hebeln ausfindig zu machen, das imstande war, uns
bei dieser und bei allen andern zukünftigen Gelegenheiten Rettung zu
verschaffen.
Das System war höchst einfach. Man stelle sich einen zweiarmigen
Hebel vor, dessen am äußersten Ende gelegener Stützpunkt einem andern
ebenfalls zweiarmigen Hebel als Unterlage dient, welcher seinerseits
auf den Rand des eingesunkenen Rades wirkt. Sind die Balken von
gehöriger Länge, so genügt die Kraft zweier Männer, um ein Automobil zu
heben, und verfügt man über die Hilfe von vier bis fünf Personen, so
reicht ein einziger Hebel aus, um zum Ziele zu gelangen. In demselben
Maße, wie wir die Maschine unter der freiwilligen Mitarbeit jener
wackeren Karawanenführer wieder aufrichteten, füllten wir den von den
Rädern gewühlten Hohlraum mit Steinen aus, die wir aus einem nahen
Graben holten. Das Automobil drückte vermöge seines Gewichts bei jedem
Nachlassen der Arbeit die Steine in den Morast hinein, aber es waren
deren so viele, daß schließlich eine feste Grundlage, ein förmliches
Mauerwerk entstand.
Nach zweieinhalb Stunden angestrengter Tätigkeit hatten wir alle
vier Räder auf das Niveau des Bodens gehoben. Es blieb uns nur noch
übrig, die Maschine rückwärts von dem unsicheren Gelände wegzuziehen.
Wir holten die Seile hervor, die wir fest an das Chassis banden, und
begannen im Verein mit den Mongolen mit aller Kraft zu ziehen; aber es
gelang uns nicht, den schweren Wagen auch nur um eines Zolles Breite
von der Stelle zu rücken, da er zwischen den Steinen und dem Erdreich
eingekeilt war. Den Motor in Bewegung zu setzen, wagten wir nicht, da
wir befürchteten, er könne durch seinen plötzlichen Antrieb ein neues
Einsinken herbeiführen.
„Aber wir haben ja die Ochsen, die Ochsen der Wagen!“ rief der Fürst.
Die großen Gedanken sind die einfachsten. Fünf Minuten später waren
drei Ochsen an das Automobil gespannt. Inzwischen hatten sich auch
andere Leute eingefunden; einige Hirten kamen herbei, um zu sehen, was
sich da Außergewöhnliches in ihrer Steppe zutrug, etliche Lamas aus
einem Kloster, das wir von einer benachbarten Anhöhe herüberschimmern
sahen, Frauen, die aus einem entfernten Jurtenlager kamen. Die Ochsen,
mit Peitschenhieben angetrieben, zogen willig, aber ohne sichtbaren
Erfolg; dann spannten wir uns neben den Ochsen an und mit uns die
Karawanenführer und alle übrigen Anwesenden, die Hirten, die Lamas
und die Frauen. Wo ein Stückchen Seil freiblieb, griff eine Hand
zu; endlich entschloß sich der Wagen, uns auf den Weg der Rettung
zu folgen! Alle die hilfreichen Hände wurden uns nun wieder offen
entgegengestreckt und erhielten den verdienten Lohn für ihre Mühen.
Einer der Männer sprach etwas russisch.
„Welches ist die Straße nach Kiachta?“ fragte ihn der Fürst.
„Es gibt zwei Straßen nach Kiachta,“ erwiderte er; „die eine führt über
das Gebirge, die andere über die Ebene. Die über die Ebene ist die
bessere.“
„Wo liegt die bessere?“
„Es ist die, auf der wir uns befinden.“
„Dann zeigen Sie uns, bitte, die schlechtere.“
Er wies sie uns. Nach Beendigung unserer Vorbereitungen und nachdem
Seile, Bretter und Werkzeuge wieder an Ort und Stelle gebracht worden
waren, wandten wir uns nach jener Richtung. Unsere Abfahrt erregte
berechtigtes Erstaunen bei allen Leuten, die uns loszukommen geholfen
hatten. Sie hatten uns nicht kommen sehen und glaubten vielleicht, es
handle sich um einen sonderbaren Lastwagen, dessen Pferde fortgeführt
worden seien. Das Geräusch des in Tätigkeit gesetzten Motors ließ sie
mit einer Gebärde der Furcht zurückfahren; die Bewegung des Automobils
reizte sie zum Lachen. Wir haben diese erheiternde Wirkung des
Automobils bei allen naiven und schlichten Bevölkerungen beobachten
können; die Bewunderung ist die ausschließliche Empfindung des
Wissenden.
[Illustration: Die „Itala“ auf dem Wege nach Kiachta im Schlamme
versunken.]
Der Weg schlängelte sich durch Täler und überschritt Hügel; er war
etwas steinig, mitunter etwas steil, und würde für Wagen mit Pferden
sehr schlecht, wenn nicht unpassierbar gewesen sein. Er zwang uns,
sehr langsam und unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln zu fahren;
aber wir waren mit ihm zufrieden. „Wenigstens versinkt man hier
nicht!“ riefen wir jeden Augenblick. Das Wetter war schön geworden, der
Morgen war bezaubernd. Wir fuhren am Rande blumengeschmückter Wiesen
dahin, kamen an Birkenwäldchen vorüber, atmeten die duftige Frische des
Frühlings in vollen Zügen ein und konnten uns nicht satt sehen an all
diesen uns so neuen Dingen. Die Stunden verflossen ohne Langeweile.
Nach dem Zwischenfall mit dem Sumpfe fanden wir alles leicht,
alles einfach; wir hatten Geduld gelernt. Wenn wir von der Straße
abirrten und uns nach den hervorstechendsten Landmarken sowie nach
den unvollständigen Angaben der Karte orientieren mußten, so fanden
wir uns mit guter Laune in unser Schicksal. „Besser als einsinken!“
wiederholten wir uns zum Troste. Die im Sumpfe überstandene Gefahr
hatte uns neue Tugenden eingetragen.
Die Maschine erklomm die steilsten Abhänge mit Leichtigkeit. Um 10 Uhr
befanden wir uns auf dem Gipfel eines hohen Hügels, wo wir anhielten,
um eine herrliche Landschaft zu bewundern. Hinter uns zog sich ein
Gelände mit einer abwechslungsreichen Abstufung höherer und niederer
grüner Hügel hin, bis es, im Duft der Ferne verschwimmend, in das
große, von leuchtendem Blau erfüllte Tal des Tola überging. Urga war
nicht mehr sichtbar; es verbarg sich hinter dem Absturz der letzten
fernen Höhen. Aber wie um seine Lage zu bezeichnen, um dem frommen
lamaistischen Wanderer anzugeben, wohin er den sehnsüchtigen Blick
richten solle, um den heiligen Sitz des lebenden Buddhas zu entdecken,
erhob sich auf dem einen Berggipfel eine weiße Pagode; sie schien in
der Sonne zu funkeln. Mongolische Reiter, dem Äußern nach Soldaten,
waren von ihren Pferden gestiegen und spähten nach Urga hin. Wir rissen
sie durch unseren Motor, der ihre Pferde unruhig machte, aus ihren
Betrachtungen. Dann setzten wir unsere Fahrt rasch fort.
Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. Jener Hügel, der uns ein so
malerisches Schauspiel geboten hatte, hatte eine unheilvolle Kehrseite.
Der Pfad senkte sich jäh in gerader Linie vom Gipfel bis zum Fuße;
er war voller Steine, Kiesel und Felsblöcke und wandte sich ganz nach
links, wo er am Rande eines Abgrundes entlang lief.
Ettore, welcher steuerte, zog sofort die beiden stärksten Bremsen
an und schaltete die Transmission aus. Der Wagen glitt einige Meter
abwärts auf fast unbeweglichen Laufrädern und sprang über Kiesel, bis
er an große Steine stieß und stehenblieb. Die Bremsen wurden allmählich
gelockert, aber die Maschine bewegte sich nicht.
„Die Steine vor den Rädern müssen fortgenommen werden“, bemerkte Ettore.
Der Fürst und ich stiegen ab, um diese Arbeit in Angriff zu nehmen.
Aber die Steine saßen fest in der Erde, und es gelang uns nicht, sie
fortzuwälzen.
„Es tut nichts,“ versetzte Ettore, „mit einem kleinen Ruck des Motors
komme ich über die Steine und fahre voraus.“
Gesagt, getan; er schaltete die Transmission wieder ein. Wenig fehlte,
so hätte dieses Manöver zu einer Katastrophe geführt! Die Neigung
der Straße war so stark, daß das Automobil nach Überwindung des
Hindernisses trotz Anwendung der Fußbremse den Abhang unaufhaltbar
hinuntersauste, und in der kurzen Zeit, die Ettore brauchte, um auch
die stärkere Handbremse anzuziehen, war die Geschwindigkeit zu groß
geworden, um sie noch beherrschen zu können. Die Maschine hatte die
Oberhand gewonnen. Sie schoß mit solchem Ungestüm über die Steine
hinweg, daß sie bei jedem Stoß in die Höhe sprang. Mitunter richtete
sie sich wie beflügelt auf den Hinterrädern empor und fiel krachend
zurück. Sie erlitt heftige Schwankungen, die sie von einer Seite
auf die andere schleuderten; das Gepäck löste sich; man hörte ein
unheilverkündendes Klirren von Eisenteilen. Fürst Borghese hatte
sich an das wütende Ungetüm angeklammert und wurde von ihm heftig
mitgerissen und hin und her geschüttelt.
Er hatte sich neben der Maschine befunden, als Ettore den Motor in
Bewegung setzte, und als er sie davonsausen sah, hatte er einen
raschen Versuch gemacht, sie aufzuhalten. Einen Augenblick setzte
er, getrieben von einem unüberlegten, verzweifelten Verlangen, sie
zu retten, ihrem Hinuntergleiten einen erbitterten, aber nutzlosen
Widerstand entgegen. Er hatte die Gefahr bemerkt und kämpfte
instinktmäßig gegen das Unvermeidliche an, indem er alle seine Kräfte
und all seinen Willen daransetzte.
„Bremsen! bremsen! bremsen!“ rief er dabei.
Da er die Maschine nicht aufhalten konnte, wollte er sie begleiten.
Er konnte sich nicht entschließen, loszulassen. Sich fest an die
Karosserie anklammernd, machte er alle Sprünge und Schwankungen
mit. Ettore schwieg. Über das Steuerrad gebeugt, sammelte er alle
seine Energie, aufmerksam nach dem Augenblick spähend, in dem er
die Herrschaft über seine Maschine wiedergewinnen könne. Seine
Geistesgegenwart errang schließlich den Sieg. Ich habe schon erwähnt,
daß der Weg sich nach links wandte; an einem Punkte, wo diese Neigung
besonders bemerkbar war, lenkte Ettore plötzlich nach rechts hinüber
und ließ das Automobil auf große Steine auflaufen. Es machte einen
großen Satz, mäßigte aber seine Geschwindigkeit. Wenige Minuten später
war es gebändigt und setzte den Abstieg fort, gelehrig dem Willen
seines Führers gehorchend.
Die rasende Fahrt hatte nicht länger als 20 Sekunden gedauert, aber
sie erschien uns endlos! Ich war zu Fuß hinterdrein gelaufen und
hatte „halt, halt!“ gerufen, ohne zu wissen weshalb. Ich erreichte
das Automobil, als es unten auf der Straße stand. Die stillstehende
Maschine verbreitete einen unangenehmen Geruch nach verbranntem Öl und
ließ ein leises, reibendes Geräusch hören.
„Diesmal haben wir sie noch glücklich gerettet!“ rief Ettore, während
er von seinem Sitze stieg und sich den Schweiß abtrocknete. „Ich weiß
nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ein Wunder!“ und zu mir gewandt,
fragte er lachend: „Haben Sie gesehen, was sie für Sätze machte?“
„Und ob! Als ob alles aus Rand und Band gehen sollte!“
„Auch ich glaubte es. Es gab einen Augenblick, in dem ich alles für
verloren hielt. Ich dachte: Hier werden wir zerschmettert!“
„Welcher Augenblick war dies?“
„Haben Sie bemerkt, daß ich auf halbem Wege etwas nach rechts abgebogen
bin?“
„Jawohl.“
„Damals. Ich sagte zu ihr: Entweder du parierst oder du gehst in
Trümmer!“
„Sie hat pariert. Aber die Bremsen wirkten ja nicht?“
„Sie wirkten schon, aber um sie fest anzuziehen, braucht man viel
Öl, und sie fassen nicht sofort, sie schleifen. Auf der Straße geht
es wundervoll; aber sind das Straßen? Wir haben alle Alpenstraßen
‚gemacht‘, nicht wahr, Durchlaucht, und niemals ist uns ähnliches
passiert.“
Der Fürst lächelte, während er den auf so ungewöhnliche Weise
zurückgelegten Weg betrachtete, und schien ganz darein vertieft, die
Erinnerung daran festzuhalten. Nach überstandener Gefahr empfindet man
stets Freude. Dann gab er sich einen Ruck und rief:
„Vorwärts! Es ist spät. Heute abend möchte ich mein Lager am Ufer des
Iro aufschlagen.“
Die Maschine wurde auf das sorgfältigste geprüft. Sie wies keinerlei
Beschädigung auf. Wir hoben das Gepäck auf, banden es fest und fuhren
rasch davon, nachdem wir unsere Plätze wieder eingenommen hatten.
„Man sagt,“ bemerkte Fürst Borghese scherzend zu mir, „daß, wenn sich
zwei Unglücksfälle an einem Tage ereignet haben, noch ein dritter
eintritt.“
„Sollen wir uns auf den dritten vorbereiten?“ fragte ich lachend.
Wir schienen diesen dritten herauszufordern. Er möge nur kommen! Wir
fühlten uns um eine neue Erfahrung bereichert; wir kannten jetzt
die Gefahren der Ebene und die des Gebirges. Was hatten wir noch zu
befürchten? Wir hatten unrecht. Wir sollten uns nur zu bald davon
überzeugen!
Der dritte kam!
Zehntes Kapitel.
Auf dem Wege nach Kiachta.
Der dritte Unglücksfall. -- Unter Mongolen und Burjaten. -- Eine
nächtliche Fahrt. -- Der Übergang über den Iro. -- Der erste Wald.
-- Kiachta.
Die von den Karawanen benutzte Straße zwischen Urga und Kiachta
überschreitet eine Berggruppe, die von den Flüssen Chara-gol und Iro
begrenzt wird, welche beide von Osten nach Westen fließen und sich in
den Orchon ergießen, den größten Nebenfluß der Selenga. Diese Berge,
die ihren Namen nach dem Chara-gol tragen, nach Angabe der Landkarten
aber auch Argalberge heißen, sind abschüssig und steinig. Die Straße
wurde uns als sehr schwer passierbar geschildert. Deshalb faßten wir
den Entschluß, sie zu umgehen.
Wir wollten im Bogen um die verrufenen Berge herumfahren, indem wir uns
dem Tale des Orchon näherten. Stunde um Stunde fuhren wir, uns nur auf
unseren gesunden Menschenverstand verlassend, über Hügel auf Wegen und
Pfaden, die wir je nach der Himmelsrichtung einschlugen, durchquerten
Ebenen und durchzogen Täler. Nicht selten war es der Fall, daß eine
anscheinende Straße uns in unwegsames Gelände führte und uns auf Pfade
brachte, die nur Ziegen erklettern konnten, so daß wir geduldig wieder
zur ersten Weggabelung zurückkehren mußten. Wo wir konnten, zogen
wir bei Hirten und bei Karawanenführern Erkundigungen ein, aber die
Antworten waren stets unbestimmt. Die meisten zeigten nach Norden;
Kiachta lag im Norden, und sie kannten keine bessere Art und Weise,
dorthinzukommen, als indem sie sich nach dieser Richtung wandten.
Wir trauten den einsamen Pfaden nicht; oft stiegen wir vom Wagen, um
zu untersuchen, ob die Wegspuren frisch oder alt seien, und zogen
unbetretenes Gelände einem verlassenen Pfade vor, weil dieser stets
aus irgendwelchen schwerwiegenden Gründen aufgegeben worden war. Das
Aufgeben deutete aber eine Gefahr an. Wenn wir dann zu Fuß genauer
nachforschten, fanden wir, daß weiterhin das Gelände überschwemmt
oder sumpfig war, oder auch daß das Wasser eine breite Vertiefung
ausgehöhlt hatte. Mitunter kam es vor, daß wir frische Wegspuren
plötzlich unterbrochen fanden. Wenn wir nachforschten, so bemerkten
wir am Grase, daß sie von der gewünschten Richtung abwichen, und wir
taten dasselbe. So zogen wir aus den Erfahrungen der Nomaden und der
Karawanenführer mannigfaltigen Nutzen. Leute, die vor mehreren Tagen
hier vorbeigekommen waren und sich jetzt wer weiß wie weit von uns
befanden, dienten uns als Führer, als ob sie noch zugegen wären und uns
vorausschritten.
Um 2 Uhr nachmittags gelangten wir auf eine grüne Ebene, die mit
Sträuchern und hohem Grase bewachsen war; im ersten Augenblick
bemerkten wir nicht, daß sie eine Sumpfvegetation trug. Wir nahmen an,
daß der Fluß Chara-gol nicht mehr allzu weit entfernt sein könne. Vor
uns erhoben sich die ersten Gipfel der Argalberge. Mit einem Male sahen
wir, daß die Straße verlassen war. Wir hatten kaum Zeit, rasch ein Wort
zu wechseln, als das Automobil schon versank und plötzlich stillstand.
Es war mit großer Geschwindigkeit in einen Sumpf gefahren, dessen von
der Sonne ausgetrocknete Decke ganz den Anschein festen Erdreiches bot.
Diesmal hatte sich die Maschine nach rechts geneigt.
Wir sprangen zur Erde und stellten eine seltsame Erscheinung fest,
die uns sofort allen Mut benahm: der Boden schwankte unter unseren
Füßen! Es war, als schritten wir über Korkstücke, die auf dem Wasser
schwammen. Die Decke gab nach, ohne zu zerreißen; sie senkte sich unter
dem Drucke des Fußes und erhob sich wieder, sobald der Fuß weggenommen
war. Das Gelände machte den Eindruck einer weiten Kautschukfläche. Es
war klar, daß sich unter einer dünnen Oberfläche tiefes Wasser befand;
wir glaubten über einem abgrundtiefen Sumpfe zu wandeln. Wir wollten
den Boden untersuchen und stießen den Spatenstiel hinein; wie in Wasser
glitt der lange Stab hinab. Schrecken erfaßte uns, denn wir sahen ein,
daß diese morastige Masse das Automobil verschlingen müsse, wenn es uns
nicht gelänge, es sofort in Sicherheit zu bringen!
Wir blickten uns um. Wir waren allein. Die Ebene, schweigsam und heiß,
lag öde vor uns. Wir begannen zu arbeiten, aber mit der Angst im
Herzen, daß es vergebliche Mühe sein werde.
Wir erfüllten nur eine Pflicht; wir wollten nicht ohne Kampf
unterliegen. So schickten wir uns an, unsere Maschine mit allen
Kräften dem morastigen Abgrunde streitig zu machen, aber ohne Aussicht
auf Erfolg, wie jemand, der dem Tode das Leben eines teuern, aber
rettungslos verlorenen Wesens abzuringen sucht. Wir arbeiteten, um
uns selbst zu betrügen, um uns der Illusion hinzugeben, als könnten
wir etwas nützen, und wußten sehr wohl, daß wir drei allein nichts
ausrichten konnten. Ortschaften gab es nicht in der Nähe, wo wir hätten
um Hilfe bitten, von wo wir Arbeiter, Maschinen, Werkzeuge hätten holen
können.
„Wenn wir doch ein Pferd fänden!“ sagte Don Scipione.
„Wenn wir ein Pferd fänden, so würde ich nach Urga reiten, würde in
der Nacht dort eintreffen und morgen abend wäre ich mit Leuten wieder
zurück!“
Es war zu spät! Morgen abend würde die Maschine schon versunken sein!
„Diesmal ist es vorbei!“ rief der Fürst wiederholt, er, der sonst bei
keiner Gelegenheit den Mut verlor. „Jetzt ist es vorbei! Als wir
heute morgen das erstemal einsanken, war ich überzeugt, daß wir sie
herausgraben würden, aber jetzt ...!“
[Illustration: Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.]
Wir sahen uns in Gedanken schon auf dem langen Fußmarsche nach Kiachta
über das Chara-gol-Gebirge hinweg, mit einem Sacke auf dem Rücken,
schweigend wie Kriegsgefangene, die erfüllt sind von dem Gedanken an
eine verlorene Schlacht.
Die Benutzung der Winden würde kein anderes Ergebnis zur Folge gehabt
haben, als diese selbst in den Boden versinken zu lassen und die dünne
feste Erdschicht, die das Automobil noch hielt, zu zerstören. Das
Versinken setzte sich langsam, aber unabwendbar fort.
Der Rand des rechten Hinterrades verschwand zuerst. Die Achsen, der
Benzinbehälter, das Differenzialwerk versanken immer tiefer in den
Morast. Die Tritte, die sich zuerst 20 Zentimeter über dem Fußboden
befanden, waren nach wenigen Minuten in gleicher Höhe mit ihm. Die
Maschine sank unmerklich. Wir empfanden die Angst des Schiffbrüchigen
beim Todeskampfe seines Schiffes. Mit Fiebereile machten wir uns daran,
den Wagen zu entlasten. Wir nahmen das Gepäck ab, den Werkzeugkasten,
die Ersatzpneumatiks, und warfen alles bunt durcheinander auf den
Rasen. Dann gab es nichts mehr zu tun, und wir blieben unbeweglich
stehen, verzweifelnd nach einem Rettungsmittel suchend.
[Illustration: Versuch, die im Moraste versunkene „Itala“ zu heben.]
„Wir wollen uns Tee kochen“, sagte der Fürst nach langem Schweigen.
Diese wenigen Worte bedeuteten nichts anderes, als daß wir die Rettung
aufgaben. Tee bereiten hieß, das Automobil sich selbst überlassen,
unsere Bemühungen für zwecklos erklären.
Ein in der Nähe vorüberfließender Bach lieferte uns das Wasser, das
wir über der Flamme der Lötlampe zum Sieden brachten. Wir bereiteten
einen Topf Tee und füllten uns die Gläser. Auf der Erde ausgestreckt,
in Hemdärmeln, schweißtriefend, von Schmutz starrend, tranken wir in
kleinen Schlucken und aßen dazu gedankenlos einige Stücke Biskuit. Wir
hatten uns das Essen während des Tages abgewöhnt; unterwegs konnten wir
uns nicht entschließen, zum Zwecke des Essens haltzumachen; wir hatten
nur das eine Verlangen, an unseren Lagerplatz zu gelangen, und der
ungestillte Appetit war ein weiterer Ansporn, keine Zeit zu verlieren.
Jetzt jedoch durften wir unseren Hunger stillen.
Schließlich beschlossen wir zu handeln. Einer von uns sollte bei dem
Automobil ein Lager aufschlagen und zurückbleiben, die beiden andern
sollten sich auf die Straße nach Urga machen, Leute, Hölzer, Pferde
holen und möglichst bald wieder zurückkehren. Auf die Ankunft einer
Karawane hofften wir nicht; die Straße war verlassen.
Aber siehe da! In diesem Augenblick zeigte sich zwischen den hohen
Sträuchern in weiter Ferne doch eine Karawane! Eine Reihe mit Pferden
bespannter Wagen, und über den Pferden erkannten wir die „Duga“, den
charakteristischen Holzbogen des russischen Pferdegeschirrs. Es war
eine Reihe Telegas.
„Russen, es sind Russen!“ rief ich und stürzte mit Windeseile auf
sie zu, indem ich über die Sträucher sprang, in den Morast versank,
den Leuten zurief und lebhaft mit den Armen gestikulierte, um mich
bemerkbar zu machen.
Russen erschienen uns in diesem Augenblicke beinahe als Landsleute.
Mitten in der Mongolei fühlten wir uns mit ihnen stammverwandt und eng
verbunden. Ihr Erscheinen bedeutete unsere Rettung. Als ich in ihrer
Nähe angelangt war, bemerkte ich, daß auf den Telegas Leute saßen, die
zwar ähnlich wie Russen gekleidet waren, aber mongolische Gesichtszüge
hatten: es waren Burjaten. Ich befand mich einem burjatischen Stamme
gegenüber, der mit Frauen und Kindern auf der Wanderung begriffen war.
Der Anführer ritt voran; er war mit einem roten Hemd bekleidet und trug
auf dem Kopfe eine Mütze von tatarischem Schnitt. Er hatte kein allzu
vertrauenerweckendes Gesicht. Ich bat ihn, mir zu folgen, und er tat
dies, nachdem er seinem Stamme befohlen hatte, haltzumachen.
Er sprach etwas russisch. Er bemerkte das Automobil und fragte:
„Wieviel wiegt das Dings da?“
„120 Pud (2000 Kilogramm). Du erhältst eine gute Belohnung, wenn es dir
gelingt, den Wagen herauszuziehen. Bist du einverstanden?“
Der Burjatenführer sann einige Augenblicke nach und antwortete:
„Ja, ich bin einverstanden.“
„Gut. Dann führe deine Leute und deine Pferde her.“
Er kehrte zu den Telegas zurück und ließ sie sich uns auf einige
hundert Meter nähern. Die Frauen stiegen ab, suchten Brennmaterial und
zündeten Feuer an. Aber die Pferde wurden nicht abgespannt, und die
Männer kamen nicht. Wir brannten vor Ungeduld. Nach einer halben Stunde
kehrte der Führer zurück, und zwar allein.
„Nun?“ fragte ihn der Fürst. „Wie stehts? Wann machst du dich an die
Arbeit?“
Der Burjate zeigte keine sonderliche Eile, sondern fragte:
„Bist du bereit, mir 50 Rubel zu geben?“
„Erst ziehst du den Wagen dort heraus, dann gebe ich dir 50 Rubel.“
Der Mann begab sich zu seinem Stamme zurück. Die Pferde blieben nach
wie vor angespannt, und die Männer blieben neben den Wagen stehen. Ihr
Verhalten begann uns aufzufallen.
Währenddessen kam eine Anzahl Mongolen auf ihren kleinen Pferden im
Galopp angesprengt. Sie kamen wer weiß woher! Ihr Geierauge hatte
von fern einen ungewohnten Gegenstand in der Steppe erspäht, und sie
waren herbeigeeilt, um sich ihn in der Nähe zu betrachten. Bald fanden
wir uns von einer aufgeregten Menge umringt, die uns unter lebhaftem
Gespräch beobachtete. Der Burjate, davon vielleicht beunruhigt, näherte
sich uns zum dritten Male, noch immer allein.
„Nun, wann gehst du denn an die Arbeit? Du hast 50 Rubel verlangt, und
ich gebe dir 50 Rubel. Aber beeile dich! Hole deine Leute her!“
Der Führer schüttelte den Kopf.
„Du willst nicht?“ fragte ihn der Fürst.
„Nein.“
„Und warum nicht?“
„Es geht nicht. Es ist unmöglich.“
Und er entfernte sich.
Warum machte er keinen Versuch? Wenn er doch einsah, daß das
Unternehmen unmöglich war, warum entfernte er sich nicht mit seinen
Wagen, statt in unserer Nähe lagern zu bleiben? Warum ließ er, als er
das Lager aufzuschlagen befahl, die Pferde angespannt, als wollte er
das Weite suchen? Der Verdacht drängte sich mir auf, daß jene Burjaten
etwas im Schilde führten, was uns nicht sonderlich angenehm sein würde.
Wir saßen fest, das wußten sie; wir konnten nicht die Flucht ergreifen.
War die Forderung von 50 Rubel gestellt worden, um sich zu überzeugen,
ob wir Geld, viel Geld hätten, und um unseren Reichtum nach unserer
Freigebigkeit zu schätzen? Sie waren in so großer Anzahl, und wir waren
nur unser drei. Die mongolischen Steppen bieten Straffreiheit und Asyl.
Auf ihnen herrschen keine Gesetze als die der Überlieferung und der
Gewalt.
[Illustration: Die versunkene „Itala“ wird von der Karosserie befreit
und an Ochsen befestigt, um von diesen aus dem Sumpfe gezogen zu
werden.]
Die Mongolen, die um uns herumstanden, hatten eins begriffen: daß wir
Geld anboten, wenn man uns Hilfe leistete. Das Wort „Rubel“ hat einen
Kurs, der viel weiter reicht als der der Münze. Nun machten sie sich
sofort an die Arbeit, indem sie versuchten, das Automobil mit der
Kraft ihrer Arme herauszuziehen. Wir fühlten uns durch diese guten
Absichten wie neubelebt. Es waren Balken nötig. Ich weiß nicht, welche
unüberwindliche Beredsamkeit wir in unsere Gebärden legten; Tatsache
ist, daß wir imstande waren, durch eine wunderbare Mimik Balken zu
beschreiben. Und wir fanden volles Verständnis dafür. Drei von unseren
neuen Freunden sprangen in den Sattel und sprengten in Karriere davon,
um nach einer halben Stunde wieder zu erscheinen und einige an ihren
Sätteln befestigte lange, dünne Balken hinter sich her zu schleppen.
Wir hätten sie umarmen mögen!
Jetzt ging es mit Begeisterung an die Arbeit. Um die Maschine noch
mehr zu entlasten, nahmen wir die Karosserie ab, die wir mit Hilfe
der Mongolen auf den Rasen niederlegten. Aus den Balken stellten wir
unsere einfache Hebevorrichtung her. Wir mußten vorsichtig zu Werke
gehen, weil das Gelände unter dem Gewicht der Hebel nachzugeben drohte
und die Balken, die schon etwas gar zu alt waren, krachten, so daß
wir fürchteten, sie würden brechen. Aber das Automobil hob sich doch
allmählich wieder; unter die Räder legten wir große Holzscheite,
die mit Hilfe einer Axt von einem Balken abgehauen worden waren. Es
war eine langsame, geduldheischende Arbeit. Drei Stunden vergingen,
ehe wir die Maschine so weit hatten, daß sie aus der tiefen Höhlung
herausgezogen werden konnte. Wir befestigten die Seile an dem hinteren
Teil des Gestelles und versuchten mit vereinten Kräften zu ziehen. Aber
alle Mühe war vergebens.
Ochsen, waren Ochsen da? Nachdem wir durch die Gebärdensprache Balken
beschrieben hatten, war es uns ein leichtes, Ochsen zu verlangen. Es
wurde eine Herde herbeigeholt, die einige Kilometer von uns weidete.
Die Länge der Seile gestattete aber nicht, die vier Ochsen zugleich
anzuspannen. Die armen Tiere zogen und zogen, aber es gelang ihnen
ebensowenig als uns, das Automobil zu bewegen. Wir sahen jedoch ein,
daß, wenn die vier Ochsen gleichzeitig eine Kraftanstrengung machen
könnten, sie Erfolg haben würden. Angetrieben zogen sie nur einer nach
dem andern. Wie sollten wir die Ochsen von dem Vorteile gemeinsamen
Zusammenwirkens überzeugen? Da kam uns eine geniale Idee: setzen wir
den Motor in Bewegung!
Der Erfolg war vollständig. Bei dem unvermuteten Getöse stemmten
die vier erschreckten Ochsen ihre Füße genau gleichzeitig ein und
senkten brüllend die dicken gehörnten Köpfe in so entschlossener
Fluchtbewegung, daß das Automobil schwankte! Ettore, der auf die
Maschine gestiegen war, drückte das Pedal des Akzelerators herunter,
der Lärm wurde betäubend und ging in ein fürchterliches Heulen über.
Die vier Tiere zitterten vor Schreck und zogen mit verzweifelter
Kraftanstrengung an -- mit einem Male bewegte sich die Maschine mit
einem Ruck aus dem Loche! Es war ein Augenblick größter Freude!
Die Karosserie wurde in wenigen Minuten wieder an Ort und Stelle
gebracht, das Gepäck, die Ersatzreifen, die Vorräte und die Werkzeuge
mit fröhlicher Geschäftigkeit wieder aufgeladen. Eine halbe Stunde
später waren wir zur Abfahrt bereit. Die Mongolen erhielten in
freigebiger Weise eine große Menge Rubel und begrüßten diese Gabe mit
Ausrufen der Begeisterung und mit Gebärden überströmender Freundschaft.
Jetzt näherte sich auch der Burjatenführer und streckte ebenfalls seine
Hand aus. Der Fürst sagte lächelnd zu ihm:
„Keine Arbeit, kein Geld!“
Der Burjate zog die Hand zurück und sagte mit tückischem Augenaufschlag:
„Ich brauche dein Geld nicht!“
Und er fügte Worte hinzu, die wir glücklicherweise nicht verstanden.
Dann sahen wir ihn sein Pferd besteigen und seinem Stamme mit der Hand
das Zeichen zum Aufbruch geben. Die lange Reihe der Telegas entfernte
sich.
Wir baten die Mongolen um einen Führer. Einer von ihnen erbot sich
dazu. Er stieg zu Pferd, und wir folgten ihm. Alle andern gaben uns das
Geleite. Sie waren voll naiver Dankbarkeit und ritten in vollem Galopp
um uns herum, lachend und schreiend. Einige Pferde trugen zwei Reiter,
wie in Urga bei der Verfolgung des Gouverneurs.
[Illustration: Fahrt durch einen Nebenfluß des Iro.]
Der Führer entledigte sich seiner Aufgabe mit vieler Würde. Wir
durchfuhren ein wahres Labyrinth; jeden Augenblick kamen wir an Sümpfen
vorbei und wandten uns in der weiten, trostlosen Ebene durch hohe
Binsen und Seelilienbüschel. Die Sonne ging unter, und über die Erde
breitete sich ein Schleier, der der Landschaft ein unnennbar düsteres
Aussehen verlieh.
Als wir am Ende der Ebene angekommen waren, verließ uns die seltsame
Reiterschar und zerstreute sich. Der Führer zeigte uns noch
bereitwillig einen Weg, der das Gebirge umging. Als er uns verließ,
war es beinahe Nacht. Sein Pferd zitterte vor Müdigkeit. Nachdem er
sich von uns verabschiedet und uns nochmals für die erhaltene Belohnung
gedankt hatte, streckte sich der Mann auf dem Rasen aus.
Wir setzten unseren Weg fort. Für die Maschine und für uns brauchten
wir Wasser; wir konnten nicht halten, bevor wir es nicht gefunden
hatten. Von einem Augenblick zum andern hofften wir, den Fluß Chara-gol
anzutreffen. Wir beobachteten sehnsüchtig den Weg vor uns, und bei
jedem Tale, bei jedem Üppigerwerden der Vegetation sagten wir uns:
„Dies muß der Fluß sein“ -- aber der Fluß ließ sich nicht sehen, und
wir fuhren mit neuem Vertrauen weiter, um ihn zu suchen.
Es war Mondschein. Wir hatten keine Laternen, das heißt, wir hatten
sie schon, aber sie waren nicht zum Anzünden bereit. Wir befanden uns
mitten zwischen Anhöhen, und der Pfad wandte sich durch enge Täler,
ging bergauf, bergab, kaum erkennbar am Grase der Wegränder. Angespannt
beobachteten wir die Wegspur, voll Furcht, sie zu verlieren.
Für unser müdes Auge nahm unter dem gespenstischen Lichte des Mondes
alles ein furchterweckendes, unbestimmtes phantastisches Aussehen an.
Die Umrisse der Hügel, die düsteren Gründe der Täler, die Gesträuche
ließen uns bisweilen erschauern; sie hatten eine geheimnisvolle,
unbestimmbare Form. Es schien eine leise Bewegung in den Dingen
zu herrschen, schweigende, unbekannte Gestalten schienen an uns
vorüberzustreichen. Wer je in der Nacht durch unbekannte, öde Gegenden
gereist ist, hat diese bizarren Verwandlungen erblickt, und wenn er
am Tage nach denselben Örtlichkeiten zurückgekehrt wäre, so würde er
erstaunt sein, sie so ganz anders zu finden. Man möchte sagen, die Erde
benutze die Dunkelheit der Nacht, um ein ihr eigenes geheimnisvolles
Leben zu führen. In der Nacht tritt alles, was es Märchenhaftes,
Ausschweifendes, Widersinniges in unserer Phantasie gibt, hervor und
nimmt im Dunkel Platz. Es gibt nicht zwei Menschen, die eine nächtliche
Landschaft auf dieselbe Weise erblicken: jeder sieht _seine_ Landschaft.
[Illustration: Die „Itala“, aus dem Sumpfe befreit, bereit, die
Weiterfahrt nach Kiachta anzutreten.]
In der Tat bemerkte jeder von uns in dieser unvergeßlichen Nacht etwas,
was die andern nicht zu sehen vermochten. Es waren Flüsse, es waren
Häuser, es waren unbeweglich dastehende Menschen, alles Erscheinungen,
die verschwanden, wenn wir näherkamen. Das Gelände schien zur raschen
Fahrt geeignet, aber von Zeit zu Zeit hörten wir den Sand unter
den einsinkenden Pneumatiks knirschen, und der Motor mußte sich
anstrengen. Dann wurde die Maschine mit aller Kraft vorwärtsgetrieben,
damit sie nicht steckenbliebe. Einmal sahen wir wirkliche Wesen, die
sich bewegten, es waren Kamele. Wir kamen dicht an einer lagernden
Karawane vorüber. Zwei Männer standen am Wege. Sie wandten sich mit
einer raschen Bewegung um und rührten sich nicht mehr. Wir hätten
ihren Gesichtsausdruck sehen mögen beim plötzlichen Erscheinen dieser
schwarzen Masse, die unter Getöse durch die Wüste dahinraste.
„Wie spät ist es?“ fragte der Fürst, dessen Uhr zerbrochen war.
Ich zündete vorsichtig ein Streichholz an und sah auf meine Uhr.
„4 Uhr.“
Wir waren seit früh 4 Uhr unterwegs. Siebzehn Stunden beständiger
Arbeit und aufreibender Nervenanspannung! Wir waren müde. Der Chara-gol
zeigte sich immer noch nicht. Wir konnten ihn nicht verfehlen, denn
sein Lauf mußte unsere Straße kreuzen.
Der Mond neigte sich zum Untergange. Die Nacht bevölkerte sich mit
Sternen. Ich konnte in der Tat den Pfad nicht mehr erkennen und
bewunderte Ettore, der ruhig steuerte, als fahre er auf der besten
Kunststraße.
„Ein Licht, ein Licht!“ riefen wir plötzlich wie aus einem Munde.
„Es muß das Feuer eines Lagers am Ufer des Flusses sein“, bemerkte der
Fürst.
Wir faßten wieder Mut. Aber nach wenigen Augenblicken war das Licht
verschwunden. Wir hatten uns aber den Punkt, an dem es zum Vorschein
gekommen war, genau eingeprägt und durchspähten gierigen Auges jene
Stelle der Finsternis. Als wir nach einigen Minuten dort anlangten,
bemerkten wir einige Jurten und hielten. Eine Hundemeute umringte uns
bellend. Es erschien ein Mann im Rahmen einer Tür, aus der Licht drang.
Wir baten ihn um Wasser, und er bot uns alles, was er hatte, in einem
Kochgefäß an. Das Wasser war warm, fettig und erdig. Wir fragten ihn,
wo die Quelle sei, und er zeigte uns den Weg mit einer Gebärde der
Hand, als wollte er sagen: „Ganz in der Nähe.“ Wir baten ihn, uns
hinzuführen, er lehnte aber ab. Er fürchtete sich vor uns.
So fuhren wir bis zu einer Wiese, wo wir zu lagern beschlossen. Während
Ettore das Zelt aufschlug, machten der Fürst und ich uns auf die Suche
nach der ersehnten Quelle. Er trug den Eimer und ich den Spaten;
den Eimer für das Wasser, den Spaten für die Hunde. Ich stellte die
bewaffnete Macht dar; ein Schutz war nötig, weil die mongolischen Hunde
von besonderer Wildheit sind. Der Mond war untergegangen, und die Erde
schlummerte, während der bleiche Sternenschimmer alle Unebenheiten
verwischte.
Nach vielem Umhersuchen gelang es uns, einen kleinen schlammigen,
stark fauligen Wasserlauf zu entdecken. Trotz des Durstes, von dem
wir gequält wurden, war es uns nicht möglich, einen einzigen Schluck
davon zu trinken. Wir kehrten zum Zelte zurück und bereiteten Tee, den
niederträchtigsten Tee, der sich denken läßt! Schweigend verzehrten
wir einige Konserven, schlürften das nichtswürdige Getränk mit viel
Zucker und krochen auf allen vieren unter das Zelt. Die Nacht war von
göttlicher Stille.
Wir hatten die Vorsicht gehabt, nichts außerhalb des Zeltes
liegenzulassen, und Ettore legte, treu der erhaltenen Anweisung,
die Pistole in den Bereich seiner Hand. Auf dem Gras ausgestreckt,
eingehüllt in die mollige Wärme unserer Pelze, fielen wir sofort in
tiefen Schlaf.
Mitten in der Nacht wurden wir jäh aufgeschreckt durch die Stimme
Ettores, welcher rief: „Wer da?“
Er hatte sich erhoben, und ich bemerkte, wie er nach der Mauserpistole
tastete. Ich lauschte. Nach wenigen Augenblicken hörte ich draußen vor
dem Zelte ein leises, kurzes, aber deutlich vernehmbares Geräusch im
düsteren Schweigen der Nacht.
„Wer da?“ rief Ettore nochmals, jetzt in entschiedenerem Tone.
Niemand antwortete. Es strich ein Luftzug vorüber, und das Geräusch
erneuerte sich. Es war ein rasches, leichtes, unbegreifliches Schlagen
ganz in der Nähe.
Leise hoben wir einen Zipfel der Zeltleinwand empor und spähten hinaus.
„Zuerst wußte ich nicht, was es war!“ rief Ettore lachend. „Wer hätte
auch geglaubt, daß sie solchen Lärm machen könnte! Ich bin davon munter
geworden!“
Es war die Flagge -- unsere auf dem Automobil gehißte Flagge, die bei
jedem Windhauch flatterte und leise rauschte! Es schien, als lebe sie
und halte Wache.
* * * * *
Nur wenige Kilometer vom Flusse entfernt hatten wir gelagert. Am Morgen
des 24. Juni, in aller Frühe, überschritten wir ihn rasch in einer
Furt. Das Gebirge hatten wir zu unserer Rechten gelassen und uns nach
Westen dem Laufe des Orchon genähert, quer über eine Reihe sumpfiger
Flächen hinweg. Wir waren jedoch gegen die Tücken des Geländes wohl auf
der Hut und trieben das Automobil erst dann vorwärts, wenn der Boden
vorher genau untersucht worden war.
Von allen Seiten umringten uns Gefahren; oft spürten wir unversehens
unter unseren Füßen die wellenförmige Bewegung des verborgenen Sumpfes
und fuhren mit einem Gefühl des Schauders rückwärts, als seien wir auf
ein Reptil getreten.
„Zurück! Sofort zurück!“ riefen wir Ettore zu, der vorsichtig die
Maschine dicht hinter uns lenkte.
Neue Übergänge wurden gesucht. Mitunter fanden wir keinen Ausweg und
mußten weit zurückgehen, um an einer andern Stelle den Versuch zu
erneuern. Nach und nach gelang es uns aber mit großer Geduld, aus dem
sumpfigen Gelände herauszukommen und die kahlen, sandigen Hügel zu
erreichen, die sich zwischen dem Orchon und dem Iro erstrecken.
Seit dem vorigen Abend hatten wir Zeichen bemerkt, die unser Interesse
erregten. Es waren die Fußspuren zweier Europäer und eine Wagenspur.
Wenn man auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern nur die Spuren
chinesischer Schuhe und mongolischer Stiefel gesehen hat, so macht der
Abdruck einer europäischen Sohle den Eindruck, als habe man das Porträt
eines Bekannten vor sich.
Die Spuren liefen in derselben Richtung, die wir einschlugen, und
sie waren frisch. Sie verschwanden bisweilen; in der Ebene hatten
wir sie verloren, dann entdeckten wir sie wieder und fanden ein
eigenartiges Vergnügen daran. Wir sprachen von ihnen. Wann waren sie
dem Boden eingedrückt worden? Vor einer Stunde, vielleicht auch vor
kürzerer Zeit? Sie deuteten auf den sicheren und weit ausgreifenden
Schritt zweier junger Männer. Es waren keine Wagenführer, weil ein
sibirischer Wagenführer viele Telegas in einer Reihe leitet, während
hier zwei Männer einen einzigen Wagen begleiteten. Der Wagen schien
nicht schwer beladen gewesen zu sein, denn die Furchen waren leicht;
er mußte irgendeine wertvolle Ware mit sich führen, die wenig wog und
doch einen sicheren Schutz erforderte. Man glaubt nicht, wie sehr
diese Kleinigkeiten in der endlosen Eintönigkeit einer Reise wie der
unseren imstande sind, die Neugier zu erregen und unerschöpflichen
Unterhaltungsstoff zu liefern. Ein Zeichen, eine Spur, ein Geräusch
tragen die Phantasie in die schöne, unerforschte Welt der Vermutungen
hinüber. Es ist die einzige Unterhaltung.
An einem Abhange holten wir unsere Europäer endlich ein. Es waren zwei
junge blonde und kräftige Russen, dem Anscheine nach Arbeiter. In dem
von einer Plane überdeckten Wagen wurde eine ebenfalls junge Frau mit
einem Kinde an der Brust sichtbar. Wir wechselten einen Gruß: „~Do
svidania!~“, unseren ersten russischen Gruß.
Jetzt kam der Orchon in Sicht, eingesäumt von einer durstigen Menge
üppigwachsender Pflanzen. In Schlangenwindungen floß er durch sein
unermeßliches grünes Tal, in dem Rinder weideten. Wir sahen den Fluß
von der hohen Uferböschung aus. Einen Augenblick hielten wir ihn für
den Iro. Dann wandte sich der Pfad nach Norden, stieg bergab und führte
uns durch andere Ebenen, wo wir genötigt waren, unsere Untersuchungen
von neuem zu beginnen. Wir überschritten kleine Wasserläufe,
Nebenflüsse des Iro, in die wir erst hineinwateten, um den Grund
zu untersuchen und die für den Übergang des Automobils geeignetsten
Stellen ausfindig zu machen. Mächtige und schwer zu passierende
Sanddünen kündigten die Nähe eines großen Flusses an. Endlich
erblickten wir den Iro; klar und breit strömte er rasch dahin.
[Illustration: Wie ohne Brücke und Fähre über den Iro kommen?]
So hatten wir ihn denn erreicht! Wie aber hinüberkommen? War es
möglich, ihn mit Hilfe des Motors zu durchfahren? Ettore watete in das
Wasser hinein; er hatte aber noch nicht hundert Schritte gemacht, als
wir es ihm schon bis an die Hüften reichen sahen. Er berichtete:
„Wir müssen eine andere Art ausfindig machen. Der Grund ist gut, aber
das Wasser würde den Magneten bedecken. Die Zündung würde nicht mehr
funktionieren, und wir würden plötzlich, mitten im Strom, stillstehen.
Die Strömung ist sehr stark; zuweilen drohte sie mich mit fortzureißen.“
Wir dachten an den Bau einer Fähre. Um das Gewicht des Automobils zu
tragen, wäre eine sehr große Fähre erforderlich gewesen und mindestens
zwei Lagen Balken; wo sollten wir aber so viel Holz hernehmen? Als
wir uns umsahen, entdeckten wir neben einem kleinen Gebüsch eine alte
Hütte, die einer sibirischen Isba ähnelte, umgeben von einer niedrigen
Palissadenwand.
„Kaufen wir die Hütte,“ schlug ich vor, „reißen wir sie ein, und wir
haben genug Holz zum Bau einer Fähre.“
„Das würde vielzuviel Zeit kosten“, bemerkte der Fürst. „Sehen wir erst
zu, ob sich nichts findet, was rascher fördert.“
Da traten einige Mongolen aus der Hütte und näherten sich uns. Es waren
auch Frauen darunter, das Gesicht umgeben von der komischen, an ein
Elefantenohr erinnernden Haartracht. Andere kamen am sonnigen Ufer
entlang geritten.
Vielleicht konnten wir die Barke erreichen, welche die Wagen übersetzt,
die auf der Straße über das Gebirge kommen? Es mußte einen Weg geben,
der uns zu ihr führte. Wir fragten die Mongolen, von denen einige etwas
russisch verstanden.
Nein, es gab keinen solchen Weg; weiter hinauf wurde das Ufer felsig.
Wir mußten bis zu der von uns am Abend vorher befahrenen Straße
zurückkehren und das Gebirge überschreiten, vorausgesetzt, daß dies
möglich war.
Es gab noch ein anderes Mittel: den Magneten aus dem Automobil
herauszunehmen und dieses dann an das andere Ufer zu ziehen. Der mit
einer dicken Fettschicht überzogene Motor würde keinen Schaden leiden,
wenn das Wasser nur nicht in die Zylinder eindränge.
Wir beschlossen, unverzüglich den Versuch zu wagen. Zunächst machten
wir den Mongolen unser Vorhaben klar. Wir brauchten Ochsen; wir würden
gut zahlen, müßten sie aber sofort haben. Sie gingen darauf ein. Nach
kurzer Zeit sahen wir von irgendwoher eine Anzahl Ochsen ankommen
unter Obhut zweier Hirten, die ihren langen Stachelstock schwangen.
Bei diesem Anblicke gestanden wir feierlichst, daß die Mongolen das
dienstfertigste und zuvorkommendste Volk der Welt seien.
[Illustration: Übergang über den Iro-Fluß.]
Ettore, der auf dem Rücken ausgestreckt unter dem Automobil auf dem
heißen Sande lag, arbeitete lange Zeit. Er nahm das Blech ab (wir
nannten es den „Bauch“ nach einer gewissen Ähnlichkeit mit einem
Pferdeleib), das von unten den Motor und das Geschwindigkeitsgetriebe
schützt, schraubte sorgfältig den Magneten los und bedeckte die
feinsten Teile der Maschine mit ölgetränkten Lappen; dann hüllte er den
Magneten sorgfältig in seine Joppe und erklärte schließlich, alles sei
bereit. Die Stricke wurden an dem Automobil befestigt und die Ochsen
angespannt. Nun begann eine seltsame Bugsierschiffahrt über eine etwa
300 Meter breite Wasserfläche.
Zugleich mit den Ochsen und dem Automobil betraten sämtliche Mongolen
das Bett des Iro; einige zu Fuß, andere zu Pferde, zu zweit und dritt
auf einem Tiere reitend. Auch die Frauen bestiegen ihre Sättel, um den
Schiffszug zu begleiten. Der Fürst erhielt ein Pferd zur Verfügung
gestellt. Ich stand im Begriff, ebenfalls zu Pferd in aller Ruhe den
Übergang zu bewerkstelligen, und war vor allem darauf bedacht, den
photographischen Apparat durch Hochhalten aus dem wahrscheinlichen
Bereich der Spritzer zu bringen, als jemand hinter mir auf meinen
Sattel sprang. Es war ein Mongole, der dies ganz natürlich fand. Mit
heiterer Vertraulichkeit hielt er sich an meinen Schultern fest, und so
kamen wir selbander in brüderlicher Gemeinschaft ans andere Ufer.
Mitten im Flusse verschwanden die Räder des Automobils, und das Wasser
schoß gurgelnd über den Boden der Karosserie. Die Ochsen zauderten
einen Augenblick, als sie die Stärke der strudelnden Strömung spürten,
die sie von ihrem Wege abdrängte; aber die Zurufe und der Stachelstock
spornten sie zu neuer Kraftentfaltung an, und eine Minute später
wohnten wir dem ungewöhnlichen Schauspiele bei, daß ein Automobil
über und über triefend und unter Hinterlassung einer breiten nassen
Spur aus dem Bade kommt. Von dem Augenblicke an, als wir an das linke
Ufer gelangt waren, bis zu dem, als wir das rechte erreichten, waren
zweieinhalb Stunden verflossen. Es ist dies viel Zeit zum Zurücklegen
einer Wegstrecke von 300 Metern!
Eine halbe Stunde später waren wir marschfertig, um den letzten Zipfel
der Mongolei zu durchqueren. Wir benachrichtigten die wackeren Mongolen
von der Ankunft noch mehrerer solcher Wagen wie des unsrigen und
fuhren ab. In diesem Augenblicke entbrannte unter den braven Leuten
ein anscheinend wütender Streit über die Verteilung des Geldes. Man
hätte sagen können, sie seien im Begriff, zu den Messern zu greifen,
wenn man nicht wüßte, daß die Mongolen mit Entsetzen vor Blutvergießen
zurückschrecken; ihre Religion verbietet es ihnen, und sie gehorchen
ihr buchstäblich. Wenn sie sich an einem Feinde rächen wollen, so --
erdrosseln sie ihn.
Wir fuhren rasch; wir hatten Eile, die russische Grenze zu
überschreiten. Ich weiß nicht warum, aber wir hatten den Eindruck, als
seien jenseits der russischen Grenze die Wegschwierigkeiten zu Ende.
Wir gaben uns der tröstlichen Illusion hin, daß von nun an alles sich
zu einer langen Reihe von Spazierfahrten gestalten werde. Auf den
Karten waren von Kiachta an die Straßen mit zwei Linien statt mit einer
bezeichnet. War das nicht der Beweis einer großen Veränderung? Diese
beiden Linien erschienen uns köstlich. Wir schlugen alle Augenblicke
die Karte nur zu dem Zwecke auf, um diese Linien mit dem Auge zu
verfolgen und schon im voraus die Freude einer ununterbrochenen „60 in
der Stunde“ zu kosten.
Etwa 40 Kilometer vom Iro entfernt traten wir in den Schatten
majestätischer Kiefernwälder. Infolge des trockenen, glatten Geländes
gab es eine rasche Fahrt im Walde. In wenigen Minuten fühlten wir uns
schon unendlich weit vom chinesischen Reiche entfernt, obwohl die Räder
unseres Automobils noch auf dessen Boden dahinrollten. Wir wechselten
Worte der Bewunderung und Begeisterung, als seien wir unser Lebenlang
nie in einem Walde gewesen. Zu Füßen der mächtigen geraden Stämme
breitete sich ein weicher Rasenteppich aus. Wir atmeten Harzduft ein.
Wir kamen an grünen Waldwiesen vorüber, die in uns die Lust erweckten,
zu halten, uns auf einem alten gestürzten Stamme niederzulassen und uns
des Schattens zu erfreuen.
„Wie schön!“ wiederholten wir. „Es ist wie in einem Parke.“
Wenn wir jetzt daran zurückdenken, so war die Schönheit gar nicht so
außerordentlich, aber die Neuheit war groß. Der Bogda-ola hatte uns
auch Wälder sehen lassen, aber nur von ferne, und hier nahm uns der
Wald selbst auf. Der Unterschied ist ganz gewaltig, wenn man aus der
Wüste kommt.
Der Weg war etwas sandig und infolge hier und da hervorstehender
Wurzeln etwas holprig, aber verhältnismäßig gut. Nach einigen Stunden
trat jedoch eine Veränderung ein, die uns den Wald unerträglich machte:
der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. Wenn der Sonnenschein
fehlt, macht die Gesellschaft der Bäume traurig; sie fügt Schatten
zu Schatten; die Dunkelheit wirkt beklemmend, weil sie gleichmäßig
verbreitet ist, und erfüllt uns mit der ganzen Melancholie der
Abenddämmerung.
Als wir aus den Kiefernwäldern herauskamen und der Horizont sich
entfaltete, bemerkten wir im Norden eine schwarze Wetterwand. Unterhalb
der düsteren, niedrig schwebenden, bleigrauen Wolken zog sie sich in
der Form eines Nebelstreifens über die Erde. Sie verbreitete sich wie
der Rauch einer sich rasch ausdehnenden Feuersbrunst. Die Luft war
still.
Wir fuhren in ein sandiges Tal hinab. Eine kleine Wagenkarawane hatte
sich hier gelagert. Das Benzin im Motor war zu Ende, und wir mußten aus
den Behältern neues aufgießen; wir hielten daher. Mit einem Male wurde
die Stille der Luft gestört, ein plötzlicher Windstoß fuhr heulend
vorbei. Er war der Vorbote eines Orkans, der sich nach wenigen Minuten
wütend auf die Ebene stürzte und Wolken von Staub aufwirbelte, die uns
zwangen, die Augen zu schließen.
Es war der Abschiedsgruß der Mongolei! Wir erlebten ein in jenen
Gegenden häufiges Schauspiel: einen Sandsturm. Wir befanden uns in
einem Luftwirbel. Das Automobil wurde hin und her gerüttelt; wir
hielten uns dicht an die Maschine, die uns als Windschutz diente. Die
Richtung des Windes wechselte wirbelartig. Der Sand lief wie eine
Flüssigkeit über den Boden hin; er bildete gelbe Ströme, häufte sich
zusammen und erhob sich in Wirbeln. Der heftigste Anprall dauerte aber
nur wenige Minuten, und nach einer halben Stunde ließ der Sturm mit
derselben Schnelligkeit, mit der er gekommen war, nach. Wir sahen den
Orkan sich entfernen, wie man auf der Erde den Schatten der Wolken
dahinhuschen sieht.
Kiachta konnte nicht mehr weit sein. Es war 4½ Uhr nachmittags. Wir
wollten rechtzeitig eintreffen, um vor Einbruch der Nacht noch die
Geschäfte auf dem Zollamt zu erledigen und auf russischem Boden zu
schlafen. Wir suchten daher die Fahrt zu beschleunigen, aber der
Weg führte uns über Dünen, in denen die Räder einsanken. Der Sand
lag lose und hoch und leistete uns einen immer größeren Widerstand.
Die Laufräder begannen sich zu drehen, ohne sich fortzubewegen; sie
schleiften auf dem Boden. Der Motor strengte sich an und erhitzte sich,
und der Dampf strömte zischend aus dem Kühler. Es fehlte uns an Wasser,
und aus Furcht, einen Teil der Maschine zum Schmelzen zu bringen,
gewährten wir dem Motor lange Ruhepausen. Er verbreitete eine Hitze,
die sich schon von fern bemerkbar machte, jedesmal aber warteten wir
die Abkühlung ab. Während dieser Ruhepausen arbeiteten wir, ebneten den
Weg vor den Rädern mittels des Spatens und schaufelten so viel Sand
weg, bis wir auf eine feuchte, härtere Schicht stießen. Dann ging es
wieder vorwärts; wir unterstützten die Anstrengungen der Maschine durch
Schieben. Zentimeter auf Zentimeter rückten wir vor. Wir brauchten eine
Stunde, um einen halben Kilometer zurückzulegen, und gelangten dann in
steilem Aufstieg zum Gipfel.
Auf halber Höhe zeigte sich uns Kiachta. In der Entfernung von zwei
Kilometern lag es in ein Tal eingebettet, um vor den Stürmen geschützt
zu sein. Daher hatten wir es auch vorher nicht gesehen. Sie verbarg
sich vor uns, die stolze Stadt!
Wir empfingen in der Tat von Kiachta den Eindruck stolzer
Großartigkeit. Das Bild wuchs in unserer Phantasie ins Riesengroße,
zu einem wahren Schönheitstraum. Wir sahen spitze Glockentürme, weiße
Häuser mit Fenstern, Giebeldächer, Fabriken mit hohen Schornsteinen
-- alles wunderbare, unglaubliche Dinge! Diese Formen setzten uns in
Erstaunen, weil sie uns vertraut waren. Es schien, als sei uns Europa
bis zur Mongolei entgegengekommen.
So waren wir also angelangt! Wir fühlten Freude und Stolz darüber.
Wir betrachteten diese Stadt, die zwischen dem Grün der Bäume weiß
hervorschimmerte, als hätten wir sie erobert. Ihr Erscheinen war eine
Überraschung, ihr Anblick eine Offenbarung.
Von diesem Augenblicke an prägte sich der Name Kiachta dem Geiste
Ettores unauslöschlich ein und teilte sich hinfort mit Kalgan in die
Ehre, alle Städte des russischen Ostens zu bezeichnen.
Vor Kiachta dehnt sich eine niedrige, regellose Menge kleiner Häuser
aus: es ist Maimatschen, die letzte chinesische Stadt. Urga ist eine
dreifache, Kiachta eine doppelte Stadt. Die Häuschen von Maimatschen
drängen sich auf der Grenze der beiden Reiche an die slawischen
Gebäude heran, als wollten sie sich deren Einmarsch entgegenstellen.
Die russische und die chinesische Stadt liegen nicht wie in Urga weit
voneinander entfernt, sondern berühren einander. Es sieht aus, als
stießen sie sich, als suchten sie einander vom Platze zu drängen,
als machten sie sich das Gelände Zoll um Zoll streitig. Die neutrale
Zone ist nur wenige Meter breit -- ein kleiner Rasenstreifen, auf
dem sich einer Schildwache gleich der hohe Pfeiler erhebt, der die
Grenze bezeichnet. Die Nachbarschaft hat kein vertrautes Verhältnis im
Gefolge gehabt. Auf der einen Seite Stockchinesentum, auf der andern
Stockrussentum. Eine Ansiedlung, die an der Wolga liegen könnte, ist
mit einer solchen vereinigt, die sich am Jang-tse-kiang befinden könnte!
Was uns in Maimatschen in Erstaunen setzte, war der Umstand, daß sich
hier die am schärfsten ausgeprägten Charakterzüge Chinas finden.
Es gleicht weniger einem Orte der Provinz Tschili als einem von
Hu-pe; es gehört mehr dem Süden als dem Norden des Reiches an. In
der Tat stammen seine Bewohner aus der Umgebung von Hankou, aus
dem eigentlichen Herzen Chinas. Sie kommen aus dem Lande des Tees
und sind des Tees wegen nach Maimatschen gewandert. Kiachta und
Maimatschen verdanken ihr Dasein einzig und allein dem Tee, der auf
langen Reihen von Kamelen durch die Wüste kommt (oder besser kam).
Kiachta nimmt ihn in Empfang, Maimatschen übergibt ihn. Dieser Ort ist
Jahrhunderte hindurch der Mittelpunkt eines der größten Weltmärkte
gewesen. Der Handel mit Tee hat fabelhafte Reichtümer von Hankou nach
Moskau gebracht; sein Transport hat die Saat des Wohlstandes auf zwei
Kontinenten zurückgelassen. Der Tee ist eine der reichsten Quellen des
Gewinnes zweier Völker geworden, die in jenen Einöden ein dauerndes
Kompaniegeschäft gegründet haben. Es sind China und Rußland, die
miteinander im Vertragsverhältnisse stehen.
Die Bewohner von Maimatschen haben alle ihre Gewohnheiten, ihre
Gebräuche, ihre Geschmacksrichtungen mitgebracht. Die Außenwände der
Häuser sind roh, einförmig kahl und grau, weil der Chinese seinen
Luxus nicht für die Vorübergehenden zur Schau stellt. Aber durch jede
offene Tür sehen wir in das Innere großer, buntbemalter Höfe hinein
und auf den Türpfosten, auf den spanischen Wänden, die die Blicke
der Fremden abhalten sollen, auf den Pfeilern drehen und winden sich
Drachen und andere lebhaft gefärbte Fabeltiere, gestikulieren bizarre
Gestalten, fliegen Phönixe inmitten eines Gewirrs traditioneller
Ornamente, erglänzen große vergoldete chinesische Schriftzeichen, die
„langes Leben“ und „viel Glück“ bedeuten -- die ganze ins Auge fallende
Zusammenstellung von Dingen, die in China die Aufgabe haben, das Böse
zu vertreiben und das Gute anzulocken. Eine derartige überströmende
ornamentale und symbolische Fülle ist den echt chinesischen Ortschaften
Chinas jenseit des Gelben Flusses eigen, wohin der tatarische Einfluß
nicht gedrungen ist.
Die Bevölkerung von Maimatschen wurde durch unsere Ankunft in Aufregung
versetzt. Man hatte uns von den sandigen Hügeln herunterkommen sehen,
und alle Chinesen in ihren blauen Kleidern liefen, die Fächer bewegend,
auf die Straße, kamen uns entgegen und drängten sich um uns, während
wir durch die Stadt fuhren. Keine Frau befand sich unter ihnen. Es ist
eine Eigentümlichkeit Maimatschens, die auffallendste, die sich in
einer Stadt, die Tausende von Einwohnern zählt, denken läßt: es gibt
hier keine Frauen. Ich weiß nicht, ob dies auf einer Bestimmung der
Verträge mit Rußland beruht, das an seiner ganzen östlichen Grenze die
Eroberungszüge der Fruchtbarkeit der gelben Rasse fürchtet, oder auf
einem freiwilligen Entschluß der Chinesen, die davor zurückscheuen,
sich fern von ihrer Heimat anzusiedeln, um nicht nach dem Tode gemäß
ihren Anschauungen das schmerzlichste Exil, das der Seele, zu erdulden.
Tatsache ist, daß Maimatschen eine Männerstadt ist.
[Illustration: In den Sanddünen bei Kiachta.]
Diese Seltsamkeit hat ein Gegenstück, das vielleicht nicht ganz außer
Zusammenhang mit ihr steht: drei Li von Maimatschen entfernt liegt in
der Ebene ein Jurtendorf, das einzig und allein von mongolischen Frauen
bewohnt ist.
Ein junger Chinese winkte uns zu, wir möchten halten, und redete uns
englisch an. Er wollte die Ehre haben, uns zu beherbergen, wenn auch
nur auf wenige Minuten, wie alle seine Kollegen von Kalgan bis Urga
diese Ehre gehabt hatten: es war der Vorsteher des Telegraphenamtes.
„Ich habe den Polizeikommissar von Kiachta von Ihrer Ankunft
benachrichtigen lassen,“ sagte er, als er uns in seiner Privatwohnung
empfing; „inzwischen können Sie sich erfrischen, sich waschen und etwas
trinken.“
Wir befanden uns allerdings in einem unbeschreiblichen Zustande.
Unsere Gesichter waren buchstäblich schwarz von Staub, und auf unseren
Kleidern lag eine dicke Kruste der verschiedenen Schmutzarten, mit
denen wir auf unserer Fahrt in vertraute Berührung gekommen waren:
schwarzer Schmutz aus den Sümpfen, gelber aus dem Chara-gol, weißer
aus dem Iro. Man brachte uns warmes Wasser, kaltes Wasser, Seife,
Kämme, Handtücher, Kleiderbürsten und dann Zigaretten, Wein, Milch,
Biskuits, eingemachte Früchte. Wir versuchten und kosteten alles; wir
verwandelten uns äußerlich und innerlich. Endlich machten wir uns auf
die Ankündigung hin, daß der Kommissar uns erwarte, dankbar und neu
gestärkt wieder auf den Weg.