Die Felsenregion endet bei den Türmen. Man befindet sich jetzt in
einem andern Lande. Wenn China auch auf diesen Gebirgskämmen keine
Grenze mehr besitzt, so wahrt die Natur doch eifersüchtig die ihre. Wir
kommen an einer Karawanenstation vorüber; etwa 50 mit Ochsen bespannte
Wagen, die von Sair-ussu kommen, hielten bei einer armseligen Hütte.
Die Ochsen, denen das Joch abgenommen war, weideten ringsum: kleine,
schwarze Tiere mit langen Hörnern, von einer besonderen Rasse, die den
Strapazen und Entbehrungen der weiten Fahrten widersteht. Aus der Hütte
trat ein Chinese, wieder ein Beamter, aber ohne Eier und ohne Tee,
der gemäß den Befehlen des Ta Tsum-ba gekommen war, uns seine Dienste
anzubieten. Don Scipione bat ihn nur um die Gefälligkeit, uns die
Kamelstraße zu zeigen.
Wir befanden uns noch auf der Straße nach Sair-ussu. Bis zur ersten
Poststation mußten wir ihr folgen. Diese war daran kenntlich, daß sich
eine Fahne und Soldaten dort befinden, hauptsächlich aber daran, daß
im Umkreise von vielen Kilometern kein anderes Gebäude zu sehen ist.
Wir liefen also keine Gefahr, den Weg zu verfehlen. Von der Station aus
hatten wir einfach der Telegraphenlinie zu folgen. Der Telegraph, unser
amtlicher Führer, trat in Tätigkeit.
Eine Stunde später machten wir auf einer Wiese halt. Wir befanden
uns etwa 50 Kilometer von Kalgan entfernt. Gegen 11 Uhr kamen die
übrigen Automobile nach. In fieberhafter Eile begannen die letzten
Vorbereitungen. Die endgültige Auswahl des mitzunehmenden Gepäcks
erforderte viel Zeit und Mühe; die Ballen wurden zugeschnürt und wieder
aufgeschnürt; stets war etwas zuviel oder zuwenig darin. Auf dem Grase
lagen Pelze, Biskuitschachteln, Säcke, Stricke bunt durcheinander.
Das Überflüssige wurde den Kulis überlassen: Feldbetten, Matratzen,
leere Ölkannen. Die Motoren wurden noch einmal geprüft, kontrolliert,
erprobt, jeder Teil der Maschine einer genauen Revision unterzogen. Die
„Itala“ wurde mit einem großen, baldachinartigen Zelte überspannt, das
an den Ecken durch vier eiserne Klammern festgehalten wurde; es sollte
uns nachts, in anderer Weise befestigt, als Obdach dienen.
[Illustration: Der chinesische Telegraphenbeamte in Pang-kiang mit
seinem Töchterchen.]
Eine neue Zuschauermenge hatte sich jetzt um uns versammelt: mit
Gewehren bewaffnete chinesische Soldaten, die von einer aus Lehm
erbauten, von Mauern mit Zinnen und Schießscharten umgebenen Festung
kamen; Karawanenführer, die ihre Lasttiere verlassen hatten, um zu
sehen, was sich Außergewöhnliches in der Steppe zutrug; Mongolen, die
in benachbarten Jurten wohnten und samt ihren Frauen mit den runden
Gesichtern und den mit Ketten geschmückten Haaren herbeigekommen waren.
Diese ganze Menschenmenge füllte jedes Plätzchen: sie betrachtete die
Automobile mit vorsichtiger Neugier und folgte unseren Bewegungen mit
gespannter, scheuer Aufmerksamkeit, als messe sie jedem Handgriff der
Fremden eine geheimnisvolle Bedeutung bei. Genau so würden sie bei der
Beschwörung eines Zauberers zugesehen haben. Um die Menge fernzuhalten,
beschrieb Ettore einen weiten Kreis um die „Itala“, indem er die Erde
mit einem eisernen Geräte furchte. Niemand wagte es, diese furchtbare
Linie zu überschreiten.
Vergebens suchten wir das Gepäck auf dem dafür bestimmten Platze
unterzubringen. Außer dem Gewichte der Behälter hatten wir noch Vorräte
an Öl und Benzin, Gummistreifen und Lebensmittel für zehn Tage bei
uns und hielten es für unklug, auf irgend etwas zu verzichten. Das
Gepäck nahm auch den Platz des Hintersitzes ein. Wir beschlossen, alle
drei im vorderen Teil des Automobils zu fahren, zwei auf den Sitzen
und der dritte links zu Füßen der andern auf dem Boden der Karosserie,
die Beine auf den Tritt stützend. Die Stellung des Dritten war nicht
besonders bequem, aber wir wollten abwechseln. Das erste Opfer war
Ettore.
[Illustration: Eigenartiger lamaistischer Tempel in der Wüste an
altägyptische Bauten erinnernd.]
Es war 2 Uhr nachmittags, als wir uns auf den Weg machten, nachdem wir
in aller Eile ein Frühstück aus Cornedbeef zu uns genommen hatten.
Der Fürst fuhr voran; die andern Automobile folgten. Pietro war schon
aufgebrochen, um vor Torschluß noch in Kalgan zu sein. Er hatte sich
von uns verabschiedet und uns in seiner blumenreichen Sprache so
überströmenden Herzens gedankt, als hätten wir ihm die größte Wohltat
erwiesen, indem wir ihn von Peking 300 Kilometer weit mitgenommen
hatten. Dann war er mit den Kulis in der Richtung auf die Große Mauer
unseren Blicken entschwunden.
Wir durchfuhren das Tal bis zu seiner Mündung und gelangten auf die
Ebene. Die Hügel schlossen sich mit der wachsenden Entfernung hinter
uns zusammen und bildeten gleichsam ein Ufer. Wir hatten tatsächlich
die lebhafte Empfindung, als stießen wir von einer Küste ab. Wir fuhren
los.
Sofort machten wir eine schmerzliche Entdeckung: die allzu schwere
Ladung drückte dermaßen auf die hinteren Federn, daß bei dem
geringsten Stoß des Automobils das Chassis schwer auf die Achse des
Differenzialwerks aufschlug. Wir mußten langsam fahren, aber das
Gelände war uneben, und heftige Stöße folgten aufeinander.
„Wir zerbrechen die Federn oder das Differenzialwerk!“ rief Ettore aus,
dem die Stöße ins Herz zu dringen schienen.
„Es hat keine unmittelbare Gefahr,“ erwiderte der Fürst, der sein
kühles Urteil bewahrte, „aber das Automobil wird es nicht lange
aushalten. Wir müssen es etwas leichter machen.“
„Sofort?“
„Nein, beim ersten Haltepunkte. Wir fahren nicht weit.“
„Was lassen wir von dem Gepäck zurück?“
„Alles, was nicht unumgänglich notwendig ist. Wir werden ja sehen.“
[Illustration: Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.]
Inzwischen wurde die Straße besser. Auf einer Strecke von einigen
hundert Metern konnten wir auch rascher fahren. Alle Augenblicke
bekamen wir winzige chinesische Dörfer zu Gesicht, die, von Gersten-
und Kao-liang(Hirse)feldern umgeben, gleich Oasen in der öden Ebene
lagen. Sie stellen die chinesische Kolonisation dar.
China breitet sich langsam, aber sicher in allen sogenannten eroberten
Gebieten aus, in Turkestan wie in der Mongolei. Mit kleinen Garnisonen
und nur wenig Beamten beherrscht es unermeßliche Landstriche, die von
einer kriegerischen, aber zerstreut wohnenden Bevölkerung bewohnt
werden. In diese Gegenden strömt die chinesische Auswanderung, die die
Bebauung der Felder an den Boden fesselt. Es ist der Ackerbau, der nach
und nach die Gebiete der nomadischen Völkerschaften in Besitz nimmt:
eine mächtigere Kraft als die der Heere, weil der Nomade das Land
nicht liebt und nicht verteidigt; er zieht sich nach den freien Räumen
zurück; er weicht, ohne sich dessen bewußt zu werden.
Die chinesische Bevölkerung dehnt sich gegenwärtig nach Westen hin
in einer Weise aus, wie es seit Jahrhunderten nicht geschehen ist.
Es ist dies eine ganz neue Bewegung, die sich in aller Stille und
völlig unbemerkt im Herzen Asiens vollzieht. Die Ausbreitung Chinas,
in der Richtung auf das Gelbe Meer durch die Interessen der gesamten
zivilisierten Welt gehemmt, findet landwärts ein geeignetes Feld und
schreitet in manchen Gegenden in je zehn Jahren um 70 bis 90 Kilometer
vor. Und China hat eine furchtbare Aufsaugungskraft; es wandelt die
Völker um, macht sie zu Chinesen. So gibt es in der Mongolei alte
Handelszentren, in denen man nicht mehr mongolisch, sondern chinesisch
spricht.
In der Nähe eines dieser Dörfer schlugen wir unser Lager auf. Bei
unserem Anblick flohen die Frauen, auf ihren kleinen verkrüppelten
Füßen forthüpfend, um sich zwischen den Anpflanzungen der
entgegengesetzten Seite des Dorfes zu verstecken. Vielleicht trauten
sie uns übermäßig galante Absichten zu. Die Männer dagegen kamen
herbei und beobachteten uns, während wir das Dach des Automobils in
ein großes Lagerzelt verwandelten, das, in der Mitte des Automobils
befestigt, bestimmt war, uns und der Maschine Schutz zu gewähren. In
kurzer Entfernung lagerten die beiden „de Dion-Bouton“, der „Spyker“
und der „Contal“ in klug ersonnener Weise: die Automobile im Kreise
herum und in der Mitte die Zelte, wie es bei militärischen Expeditionen
üblich ist.
Der Fürst hatte sich entschlossen, die „Itala“ um die Schutzwände, die
eisernen Klammern, die den Baldachin festhielten, die Auspuffrohre,
einige eiserne Stäbe, die wir mit uns führten, um sie als Hebel
zu benutzen, eine Spitzhacke und die Hälfte der Lebensmittel zu
erleichtern. Wir schenkten diese Gegenstände den Chinesen, die uns bei
unseren Arbeiten halfen. Wer uns einen Eimer Wasser brachte, erhielt
eine Schutzwand, eine Spitzhacke derjenige, der uns Eier gab. Diese
braven Leute hielten uns für Narren; sie kehrten froh nach Hause
zurück, Eisenstäbe schleppend oder Konservenbüchsen in einem Zipfel
ihres Gewandes tragend. Dann wurden die Biwakfeuer angezündet.
Allerdings klingt der Ausdruck malerischer, als es in Wirklichkeit
war. In der Mongolei fehlt es an jedem vegetabilischen Brennstoff, und
die Bewohner brennen Kameldünger, der an der Sonne getrocknet wird.
Wir waren also weit von lustig flackernden Lagerfeuern entfernt. Als
Ersatz dafür besaßen unsere Genossen herrliche Benzinöfen. Wir hatten
uns in dieser Hinsicht nicht vorgesehen, hatten keinen derartigen
Apparat besorgt und nahmen in genialer Weise unsere Zuflucht zu der
Lötlampe, wie sie jedes Automobil mit sich führt. So waren unsere
Biwakfeuer beschaffen, um die wir uns in Hemdärmeln geschäftig hin
und her bewegten. Du Taillis überwachte das Kochen einer wundervollen
Suppe, die aus schokoladenähnlichen Tafeln hergestellt wurde und
alle erforderlichen Nährstoffe enthielt. Ich suchte mit Hilfe der
Lötlampe Wasser zum Sieden zu bringen. Die Küche war also, wie man
sieht, gänzlich dem Journalismus anvertraut; aber -- es tut mir der
Ehre des Journalismus wegen leid, es zu gestehen -- die Ergebnisse im
italienischen Lager waren jammervoll. Unser Essen roch entsetzlich nach
Benzin, Petroleum und ranzigem Fett.
Mit einem Male kamen drei Mongolen zu Pferde an. Wir waren ihnen
einige Stunden zuvor begegnet und hatten sie überholt. Einer von
ihnen, ein junger Mann von athletischen Formen, trug ein Gewand aus
pfauenblauer Seide und einen spitzen Hut aus gelber gestickter Seide
und machte den Eindruck eines Häuptlings. Sie sprangen aus dem Sattel,
gaben ihren Pferden Futter, breiteten ihre Decken neben uns aus,
zündeten ein Feuer an, und zwar mit dem erwähnten Brennmaterial, von
dem die Mongolen stets einen Sack voll mit auf die Reise nehmen, und
lagerten sich. Der junge in Seide gekleidete Mann näherte sich uns,
begrüßte uns lächelnd durch tiefe Verbeugungen und zeigte für alles,
was er sah, eine kindliche Neugierde. Er begann mit uns eine lebhafte
aber geheimnisvolle Unterhaltung, während deren wir uns heldenhaft
anstrengten, uns gegenseitig verständlich zu machen. Zum Glück besaß
der Fürst ein wertvolles Manuskript, das einige hundert mongolische
Wörter mit ihrer Übersetzung enthielt, und es gelang uns folgendes
zu verstehen: daß der Sprecher wirklich ein Häuptling war, daß wir
dicht an seinem Dorfe vorübergekommen waren, und daß er uns einlud,
in seinem Hause zu rasten. Alles das war gut und gern einige Büchsen
Cornedbeef wert, und wir überreichten sie feierlichst der erlauchten
Persönlichkeit, deren Freude und Dankbarkeit unerschöpflich schienen.
In diesem Augenblicke hörten wir den Galopp eines Pferdes. Es war
dunkel geworden, und wir erkannten erst dann einen chinesischen
Soldaten in dem Reiter, als er einige Schritte vor uns stehenblieb und
fragte:
„Po-lu-ghe-se?“
Der Fürst (was tut nicht die Gewohnheit!) erkannte in jenen Lauten
die chinesische Form seines Namens und ging dem Soldaten entgegen.
Dieser stieg vom Pferde und reichte ihm ein Paket Briefe. Es war
die Post, die letzte Post aus Peking, die vormittags 9 Uhr in Kalgan
eingetroffen war. Jener Mann hatte in elf Stunden mehr als 95 Kilometer
zurückgelegt! Er hatte vom Tu-tung den Befehl erhalten, uns einzuholen,
und er hatte uns eingeholt. Als er seinen Auftrag ausgeführt hatte,
sprang er wieder in den Sattel, bevor wir noch daran denken konnten,
ihn zurückzuhalten, und ritt davon. Was für prächtige Soldaten würden
die Chinesen abgeben, wenn sie nur Mut besäßen!
[Illustration: Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.]
Diese unvermutete Ankunft von Nachrichten mitten in der Steppe, in der
Feierlichkeit des Abends, in der Stunde, die die Einsamkeit tiefer
und drückender macht, erschien uns seltsam. Es waren Briefe mit
Abschiedsgrüßen, mit Wünschen für das gute Gelingen unserer Fahrt,
Freundesworte, die uns hier am Saume der Wüste erreichten und uns an
diesem Orte noch gehaltvoller und bedeutsamer erschienen. Als wir sie
im Lichte der Dämmerung gelesen hatten, plauderten wir noch längere
Zeit, auf unserem Gepäck sitzend und rauchend, während die Dinge um uns
her verschwammen, in Dunkelheit versanken und unsere Gesichter sich
nach und nach in Schatten hüllten und jeden Umriß verloren. Es scheint,
als vergrößere die Finsternis die Entfernungen und isoliere uns; sie
läßt uns schließlich verstummen, weil sie in uns die Empfindung weckt,
als seien wir allein. Auch wir schwiegen, als wir in der Dunkelheit nur
noch das Glimmen unserer Zigaretten und einen Schimmer weißen Papiers
auf der Erde erkennen konnten. Der klare Himmel hatte sich mit Myriaden
von Sternen bedeckt.
Unsere mongolischen Nachbarn waren um das erloschene Feuer
eingeschlafen; es hatte sich ein Vierter zu ihnen gesellt, der auf
einem Kamel angekommen war. Das bucklige Tier, zusammengekauert und
unbeweglich, hob sich von dem letzten Schimmer im Westen ab und nahm
eine monumentale Großartigkeit an, ähnlich jenen Riesenkamelen aus
Stein, die die Gräber der Mingdynastie schmücken. In der Ferne hörte
man den Hufschlag von Pferden. Die Chinesen aus dem nahen Dorfe waren
verschwunden.
„Begeben wir uns zur Ruhe!“ rief Don Scipione. „Morgen müssen wir um 3
aufstehen.“
Wir machten unsere Lagerstätten unter dem Zelte zurecht und suchten
dann die auf dem Rasen ringsum verstreuten Gegenstände zusammen.
Plötzlich bemerkte ich das Fehlen einiger Kleinigkeiten, eines
Taschenmessers, eines silbernen Bechers und eines Jagdbestecks. Und sie
waren doch vorher da, ich hatte sie benutzt. Es gab hier also Räuber?
Die Entdeckung dieser Diebstähle war nicht allzu ermutigend. In diesem
Augenblicke fragte mich der Fürst:
„Haben Sie die Patronen an sich genommen?“
„Welche Patronen?“
„Den Vorrat an Revolverpatronen, der eben noch hier war.“
„Nein.“
„Dann sind sie gestohlen! Sie sind sämtlich verschwunden. Es bleibt uns
keine andere verwendbare Waffe als eine Mauserpistole, vorausgesetzt
wenigstens, daß nicht auch ...“
„Die Mauserpatronen gestohlen sind?“ fragte ich beunruhigt.
„Ja ... Nein, sie sind hier. Sie waren unter das Gepäck geraten. Wir
wollen die Pistole für alle Fälle laden.“
„Und wollen gute Wache halten! Ein Patronendiebstahl ist nicht leicht
zu nehmen.“
„Ettore, lege dich so, daß du die Pistole bei der Hand hast.“
Ich begab mich zu unseren französischen Nachbarn, um ihnen das
Vorkommnis mitzuteilen. Auch sie machten ihre Waffen schußbereit.
Aber nie in unserem Leben verbrachten wir eine ruhigere Nacht. Die
Diebe, die wahrscheinlich zu den Bewohnern des benachbarten Dorfes
gehörten, begnügten sich mit dem Besitz der Patronen, des Messers und
der übrigen Kleinigkeiten und hielten sich in der Ferne. Wir nahmen uns
vor, Bewunderern gegenüber vorsichtiger zu sein.
Spät in der Nacht drang die schneidende Kälte durch die Pelze hindurch
bis auf die Haut und weckte uns lange vor Tagesanbruch, während wir
durch die Zeltöffnungen noch die Sterne am Firmament funkeln sahen.
* * * * *
Als wir uns erhoben, bemerkten wir, daß die Mongolen bereits
aufgebrochen waren.
Zuerst verließ der dreirädrige „Contal“ das Lager. Er war am Abend
zuvor mit großer Verspätung ins Lager gekommen, da er mehrmals durch
die Unebenheiten der Straße aufgehalten worden war. Stellenweise
war er von seinen beiden willigen, zu allem entschlossenen Führern
geschoben worden, und der Motor hatte sich einigemal beim Überwinden
der Geländeschwierigkeiten erhitzt. Er war daher zuerst aufgebrochen,
um einen Vorsprung auf die etwa 200 Kilometer zu haben, die wir an
dem Tage zurücklegen mußten. Dieses Handikap war am Abend beschlossen
worden.
Ungefähr eine Stunde später fuhren die beiden „de Dion-Bouton“ und
der „Spyker“ in kurzen Zwischenräumen davon. Es war 4 Uhr. Wir wurden
durch das Gepäck aufgehalten, für das es uns nicht gelang, einen
geeigneten Aufbewahrungsort ausfindig zu machen. Die Gepäckfrage hat
uns bis zum Ende der Reise Schwierigkeiten bereitet. Sie war unsere
Qual, unser Alb. Bei dem Bau und der Einrichtung der „Itala“ war alles
vorgesehen, erwogen und geistreich ausgeführt worden, aber an das
Gepäck hatte niemand gedacht. Es fehlte an Mitteln, es unterzubringen
und zu befestigen. Wir mußten es mit Stricken festbinden, die durch die
Federböcke gingen, aber die Stricke, die sich infolge der Feuchtigkeit
der Nacht zusammengezogen hatten, dehnten sich in der Sonne aus,
lockerten sich, das Gepäck rutschte, geriet ins Schwanken und fiel
herunter. Es bedurfte vielstündiger Arbeit, um es wieder an Ort und
Stelle zu bringen.
Die Sonne ging eben auf, als wir uns gegen 5 Uhr auf den Weg machten.
Wir folgten den Spuren der andern Automobile in dem betauten Grase.
Nachdem wir an kleinen chinesischen Niederlassungen vorübergekommen
waren, fanden wir einen Pfad. Seit einer Stunde waren wir unterwegs,
als wir den „Contal“ stillstehend antrafen. Pons und sein Gefährte
waren abgestiegen und schienen damit beschäftigt, etwas am Motor
nachzusehen. Der Fürst, welcher steuerte, hielt die Maschine an, um
Hilfe zu leisten. Nachdem wir uns begrüßt hatten, erklärte Pons, wir
möchten unsere Fahrt nur fortsetzen; er brauche nichts. Wir nahmen an,
er warte die Abkühlung des heißgelaufenen Motors ab, und fuhren weiter.
Eine halbe Stunde später holten wir die andern Automobile ein, die
hintereinander fuhren. Wir grüßten und setzten unsere Fahrt fort. Der
verabredete Treffpunkt war die Telegraphenstation Pang-kiang.
Die Erleichterung des Wagens zeigte ihre guten Wirkungen. Die Federn
hatten sich wieder aufgerichtet, und das Chassis blieb in der
richtigen Entfernung vom Differenzialwerk. Die „Itala“ lief mit einer
Schnelligkeit von 30 Kilometern die Stunde.
Mit einem Male bemerkten wir, daß die Telegraphenstangen im Begriff
standen, zu unserer Linken am Horizonte zu verschwinden. Wir hatten
vielleicht den Weg nach dem Flusse Kerulen im Osten von Urga
eingeschlagen. Quer über die Steppe weg suchten wir wieder unseren
alten Pfad.
[Illustration: Fürst Borghese und die beiden chinesischen
Telegraphisten von Udde.]
Jetzt waren keine chinesischen Lager mehr zu sehen, ebensowenig
Lehmhütten. Nur die öde Ebene dehnte sich vor uns aus, grün und
gleichförmig. Von Zeit zu Zeit unterbrach eine niedere Gruppe
zerklüfteter Felsen die Eintönigkeit des leicht gewellten Horizonts.
Ringsum herrschte eine solche Einsamkeit, daß der Anblick eines
Menschen ein Ereignis war, auf das wir uns gegenseitig aufmerksam
machten.
„Ein Mann zu Pferde ... dort!“
„Er hat uns gesehen. Er sprengt auf uns zu.“
Ich erinnerte mich eines ähnlichen Falls an Bord während einer langen
Seereise, als die Passagiere sich auf dem Verdecke zuriefen, um
einander etwas Seltenes zu zeigen:
„Sehen Sie, ein Schiff ... dort!“
Wir stießen auf große Herden jener kleinen dicken, zähen mongolischen
Pferde, deren wunderbare Marschleistung der tatarischen Eroberung
Chinas die bewegende Kraft geliefert hatte. Eine unerklärliche
Neugierde trieb diese Pferde auf uns zu. Kaum gelangte das noch nie
von ihnen gehörte Geräusch des Motors, das in der großen Stille der
Ebene weithin widerhallte, zu ihren Ohren, so hoben alle die Köpfe,
wandten sich um, und der Anblick eines dahinrasenden Ungeheuers flößte
den furchtsamen Tieren keinen Schrecken ein. Sie erkannten vielleicht
in diesem schnellen Dinge etwas Verwandtes: die Geschwindigkeit. Sie
langten alle zusammen in einem scharfen Galopp bei uns an. Es schien,
als wollten sie uns mit ihrer furchtbaren Masse erdrücken. Sie stürmten
in einem wütenden Laufe an, der wie ein Orkan vorüberjagend alles
niederwirft. Aber auf zehn Meter Abstand von uns machten sie plötzlich
mit steifen Beinen halt mit der Genauigkeit und Geschicklichkeit
arabischer Pferde bei einer Fantasia. Dann begaben sie sich auf unsere
rechte Seite und begleiteten uns im Galopp, solange sie sich nicht
überholt sahen. Dann änderten sie plötzlich ihre Richtung und stürmten
wieder davon, ihren Weideplätzen zu. Das Schauspiel war prächtig,
namentlich als uns jene seltsame Eskorte begleitete, die an unserer
Seite dahinjagte, und wir die ganze Schönheit, Gewandtheit und Kraft
einer wildbewegten Pferdemasse vor Augen hatten.
Das Manöver wiederholte sich, fast jedesmal unverändert. Es war also
den Tieren von einem und demselben Gedanken eingegeben worden. Welcher
war es? Was ging in ihren kleinen Gehirnen vor? Sie schienen in ihren
Bewegungen von der Hand unsichtbarer Reiter gelenkt zu werden, so
geschult waren sie. Man hätte sagen können, daß sich durch einen weit
hinaufreichenden Atavismus der kriegerische Sinn auf diese Tiere
vererbt habe.
Nur wenige Hirten hielten sich in der Nähe dieser Herden auf, die im
Winter, wenn die Tiere mit sehr langem ziegenähnlichem Haar bedeckt
sind, auf die großen Märkte in Peking getrieben werden. Einer jener
Männer hatte versucht, sich uns zu nähern, indem er sein Pferd zur
Karriere anspornte; zu seiner großen Überraschung hatte er uns aber
nicht einzuholen vermocht, und er hielt schließlich an, um uns
regungslos nachzusehen, bis wir aus seinem Gesichtskreise verschwanden.
Zuweilen konnten wir 40-50 Kilometer in der Stunde fahren. Noch nie
war die Mongolei mit solcher Schnelligkeit durchquert worden. Wir
hätten sogar die berühmten Kuriere Dschingis Chans hinter uns gelassen,
die, die Sporen in die Flanken ihrer Pferde gedrückt, die Befehle
des Herrschers und die Kunde von seinen Siegen von einem Ende seines
unermeßlichen Reiches bis zum andern überbrachten.
Diese Fahrt berauschte und betäubte uns, nicht infolge der
physischen Empfindung der Geschwindigkeit, nicht infolge der Freude
am Dahinfliegen, die das Automobil erzeugt und die die Seele der
Automobilleidenschaft ist, sondern infolge einer unsagbar tiefen,
vollen geistigen Genugtuung, infolge der unaussprechlichen Wonne über
den Gedanken, uns hier zu befinden. Zuweilen waren wir von einem Gefühl
des Staunens wie gefesselt; die Klarheit des Denkens verdunkelte sich
wie im Traum, unsinnige Zweifel zogen gleich Wolken über die deutliche
Wahrnehmung der Örtlichkeiten, wir verloren die Erinnerung, um sie im
selben Augenblicke wiederzugewinnen, und unterbrachen lange Pausen in
der Unterhaltung, indem wir zueinander sagten:
„Wir sind in der Mongolei!“
„Ja, in der Tat!“
Einmal wandte sich der Fürst zu mir, um mir unvermutet zu sagen:
„Ich denke daran, daß wir die Wüste Gobi so durchqueren werden. Weiß
Gott, ich kann es kaum glauben!“
In diesem Augenblicke hatte ich denselben Gedanken. Es erfüllte uns ein
rätselhaftes Gemisch von Vertrauen, Entschlossenheit, festem Willen
und zaghafter Ungläubigkeit. Es war in gewissem Grade die Empfindung
dessen, der entschlossen ist zu siegen und bewaffnet fortstürmt, um dem
Feinde irgendwo im Nebel zu begegnen. Wenn wir an die Beschaffenheit
des Geländes, die Beständigkeit der Jahreszeit, die Vorzüge der
Maschine dachten, so fühlten wir uns sicher; betrachteten wir aber mit
den Augen der Phantasie den Punkt der Erdoberfläche, an dem wir uns
in diesem Moment befanden, und benannten jene Länder mit ihren Namen,
so geriet unsere Zuversicht ins Wanken. Es schien uns, als gehe das
Problem über das rein Technische hinaus, als seien hier unberechenbare
Faktoren mit im Spiele. Wir standen unter dem geheimnisvollen,
furchteinflößenden Zauber Asiens. Die Wüste nahm in unserer Vorstellung
menschliche Gestalt an; dieser furchtbare Feind des Menschen, dieser
Mörder von Karawanen, diese gefürchtete Gottheit des Todes würde sich
verteidigen. Wir dachten an sie wie an eine unbezwingliche Macht. Das
Wort „Wüste“ an sich erfüllt mit Respekt.
Von Zeit zu Zeit sahen wir niedrige, runde Jurten, die Backöfen
ähnelten. Diese kleinen grauen, mit Filz bedeckten Kuppeln, die
Wohnstätten der Nomaden Asiens von den Kirgisen bis zu den Turkmenen,
sind an den Ufern des Aralsees von gleicher Gestalt wie an denen des
Irtysch und des Tola. Sie allein genügen, um die Verwandtschaft aller
Völker Zentralasiens, ihre Herkunft von dem großen mongolischen Stamme
zu beweisen. Auch im russischen Kriegslager bei Mukden hatte ich Jurten
gesehen.
Als das Brausen des Automobils zu den Jurten drang, stürzten die Männer
in Hast heraus und betrachteten uns unter Anzeichen höchsten Staunens.
Mitunter sprangen sie truppweise auf die in der Nähe weidenden Pferde
und verfolgten uns hartnäckig, wobei sie ihre langen Hirtenstäbe gleich
Lanzen schwangen und laute Rufe ausstießen.
Es war 8 Uhr früh geworden, als wir in die Nähe einer Anzahl Jurten,
eines kleinen Lagers, gelangten. Auf einer Art Gerüst standen einige
Leute als Wache und schlugen Alarm. Grenzenlose Verwirrung entstand
unter den Bewohnern, die auf die Straße liefen und uns Zeichen machten.
Als wir näherkamen, erkannten wir unter ihnen unseren wackeren Mongolen
vom Abend zuvor, gehüllt in sein prächtiges pfauenblaues Gewand; er
bemühte sich, uns durch seine ausdrucksvolle Gesten halt zuzuwinken.
Wir waren in seinem Dorfe, und er hatte die Absicht, uns mit seiner
Gastfreundschaft zu beehren. So verbindlich und aufrichtig hatte
er sich gezeigt, daß wir ihm nicht die Kränkung zufügen wollten,
weiterzufahren, wozu wir große Lust hatten. Die „Itala“ fuhr daher mit
einer schönen Schwenkung in die Umwallung des Nomadenlagers ein und
hielt. Einen Augenblick später saßen wir im Innern der schönsten Jurte,
der des Häuptlings, im Kreise herum.
[Illustration: Kamelkarren in der Wüste.]
In der Mitte brannte das Feuer, und der scharfe, einen leichten
Moschusgeruch verbreitende Rauch entwich durch die in der Mitte der
Kuppel befindliche Öffnung. Ein schöner alter Mann, der Vater unseres
Freundes, unterhielt uns in zeremonieller Weise mit einer an einen
Oberpriester erinnernden Feierlichkeit der Gebärden, und eine alte
Frau, die Mutter, setzte respektvoll Teller mit Käse vor uns nieder,
Schalen mit scharfschmeckender Milch und Sahne, Tassen dampfenden
Tees und Becher, die mit einer klaren, süßen, aus gegorener Milch
hergestellten Flüssigkeit gefüllt waren. Die Becher, die europäischer
Herkunft waren, wurden von dem alten Manne mit peinlicher Sorgfalt aus
einem kleinen chinesischen Schranke, zu dem er den Schlüssel besaß,
hervorgeholt. Der Schrank war der Aufbewahrungsort für die Schätze
der Familie, der Geldschrank; in ihm waren auch, wie wir sahen, die
von uns geschenkten Cornedbeefbüchsen untergebracht. Während wir
uns gewissenhaft mit Milch anfüllten, hörten wir Worte, die uns vor
Überraschung in die Höhe fahren ließen.
„Sprechen Sie deutsch?“
Ein junger Mongole, der soeben eintrat, hatte diese so einfache
und doch so verblüffende Frage an uns gerichtet. Er hatte mit
vortrefflicher deutscher Betonung gesprochen.
„Ja,“ erwiderte der Fürst, der aufs höchste erstaunt war, „ich spreche
deutsch.“
Und der junge Mongole begann sich mit uns in der Sprache Goethes zu
unterhalten. Er fragte, welches die Maximalgeschwindigkeit unseres
Automobils sei, und fand sie zufriedenstellend.
„Wo haben Sie denn Deutsch gelernt?“ fragte Don Scipione.
„In Berlin. Berlin liegt weit von hier!“
„In Berlin?“
„Ja, es sind jetzt zwei Jahre her.“
„Und was taten Sie dort?“
„Ich trat als Mongole auf!“ entgegnete er würdevoll.
Wir glaubten, er scherze oder habe unsere Frage nicht verstanden.
„Was taten Sie in Berlin?“
„Ich trat als Mongole auf“, wiederholte er mit Bestimmtheit; dann fügte
er hinzu: „Ich war auf einer Ausstellung, verstehen Sie? Es waren dort
Leute aus allen Völkern, und es war auch ein mongolisches Jurtenlager
da, mit Pferden, Hunden und Frauen; täglich besuchte uns eine große
Menge Menschen und sprach mit uns, und so habe ich Deutsch gelernt.“
„Gefällt Ihnen Europa?“
„Ja. Und wie gefällt Ihnen die Mongolei?“
„Ausgezeichnet.“
Er zeigte sich außerordentlich zufrieden mit dieser Antwort, die
ihm zugleich einen guten Begriff von unserem erleuchteten Urteil
beibrachte.
[Illustration: Begegnung des Automobils mit einer Ochsenkarawane an der
Grenze der Mongolei.]
Als wir wieder ins Freie traten, bemerkten wir eine Anzahl Reiter, die
sich um das Automobil drängten, auf dem Ettore voll heiterer Seelenruhe
seine Portion Milch trank. Alle männlichen Bewohner des Lagers
schickten sich an, uns zu begleiten, und stiegen in den Sattel.
Wir fuhren rasch von dannen, umgeben von dem eigenartigen malerischen
Reitertrupp, unter dem schnellen Hufschlag der Pferde auf dem harten
Boden und einem langgedehnten, wilden Geschrei. Um uns herum bewegten
sich Zipfel buntfarbiger Röcke; die langen Bänder, die die Mongolen
um ihre spitzen Hüte winden, flatterten in der Luft; Roßmähnen und
Roßschweife wogten auf und nieder. Aber unsere Gastfreunde hatten sich
über die Möglichkeit, uns weit zu begleiten, geirrt. Vergebens trieben
sie die Pferde durch Zuruf und Reitgerte an, vergebens jagten die Armen
~ventre à terre~ dahin. Schon nach einer Minute entfloh das Automobil
seiner Eskorte, deren Geräusch sich in der Ferne verlor, und befand
sich allein in der grasbedeckten Wüste.
Viele jener Männer waren Lamas, wie man an ihrem geschorenen Kopfe
sehen konnte; andere Abzeichen ihrer priesterlichen Würde trugen sie
nicht. Es gibt so viele Lamas in der Mongolei, daß sie die Mehrzahl
der männlichen Bevölkerung ausmachen. Wenn ein Vater fünf Söhne hat,
so bestimmt er drei zu künftigen Lamas. Es gibt Lamas, die Hirten,
Karawanenführer, Pferdehändler sind; es ist eben notwendig, daß die
Mönche in den Erwerbszweigen des Volkes tätig sind, wenn sie ein Volk
werden. Die Mongolei ist ein unermeßliches Kloster. Im Lamaismus ist
die alte Energie der Rasse erloschen; ein Volk von Kriegern ist zu
einem Volke von Philosophen geworden.
Mehrere Stunden vergingen. Das Land veränderte sich allmählich. Die
Steppe hörte auf und räumte den Platz weiten, fast unfruchtbaren
Strecken, die mit einzelnstehenden fetten Gräsern bewachsen waren.
Auch die Bodenbeschaffenheit wechselte; wir gelangten von kiesigem
Grund auf sandigen, von sandigem Grund auf die Unebenheiten kurzer
steiniger Strecken; dann wieder Steppe. Aber wir erblickten keine
Herden, bemerkten keine rauchenden Jurten mehr. Der Boden glühte. Wir
begegneten einer Karawane von Kamelen, die an seltsame zweirädrige
Wagen gespannt waren. Eine andere Karawane trafen wir bei einem Brunnen
an. Selten zeigte sich ein Reiter am Horizont.
Weiterhin trafen wir nur noch in der Nähe von Brunnen Spuren von Leben.
Auf unermeßliche Entfernungen hin erkannte man das Vorhandensein eines
Brunnens an einer ordnungslos durcheinander gemischten Gruppe von
Kamelen und blauen, weiß verzierten Zelten.
Wenn man eine gute Karte der Mongolei betrachtet, so sieht man längs
des Zuges der Karawanenstraße Namen und Punkte verstreut, und man
gewinnt den Eindruck, als handle es sich um Dörfer und Ortschaften.
Es handelt sich jedoch nur um Brunnen. Jeder Brunnen hat seinen
Namen. Er ist nichts als ein kleines Erdloch, auf dessen Grund Wasser
emporquillt, und doch hat er die Bedeutung einer Stadt: er ist das
Leben, das Leben der Vorüberziehenden, das heißt das Leben des
Handels, das Leben von Ländern, die Tausende von Kilometern von ihm
entfernt liegen und aus diesem Handelsverkehr Nutzen ziehen; er ist
das Leben ferner Völkerschaften, die sich von diesem Handel ernähren.
Die Reichtümer Kalgans, die Reichtümer Kiachtas haben ihre Nahrung
aus jenen Brunnen gesogen, die in den Einöden der mongolischen Ebene
verlorenliegen.
Die Brunnen, die Halteplätze der Karawanen, sind 30-70 Kilometer
voneinander entfernt. Im Winter lagert man des Nachts an ihnen, im
Sommer des Tages. Die Kamele liegen mit ihren Lasten in Reihen. Vor
der ersten und vor der letzten Last sind zwei Lanzen in den Boden
eingerammt, mehr als traditionelles Zeichen denn zur Drohung. Die
Männer schlagen ein Lager auf und die Tiere werden frei auf die Weide
gelassen, wenn ein Weideplatz vorhanden ist.
Auch wir machten bei dem Brunnen halt, um Wasser für die Maschine
zu schöpfen, unseren Durst zu löschen und uns Hände und Gesicht
zu kühlen. Einige Minuten verweilten wir auch in der Mitte der
Karawanentreiber, die uns mit einem an Bestürzung grenzenden Respekt
betrachteten. Kein Zeichen von Feindseligkeit von seiten dieser
wackeren Leute. Sie riefen ihre furchtbaren, starken, zottigen
Wachhunde zurück und waren uns mitunter mit ihren aus einem Schlauche
und einer Stange bestehenden Geräten beim Wasserschöpfen behilflich.
[Illustration: Wasser aus dem Wüstenbrunnen.]
[Illustration: Tränken des Automobils.]
Mittags hätten wir glauben können, wir wären tatsächlich schon in der
Wüste. Wir fuhren durch fast unfruchtbare Landstriche. Die Erde hatte
eine rötliche Farbe und zeigte wellenförmige, mitunter jähe Erhebungen,
die den Fürsten zu angestrengter Aufmerksamkeit zwangen, um auf den
Bodenunebenheiten nicht zu stürzen, was die Maschine zertrümmert
hätte. Jede Verminderung der Geschwindigkeit machte uns aber die
Hitze stärker fühlbar. Wir waren müde, betäubt von der Sonnenglut und
der blendenden Lichtfülle und begannen uns nach dem Schatten unseres
abgenommenen Baldachins zurückzusehnen.
Beim Bewältigen einer niedrigen, aber steilen Anhöhe blieb das
Automobil plötzlich stehen. Das Benzin im Behälter des Motors war
aufgebraucht; er enthielt die für das Durchfahren von 200 Kilometern
nötige Benzinmenge. Seit dem Morgen hatten wir also 200 Kilometer
zurückgelegt, und waren noch nicht bis zur Telegraphenstation
Pang-kiang gelangt, die nach unserer Berechnung etwas über 180
Kilometer von unserem letzten Lagerplatze entfernt war. Waren wir
vielleicht an ihr vorübergefahren? Zuweilen hatten wir uns von der
Telegraphenlinie entfernt, hatten nicht immer achtgegeben, und
Pang-kiang konnte auch abseits von unserer Straße an irgendeiner
Abzweigung der Drähte liegen.
Diese Probleme, die uns keineswegs heiter stimmten, beschäftigten uns,
während Ettore durch sinnreiche Zusammenstellung von Hebern das Benzin
aus den großen Reservebehältern umfüllte. Die Hitze war derart, daß
wir die Benzindämpfe in weiten durchsichtigen Spirallinien entweichen
sahen, durch die hindurch die Gegenstände in zitternden Umrissen
erschienen. Als wir um das stillstehende Automobil herumgingen,
bemerkten wir ein neues Unglück; es fehlte ein Teil des Gepäcks, der
infolge einer Lockerung der festhaltenden Stricke ins Rutschen gekommen
und heruntergefallen war.
Es fehlte gerade das persönliche Gepäck des Fürsten, das irgendwo
verlorengegangen war.
Was war zu tun? Sollten wir zurückgehen, um das Gepäck und Pang-kiang
zu suchen? Wir entschlossen uns im Gegenteil, unseren Weg fortzusetzen.
Wir trösteten uns damit, daß das Gepäck zweier Personen für drei
ausreiche und daß, wenn wir an Pang-kiang vorübergefahren seien, wir
diese Etappe auslassen und uns sofort in die Wüste wagen könnten, da
wir noch den unberührten Wasservorrat, Lebensmittel für fünf Tage und
Benzin für 600 Kilometer hatten. Wir bestiegen also die Maschine wieder
und fuhren weiter.
Das Gelände besserte sich; auf einer Strecke von vielen Kilometern
bot es vortrefflichen Fahrgrund, der die größten Geschwindigkeiten
gestattete. Es erschien wieder etwas graues, vereinzeltstehendes Gras,
auf dem wir die von den Kamelen ausgetretenen Pfade wiederfanden.
Die Karawanen ziehen nicht eine einzige Straße entlang; sie
schlagen nur annähernd die gleiche Richtung ein und treten Hunderte
parallellaufender Wege aus, die nach den auf der Steppe hinterlassenen
Spuren zu urteilen, auf die Tätigkeit eines uralten riesigen Pfluges
schließen lassen.
[Illustration: Ettore beim Umgießen des Benzins.]
Mit einem Male konnten wir in weiter, weiter Ferne einen dunkeln Punkt
unterscheiden, der eine Hütte sein konnte. Der Punkt nahm die Gestalt
eines Rechtecks an und wurde länger. Es war eine erdfarbene Mauer. Wir
fuhren mit der Geschwindigkeit von 30 Kilometern und sahen bald ein
Lehmdach hinter der Mauer hervorragen. Telegraphenstangen näherten
sich diesem armseligen Gebäude, das viel niedriger war als sie.
[Illustration: Kamelkarawane mit Karren in der Wüste Gobi.]
„Pang-kiang! Pang-kiang!“ riefen wir mit einem Tone aus, den der
Matrose des Kolumbus ausgestoßen haben muß, als er das berühmte „Land!
Land!“ rief.
Augenscheinlich hatten wir uns bei der Berechnung der Entfernung
mindestens um 50 Kilometer geirrt. Pang-kiang befand sich nicht auf
unserer Karte, und wir hatten einen Induktionsschluß gezogen.
„Pang-kiang? Das da?“ fragte Ettore überrascht. „Ich glaubte,
Pang-kiang sei eine Ortschaft.“
„Ach was! Es ist ein Brunnen. Ein Brunnen und ein Telegraph. Nichts
weiter!“
Aber wir wollten auch nichts weiter.
Hätten wir vor unseren Augen den wundervollsten Palast der Welt
auftauchen sehen, wir würden keine größere Genugtuung empfunden haben.
Siebentes Kapitel.
In der Wüste Gobi.
Der Telegraph in der Wüste. -- Der „Contal“ trifft nicht ein. --
Über einen Meeresgrund. -- Die Wirkungen der Sonne. -- Udde.
Am Brunnen von Pang-kiang wurden wir erwartet. Der kleine chinesische
Telegraphenbeamte, dem diese Station anvertraut ist, kam uns aus seinem
Gehöfte entgegen und empfing uns unter lebhaften Versicherungen seiner
Freude.
Ich bedauere, mich nicht mehr des Namens dieses Helden zu entsinnen,
der in der Wüste lebt, um dem Okzident und dem Orient die Möglichkeit
zu verschaffen, sich miteinander zu verständigen. Kalgan, die nächste
Stadt, ist beinahe 300 Kilometer, Urga 800 Kilometer entfernt. Was
auch diesem Mann zustoßen mag, er kann nirgends Hilfe suchen. Die
Unermeßlichkeit des Raumes ist gleichbedeutend mit einem Gefängnis.
Um mit der Menschheit in Verbindung zu treten, muß dieser Mann eine
Reise von acht Tagen von einem Brunnen zum andern antreten. Niemand
vermag ihm beizustehen. Die Einsamkeit des in einer Festungszelle
Eingekerkerten ist nicht so schrecklich: der Eingekerkerte hat das
Bewußtsein, daß die Welt ringsum lebt; Echos dringen zu ihm, mit denen
sich seine Gedanken beschäftigen können. Das Entsetzlichste in der
Wüste aber ist die Stille.
Allerdings hat der kleine Chinese von Pang-kiang den Trost,
sich an zweierlei ergötzen zu können: einem Kindchen und einem
Telegraphenapparat. Die Liebe zu beiden ist es, die sein Leben
ausfüllt. Das Kindchen ist seine Tochter, und der Apparat ist sein
Freund. Stundenlang vertieft er sich in das Ticktack der Tasten und
des Empfängers und vernimmt in ihm Stimmen aus fernen Welten: es
spricht Petersburg, es spricht London, es spricht Tokio. Er übt das
Amt des Vermittlers aus: durch seine Hand gehen Nachrichten, Befehle,
geheimnisvolle diplomatische Mitteilungen, leidenschafterfüllte
Worte. Ist die großartige Unterhaltung der Erdteile untereinander
verstummt, so benutzt der Telegraphist die freie Linie und beginnt
eine bescheidenere Unterhaltung. Die Telegraphenämter der Wüste
tauschen Grüße untereinander aus, sprechen miteinander über die kleinen
Tagesereignisse, über ihren Kummer, ihre Hoffnungen.
Solche Unterhaltungen vertreten für diese Einsiedler die Stelle der
Zeitung.
Die Telegraphenstation von Pang-kiang ähnelt dem Hause eines
chinesischen Landmanns: drei kleine, niedrige, aus gestampftem Lehm
errichtete Gebäude, im Innern erhellt durch breite, eine ganze Wand
einnehmende, mit Papier ausgefüllte Gitterfenster. Die Gebäude nehmen
drei Seiten eines Quadrats ein und sind von einer hohen Mauer umgeben,
die nur einen Ausgang nach Süden hat und von einer Bekrönung aus
Telegraphenisolatoren überragt wird, einem seltsamen Ornamente, das
an eine lange Reihe weißer Zähne in dem Kiefer eines Toten erinnert.
An der nördlichen Seite der Mauer hat der Wind Sandmassen angehäuft.
An stürmischen Tagen überflutet der Sand alles; er dringt durch die
Fensterflügel, treibt in jedes Zimmer, der Himmel verfinstert sich, die
Luft wird trübe, draußen kann man auf zwei Schritte Entfernung nichts
erkennen, die Telegraphendrähte pfeifen und heulen, und die Dunkelheit
ist derart, daß man Licht anzünden muß. Der letzte Sturm hatte vier
Tage vor unserer Ankunft gewütet.
Außer dem Telegraphisten leben noch drei Männer in diesem Gehöfte: zwei
Chinesen und ein Mongole, die mit den Arbeiten an der Linie betraut
sind; sie haben die von den Stürmen zerrissenen Drähte auszubessern
und die umgeworfenen Stangen wieder aufzurichten. Es stehen ihnen
drei Kamele zur Verfügung, die in der Nähe weiden. Wir hatten diese
drei Tiere bei unserer Ankunft gesehen; sie streckten uns ihre
komischen, friedfertigen Schnauzen entgegen, die an ein faltenreiches,
selbstzufriedenes, vorweltliches Tier gemahnten.
Das beste Zimmer war für uns hergerichtet. Auf den Kangs lagen Decken
und Kissen von flammendem Rot, und auf einem Tische stand duftend
und frisch -- ein köstlicher Anblick -- eine prächtige Ananas aus
Singapore, die eben erst aus ihrer Büchse genommen worden war. Wir
fielen zuerst über die Ananas her, dann warfen wir uns auf die Decken.
Und auf diesem Triklinium ausgestreckt, schrieb ich in Reinschrift
die Eindrücke des Tages auf Formulare der kaiserlich chinesischen
Telegraphenverwaltung nieder.
Als unser Gastfreund in den Besitz meiner Depesche gelangt war, um sie
zu befördern, setzte ich mich neben ihn. Er war ein wenig verlegen, zog
chinesische Verordnungen zu Rate, sah Tabellen nach, zählte wiederholt
die Worte des Telegramms und schrieb dann sorgfältig auf die obere
Seite des Formulars „Nr. 1“.
„Ist dies das erste Telegramm am heutigen Tage?“ fragte ich ihn.
„Nein, Herr,“ antwortete er mir, „es ist das erste des
Telegraphenamtes.“
„Was verstehen Sie darunter?“
„Ich meine, daß Ihr Telegramm das erste ist, das auf dem
Telegraphenamte von Pang-kiang aufgegeben wird.“
„In diesem Jahre?“
„Nein, Herr, seit Bestehen des Amtes. Es sind jetzt sechs Jahre.“
„In sechs Jahren kein einziges Telegramm?“
„Kein einziges.“
„Und warum befindet sich denn da hier überhaupt ein Amt?“ fragte ich
nach einer Pause erstaunt.
„Weil die Entfernungen zu groß und Zwischenstationen nötig sind.“
Die Unterhaltung wurde durch den Apparat unterbrochen; Kalgan
antwortete auf den Anruf. Mein Telegramm begann abzugehen.
Kalgan empfing es, um es nach Peking weiterzugeben, Peking würde es
nach Schanghai befördern, Schanghai nach Hongkong, Hongkong nach
Singapore, Singapore nach Aden, Aden nach Malta, Malta nach Gibraltar,
Gibraltar nach London!
Es würde acht bis zehn Stunden brauchen, um an dem Orte seiner
Bestimmung einzutreffen. Aber die Zeit von Pang-kiang ist der von
Mitteleuropa um fast acht Stunden voraus, so daß das Telegramm
tatsächlich nur zwei Stunden nach seiner Aufgabe eintreffen wird. Es
war 4 Uhr 15 Minuten nachmittags, zwischen 6 und 7 abends würde mein
Bericht auf den Redaktionen des „Daily Telegraph“ und des „Corriere
della Sera“ einlaufen! Und am nächsten Morgen werden die englischen
und italienischen Leser erfahren, was am Abend vorher Automobilen in
der mongolischen Wüste begegnet ist. So groß erscheint der Sieg, den
der menschliche Geist mit Hilfe von Drähten und Funken über Raum und
Zeit davongetragen hat, daß in gewissen Augenblicken selbst die Seele
eines Journalisten, die doch am meisten an die Wunder der Schnelligkeit
gewöhnt ist, von einem Gefühl der Bewunderung und des Stolzes erfüllt
wird.
Gegen 6 Uhr trafen die andern Wagen ein. Wir sahen sie von weitem
kommen, als sie noch winzige Punkte in der grenzenlosen Einförmigkeit
des Geländes waren, so fern, daß sie unbeweglich erschienen wie Schiffe
am Horizont. Der „Spyker“ fuhr zuerst in das Gehöft ein, wo Ettore
damit beschäftigt war, unser Automobil in Ordnung zu bringen, während
ich mich hartnäckig bemühte, ein Stück Ziegenfleisch weich zu kochen,
das härter war als ein Pneumatikreifen. Du Taillis sprang von seinem
Sitze herab, hob einen grauen Sack empor und rief:
„Wem gehört dies?“
Es war das Gepäck Borgheses. Erst Pang-kiang und nun auch den
Gepäcksack gefunden zu haben, war der Gipfel des Glückes. Und dabei
gibt es Menschen, die in der Wüste umkommen!
„Ist es lange her, daß Sie es gefunden haben?“ fragte ich.
„O ja. Mehrere Stunden. Wir waren noch in der Steppenregion.“
„Lag es auf der Straße?“
„Keineswegs. Die Mongolen machten uns lebhafte Zeichen, als wir
vorüberfuhren. Wir hielten. Und dann händigten sie es uns ein und gaben
uns zu verstehen, Sie müßten es verloren haben.“
„Mongolen? Ehrliche Barbaren? Armselige Wilde, die sich den Luxus
gestatten, wiederzugeben, was sie finden?“
„Und noch dazu, ohne irgendwelchen Finderlohn zu verlangen.“
„Aber wo, lieber Freund, sind denn in aller Welt die Steppenräuber
geblieben, die die unumgängliche Pflicht hatten, uns anzufallen?“
„In Europa vermutlich.“
„So hatten wir denn ein Reiseabenteuer weniger! Es verlohnte sich
wahrlich der Mühe, in diese abgelegene Wüste zu kommen, um zu erleben,
daß man uns Milch anbietet und Gepäckstücke zurückgibt!“
~„Oui, c’est triste!“~
Vergebens warteten wir auf die Ankunft des Dreirades. Unsere Gefährten
waren fest überzeugt, Pons sei umgekehrt. Ich telegraphierte
unverzüglich in diesem Sinne. Wir hegten nicht die geringste Besorgnis
um Pons und seinen Begleiter. Sie befanden sich noch in bewohnten
Gegenden und würden leicht Gastfreundschaft und Hilfe finden.
Mehrere Stunden später erwies sich das Stück Ziegenfleisch als ebenso
widerspenstig gegen das Zerkauen, wie es sich gegen das Kochen
gesträubt hatte. Der Telegraphist, der es uns geliefert hatte, war
ganz trostlos. Wir trösteten ihn aber, indem wir ihm zeigten, daß
ein Europäer, der Hunger hat, nicht einmal vor einem Stück Pergament
zurückschreckt. Und dann streckten wir uns auf dem Kang aus.
In der Nacht drang das bleiche Licht des Mondes ins Zimmer; ich
erwachte davon und stützte mich auf den Ellbogen. Hier erfuhr ich zum
ersten Male in meinem Leben, was absolute Stille ist. Das, was wir
Stille nennen, ist nur die Abwesenheit bestimmter Laute, bestimmter
Töne, es ist nur das Schweigen menschlicher Geräusche. Während wir
aber jenem Schweigen lauschen, hören wir, wenn wir auf dem Lande sind,
die Bäume rauschen, die Halme flüstern, den Bach murmeln, die Grillen
zirpen, in der Ferne einen Hund bellen; sind wir an der See, so hören
wir das einem leichten Händeklatschen gleichende Anschlagen der ruhigen
Welle an das Gestade, oder das Anbranden wilder Wogen an die Klippen.
Hier aber vernahm ich gar nichts; nichts rührte sich, nichts lebte. Ich
hatte den Eindruck einer unnennbaren mythenhaften überirdischen Leere,
ich hatte die angstvolle Empfindung des Schwebens über den Abgründen
des Raumes, ich stand unter dem Albdruck unendlicher Vereinsamung.
Als ich meinen Kopf auf das Kissen zurücklegte, hörte ich das Geräusch
eines regelmäßigen, raschen, kräftigen, metallisch klingenden Schrittes.
Jäh erhob ich mich, um zu lauschen. Das Geräusch hatte sofort aufgehört.
„Pah!“ sagte ich zu mir, „es ist eine Wirkung des Ziegenfleisches. Das
Stück liegt unverdaut im Magen.“
Ich streckte mich wieder aus. Und sofort begann der Schritt in der
schwer lastenden, grauenerregenden Stille wieder vernehmbar zu
werden. Vollkommen wach geworden durch den Wunsch, meine Gedanken zu
konzentrieren, vermochte ich mich eines Lächelns nicht zu erwehren, als
ich die Ursache dieses Geräusches entdeckte: um früh munter zu werden,
hatte ich die Uhr unter das Kopfkissen gelegt.
Der Sonnenaufgang am Morgen des 19. Juni fand uns schon unterwegs. Wir
überholten den „Spyker“, der kurz vor uns weggefahren war, und schlugen
die Richtung nach Norden ein. Der neue Treffpunkt für den Abend
war Udde, die nächste Telegraphenstation, in der Nähe eines andern
Brunnens, nach unserer Berechnung ungefähr 250 Kilometer von Pang-kiang
entfernt.
[Illustration: Mongolische Soldaten.]
Die Luft war frisch, und die ersten Sonnenstrahlen schienen keine Wärme
mit sich zu bringen. Wir sausten dahin, und das Automobil warf einen
ungeheuer langen seltsamen Schatten, der auf den Grasbüscheln schwankte
und auf dem Sande erzitterte und sich wie der Schatten eines großen
fliegenden Vogels rasch vorwärtsbewegte.
Der Weg war gut, und der Motor, bisweilen zur vierten Geschwindigkeit
angetrieben, erfüllte die Stille der Ebene mit seinem stürmischen
Pochen. Wenige Kilometer von Pang-kiang entfernt stießen wir wieder auf
grüne Flächen. Wir gelangten abermals in eine Wiesenregion, die sich in
sanften Erhebungen über leicht welliges Gelände hinzog.
[Illustration: Mongolische Soldaten.]
„Was ist das, was da flieht?“ rief mit einem Male Ettore und zeigte mit
der ausgestreckten Hand nach unserer Rechten. Es war eine Antilope.
Etwa 100 Meter von uns entfernt, brachte sie sich in dem raschen und
eleganten charakteristischen Trabe der Antilopen, der weit schneller
ist als der Galopp eines Pferdes, in Sicherheit.
„Folgen wir ihr?“ rief ich aus.
Der Vorschlag, die Antilope mit einem auf die Geschwindigkeit von 90
Kilometern in der Stunde gebrachten Automobil zu jagen, erschien uns
über die Maßen verlockend. Aber der Fürst machte geltend, eine Jagd
könnte uns weitab führen und wir hätten noch einen weiten Weg vor
uns. Es gab außerdem einen Grund, der noch viel stärker zugunsten der
Freiheit jeder Art Wildes sprach, und dieser bestand darin, daß wir
keine Flinte besaßen!
Einen Augenblick später gelangten wir in die Nähe eines kleinen Trupps
Gazellen mit grauen Rücken und weißen Füßen, gewandt wie Füllen und
zierlich in ihren Bewegungen. Sie flohen erschreckt von dannen, eine
hinter der andern; in der Ferne blieben sie stehen und bogen ihren
geschmeidigen Hals zurück, um jenes nie erschaute Wesen zu betrachten,
das in den Frieden ihrer Weideplätze einbrach. Ihre Wahrnehmungen
schienen sie nicht allzusehr zu beruhigen, da sie sich von neuem zur
Flucht wandten und in langer Reihe verschwanden.
Weit seltener begegneten wir Menschen. Fünf bis sechs Mongolen zu
Pferde versuchten uns zu folgen; sie befanden sich einen halben
Kilometer entfernt uns zur Seite und galoppierten lange Zeit, lebhaft
gestikulierend, hinter uns drein.
Plötzlich sahen wir auf der öden Steppe etwas Weißliches schimmern, das
uns ein Palast zu sein schien, ein Palast mit andern kleinen, weißen
Baulichkeiten ringsum. Wir lenkten unsere Fahrt auf jene seltsame
Gebäudegruppe zu, und als wir näherkamen, bot sich uns ein Anblick aus
uralter Zeit.
Wer kennt nicht aus den gelehrten Rekonstruktionen unserer Archäologen
die Stile der alten asiatischen Kulturen? Wer hat bei dem Gedanken
an den Anblick, den Babylon und Ninive gewähren mußten, sich nicht
gewaltige massige Gebäude vorgestellt, mit leicht nach innen geneigten
Wänden gleich Pyramidenstumpfen, die den Schein großartig wirkender
Verkürzungen erwecken, mit Fenstern und Türen, die unten breiter
sind, einfach und majestätisch wie Grabmäler? Einige Ruinen des alten
Ägyptens bieten ein Beispiel von jener Pyramidenlinie, die den Mauern
eine Festigkeit von Jahrtausenden und den Schein des Riesenhaften
verleiht, die eine wunderbare perspektivische Wirkung hervorbringt, als
sei die Breitenabnahme nach oben eine Folge kolossaler Höhe.
[Illustration: Die ersten Berge in der Wüste von Urga.]
Als die photographische Kunst uns Lhasa enthüllte, haben wir jene
Wirkung wiedergefunden und waren von der außergewöhnlichen biblischen
Strenge der verbotenen Stadt überrascht, die uns architektonische
Formen vergangener Kulturperioden noch lebend zeigte, Formen, die
nicht mit der Religion aus Indien gekommen waren, auch nicht mit
der politischen Oberhoheit aus China, sondern die aus Westasien in
einer um zwei- bis dreitausend Jahre zurückliegenden Zeit nach Tibet
gebracht sein müssen. Die Absperrung, die Unbeweglichkeit, die Ruhe
und der Buddhismus, die aus Tibet ein Heiligtum gemacht haben, haben
die Überlieferung, wenn auch nicht den inneren Sinn einer Kunst
aufrechterhalten.
Wir befanden uns vor Gebäuden dieses selben Stiles. Aber sie wirkten
allerdings bei weitem nicht so überwältigend wie die Akropolis von
Lhasa. Die Wüste bietet keine Baumaterialien und wer weiß, von wo man
die Steine auf dem Rücken von Kamelen hierhergebracht hat. Es war die
Form und nicht die Größe, die ihnen majestätische Strenge verlieh. Und
vielleicht war auch die Bedeutung, die wir dieser Form beimaßen, waren
die Analogien, an die sie uns erinnerte, weiter nichts als Ausgeburten
unserer eigenen Phantasie.
Das Hauptgebäude war ein ganz aus weißem Kalkstein errichteter
lamaistischer Tempel, der am oberen Rande mit einem roten
Terrakottafries in griechischem Geschmack von schlichter Anmut
geschmückt war. Eine ähnliche Umrahmung umgab die Türen und die
trapezförmigen Fenster, von denen jedes durch ein kleines Dach
geschützt war. Lange Bronzerohre, die den Rudern einer Galeere glichen,
ragten oben hervor, um das Regenwasser von der Terrasse abzuleiten. Die
Gebäude ringsum, die viel kleiner waren, glichen dem Tempel. Wir nahmen
an, daß es die Wohnungen der Mönche seien. Wir verließen das Automobil
und schritten zu Fuß durch die heiligen Räume. Es war niemand darin.
Sie schienen verlassen. Wir hörten keinen Laut, kein Geräusch.
Wir standen im Begriff, „an Bord“ zurückzukehren, als aus einer Pforte
ein alter Mann mit kleinen Schritten herausgetrippelt kam. Bei unserem
Anblick blieb er stehen. Er war hochgewachsen, in ein seltsames Gewand
gekleidet, das die Arme nackt ließ, hager und hatte ein an eine alte
Frau erinnerndes runzliges Gesicht. Wir näherten uns ihm, begrüßten
ihn, photographierten ihn und sprachen auf ihn ein, ohne daß er sich
bewegt oder geantwortet hätte. Er zeigte weder Verwunderung noch
Furcht. Er schien in tiefe Meditation über das Geheimnis unseres
Wesens und unserer Anwesenheit an diesem Orte versunken zu sein.
Verständnislos betrachtete er uns. In seinen Augen sah man die
Anstrengung, seine Gedanken zu konzentrieren. Es war unmöglich, sein
Alter zu schätzen; er schien stark und zugleich hinfällig; auf seinem
Gesicht hatten sich die Furchen eines unberechenbaren Greisentums
eingegraben.
[Illustration: Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.]
Wir bestiegen wieder die Maschine und fuhren rasch davon; unbeweglich
sahen wir noch den Lama dort stehen, den einsamen Alten, der uns
fortwährend betrachtete, ohne verstehen zu können, was wir seien.
Der Weg stieg merklich bergan. Gegen 8 Uhr gelangten wir auf die Höhe
eines Rückens. Die Steppe war abermals verschwunden. Es kehrte das
fette, graue, einzelnstehende Gras wieder, das sich furchtsam in breite
Flecke zusammengezogen hatte, die weite unfruchtbare und kahle Strecken
zwischen sich ließen. Wir befanden uns an der Schwelle der eigentlichen
Wüste.
_Gobi_ bedeutet im Mongolischen Höhlung. Die Wüste bildet eine
Einsenkung von unermeßlicher Ausdehnung in der Mitte der Mongolei; es
ist die Höhlung, die „Gobi“, die einst ein Meer enthielt. Wir befanden
uns am Gestade dieses verschwundenen Meeres. Es war ein richtiges
Gestade, steil, ein jäher Absturz, entstanden durch den Anprall der
Wogen. Wir standen im Begriff, in eine noch tiefere Ebene, auf den
Grund dieses ehemaligen Meeres, hinabzusteigen. Diese Küste hatte ihre
Einbuchtungen, ihre Vorgebirge, ihre Halbinseln. Vor uns erstreckte
sich die unfruchtbare, gewellte Fläche ins Grenzenlose; sie schien sich
am Horizont zu erheben infolge jener optischen Täuschung, die uns den
Horizont des Meeres höher erscheinen läßt als sein Ufer.
Ein steiler, 20-30 Meter tiefer Abstieg führte uns auf harte, ebene
Sandflächen, die von Stürmen heimgesucht worden waren. Und nun begann
eine phantastische Fahrt durch die seltsamste und ödeste Landschaft,
eine Fahrt, die Angriff und Flucht zu gleicher Zeit war.
Je weiter wir vordrangen, desto kahler, düsterer und trauriger wurde
das Land. Bald war es glatt und eben, bald von jähen Erhebungen
durchschnitten; bald bestand es aus kristallinischem Sand, der in der
Sonne funkelte, bald war der Boden ein schiefriger Grund von der Farbe
zusammengepreßten Lehms. Nirgends ein lebendes Wesen mit Ausnahme
kleiner kurzer Eidechsen von einer Farbe, die der des Bodens so glich,
daß sie unsichtbar waren, wenn sie sich nicht bewegten. Man hätte sie
für winzige Bruchstückchen des Bodens halten können, die sich plötzlich
belebten, um vor den Rädern des Automobils da- und dorthin zu flüchten.
[Illustration: Mongolisches Jurtendorf bei Urga.]
Die Stunden vergingen in tödlicher Eintönigkeit. Die Hitze wurde mit
der Zunahme des Tages glühend. Die Luft war unbeweglich, und mit
Wohlbehagen atmeten wir den erfrischenden Hauch ein, den die rasche
Fahrt uns ins Gesicht trieb. Ohne Übergänge gerieten wir aus der
Kühle des Morgens in eine wahrhaft tropische Hitze. Eine sonderbare
Erscheinung konnten wir beobachten; während die Sonne glühte, war der
Schatten kalt. Wir hatten die Empfindung jemandes, der sich im Winter
an der Flamme eines Kamins erwärmt; an der dem Feuer zugekehrten Seite
verbrennt er sich, während er auf der andern vor Kälte erstarrt. Der
Himmel war von unerbittlicher Klarheit, so durchsichtig, daß wir uns
über die Entfernungen täuschten; wir sahen alles viel näher, als es
in Wirklichkeit war. Der Horizont schien immer in der Entfernung von
einigen Kilometern zu liegen, und doch fuhren wir stundenlang, ehe wir
Bodenerhebungen erreichten, die wir auf große Entfernungen am äußersten
Rande der Hügelkette gesehen hatten.
Diese unheimliche Durchsichtigkeit rührte von dem absoluten Mangel
an Wasserdampf in der Luft her. Die Trockenheit der Luft bereitete
uns Beschwerden, die sich von Minute zu Minute steigerten. Unsere
Haut war wie durch Fieber ausgedörrt, es fehlte uns der Schutz
einer Transpiration, die durch Verdunstung die Hitze mildert. Daher
fühlten wir die Sonne auf Gesicht und Händen in so fürchterlicher
Weise brennen, daß wir den Eindruck hatten, als befänden wir uns im
Brennpunkte einer ungeheueren Linse. Den Tag zuvor hatten wir übrigens
dieselbe Beobachtung gemacht, und bereits auf dem Wege nach Pang-kiang
drängte sich uns die Vorstellung einer Linse als das passendste Bild
auf; aber wir glaubten damals nicht, daß in der eigentlichen Wüste die
Linse solche Dimensionen annehmen würde! Wir begriffen jetzt, weswegen
die Karawanen nicht tagsüber auf dem Marsche sind. Aber wir konnten und
wollten nicht haltmachen. Unsere einzige Erleichterung beruhte in der
Schnelligkeit.
Wir fanden nur einen Brunnen. Gegen 10 Uhr stiegen wir eine weitere
Terrainstufe, ein neues Ufer hinab, das wahrscheinlich eine Etappe des
Meeres auf seinem langen Rückzuge bezeichnete, der vielleicht Myriaden
von Jahrhunderten gedauert hat, bis das Wasser gänzlich verschwand. Der
Boden war mit einer weißlichen Salzkruste bedeckt. An manchen Stellen
erinnerte er mich an das Tote Meer, aber ohne das Grün des Jordans.
Wir fuhren über ein totes Land, ein Land, das zu rasch gelebt hat. Wer
weiß, vielleicht hatten wir das Abbild der zukünftigen Welt vor Augen,
unserer Welt nach Millionen von Jahren, ausgetrocknet, erstorben,
ausgestreckt unter einem unveränderlich klaren Himmel, was ihr in den
unendlichen Weiten des Firmaments das Aussehen des Mondes verleihen
wird.
Die grausigste Strecke der Wüste ist etwa 60 Kilometer lang. Die
Karawanen suchen sie in einem einzigen Marsche zurückzulegen. Bei den
letzten Brunnen füllen sie Schläuche und Fässer mit Wasser und brechen
bei Sternenlicht auf. Ihr Weg wird durch bleichende Knochenhaufen
bezeichnet. Gerippe von Kamelen, von Maultieren, von Ochsen, von
Pferden liegen über die ganze Karawanenstraße hin verstreut, aber
in der Wüste reiht sich diese Spur des Todes fast ununterbrochen
aneinander. Oft überrascht der Sturm hier die dahinziehenden Tiere,
trennt sie in der durch den aufgewirbelten Sand erzeugten Dunkelheit
voneinander, zwingt sie zum Halten und tötet sie dann. Alle kranken,
müden und ermatteten Tiere sind dem Tode verfallen. Es ist das Gebiet
des Todes.
Ein unsagbares Todesbangen liegt über diesen Gefilden. Man weiß nicht,
woher es stammt, vielleicht von dem trostlosen Anblick, den die
Landschaft gewährt, von der niederdrückenden Seltsamkeit ihrer kahlen
Umrisse, der unendlichen Eintönigkeit der Farbe oder mehr noch von
dem lastenden angsterregenden Schweigen; es entströmt all und jedem
und erweckt die Vorstellung einer unbekannten, nahe bevorstehenden
Gefahr, einer ständigen Bedrohung, in die man sich resigniert ergibt.
Man hat nur einen Gedanken oder vielmehr ein formloses, unbestimmtes,
undeutliches, aber hartnäckiges Verlangen: zu fliehen, diese zur Leiche
gewordene Welt nicht mehr zu betreten, frei von ihr zu sein. Man schaut
nach dem Horizont wie nach einem Orte der Rettung und der Ruhe; man
sieht jedem Engpasse mit Hoffnung entgegen; hinter jeder Höhe glaubt
man unverhofft auf etwas Gutes zu stoßen. Aber die Engpässe ziehen
vorüber, es ziehen die Höhen vorüber, der vor uns liegende Horizont
wird zu dem hinter uns zurückbleibenden Horizonte; die Trostlosigkeit
erscheint endlos. Das Denken ermattet, die Seele ertrinkt in einer
unbezwingbaren Schwermut. Der letzte Halteplatz verliert sich in den
Nebeln der Vergangenheit; der halb betäubte Geist verdunkelt sich;
alles scheint in unermeßlicher Entfernung zu liegen, von den Schleiern
der Vergessenheit umwallt -- fern die Abfahrt, fern die Ankunft. Man
weiß nur das eine: man wird ankommen und man muß ankommen. Und diese
Vorstellung erzeugt eine große Kraft, die sich Geduld nennt. Ja, Geduld
und vorwärts! Alle Widerstandskräfte des Geistes und Körpers werden im
Dienste der Geduld gestählt. Wir schweigen schließlich, um nichts mehr
von unserer Energie zu verschwenden. Und dann kostet ein Wort, mitunter
auch nur ein Gedanke zu viel Anstrengung.
Gegen 10 Uhr befanden wir uns im Mittelpunkte der schlimmsten Strecke
der Wüste Gobi. Die beiden äußersten Karawanenhalteplätze sind durch
eine große Anzahl von Obos bezeichnet. Der Obo ist der Altar des
mongolischen Nomaden; er ist vielleicht der erste Altar, den die
Menschheit errichtet hat. Er besteht aus einem Steinhaufen.
Um vor dem Antritt der Wüstenwanderung den Schutz des Himmels anzurufen
und nach der Durchquerung der Wüste den Göttern für die gewährte
Rettung zu danken, nimmt der fromme Nomade einen Stein, legt ihn auf
den Obo, beugt sein Knie und betet. Seit unserem ersten Betreten
mongolischen Bodens, als wir uns noch in Sicht der Großen Mauer
befanden, trafen wir Obos auf dem Kamme der Hügelkette an. Sie gleichen
aber nicht denen der Wüste. Vielleicht waren sie verlassen, von den
Stürmen umgeworfen und in formlose kleine Berge verwandelt worden. Die
Obos, die wir an den Grenzen der ödesten Strecke antrafen, zeigten oft
eine erschreckende Menschenähnlichkeit.
Auch sie erhoben sich auf kleinen Anhöhen und bestanden aus einer
sorgsamen Steinanhäufung, deren Bekrönung von einem Ochsen- oder
Pferdeschädel gebildet wurde. Sie schienen dem Todesgotte errichtet
zu sein. Mehr als einmal erschienen uns diese Steinhaufen, die sich
scharf von dem strahlenden Himmel abhoben, von fern als Menschen, und
in den weißen Schädeln glaubten wir deren Gesichter zu erkennen. Es
waren ihrer so viele, daß sie dicht gedrängt standen. Das Vorhandensein
einer Menge, gleichviel welcher Zusammensetzung, war für uns ein
Grund zur Befriedigung. Es war eine Unterbrechung der grenzenlosen
Einsamkeit. In der Wüste werden sich alle Menschen lieb und wert, nicht
sowohl infolge eines Gefühls der Verbrüderung der Menschheit oder eines
Verlangens nach Zusammenschluß gegen die Gefahren, als vielmehr nur
durch den erhebenden Anblick von etwas Lebendigem. Wir betrachteten
forschend alle jene aufrechtstehenden Menschen; dann stutzten wir ob
ihrer Unbeweglichkeit; wir glaubten, daß sie uns vielleicht gesehen
hätten und vor Erstaunen stillständen. Mit einem Schlage umfing uns die
Einsamkeit von neuem und schmerzvoller als zuvor, als wir jene Menge
zu Stein werden, die Gesichter sich in Schädel verwandeln sahen wie
infolge einer verhängnisvollen Beschwörung.
Am Fuße jedes Obo lagen Papierstreifen mit darauf geschriebenen
Gebeten in tibetischen Schriftzeichen oder von der Zeit entfärbte
Fähnchen, auch sie mit Spuren frommer Inschriften bedeckt. Der Mongole
gibt sich dem poesievollen Glauben hin, daß der Wind, wenn er diese
Papierstreifen und Fähnchen bewegt, die darauf geschriebenen Gebete
emporträgt und Buddha überreicht; wenn die Luft darüber hinstreicht,
so füllt sie sich mit den Gebeten, wie sie sich mit Wohlgerüchen
erfüllt, wenn sie über Blumen dahinstreicht und sie hin und her bewegt.
Bietet die Verwendung des Weihrauchs bei unseren religiösen Zeremonien
nicht eine gewisse Analogie hierzu? Wir verdankten den Obos eine
Wohltat; ihre Errichtung bedeutete das Freisein des Weges von allen
Steinen. Und wer weiß, ob der Ursprung dieses eigenartigen religiösen
Brauchs im Grunde nicht auf die Notwendigkeit zurückzuführen ist, die
steinigen Straßen zu verbessern, und ob die Gewohnheit, Steine vom
Wege aufzuheben, nicht bei einem Volke, das jeder Handlung und jedem
Ereignis eine mystische Bedeutung beimißt, zum Ritus geworden ist?
Wir mußten uns davon überzeugen, daß der Kühlapparat, diese Lunge
des Automobils, schlecht atmete. Infolge der großen Hitze war es
dem von der Fahrgeschwindigkeit erzeugten Luftzug nicht mehr
möglich, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, das vielmehr
mit ununterbrochenem heftigem Zischen in Dampfform dem Ventil des
Kühlapparates entströmte. Seit langer Zeit (uns kam die Zeit wenigstens
lang vor) suchten wir nach Brunnen, um das Wasser im Motor zu erneuern.
Wir wollten den in unserem Behälter aufbewahrten Vorrat nur im
äußersten Notfalle angreifen. Er enthielt kaum 50 Liter, und es war ein
Gebot der Vorsicht, diese aufzusparen; ein Bruch der Maschine konnte
uns Schiffbruch erleiden lassen, und dieser Vorrat würde unsere Rettung
sein.
[Illustration: Mongolische Schönheiten.]
„Ein Brunnen!“ rief von Zeit zu Zeit einer von uns, den Horizont
betrachtend -- „dort, ein Brunnen, ich bemerke Feuchtigkeit, die Erde
hat einen dunkeln Fleck!“
„Ja, ja“, antworteten die andern.
Die Selbsttäuschungen sind ansteckend.
Der dunkle Fleck war nicht vorhanden; es war ein Schatten. Wir waren
gezwungen, unsere Zuflucht zu dem mitgebrachten Wasser zu nehmen, und
hielten an, um es umzugießen. Der Boden schien unter unseren Füßen zu
brennen; eine erstickende Schwüle und eine Augenschmerzen verursachende
Lichtfülle strömten von ihm aus. Wir wurden von einem fast
unerträglichen Durst gequält. Als wir das klare Wasser aus dem Behälter
herausfließen sahen, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und
tranken gierig davon, mit geschlossenen Augen, um größeren Genuß zu
haben, den Mund an das Rohr gepreßt, dasselbe Rohr, das zum Umfüllen
des Benzins diente. Das Wasser war warm und roch unangenehm nach Benzin
und Firnis; in jedem andern Augenblicke würde es uns ekelerregend
erschienen sein. Alles ist eben relativ auf dieser Welt. Der Fürst war
der Genügsamste; er benetzte kaum die Lippen und ermahnte uns, mit
diesem kostbaren Naß sparsam umzugehen. Die eintönige Fahrt ging weiter.
Gegen Mittag begannen sich wieder Spuren von Vegetation auf dem
Grunde einiger Einsenkungen zu zeigen, in denen augenscheinlich etwas
Feuchtigkeit zurückgeblieben war. Bald wurden wir von dem Fluge weißer
Vögel überrascht, und unmittelbar darauf entdeckten wir einen kleinen
Pfuhl in einer breiten Bodensenkung. Am Ufer schritten Stelzvögel
würdevoll auf und ab. Wir hielten, um Wasser einzunehmen, das Ettore
mit dem Topfe zu schöpfen ging. Das Wasser war völlig ungenießbar, von
übelm Geruche, gelblich und schmeckte leicht salzig; wir verwandten es
für den Motor, der ja keinen Gaumen besitzt. Aber dieses Wasser zeigte
uns durch sein Vorhandensein an, daß wir bereits aus dem unheilvollen
Reiche der völligen Trockenheit heraus waren. In der Tat stießen
wir auch nach einigen zwanzig Kilometern auf Brunnen, um die herum
Karawanenlager aufgeschlagen waren.
In der Nähe eines dieser Brunnen lagen nur zwei schlafende Chinesen
-- vielleicht zwei Unglückliche, die zu Fuß in kleinen Tagemärschen
in ihr Vaterland zurückkehrten. Sie besaßen nicht einmal ein Zelt, um
sich vor der Sonnenglut zu schützen. Als einziges Gepäck hatten sie
einige Lumpen in einem Sacke. Auf dem Sande ausgestreckt, der zu glühen
schien, lagen sie halbnackt mit bloßem Kopfe und schliefen. Neben
ihnen rauchten die Reste eines Feuers, und über dem Feuer dampfte die
Teemaschine, die in dem Gepäck auch des ärmsten Chinesen nicht fehlen
darf, ebensowenig wie der Samowar beim ärmsten Russen. Es war uns
unfaßbar, wie Menschen die fürchterliche Qual dieser Hitze aushalten
konnten. Als sie Geräusch vernahmen, erwachten sie und richteten sich
auf, um uns mit ihren schläfrigen Augen zu betrachten, dann streckten
sie sich wieder aus. Sie mußten abgemattet und betäubt sein. Was war
unsere Reise im Vergleich zu der ihrigen? Wir erinnerten uns des
Pilgers, den der Fürst bei Nankou angetroffen hatte, jenes Mannes, der,
alle drei Schritte die Erde küssend, die Wüste durchquert hatte, und
dachten daran, daß, wenn die beiden Chinesen ihm begegnet wären, sie
vielleicht mit ihm dasselbe Mitleid gehabt hätten, das wir mit ihnen
hatten.
Das Wasser der Brunnen war klar und kalt. Nachdem wir unseren Durst
gelöscht hatten, füllten wir den Eimer damit und reichten uns während
der Fortsetzung der Fahrt unausgesetzt volle Becher davon. Unter den
Wirkungen der Hitze konnten wir wenigstens eine gute feststellen:
den geringen Benzinverbrauch. In der explosiven Mischung, die sich
bei der Berührung mit dem elektrischen Funken entzündet und so die
treibende Kraft des Motors hervorbringt, war nur ein ganz geringer Teil
Benzindampf enthalten.
Wir bemerkten dies an dem Funktionieren des Ventils, das automatisch
Luft in das Gemisch einläßt; es blieb ganz offen stehen, und es war
augenscheinlich, daß die Luft in ungemein großem Maße in den Vergaser
einströmte. Der Fürst bemerkte, daß wir uns mehr mit Hilfe der Luft als
mit Hilfe des Benzins weiterbewegten.
[Illustration: Mongolen.]
Mit dem Vorschreiten des Tages nahm die Hitze zu. Die Sonne, die
uns zuerst zur Rechten, dann im Rücken gestanden hatte, begann uns
nunmehr von der linken Seite aus zu peinigen. Bei der Abfahrt von
Peking hatte ich den Korkhelm verschmäht, mit dem der Fürst und Ettore
sich ausgerüstet hatten, und forderte die Gluthitze der Wüste Gobi
nur unter dem bescheidenen Schutze eines Panamahutes heraus, dessen
Krempe infolge der Geschwindigkeit der Fahrt sich über meiner Stirn
zurückschlug und so mein Gesicht vollständig bloßlegte. In wenigen
Stunden verwandelte die Sonne uns zu grotesken Masken, und ich war
leider die groteskeste. Die Gesichter nahmen eine dunkelrote Farbe
an, schwollen auf und schmerzten, so daß wir nicht einmal die leise
Berührung des Taschentuches ertragen konnten. Das frische Wasser, das
uns an den vorhergehenden Tagen köstliche Abwaschungen ermöglicht
hatte, verursachte jetzt ein unangenehmes Brennen. Hier und da schälte
sich an dunkler gefärbten Stellen die Haut ab. Wir hatten den Eindruck,
als würden wir langsam gekocht. Die entzündeten Augen brannten uns im
Kopfe, die Lippen waren geschwollen, vertrocknet, aufgesprungen. Ettore
schmerzte namentlich der Mund, dessen Winkel bluteten. Entsetzlich
litt er an den Händen, die von der harten Arbeit schon rissig geworden
waren und auf denen die Sonnenglut tiefe offene Furchen in das Fleisch
einbrannte; die geschwollenen Finger zitterten vor Schmerz. Nicht hoch
genug bewerten läßt sich das ungeheuere Maß von Selbstverleugnung,
von Ehrgeiz und Energie, das Ettore aufbot. Da, wo es sein mußte,
unterdrückte er jeden Schmerz und zwang seine wunden Hände zu den
härtesten Anstrengungen, die mitunter Blutspuren an den Werkzeugen und
den Maschinenteilen zurückließen. Wenn er dann seine Arbeit mit der
peinlichsten Gewissenhaftigkeit vollendet hatte, betrachtete er die
Wunden und murmelte mit seinem an ein großes Kind erinnernden Lächeln:
„Ich fürchte, daß wir nicht weiterkommen.“
[Illustration: Mongolen.]
Hätten wir zu unseren Häuptern noch den herrlichen Schutz des
Zeltdaches gehabt, so hätten wir der Sonne spotten können. Jetzt
konnten wir uns zum Troste nur sagen: „Auch das wird vorübergehen!“
Wir folgten der unendlichen Linie der Telegraphenstangen in einer Art
Traumzustand. Jene Linie hatte etwas Verführerisches an sich. In dieser
schrecklichen Eintönigkeit gewährte sie dem Auge eine Abwechslung,
die uns Anregung bot. Bald lief sie geradeaus wie ein phantastischer,
dünner, schwarzer, von einem Horizonte zum andern gezogener Strich,
bald zeigte sie die Stangen in einer regelrecht ausgeführten Schwenkung
wie Soldaten bei einer Übung. Der Vergleich mit Soldaten drängte sich
uns namentlich dann auf, wenn wir die Stangen in Reih und Glied den
Abhang einer Anhöhe emporklimmen sahen. An den Übergängen nahmen die
sich eng aneinanderschließenden Linien oft überraschende nebelhafte
Gestalten an, bald ähnlich der Spitze eines gotischen Turmes, bald
einem in unendlicher Ferne liegenden zerklüfteten Berge gleichend. Wir
beobachteten all diese Einzelheiten mit kindischer Aufmerksamkeit. Es
kamen uns Gedanken von erschreckender Albernheit. Ich überraschte mich
einige Male dabei, wie ich mechanisch die Stangen zählte, indem ich
bei irgendeiner anfing, um mich schließlich doch zu verzählen. Für den
aber, der nicht steuert, ist das Niederdrückendste auf einer derartigen
Reise die Untätigkeit. Zuerst beobachtet man, sinnt nach, dann
phantasiert man, und schließlich geht das müde Denken in Stumpfsinn
über; kein Gesichtseindruck erweckt es wieder, und so bleibt man in
einem Zustande schweigender, ruhiger Empfindungslosigkeit. Der Geist
entschlummert und lullt sich in die süße Geistesabwesenheit des Traumes
ein.
„Eine Jurte!“ rief der Fürst aus.
Es war 2 Uhr nachmittags. Diese Worte rüttelten uns plötzlich auf, als
hätten sie ein Wunder angekündigt.
„Wo, wo?“
„Dort, linkerhand, unter jenen Felsen!“
„Wir kehren in die Welt zurück!“
„Es werden wandernde Nomaden sein. Es gibt hier keine Weideplätze. Wer
kann hier leben?“
Wir betrachteten die Jurte, vor der ein Pferd angebunden war. Nach
kurzer Zeit entdeckten wir ein beladenes Kamel, das von einem Mongolen
geführt wurde, der stehenblieb und uns lebhaft zuwinkte. Wir warteten
auf ihn, und der Mongole eilte unter tiefen Verbeugungen auf uns zu,
zog aus seinem Rocke ein großes in ein Tuch geschlagenes Paket hervor
und begann es langsam zu öffnen. In dem Paket befand sich ein zweites,
in dem zweiten ein drittes... Aus dem letzten Paket endlich kam ein
Telegramm zum Vorschein, das der Mann uns feierlichst überreichte.
Das Telegramm war an Du Taillis gerichtet; wir gaben es dem
Karawanenführer zurück und bedeuteten ihm, er möge seinen Weg nach
Süden weiter fortsetzen. Er schnürte sein Paket sorgfältig wieder
zusammen, das sicherste Mittel, um ein wertvolles Papier nicht zu
verlieren, das aber Geschäftsleuten nicht zu empfehlen sein würde!
Wir bemerkten dabei, daß das Kamel mit zwei Benzinbehältern beladen
war. Nun verstanden wir: der „Spyker“, der wahrscheinlich Mangel an
Brennmaterial litt, hatte von Pang-kiang nach Udde telegraphiert, um
sich zwei Kannen aus dem Depot schicken zu lassen, und diese beiden
Kannen waren unterwegs. In Pang-kiang hatten wir ihm einige Liter von
unserem Benzin abgetreten, und ich glaube, die beiden „de Dion-Bouton“
hatten dasselbe getan.
Um 4 Uhr befanden wir uns zwischen niedrigen Felsen, die hier und da
aus der Ebene emporragten wie Klippen über das Meer. Am Abend vorher
war es uns nicht gelungen, die Station Pang-kiang zu erblicken, und
wir hatten schon geglaubt, sie verfehlt zu haben; jetzt sahen wir
Udde in jedem fernen Felsen. Bei jedem Schritt wurden wir enttäuscht.
Um die Telegraphendrähte nicht aus den Augen zu verlieren, suchten
wir ihnen überallhin zu folgen, auf die Rücken von Hügeln, zwischen
Steine und Felsblöcke; die Weiterfahrt gestaltete sich auf diese Weise
sehr mühsam. Gegen 5 Uhr kam eine aus einer Anhäufung runder Felsen
gebildete Anhöhe in Sicht, an deren Fuße, mit den Steinen in eins
verschmolzen, ein einziges chinesisches Häuschen stand; es war Udde.
Wenige Minuten später zogen wir in diesen Ort der Freude ein, der auf
ein Haar jenem glich, den wir am Morgen verlassen hatten.
Wir wurden nicht von einem, sondern von zwei diensteifrigen
Telegraphenbeamten empfangen, und waren im Augenblicke eines
Umzugs angelangt. Der alte Telegraphist von Udde stand im Begriff,
seinen Posten zu verlassen, und traf die Vorbereitungen zu einer
siebzehntägigen Karawanenreise, um nach Kalgan zu gelangen.
Zwischendurch weihte er den einige Tage zuvor angekommenen neuen
Kollegen in die Pflichten seines Amtes ein.
Der Mann, der die Wüste verließ, war glücklich. Die ihn erfüllende
Befriedigung machte ihn redselig. Er folgte uns lächelnd überallhin.
Sobald wir uns umwandten, waren wir sicher, den kleinen, mageren
Chinesen zu sehen, bewaffnet mit einem großen Pince-nez an einer langen
Schnur, bereit, uns die ganze Fülle seiner Freude anzuvertrauen.
Während ich meinen telegraphischen Bericht niederschrieb, sagte er zu
mir:
„Ich gehe nach Schanghai.“
„So?“
„Ja, weil ich aus Schanghai bin. Ich bin Witwer (geziertes Lächeln) und
ich bin Christ.“
„Das freut mich.“
„Mein Vater will, daß ich wieder heirate. Und so heirate ich denn,
sobald ich nach Schanghai komme.“ (Gelächter.)
„Lieben Sie denn Ihre zukünftige Frau?“
„Nein. Ich kenne meine Braut nicht. Mein Vater hat sie mir ausgesucht.“
„Und wenn sie Ihnen nicht gefällt?“
Er sah mich erstaunt an und lächelte herablassend, als er antwortete:
„Mein Vater hat sie mir ja ausgesucht. Das ist so Brauch bei uns. Ich
reise übermorgen. Ha, ha!“
An diesem Abend warteten wir vergeblich auf die Ankunft der übrigen
Automobile.
Schweigend verzehrten wir etwas Reis und das ewige Cornedbeef; dann
streckten wir uns, in die Pelze gehüllt, auf der Erde aus. Seit zwei
Tagen hatten wir vergessen, etwas zu uns zu nehmen. Der Durst hatte den
Hunger nicht aufkommen lassen.
Achtes Kapitel.
Die Stadt der Wüste.
Das ferne Gebirge. -- Ein Bild der Verödung ringsum. -- Die
Stadt der Wüste. -- Ein geheimnisvolles Automobil. -- Auf der
Antilopenjagd. -- Urga.
Udde war unsere zweite Vorratstation, und wir fanden hier Benzin,
Öl, Fett, das alles von Peking mit einer Karawane gekommen und in
einem wirren Haufen von Paketen und Fässern in einem Winkel des Hofes
beieinanderlag. Unterwegs war etwas Benzin durch die Ritzen der
beschädigten Fässer gelaufen; trotzdem hatten wir zur Genüge davon, um
die Behälter der Maschine zu füllen; wir ließen auch noch einige volle
Behälter zurück und baten die Telegraphisten, sie unseren Kollegen für
den Fall auszuhändigen, daß sie ihrer bedürften.
Am 20. Juni kurz vor Tagesanbruch kam ein Mongole von dem mehr als
einen Li von der Telegraphenstation entfernten Brunnen von Udde und
überbrachte uns Nachrichten. Am Brunnen hatte er Karawanenführer
angetroffen, die nach einem langen Nachtmarsche von Süden her dort
angelangt waren; sie hatten ihm berichtet, daß „die fremden Wagen“
am vorhergehenden Abend 180 Li (etwa 80 Kilometer) von Udde entfernt
gelagert hätten. Die Entfernung erschien uns etwas übertrieben; die
Karawane konnte in der Nacht nicht mehr als 100-110 Li zurückgelegt
haben, und die Automobile mußten sich etwa 60 Kilometer von uns
entfernt befinden. Der Fürst beschloß, zwei Tage in Urga, der
Hauptstadt der Mongolei, wo wir am Abend des folgenden Tages
einzutreffen gedachten, auf sie zu warten, wie wir dies auch in Kalgan
getan hatten.
Im Westen funkelten noch einige Sterne, als wir nach Tauerin, der
nächsten, über 300 Kilometer entfernten Telegraphenstation, aufbrachen,
nachdem wir eine Tasse guten heißen Tees geschlürft und uns unter
Danksagungen von unseren beiden Telegraphisten verabschiedet hatten.
Der Morgen war frisch, und wir hatten uns in unsere Pelze gehüllt, die
kaum genügten, um uns zu erwärmen. Aber drei Stunden später hatten wir
sie schon über die Rücklehnen unserer Sitze gelegt. Um 9 Uhr begannen
wir von neuem unter den Qualen der Hitze zu leiden.
Wir hätten schwören können, daß die Hitze von Tag zu Tag zunehme; in
Wahrheit aber wurde sie uns nur fühlbarer infolge der überaus großen
Empfindlichkeit unserer kranken Haut. Als der Tag vorschritt, brachte
uns nicht einmal der Luftzug der raschen Fahrt mehr Erleichterung. Wir
hatten manchmal die Empfindung, als seien wir von dem glühenden Atem
eines Ofens umgeben, als näherten wir uns allzusehr einer unsichtbaren
Feuersbrunst. Der unaufhörliche, quälende Durst peinigte uns wieder;
die übermäßige Trockenheit der Luft dörrte uns die Kehle aus, und es
war uns, als ob wir ganz austrockneten. Das Antreffen eines Brunnens
war ein Fest.
Ich erinnere mich als eines der köstlichsten Genüsse der Minuten, in
denen ich meine Lippen an den Rand des mit frischem Wasser gefüllten
Eimers setzen konnte. Es war ein Trinken in vollen, langen, gierigen
Zügen, mit den Füßen im Schmutz, der sich um den Brunnen angehäuft
hatte, das Gesicht nach unten gewandt, fast eingetaucht in das Wasser,
das überfloß, in den Hals rann und sich über die Kleider ergoß; so
groß war unsere Gier, rasch zu trinken, viel zu trinken, uns an der
erquickenden Frische zu laben, die in Strömen in uns hineinrann.
[Illustration: In der mongolischen Steppe.]
Als die Hitze wieder begann, standen wir unter dem Banne eines
unstillbaren Verlangens, das uns nicht verlassen wollte; wir stürzten
im Geiste eingebildete Getränke hinunter. Ettore dachte gewöhnlich an
ein großes Glas eiskalten Bieres, das durch den Schaum getrübt war,
aber nach und nach vom Grunde aus immer klarer wurde und in der Kehle
prickelte, während an der beschlagenen Außenseite Tropfen zwischen den
Fingern herabrannen. Alle Augenblicke bot er mir sein Glas Bier an; ich
revanchierte mich dafür großmütig mit Eiskaffee. Ich weiß nicht, warum
der Eiskaffee zu meiner geistigen Lieblingserfrischung in der Wüste
wurde. Seltsam, wir nahmen uns ernstlich vor, bei unserer Rückkehr
wahre Orgien im Trinken zu feiern, uns in Wahrheit daran zu erquicken,
als müsse uns dieser Durst bis in unsere Häuslichkeit verfolgen. Und
wir empfanden großes Bedauern um alle Biere und alle Eiskaffees,
die wir früher getrunken hatten, ohne uns ihren unermeßlichen Wert
zu vergegenwärtigen, ohne die Glückseligkeit zu fühlen, die daraus
entspringen kann.
Mit Udde waren auch die Felsen verschwunden. Stundenlang zog sich der
Weg durch eine endlose Reihe von Tälern hin, die von niedrigen sandigen
Hügeln von rötlicher Farbe eingeschlossen waren. Auf den Hügeln fanden
wir mitunter eine kurze steinige Strecke, mitunter auch schweren Sand,
der den Motor ermüdete, aber im allgemeinen konnte sich das Gelände für
den Automobilsport nicht besser eignen. Die Maschine wurde des öftern
auf jungfräulichen Ebenen zur Maximalgeschwindigkeit angetrieben;
wir wichen von jeder Spur eines Pfades ab, verließen die Fußtapfen
der Kamele und drückten die Spur unserer Räder einem Boden auf, der
überhaupt noch nicht betreten worden war.
Zum erstenmal jagte ein Automobil mit all seiner Kraft außerhalb der
tyrannischen Schranken der Straße hin, Herr seiner selbst, seinem
Ungestüm nach Laune und Belieben folgend wie ein freies Roß. Wir
freuten uns über diese weiten schnellen Fahrten, die unsere Flucht
unterstützten. Wir empfanden die Angst vor der Einsamkeit und Stille
immer beklemmender. Auf Hunderte von Kilometern waren wir die einzigen
lebenden Wesen; wir litten unter einem unbestimmten geheimen tiefen
Gefühl des Grauens über diese Vereinsamung, über das wir uns keine
Rechenschaft ablegen konnten. Es war die Vorstellung einer uns weithin
rings umgebenden Feindseligkeit, einer erbitterten Gegnerschaft
der Erde selbst. Wir betrachten die Erde stets als eine großartige
Persönlichkeit, nennen sie Mutter Erde, finden sie bald lächelnd,
bald ernst, wir legen ihr Sprache und Leidenschaften bei; sie hat
Gesichtszüge, die Empfindungen erwecken; es liegt etwas in ihr, was
einer Seele gleicht, einer großen Seele. Wir fühlen dies instinktmäßig;
wenn wir allein in einer Gegend sind, so haben wir Empfindungen von
Freude oder von Trauer, die von dem herrühren, was sich unseren Augen
darbietet, Empfindungen, die die unerforschliche Emanation eines
geheimnisvollen Lebens sind, das uns umgibt. Dort draußen entsprang
aus diesem Geheimnis Abneigung. Man möchte sagen, die Wüste liebe ihre
Stille und verteidige sie. Sie ist ein unermeßlicher Friedhof, der
nicht entweiht werden will.
Wir sehnten uns danach, wenigstens einen Baum zu sehen. Ein Baum
ist ein Gefährte, ein riesenhafter Freund, der im Schatten seiner
geöffneten Arme Gastlichkeit und Ruhe bietet. Seit Kalgan hatten wir
jedoch keine Bäume gesehen. Allerdings hatten wir gestern nicht weit
von Udde solche anzutreffen geglaubt; am Ufer eines ausgetrockneten
steinigen Gießbaches bemerkten wir sieben in einer Reihe stehende
Bäume -- sieben Wunder. Wir näherten uns ihnen und bemerkten, daß es
tamarindenartige Sträucher waren von weit unter Mannshöhe; die Kahlheit
des Bodens hatte uns über die Größenverhältnisse getäuscht. Jedenfalls
betrachteten wir sie als große Seltenheit und erfreuten uns an ihrem
Dasein und an ihrer Form.
Es war 10 Uhr geworden, als die Steppe wieder auftauchte.
Das Gras begann zaghaft die Talgründe mit Grün zu bekleiden, dann
dehnte es sich über die Hügel aus und wurde einheitlicher und
dichter. Im Grünen ließ sich ein Gezwitscher von Vögeln vernehmen,
anfangs unbestimmt, unterbrochen, fern, dann lauter, zusammenhängend,
wohlklingend. Es waren Tausende von Wüstenlerchen, von eigenartigen
Rebhühnern mit weißer Brust und von Schopfreihern. Um das Automobil
herum erhoben sich ganze Wolken dieser fröhlichen Bewohner der Luft;
zuzeiten waren wir von ihnen vollständig eingehüllt. In der Nähe mußte
sich also Wasser befinden. In der Tat fuhren wir kurz darauf an kleinen
schlammigen, mit gelbem Rohr bedeckten Sümpfen vorbei, deren Ufer von
Wasservögeln wimmelten, von weißen Flamingos, die unbeweglich auf den
langen roten Beinen standen, von Enten mit schwarzem Kopf und von
Wildgänsen. Mitunter hob eine von unserer Ankunft überraschte Antilope
den feinen Kopf aus dem Grase und schoß dann pfeilschnell von dannen.
[Illustration: Der erste Tarantaß vor der Russisch-Chinesischen Bank in
Urga.]
Die Geschwindigkeit des Automobils zeigte uns wechselnde
Landschaftsbilder, die den Karawanen unbekannt sind. Im Laufe einer
Stunde waren wir aus der Sandwüste in die Steppe gelangt; der träge
Gang des Kamels würde einen Tag dazu gebraucht haben, das heißt eine
Zeit, in der der Wechsel gar nicht zum Bewußtsein kommt. Im Fluge
durcheilten wir eine vollständig ebene Fläche, eine Fahrt von 60
Kilometern ohne Unterbrechung, die, wie wir hofften, nicht eher enden
würde als auf unserem neuen Halteplatz. Aber die Fahrt ging zu Ende,
die Ebene ging zu Ende, die Steppe ging zu Ende, es verstummte der
Gesang der Lerchen, und wir steuerten vorsichtig in eine steinige,
traurige, nackte, öde Gegend! Von neuem waren wir von der Wüste
eingefangen. Wir machten an einem Brunnen mitten im Lager einer
chinesischen Karawane halt. Die Karawanenführer traten halbnackt aus
ihren blauen Zelten und näherten sich uns.
„Wie weit ist es bis Tauerin?“ fragten wir.
Sie wiesen nach Norden mit einer ausdrucksvollen Handbewegung, die
sagen sollte: Sehr, sehr weit.
„Wieviel Li?“
Sie wußten es nicht. Einer von ihnen sagte:
„Zwei Tagereisen.“
Ein anderer erzählte ein langes und breites von Tauerin, von einem
Berge, bezeichnete uns einen Punkt, an dem die Straße eine kleine
Anhöhe emporstieg, und es gelang uns zu verstehen, daß Tauerin am Fuße
eines Berges liegen müsse und daß der Berg von jenem Punkte der Straße
aus sichtbar sei.
Wir hatten uns nicht getäuscht. In der Tat bemerkten wir, als wir
die Maschine über die Anhöhe trieben, am Horizonte die Umrisse eines
riesigen Felsens, eines Gibraltars der Wüste. Er konnte nicht weniger
als 70 Kilometer entfernt sein, und wir sahen ihn nur infolge der
außerordentlichen Durchsichtigkeit der Atmosphäre. Er war blaßblau,
und wie aus dem Meere, wenn Land in Sicht kommt, so verloren wir ihn
aus den Augen; er entschwand zeitweilig unseren Blicken, sein Umriß
zerfloß, und die Vision löste sich in strahlende Lichtfülle auf. Wir
mußten geduldig mit dem Auge die Linie des Horizontes absuchen, um die
zitternde, flüchtige Erscheinung wieder aufzufinden.
Der Weg stieg an, und der Berg von Tauerin ging unter wie ein Gestirn.
Es begann eine neue endlose Reihe von ausgedörrten Tälern und Anhöhen.
Auf jedem Hügel erwarteten wir unser Gibraltar in größerer Nähe zu
sehen. Aber wir sahen überhaupt nichts mehr. Die Stunden gingen vorüber
und schienen uns eine Ewigkeit. Wir fühlten uns müde, abgespannt,
als sei unsere Kraft in den mächtig arbeitenden Motor übergegangen.
In Wahrheit beflügelten wir ihn dermaßen durch unser beständiges
Verlangen, begleiteten ihn mit solcher Willensanspannung, daß wir
tatsächlich eine physische Schwäche spürten. Der Weg war nicht immer
leicht fahrbar, und wir folgten jeder Bewegung der Maschine mit einer
Aufmerksamkeit, die unser ganzes Nervensystem anspannte.
Der große Felsen kam nicht wieder zum Vorschein. Stets wiederholten
wir mit erneuter Zuversicht: „Dort werden wir ihn sehen in wenigen
Minuten ...“ Nichts. Jede Enttäuschung brachte uns um Hunderte von
Kilometern zurück. Nach vier Stunden war unser Glaube zu Ende.
„Jener Berg war eine durch die Telegraphendrähte hervorgerufene
optische Täuschung!“ rief ich aus und zeigte auf die seltsamen,
verschwommenen Formen, die die Verkürzung der langen Reihe der Stangen
am Horizonte zeichnete.
„Wenn es ein Berg gewesen wäre, so wäre er nicht verschwunden“;
bemerkte Ettore weise.
„Und doch konnte es nichts anderes als ein Berg sein“, schloß Don
Scipione, den ich im stillen für eigensinnig hielt.
Wir mußten uns überzeugen, daß wir noch weit vom Ziele entfernt waren,
und verfielen in melancholisches Brüten.
[Illustration: Mongolenfrau aus Urga.]
An diesem Tage war mir der Platz auf dem Tritte zugefallen, der
ungewohnte und nicht immer angenehme Empfindungen in mir erregte.
Er nötigte mich, in gekrümmter Haltung zur Seite geneigt zu sitzen,
die Füße nach links auf dem Trittbrett, außerhalb des Automobils,
den Kopf nach rechts gewandt, eine Stellung, wie sie einer badenden
Nymphe angemessen, aber für eine lange Fahrt reichlich unbequem
ist. Das Gesicht, das sich in der Höhe des Motorkastens befand,
erhielt alle heißen Ausströmungen der Maschine. Dazu kam ein stetes
Schwanken des Gleichgewichts bei den Wendungen und während der harten
Stöße des Automobils; man mußte sich an irgendeinen vorspringenden
Teil festklammern, um nicht infolge unvorhergesehener Wirkungen der
Zentrifugalkraft herausgeschleudert zu werden. Alles das will bei
einer Spazierfahrt nichts besagen und ist vielleicht sogar amüsant.
Es ist aber von ernster Bedeutung bei einer vielstündigen Fahrt, wenn
Müdigkeit und Langeweile allmählich Muskeln und Gehirn erschlaffen
lassen, wenn die erzwungene Unbeweglichkeit, das Schweigen, die
Eintönigkeit des Weges, die Hitze, das lange Wachsein allmählich ein
Abspannen der Nerven, eine Betäubung hervorbringen, die nicht Schlaf
ist, wohl aber ein Vergessen seiner selbst, des Ortes und der Zeit,
eine unbezwingliche Mattigkeit und Bewußtlosigkeit. Man verfällt in
ein Delirium der Ruhe und Untätigkeit. Das Auge blickt verständnislos.
Alles verliert seine Bedeutung und seinen Reiz. Ich erinnere mich,
eine unbestimmbare Zeit hindurch die Umdrehung eines Rades beobachtet
zu haben, dessen breiter Pneumatikreifen mir ein grauer, gleichmäßig
herabstürzender Wasserfall von ewiger Dauer zu sein schien und der mich
wie ein Strudel anzog. Der Boden zu meinen Füßen schoß vorbei wie jene
seltsamen, grauenerweckenden Ströme, die wir in unseren Fieberträumen
überschreiten. Einmal erschien mir alles dunkel, verworren
dahinzujagen. Nur eines begriff ich: ich war in Gefahr, zu stürzen.
Nur ein kleiner Teil meines Wesens war noch wach, in dem verdunkelten
Bewußtsein wachte der Instinkt wie ein Soldat auf Posten und schlug
Alarm. Aber ich vermochte nicht mehr auf ihn zu hören. Ich fühlte, daß
ich fiel, und leistete keinen Widerstand, es überkam mich eine wohlige
Gleichgültigkeit ... Mehr als einmal packte mich eine Hand kräftig an
der Schulter, und ich hörte die Stimme des Fürsten mir zurufen:
„Achtung! Sie fallen!“
Und ich erwiderte sofort mit dem Schamgefühl dessen, der in trunkenem
Zustande überrascht worden ist:
„Nein, nein, es hat keine Gefahr.“
Unvermutet kam der Berg wieder zum Vorschein. Er war ungefähr 15
Kilometer entfernt und schien aus einem riesenhaften Felsblock mit
senkrechten Wänden zu bestehen; er erhob sich über einem Hügel, der
vielleicht von den Trümmern des Felsens herrührte. Augenscheinlich
bildete die lange Reihe von Ebenen und Anhöhen, durch die wir soeben
gekommen waren, in ihrer Gesamtheit eine weite Einsenkung, eine riesige
Höhlung, eine „Gobi“, und dieser Umstand hatte uns daran gehindert,
den Berg von Tauerin nach seinem ersten fernen Erscheinen wieder zu
erblicken. Je näher er kam, desto seltsamer erschien er.
Es war nicht ein einzelner Felsblock; es war eine Gruppe von Klippen,
eine Anhäufung von Felsen, eine Kolonie von Schären, etwas wie ein
ungeheuerer Obo, errichtet von dem Glaubenseifer eines Volkes von
Titanen. Dreiviertel Stunde später fuhren wir zwischen Steinen und
Blöcken in eine phantastische Gegend ein.
Wir stiegen den Abhang des erwähnten Hügels hinan, der von dem Felsen
mit seinen bizarren, furchterregenden Umrissen überragt wurde. Wir
hatten den Eindruck, als befänden wir uns in einer ungeheueren Ruine,
als wären wir an einem Orte, an dem eine Welt zusammengebrochen war.
Diese riesigen, seltsamen Steine schienen aus der Höhe herabgefallen
zu sein, umgestürzt, fortgeschleudert, zertrümmert von der Wut einer
unermeßlichen Katastrophe. Zu der Verödung gesellte sich die Wüste. Die
Wüste schlummerte nicht mehr auf stillen, weiten Ebenen; hier bäumte
sie sich ungestüm auf und nahm gewalttätige Formen an; sie schien sich
nicht mehr zur Abwehr, sondern zur Zermalmung zu rüsten.
Die Maschine fuhr auf der Karawanenstraße mühsam bergan, und ihr
Schnaufen wurde vom Echo zurückgeworfen. Wir suchten zwischen den
Felsen nach der Telegraphenstation; ohne es zu bemerken, hatten wir
unseren Führer, die Telegraphendrähte, verloren und befanden uns wie
verlassen in jener unheimlichen Einsamkeit. Es gelang uns nicht,
unseren schmerzlich ersehnten Zufluchtsort zu entdecken.
Aus einem Loche schlüpfte ein Fuchs heraus, der, anstatt erschreckt
zu fliehen, uns eine lange Strecke begleitete; gelehrig wie ein Hund,
kehrte er uns die spitze, gestreifte Schnauze zu und schleppte die
prächtige, langbehaarte Rute hinter sich her. Dann verschwand er.
Wir gelangten auf den westlichen Gipfel der Anhöhe. Die Felsen
rundeten sich nach dieser Seite ab und nahmen die Gestalt von riesigen
Tiergruppen an. Wir fuhren bergab, der Ebene zu.
Mit einem Male sahen wir über diesem ungeheueren Steinhaufen vier
goldene Kugeln in der Sonne glänzen. Sie waren von gleicher Größe,
hielten sich in derselben Höhe und waren symmetrisch verteilt. Wir
betrachteten sie mit angespannter, stummer Aufmerksamkeit. Sie
schwebten über dem Felsengewirr, das zur Linken der Straße herabfiel,
einige hundert Meter vor uns. Als wir unseren Weg fortsetzten,
entdeckten wir zwischen den Blöcken einen breiten Zwischenraum, und
unsere Neugierde ging in Verwunderung über, die Verwunderung in
sprachloses Staunen, je mehr die verworrenen Bilder in diesem von der
Sonne grell beleuchteten Zufluchtsorte feste Gestalt annahmen. Einige
Minuten später brachten wir das Automobil zum Stehen, um mit gierigen
Augen das unglaubliche Schauspiel einer Stadt zu betrachten, einer
Stadt seltsamen Aussehens, einer Märchenstadt!
Wir konnten sie von der Höhe überblicken. Felsen umgaben sie von
allen Seiten und vertraten die Stelle von Mauern. Die goldenen Kugeln
bildeten die Bekrönung von vier großartigen Tempeln, die sich nach
Süden zu aneinanderreihten. Diese heiligen Gebäude hatten nichts gemein
mit dem Tempel, den wir in der Nähe von Pang-kiang gesehen hatten,
dem Tempel des alten unbeweglichen Priesters. Sie waren auf großen
Plattformen von Holz errichtet, wie die buddhistischen Bauten Japans;
sie schienen ganz aus geschnitztem, bemaltem, vergoldetem Holze zu
bestehen; sie hatten Dächer, die an den Ecken aufgebogen waren wie die
chinesischen, aber ohne in jene charakteristische Linie auszulaufen,
die dem Dache eines Zeltes gleicht und die vielleicht im Zelte ihren
Ursprung hat, ihre Firste endeten im Gegenteil in Giebeln. Auf der
äußersten Spitze befand sich immer eine goldene Kugel. Diese Gebäude
glichen einander und standen jedes abgesondert von den übrigen. Ihre
Großartigkeit rührte von ihrer isolierten Lage her. Rings umher keine
Pflanze, kein Anzeichen von Grün, nur Sand und Felsen. Die Stadt lag
ein wenig entfernt und ließ ehrfurchtsvoll einen freien Raum zwischen
sich und ihren Tempeln.
Man kann sich keine seltsamere Stadt vorstellen. Sie bestand aus einer
Menge kleiner weißer Häuser aus Kalk und Holz, mit quadratischen,
regelmäßigen Dächern, aus geraden und breiten Straßen. Die Stadt
und die Tempel schienen neu, aber ausgestorben. Die Straßen waren
verlassen. In dem hellen Lichte, das in sie einströmte, bemerkten wir
kein menschliches Wesen. Der Ort, der unversehens wie durch Zauberei
vor uns auftauchte, schien unbewohnt zu sein. Oder besser, nicht von
Menschen bewohnt, weil wir von Zeit zu Zeit Hunde bemerkten, die durch
die Straßen liefen, an den Häusern entlang schlichen und sich an den
schattigen Stellen auf allen vieren ausstreckten. Die Stadt schwieg wie
die sie umgebende Wüste.
Wer mochte in diesen Gegenden leben? Mönche, sicherlich. Wir glaubten
uns plötzlich vor einem Bergneste des Lamaismus zu befinden. Wir ließen
das Automobil stehen und näherten uns der Lamastadt, indem wir auf
einen mächtigen Felsblock kletterten. Nur Menschen, die im Gebet und
in religiöser Vertiefung ihren Lebenszweck erblicken, konnten eine
solche Regungslosigkeit und solches Schweigen beobachten. Da drang
von irgendeinem Punkte eine laute, helltönende, frohe Kinderstimme
zu uns empor. Ihr Klang genügte, um uns zu sagen, daß dort nicht nur
Mönche wohnten. Wir stiegen nicht zu den Häusern hinunter, aus Furcht,
einen gefährlichen Fanatismus zu erwecken. Auch hatten wir große Eile,
unseren Lagerplatz aufzusuchen. Wir kehrten daher zum Automobil zurück
und setzten unsere Nachforschungen nach der Telegraphenstation fort.
Die geheimnisvolle Stadt entschwand unseren Blicken.
Wir bemerkten einen Hirten, der eine kleine, im Schatten der Felsblöcke
grasende Herde bewachte, aber zu weit entfernt war, als daß wir mit
ihm hätten sprechen können. So begannen wir auf der nördlichen Seite
des Berges hinunterzufahren. Die Telegraphenstation war noch immer
nicht sichtbar. Wir kehrten daher zurück und beschlossen, die Lamas der
heiligen Stadt zu befragen.
Von neuem in die Nähe der Stadt gelangt, begaben wir uns zu Fuß nach
dem bewohnten Teile. Irgend jemand hatte uns gesehen. Männer eilten aus
den Straßen heraus und stiegen, von Hunden begleitet, zu uns empor,
allen voran ein Greis. Der Fürst wandte sich mit einem Zeichen des
Grußes an ihn. Der Alte wich zurück und floh. Der Gruß wurde bei einem
jungen Manne wiederholt, der ihn glücklicherweise festen Fußes und mit
einem der Sachlage entsprechenden Mute entgegennahm.
Wie aber sollte man einen mongolischen Lama nach dem Wege zu einer
Telegraphenstation fragen? Nachdem wir alle chinesischen Worte, die
zum Ziele führen konnten, gebraucht, alle Gesten, die nach unserer
Meinung Drähte, Stangen, Häuschen, Telegraphieren bezeichneten (an
dieser Stelle der Mimik ahmten wir mit der Stimme das Geräusch des
Stiftes in einer Weise nach, die uns vollkommen erschien: tick-tick
tick, tick-tick tick), wiederholt hatten, erzielten wir nur das eine
praktische Resultat, daß das ganze Lamaistenkloster von Tauerin lachte.
Das war wenigstens etwas! Das Mißtrauen verschwand, der Humor besiegte
den Widerstand, die Mönche drängten sich vertraulich um uns und
freundeten sich mit uns an. Aber den Weg zur Station fanden wir nicht.
Der Fürst hatte jetzt eine glückliche Idee; er holte sein Notizbuch
hervor und zeichnete Striche, die die Telegraphenstangen darstellen
sollten, versah sie mit Isolatoren und spannte Drähte dazwischen.
Die Lamas verfolgten seine Arbeit mit gespanntem Interesse, stießen
einander an und reckten die Hälse. Es waren Männer jeden Lebensalters,
mit glattrasiertem Kopf und Gesicht, in Kutten und Mäntel von gelber
und roter Farbe gehüllt. Viele trugen den Mantel auf dem bloßen Körper,
wie eine Toga über die linke Schulter geschlagen, und bedeckten mit
einem Zipfel des Mantels den Kopf. Kutten, Mäntel und Menschen waren
gleichmäßig schmutzig; Wasser ist in der Wüste selten. Wer ahnt, was
für ein aufregendes Erlebnis unsere Ankunft für jene Eremiten war, die
sich von der Welt abgeschlossen haben, um die heiligen Schriften des
Buddhismus zu studieren und über sie nachzudenken! Die Mongolen tragen
ihre aus dem fernen Tibet stammenden heiligen Bücher mit sich in die
ödesten Gegenden; sie verbergen sie wie einen Schatz. Sie sind der
Ansicht, daß die milde Lehre Buddhas nur in der Einsamkeit und Stille
vollständig begriffen werden könne.
Nachdem der Fürst die Drähte gezeichnet hatte, ging er an die
Darstellung der Telegraphenstation, in der sich die Drähte vereinigten,
und tippte dann mit dem Finger darauf, um anzudeuten, daß dies der
Gegenstand unserer Fragen, der eigentliche Zweck seiner langen Arbeit
sei. Da begriffen die Lamas den Sinn der Hieroglyphen! Gestikulierend
und laut durcheinanderrufend setzten sie sich in Bewegung, um uns die
Richtung zu zeigen. Auf die Straße gelangt, blieben sie beim Anblick
des Automobils erstaunt stehen. Sie umringten es und betrachteten es
mißtrauischen Blickes. Eine Menge Hunde war den Mönchen gefolgt und
schnüffelte indiskret überall herum. Ettore glaubte den Augenblick
gekommen, die Maschine in Bewegung zu setzen. Er drehte die Kurbel
zweimal mit Macht herum, der Motor trat lärmend und brausend in
Tätigkeit, und die Hunde und die Lamas flohen Hals über Kopf der
heiligen Stadt zu!
Zum Glück hatten wir begriffen, daß die Telegraphenlinie sich
in östlicher Richtung auf engen, sich zwischen den Felsen
hindurchwindenden Pfaden hinziehe. Ich weiß nicht, wie es dem Automobil
glückte, die steilen Abhänge bis zur Höhe des Hügels hinaufzuklimmen,
eine Art Gang zwischen den Felsblöcken zu passieren und auf der andern
Seite wieder hinunterzugelangen. Tatsache ist, daß wir auf eine Wiese
kamen, auf der schon der Abendschatten lag -- und mitten auf der
Wiese lag die dritte Telegraphenstation der Mongolei, klein wie ihre
Mitschwestern, wie diese ein Lehmbau und doch in unseren Augen so
verlockend!
„Wissen Sie schon?“ fragte uns der chinesische Telegraphist in großer
Eile -- „es ist ein anderes Automobil vorübergekommen. Es fuhr nach
Urga.“
„Ist es möglich?“
„Ja, es hat hier nicht gehalten. Es fuhr rasch wie der Wind.“
„Teufel noch mal!“
„Ich habe es ganz deutlich gesehen, es kam aus der Richtung von Udde
her.“
„Wann denn?“
„Vor einigen Stunden.“
Wer konnte uns überholt haben? Wir hatten nichts gesehen. Vielleicht,
während wir den Weg suchten ... Oder war einer der „de Dion-Bouton“ die
ganze Nacht durch gefahren und uns zuvorgekommen?
„Sind Sie ganz sicher?“ fragten wir. „War es ein Automobil?“
„Ganz sicher. Es kam von Udde, fuhr nach Urga, und ich habe sofort
telegraphiert.“
„War es so wie das unsrige?“
[Illustration: Barzini zu Besuch beim chinesischen Gouverneur der
Mongolei.]
„Viel kleiner; o, viel kleiner.“
„Bitte in Udde wegen aller Automobile einmal anzufragen.“
„Sofort.“
Und der dienstfertige Chinese setzte sich an den Apparat. Einen
Augenblick später erhob er sich und erklärte würdevoll:
„Udde speist. Es bittet um fünf Minuten Frist, um zu Ende zu essen.“
Als Udde gespeist hatte, sandte es die erbetenen Nachrichten, die
der Telegraphist uns nach und nach übersetzte, wie er sie von dem
Papierstreifen ablas.
„Die ‚Itala‘ hat Udde heute morgen um 4 Uhr verlassen ...“
„Sehr gut. Und dann?“
„... Der ‚Spyker‘ hat gestern 100 Li nördlich von Pang-kiang halten
müssen aus Mangel an Benzin, das ihm mit einem Kamele zugesandt
wurde ... Die ‚de Dion-Bouton‘ sind heute 1 Uhr nachmittags zusammen in
Udde eingetroffen und um 2 Uhr weitergefahren.“
„Sonst nichts?“
„... Der dreirädrige ‚Contal‘ ist bis jetzt weder in Pang-kiang noch
in Kalgan gemeldet worden ... Der Tu-tung von Kalgan hat berittene
Soldaten ausgeschickt, um ihn zu suchen. -- Das ist alles.“
Es war klar, daß der „Spyker“ sich mindestens 400 Kilometer hinter
uns befand und die beiden „de Dion-Bouton“ 250. Das Geheimnis
des Automobils, das einige Stunden vorher durchgekommen war ohne
anzuhalten, war aufgeklärt. Wie hatten wir es nicht sofort verstehen
können!
„Das waren wir“, erklärten wir dem erstaunten Chinesen. „Wir waren
es, die dort vorbeifuhren. Wir haben nicht gehalten, weil wir das
Telegraphenamt nicht sahen, das wir auf allen Seiten des Hügels
suchten, nur nicht auf der richtigen.“
„Das Automobil, das vorüberfuhr, erschien mir kleiner“, bemerkte er
zweifelnd.
„Infolge der Entfernung.“
„Das ist wahr. Die Entfernung verkleinert alles.“
Nachdem er diese tiefe Wahrheit ausgesprochen hatte, zeigte sich der
Telegraphist vollkommen überzeugt.
Bei der Berechnung der zurückgelegten Strecke stellte es sich heraus,
daß wir das erste Tausend Kilometer von Peking aus hinter uns hatten.
Um dies Ereignis festlich zu begehen, beschlossen wir, ein opulentes
Mahl zu halten. Ein Hirt und Lama, der in diese Gegend gekommen war,
verkaufte uns ein Lamm, das wir ihm mit Stücken eines Silberbarrens
bezahlten (gemünztes Geld hat bei den Mongolen keinen Kurs), die wir
ihm gewissenhaft auf einer kleinen in Kalgan gekauften Wage zuwogen.
Das Lamm, das den geschickten Händen des Telegraphisten anvertraut
wurde, erschien einige Stunden später wieder vor uns in der Gestalt
eines riesigen Stückes dampfenden gekochten Fleisches, das uns als das
köstlichste Gericht der Welt vorkam.
Vor den zusammengelegten Knochen zündeten wir uns dann unsere
Zigaretten an und unterhielten uns beim Scheine einer in den Hals einer
Flasche gesteckten Kerze eingehend über die nahe Wüstenstadt, deren
Weichbild von keinem weiblichen Fuße betreten werden darf, von unserer
Reise, von dem nächsten Haltepunkte. Wir hatten Müdigkeit, Durst, alle
Leiden der langen Tagereise vergessen, dreizehn endlos lange Stunden
der Fahrt in glühender Sonnenhitze, in aufreibender Anspannung der
Nerven, unter tausend Zweifeln und Ängsten.
Wie klein und verächtlich erschienen uns nun die überwundenen
Schwierigkeiten! Die Zukunft spornte uns dermaßen an, daß wir keine
Zeit verloren, zurückzublicken. Diese Neigung, Schlimmes zu vergessen,
macht das größte Glück des Menschen aus. Jeden Morgen fühlten wir uns
beim Aufbruch stark und bereit zu neuen Anstrengungen, weil wir die
Erinnerung an den vorigen Tag verloren hatten. Ein wohltätiger Schleier
breitete sich über die überstandenen Leiden. Und beim Aufbruch glaubten
wir immer, alle Schwierigkeiten seien zu Ende. Im Vergessen und im
Hoffen liegen die Quellen unserer Kraft! Unsere Fahrt glich in vielen
Stücken dem Leben.
* * * * *