es regnet, sobald er einen Abstecher an Land macht. Es waren fünf
durch Kraft und Geschicklichkeit ausgezeichnete Leute. Der eine war
Mechaniker und Photograph; er unterstützte Ettore während des Marsches
bei der Überwachung des Ganges der Maschine, und an den Haltestellen
erschien er vor uns, bewaffnet mit einem Stativ, einem schwarzen Tuch
und einem riesigen photographischen Apparat, den er wer weiß woher
hervorgeholt hatte. Von diesem Augenblicke an befanden wir uns unter
der unablässigen Beobachtung seines Objektivs, das wie ein Zyklopenauge
uns streng überallhin verfolgte. Ein anderer war Krankenpfleger und
Koch, der den Kranken wertvolle Dienste, wertvollere aber den Gesunden
leistete und stets bereit war, uns nach allen Regeln der Kunst
eine Roulade zu wickeln oder einen dampfenden, ebenfalls kunstgerecht
gebackenen Eierkuchen zu servieren. Der dritte war Elektrotechniker,
der vierte Zimmermann; der letzte sprach chinesisch mit echt
sizilianischer Aussprache; er war in Kalgan mit der internationalen
Kolonne gewesen, die 1900 dort einmarschierte, und kannte die Straße
so genau wie ein Lotse. Alle besaßen die beneidenswerte Gabe guter
Laune; alles erschien ihnen eigens dazu geschaffen, sie zu beglücken.
Der unablässige Regen, der sogar durch unsere wasserdichten Mäntel
drang, erzeugte in uns ein eisiges Gefühl der Niedergeschlagenheit,
die Matrosen freuten sich selbst über den Regen. Das Wasser war ihr
Element. In ihren durchweichten, an der Brust offenen Leinwanduniformen
wateten sie in den Pfützen umher und machten sich über das Wetter
lustig. Liebe Gefährten und eine stolze Eskorte für unsere kleine
Flagge; bereit zu lachen und bereit, sich, wenn es die Not erheischte,
für uns zu schlagen.
[Illustration: Die russische Post auf dem Wege nach Peking.]
Ein rauher Ton der Hupe, ein Pfiff, ein Zusammenströmen der Leute,
ein Massengesang, ein Peitschenknallen, und der Zug setzte sich von
neuem in Bewegung. Es ging hinauf durch das endlos scheinende Tal von
Kü-yung-kuan, das immer unwegsamer wurde.
Plötzlich verengt sich das Tal, es scheint sich zu schließen. Man
hat den Eindruck, als gebe es keinen Ausweg, als wären die Berge
zusammengerückt, um den Durchgang zu versperren. Auf den ersten Blick
bemerkt man die enge Schlucht nicht, die sich zur Rechten öffnet,
eine Art Spalt zwischen den senkrecht aufstrebenden Klippen, etwa 40
Meter breit, ein Korridor zwischen Felswänden. Durch einen düsteren
Landstrich waren wir gezogen, hier betraten wir einen grauenerregenden.
Seit undenkbaren Zeiten müssen die Menschen Furcht vor dieser Gegend
gehabt haben, denn sie gilt ihnen als heilig. Vielleicht weil die
Reisenden nur mit einem Gebet auf den Lippen sie durchzogen; die
Örtlichkeit fordert geradezu zum Anrufen der Götter heraus. Für
einfache Gemüter ist das Gebirge an und für sich ein Mysterium,
ein Sichaufschwingen der Erde zum Himmel; die hohen Gipfel stehen
in Berührung mit der Gottheit. Inmitten der Berge öffnet sich hier
plötzlich ein Tor. Alle Stämme, die es durchzogen, müssen darin das
Zeichen eines allmächtigen Willens, ein göttliches Werk erblickt
haben, das aus unerforschlichen und deshalb schreckenerregenden
Gründen geschaffen worden ist. Jene ungefügen Basaltsäulen hatten für
die Phantasie die Bedeutung einer Grenzscheide. Jenseits befand sich
etwas, vor dem man sich anbetend zu Boden werfen mußte. Geheimnisvolles
Dunkel herrschte. Die Reisenden betraten es mit frommer Scheu wie ein
Heiligtum. Und das Tal wurde zu einem von der Majestät der Einsamkeit
in all ihrer erhabenen Öde umgebenen Tempel.
[Illustration: Manöver zum Freimachen eines in eine tiefe Spalte
geratenen Vorderrades.]
Es war und ist heute noch ein Zufluchtsort für Einsiedler. Jede
Felsenhöhlung ist ein Heiligtum, und man sieht heilige Sprüche in
altertümlichen chinesischen Schriftzeichen und andere noch ältere in
tibetischer, mongolischer und mandschurischer Sprache in die Felsen
gehauen, Spuren der Frömmigkeit längst dahingegangener Geschlechter.
Oben, auf einem der Felsen, erhebt sich ein seltsamer Bau: ein kleiner
Tempel, der in einem Adlerneste errichtet ist; man steigt lange, in den
Fels gehauene Reihen von Stufen hinauf, die hier und da mit Gebüsch
bewachsen sind. Weiter drinnen in der Schlucht befindet sich ein
zweiter Tempel, ein anderer Zufluchtsort des Glaubens, der Jahrhunderte
alt ist und nun langsam verfällt. Auf dem Gebirge zeigen sich an
unzugänglichen Punkten noch Reste ähnlicher, jetzt verschwundener
Bauten, die zusammengesunken sind unter dem Anprall der Schneestürme,
die, von Norden einherbrausend, sich in das Tal stürzen und wütend
einen Ausweg suchen. In Felsblöcke, die von den Berggipfeln gestürzt
sind, hat der fromme Meißel ungeschulter Künstler das Bild Buddhas
eingegraben, er hat in den Umrissen des Felsens die Umrisse der Statue
gesucht, hat den Steinen die strengen, ernsten Gesichtszüge der milden
Gottheit gegeben. Manch riesenhaftes Buddhabildnis ist in wunderbarer
Weise in die Felswände des Gebirges eingehauen. Man erblickt einige
Reste alter Tempel, Trümmer von Säulen und Pfeilern. Es zeigt sich
keine einzige Spur menschlicher Tätigkeit, die nicht eine Bekundung
des Glaubens wäre. Beim Durchschreiten dieser Gegend sprach jede Seele:
„Ich glaube.“
[Illustration: Unsere Kulis bei der Arbeit in den Felsen des
Lien-ya-miao.]
Dieser Weg hat auch eine religionsgeschichtliche Bedeutung: auf ihm
ist der Lamaismus, der tibetische Buddhismus, nach China eingedrungen.
Aus dem Herzen Asiens, dieser Quelle von Religionen, sind Wogen
der Frömmigkeit durch diese Täler herübergeflutet, um die Seelen
der Chinesen zu neuen Kulten zu bekehren. Es ist nichts Seltenes,
hier fremde Pilgerzüge anzutreffen. Als Fürst Borghese die Straße
nach Kalgan erkundete, hatte er einige Tage zuvor hier einen Büßer
mit geschorenem Kopfe und in langem grauem Gewande getroffen, der
betend und alle drei Schritte niederkniend, um den Boden zu küssen,
den Weg zurücklegte. Borghese erkundigte sich nach ihm. Der Pilger
war auf dem Wege nach der heiligen Stadt Urga und hatte auf diese
Weise die Mongolei und die Wüste Gobi durchquert. Die Bevölkerung
ist gastfreundlich und mildtätig gegen diese wandernden Pilger, die
am Abend ihre Mühsal unterbrechen, einen großen Stein auf die Stelle
legen, bis zu der sie gekommen sind, um sie am Morgen wiederzufinden,
und bis zum nächsten Dorfe gehen, um sich von ihrem frommen Beginnen
auszuruhen.
Es kommt uns der Gedanke, daß auch wir, alles in allem genommen,
auf einer seltsamen Pilgerfahrt begriffen sind. Auch wir haben ein
eigenartiges Gelübde getan und erfüllen es mit Glaubenseifer. Wenn der
Mann, der jene drei Schritte tat, seinerseits den Fürsten nach dem
Beweggrunde seiner Reise gefragt hätte, würde er gewiß höchst erstaunt
gewesen sein.
Nachdem wir durch das Dorf Pa-ta-ling gekommen waren, sahen wir ein
ausgezahntes Profil wie eine Zickzacklinie einige entfernte Kämme
vor uns umsäumen und andere Berge zu beiden Seiten krönen; wir sahen
es hier auftauchen, dort verschwinden, bis es allmählich die Form
zahlloser, zu einer Kette verbundener Türme annahm, gleich Scharen
wachehaltender Riesen.
Es war die Große Mauer.
Viertes Kapitel.
Auf dem Gebirge.
Das Passieren der Großen Mauer. -- Die Matrosen verlassen uns. --
Auf der Fahrt durch das chinesische Flachland. -- Im Schatten des
Lien-ya-miao. -- Angstvolle Augenblicke. -- Die Mongolei kommt in
Sicht.
Von fern gesehen macht die Große Mauer, die mit dem Gebirge
zusammengewachsen und verschmolzen ist als riesenhaftes Pendant zu
dessen Gipfeln und Felsenwänden, nicht den Eindruck eines Werkes von
Menschenhand: sie ist allzu gewaltig dazu, und das, was man von ihr
sieht, beträgt nicht den tausendsten Teil. Man könnte eher von einer
phantastischen bizarren Laune der Erde sprechen, entsprungen aus dem
Wirken unermeßlicher, unbekannter Naturkräfte, von dem Erzeugnisse
einer schöpferischen Erdumwälzung.
Je näher wir kamen, desto mehr verschwand die Große Mauer in einem
Gewimmel von Berggipfeln, und wir erblickten sie erst wieder bei den
letzten Windungen des Weges, als wir im Begriff standen, die massiven,
doppelten Tore zu durchfahren, die von noch heute festen Bastionen
verteidigt werden. Die Straße auf die Höhe hinauf ist nichts als eine
Furche im festen Gestein, sie wird stets steiler und ungangbarer. Wir
fuhren seit 8 Uhr unter unaufhörlichem Regen; nur langsam und mühselig
kamen wir vorwärts, jeden Augenblick zum Halten gezwungen, um Steine
aus dem Wege zu wälzen, Fahrbahnen für die Räder herzustellen, das
bedrohte Geschwindigkeitsgetriebe vor den Unebenheiten des Bodens zu
schützen. Alles ringsum eine wilde, öde Wüste.
Wir marschierten am Rande eines tiefen Abgrundes. Von hier
aus erblickten wir zu unserer Freude an einer Stelle zwei
Telegraphendrähte. Um ihre Isolatoren geschlungen, kamen sie von unten
herauf, kreuzten den Weg und überschritten die Mauer. Sie erschienen
uns als Freunde; sie sollten es sein, die unseren Landsleuten Kunde
von uns brachten. Arme alte Mauer, du Werk und Sorge von Dynastien und
Millionen von Menschen; nicht nur das Geschütz macht dich heutzutage
nutzlos: ein einfacher Draht genügt. Die fernsten Völker verkehren
ruhig über deine Schultern hinweg.
In der Nähe ist die Mauer weniger großartig. Sie gleicht den
Verteidigungswerken einer Stadt, und für den, der sich der Mauern
von Peking erinnert, verliert sie an Imposantheit. Als wir aber nach
dem Durchfahren der Tore den Abhang auf der andern Seite in der
Richtung des Dorfes Tscha-tau-tschung hinabstiegen und zurückblickten,
stießen wir einen Ausruf des Erstaunens aus. Wir übersahen die weiße
Linie der Mauer, bis sie sich im Duft der Ferne verlor; sie stieg
auf und ab, folgte im Zickzack den Launen des Geländes, zog sich in
Schlangenwindungen dahin, stürzte sich in Täler, erhob sich wieder
mit einem Sprunge, zeigte sich bald von der Seite, bald von vorn. Sie
ordnete ihre Türme auf hunderterlei verschiedene Arten, entfaltete
stellenweise ihre Zinnen und ließ sie deutlich erkennen, um sie im
nächsten Augenblick in plötzlicher Verkürzung zusammenzuziehen. Sie
schien zu verweilen und eiligst davonzufliehen, und zwar bis zu beiden
Grenzen des Horizontes, bis zu den entferntesten Bergen, wo sie sich
dem Auge nur noch als kaum wahrnehmbarer Faden darbot. Und so geht
es weiter, 800 Kilometer weit, rings um die ganze Provinz Tschili,
eine wunderbare Grenze. Und dies ist nur die „kleine“ Große Mauer. Es
gibt noch eine andere, die große, die „Wan-li-tschang-tscheng“, die
„Mauer der zehntausend Li“, die wir im Norden von Kalgan antreffen
werden; diese erstreckt sich 2400 Kilometer weit längs der Grenzen des
eigentlichen China. Aber es gibt nicht nur diese zwei Mauern. Als wir
das auf einer kleinen Hochebene liegende Tscha-tau-tschung hinter uns
hatten, bemerkten wir neue Türme, neue Bastionen, wie wir solche im
Tale von Nankou gesehen hatten. Das chinesische Volk hat mehr als 2000
Jahre darauf verwandt, Mauern gegen den Westen aufzutürmen. Es ist aber
nicht länger als drei Jahrhunderte her, daß es den eigenen Thron gerade
von jenen Tataren eingenommen sah, die es mit Hilfe von Backsteinen und
Kalk fernhalten wollte.
Unserem modernen Geiste erscheint die Große Mauer als ein
staunenerregendes Denkmal chinesischer Furcht, unermeßlich und
unlogisch, großartig und lächerlich; der Fremde bewundert und verlacht
sie. Aber wir vergessen, daß auch die Römer die Grenzen Britanniens
durch eine doppelte Große Mauer verteidigten, um dieses Reichsland vor
den noch ungebändigten Kaledoniern zu schützen. Es hat Zeiten gegeben,
in denen die Lebensbedingungen das Vorhandensein unübersteiglicher
Mauern zwischen Land und Land, zwischen Rasse und Rasse, zwischen
Kultur und Barbarei als logisch, natürlich, als notwendig erscheinen
ließen. Genau wie wir heute eine nichtendenwollende Arbeit logisch
und natürlich finden, die unseren Enkeln vielleicht eines Tages
großartiger, lächerlicher und chinesischer vorkommen wird als uns die
Große Mauer, nämlich um die Welt Hunderttausende von Kilometern Stahl
in Gestalt von Schienen zu legen, die Wälder der Erde niederzuschlagen,
um den Schienen Unterlagen zu schaffen, und die Gebirge zu durchbohren,
um Geleise mitten hindurchzuführen!
Das Dorf Tscha-tau-tschung betraten wir nicht; es ist von einer
quadratischen Mauer mit starken Türmen in den Ecken umgeben. Alle
chinesischen Dörfer und Städte sind in ein regelmäßiges Quadrat
eingeschlossen, das vielleicht die Form eines früher bestehenden
verschanzten Lagers beibehält. Wir zogen im freien Felde rings um den
Ort herum auf einer Straße, die zum Teil überschwemmt, aber sicherlich
besser war als die durch das Dorf führende, und fanden Unterkunft in
einem kleinen chinesischen Gasthause vor dem nördlichen Tore, in einer
erbärmlichen Karawanserei. Seit dem Morgen hatten wir 25 Kilometer
zurückgelegt.
[Illustration: In den Felsen des Lien-ha-miao am Ufer des Hun-ho.]
Auf dem elenden Hofe, der von baufälligen Schuppen umgeben war,
wollten wir sofort den Motor prüfen. Wir fürchteten, daß die Stöße,
die Erschütterungen und das unvermittelte Aufundnieder während des
Aufstieges die Maschine beschädigt haben könnten. Aber sie setzte
sich ganz ruhig in Bewegung, und in Bewegung setzten sich auch die
Neugierigen, die sich versammelt hatten und nun die Flucht ergriffen.
Nach kurzer Zeit erschienen drei chinesische Soldaten, die der Mandarin
des Ortes gesandt hatte, um -- das war nicht recht klar -- die Chinesen
oder -- uns zu überwachen. Wir konnten sie nach Belieben für eine
Ehren- oder Aufsichtswache nehmen.
Don Livio verließ uns hier kurz nach unserer Ankunft, um noch
rechtzeitig zu dem Abendzuge nach Nankou zurückzukehren. Wir nahmen
herzlichen Abschied von ihm und begleiteten ihn mit unseren
Lebewohlrufen, bis er zwischen den Mauern des Dorfes verschwunden war.
Der feuchte Wind drang durch die zerrissenen Papierfenster und erfüllte
unsere niedrigen Kämmerchen.
„Pietro, Feuer! Pietro, heißen Tee! Pietro, etwas zu essen!“
Und Pietro kam und ging diensteifrig und lächelnd, brachte das
Kohlenbecken, die Teekanne, Eier und beantwortete alle Fragen in
einem Italienisch, das seine ureigene Erfindung war. Pietro ist
ein unschätzbarer Diener; er ist der Sohn eines alten Ma-fu der
Gesandtschaft. Aus einer Dynastie von Ma-fus stammend, die über die
Marställe der italienischen Gesandten herrschte, genoß er oft die
Ehre, Aufträge zu erhalten, die Intelligenz und Treue erforderten. So
begleitete er uns bis Kalgan als Majordomus und Dolmetscher, als eine
Art Adjutant.
„Pietro,“ fragte ihn der Fürst, „bist du Christ?“
„Nein, Buddhist ich!“ erwiderte er.
„Warum nennst du dich dann Pietro?“
„Ich nicht nennen Pietlo mich,“ antwortete er, das r mit l verwechselnd
wie jeder gute Chinese, „ich mich nennen Wu-tin.“
„Aber wenn ich dich Pietro rufe, so antwortest du doch.“
„Ja, alle mich lufen Pietlo, ich ihnen antwolte.“
Ein letzter Befehl noch: „Pietro, morgen früh um 3 Uhr wecken, und daß
die Kulis zu dieser Stunde bereitstehen!“ Und in die überreichlich
mit Insektenpulver bestreuten Decken gewickelt, überließen wir uns
dem Schlafe. Durch die dünnen Wände hindurch hörten wir im Zimmer
nebenan die Matrosen sich von ihrer Heimat und ihren weiten Seereisen
unterhalten.
* * * * *
Am 12. Juni 4½ Uhr morgens verließen wir Tscha-tau-tschung bei
bedecktem Himmel und kalter Luft, die die Nacht länger erscheinen ließ.
Wir schauderten in unseren noch nassen wasserdichten Anzügen.
Die Matrosen mußten jetzt umkehren; sie hatten Befehl, uns am zweiten
Marschtage zu verlassen, wenn ihre Anwesenheit nicht unbedingt nötig
wäre. Sie begleiteten uns noch einige hundert Meter bis zu dem Fuße
eines alten Befestigungsturmes und nahmen dann Abschied. Die Ebene von
Tscha-tau-tschung hallte von Evvivarufen wider. Noch lange Zeit konnten
wir die weißen Marineuniformen in dem Grau der Dämmerung unterscheiden
und hörten erneute Evvivarufe, die immer ferner und immer schwächer
ertönten, bis sich die Leute und die Stimmen ganz in der Ferne verloren.
Die Kulis hatten aus dem Schlafe neue Heiterkeit geschöpft; lachend und
singend marschierten sie weiter auf der Straße, die ab und zu sumpfige
Stellen zeigte. Ein Automobil zu ziehen, machte ihnen Spaß. Glückliche
Armut!
Bei Tagesanbruch zeigte der Himmel da und dort blaue Stellen. Ein
Nordwind zerstreute die Wolken und trieb sie in völliger Auflösung
dem Meere zu, und mit einem Schlage beleuchtete ein Sonnenstrahl
hohe Berge vor uns. Noch wenige Minuten, und die gesamte Kette des
Jen-jen-schan, die wir überschreiten mußten, zeigte sich in einem
strahlenden Lichtschimmer, durchfurcht von Abgründen und Berghängen,
gekrönt von blauen Gipfeln. Es war uns, als hätte sich in einer
Minute eine unermeßliche, gewaltige Schranke uns genähert. Hinter ihr
erhoben sich andere Gipfel, andere noch höhere Berge, die sich in
der Ferne abstuften, bis sie sich in dem heiteren Himmel verloren:
der Wu-tsi-hai, die Ausläufer jenes gewaltigen Alpensystems, das der
Chingan-schan bildet.
Der Himmel klarte völlig auf. Als wir uns umwandten, sahen wir die
Schatten der letzten Wolken einen nach dem andern sich von den Höhen
der Großen Mauer losreißen, und in weitem Halbkreise reihten sich
hinter uns die Berge aneinander, die wir den Tag vorher überschritten
hatten, ausgezackt und kahl, durchschnitten von der unermüdet sich
auf- und niederziehenden Schlangenlinie der Mauer, ein so wundervoller
Anblick, daß wir uns nicht satt daran sehen konnten. Bis zu den
fernen, verschleierten, kaum sichtbaren Bergen der Provinz Schansi im
Süden bemerkten wir die regelmäßige Kette der Türme und zeigten sie
einander mit immer neuem Staunen, wie eine unglaubliche Erscheinung.
[Illustration: Vor den Mauern von Ta-tu-mu.]
Das Gelände stieg leicht an. Die Ebene war öde. Nach stundenlangem,
einsamem Marsche überholten wir eine Karawane von Kamelen, die von
Mongolen in langhaarigen Ziegenpelzen und mit achteckigen, dem Dach
einer Pagode gleichenden Hüten auf dem Kopfe geleitet wurden, eine
Karawane, die in diesem Jahre die letzte Reise machte. Die mongolischen
Kamele arbeiten im Sommer nicht; sie erfreuen sich der Wohltat der
Ferien und der Landluft; in den heißen Monaten werden sie auf die
Weideplätze der heimatlichen Wiesen getrieben, wo sie sich für
sämtliche übrigen Monate des Jahres, in denen sie arbeiten und fasten,
ausruhen und sattfressen. Die Ruhe ist ihnen notwendig, auch um die
Hufe wieder wachsen zu lassen, die sich auf den Bergen oft bis aufs
Fleisch abwetzen, so daß die armen Tiere daran zugrunde gehen. Ein
Wüstentier läßt sich nicht ungestraft in ein Alpentier verwandeln.
Dagegen wurden wir einmal zu unserer Beschämung von Maultiersänften
einer rasch dahinziehenden Reisegesellschaft überholt. Es waren
Sänften, die Kaufleute nach Kalgan oder kaiserliche Beamte nach ihren
entfernten Amtssitzen brachten; sie befanden sich zwischen einer
Vorhut von berittenen Dienern oder Soldaten und einer Nachhut von
Maultiertreibern, die die Ersatztiere führten. Die Beamten hatten an
die Außenwand ihrer Sänften als Zeichen ihrer Würde das rote Futteral
gehängt, in dem sich der kegelförmige Amtshut befindet. Als sie an uns
vorbeikamen, teilte sich der Vorhang des seltsamen Gefährtes, und ein
würdiges, infolge der Bewegung der Maultiere hin und her schaukelndes
Chinesenhaupt wurde sichtbar, das uns mit fragender Miene betrachtete.
Wir waren in eine sandige Gegend gekommen. Wir trafen elende
Dörfer, umgeben von hohen, zerfallenden Wällen, Dörfer, die einst
reiche Städtchen waren: Pao-schan, eine Anzahl von Lehmhütten rings
um einen winzigen Tempel, den wir durch die breiten, vom Wetter
gefressenen Lücken in dem viel zu weiten Mauerquadrat sehen konnten,
dann Schi-yu-le im Schatten von Weidenbäumen, Hu-li-pa, umgeben von
Bastionen aus Lehm, Scha-tschou, das an die Dörfer der Mandschurei
erinnert, und Pien-kia-pu, das an nichts erinnert. Die hochstehende
Sonne verbrannte uns den Rücken und lähmte unser Denken. In träger
Eintönigkeit, gleichförmig, ermattend schlichen die Stunden hin. Bei
den physischen Beschwerden des Marsches (die Reitesel waren nach
Nankou zurückgekehrt) dachten wir mit geheimer Sehnsucht daran, wie
schön es wäre, wenn wir uns einem bewohnten Orte näherten. Wir setzten
ein unbestimmtes Vertrauen auf das Dorf, das kommen mußte, suchten
es mit den Blicken und beeilten uns, es zu erreichen, als müßten
dort die Beschwerde, die Hitze, die Niedergeschlagenheit und jene
blendende Lichtfülle ringsum, in der wir uns gleichsam zu verlieren und
aufzulösen schienen, ein Ende nehmen; wir zogen aus einem Bezirk in den
andern, immer Umschau nach einer ungeahnten Überraschung haltend.
Die Heiterkeit der Kulis war verschwunden. Man hörte nur noch das
Geräusch der Schritte, das Stöhnen der Atemzüge, das laute Knirschen
des Sandes unter den Pneumatiks des Automobils, das Getrappel der drei
Zugtiere. Von Zeit zu Zeit ein Zuruf Ettores, ein unvermutetes
Ertönen der Hupe: halt -- wir sind an einer schwierigen Stelle.
[Illustration: Die gute Straße am Hun-Fluß.]
Wir sehnten uns beinahe nach diesen schwierigen Stellen, nur um uns
aufzurütteln. Es waren dies Augenblicke lärmender Geschäftigkeit.
„Hier, den Spaten! die Spitzhacke! Vor dem rechten Rade muß gegraben
werden! Vorwärts! Dieser Stein muß aus dem Wege! Die Hebel her!
Achtung! Eins, zwei, drei ...!“ -- Und in der unermeßlichen Glut, die
über der öden Landschaft lagert, entwickelt unsere kleine Schar eine
fieberhafte Tätigkeit. Dann ergriffen die Kulis von neuem die Seile,
und vorwärts ging es: lai lai-la.
[Illustration: Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.]
„Deutscher Feldtelegraph“, so lasen wir über der Tür einer einsamen
Hütte. Es war ein Überbleibsel jener vielberufenen internationalen
militärischen Expedition, das von der Bevölkerung geschont wird,
vielleicht weil man die Worte für eine heilige Inschrift des
Abendlandes hält. Es ist alles, was von jenem so viel Aufregung
verursachenden Einmarsch der Mächte übriggeblieben ist. Wir sind unter
die Mauern einer Stadt, Huai-lai, gelangt, der nach Süden ein hoher
alleinstehender Hügel mit einem Tempel auf dem Gipfel vorgelagert ist.
Dieser Tempel war einige Wochen lang eine europäische Kaserne. Wir
machten halt, um den Leuten eine Stunde Ruhe zu gönnen; sie gingen,
um die Zeit auszunützen, in die Stadt hinein und überbrachten der
Bevölkerung die Kunde von unserer Ankunft.
Sofort will ganz Huai-lai uns sehen. Man hört das Lärmen einer
Menschenmenge, die sich dem Tore nähert. Zuerst kommen die Kinder,
die Vorhut der Schar. Nach wenigen Minuten sind wir von Hunderten von
Menschen umringt, die sich mit achtungsvollem Lächeln um das Automobil
drängen. Sie betrachten es, berühren es scheu, werden kühn, fragen
uns, begrüßen uns, staunen uns an. Viele halten auf der flachen Hand
Käfige mit Singvögeln; an schönen Tagen trägt jeder gute Chinese von
einer gewissen sozialen Stellung zur Unterhaltung einen Vogelkäfig;
es ist dies seine Hauptbeschäftigung, ein hübscher, traditioneller
Zeitvertreib.
[Illustration: Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.]
Inzwischen frühstücken wir ein wenig Käse und Cornedbeef. Die
Einwohnerschaft von Huai-lai sieht uns dabei zu, es macht ihr
offenbar Vergnügen. Rings um uns streitet man sich über die Art und
Beschaffenheit unserer Speisen. Ein alter Mann gibt uns durch Zeichen
zu verstehen, daß er kosten wolle; den Käse spuckt er aus, während er
das Fleisch hinunterschluckt; dann tut er der Bürgerschaft sein Urteil
kund und zu wissen. Die Bürgerschaft tritt in nähere Erörterungen
darüber ein. Der alte Mann will seine Kontrolle auch auf unser Getränk
ausdehnen, und wir reichen ihm die Weinflasche, die er zögernd an
die Lippen führt, nachdem er den Becher unwillig zurückgewiesen hat.
Er trinkt, kostet, beginnt wieder zu trinken, und widmet sich dieser
Tätigkeit mit solchem Eifer, daß die ganze Flasche sich gurgelnd in
seine ehrwürdige Kehle entleert. Darauf ist er europäisiert; er lächelt
uns mit kleinen, lustig zwinkernden Augen zu und spricht lebhaft
auf uns ein; er steigt auf das Automobil, setzt sich hier unter den
Beifallsbezeigungen seiner Mitbürger nieder und versucht der Hupe einen
Ton zu entlocken; dies gelingt ihm, und er ist glücklich. Es kostet
uns nicht wenig Schwierigkeit, ihn wieder herunterzubefördern, als die
Kulis zurückkommen und wir unseren Marsch fortsetzen.
[Illustration: Im Schatten des Lien-ya-miao.]
Wir kommen an armen, aus Lehm gebauten Dörfern, kleinen, Einsturz
drohenden Tempeln, baufälligen Häusern, elenden Hütten vorüber, die
von einer wandernden Stadt längs des Weges verloren zu sein schienen.
Ein roter, von einem Stock herabwehender Lappen kennzeichnet sie als
Absteigequartiere für müde Reisende, als Herbergen für Maultiertreiber
im kleinen. Unsere Leute machen dort halt, um in Eile eine Schale Tee
zu schlürfen oder sich für eine Sapeke (3/10 Pfennig) den Fliegen
streitig gemachte Süßigkeiten zu kaufen. Alle diese Landstriche hätte
man für unbewohnt halten können; nirgends zeigte sich ein Mensch,
nirgends ließ sich ein Ton hören; es schien, als wolle man sich vor
uns verbergen oder uns zu verstehen geben: „Bleibt uns drei Schritte
vom Leibe!“ Ta-tu-mu, eine Stadt mit hohen, oben abbröckelnden Mauern,
machte den Eindruck einer seit Jahrhunderten verlassenen Ruine.
Die Straße verengte sich; wir gerieten häufig in tiefe Rinnen, die vom
Wasser im Sande oder zwischen den Kieseln ausgehöhlt worden waren. Wir
marschierten im Bett eines Bergstroms.
Rings um uns her erhoben sich riesenhoch die rauhen Berge, die wir am
Morgen gesehen hatten, ohne eine Spur von Vegetation, von brennend
gelber Farbe. Wir erstiegen die zweite Bergstufe, die Peking von der
mongolischen Hochebene trennt, zu der man über drei Absätze gelangt.
Man steigt zu der Mitte Asiens empor wie zu einem Tempel: drei Stufen,
drei Absätze. Unten, zu unserer Linken, öffnen sich die unermeßlichen
Talgründe von Schansi, eingetaucht in ein strahlendes Blau.
An manchen Stellen war kaum Platz für das Automobil, und wir trafen
die sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln. Wir mußten ab und zu einen
Schlag mit der Spitzhacke tun, Maße abschätzen und kühn die Weiterfahrt
versuchen, wobei wir die Radränder scharf im Auge hatten und der Führer
sich bereithielt, die Maschine unter dem mächtigen Druck der Bremsen
unbeweglich festzuhalten. Bei einem Dorfe, Tu-mu-go, 45 Kilometer von
Tscha-tau-tschung, fanden wir uns beinahe unvermutet außerhalb des
Berglandes; eine grüne Ebene lud uns zu einer Fahrt ein, und wir nahmen
die Einladung an.
„Halt!“
Wie durch Zauberschlag ist die Ermüdung von uns gewichen. In einer
Minute sind die Kulis beiseite geschoben und dem Kommando Pietros
anvertraut, die drei Tiere abgeschirrt. Mit fieberhafter Eile schlingen
wir die Seile um die Laternenhalter und entfalten die Flagge. Ein
Andrehen der Kurbel, und der Motor arbeitet. Wir steigen auf die
Maschine und vorwärts!
Vorwärts, den gewundenen, unebenen Weg entlang, unbekümmert um die
Sprünge, die Stöße, die Rucke, einzig und allein darauf bedacht, das
Automobil laufen zu lassen. Es hat nur zweite Geschwindigkeit, scheint
uns aber zu fliegen. Es zeigen sich große Regenlachen. Vorwärts! Wir
stürmen hinein und durchfurchen sie unter einem wahren Schauer von
Wasser und Schmutz; die zurückschlagende Welle dringt in den offenen
Raum des Automobils ein und durchnäßt uns. Wir lachen. Wir sprechen
laut, ergriffen von einer seltsamen Aufregung; es ist ein Rückschlag
gegen das lange Schweigen und gegen die entmutigende Langsamkeit der
bisherigen Reise. Auch lebt in uns eine neue Freude auf, die aus der
tiefen, unsagbaren Genugtuung stammt, etwas zu unternehmen, was noch
nie unternommen worden ist. Es ist die Wollust einer Eroberung, der
Rausch eines Triumphes und zu gleicher Zeit eine Überraschung, eine Art
Verzückung infolge der phantastischen Seltsamkeit der Fahrt in diesem
Lande. Wir erblicken Pagodendächer zwischen den Bäumen. Es ist uns, als
unterbrächen wir eine tausendjährige Ruhe, als seien wir die ersten,
die durch unser Dahineilen einen Weckruf in seinen tiefen Schlaf hinein
erschallen ließen. Wir fühlen den Stolz auf Zivilisation und Rasse; wir
fühlen, daß wir etwas vertreten, das höher steht als wir selbst: es ist
Europa, das mit uns dahinzieht. In dieser Geschwindigkeit faßt sich die
gesamte Bedeutung unserer Zivilisation zusammen. Das brennende Sehnen
der abendländischen Seele, ihre Stärke, das wahre Geheimnis jedes ihrer
Fortschritte ist in _einem_ Worte ausgedrückt: „Rascher!“ Unser Leben
wird angestachelt von diesem heißen Verlangen, von dieser schmerzhaften
Ungenügsamkeit, von diesem erhabenen Besessensein: „Rascher!“ In die
chinesische Starrheit tragen wir in der Tat unser fieberhaft erregtes
Wesen hinein. Wir fahren durch Flecken und Dörfer. Halbnackte Kinder
fliehen bei unserem Nahen. Die Männer und Frauen blicken uns mit
stiller Überraschung, mit ruhiger, wohlwollender Neugier nach. Wir
sehen seltsame Trachten, malerischer als die von Peking, vielleicht
älter. Es sind grüne, rote, gelbe, blaue Kleider, alle von grellen
Farben. Die Bewohner des flachen Landes lieben in der ganzen Welt
lebhafte Farben, vielleicht weil sie täglich Blumen vor Augen haben.
Auf den Schwellen der Häuser, wo sich die Menge zusammendrängt,
herrscht ein buntes, in der Sonne funkelndes Gewimmel, darüber ragen
die charakteristischen Dächer mit der leichten kahnartigen Biegung. Wir
können uns keinen lebhafteren Eindruck vom fernen Osten wünschen.
[Illustration: Am Hun-ho.]
Auf den von üppigem Grün strotzenden Feldern richten sich bei dem
Geräusch unserer Maschine die Landleute von ihrer Arbeit auf und
betrachten uns, die Augen mit der Hand beschattend. Einer ruft:
„Huo-tscho lai!“ -- „Die Eisenbahn!“ Der Ausruf wiederholt sich. Einen
Augenblick später wenden sich alle wieder ihrer Arbeit zu und beachten
uns nicht mehr, überzeugt, daß die Eisenbahn, von der sie so viel haben
sprechen hören, angekommen ist. Die Sache hat keine Bedeutung für sie.
In einem Graben wäscht eine Frau Kleidungsstücke; wir kommen dicht an
ihr vorbei, sie würdigt uns kaum eines Blickes und fährt fort, ihre
Kleider zu waschen, gleich als ob täglich Hunderte von Automobilen
an ihrem Graben vorüberkämen. Anderswo dagegen rufen sich die Leute
gegenseitig zu, strömen herbei, laufen uns durch die Staubwolken nach
und zeigen den Ausdruck naiven Staunens auf ihren gelben Gesichtern.
Die Seele dieses Volkes ist ein undurchdringliches Geheimnis. Wer
weiß, ob nicht der durch die Erscheinung des Automobils hervorgerufene
verschiedene Eindruck auf den ursprünglichen Rassenunterschied der
Einwohner zurückzuführen ist, wer weiß, ob die Neugier nicht eine
tatarische und die Gleichgültigkeit eine chinesische Eigenschaft ist?
[Illustration: Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.]
Wir kommen an einen Ort, Tum-ba-li, dessen in der Mauer befindliches
Tor so eng ist, daß wir nicht hindurchkönnen. Wir fahren langsam auf
grünen Wiesen im Halbkreise vorbei. Bei einem Dorfe machen wir halt.
Der Motor hat Durst und wir auch. Eine gutmütige Menge umringt uns,
bietet uns frisches, klares Wasser an und unterzieht den unteren Teil
des Automobils einer genauen Prüfung. Man streitet, man kommt näher;
kühne junge Leute bücken sich bis zur Erde, um die Schutzwand des
Geschwindigkeitsgetriebes besser betrachten zu können. Dann bücken sich
alle. Das Geschwindigkeitsgetriebe interessiert sie augenscheinlich.
Auch wir sehen nach und suchen vergebens zu ergründen, was ihre
Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesseln könne. Die Szene ist komisch.
Einer faßt Mut und bittet uns mehr mit Gesten als mit Worten um eine
Erklärung. Ah, endlich verstehen wir. Sie fragen, wo das Tier ist! Das
Pferd ist nicht vorn, es muß also da drinnen stecken. Um so mehr --
bemerkt einer, mit ausdrucksvoller Mimik auf den Eimer deutend --, als
man ihm durch ein Loch zu saufen gibt. Es ist schwer zu fassen, wo der
unglückselige Vierfüßer eingesperrt ist. Ettore will ihnen praktische
Erläuterungen geben und öffnet das Motorgehäuse, um ihnen die Zylinder
zu zeigen. Aber die Leute blicken mit dem Ausdrucke der tiefsten
Überzeugung nach wie vor nach unten. Wir lassen sie bei ihrem Staunen.
Später holten wir die Sänften ein, die uns am Morgen überholt hatten.
Die Maultiertreiber sprangen aus dem Sattel, um die aufgeregten
Tiere zu beruhigen, die in jähem Schreck wild durcheinander rannten;
die Sänften, die zuerst hin und her schwankten wie Nachen auf
bewegter See, machten gegen den Willen der Insassen halt infolge
der entgegengesetzten Meinungen, die die an das Gefährt gespannten
Maultiere über die einzuschlagende Richtung sehr energisch betätigten.
Wir konnten noch sehen, wie hinter den emporgehobenen und zur Seite
geschobenen Vorhängen die würdigen Reisenden uns mit der Miene des
tiefsten Erstaunens betrachteten, das nicht frei von Unwillen war;
rasch fuhren wir an ihnen vorbei, indem wir ihnen ein freundliches
Lebewohl zuriefen. Dies war unsere Rache.
Am Abend machten wir in einem reizenden Dorfe halt, in Schem-pao-wan,
das von wahrhaft patriarchalischem Alter ist. Innerhalb der Mauern
herrscht eine bezaubernde Ruhe, man hört nur das Gezwitscher der Vögel.
An jeder Tür hängen an dem oberen Balken zwei bis drei Käfige mit
singenden Wüstenlerchen; ihre Triller erfüllen die Luft. Es ist eine
seltsame, durchdringende, volle, laute Musik, der die auf den Schwellen
hockenden Bewohner schweigend lauschen. Die Mongolen bringen von ihren
Ebenen Tausende dieser zierlichen gefangenen Sänger, für die die
Chinesen eine große Vorliebe zeigen, auf den Markt. Die Chinesen geben
ihren Stimmen den Vorrang vor jedem andern Ton, als ob sie in ihnen
etwas Göttliches erkennten. Die überschwemmte Dorfstraße hat sich in
einen Sumpf verwandelt, in dem sich die Häuser und das Blau des Himmels
widerspiegeln. Seit uralter Zeit muß sich diese kleine Wasseransammlung
zwischen den Häusern festgesetzt haben, weil man nichts zu ihrer
Entfernung tut und Weiden Zeit gehabt haben, an ihren Rändern zu
wachsen und ihren Durst in dem stillen Wasser zu löschen. Die Einwohner
gehen auf erhöhten Fußsteigen um sie herum. Wagen kommen nicht in das
Dorf.
Jetzt nähert sich ein kleiner Trupp, ein Bild aus alten Zeiten. Auf
einem weißen, mit roter Seide aufgezäumten Maultiere reitet eine
vornehme Dame vorüber, reichgekleidet in gestickte Gewänder, das
Gesicht weiß und rot geschminkt, die kleinen Lippen blutrot gefärbt,
den Hut mit Blumen geschmückt. Eine Figur, wie von einer chinesischen
Vase. Die Pekinger Mode ist nicht bis hierher gedrungen; hier leben
noch die Trachten vergangener Jahrhunderte. Vor und hinter der Dame
schreiten Diener; sie begibt sich vielleicht zu einem Feste. Wir
bleiben stehen, um sie zu beobachten, während sie eine kleine gewölbte
Brücke überschreitet und bei unserem Anblick anmutig ihr Gesicht mit
dem Ärmel bedeckt.
[Illustration: Wo ist das Tier?]
Wir durchstreiften das Dorf, nachdem wir das Automobil in einer vor den
Toren gelegenen Karawanserei eingestellt hatten. Als wir zurückkehrten,
fanden wir den Hof mit Menschen, Kamelen, Wagen und Pferden angefüllt.
Es waren Karawanen angekommen. Das Personal der Herberge eilte
geschäftig hin und her. Hier wurden riesige Haufen Getreide für die
Tiere abgemessen, dort trug man den Männern Schüsseln mit dampfendem
Reis und hohe Berge von Weißbrot auf. In einem Winkel des Hofes nahm
ein Zauberer mit Hilfe einer angezündeten Kerze und einiger magischer
Worte Beschwörungen vor zum Zwecke der Heilung eines alten kranken
Maultieres, das den Zauber inmitten einer schweigenden Zuhörerschaft
resigniert über sich ergehen ließ. In den weiten raucherfüllten Küchen
brannten alle Feuer, und bei dem rötlichen Lichte von Talgfackeln
bewegten sich die Köche mit nackten, schweißigen Rücken wie die
Schmiede in einer antiken Schmiedewerkstatt. Um das Automobil herum war
wieder eine Menschenmenge versammelt, die es sich in den Kopf gesetzt
hatte, das Tier zu suchen. Wir stellten fest, daß der chinesische Bauer
sich die rätselhafte Erscheinung am logischsten durch die Vorstellung
eines Zugtiers erklärte. Nur hielten die Intelligentesten daran
fest, daß es sich nicht um ein Pferd handle, sondern um irgendein
unbekanntes, fabelhaftes Tier, das von uns gefangen gehalten werde, und
wenn sie den rauhen Ton der Hupe hörten, so sagten sie: „Das ist seine
Stimme.“
In diesem Jahrmarktstrubel tauchten zwei russische Soldaten mit
aufgepflanztem Bajonett auf. Es war Militär der Gesandtschaft, das die
russische Post nach Kalgan und Kiachta brachte. Sie kamen von Peking
und überbrachten uns Nachrichten von den drei übrigen Automobilen,
die, wie sie wußten, am Abend vorher in Pa-ta-ling angelangt waren.
Sie hatten sie diesseits der Großen Mauer angetroffen; die Automobile
hätten in Huai-lai übernachtet. Wir hatten seit frühmorgens 65
Kilometer zurückgelegt, 20 davon mit dem Motor. Wir waren den andern
also um 35 Kilometer voran; in Kalgan würden sie uns einholen.
„Das Abendblot ist angelichtet!“ hörten wir rufen. Pietro stand neben
uns, mit Schüsseln in den Händen, und lächelte uns hinter dem Dampf der
ausschließlich von ihm bereiteten Speisen an. Pietro ist auch Koch.
Als wir später zwischen Abendessen und Zubettgehen vor unserem Zimmer
saßen und einige Zigaretten rauchten, sahen wir den schwarzen Schatten
hoher Berge sich von dem gestirnten Himmel abheben.
„Es sind die Berge von Ki-mi-ni“, bemerkte der Fürst.
„Also noch Aufstiege!“
„Und schwierige. Kalgan liegt jenseits.“
„Werden wir hinüberkommen?“
„Wer weiß! Morgen wird es einen heißen Tag geben.“
Und so war es.
* * * * *
Wir brachen auf, als es noch Nacht war.
[Illustration: Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.]
Kaum ließ ein leichter Lichtschimmer -- dem vom Monde ausgehenden
gleichend -- die Sterne im Osten erblassen. Es war schwer, den Weg zu
unterscheiden. Der alte Aufseher der Kulis, der die Gegend kannte, ging
voran, um das Gelände zu erkunden. Wir konnten es nicht wagen, mit dem
Motor zu fahren, und im übrigen hatten wir nur noch wenige Kilometer
in der Ebene zurückzulegen, ehe wir an die Gebirgspässe von Ki-mi-ni
gelangten. Unsere Chinesen marschierten ohne Anstrengung weiter, mit
dem raschen Gange des Maultieres, des Pferdes und des Esels gleichen
Schritt haltend. Bei Sonnenaufgang befanden wir uns am Fuße eines
gewaltigen, einzelnstehenden Berges, des Lien-ya-miao.
Der Lien-ya-miao steht abgesondert von den übrigen Bergen und ist höher
als sie, so daß es den Anschein hat, als führe er den Oberbefehl über
sie. Im Süden wird er vom Hun bespült und beherrscht eine Strecke lang
den Lauf des Flusses von der Höhe ungeheuerer, senkrecht ansteigender
Felsen herab. Die Straße nach Kalgan zieht sich in der Nähe des Hun-ho
hin, bald an dem Ufer des Flusses, bald an dem Absturz des Berges,
hier durch Sand, dort über steile Felsen; sie klimmt empor und steigt
nieder, bis sie dort, wo sich die Berge im Kreise umherstellen, den
Fluß verläßt und sich über sanft ansteigende Hügel der Hochebene von
Hsin-wa-fu nähert, auf deren Grenze Kalgan am Fuße anderer Berge liegt.
Am Fuße des Lien-ya-miao liegt die Stadt Ki-mi-ni; an den Ecken ihrer
Mauern stehen zierliche Pagoden, und über die Zinnen erhebt sich ein
Tempeldach mit aufgebogenen Ecken, überragt von Majolikadrachen und mit
Glöckchen behängt. Von Ki-mi-ni sieht man nichts anderes. Der Ort ist
ganz von hohen, ein Quadrat bildenden Mauern umschlossen wie so viele
chinesische Städte. Es sind seltsame Städte, in deren unmittelbarer
Nähe wir vorüberziehen, ohne etwas von ihrem Umriß zu entdecken,
geheimnisvolle Städte, die sich vor der Neugier wie vor einem Feinde
schützen. Während wir außen um ihre Bastionen in schweigender
Einsamkeit unseren Weg fortsetzen, erscheint es uns fast unmöglich, daß
auf der andern Seite dieser großen düsteren, gleichmäßigen Mauern eine
Bevölkerung lebt, daß es dort Straßen, Häuser, Märkte, Freude und Leid
gibt. In China ist alles von Mauern umgeben: das Reich, die Städte, die
Tempel, die Häuser. Das Ideal des chinesischen Lebens ist die Stille
des Gefängnisses.
[Illustration: In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.]
Als wir um Ki-mi-ni herumgezogen waren, befanden wir uns unvermutet
am Ufer des Hun-ho, im Schatten des Lien-ya-miao, dessen Felswände
über uns emporragten. Auf dem Gipfel des Berges bemerkten wir einen
Tempel. Wie hat man es angefangen, ihn dort oben zu erbauen? fragten
wir uns verwundert. Pietro beeilte sich, uns eine Aufklärung zu geben.
Dieser Tempel wurde nicht von Menschenhänden errichtet. Kein Mensch
wäre dazu imstande gewesen. Er ist von Buddha selbst erbaut worden.
Dieser stieg vor vielen Jahrtausenden in Gestalt einer alten Frau vom
Himmel herab und errichtete das Heiligtum in einer einzigen Nacht. Und
in derselben Nacht erbaute er, nachdem er sich in die Gestalt eines
alten Mannes verwandelt hatte, eine Brücke über den Hun, von der noch
Trümmer vorhanden sind. Und Pietro zeigte uns in der Tat die Überreste
eines steinernen, von Gestrüpp umwachsenen Brückenkopfes. Es ist
seltsam, wie weitverbreitet unter den Völkern Ostasiens die Legende von
einem Gotte ist, der auf Erden unter der Gestalt eines alten Mannes
und einer alten Frau erscheint, um dringende Arbeiten auszuführen. Der
Tempel und die Brücke erinnern mich daran, daß in Japan die Göttin
Kwannon ebenfalls in einer einzigen Nacht und unter der doppelten
Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau ihr eigenes Bild in
doppelter Ausführung in zwei riesige Baumstümpfe geschnitten hat; eins
von diesen Selbstporträts wird noch heute in Kamakura verehrt, wo
auch ich es gesehen habe. Gottheit und Alter verschmelzen oft in den
asiatischen Legenden miteinander, vielleicht weil die Gottheit und das
Alter Gegenstand gleicher Verehrung sind.
Der Fluß war infolge der Regengüsse angeschwollen; breit und trüb
strömte er in unregelmäßigem Laufe in seinem mächtigen sandigen Bette
hin. An einer Stelle senkte der Berg seine Felsenwand jäh bis zum
Wasserspiegel hinab. In den Zeiten der Trockenheit durchwaten die
Karawanen den Hun und setzen ihren Weg auf dem andern Ufer fort. Bei
dem hohen Wasserstande wagten wir dies nicht und entschlossen uns, den
Weg über den Berg zu wählen, der sich steil vor uns in plötzlichem
Aufstiege erhob und zwischen den Felsen verlor.
Wir begannen hinaufzuklimmen.
[Illustration: Ankunft der französischen und des holländischen
Automobils in Kalgan.]
Der Pfad war in den Fels gehauen und folgte allen Abschüssigkeiten des
Berges. Er machte so scharfe Schlangenwindungen, daß wir zuweilen auf
zehn Schritte Entfernung noch keine Fortsetzung erblickten und den
Eindruck hatten, als münde er in den Abgrund. Nie ließ er uns seine
Krümmungen erraten; wir erfuhren beständig Überraschungen. Zu unserer
Rechten erhob sich die Felswand, zur Linken hatten wir den Abgrund.
In dessen Tiefe schäumte der Fluß. Jenseits des Flusses entdeckten
wir beim Weitersteigen einen Horizont, der sich in unermeßliche
Fernen ausdehnte, das Tal des Sang-kan-ho, die blaßblauen Berge des
Huang-hua-schan, in unbestimmten Umrissen, unkörperlich, leicht wie
Gespenster von Bergen; sie eröffneten den Blick ins Herz der Provinz
Schansi. Stellenweise verengerte sich der Pfad, zuweilen war er kaum
breit genug für die Räder; es waren angstvolle Augenblicke. Auf
dem Straßenrande waren stellenweise Mauervorsprünge zum Ausweichen
angebracht, die entweder einzustürzen drohten oder schon eingefallen
waren, und wenn wir in die Tiefe sahen, hatten wir den Eindruck, als
schwebten wir in der Luft. Längs des Hun sahen wir Karawanen von
Kamelen ziehen, die von hier aus Insektenschwärmen glichen. Bisweilen
ragten Felsblöcke über unseren Köpfen in den Weg hinein, so daß wir
fast instinktiv unseren Schritt beschleunigten und dadurch auch die
andern zur Eile veranlaßten.
[Illustration: Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.]
Die Beförderung des Automobils war mühselig und schwierig. Wir
arbeiteten gemeinsam mit den Chinesen, bald an den Rädern, indem
wir die Speichen mit den Schultern schoben, bald, indem wir an den
Seilen ziehen halfen und die Arbeitskräfte leiteten. Die Kulis
waren bewundernswert. Etwas von unserer Beklemmung und von unserer
Begeisterung war auf sie übergegangen. Achtsam und willig boten sie
ihre gesamte Kraft und ihre gesamte Intelligenz auf. Sie setzten ihren
Ehrgeiz in die harte Arbeit. Sie hatten Mittel gefunden, gewisse
Hindernisse zu überwältigen, und wandten sie an, ohne den Befehl
dazu abzuwarten. Sie studierten unsere Gebärden, sie suchten unsere
Absichten zu erraten. Sie hatten den Mechanismus des Wagens auf das
beste begriffen, und wenn sie sahen, daß die Vorderräder so in Spalten
oder zwischen Steinen eingeklemmt waren, daß es unmöglich war, sie zu
bewegen, so liefen sie herbei, um sie freizumachen, schoben sie so, daß
sie sich nach der günstigsten Seite drehen mußten, und unterstützten
die Absicht Ettores, der das Steuerrad lenkte. Die Bedeutung einiger
Worte unserer Sprache war kein Geheimnis mehr für sie: „Kräftig los,
vorwärts, halt, langsam, aufgepaßt!“ waren ihren Ohren Laute geworden,
die eine beredte Sprache führten. Zu alledem kam eine unverwüstlich
gute Laune, ein Streben, um jeden Preis zufrieden zu sein. Bei jeder
überwundenen schwierigen Stelle gab es einen Heiterkeitsausbruch. Nach
der heftigen Aufregung einer starken Kraftanspannung hatten sie noch
Lust, mit matter Stimme zu singen. Sie feierten ihre kleinen Siege.
Sie fanden tausenderlei Stoff zu Gesprächen und zu Gelächter, bis
der Ruf: „Achtung!“ sie verstummen ließ und sie von neuem unter das
gespannte Seil beugte. Der Umstand, daß auch wir bereit waren, uns an
die Seile zu spannen, in Hemdärmeln, mit nackten Armen, und daß wir im
Notfalle unsere Anstrengungen mit den ihrigen vereinten, spornte sie
an. Vielleicht machte sie dies auch stolz.
Wir wußten nicht, wie spät es war, weil wir es nicht wissen wollten.
Auf manchen Reisen müßte man die Uhr stets zu Hause lassen; sie ist
eine schlechte Begleiterin, die entmutigt, indem sie zeigt, wie
langsam die Zeit verrinnt. Wir lebten außerhalb der Zeit. Wir hatten
den Eindruck, als seien wir seit unvordenklicher Zeit auf dem Marsche
durch die Berge; dies lehrt Resignation. Der Tag wollte kein Ende
nehmen. Vom wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne herab und erhitzte
die Felsen; sie verwandelte sie in eine glühende Masse. Wenn wir die
Steine berührten, zogen wir die Hände mit einer Empfindung zurück,
als hätten wir uns verbrannt. Die Luft war unbeweglich und infolge
der zurückprallenden Sonnenstrahlen unerträglich heiß; es schien, als
hauche das Gebirge wie ein schlafender Riese einen seiner Atemzüge über
uns aus. Einige Kulis hatten ihren bronzefarbenen Oberkörper entblößt,
und das über ihre Schulter gelegte Seil drückte in die Haut und schnitt
in die Muskeln ein. Aber die Nackten waren sämtlich Lastträger, und die
Haut auf ihren Schultern war schon durch die Achsen der Sänften und
die Tragbalken für die Wassereimer schwielig geworden. Sie schienen
gegen die rauhe Berührung unempfindlich zu sein; nur selten legten
sie das Seil mit einer raschen, bezeichnenden Bewegung auf die andere
Schulter.
Der Aufstieg war zu Ende. Der Abstieg stellte sich als noch
abschüssiger heraus; stets führte der Weg steil am Berge hin. Wir
schirrten die Tiere aus und lösten die Seile, um sie an den hinten
befindlichen Haken zu befestigen. Alle Kraft mußte darauf verwandt
werden, das Automobil auf dem abschüssigen Wege aufzuhalten. Alle
Mann stellten sich wie beim Seilziehen in zwei Reihen auf. Ettore
stellte den Hebel auf die erste Geschwindigkeit ein. Auf diese Weise
wäre das Automobil, selbst wenn die Seile rissen und die Bremsen
nicht faßten, nicht mit der fürchterlichen Schnelligkeit eines Falles
hinuntergesaust, sondern wenigstens einigermaßen von dem Motor
aufgehalten worden, und es wäre somit noch möglich gewesen, es zu
lenken, wenn auch nicht zu retten. Als alles bereit war, ertönte das
Kommando: Vorwärts! Das graue Ungeheuer begann, sich in den Abgrund
hinabzusenken.
Es schien, als wolle es sich dafür rächen, daß es gezogen worden war.
Jetzt war es das Automobil, das laufen wollte. Es paßte auf alle
Unvorsichtigkeiten der Menschen auf, zur Flucht bereit, der geringsten
Lockerung der Spannung nachgebend; man hätte glauben können, es erwarte
den günstigen Augenblick zur Empörung und wolle sich die Bändigung
seiner Kraft nicht länger gefallen lassen. Ein Augenblick hätte genügt,
es hätte genügt, daß eine momentane Störung in dem Zusammenwirken der
Kräfte eintrat, daß die Anstrengung der Muskeln in kaum merklicher
Weise nachließ, und die große Maschine wäre hinuntergestürzt, uns alle
mit sich reißend. Eine Zeitlang schien sie gegen die Hemmung durch die
Bremsen unempfindlich zu sein. Nach hinten geworfen, das Kinn auf der
Brust, die Füße gegen den Erdboden gestemmt, Beine und Arme gestrafft,
die Zähne zusammengebissen, den Atem angehalten, so kämpften wir alle,
Chinesen und Europäer, mit vereinten Kräften. Zum Glück war es nur
für einen kurzen Augenblick. Die neuen, gut geölten Bremsen griffen
nur langsam ein, aber endlich taten sie es doch. Ettore kannte seine
Bestie und war voll Vertrauen; er wußte sie zur rechten Zeit zu zähmen.
Als wir haltmachen wollten, legten wir große Steine unter die Räder
mit der Eile eines, der eine Barrikade errichten will, um den Feind
aufzuhalten. Dann ruhten wir aus und ließen das Automobil allein in
einer recht vertrackten Lage vornübergeneigt zurück, während die langen
Seile sich hinter ihm wie zwei mächtige Schweife am Boden entlang
ringelten. Bald erreichten wir wieder die Ebene und nahmen froh unseren
Marsch zwischen dem Gebirge und dem Hun wieder auf.
Der Pfad führte uns zu einem Dorfe, Schau-huai-huan, das halb versteckt
zwischen dichten Weidenbäumen lag und von Reisfeldern umgeben war.
Die Straße war sumpfig geworden. Der Boden, klebrig und naß, vom
Regen durchweicht, gab nach. Die Räder versanken bis zur Hälfte der
Speichen darin, und der zähe Schlamm setzte sich an den Radkränzen
und den Gummireifen fest, häufte sich hier an und gab den Rädern die
abenteuerlichsten Formen und Umrisse; es schien, als bewege sich das
Automobil auf Rollen aus Erde. Auch unsere Stiefel erfuhren eine
unbequeme Vergrößerung; der Schmutz bedeckte sie mit dicken Krusten,
die wir von Zeit zu Zeit durch Schütteln und durch Wegschleudern
entfernten. Wir glitten aus, das Ausschreiten wurde uns schwer. Die
Kulis mußten jede Minute halten und ausruhen. Wir begegneten einer
Karawane von Maultieren, die mit mongolischen Fellen beladen waren;
zwei Tiere wichen, erschreckt durch das Automobil, vom festen Pfade ab
und versanken bis an den Leib.
[Illustration: Im Sumpflande bei dem Dorfe Schau-huai-huan.]
In der Nähe des Dorfes stand die Straße unter Wasser. Zur Rechten und
Linken dehnten sich von hohen Dämmen umgebene und trotzdem ebenfalls
überschwemmte Reisfelder aus. Es gab keine Wahl; wir mußten durch.
Unsere Leute entblößten ihre Beine und wateten in den Pfuhl hinein.
Der Übergang schien trotz seiner Länge gut vonstatten zu gehen.
Hoffnungsvoll maßen wir mit den Augen die Entfernung bis zum trockenen
Lande. Noch zwei Minuten, und wir waren in Sicherheit. Das Wasser
gurgelte unter unseren Schritten.
Mit einem Male blieb das Automobil stehen.
„Vorwärts, vorwärts!“ rief Ettore.
„Dummköpfe!“ riefen wir, „gerade in diesem Augenblick ausruhen zu
wollen!“
[Illustration: Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in
Kalgan.]
„Weiter, weiter! Eine Rast ist jetzt verhängnisvoll. Wir versinken!“
Aber die armen Chinesen hatten nicht freiwillig haltgemacht. Sie
begriffen die Gefahr sehr wohl. Sie zogen aus Leibeskräften und schrien
vor Aufregung. Die drei Tiere stemmten die Hufe unter einem Hagel von
Peitschenhieben ein und streckten ihre mageren Hälse vor. Die Seile
waren gespannt, das Chassis ächzte. Vergebens. Die Maschine schien
festgenagelt zu sein. Mehrmals wurde der Versuch, sie zu bewegen,
wiederholt, bald langsam, bald heftig, in jeder Weise. Man mußte andere
Mittel ausfindig machen. Wir schickten uns an, Ketten um die Bäume
zu schlingen und Taue zu benutzen. Die Chinesen aber, die mit ihren
nackten Füßen auf dem Grunde des Wassers hin und her tasteten, fühlten,
daß die Räder an etwas gestoßen hatten. Pietro berichtete es uns.
„Großer Stein!“
Ein großer Stein? Die Hebel her! An die Arbeit! Wir waren entschlossen,
selbst einen Berg zu zertrümmern, als die Kulis, die mit den Händen
nach einem Ansatzpunkte für die Hebel suchten, erkannten, daß es sich
nicht um einen Stein handle. Und Pietro erklärte:
„Große Wurzeln!“
In der Tat waren es die Wurzeln einer riesigen Weide, die ein wenig
abseits stand, üppig grünend und so gleichgültig, als träfe sie nicht
die geringste Verantwortung. Es war nichts anderes zu machen, als die
Wurzeln mit der Axt abzuhauen. Eine seltsame und ganz neue Arbeit beim
Automobilsport! Wer uns gesehen hätte, hätte geglaubt, wir wären mit
dem märchenhaften Unternehmen beschäftigt, das Wasser zu spalten. Die
Hiebe fielen regelrecht; ein in den Grund gesteckter Pfahl gab die
Richtung an, in der sie geführt werden mußten.
Die abgehauenen Wurzeln wurden mit den Armen gefaßt, gezogen,
herausgerissen, gezerrt und gedreht, bis die Räder völlig frei waren.
Dann verließen wir rasch den Pfuhl und legten einige Kilometer ohne
anzuhalten zurück, froh, wieder einen Weg zu finden, der, wenn er auch
schlecht war, uns doch nicht heimtückisch mit unsichtbaren Gefahren
bedrohte. Der Weg führte uns auf das sandige Flußufer zurück und wand
sich dann von neuem zwischen Feldern, Hainen und Dörfern hindurch. An
jeder Pfütze machten wir halt, um mit einem wohligen Gefühl Hände und
Gesicht in das frische Wasser zu tauchen.
„~Where do you go?~“ -- „Wohin wollen Sie?“
Diese Frage, die in englischer Sprache an uns gerichtet wurde, während
wir an einem einsam und verlassen dastehenden Tempel vorbeikamen,
bewirkte, daß wir uns mit der größten Verwunderung umwandten. Wir sahen
nur einen Chinesen, der im Schatten eines Baumes saß und uns unverwandt
betrachtete. War er es, der uns angeredet hatte?
„Wo wollen Sie hin?“ wiederholte er.
„Nach Kalgan. Und Sie, wer sind Sie?“
„Ich bin ein Ingenieur der Kalganer Eisenbahn.“
„Und was treiben Sie hier?“
„Ich studiere.“
„Was studieren Sie?“
„Die Kalganer Eisenbahn.“
„Viel Vergnügen.“
„Warten Sie doch!“
„Warum?“
„Ich will mich von Ihnen verabschieden.“
Und der wackere Ingenieur unterbrach das Studium der Kalganer
Eisenbahn, das große Ähnlichkeit mit einem sanften Schlummer hatte, und
kam würdevoll auf uns zu, um zu zeigen, daß er mit den fremden Sitten
vertraut war. Er streckte uns allen die Hand hin, wiederholte: „Adieu,
adieu!“ und kehrte in den Schatten seines Baumes zurück.
Wir machten halt, um in dem Wirtshaus des Dorfes Schan-schui-pu einige
miserable Brotfladen zu essen. Mit einem Male hallte der Hof von dem
Hufschlage zweier im Galopp ankommender Pferde wider. Wir sahen zwei
chinesische Soldaten absteigen, zerlumpt, schmutzig, die Patronentasche
am Gürtel, die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt, den Säbel an
der Seite -- das Ganze überragt von zwei Brigantengesichtern. Pietro
lief herbei:
„Soldaten vom Mandarin von Hsin-wa-fu“, sagte er.
„Was wollen sie?“
„Sie kommen auf Befehl des Mandarinen, um uns anzusehen.“
Nachdem die Briganten uns betrachtet hatten, stiegen sie wieder zu
Pferde und verschwanden.
Wir machten uns wieder auf den Weg. Nach kurzer Zeit nahm uns das
Gebirge von neuem auf.
Zwei Felsbastionen mit einer Unzahl rötlicher Klippen kamen uns immer
näher. Noch zwei Pässe! Und von neuem steile, sich zwischen den
Steinblöcken hindurchschlängelnde Pfade.
Der Weg war der schlechteste von allen, die wir bisher zurückgelegt
hatten. Wir hatten nicht sowohl mit der Schwierigkeit steiler und
tiefer Abhänge zu kämpfen wie auf dem Lien-ya-miao, als vielmehr mit
den uns von den rauhen, nackten Felsen entgegengestellten Hindernissen.
Wir zogen über durchlöcherte Blöcke, Erhöhungen, Spalten, Zacken
hinweg. Die Strömung des Wassers, der Huf der Maultiere und der breite
Fuß der Kamele hatten in vielen Jahrhunderten kaum die gröbsten
Unebenheiten auf dem engen Gebirgspfade geglättet. So langsam und
vorsichtig das Automobil auch gezogen wurde, es schwankte fortwährend
bei den Unebenheiten des Bodens, blieb bald mit dem einen, bald mit
dem andern Rade stecken, rollte infolge der Höckerigkeit der Steine
sprungweise zurück, versank mit den Radfelgen in tiefe Spalten. Und
voller Besorgnis vernahmen wir das metallische Klirren des von dem
Ziehen mitgenommenen Chassis, das leise Knarren des Holzes an den
Rädern, eine Menge von dumpfen Tönen, die ich weiß nicht von welchem
Teile der Maschine herrührten, das leise, kaum vernehmbare Klagen des
Stahls, das von der Tätigkeit zerstörender Insekten hervorgebracht zu
sein schien. Alle Verbindungen des Automobils erlitten eine Spannung,
für die sie nicht bestimmt waren, und jene Geräusche kündigten
unendlich kleine Verschiebungen, minimale Abweichungen an, die aber
doch der Beginn einer verhängnisvollen Veränderung sein konnten! Es
war das Skelett der Maschine, welches litt, welches ermüdete, und die
Müdigkeit der Maschine wird durch kein Ausruhen geheilt.
An manchen Stellen war jeder Schritt ein Problem. Ettore ging zu Fuß
voran, um die nächste Straßenstrecke besser beurteilen zu können; die
Haut an seinen Händen war von dem Steuerrade abgescheuert, das über und
über zitterte und der Kraft der Arme nicht gehorchte.
Mit einem Male lassen zwei Kulis schreiend das Seil los und fangen an
sich zu raufen.
Alle übrigen verlassen gleichfalls die Arbeit und stürzen unter einem
Höllengeheul auf die Kämpfenden zu. Der alte Aufseher bläst bis zur
Atemlosigkeit in seine Pfeife, das Attribut seiner gehorsamheischenden
Würde. Pietro schreit von der Höhe des Sattels herab ebenfalls. Wir
wissen nicht, was wir denken sollen. Eine Meuterei, eine Revolte?
Wir stürzen auf die Unruhestifter los wie Wächter der öffentlichen
Sicherheit auf die Teilnehmer an einer staatsgefährlichen Kundgebung
und drängen uns mit Gewalt durch, bis es uns endlich gelingt, die
ersten beiden Chinesen, die sich inzwischen bei ihren Zöpfen gefaßt
haben und einander voller Wut das Gesicht zerkratzen, am Kragen zu
packen. Es sieht aus, als wenn Weiber sich stritten.
„Was gibt es?“ donnern wir. „An die Arbeit! Vorwärts!“
„Pietro, was ist geschehen?“
Der unbezahlbare Pietro erklärt es uns und bringt uns zum Lachen. Die
beiden Chinesen hatten sich wegen einer Verletzung des Ehrgefühls
geschlagen. Der eine hatte zum andern gesagt: „Du strengst dich
nicht an, du arbeitest nicht; warum bist du überhaupt mitgekommen?“
Die Beleidigung war schwer. Der andere, ein Knabe von mädchenhaftem
Aussehen, dem wir deswegen den Spitznamen „das Fräulein“ gegeben
hatten, stürzte sich auf den Beleidiger, um ihn am Zopfe zu ziehen, was
in den Augen eines Chinesen einen entsetzlichen Racheakt bedeutet. Die
Gefährten waren eingeschritten, um den Streit zu schlichten.
„Pietro, wie wird die Sache enden?“
„Sie ist doch schon zu Ende,“ erwiderte er uns erstaunt; „wenn man
einen am Zopfe gezogen hat, so ist alles zu Ende.“
Und in der Tat sehen wir unsere Helden, angeschirrt an ein und dasselbe
Seil, ohne die geringste Spur von Groll wieder nebeneinander ziehen;
von dem Streite haben sie kein anderes Andenken davongetragen, als
einige blutige Risse, die sie sich von Zeit zu Zeit mit dem Ärmel
abwischen.
[Illustration: Die Automobile an der Schwelle der Mongolei.]
Die Schwierigkeiten des Weges nahmen plötzlich unsere ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch.
Der Pfad schlängelte sich zwischen Felswänden hin, die so nahe
aneinanderstanden, daß wir sie auf beiden Seiten berührten, wenn wir
die Arme ausbreiteten. Mit welcher Angst im Herzen zogen wir durch
jene gewundenen Felsgänge! Es war uns, als müßte das Automobil hier
eingeklemmt steckenbleiben. Umzukehren wäre unmöglich gewesen. Unten
näherten sich die Felswände so sehr, daß eins der Räder immer ein
wenig auf dem Felsenvorsprung fahren mußte. Die Maschine stand während
des ganzen Marsches schief. Es bedurfte einer wunderbaren Sicherheit
des Auges und der Hand, um sie zu lenken. Es handelte sich dabei um
Zentimeter, ja um einen einzigen Zentimeter. Mitunter drehte sich
Ettore, nachdem er die Bremsen heftig angezogen und die Maschine
hierdurch zum Stillstand gebracht hatte, um und rief entmutigenden
Tones: „Es geht nicht!“ Dann mußte man zur Spitzhacke greifen, einige
Vorsprünge weghauen, messen, es noch einmal versuchen, indem man bei
dem Rufe: „Man-man-ti!“ „Langsam!“ nur die Menschen allmählich anziehen
ließ.
Die größere Gefahr bestand für die Hinterräder. Sie wurden derart
unten eingeklemmt und zwischen die Füße der beiden Wände gepreßt, daß
sie sich auseinanderzubiegen drohten wie die beiden Striche eines V.
Wir fürchteten, daß die Speichen oder die Achse des Differenzialwerks
brechen könnten. Als sie aber aus dem Engpaß herauskamen, nahmen sie
zu unserer Freude wieder ihre parallele Stellung ein. Zuweilen konnte
man jedoch nicht umhin, zu glauben, daß die Anhänger der kleinen
Automobile recht hätten. Fünf Zentimeter weniger Breite, und wir wären
mit geschlossenen Augen überall durchgekommen.
[Illustration: Der erste Halt in der Mongolei.]
Bei einer Wendung hörten wir einen Stoß, begleitet von einem
unheilverkündenden Knirschen. „Es ist vorbei!“ riefen wir angstvoll.
Das Automobil war mit der einen Seite heftig angestoßen. Zum Glück
hatte sich der Schaden auf die Schutzwand beschränkt, die zersplittert
war, sowie auf den Tritt, der sich nach hinten gebogen hatte. Ettore
wütete; er hätte die Hälfte seines Lebens darum gegeben, wenn er mit
einem Schlage aus diesen Schluchten, die sich endlos hinzuziehen
schienen, herausgewesen wäre.
Die Felsschluchten begannen mit sandigen Strecken abzuwechseln. Die
Felsen wurden kleiner, der Sand nahm zu. Am Nordfuße der Berge haben
die stürmischen Winde, die aus der Mongolei kommen, Dünen aufgetürmt
und so die Klippen unter ihren eigenen zerriebenen Trümmern begraben.
In den Tälern bildet der Sand weite, die Abhänge einebnende Flächen,
die großen gelben Flüssen gleichen. Allmählich langten wir auf den
abgerundeten Gipfeln jener Dünen an, und zwar auf Wegen, die durch den
jahrhundertelangen Karawanenverkehr in den Sand getreten worden waren.
Von da erblickten wir zum ersten Male die einem Ozean gleichende, in
der Klarheit des Horizontes blau verschwimmende mongolische Hochebene.
Hier erwarteten uns endlose Steppen und die Wüste. Hier winkte uns die
Eilfahrt, die Befreiung, das Leben des Okzidents.
Wir warfen die Hüte in die Luft und ließen in den klaren Himmel hinein
einen Ruf der Begeisterung ertönen: Evviva!
Fünftes Kapitel.
An der Schwelle der Mongolei.
Die Neugier eines Mandarinensohnes. -- Telegraph und Opium. --
Im Kampf mit dem Schmutze. -- Kalgan. -- Zwischen Ta Tsum-ba und
Tu-tung. -- Fertig.
Die mongolische Ebene mit ihrer ozeanartigen Beschaffenheit hat die
Eigentümlichkeit, daß sie sich höher erhebt als die höchsten Berge. Sie
scheint von einer ungeheueren Flut emporgehoben worden zu sein, 1500
Meter hoch. Man hat gesagt, China sei das Land des Widersinns; hier hat
man ein phantastisches Beispiel davon: die Berge unten und die Ebene
oben. Unterhalb der unermeßlichen Steppen zeichnen sich die Berge von
Kalgan ab mit den längs ihrer Kämme verstreuten Türmen der letzten
Mauer.
Der Anblick dieses Horizontes, der in der Richtung unseres Zieles frei
und offen vor uns liegt, flößt uns neuen Mut ein. Seit zwölf Stunden
waren wir unterwegs, aber unsere Müdigkeit ist verschwunden. Vorwärts,
vorwärts! Und eilenden Schrittes stiegen wir die steilen Abhänge der
Dünen hinab in der Richtung auf die sandige Ebene von Hsin-wa-fu.
Hinter uns verdämmerte in der Ferne der Lien-ya-miao, den wir am Morgen
überschritten hatten.
Die Ebene ist bedeckt von alten Gräbern, einstürzenden Bogen, Steinen,
baufälligen kleinen Pagoden. Wir näherten uns einer großen Stadt, und
die Umgebungen der großen Städte sind dem Gedächtnis der Verstorbenen
geweiht; der Tod heiligt alle, die hier bestattet liegen und deren
Geister viel Bedeutung und viel Einfluß auf das Leben der Bewohner
besitzen. Hsin-wa-fu ist die Hauptstadt des Bezirks und Sitz eines
Gouverneurs; es hat eine Garnison und sogar ein kleines Fort, das nach
dem Einfalle der Fremden errichtet und vorsichtigerweise in einem
kleinen Erlengebüsch vor den Toren versteckt wurde.
Wir sahen die Mauern ihre Zinnen über die brennende Ebene erheben,
zitternd im Widerprall der Sonnenstrahlen, als unsere Aufmerksamkeit
von einer großen Staubwolke in Anspruch genommen wurde, die sich in
der Richtung auf Hsin-wa-fu erhob. Nach kurzer Zeit bemerkten wir,
daß sie von einer Anzahl Reiter herrührte, die im Galopp auf uns
zusprengten und sich rasch näherten. Nach der Kleidung zu urteilen,
waren es Chinesen jedes Standes. An der Spitze der Gruppe ritten die
beiden verdächtig aussehenden Soldaten, die nach uns gesehen hatten,
als wir in Schan-schui-pu die Brotfladen aßen. Diese Leute kamen also
unsertwegen. Als sie in unsere Nähe gelangt waren, hielten sie, ohne
sich im mindesten die Mühe zu nehmen, uns zu begrüßen, beobachteten uns
einige Minuten mit offenbarer Unzufriedenheit, wandten dann ihre Pferde
und sprengten mit verhängtem Zügel davon.
[Illustration: Einmarsch in Hsin-wa-fu.]
Einen Augenblick hatten wir uns mit der Hoffnung geschmeichelt, sie
seien gekommen, um uns Gastfreundschaft anzubieten, und hatten uns
für diesen Fall unseren ganzen Vorrat von chinesischen Begrüßungs-
und Höflichkeitsformeln zurechtgelegt. Wir konnten uns nun dieses
Reitermanöver nicht erklären. Pietro aber hatte Zeit gefunden, mit
einem der beiden Soldaten zu sprechen, und belehrte uns:
„Haben gesehen jungen Mann gekleidet blaue Seide, zu Pferd vor allen
andern?“ fragte er.
„Ja; nun, und?“
„Junger Mann sein Sohn des Mandarinen. Haben gesehen dicken Mann mit
Brille und Strohhut wie mein Hut? Dicker Mann sein großer Gelehrter,
Lehrer von Sohn von Mandarin. Andere sein Freunde, Beamte, Diener ...“
„Was wollten sie denn?“
„Wollen sehen laufen Automobil. Automobil nicht laufen, alle weggehen
nicht zufrieden.“
Sie hatten nicht unrecht, diese alle, müssen wir gestehen. Es wird
dem Sohne des Mandarinen von Hsin-wa-fu nicht alle Augenblicke
die Gelegenheit geboten, die berühmte abendländische Maschine zu
sehen, die rasch wie der Wind fährt. Und nun wurde die Ankunft
des Ki-tscho amtlich aus Peking mittels einer telegraphischen
Depesche des Wai-wu-pu gemeldet. Man weiß, daß einer von ihnen mit
schwindelerregender Schnelligkeit durch die Dörfer und Flecken gerast
ist und in Schem-pao-wan übernachtet hat. Soldaten werden zur Erkundung
ausgeschickt und kommen, die Sporen in die Weichen der Pferde gedrückt,
mit der Nachricht zurück: „Er ist da!“ Um ihn zu sehen, muß man einen
weiten Weg machen, und es bildet sich eine regelrechte Expedition, die
im Galopp davonsprengt. Das fremde Wundertier erscheint am Horizont,
es nähert sich. Es scheint langsam anzukommen, vielleicht ist dies
aber nur die Folge der Ungeduld. Noch kurze Zeit, und der Sohn des
Mandarinen nebst Lehrer und Begleitern stoßen schließlich auf einen
langsam sich bewegenden massiven Wagen, gezogen von einem Esel, einem
Maultier, einem Pferde, die wiederum von einer willigen Schar von
Söhnen des Himmels unterstützt werden! Nein, im Grunde hatten sie gar
nicht so unrecht, wenn sie sich von uns sehr enttäuscht zeigten.
Beim Betreten der Vorstadt, die sich wie ein ungeordnet
hinausgeworfener Teil der zu eng gebauten Stadt ausnimmt, erwartete
uns eine große Menschenmenge, die durch das Kommen und Gehen der
Reiterschar des Mandarinen neugierig geworden war. Sie umringte uns,
wobei sie einen Höllenstaub aufwirbelte, und geleitete uns zu einer
Karawanserei.
Unser Einzug glich mitnichten einem Triumphzug. Es wurde uns
jener volkstümliche Empfang zuteil, wie er gewöhnlich wandernden
Seiltänzergesellschaften bereitet wird; dasselbe Publikum, gutgelaunt,
neugierig, zerlumpt, begierig auf den Beginn der Vorstellung und
bereit, sich im Augenblick des Einsammelns zu zerstreuen. Wir betraten
den Hof der Herberge, und die Leute drängten nach. Das Automobil hielt
in der Mitte, und das Publikum bildete einen Kreis um dasselbe. Es gab
keine Möglichkeit, die Leute zu entfernen. Was will man? Da draußen
sieht man Europäer so selten, kommt so wenig mit ihnen in Berührung,
daß man keine Möglichkeit hat, sie näher kennen zu lernen; deshalb haßt
man sie auch nicht. Wir hatten ein wohlwollendes, geduldiges Publikum.
Es interessierte sich für unsere Kleider, bewunderte uns vom Hute bis
zu den Schuhen, lächelte beim Klang unserer Worte und wartete. Es
wartete auf irgendein wunderbares Vorkommnis, würdig der Wesen, die für
Wundertiere gelten; zum Überfluß erzählten unsere Kulis der Menge von
den phänomenalen Leistungen des Ki-tscho.
Ettores Eigenliebe stand unter dem Druck mehrerer Atmosphären; er
litt Qualen des unbefriedigten Ehrgeizes. Seitdem wir dem Sohne des
Mandarinen begegnet waren, hätte er am liebsten die das Automobil
ziehenden Menschen und Tiere losgeschirrt und wäre mit voller
Geschwindigkeit in Hsin-wa-fu eingefahren. Schließlich fühlte er
plötzlich das Bedürfnis einer Entladung; er drehte die Kurbel des
Motors, faßte das Steuerrad und senkte den Auslösungshebel. Das
Automobil schoß vorwärts und begann einen rasenden Lauf rund um den
Hof, inmitten einer unbeschreiblichen Verwirrung, einer kopf- und
besinnungslosen Flucht. Die Zuschauer wußten nicht, wohin sie sich
retten sollten, sie liefen hin und her, als wären sie mit einem
wildgewordenen Stier in einen Raum eingeschlossen. Aber bald sahen sie
ein, daß der Stier abgerichtet war, daß er sich regelmäßig innerhalb
des Kreises bewegte, daß er genau auf dieselben Punkte zurückkehrte
und nicht die mindeste Absicht hatte, ein Blutbad anzurichten. Jetzt
blieben sie stehen. Doch in diesem Augenblick drohte ihnen eine
andere, bedeutend ernstere Gefahr. Sie war durch das Tor in Gestalt
einer Schar mit Stöcken bewaffneter chinesischer Soldaten eingetreten,
die unter dem Befehl eines Offiziers standen, der seinem Äußern nach
mehr einem Kuli glich, aber mit goldenen Tressen geschmückt war. Die
Stöcke erhoben sich über die Köpfe der Menge und sausten auch auf deren
Schultern nieder. Doch nicht lange, denn nach wenigen Sekunden befand
sich keine Schulter mehr im Bereich der Stöcke; der Hof war leer.
[Illustration: Unser chinesisches Publikum.]
Nach diesem vollen Erfolge nahmen die Soldaten strategische Stellungen
ein: zwei Mann am Tore, zwei zu beiden Seiten des Automobils, zwei
als Wache auf der Straße, der Offizier in der Küche der Herberge.
Der Mandarin von Hsin-wa-fu hatte mit Schutz und Verteidigung nicht
gegeizt. Später schickte er einen Beamten mit der Frage, wann wir
abzureisen gedächten. Konnte er diensteifriger sein, als er war?
In Hsin-wa-fu gibt es etwas, was ich nie vergessen werde: das
Telegraphenamt.
Vor allem, weil ich vier Kilometer zu gehen hatte, um es zu finden,
und natürlich vier Kilometer zurück, und an diesem Tage hatten wir
bereits ihrer fünfzig zurückgelegt. In einer einsamen Straße innerhalb
der Mauern senken sich die Telegraphendrähte von ihren Stangen herab
auf ein Haus, das schweigend wie ein Tempel daliegt. In dem Tempel
traf ich zwei Telegraphisten an, vertieft in eine wichtige, delikate
Beschäftigung, die das chinesische Gesetz neuerdings verboten hat:
sie rauchten Opium; sie waren auf dem Kang hingestreckt, hielten ihre
klarinettenähnlichen Pfeifen in der Hand und waren eingehüllt in den
duftenden schweren dichten Rauch des Betäubungsmittels.
„Kann ich ein Telegramm aufgeben?“ fragte ich höflich, nachdem wir die
üblichen Grüße ausgetauscht hatten.
Tiefes Schweigen. Ich setzte mich. Nach einigen Minuten begann ich von
neuem:
„Ich möchte ein Telegramm aufgeben ...“
Einer der Raucher näherte sich mir, machte sich im Zimmer etwas, ich
weiß nicht was zu schaffen, ging zur Tür und rief, man solle den Tee
bringen.
„Wollen Sie ein Telegramm von mir befördern?“ rief ich nochmals.
Jetzt begann ein Gedanke im Kopfe des kaiserlichen Beamten zu dämmern.
Er betrachtete mich und sagte in einem halbwegs verständlichen Englisch:
„Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und Peking. Drei Stunden
am Tage mit Kalgan und drei Stunden mit Peking. Von 7 bis 11 mit Kalgan
und ...“
„Sehr schön. Mein Telegramm geht nach Europa. Nehmen Sie Telegramme
nach Europa an?“
Tiefes Schweigen. Der Tee kam an. Ich trank eine Tasse davon, während
ich mich daran machte, das Telegramm zu schreiben.
„Nehmen Sie also Telegramme nach Europa an? Ja oder nein?“
Der Beamte betrachtete mich gelassen, als habe er mich jetzt erst
erblickt, und antwortete mit Seelenruhe:
„Europa? Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und mit ...“
„Und mit Peking, ich weiß, aber ...“
„Drei Stunden am Tage mit Kalgan und drei ...“
„Und drei Stunden mit Peking, ich weiß!“
„Von 7 bis 11 mit ...“
„Mit Kalgan, ich weiß, das genügt mir! Danke. Auf Wiedersehen!“
Ich stürmte wütend hinaus, Worte murmelnd, die wenn sie auch reich an
energischer Ausdruckskraft sind, es doch nicht verdienen, mit Hilfe der
Druckpresse verbreitet zu werden.
[Illustration: Am Fuße eines alten chinesischen Tempels bei Kalgan.]
* * * * *
Wir wollten die ganze Strecke von Hsin-wa-fu bis Kalgan, etwa 40
Kilometer, mit dem Motor zurücklegen, mit Ausnahme des Passes von
Yu-pao-tung, einem sehr steilen, aber kurzen hügeligen Übergang, der
ungefähr in der Mitte des Weges lag. Ein Teil unserer Leute war schon
nach Yu-pao-tung vorausgeschickt worden und hatte um Mitternacht die
Herberge verlassen. Wir fanden jedoch die Straße so schlecht, sumpfig,
steinig und sandig, daß wir für die ersten 15 Kilometer noch auf die
Beförderung durch Ziehen angewiesen waren.
Am 14. Juni 5 Uhr früh nahmen wir langsam unseren Marsch wieder auf
unter dem eintönigen Geräusch der Schritte der an die Seile gespannten
Chinesen. An Dünen vorbei bewegten wir uns durch weite sandige Ebenen.
Die Menge des Sandes, die die Winde der Mongolei aus der Wüste in
die der Grenze benachbarten chinesischen Landschaften tragen, ist
unglaublich. Der Sand häuft sich vom Norden her an jeder Felsspitze,
an jedem Hindernis auf, gleich dem von Stürmen gepeitschten Schnee. An
den Mauern von Hsin-wa-fu hat er sich so hoch emporgetürmt, daß er sie
schließlich beinahe begraben hat. Nur die Zinnen ragen noch hervor.
In einer halben Stunde hatten wir den Paß von Yu-pao-tung passiert,
eine steile Einsattelung von wildem Aussehen, die sich aber in der Tat
ziemlich freundlich erwies, da sie uns keine andern Schwierigkeiten in
den Weg legte als eine Böschung von 40% Steigung und die Anwesenheit
einiger Steine, die sich willig beiseite schieben ließen, um den
Weg freizugeben. In dieser kleinen Schlucht zieht sich abgesondert,
erhöht und deswegen gut erhalten, ein Stück Straße hin, das mit
breiten Steinen gepflastert ist, die nicht aus der Gegend stammen und
von dem Berge Schi-schan jenseits von Kalgan hierhergeschafft worden
sein müssen. Es ist dies ein überraschender Rest alter chinesischer
Zivilisation. Es hat also einmal wirkliche schöne, bequeme Straßen
gegeben! Was war China in jenen fernen Zeiten? Welcher Verkehr, welcher
Strom von Reichtum ergoß sich über Täler und Ebenen, auf wunderbaren
Straßen und über prächtige Brücken nach Peking? Wie viele Jahrhunderte
sind seitdem verstrichen?
Vor einem kleinen, zierlichen, von Bäumen umgebenen Tempel machen
wir halt, um den Motor in Ordnung zu bringen und alles Nötige
vorzubereiten, damit wir ohne fremde Hilfe bis Kalgan gelangen können.
Maultiertreiber, Landleute, Kinder waren herbeigekommen, und, von den
Kulis ausgesprengt, hatte sich die Kunde von dem Ereignis weithin
verbreitet und war auch in den Tempel gedrungen. Ein junger Mönch
erschien oben auf der Treppe, die zu dem Heiligtume führte, sah
herunter und verschwand, um kurz darauf wiederzukommen, am Arme einen
alten Mönch mit gebeugtem zitterndem Haupte stützend und führend.
Wir bemerkten, daß der Greis blind war. Der Jüngling berichtete ihm
alles, was sich zutrug. So nahm der Blinde, ohne zu sehen, teil an der
wunderbaren Fahrt des Zauberwagens durch jene Gegenden, die er so gut
kannte durch das Licht und die Erinnerungen seiner Jugend.
[Illustration: Erste Begegnung mit Mongolen.]
Diese Blindheit erschien uns als ein Symbol, als das Symbol der
chinesischen Psyche. War nicht um uns ein Volk versammelt, das
ausschließlich von der Vergangenheit zehrte, und erlebte es nicht,
ohne ihn recht zu sehen, den mächtigen Einbruch einer ihm unbekannten
Gegenwart? Was anderes ließen wir unter diesen Völkerschaften zurück
als die Erinnerung an eine geheimnisvolle Gewalttat?
Wir fuhren in Schlangenlinien durch Flußbetten, auf vom Wasser
ausgehöhlten Straßen. Als wir auf dem Grunde eines breiten Grabens
entlang fuhren, blieben wir plötzlich im Moraste stecken. Die Räder
drehten sich, ohne festen Halt zu finden, wühlten den Pfuhl auf,
bohrten sich in ihn ein und versanken.
„Mit aller Kraft rückwärts!“ rief der Fürst.
Die Räder drehten sich in entgegengesetzter Richtung, aber das
Automobil bewegte sich nicht einen Millimeter.
Der Motor wurde warm, und man mußte befürchten, daß er sich erhitzte.
Chinesen, die vom Markte in Kalgan zurückkehrten, kamen auf dem Rande
des Grabens vorbei. Wir baten sie, uns zu helfen, aber sie nahmen
ihre Beine in die Hand und flohen davon, unter dem Gewicht ihrer
Traghölzer schwankend. Das große Ding, das heulte, schnaufte und Rauch
ausstieß, hatte sie erschreckt. Wir hatten uns schon resigniert dazu
entschlossen, die Ankunft der Kulis abzuwarten; nach einer halben
Stunde jedoch bemerkten wir, daß die herniederbrennende Sonne zum Teil
den von den Rädern weggeschleuderten Morast getrocknet und hartgemacht
hatte, und erneuerten unsere Anstrengungen. Nach einigen Minuten
stellten wir fest, daß die Maschine sich, wenn auch fast unmerklich, zu
bewegen begann. Die Räder drehten sich mit einer Geschwindigkeit von 90
Kilometern die Stunde, und das Automobil lief 90 Zentimeter. Es gelang
uns, es einen Meter, dann zwei, dann fünf zurückzubringen. Und nun von
neuem mit aller Kraft vorwärts! Es fuhr dieselbe Strecke vorwärts,
stöhnend und den Rauch explosionsartig ausstoßend. Langsam machte
es Fortschritte, wobei es in allen Teilen erzitterte, und gelangte
endlich auf trockenes Gelände. Hier schoß es mit einem Male mit einem
Katzensprung vorwärts -- das Automobil war frei!
Kalgan liegt hinter Bäumen versteckt an der Mündung eines Tales. Wir
erblickten es unvermutet bei einer Biegung der Straße. Es erschien mit
einem Schlage mit seinem eigenartigen chinesischen Panorama, ähnlich
jenen Städten, die man auf den gewirkten Tapeten von Fukien sieht. In
malerischer Mannigfaltigkeit zieht die Stadt sich am Ufer eines breiten
steinigen Flusses -- des Ta-ho („Großer Fluß“) -- hin und hebt sich
mit ihren alten Pagoden, Peilos (Votivbogen) und seltsam geformten
Tempeldächern von dem Alpenhintergrunde ab, den die braunen, steilen
Abhänge des Schi-schan bilden. Sie ist unregelmäßig gebaut und besteht
aus bunt durcheinander gemischten Gruppen von Hütten, Palästen, Bäumen,
aus einem wirren Haufen von Gebäuden und Pflanzen, der sich an der
großen steinernen Brücke über den Ta-ho zusammenzudrängen scheint, um
sich am andern Ufer fortzusetzen.
Wir haben die Brücke nicht benutzt. Die antiken monumentalen
chinesischen Brücken flößten uns allzu großen Respekt ein, und wir
zogen die Furten vor. Wir stiegen in das Flußbett hinab, wo ein
ganzes Volk von Gerbern damit beschäftigt war, in der Strömung hohe
Stapel mongolischer Ziegenfelle mit flockiger Wolle zu waschen. In
der Luft machte sich der Geruch von Leder und Gerberlohe bemerkbar;
er kam aus der Stadt, durch deren enge Gassen wir fuhren. Wir zogen
an von Zäunen umgebenen Lehmhütten, an Vorstadtwohnungen vorüber,
die einen primitiven Anblick boten und schon von der Nachbarschaft
unzivilisierter Volksstämme Zeugnis ablegten. Endlich gelangten wir
auf einen Markt, der von Mongolen in Pelzmützen wimmelte; er war mit
Buden besetzt, stand voller Wagen und Pferde und hallte von Geschrei
und Lärmen wider. Die Leute sahen uns erstaunt nach, und wir fühlten,
wie uns das Schweigen folgte wie das Kielwasser einem Schiffe. Soldaten
in roten Jacken liefen vor einer Sänfte einher, die von berittenen
Offizieren umgeben war, von denen einer feierlich einen roten
Sonnenschirm, das Abzeichen des Kommandos, trug. In der Sänfte saß ein
Großmandarin, der Gerichtspräsident von Kalgan, ein schöner Chinese,
fett und rund, ähnlich jenen Porzellanpagoden mit wackelndem Kopfe, die
stets ja zu sagen scheinen. Wir betraten die „Oberstadt“, die sich an
den Wall anlehnt. Mitten auf dem Wege erwartete uns ein Europäer.
Es war Herr Dorliac, der Direktor der Filiale der Russisch-Chinesischen
Bank, der uns seine Gastfreundschaft anbot.
Dankbar nahmen wir die freundliche Einladung dieses Eremiten der
Zivilisation an, der fern von seinesgleichen in einer Art von
chinesisch-europäischem oder sagen wir russisch-chinesischem Hause
wohnt und die Eingeborenen in die Geheimnisse des Wechselgeschäfts
einweiht. Der Hof der Bank wurde zur Werkstatt Ettores, die
Geschäftsräume zum Quartier umgewandelt. In wenigen Stunden nahm die
„Itala“ wieder ihr normales Aussehen an, nachdem Ettore der Packkiste
den Abschied gegeben und die Karosserie mit ihren Behältern wieder
an Ort und Stelle gebracht hatte. Hier fanden wir unseren ersten
Reservevorrat an Benzin und Öl vor. Um eine etwaige Erwärmung des
Motors zu vermindern, wurden in Voraussicht hoher Temperaturen an
den Zylindern Auspuffrohre angebracht, wie die Rennmaschinen sie
besitzen; sie sind an das Motorgehäuse angeschraubt und ähneln zwei
kleinen Phonographenschalltrichtern; durch sie können die glühendheißen
Benzindämpfe unmittelbar nach ihrer Entstehung ins Freie entweichen.
Die Arbeiten Ettores wurden von einer riesigen Zuschauermenge
überwacht. Die Polizeibehörden hatten sechs Soldaten zur Bewachung
des Einganges der Bank geschickt mit dem Befehl, niemand eintreten
zu lassen. Ein großer Irrtum! Jeder chinesische Soldat hat natürlich
eine gewisse Anzahl Freunde, Verwandte, Gläubiger, gegen die er sich
gefällig und liebenswürdig zeigen muß, indem er sie durchläßt, wenn
er Wache steht. Die Anzahl aber der Gläubiger, der Verwandten und
Freunde von sechs Chinesen beträgt die Hälfte der Einwohnerschaft einer
Stadt. Dies war der Grund, warum durch eine mit Riegeln verschlossene,
durch Balken verrammelte und von sechs Schildwachen behütete Tür
eine Menschenflut in ununterbrochenem Andrang hereinströmte. Wären
die Wachtsoldaten zwölf an der Zahl gewesen, die Bank wäre demoliert
worden. Viele Zuschauer waren auf die nächsten Dächer gestiegen,
und Scharen von Neugierigen pilgerten nach dem Berge Schi-schan, wo
sie ungeachtet der Gefahr der Bergstürze, die auf dem Schi-schan
unausgesetzt Opfer fordern, auf die Felsenvorsprünge kletterten und von
weitem nach den Geheimnissen Europas spähten.
Es kamen Missionare zu Besuch, die auf chinesische Art gekleidet waren,
aber europäische Hüte trugen; sie erzählten mit großer Anschaulichkeit
von den Greueln des Boxeraufstandes in Kalgan, bei welchem sicherlich
aus jedem Missionar ein Schlachtopfer und ein Märtyrer geworden wäre,
wenn nicht alle Missionare vorher nach der Mongolei entflohen wären.
Einer von ihnen gab uns wertvolle Aufschlüsse über die Mongolei, die
er genau kannte. Vor soundso viel Jahren war er dorthin gegangen, um
Bibeln zu verteilen und Pferde zu kaufen, wobei er nach beiden Seiten
ausgezeichnete Geschäfte gemacht hatte. Auch die russische, aus drei
Mitgliedern bestehende Kolonie fand sich vollzählig ein, und beim
Samowar hörten wir ihre tiefen Stimmen liebevoll und mit einer Art
Heimweh von Sibirien sprechen. Da wir uns in diesem Augenblick unter
Europäern befanden, russischen Tee und die ausgezeichneten Erzeugnisse
der russischen Küche zu uns nahmen, so unterlagen wir beinahe der
Illusion, schon mehrere tausend Kilometer zurückgelegt zu haben. Wir
hatten jedoch, ach! nicht mehr als ungefähr 240 hinter uns, davon nur
95 mit dem Motor.
[Illustration: Mongolischer Reiter, das Automobil beobachtend.]
Es war in der Tat ein Tag, der den gesellschaftlichen Anforderungen
gewidmet war. Die chinesischen Behörden hatten, abgesehen von der
Stellung einer Wache, in der Stadt eine uns betreffende Bekanntmachung
anschlagen lassen. Die Bewohner von Kalgan wurden darin von unserer
Ankunft benachrichtigt; sie sollten uns als Freunde betrachten, da wir
keine feindliche Absicht hätten, und uns demgemäß mit Achtung begegnen;
die Bewohner sollten sich unserer Maschine nicht in den Weg stellen,
sie sollten sich ihr gar nicht nähern und noch weniger sie berühren,
da daraus das größte Unglück entstehen könne; Zuwiderhandelnde
würden ins Gefängnis gesperrt und zu noch festzusetzenden Strafen
verurteilt werden. Zahlreiche amtliche Anschläge auf rotem Papier von
quadratischem Format verkündeten diese Bekanntmachung, um die sich die
Bevölkerung an den Straßenecken in Scharen drängte, um sie zu lesen.
Wir waren den Behörden einen Dankbesuch schuldig und statteten diesen
ab, indem wir uns zum Ta Tsum-ba, zum Stellvertreter des Wai-wu-pu,
begaben, der höchststehenden Persönlichkeit in der Stadt, dessen
Amtsgewalt sich auf die Mongolei erstreckt, einer Art Minister des
Grenzbezirks, dessen persönlicher Name Te Tsui lautet. Auf seinem Hause
wehte die gelbe Flagge mit dem Drachen.
Der Ta Tsum-ba erwartete uns. Er und sein Gefolge hatten sich zu
unserem Empfange in große Gala geworfen: gestickte Kleider, Hüte, wie
sie bei festlichen Gelegenheiten getragen werden, überragt von Knöpfen
in allen Farben, Pfauenfedern, die von diesen Knöpfen auf den Nacken
herabwallten, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze. Sobald er uns sah,
drückte er sich nach der chinesischen Etikette selbst herzlich die
Hand; alle Anwesenden taten dasselbe, und dann folgten Verbeugungen,
höfliche Worte, Wünsche, daß man lange leben möge, alles gewürzt durch
zahlreiche Tassen Tee, der mit Rosen und Jasmin parfümiert war, und
überreichliche Süßigkeiten von geheimnisvoller Zusammensetzung, die
der Ta Tsum-ba uns mit seinen eigenen langnägeligen, mit Jaderingen
geschmückten Fingern reichte -- eine ganz außerordentliche Ehre.
Die Besorgnisse Te Tsuis waren dieselben wie die des Wai-wu-pu. Er
fragte, ob wir unterwegs Messungen vorgenommen oder Aufzeichnungen über
die Straße gemacht hätten ...
„Messungen? Aufzeichnungen? Niemals!“ erwiderte der Fürst.
„Und in Irkutsk,“ fragte der Ta Tsum-ba weiter, „in Irkutsk benutzen
Sie doch sicherlich den Zug?“
„Nein.“
„Und doch benutzen alle, die durch die Mongolei nach Europa reisen, in
Irkutsk den Zug!“ bemerkte der Würdenträger verwundert. „Er ist sehr
bequem. In zehn Jahren wird der Zug auch hier halten.“
[Illustration: Der kleine Tempel von Kalgan, dessen Gong die ganze
Nacht ertönt.]
Nach dem Besuche beim Ta Tsum-ba kam der beim Tu-tung an die Reihe,
bei dem tatarischen General, den der tatarische Hof von Peking jedem
chinesischen Gouverneur zur Kontrolle an die Seite setzt; er befehligt
die Regierungsmilizen und ist daher allmächtig, er ist der eigentliche
Schutzherr des gesamten Mandarinentums der Provinz. Der Tu-tung von
Kalgan heißt Tschen Sung. Er bewohnt einen tempelähnlichen, von einer
roten Mauer umgebenen Palast, und von den hohen Fahnenstangen, die mit
seltsamen Anhängseln geschmückt sind, die den Fu, die Amtswohnung,
anzeigen, weht neben der Drachenflagge auch die militärische Standarte.
Wiederum gestickte Kleider, Festhüte mit langen roten Fransen,
Knöpfe, Jaderinge, Pfauenfedern, bunte Gürtel, Schuhe ohne Absätze,
Selbsthändedrücke, Verbeugungen, höfliche Worte, parfümierter Tee,
Champagner und Süßigkeiten.
Auch der Tu-tung ist ein Freund der Eisenbahn, selbstverständlich,
wenn die Eisenbahn von Chinesen gebaut ist. Aber er ist ein Feind der
Tunnels. Er ist einmal mit der Eisenbahn gereist, auf der Linie von
Hankou; er ist daher kein lediglich platonischer Kenner; er spricht aus
Erfahrung. Solange man im Freien fährt, ist alles gut; wenn man aber in
einen Tunnel kommt, so ist der Eindruck ein sehr unangenehmer.
„Aber es ist doch keinerlei Gefahr dabei“, bemerkte Fürst Borghese.
Das wußte der tatarische General sehr wohl, daß keine Gefahr dabei war,
Teufel noch mal! Der unangenehme Eindruck rührte von der Dunkelheit her.
„Man nimmt an, es sei Nacht!“ warf der Fürst lachend ein.
Ah, das ist nicht dasselbe. Der Tu-tung gibt durch den Dolmetscher eine
Erklärung und enthüllt dadurch etwas von den unbekannten Horizonten
der chinesischen Seele, etwas von der fein entwickelten orientalischen
Empfänglichkeit für Sinneseindrücke.
„Die Dunkelheit der Nacht und die der Tunnels sind durchaus
verschiedene Dinge. Sie gleichen sich nicht im geringsten. Die der
Nacht ist süß, die der Tunnels herb ... Es besteht zwischen beiden
ein so großer Unterschied wie zwischen Freude und Schmerz ... Die
Dunkelheit der Nacht löst, die Dunkelheit der Tunnels bedrückt ...“
Nach dieser Vorlesung über die verschiedenen Dunkelheiten kehrten wir
zur Bank zurück, gerade noch zur rechten Zeit, um den Gegenbesuch des
Ta Tsum-ba entgegenzunehmen. Es kamen kleine Wagen mit den Beamten
des Gefolges an. Die ganze Umgebung war gedrängt voll Menschen, deren
Rufe uns die Annäherung des Mandarinen verkündeten. Eskortiert von
Soldaten, erschien eine von einer Menschenschar getragene Sänfte im
Hofe, und heraus stieg Te Tsui in prächtiger, goldgestickter Kleidung,
mit einer Amethystkette um den Hals, einen Fächer in der Hand. In
der Russisch-Chinesischen Bank hörte man nichts als das Rauschen von
Seidenstoffen.
[Illustration: In der südlichen Mongolei.]
Beim Weggehen wollte der Ta Tsum-ba den Ki-tscho sehen. Er fand
die Vorrichtung, die Hupe ertönen zu lassen, ohne mit dem Munde
hineinzublasen, sehr sinnreich. Aufmerksam beobachtete er, wie die
Maschine vorwärts und rückwärts fuhr, und stieg dann wieder in seine
Sänfte, nachdem er uns nach europäischer Sitte die Hand gedrückt hatte
-- ein Zugeständnis an unsere Gebräuche, das er der Persönlichkeit der
Fremden und der Natur des Ortes gemacht hatte.
„Tsou-ba! Platz!“ riefen die Soldaten der Menge zu, die Stöcke in der
Luft schwingend, und das Gefolge entfernte sich.
[Illustration: Unser Lager in der Mongolei.]
Dann kam der Tu-tung mit einem noch größeren Gefolge. Wir waren
ganz geschwollen von Stolz und Tee, namentlich aber von Tee. Nicht
auszurechnen ist die Zahl der Tassen, die die Etikette uns zu
trinken genötigt hatte. Es war Nacht, und immer noch erhielten wir
Höflichkeitsbesuche. Der Samowar des Herrn Dorliac war beständig in
Tätigkeit und dampfte wie eine Lokomotive. Zur Stunde des Abendessens
kam noch E-Le-He-Tai. Er ist Mandarin und Dolmetscher des Wai-wu-pu,
spricht und schreibt englisch und hatte keine Gelegenheit gefunden,
uns während der Anwesenheit des Ta Tsum-ba seiner Freundschaft zu
versichern. Um sie uns auszudrücken, kam er, in rote Seide gehüllt;
er sah darin aus wie ein chinesischer Kardinal. Er hatte wertvolle
Geschenke bei sich, die er uns zum Andenken verehren wollte: für
den Fürsten eine große gestickte Börse, für mich ein Parfümsäckchen,
gefüllt mit Kampferharz, das die Chinesen kauen, um dem Atem einen
Geruch nach Kleidern zu geben, für Ettore einen Tabaksbeutel.
E-Le-He-Tai war Automobilenthusiast; er bat um die Erlaubnis, eine
Rundfahrt zu machen, was ihm gestattet wurde. Es schien mir, als
repräsentiere unser lieber Freund in der chinesischen Orthodoxie die
sympathischste moderne Richtung; aber dort draußen ist es gefährlich,
modernen Anschauungen zu huldigen. Die große Exkommunikation trifft so
schwer!
Selbst einige Bonzen eines benachbarten Tempels, der sich malerisch
an den Abhang des Schi-schan lehnt, kommen, um sich das Automobil
anzusehen. Der Tempel hat ein Gong, das während der ganzen Nacht jede
Minute einen Schlag tut. Endlich blieben wir allein mit diesem tiefen,
angenehmen, unsagbar feierlichen, einlullenden Ton, der unermüdlich
wie eine stete Mahnung erklang. Unsere Phantasie trug uns in weite
Fernen, und dieser immerfort sich wiederholende Schlag war für uns
eine ernste Erinnerung, eine Stimme, die sich unsertwegen erhob, eine
Stimme, die den Raum erfüllte, die sich mit der Regelmäßigkeit eines
gewaltigen Atems ausbreitete, mächtiger, tiefer, geheimnisvoller
wurde, herüberzitterte wie ein ferner Chor, eine Vereinigung von
tausenderlei Lauten und tausenderlei Klagen. Es war, als vernähmen wir
die märchenhafte Stimme der chinesischen Nacht.
Der folgende Tag -- es war der 15. Juni -- wurde auf eine Erkundung zu
Pferde in der Richtung auf die Mongolei zu verwandt. Die Straße erwies
sich als teilweise für den Motor fahrbar. Die letzten Anhöhen würden
mit Hilfe der Kulis und der Maultiere überstiegen werden. Dann begann
die Steppe. Nach der in den vorhergehenden Tagen ausgeführten Fahrt
erschien uns alles andere leicht. Aber eine andere Gefahr drohte uns,
der Regen. Das Tal des Schi-schan-ho ist in Regenzeiten plötzlichen
reißenden Überschwemmungen ausgesetzt, und da die Straße ganz mit dem
Bette des Flusses zusammenfällt, haben die von der Wut des Wassers
überfallenen Karawanen keinen Ausweg. Häufig kommen Unglücksfälle
dabei vor, und jedes Hochwasser schwemmt bei Kalgan neben entwurzelten
Bäumen, Kadavern von Maultieren, Kamelen, Schafen auch menschliche
Leichen an. Es regnete mehrere Stunden, und das Wetter drohte noch
schlechter zu werden. Wir warteten daher mit Ungeduld auf die Ankunft
der andern Automobile, von denen wir nur wußten, daß sie in Hsin-wa-fu
eingetroffen seien.
Es gibt zwei Straßen, auf denen man von Kalgan nach Urga gelangen
kann. Die Hauptstraße, zugleich die bekannteste, ist die sogenannte
Mandarinenstraße, die auf etwa 800 Kilometer etwas nach Nordwesten bis
zum Dorfe Sair-ussu ausbiegt; hier teilt sie sich in zwei Arme, von
denen der eine sich nach Norden wendet und nach Urga führt, der andere
nach Westen abbiegt, die Berggegend des Altai durchschneidet und über
Kobdo, quer durch das Gebiet der Kalmücken, Semipalatinsk erreicht. Die
andere Straße wendet sich etwa 40 Kilometer von Kalgan nach Norden und
führt geradeswegs nach Urga. Die erstere ist die belebtere; sie hat
Poststationen und Märkte, wird von chinesischen Wagen befahren und wird
allgemein bevorzugt, trotzdem sie einige hundert Kilometer länger ist.
Die zweite ist nur ein Saumpfad für Kamele und führt durch Landstriche,
die von Anfang bis Ende völlig öde und wüst sind. Die Chinesen
unterscheiden beide Straßen durch die Bezeichnungen „Wagenstraße“ und
„Kamelstraße“. Wir wählten die Kamelstraße.
Unsere Wahl ist logisch begründet, so seltsam sie erscheinen mag. Der
Verkehr im allgemeinen und der Wagenverkehr im besonderen richtet das
Gelände zugrunde und macht es für das Automobil schwer passierbar.
In der Mongolei und in der Wüste Gobi konnten wir auf jungfräulichem
Terrain rasch fahren. Auf gewissen Ebenen ist die beste Straße für
Automobile dort, wo es überhaupt keine Straße gibt. Wenige Jahre zuvor
hätten wir uns nicht ohne Führer auf die endlosen mongolischen Steppen
und in die Wüste wagen können; jetzt gibt es auf der Kamelstraße einen
unfehlbaren Führer: den Telegraphen. Man folgt blindlings auf etwa 1200
Kilometer der Linie der Stangen und gelangt nach Urga. In so fernen
Landstrichen, in den unermeßlichen Einöden Zentralasiens bedeutete
die Nähe des Telegraphen für uns die Nähe unserer Welt. Dies war ein
weiterer Grund für unsere Wahl.
Am Morgen des 16. Juni, um 8 Uhr, hörten wir den Lärm einer großen
Volksmenge. Wir eilten auf die Straße. Eine Nachricht hatte die Stadt
von der Brücke über den Ta-ho bis zur Russisch-Chinesischen Bank mit
Blitzesschnelle durcheilt: „Sie kommen!“ Es waren unsere französischen
Freunde, die in diesem Augenblick ihren Einzug in die untere Stadt
hielten. Wir gingen ihnen entgegen, um sie freudig willkommen zu
heißen. Händedrücken, Begrüßungen, Erzählungen. Sie hatten die Nacht im
Lager dreißig Li vor Kalgan zugebracht. Ihr Weg war ebenfalls mühsam
gewesen, aber abends angenehm unterbrochen worden durch das Lagerleben
mit seinen mannigfaltigen Beschäftigungen, der improvisierten Küche
unter freiem Himmel, den Kämpfen gegen den Regen, dem Erwachen beim
Morgengrauen. Unterhalb des Lien-ya-miao hatten sie eine Furt durch
den Hun entdeckt und einen zwar malerischen, aber gräßlichen Aufstieg
umgehen können; sie hatten aber keine Möglichkeit gefunden, den andern,
rauheren und schwierigeren Passagen auszuweichen.
In einem Augenblicke erschien der Hof der Bank in eine Werkstatt
verwandelt. Überall Öl- und Benzinbehälter, Schraubenschlüssel,
Hämmer, Gummi, Ersatzstücke in buntem Durcheinander umhergestreut.
Die Automobile zeigten durch die Gehäuseöffnungen unverhüllt ihr
Inneres und bequemten sich der Toilette an. Die Mechaniker krochen
auf allen vieren zwischen die Räder, streckten sich hier aus, drehten
mit eingefetteten Händen an Gewinden, schraubten Verschlußstücke los,
hämmerten und putzten. Alle überflüssigen Teile wurden entfernt und
weggeworfen, um die Maschinen leichter zu machen; Pons sägte seine
Schutzbretter ab, Bizac nahm die „Schalldämpfer“ heraus, jene schweren
Zylinder, die das Gas zusammenpressen, um es ohne Geräusch entweichen
zu lassen. Dann wurden die Motore geprobt, behorcht, nochmals geprobt,
und der Hof füllte sich mit Lärm, Rauch und Gestank. Am Abend waren
alle Automobile reisefertig. Unser Gepäck hatte sich um einige
Ziegenfelle vermehrt, die Pietro auf dem Markte für uns eingekauft
hatte.
[Illustration: Mongolenknaben.]
An jenem Abend wurde am Tische des Herrn Dorliac ein melancholisches
Mahl gehalten. Wir waren etwas müde und hatten uns nichts mehr zu
sagen, da die Geister von demselben Gedanken erfüllt waren und die
Gemüter von derselben Ungeduld brannten. Wir standen im Begriff,
mit Kalgan jede Berührung mit der Zivilisation zu verlassen. Bis
dahin hatten wir uns in der Lage befunden, von Peking rasch Hilfe zu
erhalten, wir waren durch bevölkerte, reiche Landstriche gezogen und
waren stets von einer Menge Menschen umgeben gewesen. Die Rückkehr wäre
leicht gewesen; das Meer war nahe, und das Meer ist die Straße nach
Hause. Von morgen an aber würden wir ins Unbekannte hinausgeschleudert
werden, ganz allein. Der Augenblick war entscheidend, wie das „Los!“
des Luftschiffers. Auch wir würden in einem gegebenen Augenblicke zu
unseren Leuten sagen: „Los!“ und in einer Unendlichkeit verschwinden.
Die Abfahrt von Peking war uns nicht so feierlich erschienen wie
diese Abfahrt, die wir mit fieberhafter Sehnsucht und mit Beklemmung
im Herzen erwarteten. Denn in Peking hatten wir Kalgan vor uns,
in Kalgan aber das Innere Asiens, ein unbekanntes Land, das mit
Zaubergewalt lockte. Urga, die nächste Stadt, war sieben Längengrade,
d. h. fast 800 Kilometer entfernt! Am Ende des Mahles stießen wir mit
den vollen Bechern brüderlich an -- Franzosen, Italiener und unser
russischer Gastfreund --, und nachdem wir noch aufrichtige Glückwünsche
ausgetauscht hatten, trennten wir uns, indem wir einander an die Stunde
der Abfahrt erinnerten.
„Also um 4 Uhr?“
„Um 4; angenehme Ruhe!“
„~Au revoir!~“
[Illustration: Der letzte chinesische Tempel.]
Sechstes Kapitel.
Durch die mongolische Steppe.
In einem Flußbett. -- Zwischen den Türmen der
„Wan-li-tschang-tscheng“. -- Hinaus in das grüne Meer! -- Im
Lager. -- Mongolische Gastfreundschaft. -- Der Wüste entgegen. --
Pang-kiang.
„Verlassen heute Kalgan. Überschreiten soeben mongolische Grenze. 8 Uhr
morgens. Prächtiges Gelände. Haben mit dem Motor das Bett des Flusses
Schi-schan 25 Kilometer weit durchfahren. Überschreiten unschwer 1828
Meter Höhe. Entzückende Landschaft.“
Diese Depesche, die ich stehend in Eile auf ein Blatt meines
Notizbuches geschrieben hatte, übergab ich am Morgen des 17. Juni einem
jungen, liebenswürdigen Attaché der französischen Gesandtschaft, der
uns zu Pferd bis zum Saume der Steppe begleitet hatte. Ich beschwor
ihn, sie noch vor Abend im Telegraphenamte zu Kalgan aufzugeben. Hätte
ich ihm ein Dokument überreicht, von dem die Rettung eines Heeres
abgehangen hätte, so würde ich nicht weniger feierlich bei meiner Bitte
und nicht weniger glühend bei meinem Danke gewesen sein.
Ein Journalist ist stets geneigt, das Abhandenkommen eines Telegramms
als einen schweren Verlust zu betrachten. Er hat etwas von der
Leidenschaft des Historikers an sich, und eine verlorene Depesche
bedeutet für ihn eine unausfüllbare Lücke in der selbstdurchlebten
Geschichte, die er schreibt. Und dann hat er eine Art Mutterliebe für
seine eiligen Aufzeichnungen und begleitet sie in Gedanken auf ihrem
weiten Wege; er berechnet die Stunden, die sie brauchen werden, um an
den Ort ihrer Bestimmung zu gelangen, er berechnet die Zeitunterschiede
zwischen den einzelnen Ländern, sieht die Depesche in der Redaktion
ankommen, zur Nachtzeit, im Augenblicke der Arbeit; er verfolgt sie
bis zu den auf einem großen Tische unter dem Lichte der elektrischen
Lampen liegenden Papieren. Ihr Verschwinden ist ihm gleichbedeutend mit
einem Verrat. Reisen, Kosten, Mühen können vergeblich werden infolge
eines nichtigen Zufalls, der eine Depesche auf dem Grunde einer Tasche
oder auf dem Grase eines Seitenpfades liegenbleiben läßt. Zu der
Pünktlichkeit des journalistischen Dienstes tragen die mannigfachsten
Umstände bei: die Geschwindigkeit eines Pferdes, die Ehrlichkeit eines
Chinesen, das schöne Wetter. Die Ungewißheit über das Schicksal seiner
Arbeiten ist eine der peinlichsten Qualen für einen Berichterstatter in
fernen Ländern, der genötigt ist, zu jedem sich ihm bietenden Mittel
zu greifen, um seine Depeschen zur nächsten Telegraphenstation zu
befördern, der in die Unmöglichkeit versetzt ist, direkte Mitteilungen
zu erhalten, der, abgeschnitten von jedem Verkehr, über alles im
Dunkeln bleibt und dem Zweifel zum Opfer fällt.
[Illustration: In der mongolischen Steppe, verfolgt von einer Kavalkade
mongolischer Reiter.]
Ich legte unermeßlichen Wert auf die Absendung jenes kurzen
Telegramms; es war mir in diesem Augenblicke, als enthielte es die
wichtigste Nachricht von der Welt: „Überschreiten soeben mongolische
Grenze.“
Ich wiederholte allen diese Worte mit einer Art begeisterten Staunens.
Wir befanden uns in einem grasreichen Tale, zwischen schwellenden,
weichen Hügeln, die die Vorstellung erweckten, als pflanze sich jene
Bergkette, die wir überstiegen hatten und im Osten noch hoch emporragen
sahen, in unendliche Fernen auf jener Ebene fort. An der Ausmündung
des Tales bemerkten wir, wie die Steppe als gleichförmige Ebene mit
dem Horizont verschwamm. Wir hatten haltgemacht, um die letzten
Vorbereitungen zu treffen.
Die Morgenfahrt war herrlich gewesen. Wir hatten mit dem Aufbruch
warten müssen, bis die Tore Kalgans geöffnet wurden. Einer Gewohnheit
zufolge, die unzweifelhaft auf die Zeiten der Kriege und Überfälle
zurückgeht, schließen die Städte Chinas allabendlich ihre Tore, an die
Soldaten als Wache gestellt werden. Auf den öden Straßen waren wir
bis zu einem verschlossenen Tor und einer schlafenden Wache gelangt.
Die Wache wurde munter, das Tor wurde geöffnet, und beim ersten
Morgengrauen fuhren wir in dem engen Tale des Schi-schan-ho im Zickzack
auf dem Flußsande hin, um den Felsblöcken und den Steinen auszuweichen.
Das von steil ansteigenden Hügeln eingeschlossene Tal lag noch in
tiefem Schatten, selbst als die Spitzen der Berge im rosigen Lichte
der aufgehenden Sonne zu schimmern begannen. Oben herrschte bereits
der Tag, die Nacht zog sich in die Tiefe zurück; sie schien sich
verbergen zu wollen, um nicht besiegt zu werden, sie zögerte zu
verschwinden und hüllte die Windungen der Schlucht, durch die wir mit
der Geschwindigkeit von 20 Kilometern die Stunde aufwärts fuhren, in
violette Halbschatten ein.
Die an den Zylindern des Motors angebrachten Auspuffrohre
stießen die Verbrennungsgase unter starken Explosionen aus,
die wie Karabinerschüsse klangen und so rasch und zahlreich
aufeinanderfolgten, daß man hätte glauben können, neben uns sei
ein Maschinengewehr in voller Tätigkeit. Das Echo dieses Getöses
erfüllte das ganze Tal. Wir mußten schreien, um uns verständlich zu
machen. Pietro schien vor Schreck halbtot. Wir hatten nämlich auch ihn
mitgenommen; er war auf das Gepäck geklettert und hatte sich an die
Seile festgebunden, um bei den Schwankungen und Stößen des Automobils
nicht herunterzufallen. Hier blieb er still und ohne sich zu rühren
sitzen und wünschte vielleicht in seinem Herzen, sich lieber auf dem
Rücken des wildesten Pferdes von China zu befinden als da oben!
„Geht es gut, Pietro?“ fragte ihn der Fürst in aller Harmlosigkeit,
während er die Maschine lenkte.
Und Pietro entgegnete mit beredtem Zögern:
„J.. J.. Ja!“
Auf einer Anhöhe erhebt sich ein großer Felsen von seltsamem Aussehen,
ähnlich den Trümmern eines mittelalterlichen Kastells mit spitzen
Zacken, die an die Ruinen von Türmen erinnern. Das Kastell ist
durchlöchert; vom Tale aus sieht man den Himmel durch eine Öffnung
des Felsens, die so regelmäßig ist, daß sie dem Bogen einer massiven
Brücke gleicht. In der Morgendämmerung zeigte sich jene eigenartige
Naturbildung, die sich schwarz und scharf von dem klaren Himmel abhob,
in düsterer Großartigkeit. Die das Tal passierenden Mongolen betrachten
sie mit fast religiöser Scheu.
Es knüpft sich eine Sage an diesen Felsen. Als Dschingis Chan, der
Eroberer, der im Gedächtnis der Mongolen als Gott weiterlebt, an
der Spitze eines Heeres dieselbe Straße zog, die wir im Automobil
durchfuhren, machte er unter dem vom Zufall geschaffenen seltsamen
Kastelle halt, und da er ihm eine kriegerische und feindliche Bedeutung
beimaß, nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf die
Sehne seines Bogens und schoß ihn ab. Der Pfeil durchbohrte den
Felsen in voller Länge. Die Folge dieses kaiserlichen Schusses war
jenes Loch; die Brückenöffnung ist nichts anderes als die dem Felsen
durch Dschingis Chan zugefügte Wunde. Allerdings ist die Wunde so
groß, daß ein Mann zu Pferd und vielleicht auch im Automobil bequem
hindurchkommen könnte. Wer vermag aber zu sagen, wie dick die Pfeile
Dschingis Chans und wie stark sein Arm gewesen sind?
Gegen das Ende verengert sich das Tal, und das Flußbett wird zu
einer tiefen Schlucht. Es begann der letzte Aufstieg. Am Fuße der
Bodenerhebung erwarteten wir die Kulis, die in der Nacht von Kalgan
aufgebrochen und noch nicht angelangt waren. Die übrigen Automobile
waren zurückgeblieben und folgten uns langsam. Wir betrachteten soeben
einen alten Tempel, der sich in der Mitte des Abhanges erhob, als wir
auf dem steinigen Fußpfade ein seltsames Wesen auftauchen sahen.
[Illustration: Mongolische Reiter.]
Es war ein riesengroßer, klapperdürrer Chinese, der einer großen
ausgetrockneten Mumie glich. Sorgsam trug er eine Schale mit Eiern,
eine Teekanne und Tassen und näherte sich uns, als er uns erblickt
hatte, unter tiefen Bücklingen. Sein gelbes, knochiges Gesicht zeigte
das breite Grinsen eines Totenkopfes. Er setzte die Schale auf die
Erde, goß den Tee in die Tassen und reichte sie uns, dann bot er die
Eier an und begrüßte uns. Wir verdankten dem Ta Tsum-ba die Ehre seiner
Bekanntschaft. Unser guter Freund hatte den Behörden der Bezirke, durch
die unser Weg führen mußte, den Befehl erteilt, uns ihre Huldigung
darzubringen. Aber in jenen wüsten Gegenden gab es nur _eine_ amtliche
Persönlichkeit, und dies war eben jene wackere, grinsende Mumie, der
Vorsteher einer kleinen, armen Gemeinde, die sich auf dem Gebirge
eingenistet hatte. Er war bei Tagesanbruch bis zu dem kleinen Tempel
herabgestiegen, wo er sich niedergelassen hatte, um das Teewasser zum
Sieden zu bringen, die Eier zu kochen und uns zu erwarten. Als er uns
von weitem gesehen hatte, war er mit seinen langen Beinen aufgesprungen
und uns entgegengeeilt. Wir verabschiedeten uns freundlich von diesem
Vertreter der hohen Obrigkeit, und der Vertreter der hohen Obrigkeit
beeilte sich, uns ein Notizbuch zu reichen und uns durch Gesten
anzudeuten, wir möchten uns einschreiben.
„Wie!“ riefen wir aus. „Ein Autographensammler?“
„Will Schrift,“ belehrte uns Pietro, „um Ta Tsum-ba zu zeigen, daß hat
gehorcht seinem Befehle.“
„Aha, ein Zeugnis des Wohlverhaltens also!“
Und der Fürst und ich schrieben alles mögliche und erdenkliche Gute
über den dürren Mann nieder, der inzwischen ruhig seine Eier aß und
seinen Tee trank.
Bald darauf, nachdem die Kulis mit fünf Maultieren angekommen waren,
sahen wir das Tal des Schi-schan-ho zu unseren Füßen in die Tiefe
sinken und sich entfernen. Wir erklommen die Höhen der letzten Großen
Mauer.
Nur die Türme der ungeheueren Wan-li-tschang-tscheng sind
übriggeblieben. Zwischen je zwei Türmen dehnt sich ein langgestreckter
Steinhaufen aus. Dies ist alles, was von den eingestürzten Mauern
erhalten ist. Sie bestanden aus Lehm, die Türme aus Stein. Deshalb
stehen diese auch nach einer Lebensdauer von 21 Jahrhunderten noch
fest auf ihrem Wachtposten. Sie wurden 200 Jahre vor Christi Geburt
errichtet. Seitdem sind so viele Städte vom Erdboden verschwunden,
Völker sind zerstreut, Kulturen vernichtet, Reiche zerstört worden,
nur diese Türme blieben; vor allem, weil sie zwecklos geworden sind.
Auf der Welt hält wunderbarerweise alles das aus, was zwecklos und
überflüssig ist, weil niemand Hand daran legt.
[Illustration: Aussicht in das Schi-Schan-ho-Tal mit den Türmen der
äußersten Großen Mauer.]
Diese vereinzelt stehenden Türme erscheinen, aus der Ferne gesehen,
auf dem kahlen Gebirge riesenhaft groß. Sie erheben sich in solchen
Zwischenräumen, daß die menschliche Stimme noch vom einen zum andern
dringen kann; sie wurden so angelegt, damit der Ruf der Wachen ihre
Kette entlang lief. Nachts rief ein Turm den andern an.
Das Automobil wurde von den Kulis auf einem gewundenen Pfade
weitergezogen; der Fürst aber und ich stiegen die Felsen in gerader
Linie zu den ersten Türmen hinauf. Oben machten wir halt, voller
Bewunderung über das erhabene Schauspiel, das sich unseren Augen in
der Klarheit des Morgens darbot. Wir sahen die grenzenlose mongolische
Hochebene, die genügend weit entfernt war, um noch den Eindruck
eines Ozeans zu machen. Im Westen stürzt sie plötzlich senkrecht
auf die unter ihr liegenden Ebenen des Hoang-ho, einem ungeheueren
tiefblauen Wasserfalle gleichend. Unten, uns näher, breitet sich eine
seltsame Landschaft aus, wie man sie sonst nur im Traume erblickt,
eine unermeßliche Anhäufung rötlicher Hügel, nach jeder Richtung
hin zerschnitten, zerhackt, durchfurcht von Tausenden unfruchtbarer
Schluchten, die untereinander verschieden und doch ähnlich waren wie
Meereswogen; in der Ferne wurden sie blasser, bis sie die phantastische
Farbe lebender Nacktheit annahmen; es war ein rosafarbenes Chaos, ein
sturmgepeitschter, zu Stein gewordener Ozean. Im Osten erhob sich
riesengroß das Gebirge des großen Chingan, eine gewaltige Bergreihe,
die in dem grellen Lichte verschwamm und sich auflöste, und jenseits
deren wir die weiten Ebenen der Mandschurei ahnten.
Nach kurzer Zeit begannen wir den Abstieg. Wir betraten den Boden
der Mongolei. Es war 8 Uhr. Von der Höhe aus bemerkten wir in den
benachbarten Tälern die Dächer elender Dörfer, die sich zwischen die
Geländefalten schmiegten, um vor den Wüstenwinden Schutz zu suchen.