zum Untergang der Sonne. Strahlend verschwand der feurige Ball hinter dem
Esterelgebirge. An den hohen Bergen im Norden trieben sich langgedehnte
Nebelstreifen umher. Sie deckten die Einschnitte der Thäler, stiegen dann
empor bis zum Schnee der Alpen, wurden violett und rosenroth und schwanden
spurlos. Scharf zeichneten sich jetzt die riesigen Gipfel in langer Kette
an dem blauen Himmel. Bald rötheten sie sich auch, erglühten in Purpur,
erloschen allmälig und wurden dann leichenblaß. Des Tages Gluth lastete
noch auf dem Meere; seine glatte Oberfläche zeigte jene matten Reflexe,
wie sie alten venetianischen Spiegeln eigen sind: dann begann sie die
Farbe zu wechseln und schillerte wie Opal. Der Purpur, der von den Bergen
schwand, legte sich über den Abendhimmel und überfluthete bald auch das
Meer. Geheimnißvoll klagend schlugen seine scharlachrothen Wellen jetzt an
die Felsen des Ufers. Der Himmel über den Alpen nahm fahlgrüne Färbung an,
und dann wurde es dunkel. Ungezählte Sterne tauchten am Himmel auf, und
ungezählte Lichter entflammten längs der Küste. Wir bestiegen jetzt wieder
die Barke und glitten still über der Wasserfläche. Eine erfrischende Luft
umfloß unseren Körper, drang in unsere Lungen ein und erweckte jenes
Gefühl inneren Wohlbehagens, dem man so gern sich hingibt. Wir wechselten
kaum ein Wort und brachen erst unser Schweigen, als wir an der Croisette
gelandet waren.
V.
Cannes stand unter der Herrschaft der Aebte von Lerin. Sie hatten dasselbe
im zehnten Jahrhundert von Wilhelm von Gruetta, einem Sohne von Redouard,
Grafen von Antibes, erhalten. Im Jahre 1080 begann der Abt Adalbert die
Burg auf dem Hügel, der jetzt die Altstadt trägt, dem heutigen Mont
Chevalier, zu erbauen. Im Kloster von Lerin wurden die geistigen Güter vor
Allem gepflegt, daher wohl seine Herrschaft mild gewesen ist. Das
beeinflußte die Sitten und Bräuche der Uferbewohner. Während jenseits des
Esterels, wo rohe Burgherren herrschten, die Volksbelustigungen in
Scheinkämpfen, den sogenannten »_bravades_« bestanden, waren es in Cannes,
Vallauris und Antibes die »_romérages_«, das heißt Tänze und ähnliche
Spiele, welche die Feste belebten. Bis auf den heutigen Tag haben sich die
_bravades_ in St. Tropez, die _romérages_ in Vallauris erhalten.
Wachtthürme längs der Küste waren zum Schutz gegen die Saracenen
aufgerichtet. Feuerzeichen des Nachts, weiße Fahnen am Tage, warnten, von
den Lerinischen Inseln aus, die Uferbewohner vor den nahenden Feinden.
Cannes führte, gedeckt durch das Kloster, dem die Angriffe der Feinde
stets vor Allem galten, ein ziemlich ruhiges Dasein, und hatte erst
während der Kämpfe Franz I. mit Karl V. schwere Verluste zu tragen. Im
Jahre 1580 wurde durch ein Schiff aus dem Orient die schwarze Pest nach
Cannes eingeschleppt und verbreitete sich dann über die ganze Provence.
Dann gab es noch manches Ungemach im Laufe der Zeiten, so im siebzehnten
Jahrhundert, als die Lerinischen Inseln zeitweise in spanische Gewalt
geriethen, dann im achtzehnten während der Invasion der Provençe durch
österreichische und piemontesische Truppen, besonders aber im
österreichischen Erbfolgekriege, während des mißglückten Angriffs der
Oesterreicher auf die Provence. – Uebrigens fehlte es auch nicht ganz an
komischer Tragik in der Geschichte von Cannes. So berichten die
Stadtarchive von einem wilden Thiere, das 1785 das Land und die Stadt mit
Schrecken erfüllte. Kein Bewohner der Stadt wagte sich mehr ins Freie.
Schließlich wurde eine Schar muthiger Männer bewaffnet, und es gelang
ihnen auch an der Grenze der Gemeinde das Thier zu erlegen. Ein solches
Thier hatte noch Niemand gesehen; man wußte es nicht zu benennen. Ein
heftiger Streit entspann sich nun um das Fell, zwischen den Gemeinden von
Cannes, Grasse und Mougin, an deren gemeinsamen Grenzen das Thier gefallen
war; es drohte ein ernster Conflict, glücklicher Weise machte der Marquis
de Caraman, commandirender General der Provence, demselben ein Ende, indem
er das Fell für sich nahm. Nunmehr wurde festgestellt, daß dieses Fell von
einer Hyäne stamme; wie jenes Thier sich nach Cannes verirrt hat, ist
unaufgeklärt geblieben.
Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Cannes zu einer ganz unbedeutenden
Ortschaft herabgesunken. Als Horace Benedict de Saussure sie 1787
besuchte, fand er nur ein paar Straßen vor, die fast ausschließlich von
Matrosen und Fischern bewohnt waren. Die Schönheit der Lage fiel ihm auf:
»_C’est un site vraiment délicieux_« rief er auf dem Hügel von St. Cassien
aus, als er den blauen Golf und die grünen Inseln vor sich liegen sah,
dann über das üppige Thal der Siagne, gegen Grasse und die grauen
Kalkalpen schaute. Auch die Hôtels in Cannes waren damals einfacher als
jetzt, dessen ungeachtet es dem Erlanger Professor Heinrich Schubert im
Jahre 1822 in einem derselben sehr behagte. Er und »die gute Hausfrau«
waren zu Fuß über das Esterel acht Stunden lang bis nach Cannes gewandert
und kamen dort recht ermüdet in den heißen Mittagsstunden an. Darauf hin
schreibt Schubert: »Wohler und erquicklicher zu Muthe ist es wohl der
guten Hausfrau, auf dieser ganzen Reise, bei keinem anderen Mittagessen
und in keinem anderen Wirthshause gewesen, als in dem bürgerlichen, für
uns daher sehr passenden Wirthshause zu Cannes. Es war das Häuslein gleich
eins der ersten in der Häuserreihe am Meeresstrande hin. Zwar zu der
oberen Etage, welche fast nur aus dem Zimmer bestand, in welchem wir aßen,
führte keine Marmorstiege, sondern eine hölzerne Treppe von außen empor,
es stieg sich aber eben so schnell daran hinauf, als auf einer steinernen;
der Balcon, an dessen geöffnete Thür wir uns hinsetzten, hatte zwar weder
eiserne noch bronzene Umzäunung, sondern nur bretterne, die Aussicht von
ihm hinaus auf das unter uns brandende Meer war aber eben so weit und
lieblich als von einem steinernen.« »Junge Hühnlein, seit wenigen Tagen
erst aus dem Ei gekrochen, die mit ihrer Alten da im Speisesaal und auf
dem Balcon herumliefen, pickten die Krümlein von Weißbrod zusammen, die
ihnen die Hausfrau auf den Boden streute.« Dann aber, nachdem wir uns an
einem trefflichen Mahl gesättigt und ausgeruht, »verließen wir –
Strickbeutel und Pflanzenmappe unter dem Arme – unseren Balcon mit der
lieblichen Meeresaussicht und die gutmüthigen, billigen Wirthsleute und
zogen unter den schattigen Bäumen der Allee, neben dem anbrandenden Meere
hinaus auf die Straße nach Antibes.«
Da war es in der That anders in Cannes als jetzt! Den Anfang zu seiner
jetzigen Größe verdankt Cannes einem Zufall. Im Jahre 1834, als die
Cholera im ganzen Norden von Europa herrschte, sperrte sich Italien gegen
dieselbe durch einen Grenzcordon ab. Reisende, die aus Frankreich an diese
Küste kamen, mußten mehrere Tage in dem seuchenfreien Cannes verweilen,
bevor sie die Grenze am Var überschreiten durften. Unter den Reisenden
befand sich auch Lord Brougham, der das Amt eines Lord-Kanzlers von
England vor Kurzem niedergelegt hatte und durch den Tod seiner geliebten
Tochter tief gebeugt, nach Italien eilte. Ihm gefiel dieser Ort, an dem er
nun unfreiwillig verweilen mußte, so sehr, daß er sich entschloß, an
demselben zu bleiben. Er ließ sich in Cannes nieder und erbaute auf seiner
Besitzung das Schloß Eleonore Louise, das den Namen seiner Tochter trägt.
Seinem Beispiel folgten zahlreiche seiner Landsleute, und die vornehme
englische Gesellschaft zog sich allmälig von Nizza nach Cannes zurück. Ihr
folgte die französische Aristokratie, und allmälig wuchs Cannes zu einem
der vornehmsten Kurorte der Riviera an.
VI.
Den Bewohnern des westlichen Cannes können die Ausflüge auf den Höhen der
Croix-des-Gardes diejenigen von »La Maure« zum Theil ersetzen. Die
Aussichten sind ähnlich, doch gilt es meist so viel Staub zu schlucken,
ehe man sie erreicht! Die Abhänge dieses 150 Meter hohen Hügels sind mit
den ältesten Villen des neuen Cannes bedeckt; da lehnt sich auch jener
Château d’Eleonore Louise an, der den Grund zu dem modernen Kurort legte.
– Man darf es auch nicht unterlassen, den Garten der Villa Larochefoucauld
zu besuchen, dessen Zutritt Fremden stets gestattet wird. Man erreicht ihn
bald auf der Straße von Fréjus. Die Ausblicke auf das nahe Esterel
zwischen den Palmen, Pinien und sonstigen üppigen Gewächsen des Gartens
sind zum Theil von hoher malerischer Wirkung.
Ueber alle möglichen, wenn auch nicht immer empfehlenswerthen Ausflüge an
den Kurorten der Riviera orientiren jetzt vollständiger wie zuvor die in
allerletzter Zeit erschienenen »_Guides Joanne_«. Es gibt jetzt solche
»Führer« für Cannes, für Nizza, Mentone, ja selbst für das Esterel, und
sie sind einzeln für 50 Centimes oder einen Franc zu haben. Leider sind
aber auch in diesen Führern die Angaben über die Wege, die man bei den
einzelnen Ausflügen einzuschlagen hat, so mangelhaft und die beigefügten
Karten so unvollkommen, daß man sich nur selten zurechtfinden kann.
Ich plante noch einen Ausflug nach dem Cap d’Antibes und stand mit
Tagesanbruch auf, um möglichst viel Zeit vor mir zu haben. Ich trat ans
Fenster und öffnete die Läden: Der Himmel war mit Wolken ganz bedeckt.
Hinter denselben im Osten mußte die Sonne soeben aufgegangen sein.
Unentschlossen blieb ich am Fenster stehen. Wird es der Sonne gelingen,
die Wolken zu zerstreuen? Leuchtende Stellen tauchten in der Wolkenmasse
nach einiger Zeit auf und erweckten freudige Hoffnung. Bald schwanden sie
aber wieder, und beklommen blickte ich empor, gedrückt von dem Gefühl, daß
es so trüb und traurig den ganzen Tag über bleiben könne. Doch wieder
lichten sich hier und dort die Wolken, sie wogen in schweren Massen wie
ein bewegtes Meer; plötzlich zerreißen sie an mehreren Stellen, und aus
glühendem Rahmen blickt dort der leuchtende Himmel hervor. Es ist, als
wäre in den Höhen eine Feuersbrunst ausgebrochen, und als drängen lange
Feuerstrahlen aus den Oeffnungen der Wolken hervor, um die See und das
Land zu entzünden. Jetzt sind es Stellen im Meer, welche in Flammen
aufgehen, dann leuchten die Lerinischen Inseln im rosigen Lichte auf
dunkler Woge, dann wieder entzünden sich die Gipfel des Esterel, dann das
alte Cannes. Allmälig erblassen die Wolken, sie weichen vor der
siegreichen Sonne; sie lösen sich auf im goldigen Nebel und schwinden. Der
ganze Himmel erstrahlt in glänzendem Licht.
Wir folgen der Straße von Antibes, von Licht überfluthet. Solche
Lichtfülle stimmt den Menschen freudig, erweckt neue Hoffnungen und trägt
so sicherlich nicht wenig zur Heilung der hier weilenden Kranken bei. Es
ist das der suggestive Einfluß des Sonnenlichtes; andererseits kommen
demselben thatsächlich auch antiseptische Wirkungen zu. Intensives
Sonnenlicht tödtet die Keime jener niederen Organismen, welche Fäulniß und
Zersetzung bewirken. Entsprechende Versuche haben gelehrt, daß eine
Aussaat von Bacterien durch Licht sterilisirt werden kann. Setzt man eine
solche Aussaat dem Sonnenlichte aus, hält eine andere im Schatten, so
werden die Keime der ersteren getödtet und die der letzteren entwickeln
sich weiter. Intensives Sonnenlicht sterilisirt demgemäß auch die Wäsche
und die Kleider von Kranken. Es sterilisirt auch Seen und Flüsse, falls
ihr Wasser nicht zu trüb ist und den Lichtstrahlen das Eindringen nicht
verwährt. Die in der Luft schwebenden Keime werden meist von dem
Sonnenlicht getödtet. Mit Recht sagt somit ein italienisches Sprüchwort:
»_Dove non entra il sole, entra il medico._« Wäre jenes Sprüchwort nicht
begründet, da müßten unausstehliche Miasmen manches südliche Land erfüllen
und Infectionskrankheiten ununterbrochen es verheeren. Wie wenig geschieht
da meist für die Desinfection. Die moderne Hygiene ist ein Kind nordischer
Himmelsstriche, und die peinlichsten Ansprüche an Reinlichkeit und Comfort
sind in Ländern erwachsen, in welchen der Nebel meist das Sonnenlicht
verhüllt. Während wir unsere Wohnräume nach Möglichkeit säubern, für
Desinfection allerorts sorgen, öffnet der Südländer weit seine Fenster und
läßt sein ganzes Haus vom Sonnenlicht durchstrahlen. Dazu ist aber dauernd
klarer Himmel nöthig. – Bacterienkeime, die vom intensiven Sonnenlichte
getroffen werden, halten die Wirkung desselben nur kurze Zeit aus. Die
Keime des _Bacillus anthracis_, jenes gefährlichen Bacteriums, das den
Milzbrand bei Schafen und Rindern veranlaßt, sind dann schon todt nach
wenigen Stunden. Ein englischer Botaniker, Marshall Ward, hatte den
Einfall, diese Wirkung des Lichtes auf Bacterienkeime gewissermaßen
photographisch zu veranschaulichen. Er breitete Gelatine, die mit
Bacterienkeimen versetzt war, auf einer Glastafel aus, stellte vor
dieselbe eine durchbrochene Zinnplatte und ließ letztere vom Sonnenlicht
bescheinen. Nach wenigen Stunden wurde die Glastafel in einen dunklen,
warmen Raum gelegt und dort längere Zeit gelassen. Ueberall da, wo das
Sonnenlicht durch die Oeffnungen der Zinnplatte die Gelatine erreicht
hatte, blieb letztere klar, weil die Keime in derselben getödtet waren,
sie trübte sich an den übrigen Stellen, weil die Keime dort unversehrt
blieben und sich zu trüben Bacterienmassen vermehrten. So war das in die
Zinnplatte geschnittene Bild deutlich auf der Gelatineplatte zu erkennen.
Selbst die Negative gewöhnlicher Photographien konnten benutzt werden, um
positive Bacterienbilder zu erhalten, wenn mit besonders empfindlichen
Keimen operirt wurde. Ein purpurfarbiges Bacterium der Themse lieferte so
hinter den Glas-Negativen englischer Landschaften zwar nicht scharfe, aber
doch kenntliche Bilder derselben.
Die ganze Straße von Antibes war jetzt blendend hell von Licht, von jenem
grellen Licht, in welches alle Dinge tauchen, wenn die Sonne hoch am
Himmel steht. Auf der kreideweißen Straße wurden die Schatten immer kürzer
und dunkler, die Halbschatten nahmen blaue Töne an. Die Palmengruppen in
den Gärten glänzten so stark, daß sie fast wie fabelhafte Decorationen zu
einem Zauberstück erschienen. Es war Fest der Sonne überall in der Natur,
und diese festliche fröhliche Stimmung theilte sich uns auch mit. – Wenig
Orte in Europa gibt es, die über eine gleich große Lichtfülle verfügen. An
dieser goldigen Küste darf sich das Mittelmeer rühmen, Spiegel der Sonne
zu sein. An Klarheit der Luft können mit der Gegend um Nizza sich nur
Valencia und Alicante messen. Während von dem Eifelthurm in Paris die
Aussicht im günstigsten Falle bis auf hundert Kilometer reicht, zeigt hier
nicht selten Corsica dem erstaunten Auge seine zackigen Gipfel, die um
mehr als 200 Kilometer von dieser Küste entfernt sind. Daher mit vollem
Recht der Mont Gros bei Nizza zum Bau eines astronomischen Observatoriums
gewählt wurde. Auch regnet es in Nizza durchschnittlich im Jahre nur an
67 Tagen. Der Regen dauert nicht lange, ist dafür oft so heftig, wie in
den Tropen. Auch in diesem Frühjahr hatten wir während unseres
fünfwöchentlichen Aufenthalts, von Mitte März bis zur zweiten Hälfte des
April, nur drei Tage mit anhaltendem Regen hier zu verzeichnen. Wir waren
thatsächlich die ganze Zeit über wie in ein Lichtbad getaucht.
Die Straße führte uns an dem Orte Golfe Jouan vorbei nach Jouan les Pins.
Nun folgten wir unter Pinien im weiten Bogen dem Meeresstrande. Unser
Blick verlor sich im endlosen Meer oder er ruhte auf dem Esterel und den
Lerinischen Inseln. Es waren das die alten, liebgewonnenen Bilder in immer
neuer Umrahmung. Bald begrüßten wir das Cap und traten in den Garten des
Caphôtels ein. Da ist Alles noch so wie es war, derselbe üppige
Pflanzenwuchs, derselbe Duft der Maquis. Doch fremdartig blicken uns
merkwürdige Bauten von der äußersten Spitze der Landzunge an. Haben die
Saracenen wieder das Land erobert und sich am Cap niedergelassen? Das sind
doch maurische Bauten, die sich dort erheben, eine Moschee, die mit ihrer
schlanken Kuppel in die Lüfte ragt! Eine Mauer sperrt die Spitze des Caps
vom Hôtelgarten ab, doch glücklicherweise ist sie schon durchbrochen und
nichts hindert uns, weiter vorzudringen.
Es war nicht ein Saracene, sondern ein Pariser, der diese Bauten errichten
ließ. Er starb ohne das Ende seiner Werke zu sehen. Sein Wunsch, hier
begraben zu werden, konnte nicht in Erfüllung gehen. Die französische
Regierung verbot die Bestattung am Cap; die Familie gab daher die
Besitzung auf.
So wird denn dieses Stück Orient hier wieder verschwinden, vielleicht
Ruinen bilden, die man dermalen als saracenische deuten wird. Der Fischer
aber, dem ein Stück Strand nach dem andern entzogen wird, hat vom Cap
wieder Besitz ergriffen. Mit sichtlicher Schadenfreude zerstört er die
Mauer, die ihm den Zugang zu den Felsen sperrte, auf denen er gewohnt war,
von Kind auf zu fischen. Und auch der Fremde, der das Cap besucht, kann
wieder ungehindert auf diesen zerrissenen Felsenklippen streifen und dem
geheimnißvollen Rauschen der Wogen in den tiefen Spalten des Gesteines
lauschen.
VII.
Einige Tage später verließen wir Cannes und siedelten nach dem Cap Martin
über. Eine englische Gesellschaft hat vor einiger Zeit dieses ganze Cap
erworben und ein Hôtel auf demselben errichtet, das zu den comfortabelsten
der ganzen Riviera gehört. Hat man es sonst zu bedauern, daß die schönsten
Punkte dieser Küste der Speculation zum Opfer fallen, so ist dies beim Cap
Martin nicht der Fall. Denn mit viel Geschick und Geschmack verstand es
die englische Gesellschaft, dem Cap seinen ursprünglichen Charakter zu
wahren und den schönen Wald von Aleppokiefern, mit dem das Cap bedeckt
ist, in einen nicht minder schönen englischen Park zu verwandeln. Sie
schonte jeden einzelnen Baum; die Maquis am westlichen Strande hat sie in
ihrem ursprünglichen Zustand belassen, fremdartige Gewächse nur in
discretester Weise angebracht. Das Hôtel steht auf der Höhe, am südlichen
Ende des Caps, noch in den Wald eingeschlossen, von welchem man nur so
viel entfernte, als zum Bau des Hauses durchaus nothwendig schien. Auch
werden die Grundstücke am Cap von der Gesellschaft nur unter Bedingungen
verkauft, die den neuen Besitzer zur Schonung des Waldes verpflichten. So
merkt man nicht viel von den entstehenden Villen im Walde, und man muß auf
die Höhen steigen, die das Cap beherrschen, um sie zu entdecken. Der
Strand sollte frei bleiben, daher keines der verkauften Grundstücke bis zu
demselben reicht. Man kann vom Hôtel aus jetzt ungehindert den Wegen
folgen, die sich um das ganze Cap ziehen. An dem östlichen Ufer des Caps
läuft die Landstraße, die nach Mentone führt; sie ist staubig, und sucht
man sie daher nach Möglichkeit auf den Spaziergängen zu meiden. Das kann
man auch, wenn man die Straßen einschlägt, die im Walde, am Rücken des
Caps, verlaufen. Besonders anziehend und von Staub ganz frei ist aber der
Fußweg, der in westlicher Richtung am Cap sich hinzieht. Er folgt auf
langer Strecke zwischen Kiefern und würzigen Sträuchern dem Strande. Er
ist so schön, bietet so mannigfaltige Ausblicke, daß man nicht müde wird,
auf ihm zu wandern. Der Weg steigt auf und ab, immer in unmittelbarer Nähe
des Meeres, dicht über zerrissene Felsenmassen. Myrten, Pistacien,
Rosmarin umranden ihn, häufig wächst da außerdem der immergrüne Wegedorn
mit dunklen Beeren, der _Rhamnus alaternus_, auch das interessante
_Cneorum tricoccum_ mit kleinen gelben Blüthen, das uns schon aus den
Maquis von Antibes bekannt ist, und die würzige Weinraute (_Ruta
bracteosa_), die um diese Zeit schon ihre gelbgrünen Blüthendolden
entfaltet. Bei jeder Windung des Weges ragen neue Felsen aus dem Meer
hervor, immer anders geformt, in unerschöpflichem Wechsel. Ueberall die
anbrausenden Wogen mit ihrem Silberrand, hier von tiefem Blau, dort von
hellem Grün, dort wieder in violetten Tönen; dann plötzlich vorübereilende
Fischerbarken, grell beleuchtet im lichten Schein der Sonne. Die Ruder
tauchen wie in flüssiges Metall, und funkelnde Tropfen fallen von ihnen in
das Meer zurück. Weite Blicke öffnen sich über die Küste: hier Monte
Carlo, sanft vom Meere aufsteigend, dort Monaco auf seinem steilen Fels,
darüber, wie auf Wache, die riesige »Tête de Chien«. Ganz in der Nähe
liegt am Bergesabhang das Felsennest Roccabruna, in Orangenhaine gehüllt,
umrahmt von Cypressen und Carouben. So läßt sich hier genußreich am frühen
Morgen wandern, da die Sonne noch im Osten steht, im Schatten der Bäume
und des steil aufsteigenden Caps; felsauf, felsab, einmal dicht am Meere,
dann über demselben, dann wieder am Strand, wo die Welle bis zu den Füßen
rollt. Doch gilt es früh aufzubrechen, denn das Cap ist nicht rein
südlich, sondern südwestlich gerichtet, und bald beginnen die Strahlen der
Sonne auch den westlichen Abhang zu streifen. Da stellt sich aber der
erwünschte Schatten am östlichen Strande ein. Zwischen der staubigen
Straße und dem Meere liegt ein Felsenstreifen, auf dem Kiefern wachsen,
und wo man, von Staub nicht belästigt, ruhen kann. Auch hier ist der
Strand tief zerklüftet und bildet einen bewegten Vordergrund für das Bild,
das sich jenseits der Bucht entfaltet. Die Kiefern neigen sich vor über
die Felsen, strecken ihre Kronen dem Meer entgegen und fassen hier das
weiße Mentone, dort die hohen Gipfel über demselben, dort wieder La
Mortola oder Bordighera ein in ihr grünes Laub. Oft stundenlang saßen wir
auf diesen Felsen, ein Buch in der Hand, blickten auch häufig über
dasselbe hinweg, hinaus in die blaue Fluth. Zeitweise waren es auch
Fischer, die unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Sie späheten in der
Nähe den Fischen nach. Einer saß oben über dem Felsen auf einem Gestell
aus drei verbundenen Stangen und schaute unablässig in die Tiefe. Andere
lagerten in einem Boot, bereit auf ein gegebenes Zeichen die Netze zu
heben. Die Netze waren an einem leeren, quergestellten Boote befestigt und
bildeten ein Dreieck, das an einer Seite offen stand. Erblickte der Späher
Fische, die in das Dreieck eingeschwommen waren, so zog er an einem Seil
und daß Netz schloß sich nun auch an der freigehaltenen Seite. Rasch
näherte sich daß Boot dem Ufer, schnitt den Fischen jeden Rückweg ab; die
Netze wurden emporgezogen, und meist einige nicht eben große Fische, oft
auch nur ein einziges solches zappelndes Geschöpf erkapert. Die Geduld
dieser Menschen erweckte in mir besondere Bewunderung. Stundenlang lagen
sie da unbeweglich im Boote; den ganzen Tag über hockte der Späher oben
auf seiner Stangenpyramide, und die Zeit wurde ihm, wie es schien, nicht
lang. Was für ein Gegensatz zu solchen Menschen wie wir, die wir uns den
ganzen Tag über hetzen und aufreiben, keine Viertelstunde unbenutzt lassen
und nun hierher kommen müssen, damit unsere Nerven sich wieder etwas
beruhigen. Der Mann da oben auf seiner Pyramide erinnerte mich aber
lebhaft an einen Seeadler, den ich auf einem hohen Felsen von Antibes, an
einer einsamen Stelle des Strandes, einst sitzen sah. Auch er blickte
starr in das Wasser, blickte lange und geduldig, ohne auch nur den Kopf zu
bewegen, stürzte sich dann wie ein Pfeil hinab in die Fluth und stieg auf
in die Wolken mit einem Fisch in den Krallen.
Das Hôtel am Cap Martin ragt über die Bäume des Waldes empor. Südwärts
eröffnet es die Aussicht auf das weite Meer. Nordwärts gestattet es, über
den gewölbten Kuppeln des Waldes, der ganzen Bergkette zu folgen, welche
diese Küste schützt. Da reihen sie sich an einander diese gewaltigen Berge
vom Mont Agel im Osten, bis zum Berceau im Westen; die mächtigsten
Kalkriesen liegen in der Mitte und schneiden mit scharfem Grat in den
blauen Himmel ein. Jeden Abend waren unsere Blicke auf sie gerichtet, wenn
die schwindende Sonne ihre Gipfel röthete, ein Gipfel nach dem andern dann
langsam erlosch. Oefters stiegen wir auch gegen Abend zum östlichen
Strande hinab, um die Beleuchtung der Küste zu schauen. Während tiefer
Schatten schon Mentone deckte, flammte im purpurnen Lichte noch
Alt-Bordighera. Ein Liebling der Sonne an dieser goldigen Küste, empfängt
es am Abend ihren letzten Gruß.
Wenn es dann ganz dunkel war, zogen wir nochmals ans Meer. Es galt Mentone
und Monte Carlo in ihrem Lichterschmuck zu betrachten. Monte Carlo im
Besonderen sieht dann ganz feenhaft aus. Tausende von Lichtern drängen
sich am Fuße des Berges zusammen, der einen dunklen Schatten auf den
bestirnten Himmel wirft. Ich schaute oft in dieses Bild, und es war mir
wohl, als hätte ich es lange zuvor schon gesehen. Doch wo und wann? das
wußte ich nicht mehr zu finden. Da plötzlich, sah ich es ganz lebhaft
wieder vor mir, das alte Bild, so wie ich es mit Kinderaugen geschaut
hatte. Es war ein gemaltes Bild von Neapel in einem kleinen Panorama, das
ich am Weihnachtsabend einst bekommen hatte. Hielt ich es gegen ein Licht,
dann leuchteten unzählige Flammen in Neapel auf und erregten meine
kindliche Phantasie. Es waren Nadelstiche, welche das Bild durchsetzten.
Wie in jenem Bilde Camaldoli über Neapel, so ragte hier die Tête de Chien
über Monte Carlo hervor; und wie die Lichter am Posilip, so stiegen hier
die leuchtenden Punkte am Felsen von Monaco in die Höhe. Wie stark sind
doch solche Eindrücke der Kindheit! Was hat nicht Alles dieses geplagte
Hirn seitdem in sich aufnehmen müssen, und doch war das alte Bild nur
verdeckt, nicht ausgelöscht, und tauchte wieder auf, als ein äußerer
Anstoß es zum Bewußtsein brachte.