Dort, wo das Cap Martin die breite Küste erreicht, ist es mit schönen

alten Oelbäumen bedeckt. Da sind sie wieder da, diese phantastisch

verschnörkelten Stämme, von denen keiner dem andern gleicht. Sie werden um

so mächtiger und schöner an dieser Küste, je weiter man sich vom Esterel

entfernt. Welch ein Unterschied zwischen den armseligen Bäumen der

Rhônemündung und jenen Riesen hier, die ihre Kronen stolz in die Lüfte

erheben. So muß man sie gesehen haben, um sie zu würdigen und sie zu

lieben; auch ist die Lichtfülle dieser sonnigen Gegenden nöthig, damit ihr

Laub nicht grau und traurig, sondern silbern und leuchtend erscheine.

Daher der Olivenwald ein höchst stimmungsvolles Element dieser Landschaft

bildet. Da die Blätter des Oelbaumes nicht groß sind und seine Belaubung

nie dicht wird, so herrscht im Olivenwalde ein Zwielicht von ganz eigenem

Zauber. Jeder Windhauch bewegt dieses Laub, und dann zittern die einzelnen

Lichter auf den Bäumen, sie huschen wie Leuchtkäfer über den Boden, und es

belebt sich plötzlich die Einsamkeit.

Trotz seiner scheinbar exponirten Lage ist das Cap Martin gegen die

Nordwinde und den Mistral sehr gut gedeckt und nur den Ostwinden

preisgegeben. Daß die hohen Berge im Norden und im Westen das Cap

erfolgreich gegen Kälte schützen, hat der letzte strenge Winter gelehrt.

Es lag fast kein Schnee auf dem Cap, während er Mentone deckte, und weder

Bougainvillea noch Heliotrop haben an dem Hôtel du Cap gelitten. Die

Pflanzen sind aber die sichersten Weiser für das Klima. Die Bougainvilleen

und der Heliotrop sind an den meisten Orten der Riviera im letzten Winter

erfroren oder büßten ihr Laub doch ein. Auch die strauchartige Wolfsmilch

(_Euphorbia dendroides_), die überall am westlichen Abhange des Cap Martin

wächst, zeigt durch ihre kräftige Entwickelung an, wie günstig die

klimatischen Verhältnisse hier für sie sind. Man muß nach dem südlichen

Sardinien gehen, will man noch größere Exemplare dieser Pflanze sehen. In

dem nahen Mentone zeugen für das milde Klima dieser Region vor allem die

üppigen Citronenwälder. Der Citronenbaum kann Temperaturen unter -5° C.

nicht vertragen. Seine Früchte erfrieren schon bei -3° C. Man denke sich

die Aufregung der Leute in diesem letzten Winter, wo das Thermometer

wiederholt unter 0° sank. Der Besitzer eines größeren Citronengartens

erzählte mir, er habe in den kalten Nächten viele Stunden am Thermometer

gestanden und mit Angst auf die Quecksilbersäule gestarrt, ob sie nicht

noch weiter falle. Noch einen halben Grad tiefer und die Einnahme des

ganzen Jahres war verloren. Thatsächlich sind an vielen Stellen bei

Mentone im letzten Winter die Citronen, nicht die Bäume, wohl aber die

Früchte erfroren. Es geschah das besonders am Ausgang der Thäler, wo der

Schutz gegen Norden unvollkommen ist. Dort sollten Citronen überhaupt

nicht gebaut werden; doch die Leute vergessen die Vorsicht, wenn viele

aufeinander folgende Winter mild gewesen sind. Für gewöhnlich berühren ja

die kalten Nordwinde die Küste nicht, sie erreichen erst in einigen

Kilometern Entfernung das Meer, und ist es eine häufige Erscheinung, daß

das Meer dort stürmisch ist, während volle Windstille an der Küste

herrscht. – Die Orangen haben bei Mentone auch in diesem Winter nicht

gelitten. Diese Frucht kann bei bedecktem Himmel -4° C. aushalten, und die

Kälte muß längere Zeit -6° C. betragen, damit der Baum getödtet werde.

Daher bei Cannes wohl Orangenbäume, nicht aber Citronenbäume zu sehen

sind, und selbst an den Orangenbäumen war bei Golfe Jouan das Laub zum

Theil erfroren. Auch der Johannisbrotbaum ist gegen niedere Temperaturen

sehr empfindlich, und zeugt somit, wenn stattlich entwickelt, für ein

mildes Klima. Schöner und üppiger kann man ihn aber an der Riviera nicht

sehen, als auf der Strecke, die von Villefranche bis San Remo reicht.

An schönen, sonnenklaren Tagen pflegt an der Riviera gegen acht Uhr

Morgens die Seebrise sich zu erheben. Dann wird es meist kühler als zuvor.

Nach Anbruch der Nacht fällt dann die Luft von den Bergen ab, der Landwind

stellt sich ein. Zwischen den Zeiten der beiden Winde herrscht oft völlige

Ruhe. Die italienischen Fischer bezeichnen sie als »_bonaccia_«, weil sie

die wenigste Gefahr in sich birgt. – Auffällig ist es dem Fremden, wenn

gegen das Frühjahr der sonst so heiße Scirocco an der Riviera von Schnee

begleitet ist. Es geschieht das freilich selten, kann aber erfolgen, wenn

auf den hohen corsicanischen Bergen sich große Schneemassen anhäuften.

Auf der ganzen Strecke von Villefranche bis San Remo sieht man fast keine

laubwerfenden Bäume. Daher man hier weit weniger an den Winter gemahnt

wird, als weiter im Süden, ja selbst in Neapel. Dort dominirt der

Feigenbaum und der Weinstock, so daß der Posilip uns einmal im März fast

kahler erschien, als das Rheinthal, das wir kurz zuvor verlassen hatten.

Die Nächte waren jetzt vom Mondschein erhellt, und die Berge glänzten in

magischer Beleuchtung: Ein mächtiges Amphitheater, dessen scharf gezähnte

Gipfel sich wie feine Spitzenarbeit vom Himmel abhoben, in welchem tief

unten die Lichter von Mentone funkelten.

Dieser Vollmond sollte uns Ostern bringen. Wir gingen des Abends an den

Strand, um ihn zu erwarten. Es war ganz dunkel auf den Felsen am Meere,

einsam und still. Flach ausgebreitet lag vor uns die weite See und schien

fast zu schlafen. Oben breitete sich das Himmelsgewölbe aus, fast schwarz,

doch besäet mit ungezählten Sternen, die sich mit silbernen Streifen auch

im Meere spiegelten. Es schien, als sei die Natur gespannt auf ein

Ereigniß, das da kommen sollte: so still und feierlich war es rings umher.

Kein Grashalm erzitterte. Die Kiefern streckten aber ihre Kronen vor nach

der See, als wollten sie weit über die Fluthen hinaus in die Ferne

lauschen. Die würzigen Düfte der Maquis senkten sich langsam zur See

hinab, wohl um ihr duftigen Weihrauch zu streuen. Vielleicht war aber nur

unsere Seele von Erwartung voll, und wir trugen diese Empfindung hinaus in

die weite Welt. – Plötzlich tauchte ein rother Streifen im Osten über dem

Wasser empor. Er nahm an Breite zu und bald warf er den ersten leuchtenden

Strahl über die schwarze Fluth: es war, als wolle er sie liebkosen. Die

Fluth erzitterte unter diesem Strahl und legte sich in sanfte Wellen, wohl

um ihn einzuwiegen. Der Mond tauchte ganz aus dem Meere hervor, mit

geröthetem Antlitz, wie verschlafen. Quer gedehnt, mit geschwollener Backe

sah er fast lächerlich aus. Doch rasch rundete sich sein Antlitz ab, nahm

leuchtende Silberfarbe an und schüttete Licht in Fülle über die

Meereswellen aus. Und während er höher stieg, erblaßten die Sterne. Nur

die Größten vermochten ihm noch ins Antlitz zu schauen, die anderen

verloren sich in den Tiefen des Himmelsgewölbes. Am Strand, wo sich die

Wellen an den Felsen brachen, da funkelte und blitzte es von unendlichen

Lichtern, als hätten alle die Sterne, die am Himmel schwanden, sich hier

gestürzt in die Tiefe. Ein breiter silberner Fluß zog sich vom Strande bis

an die äußersten Schranken des Meeres. Stellenweise war er von glatten

Streifen unterbrochen, die wie Opal ihre Farbe wechselten. Vorübergehend

tauchten düstere Barken in das Mondlicht ein, wie dunkle Silhouetten auf

Silbergrund. Der Mond stieg immer höher über die Fluthen und setzte in

weitem Bogen seinen Siegeszug am Himmelsgewölbe fort. Bald begann sein

Licht auch in die tiefsten Spalten des Strandes einzudringen und die

zerrissenen Felsen traumhaft zu beleuchten. Da sah es denn aus, als wären

die schaumgekrönten Wellen eines erregten Meeres versteinert stehen

geblieben, oder man meinte in einen zerklüfteten Gletscher der Alpen zu

blicken; dort zauberten schmale Felsengrotten der Phantasie einen

arabischen Friedhof vor, dort endlich eine Schar von Pilgern, die im

weißen Gewande von den waldigen Höhen gegen das Meer zu wanderten. In

allen Buchten sprüht es aber Funken, die Lichter schwimmen an der

Oberfläche oder sie sinken unter; bald verschmelzen sie mit einander, bald

trennen sie sich wieder, in endlosem Spiel.

In den Ostertagen rückte ein Nordsturm heran. Mit ungewohnter Gewalt

stürzte er sich auf die Felsenriesen, die Mentone schützen und suchte

ihren Widerstand zu brechen. Da entspann sich ein gewaltiger Kampf

zwischen diesen Titanen und den entfesselten Elementen: es heulte und

zischte in den Lüften. Wir sahen den rauhen Winter über unseren Köpfen

schweben, während wir uns noch im milden Frühling befanden. Der Norden

warf seinen kalten Schnee den Felsenriesen gegen das Haupt. Sie schienen

zeitweise zu weichen. Ein kalter Luftstrom ergoß sich über das Cap. Die

aleppischen Kiefern schüttelten bedenklich ihre Häupter, die Wellen des

Meeres flohen wie entsetzt mit schäumender Mähne von dem Lande. Bis in die

Nacht hinein zitterte und bebte das Cap. Dann wurde es still, bald

leuchteten die Sterne und am nächsten Morgen standen sie wieder da im

goldigen Sonnenschein, die Riesen über Mentone, zwar mit Schnee noch

bedeckt, doch siegesbewußt, stolz ihre Felsenhäupter zum Himmel erhebend.

Dieser Sonnenschein sollte leider nicht dauern; das Gleichgewicht in den

Lüften war gestört. Bald zog der Ostwind heran, und das Wetter verdarb

sich. Das erleichterte uns die Trennung von der Riviera. Dicke

Regentropfen fielen vom Himmel und tränkten die durstige Erde. Wir aber

konnten von hier in dem süßen Wahne scheiden, es weine uns dieser Himmel,

den wir so liebgewonnen, einige Thränen zum Abschied nach.

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INHALTSÜBERSICHT.

*Vorwort **VII*

*Frühjahr 1891 **1*

Bordighera 2

Monte Nero 3

Sasso 5

Oelbäume 6

Frühlingsblumen 11

Weinstock 11

Palmen 15

Gorbio 23

Pont St. Louis 26

Garten von La Mortola 30

Weg nach Mentone 69

Charakterpflanzen der italienischen Landschaft 70

Reiz- und Genußmittel aus dem Pflanzenreich 72

Route de la Corniche 83

Nizza 85

Cap d’Antibes 85

Maquis 89

Garten Close 99

Seesturm am Cap 99

Blumencultur an der Riviera 101

Sonnenuntergang am Cap 105

*Frühjahr 1894 **107*

Hyères 107

Maurengebirge 114

Korkeichen 115

St. Tropez 121

La Gaillarde 126

St. Aigulf 127

Fréjus 127

St. Raphaël 129

Esterel-Gebirge 132

Malinfernet 141

Abend in St. Aigulf, Le Trayas 144

Cap Roux 148

Pic d’Aurelle 154

Klarheit des Seewassers 157

Grasse 158

Ursprung der Parfüme 159

Gewinnung der Parfüme 162

Wirkungen ätherischer Oele 176

Geschichte der Parfüme 177

*Frühjahr 1895 **187*

Cannes 187

La Californie 188

La Maure 191

Lerinische Inseln 193

Geschichte von Cannes 203

Ausflug nach Antibes 207

Wirkungen des Lichtes 208

Klarheit der Luft 209

Cap Martin 211

ANMERKUNGEN DER KORREKTURLESER

Von den Korrekturlesern des _Project Gutenberg_ wurden mehrere Änderungen

am Originaltext vorgenommen. Es folgen paarweise Textzeilen im Original

und in der vorliegenden geänderten Fassung.

Blättern in gleicher Weise von Lichtstahlen getroffen.

Blättern in gleicher Weise von Lichtstrahlen getroffen.

mit Bambusfasern Matratzen gegefüllt und Möbel gepolstert.

mit Bambusfasern Matratzen gefüllt und Möbel gepolstert.

ganz wie die Scheinbeeren unsers Wachholders verwandt.

ganz wie die Scheinbeeren unseres Wachholders verwandt.

Die Geige, ein Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne

Die Geige, eine Guarneri, der einst Paganini dämonische Töne

Streifzüge an der Riviera · 第 18 / 18 段